INHALT

 

Energie-Umwandlungsanlage: Aus Windstrom lässt sich vielfältig einsetzbares Methan-Gas herstellen
Deutschland und Frankreich stärken Forschungszusammenarbeit
Deutsche Archäologen gründen einen Dachverband und schaffen ein Sprachrohr gegenüber Politik und Öffentlichkeit
Ein wichtiger französischer Vorstoss: Künstliches Blut
Flüchtige Chemikalien aus Farben und Möbeln verändern Lungenzellen schon in geringer Konzentration
Osteoporoserisiko bei Rheumakranken
Multiple Sklerose ist eine Krankheit des Immunsystems
Dramatischer Anstieg der jährlichen Krebserkrankungen
Der wahre Grund für mehr Kinder: Die Verlässlichkeit der Ehe
Ungenutzte Möglichkeiten - Pilze könnten künftig viel öfter gegen gefährliche Chemikalien eingesetzt werden
Klassische Familie: Mehr Kinder, mehr Sinn, mehr Teilzeitarbeit
Die Franzosen vermehren sich schneller als die Deutschen
Ist Fleisch von geklonten Tieren essbar?
Ehec: die verpasste Bio-Wende
Rapsöl lässt Züge umweltfreundlich fahren
Das wunder Probiotika
Umwelt und Wachstum
Wie sieht das weltweite Potential an Biomasse aus?
DLR-Chef Prof. Johann-Dietrich Wörner zum Ende der Shuttle-Ära
Kometensonde Rosetta sendet einzigartige Bilder vom Asteroiden Lutetia
Biotechnologie in der Region Nord-Pas de Calais : Erster Partnering-Kongress in Lille
Angst vor Jobverlust beeinflusst das Wohlbefinden viel stärker als bisher angenommen
Flüchtige Chemikalien aus Farben und Möbeln verändern Lungenzellen schon in geringer Konzentration
Molekulares Farming oder Pharming
Die Steinzeit steckt uns in den Knochen. Gesundheit als Erbe der Evolution
Falsche Vorstellungen von der Volkskrankheit Diabetes
Der Mensch "fliegt" zum Mond
Michael J. Neufeld. Wernher von Braun Visionär des Weltraums - Ingenieur des Krieges
Marsmond Phobos: Aufnahmen der Südhalbkugel in hoher Auflösung
Neuer Exoplanet im Blick
520 Tage auf einem simulierten Flug zum Mars
Der Medizin-Nobelpreis für Luc Montagnier
Die Wasserspinne und ihre Taucherglocke

 

 

 

 

▪ Energie-Umwandlungsanlage:

 

Aus Windstrom lässt sich vielfältig einsetzbares Methan-Gas herstellen

 

Mit einem zweistelligen Millionen-Betrag finanziert der Ingolstädter Autohersteller Audi den Bau der weltweit ersten Energie-Umwandlungsanlage im Industrie-Maßstab im ostfriesischen Werlte. Sie soll bereits 2013 in Betrieb gehen.  Zusätzlich baut das Biotech-Unternehmen Solar Fuel GmbH eine zweite, größere Pilotanlage in Stuttgart.

 

Beim Tag der Offenen Tür der Biogas-Anlage Werlte wurde am 20.8.2011 im Emsland nahe der holländischen Grenze der Öffentlichkeit die aus mehreren Fabrikgebäuden bestehende neue Energie-Umwandlungsanlage im Modell der Öffentlichkeit vorgestellt. Mit den eigentlichen Bauarbeiten soll erst im kommenden Jahr begonnen werden, teilte das ebenfalls an dem Projekt beteiligte Energieversorgungs-Unternehmen EWE, Oldenburg, mit. Der zukünftige Standpunkt unmittelbar neben der Biogas-Anlage von EWE ist nicht zufällig gewählt. Für das neue Energie-Umwandlungsverfahren, an dessen Ausarbeitung Ingenieure des Fraunhofer-Instituts IWES (Institut für Windenergie und Energie-Systemtechnik), Kassel, des  ZSW (Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung), Stuttgart, sowie des Biotech-Unternehmens Solar Fuel GmbH, Stuttgart, beteiligt waren, wird eine CO2-Quelle benötigt. Die Federführung für den Bau der Energieumwandlungs-Anlage in Werlte liegt bei der Solar Fuel GmbH, Stuttgart. Das junge Biotech-Unternehmen zog erst vor zwei Jahren von Salzburg/Österreich in die schwäbische Landeshauptstadt. Ihre Vertreter stellten den Besuchern das bereits patentierte Energie-Umwandlungsverfahren vor. Es besteht

 

1. aus einem Elektrolyse-Verfahren und

2. der Methanisierung von Wasserstoff.

 

Im ersten Schritt wird Windstrom, derzeit die relativ preiswerteste, erneuerbare Energie, zur Aufspaltung von Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff genutzt. Den aus der Elektrolyse erhaltenen, energiereichen Wasserstoff plant Audi vorerst nur für die Umwandlung in Methan zu verwenden. Später soll er auch für die Brennstoffzellen-Autos der Ingolstädter zur Verfügung stehen. Für den 2. Energie-Umwandlungsschritt, das sog. Methanisierungsverfahren des Wasserstoffs, das der französische Chemiker und Katalyse-Experte Paul Sabatier bereits 1902 entdeckte, werden große Mengen CO2 benötigt. Mit CO2 und mithilfe der Katalysatoren reagiert der Wasserstoff zu ziemlich reinem Methangas sowie Wasser.   

 

Nutzbringendes Umwandlungsverfahren

 

Seit dem Jahr 2009 funktioniert die erste Pilotanlage bei Solar Fuel GmbH, Stuttgart. Sie stellt pro Stunde 1 m3 synthetisches Erdgas aus 25 kW Strom her. Untergebracht ist sie in einem handelsüblichen Container mit den Abmessungen 2,60 m x 2,50 m x 6,09 m auf dem Stuttgarter Fabrikgelände. Nun soll an gleicher Stelle ein doppelt so großer Container mit 250 kW-Umformleistung, d.h. der 10fachen Kapazität, bis zum kommenden Jahr errichtet werden. Mit der neuen, größeren Pilot-Anlage wollen die Ingenieure von IWES Kassel,  ZSW Stuttgart sowie vom Anlage- Bauer Solar Fuel weitere praktische Kenntnisse zum bereits patentierten Verfahren erwerben. Zum Vergleich: In seiner weltweit einzigartigen Energie-Umwandlungsanlage will Autohersteller Audi in Ostfriesland bereits ab dem 3. Quartal 2013 aus 6,3 MW Windstrom genügend Methangas für den Fahrbetrieb von 15.000 Erdgas-Audis (CNG) produzieren. Eine echte Alternative als  Antriebsenergie im Straßenverkehr stellt das aus Windstrom hergestellt Methangas jedoch keineswegs dar, denn im Gesamtjahr 2011 werden in Deutschland voraussichtlich über 3,1 Mio. Fahrzeuge neu zugelassen sein, was einer Zunahme von über 20 % entspricht. Rund 4,5 Mio. Fahrzeuge werden in den Export gehen, wozu der neue Absatzmarkt China erheblich beiträgt.

Der durch Elektrolyse von Wasser erhaltene Wasserstoff wird in Methan umgewandelt. Für das Methanisierungsverfahren, das der französische Chemiker Paul Sabatier 1902 entdeckte, werden große Mengen CO2 benötigt. Mit diesem reagiert der Wasserstoff zu ziemlich reinem Methangas sowie Wasser.   

 

Ökologisch und ökonomisch: Längere Energie-Speicherung in Form von e-Gas

 

Auf einem Fabrikhof in Stuttgart steht noch die erste Pilotanlage, in der ein Ingenieur untergebracht ist. Er sitzt im Nebenraum, überwacht die Produktion und trägt die Messdaten aus der laufenden Produktion in ein Buch ein. Pro Stunde produziert ununterbrochen seit zwei Jahren die kleine Demo-Anlage aus 25 kW Strom 1 m3 Synthese-Gas. Dieses besitzt eine hohe chemische Qualität, da sein Methan-Anteil bei 80 % - 99 % liegt, wie die Fraunhofer-Ingenieure berichten. Mittels eines einfachen Steckers wird der Wechselstrom aus einer Steckdose entnommen. Das erhaltene e-Gas wird entweder in einen Erdgas-Passat oder einen Erdgas-Audi (CNG) eingefüllt. Auf diese Weise kann die gleichbleibende Qualität des e-Gases (e=erneuerbares Gas) fortlaufend kontrolliert werden.

Das Energieumwandlungs-Verfahren ist auch in der chemischen Industrie gut bekannt. Es benötigt vor allem eine genügend große CO2-Quelle in der Nähe, damit rationell gearbeitet werden kann. In Werlte übernimmt die Biogas-Anlage diese Funktion. Völliges Neuland sind jedoch die ökologisch-ökonomischen Komponenten: Sie machen Sinn, behaupten die Fraunhofer-Wissenschaftler, obwohl rund 40 % der ursprünglichen Energie, d.h. des Windstroms,  beim Umwandlungsverfahren verloren gehen. Allerdings geht die Windenergie, vor allem die Überschuss-Energie, die Windräder bei starkem Wind produzieren, bisher komplett verloren. Dies auch deshalb, weil die deutschen Stromnetze bei Volllast nicht genügend Strom aufnehmen können. Um diesen nicht unbedeutenden Strom-Verlusten gegenzusteuern, konzipierten die Ingenieure von Fraunhofer-IWES, ZSW-Stuttgart sowie Solar Fuel GmbH dieses Umwandlungsverfahren. Es kann, unterstreichen sie, die stark schwankenden Leistungen aus Windkraft oder auch von Solarzellen bei der Erzeugung elektrischer Energie regulieren und deren Wirtschaftlichkeit verbessern. Gegenwärtig müssen z.B. in Mecklenburg-Vorpommern Windräder stillgelegt werden, wenn der Wind zu stark weht. Oder die Überschuss-Energie wird – kostenfrei! – vorübergehend in die Netze benachbarter Staaten wie Tschechien oder Polen eingeleitet. Kann jedoch die Strom-Überschuss-Produktion kurzfristig und flexibel durch solche Energie-Umwandlungsanlagen aufgefangen werden, dann können 60 % der ansonsten verloren gehenden Windkraft-Mengen als Zugewinn verbucht werden.  

Es gibt auch andere Lösungsansätze für Überschuss-Strommengen. In der Schweiz sollen wie in Norwegen in höheren Lagen Pumpspeicher-Kraftwerke entstehen. Mithilfe der überschüssigen Strommengen aus Wind- oder Sonnenenergie soll dort das Wasser eines Sees in einen höher gelegenen, evtl. neu anzulegenden Stausee gepumpt und bei geringer Stromproduktion wieder zu Tal geschickt werden, wobei jetzt das Gefälle zur Stromerzeugung durch Turbinen genutzt wird. Dieses Prinzip wird in Norwegen bereits genutzt, tauchte wiederholt auch als Wunschgedanke bei den „Grünen“ in Deutschland auf. In der Praxis stellen diese erst noch zu bauenden Stauseen in Mittel- oder Hochgebirgen jedoch einen ziemlich großen Umweg dar, zu dem sich weitere Energieverluste durch Neubauten sowie eine geringe Akzeptanz in der Bevölkerung gesellen. Überdies gefriert im Winter in höher gelegenen Stauseen oft das Wasser.  Im Süd-Schwarzwald entstanden bereits erste Bürgerinitiativen, die sich gegen den Bau solcher Pumpspeicher-Kraftwerke wenden.

 

Audi profiliert sich als umweltbewusstes Unternehmen

 

Die Methanisierung des aus der Elektrolyse gewonnenen Wasserstoffs kann – und dies ist ihr primärer volkswirtschaftlicher Nutzen - dazu dienen, die öffentliche Energie-Speicherung zu verbessern: Der nicht-speicherbare Windstrom wird rasch in Methangas umgewandelt. Das dieserart erhaltene e-Gas (erneuerbare Gas) kann problemlos in die vorhandene Erdgas-Infrastruktur eingespeist und dort über Monate hinweg ohne Verluste vorgehalten werden. Da dieses Methangas nicht „schleicht“, besteht nach Mitteilung der Fraunhofer-Ingenieure keine Gefahr, dass es in die Atmosphäre entweicht. Dies wäre allerdings sehr nachteilig, denn Methangas gilt als Klimakiller Nr. 1.

Nach ihrer Umwandlung in e-Gas könnten die preiswert mit Windrädern produzierten Überschuss-Strommengen alternativ auch  als Heizenergie für Erdgas-Heizungen im Eigenheim oder für den Betrieb von Erdgas-Omnibussen genutzt werden. Bei Bedarf wäre es z.B. einem privaten Betreiber auch möglich, erläutern die Fraunhofer-Ingenieure, dieses e-Gas wieder einer Biogas-Anlage zuzuführen, um daraus wieder Strom zu produzieren. Dieser Strom kann gegen Entgelt bei niedrigerer Stromproduktion wieder ins Stromnetz eingespeist werden. Hier liegt die letzte Entscheidung beim Betreiber einer solchen Energie-Umwandlungsanlage. Er wird sicher in Abhängigkeit von der Steuerpolitik der Regierung die ökonomisch beste Entscheidung treffen.

Die Strommengen für die Anlage in Werlte bezieht Audi aus der Steckdose. Aus dieser kommt derzeit ein Strommix aus verschiedenen Quellen wie KKWs, Kohle- und Gas-Kraftwerken etc. Um den Anteil von Windstrom zu erhöhen und damit die e-Gas-Produktion aus Windenergie rundum perfekt ist, beteiligen sich die Ingolstädter an der Errichtung von vier Offshore-Windkraft-Anlagen mit jeweils 3,6 MW Leistung in einem Windpark nördlich von Borkum. Exakt 6,3 MW Strom werden in Werlte aus dem Netz entnommen und zu 3.900 m3 speicherbarem Methangas umgewandelt. Dies entspricht einem Jahresverbrauch von 15.000 Erdgas-Audis.

Politisch kommt diese Konstruktion den „Grünen“ entgegen, die immer mehr Investoren für ihre Windkraft-Anlagen in der Nordsee suchen und dabei vor blindem Aktionismus nicht zurückschrecken. Bei der Audi-Konzernmutter VW in Wolfsburg, die bisher keine Windräder in der Nordsee bauen lässt, demonstrierte Greenpeace kürzlich wohl auch aus diesem Grund gegen die Geschäftspolitik des nach eigener Aussage größten Automobil-Konzerns Europas. Der sichert seine Rendite aber vorläufig noch über den Verkauf von mehr Autos und nicht über Einspeisevergütungen für erneuerbaren Windstrom. 

 

                                                                                                                            Richard E. Schneider, Wissenschaftsjournalist/Tübingen

 

 

▪ Deutschland und Frankreich stärken Forschungszusammenarbeit

Bundesministerin Schavan und Minister Wauquiez verabreden gemeinsame Leuchtturmprojekte in der Gesundheitsforschung und der Biotechnologie / Schavan: "Eine neue Qualität der Zusammenarbeit

 

Bundesforschungsministerin Annette Schavan und ihr französischer Amtskollege Laurent Wauquiez haben eine gemeinsame Initiative für Gesundheitsforschung und Biotechnologie beschlossen. Das gaben beide Minister heute auf dem 4. Forum zur Deutsch-Französischen Forschungskooperation in Berlin bekannt. Schavan und Wauquiez erklärten, dass die Zusammenführung der Forschungsfähigkeiten beider Länder angesichts der aktuellen ökonomischen Lage mehr denn je notwendig sei. Sie kündigten die Schaffung einer gemeinsamen Expertengruppe an, die eine Roadmap zur Umsetzung der Zusammenarbeit mit Leuchtturmprojekten in der Gesundheitsforschung und Biotechnologie erarbeiten wird.

 

"Nie war die deutsch-französische Forschungspartnerschaft so wertvoll wie heute. Wir verleihen ihr nun mit Leuchtturmprojekten eine neue Qualität und Sichtbarkeit, sagte Schavan. Wauquiez bekräftigte, dass Deutschland der wichtigste Partner für Frankreich in der Forschung sei. Durch die Zusammenarbeit Deutschlands und Frankreichs werde die Entwicklung des Europäischen Forschungsraums entscheidend vorangetrieben, so beide Minister. Deutschlands und Frankreichs Investitionen für Forschung und Entwicklung machen zusammen die Hälfte der Investitionen der Staaten der Europäischen Union aus.

 

Die Leuchtturmprojekte in der Gesundheitsforschung werden sich mit repräsentativen Bevölkerungskohorten und mit Lungenerkrankungen befassen. Im zweiten Schwerpunkt geht es um Pflanzenbiotechnologie und industrielle Biotechnologie für die Bioökonomie.
Im Rahmen des Forums haben Forschungsorganisationen beider Länder außerdem vier Vereinbarungen geschlossen. Das "Institut national de la santé et de la recherche médicale wird mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum eine gemeinsame Krebsforschungsgruppe in Lyon und mit dem Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin eine Forschungsgruppe für Immunologie in Marseille einrichten. Die Fraunhofer-Gesellschaft hat mit dem "Institut national de recherche en informatique et en automatique eine Vereinbarung unterzeichnet zur gemeinsamen Entwicklung von bild- und modellbasierten Computerprogrammen.

 

Die Beobachtung der Auswirkungen des Globalen Wandels im Mittelmeerraum ist der Zweck des französischen Forschungsprogramms Mistrals-Sicmed und des deutschen Programms Tereno-Med, die künftig eng kooperieren werden. Dazu schlossen das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung und das Forschungszentrum Jülich eine Vereinbarung mit dem "Institut de recherche pour l'ingénierie de l'agriculture et de l'environnement (Cemagref), dem "Centre national de la recherche scientifique (CNRS), dem "Institut national de la recherche agronomique (INRA) und dem "Institut de recherche pour le développement(IRD).

 

Das Forum zeigt, ausgehend von den nationalen Forschungsstrategien und der 2010 verabschiedeten "Deutsch-Französischen Agenda 2020, Wege zu einem nachhaltigen Wachstum in Europa. Mit Hilfe von Forschung und Innovation soll eine wettbewerbsfähigere, emissionsarme Wirtschaft entstehen, die Ressourcen effizient und nachhaltig einsetzt.

 

Vertreter aus Wissenschaft und Wirtschaft haben in zwölf Arbeitsgruppen Vorschläge für die weitere Bearbeitung gemeinsamer Interessengebiete erarbeitet. Dazu gehören Energie und Klima, nicht-energetische Rohstoffe, Bioökonomie, Gesundheit und zivile Sicherheit sowie die Schaffung einer einheitlichen Datenbasis der beiderseitigen universitären Forschungspotentiale. In der anwendungsorientierten Forschung und Entwicklung an den Fraunhofer- und Carnot-Instituten ist eine Intensivierung der Zusammenarbeit durch den Aufbau gemeinsamer virtueller Arbeitsgruppen vorgesehen.

 

Die beiden Minister bekräftigten ihren Willen, sich künftig in strategischen Fragen im nationalen wie auch im europäischen Rahmen noch enger miteinander abzustimmen. Mit der langjährigen Zusammenarbeit sei ein Klima wechselseitigen Vertrauens gewachsen. Ein gutes Beispiel für die Angleichung der Strukturen beider Forschungslandschaften sind die gemeinsamen Ausschreibungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und der "Agence Nationale de la Recherche (ANR).
Berlin, 2011-10-13

 

Bundesministerium für Bildung und Forschung, Pressereferat, Hannoversche Straße 28-30, 10115Berlin; Tel. Telefon: 030)18 57-5050, Fax (030)18 57-5551, mail : presse@bmbf.bund.de, http://www.bmbf.de

 

 

 

▪ Deutsche Archäologen gründen einen Dachverband und schaffen ein Sprachrohr gegenüber Politik und Öffentlichkeit

 

Im Rahmen des 7. Deutschen Archäologie-Kongresses fand am 4. Oktober 2011 in Bremen die Gründungsversammlung des "Deutschen Verbandes für Archäologie" (DVA) statt. Nachdem Versuche einer verbandsmäßigen Vereinigung der deutschen Archäologie zu Beginn des 20. Jahrhunderts und erneut nach der deutschen Wiedervereinigung Anfang der 1990er Jahre jeweils gescheitert waren, entstand mit dem neuen Dachverband nun erstmals in der Geschichte der deutschen Archäologie eine Interessenvertretung für die gesamte vereins- und verbandsmäßig organisierte Archäologie, Altertumsforschung und fachverwandte Wissenschaften in der Bundesrepublik Deutschland. Mit seinen über 3.000 Mitgliedern wird der DVA ein wichtiges Sprachrohr für die Archäologie und fachverwandte Wissenschaften sein. Er wird sich in Belangen der Bewahrung des kulturellen Erbes, der archäologischen Museen, der Bodendenkmalpflege, der Universitäten und anderer  Forschungseinrichtungen auf dem Gebiet der Archäologie engagieren und deren Anliegen und Interessen gegenüber der Politik und der Öffentlichkeit vertreten.

 

Auf der Gründungsversammlung traten dem DVA folgende Einzelverbände und Gesellschaften bei: Nordwestdeutscher Verband für Altertumsforschung e.V., West- und Süddeutscher Verband für Altertumsforschung e.V., Mittel- und Ostdeutscher Verband für Altertumsforschung e.V., Deutsche Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte e.V., Deutscher Archäologen- Verband e.V., Verband der Landesarchäologen in der Bundesrepublik Deutschland e.V., Deutsche Orient-Gesellschaft e.V., Deutsche Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit e.V., Dachverband Archäologischer Studierendenvertretungen e.V., Gesellschaft für Naturwissenschaftliche Archäologie - Archäometrie sowie Archäologische Kommission für Niedersachsen e.V.


Zum Präsident des "Deutschen Verbandes für Archäologie" wurde der Prähistoriker Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann Parzinger gewählt. Parzinger war nach seiner Hochschulassistenz und Habilitation im Fach Vor- und Frühgeschichte an der LMU München zunächst Zweiter Direktor der Römisch- Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Frankfurt a. M. (1990-94), anschließend Gründungsdirektor der Eurasien-Abteilung des DAI (1995-2003) und zuletzt Präsident des Instituts (2003-2008); seit 2008 ist er Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Er gehört zweifellos zu den renommiertesten Archäologen in Deutschland; 1998 erhielt Parzinger als bisher einziger Vertreter seines Faches den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft und vor wenigen Monaten wurde er in den Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste aufgenommen. Er ist Mitglied zahlreicher Akademien in Deutschland, Russland, China, Großbritannien und den USA. Seine Ausgrabungstätigkeit reicht von Spanien über die Türkei und Iran bis Zentralasien, Sibirien und die Mongolei.

Parzinger bezeichnete in seiner Dankesrede die Gründung des neuen Dachverbandes als "historischen Moment". Weiter stellte er fest: "Die Archäologie hat sich zu einer ungemein dynamischen und transdisziplinär arbeitenden Wissenschaft entwickelt, die äußerst erfolgreich Forschungsmittel einwirbt und durch ihre aktuellen Themen zum Erhalt und zur Erforschung der Bodendenkmäler weltweit großen öffentlichen Zuspruch findet. Es war deshalb höchste Zeit, ein Dach für die Archäologie in Deutschland zu schaffen, unter dem alle Verbände, Gesellschaften und Institutionen mit ihren unterschiedlichen Traditionen, Aufgaben und Zielen zusammengeführt und ihre Interessen gebündelt werden."

In den Vorstand des "Deutschen Verbandes für Archäologie" wurden neben Parzinger vier Vizepräsidenten gewählt: Prof. Dr. Friedrike Fless, Präsidentin des Deutschen Archäologischen Instituts, Prof. Dr. Ute Halle, Landesarchäologin der Hansestadt Bremen, Prof. Dr. Jürgen Kunow, Vorsitzender des Verbands der Landesarchäologen in der Bundesrepublik Deutschland sowie Prof. Dr. Alfried Wieczorek, Generaldirektor der Reiss- Engelhorn-Museen Mannheim. Zum Geschäftsführer wurde Prof. Dr. Matthias Wemhoff bestimmt, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, wo sich auch die Geschäftsstelle des neuen Dachverbandes befinden wird.


Stiftung Preußischer Kulturbesitz Presse- und Öffentlichkeitsarbeit : Dr. Stefanie Heinlein,  Tel.: 030 - 266 41 1440 Fax:  030 - 266 41 2821 E-mail:heinlein@hv.spk-berlin.de

 

 

 

▪ Ein wichtiger französischer Vorstoss: Künstliches Blut

Die wissenschaftliche Zeitschrift "Blood" hat im September 2011 de Ergebnisse einer französischen Forschungsarbeit, die ein entscheidender Schritt zur Herstellung von roten Blutkörperchen sein wird. Bisher war man dabei gescheitert. Natürlich gelang es als Laborexperiment und muss sich noch als "industrielle" Anwendung machbar erweisen. Unser Körper beinhaltet ca. 5 bis 6 Liter Blut und stellt täglich 150 000 Milliarden roter Blutkörperchen her. Daran kann man ermessen, was medizinisch gebraucht werden kann.In Frankreich ertragen ca. 25 000 Menschen, die viele Blutübertragungen in ihrem Leben bekommen haben, keine fremde Blutzufuhr mehr. Es sind nur 1 bis 3 Prozent der Blutpatienten, aber, ihre Zahl ist, wie gerade gesagt, gross. In Deutschland und in anderen Staaten wird es kaum anders sein. Die neue Methode könnte für sie die Lösung bringen. Das Team vom Professor Luc Douay von der medizinischen Fakultät des Saint-Antoine-Krankenhauses in Paris hat einige Milliliter menschlicher roter Blutkörperchen mit Stammezellen eines Spenders "produziert". Diese konnten sich wiederum in einem günstigen Milieu vermehren. Eine kleine Menge von 2 Milliliter konnte einem Menschen übertragen werden, der sie gut vertragen hat. Sein Blut war kompatibel. Diese neuen Technik würde auch der Rückgang der Zahl der Blutspender ausgleichen helfen. Eine immense Herausforderung für die Wissenschaft.

 

 

 

▪ Flüchtige Chemikalien aus Farben und Möbeln verändern Lungenzellen schon in geringer Konzentration

von Jörg Aberger/Tilo Arnhold

 

Leipzig. Aus Farben und Möbeln ausgasende Chemikalien können schon in relativ geringer Konzentration Lungenzellen angreifen. Das haben Forscher des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) nachgewiesen. "Auch bei Konzentrationen unterhalb akut-toxischer Werte zeigen sich deutliche Veränderungen in den Zellen", berichtet Privatdozent Dr. Martin von Bergen, Leiter des UFZ-Departments für Proteomik. Ihre in Versuchen mit menschlichen Lungenepithelzellen gewonnenen Erkenntnisse haben die UFZ-Forscher jetzt im renommierten "Journal of Proteome Research" veröffentlicht.

Bei ihren Versuchen setzten die Forscher um von Bergen die Zellen über 24 Stunden Luft aus, in der die Lösungsmittel Chlorbenzol und Dichlorbenzol in geringer Konzentration enthalten waren. Bei den anschließenden Untersuchungen zeigten sich an den Zellen deutliche Veränderungen. "Die Chemikalien haben oxidativen Stress in den Zellen ausgelöst", erklärt von Bergen. Erkennbar sei das daran gewesen, dass die Zellen in zunehmender Menge Proteine produziert hätten, die dazu geeignet sind, ein schädliches Überangebot von reaktiven Sauerstoffverbindungen zu bekämpfen. Ebenfalls beobachtet wurde, dass geschädigte Zellen den sogenannten programmierten Zelltod starben. Mit dem programmierten Zelltod wird dafür gesorgt, dass für den Fortbestand eines Organismus' hinderliche Zellen gezielt entfernt werden.

Auf die Spur dieser Verbindungen kamen die Wissenschaftler durch die Ergebnisse aus epidemiologischen Studien, wie LARS und LISA, in denen der Einfluss von Innenraumschadstoffen auf das Risiko von Kindern an Allergien oder Entzündungen der Atemwege zu erkranken untersucht wird. Dr. Lehmann, Leiterin des Departments Umweltimmunologie: "In den vorangegangenen Studien haben wir gefunden, dass das unreife Immunsystem von Neugeborenen und Kleinkindern durch den Kontakt mit Umweltschadstoffen, wie z.B. flüchtigen organischen Verbindungen, prägend beeinflusst werden kann. Außerdem lösen diese Chemikalien bei Kindern Entzündungen der Atemwege aus. Mit den Studien an Zellkulturen von Lungenzellen lernen wir nun, wie diese Stoffe wirken können."

Wie Dr. von Bergen weiter berichtet, müssen die durch die Zellversuche gewonnen Erkenntnisse nun in größeren Zusammenhängen überprüft werden. "Am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung besteht mit der engen Verknüpfung von mechanistischen Studien und Kohortenstudien die einmalige Chance, Hinweise aus den jeweilig anderen Studien kreuzweise zu überprüfen. Es muss zum Beispiel weiter untersucht werden, wie sich die Veränderungen der Zellen auf das Immunsystem des Gesamtorganismus auswirken", sagt er. "Grundsätzlich hat die Frage nach der Belastung in Innenräumen an Bedeutung gewonnen, da wir immer mehr Zeit in diesen zubringen. Um den steigenden Anforderungen der Energieeffizienz zu genügen, wird ein Minimum an Luftaustausch gefordert, was wiederum in einer generellen Forderung nach einem Minimum an Emissionen von flüchtigen Chemikalien münden sollte, da unsere Studien zeigen, dass die behandelten Zellen eine eindeutig stressbedingte Reaktion zeigten - auch wenn mit den bisher üblichen Tests keine Toxizität gezeigt werden konnte".

Bis zu einer belastbaren Abschätzung der Wirkung einzelner Substanzen ist es sicherlich noch ein weiter Weg, aber nur mit der weiteren Untersuchungen wird es letztendlich möglich sein, das Risiko für lebenslange Erkrankungen aus unseren Wohnzimmern zu vermindern.

 

                                                                                                                                                        Jörg Aberger

 

Weitere fachliche Informationen:

PD Dr. Martin von Bergen

Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ)

Department Proteomics

http://www.ufz.de/index.php?de=6693

Telefon: 0341 - 235 - 1211

 

 

 

▪ Rheumakranke haben ein erhöhtes Osteoporoserisiko  Deutsche Rheuma-Liga informiert über Vorbeugung und Frühdiagnostik

 

Rheumakranke Menschen sind in besonderer Weise gefährdet, an Osteoporose zu erkranken. Die Knochen verändern sich in Folge der rheumatischen Entzündungen. Medikamente, wie z. B. Kortisonpräparate, die oft unvermeidbar zur Behandlung von Entzündungen eingesetzt werden, können ebenfalls die Osteoporose fördern. Auch Bewegungsmangel aufgrund von Rheumaschmerzen und Gelenkzerstörungen fördert die Osteoporose. Rheumapatienten sollten daher ganz besonders auf
Osteoporoserisiko achten und diesem vorbeugen, rät die Deutsche Rheuma-Liga aus Anlass des Weltosteoporosetages am 20.11.2011.

Sportliche Bewegung, insbesondere Krafttraining zur Stärkung der Knochen, sind hilfreich. Vorbeugung ist möglich durch kalziumreiche Ernährung. Ein Glas Milch, ein Joghurt und zwei Scheiben Käse am Tag reichen hierzu meist schon aus. Spaziergänge im Freien (UV-Strahlung) sowie die Einnahme von Vitamin D3-Tabletten mit  2000 IE (Internationale Einheit) pro Tag vermindern das Risiko der Knochenbrüchigkeit. Bei Rheumatoider Arthritis und anderen entzündlichen Rheumaerkrankungen ist  eine gut eingestellte Medikamententherapie notwendig, um die Entzündungsaktivität im Griff zu halten. Grundsätzlich sollte bei diesen Krankheitsbildern zu Beginn der Behandlung eine Knochendichtemessung erfolgen, fordert die Deutsche Rheuma-Liga. Aufgrund der ersten Messungen könne ein Ausgangswert festgestellt und eine möglicherweise bis dahin unbekannte Osteoporose erkannt und therapiert werden.

Unerträgliche Schmerzen, Bettlägerigkeit und Operationen sind die zu recht gefürchteten Folgen der Osteoporose. Die Knochenbrüchigkeit selbst verursacht in der Regel keine Beschwerden. Deshalb bleibt die Osteoporose oft lange Zeit unerkannt. Weitere Informationen zu Rheuma und Osteoporose gibt es im Internet:
http://www.rheuma-liga.de/osteoporose. Die Verbände der Rheuma-Liga halten zudem ein Poster mit Bewegungsübungen, Kurzinformationen und eine umfangreiche  Broschüre bereit mit dem Titel "Erst Rheuma – dann Osteoporose?". (Okt.-Nov. 2011)

 

Bestelladresse:   Deutsche Rheuma-Liga Bundesverband e.V., Maximilianstr. 14, 53111 Bonn, Fax: 0228-7660620, E-Mail: bv@rheuma-liga.de, Info-Tel: 01804-600 000 (20 Cent pro Anruf aus dem deutschen Festnetz, bei Mobiltelefon max. 42 Cent). Kontakt in Bonn: Susanne Walia, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, Tel. 0228 - 766 06-11; mobil 0151-17882753, Fax 0228 - 766 06-20, E-Mail: bv.walia@rheuma-liga.de

 

 

 

▪ Multiple Sklerose ist eine Krankheit des Immunsystems

 

Neurologen vom Klinikum rechts der Isar der TU München haben zusammen mit Forschern aus 15 Ländern neue genetische Varianten identifiziert, die mit der Krankheit Multiple Sklerose (MS) assoziiert sind. Viele der Gene gehören zum Immunsystem, dassomit entscheidend ist in der Entwicklung der Krankheit. Die Studie wurde heute in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht, die Studienleitung lag bei den Universitäten Cambridge und Oxford.

 

Multiple Sklerose ist eine der häufigsten Erkrankungen des Nervensystems bei jungen Erwachsenen – in Deutschland sind derzeit mehr als 120.000 Menschen betroffen. Bei der Erkrankung wird die schützende Hülle (Myelinschicht) geschädigt, mit der die Nervenfasern im Gehirn und im Rückenmark ummantelt sind, sodass Erregungssignale nicht mehr weitergeleitet werden. Ebenso werden die Nervenfasern selbst geschädigt. Je nachdem welche Bereiche des Nervensystems angegriffen werden, sind die Folgen unter anderen Gehbehinderungen, Taubheitsempfindungen oder Sehstörungen. Die heute veröffentlichten Ergebnisse zeigen die grundlegende Rolle des Immunsystems bei der Zerstörung der Nervenzellen und helfen zu verstehen, wie genau der Immunangriff auf Gehirn und Rückenmark aussieht.

 

Im Rahmen der Studie untersuchten die Wissenschaftler die Erbsubstanz von 9.772 Personen mit MS und von 17.376 gesunden Kontrollpersonen. Das internationale Forscherteam konnte 23 bereits bekannte genetische Assoziationen bestätigen sowie 29 weitere neue genetische Varianten identifizieren, die mit der Entstehung von Multipler Sklerose zusammenhängen. Viele dieser Gene spielen eine grundlegende Rolle bei der Arbeit des Immunsystems: Sie sind besonders für die Funktion bestimmter Immunzellen, den so genannten T-Zellen, und die Aktivierung bestimmter Botenstoffe, der Interleukine wichtig. T-Zellen sind eine Untergruppe der weißen Blutkörperchen: Sie sind verantwortlich für die Vermittlung einer Immunantwort gegen körperfremde Substanzen, spielen aber auch bei Autoimmunerkrankungen eine Rolle. So ist ein Drittel der neu identifizierten Gene an den Autoimmunerkrankungen Morbus Crohn oder Typ 1 Diabetes beteiligt. Dies könnte bedeuten, dass in verschiedenen Autoimmunerkrankungen die gleichen grundlegenden Mechanismen ablaufen, so die Forscher.

 

Darüber hinaus hatten frühere Studien einen Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Mangel und einem erhöhten MS-Risiko nahegelegt. Neben den zahlreichen identifizierten Genen, die einedirekte Rolle im Immunsystem spielen, konnten die Forscher auch zwei Gene ausmachen, die in den Vitamin-D-Stoffwechsel involviert sind. Dies wäre eine mögliche Verbindung zwischen genetischen und umweltbedingten Risikofaktoren der Multiplen Sklerose.

 

Prof. Bernhard Hemmer, der die Münchener Forschungsgruppe leitete, erklärt: „Nur die große Zahl an MS-Patienten – 1.000 haben wir allein in München untersucht und in die Studie eingebracht – hat es möglich gemacht, so detaillierte Einblicke in die Genetik der MS zu gewinnen. Durch die Ergebnisse dieser Studie erhalten wir wichtige Hinweise, welche Immunmechanismen und Moleküle für die Entstehung der MS von Relevanz sind. Dies ist somit auch ein wichtiger Schritt für die Entwicklung neuer Therapien, auch wenn es noch ein weiter Weg sein mag, bis wir MS vielleicht einmal heilen können.“

 

An der Studie beteiligten sich mehr als 250 Wissenschaftler in 23 Forschergruppen aus 15 Ländern, die im „International Multiple Sclerosis Genetics Consortium“ unter der Leitung von Prof. Alastair Compston, Universität Cambridge, und im „Wellcome Trust Case Control Consortium“ unter der Leitung von Prof. Peter Donnelly, Universität Oxford, zusammengeschlossen sind. Prof. Bernhard Hemmer ist Mitglied im Krankheitsbezogenen Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS), das die Studie im Rahmen seiner Förderung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt hat. Weiterhin wurde die Studie durch den britischen „Wellcome Trust“ und der deutsche Anteil durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert.

 

Kontakt:

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Hemmer
Direktor der Neurologischen Klinik und Poliklinik
Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität
München
Tel.
089 4140 4601
E-Mail: neurologie@lrz.tu-muenchen.de
Homepage:
http://www.neurokopfzentrum.med.tum.de/neurologie/index.html

 

Veröffentlichung:

„Genetic risk and a primary role for cell-mediated immune mechanisms in multiple sclerosis“, Autoren:

International Multiple Sclerosis Genetics Consortium (IMSGC) und Wellcome Trust Case Control Consortium 2 (WTCCC2), Nature, Vol. 467, S. 214-219

 

 

 

▪ Dramatischer Anstieg der jährlichen Krebserkrankungen

 

Nach Zahlen des Robert-Koch-Institutes hat sich die Gesamtzahl der jährlichen Krebserkrankungen seit 1990 um fast 30 % gesteigert, auf nunmehr rund 450.000 Menschen, meldete die Sächsische Krebsgesellschaft auf ihrem 7. Kongress  in Chemnitz.

Diese alarmierende Problematik wurde unter epidemiologischen, gesundheitspolitischen und medizinischen Gesichtspunkten auf dem nunmehr 7. Krebskongress der Sächsischen Krebsgesellschaft vom 17. - 18. Juni 2011 beleuchtet. Nach sechs erfolgreichen Veranstaltungen stand in diesem Jahr der Krebskongress in Chemnitz unter der Schirmherrschaft der Staatsministerin für Soziales und Verbraucherschutz, Frau Clauß.

Die Veranstaltung sprach ganz bewusst  am ersten Tag (17. Juni) die Belange von Patienten und Betroffenen mit aktuellen Themen rund um die Krebserkrankung an. Die Vortragsreihe wurde nicht nur von den Mitgliedern des Vorstandes der Sächsischen Krebsgesellschaft, sondern auch von der Oberbürgermeisterin der Stadt Chemnitz, Frau Ludwig, eröffnet. Nach Vorträgen zu den wichtigen Themen wie "Krebs und Alter", Krebs und Ernährung", "Krebs und die Gene" und "Protonentherapie" wurden Selbsthilfegruppen ausführlich informieren.

Am zweiten Kongresstag (18. Juni), dem Fachkongress für Ärzte und beruflich Pflegende, wurde Herr Dr. Koch als Vertreter des Sächsischen Staatsministeriums das Grußwort der Ministerin Clauß überbringen. Der Fachkongress für Ärzte bot eine Fülle hochkarätiger und aktueller Vorträge:  er bietet ein breites Themenspektrum von Gesundheitspolitischen Aspekten, Tumorerkenntnisse, onkologischer Diagnostik bis hin zu neuen Aspekten adjuvanter und supportiver Tumortherapien.

Parallel wurde ein spezielles Fachprogramm für medizinisches Pflege- und Betreuungspersonal drei hochaktuelle Fortbildungsblöcke zur Palliativmedizin und zum pflegerischen Umgang mit spezifischen Tumorerkrankungen fachlich fundiert informieren. Drei Fortbildungsblöcke beinhalteten Vorträge u.a. über Palliativmedizin, Hospizarbeit und pflegende Angehörige als "die vergessene Mehrheit", als auch Vorträge zu  gynäkologischen und urologischen Tumoren. Für den Pflegekongresstag vergibt die Registrierungsstelle beruflich Pflegender GmbH in Potsdam 10 Punkte.

Der Kongress wurde von einer Posterausstellung der sächsischen Tumorzentren und einer vielfältigen Ausstellung der Pharmaindustrie in den Foyers rund um die Tagungssäle begleitet.

Die Sächsische Krebsgesellschaft e.V. ist eine wissenschaftliche Fachgesellschaft mit einer stark  ausgeprägten gesundheitspolitischen Zielsetzung. Sie strebt zur Erfüllung ihrer Aufgaben eine enge Zusammenarbeit mit allen Behörden, Körperschaften, Organisationen und Einzelpersonen an, die gleiche oder ähnliche Ziele verfolgen und fördert alle Bestrebungen zur Bekämpfung der Krebskrankheiten.

Kontakt: Rolf Rossbach,  Charlottenstrasse 65, 10117 Berlin http://www.rrc

congress.de und http://www.skk2011.de.

 

 

 

▪ Der wahre Grund für mehr Kinder: Die Verlässlichkeit der Ehe   

 

Die Abkehr von der Ehe scheint unaufhaltsam: Die Deutschen heiraten immer weniger und immer später. War die Heirat noch bis in die 1970er Jahre „Pflicht", ist sie heute eine Option unter vielen: Zusammenleben mit oder ohne Trauschein, in einer gemeinsamen Wohnung oder in einer „bilokalen Partnerbeziehung" oder „Single-Dasein" - alle Partnerschaftsformen sind gleichermaßen akzeptiert (1). Zwar heiratet noch immer eine Mehrheit der Erwachsenen, fast 40% der Ehen landen aber früher oder später vor dem Scheidungsrichter. Als Folge des Scheidungsbooms und mehr noch der durch die sinkenden Heiratszahlen dokumentierten Ehemüdigkeit ist die lebenslange Ehe längst nicht mehr der Regelfall.

Diese Realität wahrzunehmen fällt schwer: Scheidungen - so argumentieren manche - bedeuteten das Scheitern einer konkreten Partnerschaft, aber keine generelle Absage an die Ehe als Institution. Dass viele ein zweites (oder auch drittes) Mal heiraten, belege die bleibende Attraktivität der Ehe. Seit den 1970er Jahren ist aber auch der Anteil der wieder heiratenden Geschiedenen stark gesunken (2). Geschiedene bevorzugen heute oft Partnerschaften ohne „formelle Verpflichtung", weil sie „Zweifel an der Stabilität von Partnerbeziehungen hegen". Aus solchen Gründen scheuen auch viele in Scheidungsfamilien aufgewachsene junge Menschen vor der Heirat zurück. Über die Generationen schwindet so sozialer Rückhalt für die Ehe (3). An die Stelle der lebenslangen Ehe tritt mehr und mehr die „serielle Monogamie": Eine Abfolge multipler Beziehungen mit verschiedenen Lebenspartnern, in der „unbefriedigende Verbindungen" gekündigt werden, um „nach besseren Perspektiven zu suchen" (4).

Den multioptionalen Lebensstil verstehen Soziologen als Ausdruck eines neuen Partnerschaftsideals, das stärker auf Autonomie setzt (5). Die Entscheidung für Kinder befördert dieses Autonomiestreben allerdings nicht: Unverheiratete Paare sind im Vergleich zu Eheleuten mindestens drei- bis viermal so häufig kinderlos (6). Die Entscheidung über die Geburt eines Kindes ist, wie Demographen feststellen, immer noch stark an das „traditionelle ehebasierte Familienmodell geknüpft". Sie versuchen diese Situation damit zu erklären, dass in Deutschland immer noch „Eheförderung über monetäre Transfers betrieben wird". Diese Politik benachteilige, „diejenigen, die die Ehe als Lebensform nicht akzeptieren", die eben „dadurch weniger Kinder" hätten" (7).

Tatsächlich spielt die Ehe für den Anspruch auf öffentliche Leistungen in Deutschland gar keine Rolle: Leistungen wie das Kinder-, das Wohn- oder das Elterngeld werden unabhängig vom Familienstand ausbezahlt (8). Welche Diskriminierung soll unverheiratete Frauen von der Entscheidung für Kinder abschrecken? Plausibler ist es, nach Gründen in den Einstellungen der Menschen zu suchen. Aufschlussreich sind in dieser Hinsicht die Antworten 25-40-jähriger Frauen auf die Frage, ob und wie viele Kinder sie planen: Singles wünschen sich durchschnittlich 1,4 Kinder. Nur geringfügig höher ist der Kinderwunsch von Frauen in einer bilokalen Partnerbeziehung (1,5) und selbst Frauen in einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft wollen im Schnitt nur 1,6 Kinder. In einer Ehe lebende Frauen wünschen sich dagegen mindestens zwei Kinder (9). Entscheidend für den Kinderwunsch ist weniger das Vorhandensein eines Partners als die Art der Beziehung: Frauen in einer bilokalen Partnerbeziehung wollen genauso oft wie Single-Frauen kinderlos bleiben (27%), dasselbe gilt für rund ein Fünftel der kohabitierenden, aber nur für ein Zwanzigstel der verheirateten Frauen. Verheiratete wünschen sich in mehr als neun von zehn Fällen Kinder - das gilt für Frauen wie für Männer (10). Basis des Kinderwunsches von Ehepaaren ist eine gewisse Verlässlichkeit: Trotz des gestiegenen Scheidungsrisikos sind Ehen noch immer stabiler als Partnerschaften ohne „formelle Verpflichtung", die nicht selten schon nach wenigen Monaten wieder zerbrechen. Diese Flüchtigkeit und Unverbindlichkeit erschwert Unverheirateten die Entscheidung für Kinder (11). Diese Zusammenhänge darzustellen könnte unpopulär sein, einfacher ist es da, weiter die Legende von der „Diskriminierung" „alternativer" Lebensformen zu verkünden. Wissenschaftliche Nüchternheit und Redlichkeit bleiben dabei auf der Strecke. 

                                                                                i-daf – juin 2011 - mail@i-daf.org

 

(1) Zum Lebensformenwandel und dem Bedeutungsverlust der Ehe seit etwa 1970: Siehe: Stefan Fuchs: Vertreibung aus dem Rest-Paradies? Heirat und Ehe in den Medien 1968 und 2010, http://www.erziehungstrends.de/Heirat/Ehe/Medien. (2) Vgl.: Jürgen Dorbritz: Die Berechnung zusammengefasster Wiederverheiratungsziffern Geschiedener - Probleme, Berechnungsverfahren und Ergebnisse, S. 253-262, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft Heft 3/1998, S. 260-261. (3) Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/291-0-Wochen-11-12-2010.html. (4) Siehe: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Familie zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit. Perspektiven für eine lebenslaufbezogene Familienpolitik - Siebter Familienbericht, Bundestagsdrucksache 16/1360, Berlin 2006, S. 126. (5) Beispielhaft für diese Sichtweise: Jahel Mielke: „Allein wohnen heißt nicht allein sein", Interview mit Norbert Schneider, in: DER TAGESSPIEGEL vom 25.4.2010, http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/allein-wohnen-heisst-nicht-allein-zu-sein/1807966.html. (6) Vgl.: Jürgen Dorbritz: Dimensionen der Kinderlosigkeit in Deutschland, S. 2-6; Bevölkerungsforschung Aktuell 03/2011, S. 2.  (7) Siehe ebd., S. 3. (8) Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/243-0-Woche-45-2009.html. (9) Vgl. Abbildung unten: „Kinderwunsch - abhängig von der Lebensform". (10) Dies ergeben zumindest Auswertungen des „Gender and Generations Survey 2005. Vgl.: Jürgen Dorbritz: Bilokale Paarbeziehungen - die Bedeutung und Vielfalt einer Lebensform, S. 31-56, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, 34. Jahrgang, 1-2/2009, S. 49. Dorbritz kommt dem Schluss: „Die bilokale Partnerbeziehung ist definitiv nicht die Lebensform, die Basis für die Entstehung von Kinderwünschen und deren Erfüllung ist" (Siehe ebd., S. 50). (11) Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/247-0-Woche-46-2009.html sowie Abbildung unten: „Partnerschaftsanzahl und Kinderlosigkeit".

 

 

 

▪ Ungenutzte Möglichkeiten - Pilze könnten künftig viel öfter gegen gefährliche Chemikalien eingesetzt werden

 

Leipzig. Ökosystemdienstleistungen, wie sie Pilze bieten, könnten in Zukunft viel häufiger als bisher in der Umwelttechnologie genutzt werden. Das riesige Potenzial werde bisher kaum genutzt, schreiben Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) in der Märzausgabe des Fachblatts Nature Reviews Microbiology. Um die erstaunlichen Fähigkeiten von Pilzen für den Umweltschutz einzusetzen, sei es jedoch notwendig, deren Ökologie zu respektieren und sie nicht wie anspruchlose Katalysatoren zu behandeln. Obwohl Pilze den Großteil der lebenden Biomasse im Boden stellen und auch in Gewässern reichlich vorhanden sind, werden sie für die biologische Altlastensanierung bisher kaum genutzt.

Dabei bieten biologische Sanierungstechnologien viele Vorteile gegenüber energieintensiven und technisch aufwändigen physikalischen oder chemischen Verfahren. Zwar dauert die Sanierung länger, sie ist aber wesentlich kostengünstiger und auch nachhaltiger. Deshalb gibt es einen Trend zu passiven Sanierungsverfahren bei kontaminierten Böden, bei denen bisher vorwiegend Bakterien zum Einsatz kommen und die als „monitored natural attenuation" (kontrollierter natürlicher Abbau) bezeichnet werden. Auch wenn sie länger dauern als ex-situ-Verfahren, so sind sie dennoch energieeffizienter und führen am Ende zu ökologisch intakten und damit funktionierenden Ökosystemen im Boden. In dem Überblicksartikel konnten die Leipziger Forscher nun zeigen, dass neben Bakterien auch Pilze eine wichtige Rolle für solche Sanierungstechnologien spielen können. „Ein wichtiges Argument, Pilze zukünftig bei passiven Verfahren einzusetzen, ist neben ihren geringen Kosten auch die zunehmende Akzeptanz von risikobasierten Sanierungsstandards. Diese Standards sind in den USA und in Großbritannien bereits Teil der Gesetzgebung", erklärt Prof. Hauke Harms vom UFZ. „Es gibt also wichtige finanzielle, ökologische und juristische Gründe, das Leben der Pilze besser zu verstehen, um sie in Umwelttechnologien einsetzen zu können."

Aus Sicht der Forscher könnten Pilze zentraler Bestandteil von neuen Biotechnologien sein, die helfen, verschmutzten Boden, Wasser oder Luft zu reinigen. Bisher waren die Erfolge jedoch bescheiden, weil die Ökologie der Pilze zu wenig beachtet und sie oft nur als Ersatz für Bakterien eingesetzt wurden, ohne ihre wirklichen Stärken wie die umfangreichen Abbaukapazitäten oder ihre natürliche Anpassung an bestimmte Lebensräume zu nutzen. Die meisten schadstoffabbauenden Pilze gehören zu den Schlauchpilzen (Ascomycota) und Basidienpilzen (Basidiomycota). Von anderen Stämmen ist bisher nur wenig dazu bekannt.

Pilze (lateinisch Fungi) bilden in der Biologie neben Tieren und Pflanzen ein eigenständiges Reich. Dazu gehören neben den bekannten Speisepilzen auch Symbionten von z. B. Pflanzen (Mykorrhiza) oder Algen (Flechten). Bisher sind weniger als 100.000 von geschätzten 1,5 Millionen Pilzarten beschrieben. Da sie eine Art Makroorganismus sind, der in mikroskopische kleine Einheiten verpackt ist, haben sie sich an die verschiedensten Umweltbedingungen bestens angepasst. Pilze bilden bis zu 75 Prozent der mikrobiellen Biomasse im Boden. Anders als Bakterien sind sie nicht auf kontinuierliche Wasserpfade angewiesen, um sich ausbreiten zu können. 2007 konnten Mikrobiologen des UFZ nachweisen, dass Pilzfäden eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Bakterien im Boden spielen. Luft und mangelnde Feuchtigkeit bilden eine Ausbreitungsbarriere. Bakterien nutzen jedoch das Pilzgeflecht, um sich wie auf einer Art Autobahnnetz durch den Boden zu bewegen.

                                                                                                                                                           Tilo Arnhold

http://www.ufz.de/index.php?de=640 ; http://idw-online.de/de/news414990 ; Publikation:
Harms, H., D. Schlosser, L. Y. Wick (2011): Untapped potential: exploiting fungi in bioremediation of hazardous chemicals. Nature Reviews Microbiology 9: 177-192. doi:10.1038/nrmicro2519
http://www.nature.com/nrmicro/journal/v9/n3/full/nrmicro2519.html

 

 


▪ Klassische Familie: Mehr Kinder, mehr Sinn, mehr Teilzeitarbeit

 

Längst sind sie ein Ritual und schaffen es dennoch regelmäßig in die Top-Nachrichten: Klagen der Wirtschaft über den Mangel „qualifizierter" Arbeitskräfte, insbesondere an Ingenieuren. Dabei sind die heutigen Rekrutierungsprobleme erst der Anfang: Als Folge des dauerhaften Geburtendefizits wird das Erwerbspersonenpotential sukzessive schrumpfen - nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts schon bis zum  Jahr 2030 um sechs Millionen  Menschen. Als Folge des Arbeitskräfterückgangs befürchtet die Wirtschaft schmalere Gewinnmargen; ihre Interessenvertreter fordern deshalb über die Stellschrauben Migration, Arbeitszeit und Frauenerwerbsbeteiligung das Arbeitskräftepotential zu vergrößern (1). Größere Einwandererzahlen und längere (Wochen- wie Lebens-) Arbeitszeiten sind „im Volk" eher unpopulär, dementsprechend stoßen sie auf politische bzw. gewerkschaftliche Widerstände. Politisch unangreifbar erscheint es dagegen, die Frauenerwerbstätigkeit zu steigern: Wirtschafts- Sozial- und Gleichstellungspolitik bilden hierfür eine Interessenkoalition, die ihre Verkaufswerbung mit wohlklingenden Slogans wie „Vereinbarkeit von Familie und Beruf" betreibt (2).

Ihre Advokaten in EU und OECD verstehen sich als Entwicklungshelfer, die das im internationalen Vergleich „rückständige" Deutschland auf den Weg des Fortschritts führen. Schon heute sind aber in Deutschland mehr Frauen erwerbstätig als in den meisten anderen Industrieländern: Die Frauenerwerbsquote erreicht in Deutschland mit über 65% ein ähnliches Niveau wie in Großbritannien oder Finnland und liegt damit deutlich über den - in der  „Vereinbarkeit" als Vorbilder geltenden - Nachbarländern Belgien und Frankreich (3). Mit der  überdurchschnittlichen Frauenerwerbsquote einher geht eine weit verbreitete Teilzeitbeschäftigung von Müttern (4). Das von der Bundesregierung immer wieder bekräftigte Ziel, Frauen als „stille Reserven" für den Arbeitsmarkt zu mobilisieren, bedeutet in der Konsequenz, dass mehr Mütter in Vollzeit arbeiten sollen.

Aber wollen die Mütter auch in Vollzeit arbeiten? Im Mikrozensus 2009 gaben in Westdeutschland 84 Prozent der teilzeitbeschäftigten Mütter an, ihren Erwerbsumfang wegen familiärer Betreuungsaufgaben zu begrenzen; nur sieben Prozent begründeten dies mit dem Fehlen einer Vollzeitstelle. Im Blick auf diese Zahlen räumt das Statistische Bundesamt ein, dass Teilzeitarbeit keine bloße „Notlösung" darstelle, sondern durchaus „auch den Wünschen von Müttern mit kleineren Kindern" entspricht (5). Tatsächlich erachten nicht wenige Mütter eine Vollzeiterwerbstätigkeit als nachteilig für ihre Familie (6). Dies gilt insbesondere für Mütter mit drei und mehr Kinder, die mehrheitlich in eher „traditionellen" Familienkonstellationen leben: Fast die Hälfte von ihnen ist nicht erwerbstätig, etwa ein Viertel in Teilzeit und ca. 15% geringfügig beschäftigt und nur etwa jede zehnte von ihnen ist in Vollzeit erwerbstätig (7). Schwerpunktmäßig widmen sie sich der familiären Fürsorgearbeit („care"), während ihre (Ehe)Partner in der Regel in Vollzeit beschäftigt sind und damit den Familienunterhalt sichern.

Dieser „Traditionalismus" ist keineswegs bloß einer mangelnden „Vereinbarkeit" geschuldet: Kinderreiche Mütter sind vielmehr überdurchschnittlich häufig mit der Betreuungssituation zufrieden (8). Das „klassische" Familienmodell befürworten sie häufiger als Frauen mit weniger Kindern, eine Haltung die sich nicht als bloße „Selbstrechtfertigung" abtun lässt: Deutlich zeigt die Forschung, dass sich kinderreiche Eltern meistens bewusst für diese Lebensform entscheiden, die damit verbundenen „Opportunitätskosten" schätzen sie durchaus realistisch ein. Konsum und berufliche Karriere haben für sie aber eine geringere, Kinder als Lebenssinn dagegen eine höhere Wertigkeit als für ihre stärker individualistisch gesinnten Mitbürger (9). Eben die „Individualisten", und gewiss nicht die „Familienmenschen" sind für den Nachwuchsschwund verantwortlich. Nachdrücklich bestätigt dies der Mikrozensus: Im „traditionellen" Familienmodell lebende Frauen bekommen in Westdeutschland auch heute noch mehr als zwei Kinder; gerade einmal bei 1,0 liegt dagegen die durchschnittliche Kinderzahl beiderseitig in Vollzeit erwerbstätiger Paare (10). Das demographisch-politische Paradox ist offensichtlich: Die postmoderne Arbeitsmarktpolitik versucht den „Teufel" Arbeitskräfteschwund mit dem „Beelzebub" des Kampfes gegen die „traditionelle" Familie auszutreiben. 

 

(1) Als Reaktion auf diese Situation erarbeitet die Bundesregierung derzeit ein „Konzept Fachkräftesicherung": http://www.abendblatt.de/politik/deutschland/article1886722/Mit-Muettern-und-Aelteren-gegen-Fachkraeftemangel.html. (2) Treffend hierzu: Ilona Ostner: Sozialwissenschaftliche Expertise und Politik. Das Beispiel des Siebten Familienberichts, S. 385-390, in: Zeitschrift für Soziologie, Jahrgang 36, Heft 5, Oktober 2007, S. 385-386. (3) Siehe Abbildung unten: „Frauenerwerbstätigkeit in den OECD-Staaten". (4) Vgl.: OECD: Doing better for families, Paris 2011, S. 34. (5) Stefan P. Rübenach/Matthias Keller: Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Ergebnisse des Mikrozensus 2009, S. 329-348, in: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Wirtschaft und Statistik, April 2011, 335. (6) Die Skepsis gegenüber einer Vollzeiterwerbstätigkeit von Müttern ist dabei keine Besonderheit deutscher Eltern, sondern in ganz Europa anzutreffen. Vgl.: Angelika Scheuer/Jörg Dittmann: Berufstätigkeit von Müttern bleibt kontrovers - Einstellungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Europa, in: Informationsdienst Soziale Indikatoren, Ausgabe 38 - Juli 2007, S. 1-5. Siehe hierzu auch: http://www.i-daf.org/177-0-Woche-23-2009.html. (7) Vgl.: Barbara Keddi/Claudia Zerle/Andreas Lange/Waltraud Cornelißen (2010): Der Alltag von Mehrkinderfamilien - Ressourcen und Bedarfe. Forschungsbericht München 2010, S. 23. (8) Hierzu Barbara Keddi et al: Familien mit mehreren Kindern sind gleichzeitig überdurchschnittlich zufrieden mit der öffentlichen Kinderbetreuung: Ausstattung, Anzahl der Krippenplätze und Kindergartenplätzen, Öffnungszeiten, Kosten. Die insgesamt gesehen überproportional gute Benotung der Kinderbetreuungsmöglichkeiten steht sehr wahrscheinlich in Zusammenhang damit, dass die Mütter aus großen Familien weniger engagiert im Beruf sind und häufiger längere Berufspausen einplanen. Angesichts traditionaler Familienmodelle ist ihr Bedarf wohl geringer und wird durch die klassischen Angebote institutioneller Kinderbetreuung eher abgedeckt." Ebenda, S. 57-58. (9) Hierzu Barbara Keddi et al: „Personen, die später viele Kinder haben, unterscheiden sich schon früh bezogen auf ihre Einstellungen zu Kindern, Beruf, Konsum und Freizeit von denjenigen, die kinderlos bleiben oder ein oder zwei Kinder bekommen: [...] Diese Unterschiede in der Gewichtung und Reihung von Lebenszielen zwischen den Eltern großer und kleiner Familien bleiben über die Zeit stabil. Für die Eltern in Mehrkinderfamilien besitzen schon früh auch Wohlstand und Konsum eine geringere Bedeutung als für andere Paare. Dieser „mentale Habitus" dürfte es ihnen erleichtern, zugunsten von Kindern auf Einkommen und Lebensstandard zu verzichten." Ebenda, S. 77. Zur realistischen bzw. eher pessimistischen Einschätzung der mit Kindern verbundenen Belastungen vgl. ebenda, S. 79-80.(10)  Siehe Abbildung unten „Fertilität nach Erwerbskonstellation von Paaren".

 

 

 

▪ Die Franzosen vermehren sich schneller als die Deutschen

 

Die französischen Geburtenzahlen sind ein Grund zur Freude. Das Land westlich der Rheins zählt heute 65 Millionen Einwohner. 2010 wurden 358.888 Kinder mehr als 2009 geboren. Die Zahl der Geburten übersteigt bei weitem diejenige der Sterbefälle (545 000 2010, deutlich weniger als 2009). Die Französinnen bekommen jeweils 2,1 Kinder( gegen 1,3 in Deutschland), die meisten von ihnen in einem Alter über 30 Jahre. Man kann nicht sagen, dass die frisch zugewanderten Frauen aus dem Maghreb und aus Schwarzafrika die alleinige Ursache dieser Franzosenvermehrung sind, wenn sie auch dazu nach Kräften beitragen, denn von der beinah Million Geburten im Jahr sind nur knapp über Hunderttausend auf diese Frauengruppe zurückzuführen. Die Lebenserwartung steigt auch: auf 78,1 Jahre für die Männer, auf 84,8 Jahre für die Frauen. Die Mehrheit der Geburten heute, 54,8 Prozent  geschehen außerhalb der Ehe (man zählt drei „Pacs“ (das sind die eheähnlichen Gemeinschaften) für vier Ehen, 13 Prozent mehr „Pacs“ 2010 als 2009. Die Franzosen stellen also jetzt 13 Prozent der 501 Millionen Europäer dar, Tendenz steigend. Da die Lebenserwartung rasant steigt (4 Monate mehr 2010) ist schon jeder sechste Franzose über 65 Jahre alt, also 16,8 Prozent der Bevölkerung haben dieses Alter überschritten (in Deutschland sind es allerdings 20,7 Prozent). Das Durchschnittalter der Bevölkerung beträgt 38,9 Jahre bei den Männern und 41,9 Jahre bei den Frauen. Das ist die Mitte des Lebens für diejenigen, die heutzutage die Renten finanzieren müssen. Gar nicht so einfach: François Mitterrand hatte den größten Fehler seiner Amtszeit als Staatspräsident begangen, als er das gesetzliche Rentenalter von 65 auf 60 Jahre zurückstellte. Mit großer Mühe und gegen gewaltige Streiks und Demonstrationen der Linksparteien und Gewerkschaften hat es Sarkozy auf 62 angehoben. Es wird nicht ausreichen.

 

 

 

▪ Ist Fleisch von geklonten Tieren essbar?

Der ehemalige Geschäftsführer von Greenpeace und heutige Geschäftsführer von „foodwatch“, Thilo Bode, warnt vor dem Verzehr von geklonten Tieren, die jetzt offensichtliche auf unseren Tellern landen. Ganz abgesehen von seinen Angriffen auf die Minister Aigner und Brüderle, die beide nicht zu seiner politischen Richtung passen, muss man seine Warnung ernst nehmen. Ist der Verzehr von Fleisch genetisch manipulierter Tiere für den Menschen harmlos? Das kann niemand heute mit Sicherheit nachweisen. Diese Auseinandersetzung erinnert an den Kampf der Naturschützer gegen die genetische veränderte Pflanzen. Um den Hunger auf der Welt zu bekämpfen, sind sie jedenfalls nützlich. Sind sie schädlich. Es ist ebenso wenig nachzuweisen. (Eurbag)

Wieder ein Schlag ins Gesicht der Verbraucher: Fleisch und Milch von Nachfahren geklonter Tiere können auch künftig ohne Kennzeichnung in Europas Supermärkten verkauft werden. Dies ist das Ergebnis der jüngsten EU-Verhandlungen, das wir nicht zuletzt der deutschen Verbraucher-"ministerin Ilse Aigner und ihrem Kollegen aus dem Wirtschaftsressort Rainer Brüderle verdanken.
Als im Juli 1996 das Klon-Schaf "Dolly" das Licht der Welt erblickte, haben das die wenigsten Menschen als "Durchbruch der Wissenschaft" empfunden. Den meisten jagte die Vorstellung eines genetischen Doppels eher Schauer über den Rücken. Das ist nur zu verständlich, denn das walisische Bergschaf war das erste aus einer Körperzelle eines Organismus geklonte Säugetier. Es hatte keinen Vater und war die genetische Dublette seiner "Mutter".
Das Klonen von Lebewesen ist für die meisten Menschen nicht nur einfach unnatürlich, sondern sie finden es gruselig. Viele haben ethische Bedenken. Sie fragen sich, was das wohl für eine Welt ist, in der Geschöpfe wie aus Frankensteins Labor geschaffen werden. Damit wollen die wenigsten etwas zu tun haben, geschweige denn wollen sie so ein Geschöpf essen.
Seit Dolly sind einige Jahre ins Land gegangen und mittlerweile existieren Hunderte Nachkommen von geklonten Tieren. In der EU ist das Klonen von Tieren zur Lebensmittelerzeugung bis zum Jahr 2015 zwar einerseits nicht erlaubt. Aber was die meisten nicht wissen: auch wenn diese Tiere hier nicht erzeugt werden, so sind doch deren Nachkommen und Produkte auf dem Markt und wir verzehren sie bereits seit Längerem, ohne dass jemand uns Verbraucher gefragt hätte!
Diese Ungeheuerlichkeit geht aus einem internen Papier der EU-Kommission hervor. Die EU vertritt die Auffassung, dass man entsprechende Produkte auch in Zukunft nicht kennzeichnen oder auf Risiken überprüfen könne, da die Tiere in den Export-Ländern wie den USA nicht erfasst würden. Dabei wären Kontrollen beim Import von Zuchtmaterial durchaus möglich. Die dafür notwendigen Systeme zur Erfassung geklonter Tiere und ihrer Nachkommen sind technisch realisierbar.
Warum fordert die EU dann also nicht solche Nachweise und macht ihre Importe davon abhängig, erwägt also ein Importverbot? Die Antwort ist so einfach wie erschütternd: Die EU befürchtet wirtschaftliche Nachteile, die ein Importverbot für geklonte Tiere bzw. deren Erzeugnisse nach sich zöge. In dem internen Kommissions-Dokument werden minutiös die Folgen für die EU-Agrarexportbilanz aufgeführt. Zwei Zahlen sind dabei entscheidend: Einmal der Milch-Exportüberschuss im Wert von 5,5 Milliarden Euro pro Jahr und der Schweinefleisch-Exportüberschuss im Wert von 3,9 Milliarden Euro pro Jahr. Es geht also um einen mit Hilfe unserer Steuergelder finanzierten Exportüberschuss im Wert von 9,4 Milliarden, den die EU dringend loswerden möchte. Ein Handelsstreit mit den USA ist da nicht gerade willkommen.
Die Verbraucher sind also gleich zweimal die Dummen: Erst müssen wir mit unseren Steuergeldern Überschüsse finanzieren, die niemand braucht und dann müssen wir ungewollt Klonprodukte essen, damit uns das Ausland diese Überschüsse abnimmt!
Foodwatch wehrt sich mit aller Kraft dagegen. Denn wie eine offizielle Eurobarometer-Umfrage zeigt, lehnt eine deutliche Mehrheit der Verbraucher das Klonen aus ethischen Gründen ab und möchte nicht mit Klontieren oder Produkten oder Nachkommen dieser Tiere zwangsernährt werden. Unsere Protestaktion gegen ungekennzeichnete Klonprodukte ist so erfolgreich wie kaum eine zuvor: Über 18.000 Menschen haben sich innerhalb von nur zwei Wochen daran beteiligt.
foodwatch fordert deshalb:
Klonfleisch darf den Verbrauchern nicht untergejubelt werden. Die Menschen haben das Recht, Fleisch oder Milch von Nachkommen geklonter Tieren abzulehnen. Daher gilt: Es muss eine klare Kennzeichnung geben – wo Klonfleisch drin ist, muss auch Klonfleisch drauf stehen.
Unterstützen Sie uns in unserem Kampf gegen die Zwangsernährung mit Produkten von Klontieren. Wir geben nicht auf und lassen uns von dem EU-Beschluss nicht abschrecken. Wir fordern die Kennzeichnung von Klonprodukten. Doch dazu brauchen wir Ihre Hilfe. Wir möchten, dass die europäische Politik das Thema wieder auf die Tagesordnung setzt und ein Einfuhrverbot ungekennzeichneter Klonprodukte vereinbart. Helfen Sie dabei mit und werden Sie Förderer/Förderin von foodwatch: In Kampagnen wie dieser steckt eine Menge Arbeit, Marktanalysen, Informationsmaterial, juristische Gutachten, politische Lobbyarbeit und Aktionen. All das will bezahlt werden. Helfen Sie uns dabei!
Liebe foodwatch–Interessierte, wir wissen: die Politik reagiert nur auf Druck. Mit unserer Kampagne können wir den Finger in die Wunde legen. Aber dafür brauchen wir Ihre Unterstützung.

                                                                                                                                                           Thilo Bode, Geschäftsführer

 

 

 

▪ Ehec: Das Bakterium der Schande oder die verpasste Bio-Wende

 

Im Jahre 2011 nach Christi Geburt wurde der Wahnsinn um das Ehec-O104H4-Bakterium immer teurer. Experten aus den 27 EU-Mitgliedstaaten kamen am 14. Juni dieses schrecklichen Jahres in Brüssel zusammen, um über Entschädigungen für Gemüsebauern zu sprechen. 150 Millionen Euro sollten es zunächst sein, dann wollte die EU-Kommission schon 210 Millionen Euro auszahlen. Der einzige Verlierer war  damit der Kunde. Für ihn gab es offenbar kein Entrinnen: Er musste die Gurken und Tomaten, die er wochenlang verschmähte, nun  trotzdem zahlen - in seiner Funktion als Steuerzahler. Ohne sie zu verzehren. So werden wahrscheinlich die Historiker der Zukunft über diese neue Krankheitspsychose nach dem Rinderwahnsinn und der Vogelgrippe berichten. 

Fazit: Die spanischen Gurken wurden zu Müll. Ganz abgesehen von den Hunderten von Patienten, die leider Opfer der Seuche waren und leiden mussten, und vielleicht sogar schlimme Folgen in den Nieren und im Hirn tragen werden, und abgesehen von den 39 Todesopfern (Ende Juni), hat das Bakterium zwei weitere Opfer auf seinem Konto: die Bio-Landwirtschaft und die Gemüseproduzenten in Spanien und generell in der EU. Da die Quelle des Übels ein Produkt einer Bio-Farm sein soll, wird es klar, dass Bio-Produkte nicht so gut wie ihr Ruf sind. Erstens sind sie teuer. Zweitens sind doch Tierexkremente nicht das allerbeste Düngemittel… Pfui!

Die Spanier waren doch nicht schmutzig!

Drittens müsste man hinzufügen, sind die Spanier doch nicht so schmutzig, wie es sich die Deutschen vorstellten. Die südspanischen Gemüsebauern wurden von Berlin verdächtigt, unsauber gearbeitet zu haben. Spanische Gurken wurden für Otto-Normal-Verbraucher tabuisiert. Klar, die Seuche konnte nur aus einem Staat kommen, das seine Euro vergeudet und dem deutschen Haushalt zur Last zu fallen droht. Beinahe wäre der schleichende Tod im Salatteller aus Griechenland gekommen. Aber Spanien ist auch Anrainer des Mittelmeeres… Alles die gleiche Sippe. Aus deutscher Sicht logisch.

Es war jedoch eine Fehlanzeige, die Anklage war ungerechtfertigt. Das Nest des menschenfressenden Miniungeheuers lag mitten in Deutschland. Welche Schmach für Großdeutschland! Hinzukam dass die französischen Gesundheitsbehörden nach zwei Tagen die Quelle der Bakterie identifiziert hatten, die im nördlichsten Departement ihres Landes über zehn Kinder vergiftete. Dass die Herkunft des Fleisches und nicht diejenige des Gemüse gekennzeichnet wird, hat sicherlich die Such erleichtert. Dieser mit dem deutschen Ehec verwandte aber nicht identische Coli-Bazillus kam als Hackfleisch u. a. auch aus Deutschland in einen französischen Metzgerbetrieb, wo es zu Steaks verarbeitet wurde, und von der in Frankreich bisher sehr erfolgreichen deutschen Kette Lidl vertrieben wurde. Ohne die Hilfe der französischen Nahrungssicherheitsbehörde Anses wäre wohl die entsprechende deutsche BfR nicht fündig geworden. Es hat lange gedauert, bis die deutsche Bio-Farm identifiziert wurde. Tatsache ist allerdings, dass beide Institute eng zusammen arbeiten. Die DNA der Bakterien wird ca. zwanzig Stunden lang gezüchtet und vermehrt, dann in der Zentrifuge gedreht und aus Restteilen der DAN kann das „Tier“ identifiziert werden.  Sans l’aide de l’agence nationale de sécurité sanitaire de l’alimentation, l‘Anses,

Bio oder Nicht-Bio?

Russland hatte aufgehört, europäisches Gemüse zu importieren. Auch da sind hohe Verluste entstanden. Viele Betriebe in Spanien und in Deutschland sind wegen der falschen Fährte fast zugrunde gegangen. Einige sind vielleicht sogar ruiniert worden. Wer entschuldigt sich dafür? Nicht die deutsche Bio-Landwirtschaft! Im Gegenteil  taten die deutschen Ökologisten, eine jener Sekten, die gelegentlich das arme Deutschland überfallen, ihr Bestes, um die Bio-Nahrung aus der Diskussion herauszuhalten. Endlos wurde im öko-biologisch endlich gleichgeschalteten Deutschlandradio über Fukushima diskutiert und anschließend natürlich über den Atomausstieg, die Energiewende, die „Nachhaltigen“ und die „Erneuerbaren“, über Windmühlen und Solardächer und doch mal über „Bio“.

Aber nicht, wie Sie vielleicht glauben, über den Ehec-Erreger, der bei Bio gastierte, sondern darüber, dass Bio nicht immer Bio ist. Es gibt das Phänomen, wurde moniert, dass nicht überall, wo Bio darauf steht, Bio drin ist. Perfide Bio-Bauer und –Verkäufer stecken Aromen in die Nahrungsmittel hinein, damit sie besser schmecken, denn reines Bio schmeckt nach gar nichts. Bio muss also gesäubert werden, um naturnah zu bleiben. Und wie bitte? Die Säuberung wird natürlich von Kontrolleuren durchgeführt. Diese Biokommissare werden überall schnüffeln, wo Bio steht, um zu prüfen, ob es astrein ist. Der perfekte Bio-Staat wird angekündigt. Wer bezahlt die Kontrolleure? Wer bildet sie aus? Wer blecht für die ruinierten Bauern und Märkte?  Wir natürlich, die biologischen Steuerzahler. Wer sich widersetzt, wird wahrscheinlich für „Un-bio-logisch“ erklärt und als Steuersünder mit Haft bestraft.

 Wenn die Kontrolleure durch die Lande ziehen werden, wird es in Deutschland dicke Luft geben. Oder die Luft wird so dünn sein, so dass man wieder auswandern muss, um politischen Sauerstoff im Ausland zu finden. Jedenfalls gab es, als die Geburtsstätte des Ehec-Bakteriums festgestellt wurde, weder im Deutschlandradio noch in der ganzen linksliberalen Presse eine ernsthafte Diskussion darüber, ob die inzwischen deutlich verbesserten Chemikalien für die Landwirtschaft nicht besser als Jauche und Gülle seien. Wir übertreiben. Es gab eine Ausnahme. In der ebenfalls linksliberalen „Welt“ vom Axel-Springer-Verlag wurde ein Beitrag von Ulli Kulke identifiziert, in welchem die Frage gestellt wurde, was denn passiert wäre, wenn der Ehec-Erreger kein Produkt der unkontrollierten Bio-Bauern in Bienenbüttel, sondern ein Produkt der raffgierigen Chemiedünger gewesen wäre? Der politisch unkorrekte Redakteur meinte, eine Bio-Wende wäre eingetreten. Man hätte verordnet, alle Nicht-Bio-Landwirtschaftsbetriebe bis zum Jahre 2022 zu schließen und das Volk per Gesetzeskraft nur noch biologisch zu beköstigen.

                                                                                                                                                    Friedemann Grunz (Juni 2011)

 

 

 

▪ Rapsöl lässt Züge umweltfreundlich fahren

Motor- und Krafstoffexperten untersuchen den Einsatz von Pflanzenölkraftstoffen in Eisenbahntriebwagen und Schiffen

 

Eisenbahnzüge und Binnenschiffe sollen künftig mit heimischem Rapsölkraftstoff fahren – das ist das Ziel eines gemeinsamen Forschungsvorhabens des KIT-Instituts für Kolbenmaschinen

(IFKM) und des Technologie- und Förderzentrums (TFZ) in Straubing. Mit Rapsölkraftstoff lassen sich in diesen Anwendungsbereichen ohne Konkurrenz zur Nahrungs- undFuttermittelproduktion Treibhausgasemissionen einsparen. Die Wissenschaftler untersuchen, wie sich eine effiziente Verbrennung mit minimalem Schadstoffausstoß erreichen lässt.

 

An einem gläsernen Hochdruckprüfstand beobachten und optimieren die Forscher des Lehrstuhls von Professor Ulrich Spicher, wie sich der Rapsölkraftstoff im Brennraum in feinste Tröpfchen auflöst und mit der Verbrennungsluft vermischt. Dies ist Voraussetzung dafür, dass ein möglichst großer Teil der im Kraftstoff gespeicherten Energie in Motorleistung umgewandelt wird und der Schadstoffausstoß minimal ist. „Im kommenden Jahr werden wir die Untersuchungen an realen Motoren in Eisenbahntriebwagen und Binnenschiffen fortsetzen“, berichtet Dr. Sören Bernhardt, vom IFKM. Es handelt sich dabei um moderne Dieselmotoren, deren Einspritzsysteme speziell auf die Verwendung von Rapsölkraftstoff abgestimmt sind.

Die IFKM-Wissenschaftler arbeiten daher eng mit den Forschern des TFZ zusammen, die sich vor allem mit der Kraftstoffqualität beschäftigen. „Der Einsatz von Rapsölkraftstoff stellt eine schon heute verfügbare Möglichkeit dar, die anthropogenen, also vom Menschen verursachten, Kohlendioxid-Emissionen (CO2) zu senken“, erklärt Dr. Bernhardt. Biokraftstoffe setzen bei der Verbrennung nur in etwa so viel CO2 frei, wie die Pflanzen beim Wachstum aus der Atmosphäre aufgenommen haben. Unter zusätzlicher Berücksichtigung von Anbau, Verarbeitung und Transport spart der nach der DIN 51605 genormte Rapsölkraftstoff im Vergleich zu Dieselkraftstoff mindestens 57 Prozent der Treibhausgasemissionen ein. „Auf den landwirtschaftlichen Flächen in Deutschland lassen sich in ausgewogener Fruchtfolge genug Pflanzen anbauen, um rund zehn Prozent des gesamten Verbrauchs an fossilem Dieselkraftstoff in Deutschland zu ersetzen, ohne die Lebensmittel- und Futtermittelproduktion zu beeinträchtigen“, erklärt Dr. Edgar Remmele vom TFZ.

Dieses Potenzial ist ein Grund dafür, dass die Wissenschaftler von KIT und TFZ beim Rapsölkraftstoff ganz besonders auf Anwendungen wie Eisenbahn, Binnenschifffahrt und Landwirtschaft setzen. Zudem ist das Spektrum der Motoren, für die Anpassungsmaßnahmen entwickelt werden müssen, überschaubar und man kann sicherstellen, dass diese Motoren immer mit dem gleichen Kraftstoff betankt werden. „Dem Einsatz von reinen Biokraftstoffen in sinnvoll ausgewählten Bereichen sollte künftig mehr Beachtung geschenkt werden. Gleichzeitig gilt es, den Kraftstoffverbrauch zu reduzieren. Nur so lassen sich die Klimaschutzziele erreichen“, sagte Remmele.

Das Projekt wird von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt finanziert und von mehreren Firmen der Motoren- und Zulieferindustrie sowie potenziellen Anwendern unterstützt. Rapsanbau und Kraftstoffherstellung in Deutschland erfüllen die Anforderungen der deutschen Nachhaltigkeitsverordnung, was die Einhaltung hoher Umweltstandards garantiert. Bei der Herstellung von Rapsölkraftstoff fallen zudem als Koppelprodukt wertvolle Eiweißfuttermittel an, die importiertes Soja ersetzen können.

 

Das Zentrum Mobilitätssysteme bündelt die fahrzeugtechnischen Aktivitäten des KIT: An den methodischen und technologischen Grundlagen für die Fahrzeuge der Zukunft arbeiten derzeit knapp 40 Institute am Campus Süd und Nord des KIT mit rund 800 Mitarbeitern. Ziel ist es, energieeffiziente, emissionsarme und sichere Fahrzeuge sowie Mobilitätskonzepte zu entwickeln. Die Wissenschaftler berücksichtigen dabei das komplexe Zusammenspiel von Fahrzeug, Fahrer, Verkehr und Gesellschaft. Nähere Informationen: www.pkm.kit.edu/3072.php

 

Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts nach den Gesetzen des Landes Baden-Württemberg. Es nimmt sowohl die Mission einer Universität als auch die Mission eines nationalen Forschungszentrums in der Helmholtz-Gemeinschaft wahr. Das KIT verfolgt seine Aufgaben im Wissensdreieck Forschung – Lehre – Innovation.

 

Bild im Internet abrufbar unter: www.kit.edu - Download bereit und kann angefordert werden unter: presse@kit.edu oder +49 721 608-47414.

 Als zertifizierte Universität und Großforschungseinrichtung fördert und praktiziert das KIT die Vereinbarkeit von Beruf, Studium und Familie.

 

 

 

Das Wunder Probiotika

 

Oder doch nicht immer Wunder?

 

Lebensmittel sind keine Arzneimittel, doch Nahrungsprodukte mit Anspruch auf Gesundheitsförderung liegen im Trend. Bekanntes Beispiel sind die Probiotika. Ihre erwünschten Effekte lassen sich unter dem Motto „Stuhlflora wie beim gestillten Säugling“ zusammenfassen. Wer viel Joghurt isst, nähert sich einem gesunden Probiotika-Spiegel, so Ernährungsexperte Michael de Vrese vom Max-Rubner- Institut (MRI) in Karlsruhe auf der letzten Biotechnika in Hannover. Beobachtet wurden positive Einflüsse des Joghurts auf die Darmflora, weniger Durchfälle, weniger Verstopfungen,  auf die Stimulierung des Immunsystems sowie weniger Entzündungen des Magen-Darm-Trakts bei Erwachsenen. Bei Kleinkindern in der Klinik gelten statistisch relevante Verbesserungen von Diarrhöen nach Gabe von Probiotika als gesichert.

 

Definitionsgemäß ist ein Probiotikum ein selektiv fermentierbarer Nahrungsbestandteil. Zu den Probiotika zählen Lakto- und Bifidobazillen in verschiedenen Stämmen, vor allem bifidogene Oligo- und Polysaccharide. Nicht jeder Bakterien-Stamm entfaltet die gleiche Wirkung. Wünschenswert wäre insofern ein Hinweis auf der Verpackung über die Konzentrationen und den wissenschaftlich erbrachten Nachweis der Wirksamkeit der enthaltenen Bakterienstämme auf die Gesundheit bei speziellen Zielgruppen. Kürzlich wurde eine öffentliche Kontroverse geführt zwischen dem Actimel-Hersteller Danone und Food-Watch, das die direkte Anpreisung des Joghurts zur Abwehr von Erkältungen scharf kritisierte. Laut Michael de Vrese sei die eigentliche Lüge nicht die Verbrauchertäuschung, sondern die Food-Watch-Behauptung.  „Die Effekte bei Actimel waren ausgeprägter. Dagegen umfasste die Food-Watch- Studie nur etwa 30 Personen. Die negative Aussage steht also quantitativ auf viel zu schwachen Füßen.“ Mit biotechnologischem Know-how werden seit Jahrtausenden Brot, Käse, Sauerkraut oder Alkoholika wie Bier, Wein und Champagner hergestellt.

 

Neuere biotechnologische Errungenschaften sind kernlose Weintrauben, geschmacksintensivere Tomaten und laktosefreie Milch für Milch-Freunde mit genetisch bedingter Laktose-Intoleranz. In der Biotechnologie gibt es gute und böse Mikroorganismen. Doch die Grenzen seien fließend, berichtet Michael de Vrese vom MRI. So lassen Schimmelpilze zwar den Parma-Schinken und den Käse reifen, sind ansonsten aber unerwünschte Begleiter. Heute können Krankheitserreger, mikrobielle Kontaminationen, toxische Stoffe oder Allergene in Lebensmitteln selbst in geringsten Mengen mit modernen wissenschaftlichen Methoden nachgewiesen werden. Übrigens: In der EU wurden im Jahr 2007 insgesamt 622 Millionen Tonnen Lebensmittel produziert. Davon wurden rund 245 Millionen Tonnen gar nicht verzehrt. 30 Prozent des Abfalls waren verdorben und 20 Prozent, darunter viele Joghurts, hatten das Haltbarkeitsdatum überschritten.

Richard E. Schneider

 

 

 

▪ Umwelt und Wachstum

 

Oft wird behauptet, dass Umweltschutz und wirtschaftliches Wachstum nicht vereinbar sind. Diese Vorstellung stammt von einer berühmten Studie, die vom "Club of Rome" aus dem Jahr 1972 mit dem Titel  The Limits to Growth, auf Deutsch « Die Grenzen des Wachstums » verfasst worden war. Dieser internationale Club bestand aus Fachleuten, Politikern und Industriemanagern und verbreitete die Idee vom „Null-Wachstum“.

 

Wir werden zuerst feststellen, dass die Belastungen für die Wirtschaft, die sich aus der Ökologie ergeben, zwar das Wirtschaftswachstum vermindern und bremsen können, aber dann werden wir auch zeigen, dass Umweltschutz und Wirtschaft seit dem Jahr 1972 gelernt haben, miteinander auszukommen.

 

Nach der langen Wachstumsphase der Nachkriegszeit, in Deutschland das „Wirtschaftswunder“ und in Frankreich die „Dreißig Glorreichen“ (Jahre), schien das Wachstum grenzenlos zu sein. Nach dem ersten „Ölschock“ 1974 wurde das Wachstum stark gebremst und blieb bis heute relativ schwach mit einem festen Sockel von Arbeitslosigkeit. Hatte der Club of Rome Recht gehabt? War das Null-Wachstum möglich? Das Wachstum war jedenfalls nicht ohne Ende. Es hieß auch, dass Sauerregen die Wälder tötete. Fische starben. Man durfte nicht auf Kosten der Erde, der Luft und des Wassers, ungehemmt weiter produzieren. Dennoch schafft Wirtschaftwachstum Arbeitsplätze und Kaufkraft, medizinischen Fortschritt und mehr Bildung.

 

Daher wurde nach Wegen gesucht, um Umwelt und Wachstum vereinbar zu machen. So wurden z. B. die Kohlekraftwerke mit Russfiltern und die Autos mit Katalysatoren ausgerüstet. Inzwischen ist man so weit, dass der Umweltschutz sogar ganze Wirtschaftszweige geschaffen hat, so z. B. im Bereich der erneuerbaren Energie (Wind-, Sonnen- und Wasserenergie). So sind heute Umweltschutz und Wirtschaftswachstum nicht nur vereinbar, sondern sogar einander förderlich geworden. Dank dem Umweltschutz haben die Industrieländer neue Bereiche erschlossen. Auch unser Gebrauch der Industrieprodukte hat sich geändert.

 

 

 

▪ Wie sieht das weltweite Potential an Biomasse aus?

 

Autoren des Deutschen BiomasseForschungsZentrums (DBFZ) haben in einer Vergleichsanalyse in Zusammenarbeit mit dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) und ICS-UNIDO insgesamt 19 Studien zur Abschätzung weltweiter Biomassepotenziale analysiert. Der Artikel, der nun in der Zeitschrift "Mitigation and Adaptation Strategies for Global Change" veröffentlicht wurde, liefert einen detaillierten Überblick über die verfügbaren Forschungsergebnisse und unterzieht diese einer kritischen Betrachtung.

Die Abschätzung des weltweiten Potenzials an Biomasse zur energetischen Nutzung beschäftigte bislang zahlreiche internationale Forschungsvorhaben. Die nun veröffentlichte Vergleichsanalyse zeigt: Die Höhe des ausgewiesenen Potenzials differiert deutlich und liegt, je nach Studie, zwischen 0 und 1550 EJ/a (Exajoule/Jahr). Letzteres sind etwa 431 Billionen Kilowattstunden und entspricht in etwa dem Dreifachen des gegenwärtigen weltweiten Primärenergieverbrauchs.

Der Artikel zeigt, dass sich die angewandten Methoden der einzelnen Forschungsvorhaben teilweise stark voneinander unterscheiden. Einigkeit besteht jedoch bei den Parametern, die für verschiedene Szenarien relevant sind. Als Zeithorizont wird zumeist 2050 gewählt. Maßgebliches Kriterium für die Höhe des Biomassepotenzials ist die Abschätzung der Fläche, die für den Energiepflanzenanbau zur Verfügung steht. Hier liegen die Annahmen zwischen 0 und 7000 Millionen Hektar. Energiepflanzenpotenziale fallen mit einer mittleren Spannweite von 200 bis 600 EJ/a und Extremwerten von über 1200 EJ/a wesentlich höher aus als Reststoffpotenziale, die sich schätzungsweise in einem Bereich von 62 bis 325 EJ/a bewegen.

Die Schwerpunkte der Analyse liegen auf den Potenzialen einzelner Biomassefraktionen, der Verfügbarkeit von Anbauflächen für Energiepflanzen und der geographischen Verteilung des globalen Potenzials. Die Autoren stellen fest, dass sich die Mehrheit der untersuchten Studien vorrangig auf die Ermittlung von Energiepflanzenpotenzialen konzentriert, während Reststoff-potenziale eine eher untergeordnete Bedeutung in den Studien spielen. Darüber hinaus wird nur in wenigen Studien die räumliche Verteilung des Gesamtpotenzials - aufgeteilt nach Weltregionen - betrachtet. Weltweit ist davon auszugehen, dass die größten Potenziale in Asien, Afrika und Südamerika vorliegen. Europa, Nordamerika und die Pazifikstaaten hingegen tragen nur einen vergleichsweise kleinen Teil zu den globalen Biomassepotenzialen bei.


Contact: http://www.ufz.de/index.php?de=21123 ; Dr. Daniela Thrän, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), Tel: 0341-2434475, 03412434435, http://www.ufz.de/index.php?de=19511 oder Tilo Arnhold (UFZ-Pressestelle), Telefon: 0341-235-1269, presse@ufz.de, und Antje Sauerland, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Deutsches BiomasseForschungsZentrum, Tel.: 0341/2434-11, http://www.dbfz.de/web/

 

 

▪ DLR-Chef Prof. Johann-Dietrich Wörner zum Ende der Shuttle-Ära: "Die Raumfahrt ist Teil des Alltags"
 

Die Atlantis, das letzte Space Shuttle im All, befindet sich auf ihrem Rückflug zur Erde: Die Raumfähre dockte am Dienstag, 19. Juli 2011, um 8.28 Uhr Mitteleuropäischer Sommerzeit (MESZ) von der Internationalen Raumstation ISS ab und wird am Donnerstag, 21. Juli 2011, um 11.56 Uhr MESZ auf dem Weltraumbahnhof der NASA in Cape Canaveral in Florida zurück erwartet. Damit steht das Ende der 13-tägigen Mission STS-135 und zugleich auch das Ende der 30 Jahre dauernden Ära der US-amerikanischen Space Shuttle kurz bevor. Im Interview erläutert der DLR-Vorstandsvorsitzende Prof. Johann-Dietrich Wörner, wie es nach dieser Zäsur in der bemannten Raumfahrt weitergehen kann.

Hier das Interview im Wortlaut:

Mit der Landung des Space Shuttle Atlantis am 21. Juli 2011 in Cape Canaveral endet nach 30 Jahren eine Ära. Wie sieht nach dieser Zäsur die nähere Zukunft der deutschen und internationalen bemannten Raumfahrt aus?

Wörner: Die Raumfahrt ist mittlerweile aus der Situation des "Machtbeweises" des Kalten Krieges herausgewachsen und zur alltäglichen Infrastruktur geworden, und somit für jeden bei Themen wie Wetter- und Klimabeobachtung, Navigation und Kommunikation unmittelbar sichtbar. Auch in der bemannten Raumfahrt haben wir diese Situation, in der unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit und ohne die schützende Hülle der Atmosphäre Experimente, zum Beispiel zur biologischen Wirkung, durchgeführt werden können. Astronautische wie robotische Raumfahrt sind aber auch Teil des Strebens der Menschheit nach Erkenntnisgewinn und Erforschung unbekannter Welten.

Können die russischen Sojus-Raketen, die ja jetzt zunächst als einziges Transportmittel die Astronauten zur Internationalen Raumstation befördern, die Shuttle ersetzen? Welche besonderen Herausforderungen ergeben sich daraus für die nächsten bemannten Missionen?

Wörner: Sojus und Shuttle haben sich als zuverlässige Transportmittel für Kosmonauten und Astronauten in den letzten Jahrzehnten bewährt. Das Shuttle war darüber hinaus in der Lage, auch größere Lasten in die Umlaufbahn und zurück zu bringen; eine Eigenschaft, die uns in den nächsten Jahren fehlen wird. Die vor einiger Zeit deshalb formulierte Idee, das ATV entsprechend weiterzuentwickeln, ist leider infolge der finanziellen Vorgaben der Mitgliedsstaaten der Europäischen Weltraumorganisation ESA nicht kurzfristig umsetzbar. Wir werden nun gespannt abwarten, was die amerikanische Initiative zum kommerziellen Raumtransport, das "Commercial Crew Development"-Programm (CCDev2), erreichen kann. Ziel dieses Programms ist es, nach dem letzten Shuttle-Flug so schnell wie möglich wieder eigene Transportkapazitäten für bemannte Weltraumflüge zur Verfügung zu stellen.

Die Raumfahrtstrategie der Bundesregierung stellt vor allem den Nutzen der Raumfahrt für die Menschen auf der Erde in den Vordergrund. Doch wie können bemannte Missionen diese Forderung trotz eingeschränkterer Transportkapazitäten erfüllen? Welche Rolle spielen dann z. B. Experimente in Schwerelosigkeit mit Beteiligung von Astronauten?

Wörner: Die Experimente in der Schwerelosigkeit mit Beteiligung von Astronauten gehen mit Sicherheit weiter. Die Randbedingungen dafür fallen nicht auf die "Vor-Shuttle-Zeit" zurück. Es stehen neben der ISS die Transportmittel ATV und HTV zur Verfügung und die globale Vernetzung der Raumfahrt bietet zusätzliche Möglichkeiten. Aber das Problem der Rückführung von Geräten, Experimenten und Proben muss zeitnah gelöst werden.

Stichwort Internationale Kooperation: Gibt es beispielsweise ernsthafte Pläne, das europäische Automated Transfer Vehicle (ATV), an dem Deutschland einen großen Anteil hat, für den Transport der Astronauten einzusetzen?

Wörner: Das ATV wird für die bemannte Raumfahrt eingesetzt: Es transportiert Lebensmittel und andere Güter für die Astronauten und dockt automatisch an die Internationale Raumstation an. Damit erfüllt es wesentliche Aufgaben für die bemannte Raumfahrt und berücksichtigt die besonderen Sicherheitsanforderungen. Allerdings ist es kein Transportmittel für Menschen. Hier wird sich zeigen, ob die Kooperation, insbesondere zwischen den USA und Europa, zu neuen Konfigurationen in der Verbindung von europäischen und amerikanischen Technologien und Erfahrungen unter Berücksichtigung der finanziellen Möglichkeiten realisiert werden können. Genug Ideen gibt es.

Wie sehen Sie die Privatisierung und Kommerzialisierung der Raumfahrt? Welches Engagement der privaten Industrie halten Sie für sinnvoll?

Wörner: Privatisierung und Kommerzialisierung sind zwei unterschiedliche Aspekte. Im Bereich der Kommunikation sind bereits private Unternehmen erfolgreich unterwegs und investieren im All nach ähnlichen Mustern wie auf der Erde. Bei der bemannten Raumfahrt gibt es Firmen, die den Weltraumtourismus als Geschäftsmodell gewählt haben und entsprechende Vehikel für Flüge bis über 100 Kilometer Höhe entwickeln. Bei der Kommerzialisierung des Raumtransports hat Europa mit dem Unternehmenskonstrukt Arianespace einen "Prototypen" etabliert, der durchaus als Vorbild auch von anderen Nationen genutzt wird: Mit institutioneller Unterstützung, aber selbst verantworteter Geschäfte. Im Bereich der Wissenschaft und der Exploration wird der Staat auch in Zukunft in der Raumfahrt eine zentrale Aufgabe bei der Finanzierung spielen.

Kontakt
Elisabeth Mittelbach
Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)
Kommunikation, Redaktion Raumfahrt, Verkehr
Tel.: +49 2203 601-3900
Fax: +49 2203 601-3249
mailto:elisabeth.mittelbach@dlr.de

 

 

 

<strong>Image, publiée le 10 juillet 2010 par l’Agence spatiale européenne, de l’astéroïde Lutetia prise par la sonde Rosetta</strong> <span>Après une moisson de photos de l’astéroïde Lutetia, la sonde européenne Rosetta poursuit son périple de quelque 7 milliards de kilomètres pour arriver, en 2014, à son rendez-vous avec une comète dont elle espère déchiffrer les secrets.</span> <span>AFP - </span> Kometensonde Rosetta sendet einzigartige Bilder vom Asteroiden Lutetia

 

DLR-Wissenschaftler sind maßgeblich an der wegweisenden Mission beteiligt

 

Die Europäische Raumsonde Rosetta hat einen weiteren Meilenstein auf ihrer Reise zum Kometen Churyumov-Gerasimenko erreicht: Am 10. Juli 2010 um 17.45 Uhr Mitteleuropäischer Sommerzeit (MESZ) flog der Orbiter bei seiner zweiten und letzten Passage des Asteroidengürtels mit einer relativen Geschwindigkeit von 15 Kilometern pro Sekunde - das sind 54.000 Kilometer pro Stunde - in nur 3162 Kilometern Entfernung am Asteroiden Lutetia vorbei. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) ist maßgeblich an der wegweisenden Mission beteiligt.

 

Das hochpräzise Raumflugmanöver wurde ab 18.10 Uhr im Kontrollzentrum der Europäischen Weltraumorganisation ESA (European Space Operations Center, ESOC) in Darmstadt live übertragen. Gegen 23 Uhr lagen die ersten Bilder dieses besonderen Rendezvous vor.

 

Der Vorbeiflug der Kometensonde am Kleinplaneten "21 Lutetia" bot die einmalige wissenschaftliche Gelegenheit, Größe, Oberflächenstruktur und Rotationseigenschaften dieses relativ großen, aber bislang noch nicht aus der Nähe erforschten Asteroiden zu untersuchen: "Die hochauflösenden Bilder und Spektrometermessungen aus verschiedenen Aufnahmewinkeln werden Anhaltspunkte für Alter, Mineralogie, Geochemie und die geologische Geschichte von Lutetia geben", erklärt Dr. Ekkehard Kührt vom DLR-Institut für Planetenforschung, der die wissenschaftlichen DLR-Beteiligungen an Rosetta koordiniert. "Der Vorbeiflug war eine erstklassige Möglichkeit, zum letzten Mal vor Erreichen des Kometen im Jahre 2014 sämtliche Orbiter-Instrumente und einige der Lander-Experimente zu testen", fügt Kührt hinzu.

 

Denn ab Juli 2011 beginnt für die Kometensonde eine knapp zweieinhalbjährige Ruhephase: Erst im Januar 2014 erwacht Rosetta aus diesem Tiefschlaf und bereitet sich auf die Ankunft bei Churyumov-Gerasimenko im Mai 2014 vor. Im September 2008 hatte die Sonde mit dem Šteins-Rendezvous erstmals einen Asteroiden passiert. Generell liefert die Untersuchung der sogenannten Kleinen Körper, zu denen die Asteroiden Lutetia und Šteins gehören - wichtige Hinweise auf die frühesten Zeiten des Sonnensystems. Mit einem Durchmesser von zirka 100 Kilometern ist "21 Lutetia" wesentlich größer als der nur rund fünf Kilometer große Asteroid "2867 Šteins". Lutetia ist damit der größte Asteroid, den eine Weltraummission besucht hat.

 

DLR-Wissenschaftler sind an mehreren Experimenten auf Rosetta beteiligt. Dazu gehören insbesondere die Tele- und Weitwinkelkamera OSIRIS, die Lutetia  mit einer Auflösung von bis zu 50 Meter pro Bildpunkt (Pixel) beobachtet, das Spektrometer VIRTIS, das Zusammensetzung und Temperatur der Oberfläche des Asteroiden misst und das Instrumentenpaket RPC, das die Plasma-Umgebung und ein mögliches Magnetfeld des Asteroiden erforscht.

 

"Bereits aus einer größeren Entfernung von 500.000 Kilometern war zu erahnen, dass Lutetia mit seiner sehr unregelmäßigen Form ein außergewöhnlicher Asteroid ist. Aber als das Kamerasystem  OSIRIS dann aus gut 3000 Kilometern seine besten Bilder aufgenommen hat, haben wir die Schönheit dieses Objektes erst wirklich erkannt", freut sich DLR-Planetenforscher Dr. Stefano Mottola vom OSIRIS-Team nach der erfolgreichen Übertragung der ersten Daten, die er in der Nacht vom 10. auf den 11. Juli 2010 gemeinsam mit Kollegen im Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Katlenburg-Lindau analysierte. "Lutetias Oberfläche ist mit riesigen Kratern, Graten und Erdrutschen übersät, das lässt auf eine Geschichte voller gewaltiger Ereignisse schließen. Auf der Oberfläche sind Felsen zu sehen, die hunderte von Metern groß sind. Die enorme Qualität der Daten wird uns Wissenschaftlern erlauben, die Prozesse die diese Phänomene verursacht haben, besser zu verstehen", sagte Mottola in einer ersten Einschätzung.

 

Die von der DLR-Raumfahrt-Agentur geförderte und unter Leitung des Max-Planck-Instituts für Sonnensystemforschung in Katlenburg-Lindau in Zusammenarbeit mit europäischen Partnern entwickelte OSIRIS-Kamera hat zwei Stunden vor der größtmöglichen Annäherung zwischen Sonde und Asteroid sowie währenddessen und danach Aufnahmen erstellt. Lutetia befand sich zum Zeitpunkt des Vorbeiflugs 407 Millionen Kilometer von der Sonne und 455 Millionen Kilometer von den Empfangsstationen auf der Erde entfernt. Die Funksignale von Rosetta brauchten nach dem Vorbeiflug gut 25 Minuten, um diese Distanz zu überbrücken.

 

Auch die Messungen mit dem Spektrometer-Experiment VIRTIS sind bereits zur Erde übertragen worden. "Unser Team hat mit der Auswertung der Daten sofort begonnen", berichtet DLR-Forscherin Dr. Gabriele Arnold, die die deutschen Arbeiten für das VIRTIS Experiment koordiniert. Im Gegensatz zu den Aufnahmen des Kamerasystems sind die spektralen Daten, die im sichtbaren und im infraroten Licht bis zu einer Wellenlänge von fünf Mikrometer gewonnen werden, schwieriger zu interpretieren, eine detaillierte Auswertung braucht Zeit. 

Neben der Federführung bei der ROLIS-Kamera zur Beobachtung der Kometenoberfläche während der Landephase, dem SESAME-Experiment zur seismischen Untersuchung des Kometenkerns und dem Gerät MUPUS, das die Oberflächentemperatur und Festigkeit des Kometen misst, sind die DLR-Planetenforscher  wissenschaftlich beim Magnetometer ROMAP sowie dem Experiment COSAC beteiligt. Letzteres analysiert die chemische Zusammensetzung der gefrorenen Oberfläche bis in 20 Zentimeter Tiefe.

 

Zudem ist das DLR-Nutzerzentrum für Weltraumexperimente (Microgravity User Support Center, MUSC) in Köln für die Landeeinheit Philae verantwortlich. Während der Landung von Rosetta auf Churyumov-Gerasimenko im November 2014 wird der Lander Philae vom DLR gesteuert. Bereits seit dem Start von Rosetta am 2. März 2004 testen und kalibrieren die MUSC-Wissenschaftler die Nutzlast regelmäßig, um die Einsatzbereitschaft des Moduls sicherzustellen. So haben die Philae-Verantwortlichen das Landesystem im Vorfeld des Lutetia-Vorbeiflugs am 7. Juli für die Aktivitäten am 10. Juli 2010 präpariert. Unter anderem musste der Lander thermisch speziell konfiguriert werden, da Philae direkt von der Sonne angestrahlt wurde. Drei der zehn Experimente auf Philae waren auch beim Lutetia-Vorbeiflug angeschaltet.

 

Kontakt: Elisabeth Mittelbach, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), Kommunikation, Redaktion Verkehr, Weltraum, Tel.: +49 2203 601-3900

Fax: +49 2203 601-3249, elisabeth.mittelbach@dlr.de - Dr. phys. Stefano Mottola, stefano.mottola@dlr.de - Dr. rer. nat. Ekkehard Kührt, ekkehard.kuehrt@dlr.de - Dr. Stephan Ulamec, Astronautentraining

 

 

 

Biotechnologie in der Region Nord-Pas de Calais : Erster Partnering-Kongress in Lille

 

Cluster für Ernährung, Gesundheit und Altersforschung – Internationale Kooperationspartner auf dem Gebiet der Biotechnologie werden gesucht – Kompetenz-Netzwerke nach amerikanischem und deutschem Vorbild – Lille besitzt viele Trümpfe auf dem Wissenschaftssektor

Biotechnologische Verfahren sind neu und kostenintensiv. Um Kosten zu senken und rasch weitere neue Anwendungsgebiete sowie industrielle Partner für ihre wissenschaftlichen Entdeckungen zu finden, wurde das Partnering erfunden. Ein erstes solches internationales Experten-Treffen, „Biofit“ genannt, fand am 26. u. 27.10.2010 in Lille statt.

 

Wichtig für eine teure Erfindung, z.B. ein neues biotechnologisches Verfahren, ist es, rasch die passenden Abnehmer zu finden, finanzielle Mittel zu erhalten, um neue Verfahren fertig zustellen und um neue Märkte zu erschließen. Mit passenden Partnern kann man auch preiswerter produzieren. Aus diesem Grund wurden für die Biotechnologie Partnering-Treffen wie Bio-Europe geschaffen. Nun besitzt seit dem 26.u.27.10.2010 die französische Bioregion Nord-Pas de Calais einen eigenen Biotech-Partnering-Kongress. Spätestens in drei Jahren wird „Biofit“ wieder in Lille veranstaltet werden und zunächst in andere Metropolen weiterziehen.

 

Patentinhaber, Firmenchefs von start-ups (Neugründungen) und kleinen privaten Forschungslabors trafen sich im Konferenzzentrum „Lille-Grand Palais“ mit Managern aus der ganzen Welt. Die Unis Genf, Boston, Paris, das belgische Gent etc. waren vertreten neben weltbekannten Pharma- und Biotechnologie-Unternehmen wie Bayer Schering, GSK Biologicals und Astra Zeneca. Sie haben hier in den letzten Dekaden bedeutende Forschungs- und Produktionsstandorte errichtet. Das Industrie-Beratungsunternehmen Eurasanté vermittelte an den beiden Tagen ca. 1.300 direkte Treffen von Interessenten.  Dazu gehörten auch Lizenznehmer und –geber, die sich z.B. mit leitenden Mitarbeitern aus Forschungs- und Entwicklungslabors sowie Universitäten austauschten, um Möglichkeiten einer vertikalen Kooperation auf den Weg zu bringen, die bis zu einem Zusammenschluss von zwei kleineren Biotech-Unternehmen zu einem größeren führen können. Nicht zu vergessen sind die Finanzinvestoren, die ein weiteres wichtiges Zwischenglied zwischen Forschungs- und Entwicklungs-Unternehmen (R&D) sowie dem Weltmark bilden. Je dichter und enger diese Kette ist, desto größer sind die Vorteile für die beteiligten Unternehmen. Insgesamt konnten in Lille über 350 Entscheidungsträger auf direktem Weg miteinander über die unterschiedlichsten Themen im Bereich Biotechnologie sprechen. Auch das privatwirtschaftliche Unternehmen Max.Planck-Innovation GmbH, München, war mit Dr. Stein-Gerlach vertreten, der einige interessante Erfindungen der Max-Planck-Wissenschaftler u.a. in USA vermarkten konnte. Auf französischer Seite haben die Partnering-Veranstaltung neben Sponsoren wie Sanofi-Pasteur die Organisation Eurasanté, die Stadt Lille, die Region Nord-Pas de Calais sowie das Partnering-Unternehmen IDIS organisiert. Eurasanté lieferte einige interessante statistische Angaben zur ersten Veranstaltung dieser Art: 37 % der Teilnehmer kamen aus Forschung und Lehre (Unis, Akademien, Forschungsinstitute), 34 % aus privaten Biotech-Firmen und 18 % aus der Pharmaindustrie. Aus dem Ausland angereist war rund die Hälfte der ca. 350 Teilnehmer. Das „Hauptgeschäft“ machte naturgemäß der Transfer von Wissen aus den R&D-Abteilungen auf den freien Markt aus.

 

Übrigens wurde von der einige Wochen später in München abgehaltenen Bio.Europe-Partnering-Messe berichtet, im Jahr 2009 stammten nur 20 % der neu zugelassenen Medikamente aus den eigenen Forschungslabors der großen Pharmaunternehmen, dagegen waren 80 % Zukäufe von kleineren Biotech-Firmen und -Labors. Diese Fakten unterstreichen, wie wichtig inzwischen für den Erfolg auf dem Pharmamarkt das Partnering geworden ist.  

 

Pôle de compétivité Nord-Pas de Calais: Kompetenzzentrum für Ernährung-Gesundheit-Altersforschung

 

Vor über 15 Jahren nahmen sich Wissenschaftler und Politiker in Frankreich und Deutschland das Silicon Valley in USA zum Vorbild, um ihre begrenzten wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Kräfte auf so unterschiedlichen Gebieten wie Medizinforschung, Pharmakologie, Biotechnologie, Fertigungskompetenz etc. zu einer Einheit zu bündeln: das Kompetenz-Netz bzw.-Zentrum war geboren. Seit 2005 existieren auf Betreiben des französischen Regional- und Territorial-Ministeriums insgesamt 67 solcher Kompetenzzentren in Frankreich, die über das gesamte Land verteilt sind. Technisches How-how, wissenschaftliche Kompetenz und industrielle Innovationen aus den beteiligten Unternehmen bilden in der Region Nord-Pas de Calais gemeinsam mit dem Gesundheitswesen vor Ort einen auch wirtschaftlich starken Verbund. Er umschließt 650 Unternehmen mit insgesamt 18.000 Mitarbeitern. Vertreten sind in diesem Cluster der aufstrebenden Grenzregion in Nordfrankreich, unweit der Grenze zu Belgien und nur eine Stunde Zugfahrt von London entfernt, die wichtigsten wissenschaftlichen Institutionen Frankreichs:

 

-Das Pasteur-Institut

-Mehrere Unikliniken (CHUs)

-Sieben Unis im Großraum Lille mit insgesamt 155.000 Studenten, von denen ca. 15.000 (=10 %) im Bereich Life Science, Gesundheit, Ernährungswissenschaften sowie „Agroalimentaire“ studieren.

-Regionale Institute der staatlichen Wissenschaftsgemeinschaften CNRS und INSERM.

-Die medizinische Fakultät Henri Waremburg etc.

Weiter sind hier 23 Ingenieurschulen angesiedelt, die die Akademie von Lille nach Paris zur zweitgrößten in Frankreich machen. Aus diesen Einzelkompetenzen entstand ein engmaschig gewebtes Kompetenznetz, der „pôle de compétivité nutrition-santé-longévité“ mit über 1.800 Life Science-Wissenschaftlern auf einem breiten Ausbildungs- und Spezialisierungs-Fundament. Hier angestoßene gemeinsame Projekte betreffen:

- Validierung von Lebensmitteln mit Präventiions-Potenzial (z.B. Präbiotika, Joghurts etc.)

-Nahrungszusatzstoffe gegen Stoffwechsel-Erkrankungen sowie vorzeitige Alterung

-Entdeckung neuer biologischer Zielmoleküle auf den genannten Gebieten und verwandter Pathologien

-Umsetzung von entsprechenden R&D-Programmen mit therapeutischem Nutzen.

 

Investitionen in eine bessere Zukunft

 

Mit dem „Grand Emprunt“ (=große, öffentlich aufgelegte Staatsanleihe) schuf Staatspräsident Nicolas Sarkozy in 2009 und 2010 für Investitionen in Wirtschaft und Wissenschaft die bestmöglichen Rahmenbedingungen: Eine Schatulle von insgesamt 35 Mrd. Euro für Forschung und Entwicklung sowie Industrieunternehmen ist jetzt vorhanden. Damit ist die finanzielle Basis für ein schnelleres Wachstum der Pharma- und Biotechnologiebranche auch im Großraum Lille Nord-Pas de Calais gesichert. Erstmals werden mit diesen Mitteln, die nicht direkt aus dem Staatshaushalt stammen, erfolgreiche französische Spitzen-Universitäten und Forschungsinstitute gefördert. Weiter sollen im Ausland erfolgreiche, kompetente französische Wissenschaftler mit hohen Rückkehrprämien zur Rückkehr bewegt werden und gut dotierte Stellen im Inland erhalten. Die Partnering-Organisation Biofit, die  erst vor acht Monaten gegründet wurde, soll dem nordfranzösischen Verbund aus Region, Life science-Wissenschaften und –Unternehmen weiteren Schwung verleihen. Ein Stück Zukunft mit der manchmal verteufelten, jedoch segensreichen Biotechnologie ist in Lille bereits sichtbar: Ein supermoderner, aus dem Boden gestampfter Stadtteil namens Euralille mit futuristisch anmutenden Hochhaus-Fassaden und Fensterfronten beherbergt über ein Dutzend junger Biotech-Unternehmen aus dem In- und Ausland. Ihre Produktionsstätten wurden im benachbarten Healthcare-Park Eurasanté (Europa und Santé =Gesundheit) errichtet. Arbeitsplätze und Unternehmensumsätze, die nicht nur Geld bringen, sondern den Bürgern auch mehr Gesundheit und Wohlbefinden. Aufschlussreich war in dieser Hinsicht eine Besichtigung des Feinchemikalien-Unternehmens Minakem in Dunkerque: Weder innerhalb noch außerhalb der großzügigen Fabrikgebäude, in denen Ausgangsstoffe für Pharmazeutika und Kosmetika produziert werden, „stinkt“ es, es riecht nicht einmal. Grund dafür: Alle Lagerstätten für Chemikalien sind hermetisch abgeschlossen. Befüllt werden die Produktionsanlagen über ebenso dichte Versorgungsrohre aus Edelstahl und in den silbrig schimmernden Bottichen schützen luftdichte Deckel vor Geruchsaustritten. Das CO2 wird vor Entlassung aus den Schornsteinen eingefangen. Das Minakem-Werk Dünkirchen ist ein Muster-Beispiel für moderne umweltfreundliche Produktionsanlagen.

 

                                                                                                                              Richard E. Schneider

 

 

 

 

Angst vor Jobverlust beeinflusst das Wohlbefinden viel stärker als bisher angenommen

 

Die Angst um den Job kann massive Auswirkungen auf das persönliche Wohlbefinden haben. Arbeitsökonom Ingo Geishecker hat jetzt mit Hilfe des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) herausgefunden, dass dieser Zusammenhang viel stärker ist als bisher angenommen. „Der Einfluss der Angst vor Arbeitslosigkeit wurde bisher dramatisch unterschätzt“, sagt er.

„Arbeitslosigkeit ist für den Einzelnen nicht nur ein wirtschaftliches Problem“, sagt Ingo Geishecker, Professor an der Universität Göttingen. „Wir wissen, dass die psychologischen, sozialen und gesundheitlichen Folgen von Arbeitslosigkeit viel schwerer wiegen als nur der Verlust an Einkommen.“ Neu sei dagegen, dass diese Folgen schon vor dem eigentlichen Jobverlust eintreten können. Die vom DIW Berlin in Zusammenarbeit mit Infratest Sozialforschung erhobenen Daten des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) zeigen ganz deutlich: „Wer sich sehr große Sorgen um seinen Job macht, dem geht es oft erstmals sogar besser, wenn die Arbeitslosigkeit tatsächlich eintrifft.“

Die Angst vor dem Jobverlust ist in Deutschland seit 2001 erheblich gestiegen. Nach aktuellsten Daten machten sich 2005 20 Prozent der Deutschen nach eigenen Angaben große Sorgen um ihren Arbeitsplatz, 2001 waren dies nur 12 Prozent. Nur 33 Prozent gaben an, sich gar keine Sorgen zu machen. „Wir gehen davon aus, dass sich die Zahlen erneut verschärfen, denn die aktuellen Daten beziehen sich noch auf die Zeit vor der Wirtschaftskrise“, so Ingo Geishecker.

Auffällig sei, dass die Angst um den Job oft nur wenig mit der Wahrscheinlichkeit des Jobverlusts zu tun hat.  Entscheidend sei eine zweite Komponente der Jobverlustangst, die sich auf die erwartete Nutzeneinbuße nach einem  Arbeitsplatzverlust bezieht.  Die Wahrscheinlichkeit des Jobverlustes mag als sehr niedrig eingeschätzt werden, aber die Furcht vor den ökonomischen oder sozialen Konsequenzen des Arbeitsplatzverlusts kann trotzdem sehr hoch sein. „Der Verlust an Wohlbefinden durch diese Angst ist enorm“, sagt Ingo Geishecker. „Unserer Untersuchung nach ist er bei Berücksichtigung aller Komponenten der Jobverlustangst fast doppelt so hoch wie bisher angenommen.“

 

 

 

▪ Flüchtige Chemikalien aus Farben und Möbeln verändern Lungenzellen schon in geringer Konzentration

 

Leipzig. Aus Farben und Möbeln ausgasende Chemikalien können schon in relativ geringer Konzentration Lungenzellen angreifen. Das haben Forscher des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) nachgewiesen. "Auch bei Konzentrationen unterhalb akut-toxischer Werte zeigen sich deutliche Veränderungen in den Zellen", berichtet Privatdozent Dr. Martin von Bergen, Leiter des UFZ-Departments für Proteomik. Ihre in Versuchen mit menschlichen Lungenepithelzellen gewonnenen Erkenntnisse haben die UFZ-Forscher jetzt im renommierten "Journal of Proteome Research" veröffentlicht.

Bei ihren Versuchen setzten die Forscher um von Bergen die Zellen über 24 Stunden Luft aus, in der die Lösungsmittel Chlorbenzol und Dichlorbenzol in geringer Konzentration enthalten waren. Bei den anschließenden Untersuchungen zeigten sich an den Zellen deutliche Veränderungen. "Die Chemikalien haben oxidativen Stress in den Zellen ausgelöst", erklärt von Bergen. Erkennbar sei das daran gewesen, dass die Zellen in zunehmender Menge Proteine produziert hätten, die dazu geeignet sind, ein schädliches Überangebot von reaktiven Sauerstoffverbindungen zu bekämpfen. Ebenfalls beobachtet wurde, dass geschädigte Zellen den sogenannten programmierten Zelltod starben. Mit dem programmierten Zelltod wird dafür gesorgt, dass für den Fortbestand eines Organismus' hinderliche Zellen gezielt entfernt werden.

Auf die Spur dieser Verbindungen kamen die Wissenschaftler durch die Ergebnisse aus epidemiologischen Studien, wie LARS und LISA, in denen der Einfluss von Innenraumschadstoffen auf das Risiko von Kindern an Allergien oder Entzündungen der Atemwege zu erkranken untersucht wird. Dr. Lehmann, Leiterin des Departments Umweltimmunologie: "In den vorangegangenen Studien haben wir gefunden, dass das unreife Immunsystem von Neugeborenen und Kleinkindern durch den Kontakt mit Umweltschadstoffen, wie z.B. flüchtigen organischen Verbindungen, prägend beeinflusst werden kann. Außerdem lösen diese Chemikalien bei Kindern Entzündungen der Atemwege aus. Mit den Studien an Zellkulturen von Lungenzellen lernen wir nun, wie diese Stoffe wirken können."

Wie Dr. von Bergen weiter berichtet, müssen die durch die Zellversuche gewonnen Erkenntnisse nun in größeren Zusammenhängen überprüft werden. "Am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung besteht mit der engen Verknüpfung von mechanistischen Studien und Kohortenstudien die einmalige Chance, Hinweise aus den jeweilig anderen Studien kreuzweise zu überprüfen. Es muss zum Beispiel weiter untersucht werden, wie sich die Veränderungen der Zellen auf das Immunsystem des Gesamtorganismus auswirken", sagt er. "Grundsätzlich hat die Frage nach der Belastung in Innenräumen an Bedeutung gewonnen, da wir immer mehr Zeit in diesen zubringen. Um den steigenden Anforderungen der Energieeffizienz zu genügen, wird ein Minimum an Luftaustausch gefordert, was wiederum in einer generellen Forderung nach einem Minimum an Emissionen von flüchtigen Chemikalien münden sollte, da unsere Studien zeigen, dass die behandelten Zellen eine eindeutig stressbedingte Reaktion zeigten - auch wenn mit den bisher üblichen Tests keine Toxizität gezeigt werden konnte".

Bis zu einer belastbaren Abschätzung der Wirkung einzelner Substanzen ist es sicherlich noch ein weiter Weg, aber nur mit der weiteren Untersuchungen wird es letztendlich möglich sein, das Risiko für lebenslange Erkrankungen aus unseren Wohnzimmern zu vermindern.

 

                                                                                                                                                                           Jörg Aberger/ Tilo Arnhold

Weitere fachliche Informationen: PD Dr. Martin von Bergen, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), Department Proteomics, http://www.ufz.de/index.php?de=6693, Telefon: 0341 - 235 - 1211

 

 

 

Molekulares Farming oder Pharming:

 

Erstes internationales Kooperationsprojekt Pharma Planta der EU erfolgreich abgeschlossen

 

Fünfjähriges Forschungsprogramm versammelte Wissenschaftler aus 39 wissenschaftlichen Instituten und Forschungseinrichtungen der EU und der Republik Südafrika – Ziel war die Herstellung von Antikörpern in Pflanzen

 

Pharmakologische Wirkstoffe können wirtschaftlich sinnvoll auch in Tabakpflanzen hergestellt werden. Dies ist das wesentliche Ergebnis der Arbeit von Pharma Planta, einem Forschungsverbund aus 39 Forschungsleitern in 12 EU-Ländern und der Republik Südafrika.

 

Das auf fünf Jahre angelegte Forschungsprojekt wurde am 1.1.2010 abgeschlossen und war von der EU mit 12 Mio. Euro bezuschusst worden. Ihm gehörten u.a. die EU-Länder Belgien, Frankreich, Italien, Deutschland, Österreich, Spanien,, England, Irland sowie die Schweiz und die Republik Südafrika an. In Deutschland waren die RWTH Aachen, die Ruprecht-Karls Universität Heidelberg, das Max-Planck-Institut für molekulare Pflanzenphysiologie, Potsdam, das IPK Gatersleben, sowie das Unternehmen Sartorius Stedim Biotech, Göttingen/Melsungen Projektpartner. Auf französischer Seite wirkten Agrarwissenschaftler, Biologen, Pharmakologen und Gentransfert-Spezialisten der französischen INRA (Institut National des Recherches Agronomiques), Paris sowie der Universität Clermont-Ferrand-II mit.

Im Rahmen des im Jahr 2005 initiierten fünfjährigen Forschungsprojekts gelang es dem internationalen Konsortium Pharma Planta aus gentechnisch veränderten Tabakpflanzen pharmakologische Wirkstoffe herzustellen. Bisher wurden in Europa nur Gentransfers in tierischen Organismen, meist Bakterien, zur Produktion von therapeutischen Molekülen wie Humaninsulin durchgeführt. Mit dem neuen, von Pharma Planta entwickelten biotechnologischen Verfahren sollen preiswert und in großen Mengen neue Medikamente gegen AIDS, Tollwut und Tbc für die Drittweltländer möglich werden.

 

Preiswerte Medikamente für Drittweltländer

 

Der Wirkstoff 2G12 zählt zu den hoffnungsvollsten Medikamenten-Kandidaten der Wissenschaftler. Er besteht aus Proteinen bzw. einem Antikörper, der an das HI-Virus bindet und es dadurch an der weiteren Expansion hindert. Erste Tests ergaben, dass der durch Gentransfer in Pflanzen erhaltene Antikörper 2G12 nicht weniger stark wirkt als der aus tierischen Zellen. Vorklinische Prüfungen an Kaninchen ergaben keine Hinweise auf Toxizität oder andere schwere, einer praktischen Verwendung entgegenstehende Nebenwirkungen.

Das federführende Fraunhofer-Institut IME (Institut für angewandte Molekularbiologie und Ökologie), Aachen, entwickelte und implementierte das neue Verfahren, um den neuen pharmakologischen Wirkstoff aus gentechnisch veränderten Tabakpflanzen in die klinische Phase zu überführen. Begonnen wurde im Gewächshaus mit der Anpflanzung gentechnisch veränderter Tabakpflanzen, die in ihrem Plasmid die Gene für die Herstellung des neuen HIV-Wirkstoffs trugen. Die erste Ernte betrug 5 kg Tabakpflanzen, in der letzten Projektphase wurden 200 kg Biomasse im Gewächshaus geerntet, die in 800 l Extrakt umgewandelt zuletzt 3 gr. Wirkstoff ergaben. Dieser Wirkstoff, der erste HIV-Antikörper aus Pflanzen, muss in möglichst großen Mengen hergestellt werden, um das Verfahren möglichst rentabel zu gestalten. Hier sehen die Fraunhofer-Wissenschaftler noch Möglichkeiten zur Optimierung. Das Zielprotein wird aus dem Extrakt mit Chromatographie (Stufe II mit Ionenaustauscher), danach Ultrafiltration und Diafiltration gewonnen. Die neuartigen, membran-basierten Filter waren Prototypen, die das Göttinger Biotech-Unternehmen Sartorius Stedim zulieferte. Die Sartorius-Niederlassung Melsungen/Hessen half den IME-Wissenschaftler in Aachen auch bei der Installierung der neuen Herstellungsanlage. Diese eigens erbaute Anlage kann im Prinzip auch andere Pflanzen verarbeiten und andere Wirkstoffe herstellen. Nach der Ernte der Pflanzen im Labor wurden die isolierten, aufgereinigten Wirkstoffe an Pharmaunternehmen weitergereicht, die daraus Medikamente herstellten. Im vorliegenden Fall des HIV-Antikörpers genügten 3 gr. Wirkstoff für das erste Medikament aus Pflanzen. Es wurde eine Vaginal-Creme mit 50 mg HIV-Antikörper produziert, die vor AIDS schützen soll. Gegenwärtig wird das neue Medikament am St..-George’s Hospital in London an Patientinnen in der klinischen Phase-I erprobt.

 

Verzicht auf Patentrechte sowie Tantiemen 

 

Das neue Herstellungs-Verfahren ist preisgünstig, denn die beteiligten Wissenschaftler und Institute verzichten auf ihre Patent- und Lizenzrechte. Und die Preise für die neuen, aus Pflanzen gewonnenen Medikamente können noch vorteilhafter werden, wenn sich die Wirkstoff-Mengen aus der Biomasse weiter steigern lassen. In USA soll bereits ein Verfahren entwickelt worden sein, das aus der gleichen Biomasse die 1000fache Menge Wirkstoff erbringt. Die neuen Medikamente gegen Tollwut, Tbc, Diabetes oder Impfstoffe sollten damit in Drittweltländern für Patienten erschwinglich werden. Andererseits besitzen die dortigen Gesundheitssysteme nicht die für die Bekämpfung größerer Epidemien wie AIDS notwendigen finanziellen Ausstattungen.

Die EU förderte das Pharma Planta-Konsortium im Rahmen des 6th Framework Program mit 12 Mio. Euro. Projekt-Beginn war 2005. Neben der Optimierung des neuen Extraktionsverfahren soll die Substanzmenge auf 25 mg pro Liter Medium am IME Aachen gesteigert werden, sagte der an der Entwicklung des Verfahrens maßgeblich beteiligte Biologe Dr. Lobedan. In ersten Tierversuchen erwies sich der neue Wirkstoff als nicht-toxisch.

Molekulares Farming oder kurz: Pharming ist also auch in der EU möglich. In USA arbeitet man bereits seit 20 Jahren an ähnlichen Projekten. Doch bisher schaffte es kaum ein Wirkstoff-Kandidat, über die klinische Phase-II hinauszukommen. Nur in Kuba soll ein Pharmakon zur Aufreinigung von Impfstoffen bereits marktfertig sein. Dass molekulares Farming möglich ist, zeigten auch die Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts in Potsdam, die in einer Machbarkeitsstudie aus Tabakpflanzen Impfstoffe herstellten.

Fazit: Landwirtschaft hat Zukunft. Der Bauer könnte mit seiner Ernte nicht nur Energie-Produzent, sondern auch Lieferant von pharmakologischen Wirkstoffen werden. Doch die Stimmen gegen dieses neue Betätigungsfeld der Agrarier werden lauter. Haben doch die Bauern bereits die Produktion von Biogas aus Gülle und Ernteabfällen übernommen. Nun wehrt man sich auf öffentlich gegen die Idee, die Landwirte in Zukunft als Pharmer anzusprechen.

                                                                                                                                    Richard E. Schneider

 

* Foto: Tabakpflanzen eignen sich zur Herstellung von pharmakologischen Wirkstoffen (Pharming) besonders gut, weil das Kontaminationsrisiko auf den Feldern gegen Null tendiert (Pharma Planta). 

 

 

 

Die Steinzeit steckt uns in den Knochen - Ganten, Detlev; Spahl, Thilo; Deichmann, Thomas Detlev Ganten, Thilo Spahl, Thomas Deichmann. Die Steinzeit steckt uns in den Knochen. Gesundheit als Erbe der Evolution. Piper Verlag. München-Zürich. 2009.335 Seiten. 19,95 Euro.

 

Seinem ein wenig umgangsprachlichen Titel entsprechend ist das Buch des Professors für Pharmakologie und Molekulare Medizin Detlev Ganten populärwissenschaftlich und allgemeinverständlich gestaltet worden. Dennoch handelt es sich um ein durch und durch seriöses naturwissenschaftliches Buch. Die vermittelten Informationen sind auf dem Gebiet der Forschung brisant und aktuell. Mit anderen Worten werden die Resultate modernster medizinischer Forschung als Ratschläge für eine gesunde Lebensführung den Laien zugänglich gemacht.

Der Ansatz ist schon bemerkenswert. Kaum jemand kann sich in der modernen Gesellschaft vorstellen, dass wir das lebende Resultat eines Kompromisses an der Schnittstelle von Einzeller, Fisch, Frosch und Säugetier sind. Der vielseitige Kentaur auf dem Buchumschlag veranschaulicht dennoch solche Reflexionen des Autors. Aber vor allem zählen für uns Menschen die Lebens- und Ernährungsweisen der Primaten, die vor ca. 15 Millionen Jahren, und der Hominiden, die uns vor 2,5 Millionen Jahren  vorausgegangen sind. Wir werden krank, weil wir nicht mehr artgerecht leben, was natürlich nicht heisst, dass wir wieder auf Bäume klettern sollten, um fit zu bleiben. Aber ein bisschen in diese Richtung geht schon das Buch des Medizinprofessors, wenn er uns sagt, dass es kein besseres Rezept gibt, um lange gesund zu bleiben und lange zu leben, als körperliche Aktivität.

Das Buch beschränkt sich aber nicht auf die Menschwerdung des Tieres, was sicherlich viel Interessantes bietet, sondern stellt die Symbiose des Menschen mit seinen Bakterien auch im Mittelpunkt der Betrachtungen. Und zwar, meint der Autor, ist die Zusammenarbeit des Menschen mit den Einzellern, die milliardenweise in ihm und auf ihm leben, nicht unbedingt schlecht. Ohne sie wären wir ausgeliefert, verloren und verdammt. Sie helfen uns bei allerlei Tätigkeiten unserer Organe und wir entlohnen sie, indem wir ihnen eine Bleibe und Nahrung bieten. Es lohnt sich also keineswegs für sie, uns zu vernichten, sie "wollen" ihren Gastgeber am Leben halten. Aber jede Medaille hat eine Rückseite und bei unpassender Ernährung, Verhaltensweise, in ungüstiger Umwelt, oder auch einfach, wenn man Pech hat, kann der Vorteil zu einem tödlichen Nacheil werden.

Bei allen beschriebenen Organen und bei den Gefahren, denen sie zu Opfern werden können, geht der Autor, der bei der berühmten Charité in Berlin vielfältige Erfahrungen gesammelt hat, von den Ursprüngen der lebenden Organismen aus und zeigt, wie sie sich durch Genmutationen und selektive Auslese zu unserem Vorteil verwandelt haben. Das nennt er die evolutionäre Medizin. Und so ist es auch geschehen, wenn die Kreationisten es auch anders haben wollen. Aber mit diesem in Jahrmillionen acquirierten Erbe müssen wir sorgsam umgehen. Jeder ist im Grunde genommen seines Glückes Schmied. Am Gefährdesten sind die Raucher. Da hilft nur radikaler Verzicht auf Tabak. Was aber dieses Buch uns gibt, sind keine einfachen Diätratschläge, wie man sie heute in unzähligen Zeitschriften findet, sondern echte medizinische Indikationen für eine günstige Lebensführung, die unsere Chancen erhöht, auf dieser Welt glücklich und schmerzfrei länger zu leben. Und das geschieht oft nicht, wie sich der Laie es vorstellt.

Lange hat sich der Körper des Menschen den wandelnden Umständen allmählich durch Änderungen seiner Struktur und Mutationen seiner Gene angepasst. Heute ersetzen wir das durch den Kulturwandel. Der Mensch passt sich nicht mehr an, er passt seine Umwelt an sich selbst. Aver der Kulturwandel, sprich die Verwandlung der Umgebung des Menschen durch den Menschen, geschieht viel zu schnell, als dass der Körper mithalten könnte. Wir sind eine Elite, das stimmt. Wir bringen nicht so hohe Leistungen in bestimmten Fächern wie viele Tiere, aber wir sind Universalgenies, auch körperlich, und Allesfresser mit einer Vielfalt von Fähigkeiten und einem grossen Hirn. Die Kehrseite davon, ist dass unser Körper sich nicht mehr so recht in unser heutiges Dasein und Sosein einfügen kann. Deswegen werden viele von uns krank. Allergien, Rückenschmerzen, Diabetes und vor allem Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die Strafe für unser falsches Verhalten in der richtigen Umwelt oder für das richtige Verhalten in der falschen Umwelt. Wir müssen auf unseren Steinzeitkörper hören. Dieses Buch sagt uns, wie wir dessen Signale entziffern können. Ein wirklich epochemachendes Buch. (JPP)

 

 

 

▪ Falsche Vorstellungen von der Volkskrankheit Diabetes

 

Diabetes hat sich zu einer regelrechten Volkskrankheit entwickelt. Allein in Deutschland leiden rund acht Millionen an Diabetes mellitus, Tendenz steigend. Trotzdem herrscht vielfach Unklarheit über den Umgang mit der Krankheit. Besonders Typ-2-Diabetiker wissen vielfach nicht, was sie wirklich beachten müssen und wobei es sich um übertriebene Vorsichtsmaßnahmen handelt. So hält sich beispielsweise hartnäckig das Gerücht, Diabetiker dürften keinen Zucker essen und müssten einen strengen Diätplan einhalten.

Ebenso falsch ist die Annahme, Diabetes-Patienten sollten keinen Sport treiben. Doch ganz im Gegenteil: Gerade bei Typ-2-Diabetes ist eine Gewichtsreduktion durch regelmäßigen Ausdauersport extrem wichtig.
Überholt ist auch der Glaube, nur ältere Menschen  bekämen Diabetes Typ 2. Heutzutage sind in Folge eines ungesunden Lebenswandels immer öfter Jugendliche und sogar Kinder von der Zuckerkrankheit betroffen.
Was ebenfalls viele nicht wissen: Der Verzehr von Zimtextrakt-Kapseln kann einen erhöhten Blutzuckerspiegel bei Diabetes Typ 2 wirksam senken. In Verbindung mit einem entsprechenden Ernährungsplan und ausreichend Bewegung kann mit Hilfe von einigen Medikamenten der Behandlungserfolg deutlich erhöht werden. Man muss nicht gleich zur Insulinspritze greifen.

 

 

 

 

Logo: SYMPOSIUM Lunarbase Der Mensch „fliegt“ zum Mond

Bauen für ein Leben auf dem Mond

Symposium Lunar Base in Kaiserslautern

 

 

Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen über ihre Visionen für eine Mondstation

 

Beim Symposium Lunar Base diskutierten am 12. und 13. Mai 2009 in Kaiserslautern Wissenschaftler und Ingenieure aus Raumfahrtdisziplinen aber auch Bauingenieure, Verfahrenstechniker und Architekten, wie eine permanente und bewohnbare Station auf dem Mond aussehen könnte. Organisatoren des Symposiums sind die TU Kaiserslautern und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). 40 Jahre nach der ersten und 37 Jahre nach der letzten Landung von Astronauten auf dem Mond, ist der Erdtrabant wieder in den Fokus der Weltraumforschung gerückt. Die großen Raumfahrtnationen planen die bemannte Rückkehr zum Mond und den Aufbau von Mondstationen.

 

Planeten, Kometen und Asteroiden in unserem Sonnensystem werden derzeit mit verschiedenen unbemannten Missionen erkundet. Diesen Sonden und Robotern könnten Astronauten folgen, zum Beispiel zu unserem Nachbarplaneten Mars. Als Ausgangspunkt für Missionen ins All gilt dabei der Mond. So plant die NASA derzeit die Rückkehr zum Mond mit Astronauten. Professor Dr. Johann-Dietrich Wörner, Vorstandsvorsitzender des DLR, sagt über die Bedeutung des Erdtrabanten für die Raumfahrt: "Der Mond ist im wahrsten Sinne des Wortes das nahe liegende Ziel, an dem wir erproben können, wie wir als Menschen unseren Wirkungskreis jenseits der Erde und der Erdumlaufbahn im Weltall erweitern können. Wenn tatsächlich Astronauten zum Mond zurückkehren und über einen längeren Zeitraum bleiben sollen, stellt sich sogleich die Frage, wie eine Station auf dem Mond aussehen könnte und mit welchen Mitteln ihr Aufbau technisch realisierbar wäre."

 

Ideenaustausch für Innovationen auf der Erde

 

Fertige Lösungen werden beim Symposium Lunar Base nicht erwartet. Es geht vielmehr um den fachlichen und kreativen Austausch der unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen. Prof. Wörner geht davon aus: "Ähnlich wie beim Apollo-Programm würde eine Mondstation oder ein bemannter Flug zum Mars zu einem enormen Innovationsschub auf der Erde führen. Schon jetzt gibt der Ideenaustausch zum Bauen auf dem Mond Impulse für Innovationen zum Beispiel in der Materialforschung oder bei Falt-Leichtbaukonstruktionen."

 

Mondexploration: Wissen, wo der günstigste Ort ist

 

Wenn Astronauten eine Basisstation für den Aufenthalt von Menschen auf dem Mond aufbauen sollen, müssen sie wissen, wo der geeignete Ort dafür ist. Ein Schwerpunkt des Symposiums ist daher die Exploration des Mondes. Voraussetzungen für zukünftige Mondlandungen sind genauere Informationen über die Topographie und Geologie des Mondes. Nur so können die Mondforscher den Ort festlegen, der sowohl ein Maximum an Sicherheit für die Astronauten bietet, als auch vielversprechend für die Erforschung des Mondes ist. Außerdem erkunden die Mondforscher die Oberfläche des Erdtrabanten bezüglich vorhandener Ressourcen und Baustoffe, für einen möglichst effektiven und dauerhaften Bau einer Station.

 

Missionen zum Mond

 

Kürzlich haben China, Indien und Japan Erkundungssatelliten zum Mond geschickt. Der amerikanische Lunar Reconaissance Orbiter wird dieses Jahr starten. Unbemannte Landemissionen sind für die nahe Zukunft von den genannten Ländern aber auch von Großbritannien und der ESA geplant. Diese Missionen werden den Mond erkunden, auch im Hinblick auf einen neuerlichen Aufenthalt von Astronauten auf dem Mond. Benötigt wird eine genaue thematische Kartierung des Monds aber auch eine Erforschung seines inneren Aufbaus. Wissenschaftlich interessant ist nach wie vor die große Frage nach der Entstehung des Monds und seiner frühen Entwicklung. Außerdem ist die Mondoberfläche ist ein einzigartiges Archiv der frühen Entwicklung des Sonnensystems. Das ist eine Motivation für die derzeitigen Explorationsmissionen der Raumfahrtnationen Japan, Indien China und den USA.

 

Lebenserhaltung in lebensfeindlicher Umgebung

 

Ebenfalls eine Herausforderung beim Bau einer Station auf dem Mond wird die Erschaffung und Erhaltung von Lebensraum für die Astronauten in der lebensfeindlichen Umgebung sein. So müssen die Astronauten von der Weltraumstrahlung, der hochenergetischen Gammastrahlung, abgeschirmt werden, vor der uns auf der Erde das Erdmagnetfeld schützt. Im Visier der Forscher ist auch der extrem feine und pulverige Mondstaub, der auf den Raumanzügen der Apolloastronauten gefunden wurde. Raumfahrtmediziner sehen die Gefahr, dass dieser Mondstaub in die Lungen der Astronauten eindringen und zu Gesundheitsproblemen führen könnte. All diese Bedingungen auf der Mondoberfläche, von denen es viele noch näher zu erforschen gilt, haben Auswirkungen auf die Bauweise einer Mondstation. Ein erster Schritt bei einer so komplexen Aufgabe wie dem Bau einer Mondstation, ist daher das Zusammenbringen von Wissenschaftlern und Ingenieuren verschiedener Disziplinen, die das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten und den weiteren Forschungsbedarf identifizieren.

 

Mehr Information : Dorothee Bürkle, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR, Kommunikation, Tel.: +49 2203 601-3492,Fax: +49 2203 601-3249, Dorothee.Buerkle@dlr.de ; sowie : Dr. Roswitha Grümann, Europäische Raumfahrtpolitik, Tel.: +49 2203 601-3127, Roswitha.Gruemann@dlr.de 

 ; Prof. Dr.-Ing. Jürgen Schnell, TU Kaiserslautern, Fachgebiet Massivbau und Baukonstruktion, Tel.: +49 631 205-2157, jschnell@rhrk.uni-kl.de

 

 

 

Wernher von Braun Michael J. Neufeld. Wernher von Braun Visionär des Weltraums – Ingenieur des Krieges. Biographie. Siedler Verlag.
Gebundenes Buch, Leinen mit Schutzumschlag, 688 Seiten, 15,0 x 22,7 cm, 44 s/w Abbildunge. ISBN: 978-3-88680-912-7.€ 49,95 [D] | € 51,40 [A] | CHF 84,90
 

Krieg und Frieden im Leben des Raketen-Konstrukteurs Wernher von Braun

 

 Die Geschichte des Wettlaufs zum Mond - Politische Verantwortung wollte der Raketenbauer von Braun nicht übernehmen  - Die Produktion der V-2 in Dora-Mittelbau  - Mangelndes politisches Geschick eines genialen Raketen-Konstrukteurs oder das Unglück seiner Zeit?

Hollywood macht die erschreckendsten Horrorfilme, doch Goethe’s Faust mit seinem Teufelspakt, der Macht und Erfolg noch im Diesseits verspricht, wirkt auf amerikanische Leser immer noch als non plus ultra. Als Beispiel hierfür steht die neue Biographie des deutsch-amerikanischen Raketenforschers Wernher von Braun, dem Autor Michael J. Neufeld die Untertitel „Visionär des Weltraums – Ingenieur des Krieges“ gab.

 

Die vergangene NS-Zeit holte von Braun in USA immer wieder ein

 

Einen Teufelspakt nennt der gebürtige Kanadier M.J.Neufeld, gegenwärtiger  Direktor des Washingtoner Luft- und Raumfahrt-Museums der gemeinnützigen Smithsonian Institution, die Zusammenarbeit des Raketenforschers Wernher von Braun (23.3.1912-16.6.1977) mit dem NS-Staat. Doch ohne Kooperation mit den NS-Größen hätte es für von Braun keinen Raketenbau gegeben, weil eine staatliche Genehmigung und die finanziellen Mittel ausgeblieben wären. Überdies bewegte sich der begeisterte Raketenkonstrukteur bereits vor 1933 in Reichswehr-Kreisen, die seine Raketen-Bautätigkeit ideell und finanziell unterstützten. Sein Vater Magnus von Braun war 1932 im „Kabinett der Barone“ von Papens Landwirtschaftsminister. Prinzipiell bewegte sich Sohn Wernher 1933 keineswegs im Fahrwasser der NS-Bewegung, wenn er auch dem neuen Regime nicht ablehnend gegenüber stand und tat, was man ihm auftrug.

 

Faktenreich und sachkundig beschreibt Autor Neufeld einzelne Lebensstationen des Deutsch-Amerikaners Wernher von Braun, des zeitweise berühmtesten „Space Man“ der USA. Keineswegs freiwillig kam von Braun im Jahr 1945 nach USA.  Am 2. Mai, fünf Tage vor der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands, begann Magnus von Braun die Übergabe-Verhandlungen mit der US-Army in Reutte/Tirol. Mit dem Resultat, dass das komplette Team, nahezu 500 „Peenemünder,“ nach USA verbracht wurden. Die ersten 127 reisten im November 1945 im Rahmen der Aktionen „Overcast“ und „paperclip“ nach Übersee. Mit ihnen baute von Braun nach dem Korea-Krieg um 1951 die „Redstone,“ seine erste amerikanische Rakete auf der Basis der V-2. Es war nicht nur die erste brauchbare Mittelstrecken-Rakete, der 1955 die dreistufige Jupiter-C folgen sollte, sondern der Beginn einer ebenso seltenen wie erfolgreichen Zusammenarbeit. Höhepunkt im Leben nicht nur von Brauns war der 20.7.1969, als vor genau vierzig Jahren zwei Amerikaner vor den Sowjets auf dem Mond landen. Damals reisten über eine Million Menschen nach Cape Kennedy in Florida, um dem Schauspiel des Starts der Mondrakete mit dem Raumschiff Apollo-11 beizuwohnen.

 

Von Peenemünde und Mittelbau-Dora

 

Im NS-Staat erfuhr von Braun aufgrund bester Kontakte zur Führung die größtmögliche Unterstützung für seine Raketenpläne. An der 1937 errichteten Raketen-Forschungsstelle HVA Peenemünde (HVA=Heeres-Versuchsanstalt) auf Usedom konstruierte er, weitgehend abgeschottet von der Außenwelt, mit seinem über 500 Köpfe umfassenden Team die erste, A4 (Aggregat 4) genannte Rakete, die einen Sprengkopf von 1 t tragen konnte. Ihr erster geglückter Start erfolgte am 3.10.1942 vom Startplatz VII. Zwar war die A4 technisch noch nicht perfekt, jedoch wurde sie bald in großen Stückzahlen gebaut und auf englische Städte wie London oder auf Antwerpen verschossen. Es gab meist einige Dutzend Tote und Sachschaden, „doch ein alliierter Bombenangriff auf eine deutsche Großstadt verlief weitaus verheerender“, urteilte kürzlich der Deutsch-Amerikaner Konrad Dannenberg in Huntsville, ein ehemaliger „Peenemünder,“ über die Wirkung der V-2.

 

Nach der alliierten Bombardierung Peenemündes im August 1943 wurde die Unter-Tage-Produktion der A4 von H. Himmler, Reichsführer SS, angeordnet. Die seit 1944 propagandistisch „V-2“ (Vergeltungswaffe) genannte Rakete wurde unter erbärmlichen Arbeitsbedingungen in Mittelbau-Dora bei Nordhausen, Thüringen, gefertigt und montiert. Tausende von Fremd- und Zwangsarbeitern aus den eroberten Gebieten und nur wenige jüdische Glaubensbrüder arbeiteten dort im Schichtbetrieb. Wurden die Fremd-Arbeiter krank oder starben an Entkräftung, wurden sie durch KZ-Häftlinge ersetzt. Die Fabrik- und Montagearbeiten wurden in drückend heißer Luft ohne Frischluftzufuhr in menschenverachtender Weise „ohne Rücksicht auf Verluste“ durchgezogen. Über 100 V-2s monatlich wurden in den letzten Kriegsmonaten in Mittelbau-Dora hergestellt, die Produktion zeitweise von den gefangenen Arbeitern sabotiert. Infolge mangelhafter Ernährung und Hygiene kam es häufig zu Todesfällen unter den französischen, polnischen und mehrheitlich russischen Kriegsgefangenen. Der französische Zwangsarbeiter Jean Michel, in Deutschland inhaftiertes Mitglied der französischen Résistance, beklagte sich noch 20 Jahre später in Briefen und Zeitungsartikeln bitter über die unhaltbaren, menschenunwürdigen Zustände in Mittelbau-Dora. Ein Teil des dortigen Lager- und Wachpersonals wurde kurz nach Kriegsende von amerikanischen Militärgerichten als Kriegsverbrecher verurteilt und hingerichtet.

 

Die ca. 500 „Peenemünder“ Raketeningenieure wurden im April 1945 nach Oberammergau im Allgäu evakuiert und auf umliegende Dörfer verteilt. Sie durften keinesfalls den Sowjets in die Hände fallen, ebenso wenig ihr kriegswichtiges Material. Auch sämtliche Produktionsmaschinen wurden mit den halbfertigen V-2s auf Eisenbahn-Züge von Nordhausen Richtung Westen verfrachtet. Im Mai 1945 übernahmen die in Thüringen eingerückten US-Soldaten diese Arbeit, bis alle V-2s aus Mittelbau-Dora abtransportiert waren und die sowjetischen Soldaten Mitte 1945 in ihr seit Jalta zugewiesenes Besatzungsgebiet einmarschierten. Die rund 500 Raketen-Ingenieure waren mit ihren Familien inzwischen in Pensionen, Hotels und Privatunterkünften im Allgäu untergekommen. In Reutte/Tirol führte zunächst Magnus von Braun, Wernhers Bruder, danach dieser selbst, die Übergabeverhandlungen mit der amerikanischen Gegenspionage CIC (Counter Intelligence Corps). Mit dem Ergebnis, dass zunächst 127 deutsche Raketen-Spezialisten nach intensiven Verhören und  Befragungen im Herbst 45 auf dem umgebauten Passagierschiff „MS Argentina“ nach USA verbracht wurden. Anderen Raketenbauern erging es weniger gut, berichtet Biograph Neufeld, denn von Brauns engem Mitarbeiter Walther Riedel III wurden bei der Gefangennahme in Saalfeld/Th., die Zähne eingeschlagen und er landete im Gefängnis. Auch Walther Riedel III kam später nach USA.

 

Erste Reise zum Mond

 

Die deutschen Raketenspezialisten wurden als Zivilangestellte an die US-Army, die US-Navy oder direkt an Privatunternehmen weitergereicht. Auf dem riesigen, ca. 100 km langen Truppenübungsplatz „White Sands“ in New Mexico verschossen sie in Tests über 300 V-2, die US-Soldaten in Europa erbeutet hatten. Ihre Frauen und Kinder blieben in einem US-Camp bei Landshut zurück. Die V-2 people, so ihr Name bei den Amerikanern – lebten in einem umzäunten Teil der Kaserne in Ft. Bliss, Texas. Sie entwickelten nach dem Korea-Krieg 1951 die amerikanische Mittelstrecken-Rakete Redstone, die auch Atomsprengköpfe tragen konnte. Ab Ende der 1940er Jahre durften ihre Familienmitglieder nachkommen, wenn sie die US-Staatsbürgerschaft beantragten. Ein Teil der „Peenemünder“ erhielt 1954 die Einbürgerungs-Urkunde, Wernher von Braun erst 1955.

 

Anfang der 1950er Jahre siedelten die deutschen Raketenbauer nach Huntsville, Al., auf das Redstone-Arsenal um. Dort arbeiteten sie unter ihrem Chef von Braun für die US Army, bauten sich hübsche Häuser auf den Höhen der Stadt und entwickelten neue Raketen. Aus dem „Aggregat A4“  bzw. der Redstone entstanden die Pershing-Raketen, eine vierstufige Jupiter-C-Version und schließlich die Mondrakete Saturn-V. Auch die erste russische Rakete R-1 von 1947 basierte auf der A4, berichtete der Deutsch-Amerikaner Konrad Dannenberg.

 

Plötzlich piepte am 4.10.1957 am Nachthimmel über New York der sowjetische „Sputnik“, der erste Satellit, der die Erde umkreiste. Rasch wurden die deutsch-amerikanischen Raketenspezialisten aus der Versenkung der Geschichte geholt, denn es gelang der US-Navy nicht, als Antwort auf die sowjetische Herausforderung ihre Vanguard-Raketen mit einer Raumsonde in den Orbit zu schießen. Dies war die Stunde von Brauns. Er versprach kurz vor Weihnachten 1957 dem amerikanischen Verteidigungsminister Mc Elroy, „binnen sechs Wochen“ einen amerikanischen Satelliten auf einen Orbit zu bringen und den Rückstand gegenüber den Sowjets zu egalisieren. Dies gelang problemlos. Damit war der Wettlauf zum Mond eröffnet, denn die Russen legten immer neue Meisterleistungen der Raumfahrt vor: Juri Gararin war am 12.4.1961 der erste Mensch im Weltall. Daraufhin gab der neue US- Präsident John F. Kennedy vor dem US-Congress die Landung eines Menschen auf dem Mond als wichtiges politisches Ziel der Vereinigten Staaten aus. Zählen konnte er dabei auf von Brauns Team vom MSFC (Marshall Space & Flight Center) in Huntsville. Es verfügte nun über genügend finanzielle Mittel und politischen Rückhalt für das langersehnte Abenteuer Mondlandung. Dem großen „Schlaks“ JFK zollten die „Peenemünder“ stets Respekt. Insgesamt sollen sich die Kosten für das US-Mondprogramm auf ca. 240 Mrd. Dollar beziffern.

 

Binnen acht Jahren baute von Brauns Team u.a. 15 Saturn-Raketen, von denen keine einen Fehlstart hatte oder gar explodierte. Dennoch verbrannten die ersten drei US-Astronauten in ihrer Raumkapsel auf dem Startplatz Cape Kennedy, weil es einen Brand gab, der nicht rasch gelöscht werden konnte. Mit 110,6m Höhe, 2.934,8 t Startgewicht und einem Schub von 3.424 t wurde die Saturn-V die weltgrößte und stärkste Rakete, zur „Mond-Rakete.“ Sie beförderte am 16.7.69 das Raumschiff Apollo-11 von seinem Startplatz Cape Kennedy, Flo., ins Weltall. Zwei der drei Astronauten an Bord, Edwin Aldrin und Neil Armstrong, landeten am 20. Juli 1969 mit einem LM (Lunar Module) auf dem Mond im „Mare Tranquilitatis,“ sendeten Bilder und Töne zur Erde. Nach ihrer gelungenen Rückkehr wurde von Braun von den überglücklichen Bürgern und dem Magistrat seiner neuen Heimatstadt auf Schultern durch die Straßen getragen. Dennoch gibt es noch heute Menschen, die nicht glauben, das die Amerikaner auf dem Mond waren und im Internet ihre Meinung kundtun. Die Mondlandung war jedenfalls mehr als nur ein spektakulärer Erfolg, wie es Neil Armstrong ausdrückte: „Ein riesiger Schritt für die Menschheit.“

   

Politische Wertungen einer beeindruckenden Ingenieurleistung 

 

Nicht nur Autor Neufeld machte von Braun den Vorwurf, von den unzumutbaren Zuständen in Mittelbau-Dora gewusst und geschwiegen zu haben. Mit der überlieferten Aussage, er habe bei seinen wenigen Besuchen in Mittelbau-Dora nie Misshandlungen von Arbeitern gesehen, auch keine Toten, verteidigte sich im Jahr 1966 von Braun in einem Brief nach Frankreich an den früheren Zwangsarbeiter Jean Michel. In USA häuften sich nach der Mondlandung Ende Juli 1969 die Attacken gegen von Braun, weil er als maßgeblicher Konstrukteur der V-2 viel Leid, Elend und Tod über die Zivilbevölkerungen der Alliierten gebracht hatte. So wurde er in TV-Sendungen überraschend vom Moderator gefragt, was er empfunden habe, als die V-2s in London einschlugen und dort Dutzende von Menschen ums Leben kamen. In Essen fanden nach 1970 Kriegsverbrecher-Prozesse wegen Dora-Mittelbau statt.

 

Jüdische Interessengruppen in den USA kritisierten heftig von Brauns bezahlte, rege Vortragstätigkeit. Häufig wartete die amerikanische Presse mit öffentlichen Enthüllungen zur Person von Braun auf, seiner braunen Vergangenheit als SS-Offizier, seiner Verwicklung in den Tod zahlreicher Arbeiter in Dora-Mittelbau. So wurde von Braun nie Chef der NASA, berichtet Autor Neufeld. Er erwähnt aber auch lobend, dass von Braun sich um 1960 in Huntsville nicht dem Lager der Anti-Bürgerrechtler um den erzkonservativen Alabama-Gouverneur George Wallace anschloss, sondern sich aktiv in Reden an seinem neuen Heimatort für die Gleichberechtigung und Bürgerrechte der schwarzen Bevölkerung einsetzte. Was ihm prompt geheime Drohungen durch den Ku-Klux-Klan einbrachte, der kritisierte, dass von Brauns MSFC (Marshall Space & Flight Center) in Huntsville damals die ersten schwarzen Ingenieure und Wissenschaftler einstellte. Um 1960, so Neufeld, wurde die öffentliche Rassentrennung in Alabama noch strikt eingehalten.

 

Zur politischen Schuldfrage von Brauns: Gewiss machte er einen schmerzlichen, politischen Reifeprozess durch. Das einfache Denken „das Vaterland verlangt’s,  ich tue es,“ genügte nicht mehr. Doch hatte sein Raketen-Team in Peenemünde je eine realistische Möglichkeit, auf die Wahl einer bestimmten politischen Persönlichkeit Einfluss zu nehmen? Warum übernahm sein Vater Magnus von Braun, der 1932 bereits Landwirtschafts-Minister war, nicht selbst 1933 die Macht in Deutschland? – Die Antwort kann nur lauten: Weil ihm niemand gefolgt wäre. Es gab damals eine Unausweichlichkeit politischer Verhältnisse in Deutschland, ein heilloses Dilemma oder, wenn man so will, der Beginn einer neuen Tragik der Geschichte. Dies bezeugen am besten diejenigen, die oppositionell zum NS-Regime standen, ohnmächtig bei dessen Machtübernahme am 30.1.1933 zusahen und später selbst vor den neuen Machthabern zittern mussten. Sogar von Braun wurde 1944 kurzzeitig von der SS in Peenemünde verhaftet. Von dieser Unausweichlichkeit der politischen Verhältnisse für den einzelnen Menschen spricht der Wissenschaftshistoriker Neufeld in seinem Werk nicht. Nirgends. Persönliche Zivilcourage ist jedoch nicht mehr ausreichend bei staatlich verordneten NS-Zwangsmassnahmen für alle. Andererseits: So ehrenvoll die späten NS-Prozesse für die Bundesrepublik auch sind, es wurden zu wenige NS-Verbrecher angeklagt und noch weniger verurteilt, sagt Ernst Cramer, früher Mitherausgeber der WELT, der 1939 noch aus dem KZ Buchenwald nach USA flüchten konnte.

 

                                                                                                                                                                            Richard E. Schneider 

 

 

 

▪ Marsmond Phobos: Aufnahmen der Südhalbkugel in hoher Auflösung

Bei der letzten einer Serie von acht Begegnungen mit Marsmond Phobos erfasste die hochauflösende Stereokamera HRSC die Gesamtansicht des Marstrabanten in hoher Auflösung. Dabei flog die Sonde Mars Express der europäischen Weltraumorganisation ESA am 9. Januar 2011 in nur 100 Kilometern Entfernung an Phobos vorbei und nahm die Südhemisphäre des unregelmäßig geformten Monds auf. Die Forscher des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) planten die Aufnahmen, bei denen die Sonde mit 2,3 Kilometern in der Sekunde an Phobos vorbei flog, und verarbeiteten die Daten. Jetzt liegen die Ergebnisse vor.

Da die Mars Express-Sonde in einer elliptischen Umlaufbahn um den Roten Planeten fliegt, entfernt sie sich regelmäßig vom Mars und nähert sich dabei im Schnitt alle fünf Monate auch Phobos an. Dieser umrundet den Mars in etwa 6000 Kilometern Entfernung von der Oberfläche des Planeten. Mit den Aufnahmen dieses Vorbeiflugs konnten die Wissenschaftler große Teile der Südhemisphäre des Mondes erstmals in einer Auflösung von 3,8 Metern pro Pixel aufnehmen. Dabei scannte die Stereokamera HRSC den etwas über 20 Kilometer großen Marsmond mit fünf der neun Sensoren, die auf der Kamera hintereinander angeordnet sind. Gerade einmal eine Minute waren die Sensoren insgesamt angeschaltet, für jeden Sensor war Phobos nur neun Sekunden im BlickfeldKrater, Rillen und ein hausgroßer Felsblock

Klaus-Dieter Matz vom DLR-Institut für Planetenforschung war für die Planung der Aufnahme verantwortlich. Um bei der hohen Geschwindigkeit der Raumsonde im Vorbeiflug möglichst scharfe Aufnahmen zu erstellen, musste Mars Express während des Rendezvous mitschwenken. Für die Berechnung dieses komplizierten Manövers berücksichtigten die Wissenschaftler die Bahn des Mondes ebenso wie die exakte Bahn der Mars Express Sonde, die die ESA aus einer Vielzahl von Parametern bestimmt. Eine Korrektur während der kurzen Aufnahme war dabei nicht möglich, da zum Zeitpunkt der Annäherung die Steuerungssignale von den Bodenstationen der Erde zur Sonde im All 19 Minuten und 47,4 Sekunden benötigt hätten. Das Manöver funktionierte am 9. Januar jedoch problemlos. Und dennoch: "Die maximale Geschwindigkeit, mit der die ESA den Mars-Orbiter während des Vorbeiflugs drehen kann, beträgt 0,15 Grad pro Sekunde. Idealerweise hätte man die Sonde jedoch bei der hohen Vorbeiflug-Geschwindigkeit mit 0,26 Grad pro Sekunde drehen müssen", erklärt DLR-Wissenschaftler Matz. Der dadurch verursachte Effekt wurde anschließend bei der Bilddaten-Prozessierung ausgeglichen.

Gut zu erkennen auf den Aufnahmen sind die zahlreichen Krater und die so genannten "Grooves" - Rillen, deren Entstehung bisher noch ungeklärt ist. An einer Stelle konnte sogar ein etwa hausgroßer Felsblock entdeckt werden, der auf der Oberfläche von Phobos liegt und einen markanten Schatten wirft. "Mit jeder Phobos-Aufnahme der Stereokamera können wir das dreidimensionale Modell des Marsmondes verbessern", sagt Prof. Jürgen Oberst vom DLR-Institut für Planetenforschung. "Vor allem helfen uns die neuen Bilddaten, das globale Bildermosaik des Marsmondes ständig weiter zu entwickeln, um am Ende daraus einen Atlas von Phobos ableiten zu können". Wichtig ist die Auswertung der Aufnahmen unter anderem für die russische Mission "Phobos Grunt", die im November 2011 zu Phobos startet ("Grunt" bedeutet im Russischen "Boden"). Die Mission sieht unter anderem vor, dass ein Landemodul auf dem Marsmond aufsetzt, Gesteins- und Staubproben mit einem Roboterarm einsammelt und diese in einer Rückkehrkapsel zurück zur Erde transportiert. Das Landemodul selbst soll dann noch ein Jahr lang von der Phobos-Oberfläche aus wissenschaftliche Messungen in der Marsumgebung vornehmen.

Über die HRSC-Kamera

Das Kameraexperiment HRSC auf der Mission Mars Express der Europäischen Weltraumorganisation ESA wird vom Principal Investigator (PI), Prof. Dr. Gerhard Neukum (Freie Universität Berlin), der auch die technische Konzeption der hochauflösenden Stereokamera entworfen hat, geleitet. Das Wissenschaftsteam besteht aus 45 Co-Investigatoren aus 32 Institutionen und zehn Nationen. Die Kamera wurde am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) unter Leitung von Gerhard Neukum entwickelt und in Kooperation mit industriellen Partnern gebaut (EADS Astrium, Lewicki Microelectronic GmbH und Jena-Optronik GmbH). Sie wird vom DLR-Institut für Planetenforschung in Berlin-Adlershof betrieben. Die systematische Prozessierung der Daten erfolgt am DLR.

Die Darstellungen wurden vom Institut für Geologische Wissenschaften der FU Berlin in Zusammenarbeit mit dem Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), Kommunikation, Linder Höhe, 51147 Köln - http://www.dlr.de/

Kontakte: DLR-Institut für Planetenforschung- Manuela Braun Tel.: +49 2203 601-3882,  Manuela.Braun@DLR.de ;  Prof.Dr. Ralf Jaumann, Tel.: +49 30

67055-400, Ralf.Jaumann@DLR.de, Ulrich Köhler,Tel.: +49 30 67055-215, Ulrich.Koehler@DLR.de

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Neuer Exoplanet im Blick

 

 CoRoT-9b ist die jüngste Entdeckung des CoRoT-Satelliten, an der auch Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) beteiligt sind. Bei dem Neuzugang handelt es sich um einen jupitergroßen Planeten, der seinen Stern in 95 Tagen umkreist. "Dieser Exoplanet besticht durch seine 'Normalität'. Er kommt in seiner Charakteristik den Planeten unseres Sonnensystems schon ziemlich nahe", sagt Prof. Heike Rauer vom DLR-Institut für Planetenforschung, die den deutschen Beitrag zu CoRoT (Convection, Rotation and Planetary Transits) leitet.

 

Der Planet außerhalb unseres Sonnensystems kreist um einen Stern im Sternbild Schlange, der 1500 Lichtjahre von der Erde entfernt ist. Aus seiner Umlaufzeit ergibt sich ein Abstand zwischen Planet und Stern, der in etwa dem zwischen Merkur und Sonne entspricht. CoRoT-9b ist daher ein recht normaler Planet, das heißt vermutlich ein Gasplanet mit relativ moderaten Temperaturen. Diese könnten zwischen -20 und +160 Grad Celsius liegen und sind davon abhängig, ob stark reflektierende Wolken vorhanden sind. Die Unterschiede zwischen Tag- und Nachtseite sind wahrscheinlich nur gering. CoRoT-9b unterscheidet sich damit deutlich von der Klasse der so genannten heißen Jupiter, die in Umlaufzeiten von nur etwa drei Tagen ihren Zentralstern umkreisen. Ein Planet mit einer kurzen Umlaufzeit ist sehr nahe an seinem Stern und wird entsprechend kräftig beschienen, daraus leiten sich die Klassen der heißen Jupiter und heißen Neptune ab.

 

Warten auf die Verdunklung

 

Mit der Entdeckung des Transits eines Planeten mit einer langen Umlaufzeit (langperiodische Planeten) hat CoRoT ein weiteres Missionsziel erreicht. Das erste war die Entdeckung des Gesteinsplaneten CoRoT-7b, der im Februar vergangenen Jahres bekanntgegeben wurde. Insgesamt hat CoRoT jetzt acht Planeten und einen so genannten "braunen Zwergstern" aufgespürt. Bei der Transitmethode beobachtet das Weltraumteleskop mehrere Tausend Sterne über einen Zeitraum von 150 Tagen. Wenn ein Planet auf seiner Umlaufbahn durch die Sichtlinie von Teleskop zu Zentralstern läuft, dunkelt er den Stern für mehrere Stunden ein wenig ab. Der CoRoT-Satellit misst diese Abnahme in der Helligkeit. Zur Orientierung: Ein Planet wie die Erde dunkelt bei einem Transit die Sonne um ein Zehntausendstel ab und zwar einmal im Jahr. Da der Stern selber auch Schwankungen unterworfen ist, ist die Suche nach Transitereignissen ein langer und aufwendiger Prozess.

 

Die Messungen, die zur Entdeckung des neuen Planeten führten, wurden im Sommer 2008 während einer 145-tägigen Beobachtungsperiode durchgeführt. Eine besondere Schwierigkeit dabei war die weite Umlaufbahn des Planeten. Je größer der Bahnradius eines Planeten, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihn seine Umlaufbahn exakt zwischen Stern und Teleskop lenkt. Die Entdeckung von CoRoT-9b ist somit der Beweis, dass die Transitmethode auch solche Exoplaneten entdecken kann. "Hat man einen Exoplaneten im Transit beobachtet, dann kann man direkt seinen Radius bestimmen. Das ist eine der fundamentalen Größen eines Planeten, die nur für Transitplaneten direkt gemessen werden kann. Außerdem bieten Transitplaneten die Möglichkeit, etwas über die Atmosphäre herauszubekommen. Das ist der Schlüssel bei der Suche nach erdähnlichen Planeten, auf denen vielleicht Leben möglich ist", sagt Professor Rauer. Die Entdeckung von CoRoT-9b wird in einem Artikel in der Fachzeitschrift "Nature" veröffentlicht.

 

Extrasolaren Planeten auf der Spur

 

Mehr als 400 extrasolare Planeten kennt man bis heute. Bei etwa 70 von ihnen kann man Transitereignisse beobachten. Aus der Transitmessung ergeben sich die Periode, die Inklination und der Radius des Planeten. Ergänzt man diese Methode mit anderen Beobachtungsmethoden, kann man die Werte für die Masse und damit die Dichte des Exoplaneten bestimmen, die eine grundlegende Einteilung von Gas- und Gesteinsplaneten erlaubt. Nachfolgemessungen von CoRoT-9b wurden am Teide Observatorium in Teneriffa durchgeführt, die Radialgeschwindigkeitsmessungen mit dem hochauflösenden HARPS Spektrometer am 3,60-Meter-Teleskop der ESO (European Southern Observatory) in Chile.

 

Die CoRoT-Mission wird von der französischen Raumfahrtagentur CNES geleitet, beteiligt sind Forscher der Europäischen Weltraumorganisation ESA und anderer Forschungsinstitute aus Belgien, Brasilien, Deutschland, Österreich, Spanien. Im Auftrag der Bundesregierung und mit finanzieller Förderung des DLR-Raumfahrtmanagements wurde am DLR-Institut für Planetenforschung in Berlin innerhalb von fünf Jahren die On-Board-Software entwickelt und erprobt. Neben der Steuerung der Instrumente und der präzisen Ausrichtung des Satelliten übernimmt die Software auch einen Teil der Datenverarbeitung und Übertragung.

 

Der gesamte deutsche Beitrag beträgt rund fünf Millionen Euro. Zum deutschen Team gehören auch die Thüringer Landessternwarte in Tautenburg sowie das Rheinische Institut für Umweltforschung an der Universität zu Köln, die sich mit der Datenanalyse, Simulationsrechnungen und Nachbeobachtungen maßgeblich an der Mission beteiligen.

 

Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), Kommunikation, Linder Höhe, 51147 Köln - http://www.dlr.de/ Kontakte: Manuela Braun, DLR, Kommunikation, Tel.: +49 2203 601-3882,mailto:Manuela.Braun@dlr.de

Prof. Dr. Heike Rauer,DLR, Institut für Planetenforschung, Extrasolare Planeten und Atmosphären, Tel.: +49 30 67055-430, mailto:Heike.Rauer@dlr.de

Dr.rer.nat. Ruth Titz-Wieder, DLR,Institut für Planetenforschung,Tel.: +49 30 67055-185, Fax: +49 30 67055-507,mailto:Ruth.Titz@dlr.de - Artikel mit Bildmaterial: http://www.dlr.de/desktopdefault.aspx/tabid-1/9600_read-23114/

 

 

Eine Studie der Deutschen Luft und Raumfahrt (DLR)
     Gletscher auf dem Mars
 

Nach einer Studie, die einige Wochen vor der Entdeckung der Marsgletscher (Artikel hier oben) erschienen war, wurde die Marsoberfläche bis vor wenigen Millionen Jahren auch in mittleren Breiten und sogar in Äquatornähe von Gletschern geprägt. Noch heute könnte Wassereis als "fossiles" Überbleibsel dieser Gletscher anzutreffen sein.

Dies geht aus zwei Artikeln hervor, die von James W. Head von der Brown University in Providence (Rhode Island, USA) und Ernst Hauber, einem Planetengeologen vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Berlin, sowie einer Gruppe von Co-Autoren verschiedener Institutionen verfasst wurden. Die Aussagen stützen sich auf die Auswertung von hochauflösenden Bildern der Marsoberfläche, die von der vom DLR betriebenen, hochauflösenden Stereokamera HRSC an Bord der ESA-Raumsonde Mars Express aufgenommen wurden. Die Autoren sind Mitglieder des internationalen HRSC-Wissenschaftsteams, das von Gerhard Neukum (Freie Universität Berlin) geleitet wird. Die Ergebnisse wurden am 17. März 2005 in der Fachzeitschrift "Nature" veröffentlicht.

Die Oberflächenstrukturen wurden in Aufnahmen der deutschen High Resolution Stereo Camera (HRSC) identifiziert, die seit mehr als einem Jahr an Bord der Mars Express-Sonde den Roten Planeten umkreist und unseren Nachbarplaneten in hoher Auflösung, in Farbe und in "3D" fotografiert. Sie zeigen Fließformen, die vermutlich von Gletschern oder "Blockgletschern" (einer Mischung aus Eis und Gesteinsbruchstücken unterschiedlicher Größe) gebildet wurden. Man bezeichnet Strukturen, die von Gletschern verursacht wurden, in der Geologie als glazial.

Zahlreiche konzentrische Höhenrücken erinnern an so genannte Endmoränen: Geröllwälle, die ein wachsender Gletscher vor sich herschiebt und dann nach seinem Abschmelzen zurückbleiben. Außerdem sind parallele Streifen zu sehen, die von den Autoren als Mittelmoränen interpretiert werden, welche die Fließrichtung der Gletscher anzeigen. An Stellen, wo die Gletscher über steilere Geländeabschnitte führten, sind Spalten zu erkennen: In ähnlicher Weise entstehen in Gletschern auf der Erde Spalten - so genannte "Eisbrüche" -, wo die Spannungen innerhalb des Eises wegen des größeren Gefälles und des unebenen Geländes zunehmen.

Weitere glaziale Merkmale sind längliche, mehrere Kilometer lange, parallele Riefen und langgezogene Hügel, die auf den Oberflächen von Bergrücken in einiger Entfernung zu den möglicherweise vergletscherten Gebieten beobachtet werden. Die Hügel ähneln so genannten Drumlins, dem gälischen Wort für Strukturen, die unter dem Eis durch die Bewegung des Gletschers und das dadurch bedingte Zusammenschieben und Aufhäufen abgeschürften Materials entstehen. Auf der Erde treten Drumlins in ehemaligen eiszeitlichen Regionen wie dem bayerischen Voralpenland auf. "Wir sehen hier eine ganze Reihe glazialer Strukturen in einem konsistenten räumlichen Zusammenhang. Das festigt unsere Überzeugung, hier tatsächlich frühere Marsgletscher zu sehen", sagt Hauber.

Besonders interessant ist das Alter der glazial geprägten Oberflächen auf dem Mars. Diese sehen in weiten Gebieten der von den Autoren entdeckten ehemaligen Vergletscherung ziemlich "intakt" aus, denn typische Anzeichen für massiven Eisverlust - wie zum Beispiel Einsturzkrater oder so genannte "Toteislöcher" (rundliche Hohlformen mit bis zu mehreren hundert Meter Durchmesser), wie sie in heute eisfreien Gegenden Islands anzutreffen sind - fehlen fast vollständig. Die statistische Auswertung der Anzahl von Kratern, die dort durch Meteoriteneinschläge entstanden sind und zur Altersbestimmung der Flächen herangezogen werden, zeigt, dass die Landschaft in ihrer heutigen glazialen Ausprägung zum Teil erst vor einigen Millionen Jahren entstanden ist. In der Planetengeologie gelten solche Alter als extrem jung.

Eis ist an der Marsoberfläche in diesen Breitengraden unter der gegenwärtigen, extrem dünnen Marsatmosphäre über längere Zeiträume nicht stabil. Es würde bei dem herrschenden geringen Luftdruck sublimieren, also direkt vom festen in den gasförmigen Zustand übergehen, und dann aus der Atmosphäre ins All entweichen - auch wenn es heute am Äquator des Mars in der Theorie kalt genug ist für die Existenz von Gletschern: Selbst an einem Sommertag steigt die Temperatur maximal auf etwa 20 Grad Celsius; in den Nächten und vor allem im Winter sinken die Temperaturen oft auf unter minus 50 Grad Celsius ab.

Die Gletscher müssen sich also bis vor wenigen Millionen Jahren in einer damals anderen, einer wärmeren und vielleicht auch dichteren Atmosphäre gebildet haben und wurden dann inaktiv oder bildeten sich mangels Eisnachschubs zurück. Seither werden sie von einer dünnen Oberflächenschicht aus Staub vor Sublimation geschützt. Staub ist auf dem Mars fast allgegenwärtig und würde auch erklären, warum das möglicherweise in nur wenigen Metern Tiefe noch heute vorhandene "fossile" Eis nicht von anderen Instrumenten wie beispielsweise Spektrometern entdeckt werden kann. Erst vor kurzem waren HRSC-Aufnahmen über ein zugefrorenes Marsmeer von der Größe der Nordsee bekannt geworden.

Treffen die Schlussfolgerungen der Forscher zu, weisen die Resultate auf einen Klimawechsel auf dem Mars innerhalb der letzten Millionen Jahre hin. Derart dramatische Klimawechsel werden seit vielen Jahren in der Marsforschung diskutiert und könnten ihre Ursache in einer im Lauf der Jahrmillionen um große Neigungswinkel schwankenden Polachse des Mars haben, ein seit längerem bekanntes Phänomen. Die Entschlüsselung der Klimageschichte des Mars ist eine der Hauptfragen, die mit den aktuellen Marsmissionen wie Mars Express geklärt werden soll. Die Forscher interessiert vor allem, wann und über welche Zeiträume auf dem Mars Wasser und Eis vorhanden waren.

Als ein Beispiel für ihre Thesen führen die Autoren den so genannten "Stundenglaskrater" an. Diese ungewöhnliche Struktur mit Spuren eines früheren Gletschers befindet sich am Ostrand der Hellas-Tiefebene. Aus einem 3500 Meter hohen Bergmassiv strömte ein so genannter Blockgletscher, ein Eisstrom mit einem hohen Anteil an Felsschutt, zunächst in einen neun Kilometer großen schüsselförmigen Einschlagkrater (links), der dadurch fast bis zum Rand aufgefüllt wurde. Wie ein zäher, schlieriger Brei schob sich der Blockgletscher, begünstigst durch das Gefälle, weiter in einen 500 Meter tiefer gelegenen, 17 Kilometer durchmessenden Krater. In Anlehnung an die ungewöhnliche Form und dem von oben nach unten durch den "Flaschenhals" verlaufenden Strömungsmuster wurde das bislang namenlose Kraterpaar von den Forschern "Stundenglaskrater" getauft.

Weiteren Aufschluss erhofft sich die wissenschaftliche Gemeinde von der Inbetriebnahme des MARSIS-Instrumentes in wenigen Monaten, einer Radaranlage an Bord von Mars Express, die in der Lage ist, unter die sichtbare Oberfläche zu "schauen".

Das Kameraexperiment HRSC auf der Mission Mars Express der Europäischen Weltraumorganisation ESA wird vom Principal Investigator Prof. Dr. Gerhard Neukum (Freie Universität Berlin), der auch die technische Konzeption der hochauflösenden Stereokamera entworfen hat, geleitet. Das Wissenschaftsteam besteht aus 45 Co-Investigatoren aus 32 Instituten und zehn Nationen. Die Kamera wurde am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) unter der Leitung des Principal Investigators (PI) Gerhard Neukum entwickelt und in Kooperation mit industriellen Partnern gebaut (EADS Astrium, Lewicki Microelectronic GmbH und Jena-Optronik GmbH). Die Kamera wird vom DLR-Institut für Planetenforschung in Berlin-Adlershof betrieben. Hier erfolgt auch die systematische Datenprozessierung. Die hier gezeigten Darstellungen wurden vom Institut für Geologische Wissenschaften der FU Berlin in Zusammenarbeit mit dem DLR-Institut für Planetenforschung in Berlin erstellt.

 

Eine gute Nachricht für die Zukunft der Menschheit: Riesige Gletscher auf dem Mars entdeckt

 

In einer Aussendung berichtet die NASA von einer Neuentdeckung auf dem Mars. Riesige Gletscherfelder jenseits der Polkappen wurden unter Geröllschichten von einer Radarsonde gefunden.

 

Der "Mars Reconnaissance Orbiter" der NASA hat grösser Gletscher unterhalb einer Geröllschicht auf dem roten Planeten entdeckt. Einer der Gletscher isst deutlisch grösse als die Stadt Los Angeles und ist fast einen Kilometer dick.

Das Besondere an diesen neu entdeckten Gletschern ist die Tatsache, dass sie weit näher am Äquator liegen als alle bisher entdeckten Eisvorkommen auf dem Mars. Das Radar der Raumsonde zeigt, dass die Gletscher sich über Kilometer erstrecken.

Die Gletscher stellen laut Angaben der NASA die größten Vorkommen an Wassereis auf dem Mars abseits der Polkappen dar. Eine Frage, die von den Wissenschaftern jetzt geklärt werden muss, ist, wie das Eis dort hingekommen ist. Vermutlich sind sie Reste einer Eisdecke, die während einer Eiszeit auf dem Planeten gewachsen war.

 

 

 

 

 

Artikelbild: Bis Alexej Smolejevski (links) und Diego Urbina das nächste Mal natürlichen Boden betreten, wird es noch lange, lange Zeit dauern. - Foto: Diego Urbani (R) of Italy and military doctor Alexei Smoleyevsky 520 Tage auf einem simulierten Flug zum Mars

Mars500-Projekt soll Erkenntnisse für Langzeitflüge im All bringen

 

Die Männer, die jetzt den Test durchstehen müssen, werden nicht diejenigen sein, die in ca. 20 Jahren zum Mars „fliegen“ werden. Es geht nur darum zu wissen, wie menschliche Organismen in vergleichbarer Lage sich verhalten. Ob der Mensch überhaupt für lange interplanetarische Flüge geeignet ist. Denn das ist die Zukunft der Menschheit. Auf mehreren Planeten, vielleicht später in mehreren Sonnensystemen leben wird die Überlebenschancen der Menschheit erhöhen, oder von der Art, die Menschheit heißen wird. 

 

Am 3. Juni 2010 beginnt für sechs "Astronauten" eine virtuelle Reise zum Mars. 520 Tage erleben sie auf engstem Raum in einem fest verschlossenen Container im Moskauer Institut für Biomedizinische Probleme (IBMP) Strapazen und Isolation eines Langzeitfluges. Damit startet der Hauptteil des Mars 500-Experimentes und das längste jemals durchgeführte Weltraum-Simulationsexperiment. Wissenschaftler vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und anderen deutschen Forschungseinrichtungen wie der Berliner Charité sowie Universitäten aus Erlangen, München, Mainz, Bonn und Köln sind wieder mit an "Bord".

 

Wenn sich die Luke am 3. Juni schließt, begibt sich die sechsköpfige Crew mit Männern aus Russland, Europa und China auf eine simulierte 520-Tage-Reise zum Roten Planeten. Für den virtuellen Hinflug benötigen sie 250 Tage, 30 Tage sind für den "Aufenthalt" auf dem Mars eingeplant, danach tritt die Crew einen 240-tägigen Rückflug zur Erde an. Das Experiment findet, wie bereits die 105-Tage-Studie im Jahr 2009, in einer speziellen Versuchsanlage des IMBP in Moskau statt. Mit Ausnahme von Schwerelosigkeit und Strahlung werden die Bedingungen im All möglichst real simuliert. Die Crew erlebt Isolation, Verpflegung und Notfälle wie bei einer realen Langzeitmission. Während der 520 Tage sind rund 100 Versuche in den Bereichen Psychologie und Psychophysiologie, klinischer Diagnostik, Physiologie und Mikrobiologie geplant.

 

Crew braucht hohes Maß an Autonomie

 

Ob auf dem Weg zum Mars oder zu einem anderen Planeten, während einer Langzeitmission wird von der Crew ein hohes Maß an Autonomie gefordert. Ohne Hilfe von außen müssen die Männer die technischen Systeme warten und instand halten. Von besonderem Interesse für die Wissenschaftler sind die Auswirkungen der Isolation auf die psychische und physiologische Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Crew.

 

Deutsche Wissenschaftler untersuchen bei dieser Langzeitmission die Gruppendynamik und psychophysiologische Leitungsfähigkeit der Crew. Sie untersuchen auch wie sich Astronauten im Krankheits- oder Notfall versorgen können. Eine weitere Forschergruppe untersucht, wie sich Mikrobiologie und Gesundheit einer Crew in geschlossenen Systemen entwickelt. Weiterhin beobachten deutsche Wissenschaftler den Salz- und

Flüssigkeitshaushalt, die Blutdruckregulation und den Knochenstoffwechsel der Crew. Zur Untersuchung ernährungsphysiologischer Fragen liefern acht deutsche Unternehmen in Zusammenarbeit mit der Universität Erlangen ausgewählte Produkte zur Versorgung der Mannschaft.

 

Versuche deutscher Wissenschaftler bei Mars500

 

DLR-Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin Hamburg, Dr. Bernd Johannes: Gruppendynamische Prozesse sowie Computerbasiertes Training komplexer Steuerungsaufgaben

DLR-Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin, Köln, Dr. Petra Rettberg: Mikrobiologie und Gesundheit in geschlossenen Systemen

DLR-Institut für Luft und Raumfahrtmedizin und Universität Bonn, Dr. Natalie Bäcker: Knochenstoffwechsel

DLR-Institut für Luft und Raumfahrtmedizin, Köln, Dr. Luis E.J. Beck: Blutdruckregulation

Uni Erlangen, Prof. Jens Titze: Langzeit-Salz- und Flüssigkeitshaushalt

Zentrum für Weltraummedizin Charité, Berlin, Prof. Hanns-Christian Gunga: Zirkadiane Rhythmen des Menschen bei Langzeitisolation

Zentrum für Weltraummedizin Charité, Berlin, Dr. Ulf Gast: Körperliche Fitness durch Vibrationstraining

Ludwig-Maximilian-Universität München, Prof. Alexander Choukér: Psychophysiologische Leistungsfähigkeit

Deutsche Sporthochschule Köln, Dr. Stefan Schneider: Psychophysiologische Leistungsfähigkeit

Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Prof. Dr. Wolf Mann: Autonome notfallmedizinische Patientenversorgung

 

Vollständiger Artikel mit Bildmaterial: http://www.dlr.de/DesktopDefault.aspx/tabid-1/9600_read-24702/

 

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 Reparatur eines Schadensfalls

 

Der Medizin-Nobelpreis für Luc Montagnier

  

Wie deutsche Medizinwissenschaftler sich in die Nobelpreis-Vergabe einmischten – AIDS-Virus von Montagnier und seinem Pasteur-Team entdeckt –  US-Medizinforscher Robert C. Gallo aus Baltimore wurde nicht berücksichtigt – Preis-Vergabe an den „falschen Wissenschaftler“ im letzten Augenblick vermieden

 

Spät, mit 76 Jahren, kam der französische Virologe Luc Montagnier, Entdecker des AIDS-Virus und des ersten AIDS-Tests, zur verdienten Ehre des Nobelpreises der Medizin. Dass sein schärfster Konkurrent Prof. Robert C. Gallo leer ausging, ist ungeachtet der tatkräftigen Unterstützung deutscher Medizinwissenschaftler für den US-Amerikaner eine umso anerkennenswertere Leistung des Stockholmer Nobelpreis-Komitees.

 

Die Geschichte der Entdeckung des Human Immundeficiency-Virus (HIV) aus dem Jahre 1983 mutet an wie ein Groschen-Roman: Prof. Montagnier entdeckte am Institut Pasteur zu Jahresanfang mit seinem Virologen-Team um Prof. Francoise Barré-Sinoussi und Jean-Claude Chermann in Paris ein neues, bisher unbekanntes Virus, das mit der schweren Lymphdrüsen-Erkrankung eines Patienten assoziiert wurde. Montagnier nannte es kurzerhand LAV-Lymphenadopathie-Virus, d.h. das Virus, das eine schwere Lympherkrankung auslöst. Um seine Entdeckung der Fachwelt mitzuteilen, schickte er ein mehrseitiges wissenschaftliches Manuskript an die Redaktion des US-Wissenschaftsmagazin „science“ in Washington D.C. Zur Untermauerung seines wissenschaftlichen Funds sendete er auch Teile des von ihm entdeckten LA-Virus mit. Es blieb längere Zeit still in Übersee, doch dann antwortete Prof. Robert C. Gallo, vom angesehenen Wissenschaftsmagazin bestellter Sachverständiger, der in Baltimore an humanen Retroviren forschte, dass es sich um ein Retrovirus handelte. Er selbst hatte solche Retroviren namens HTLV (Human T-Lymphotropic Virus) in seinem Labor bei Leukämie-Patienten bereits aufgefunden. Montagnier rückte ab vom Namen LAV, jedoch wurde er hellhörig, als Gallo nur wenige Monate später in USA einen Nachweis-Test für die bald als Humane Immunschwäche HIV allgemein erkannte Krankheit vorstellte. In der Tat war das genetische Material des von Gallo als HTL-Virus-III bezeichneten Virus identisch mit den Virusteilen, die er nach USA als Beweis für seinen Fund geschickt hatte. So berichtete damals das Pasteur-Institut in Paris über den heftigen Streit zwischen dem französischen und dem amerikanischen Virologen, der sich formal in einem Namensstreit um das neue Virus niederschlug. Die Amerikaner nannten es HIV – Human Immundeficiency Virus, die Franzosen nannten es VIH – Virus de l’Immunodéficience Humaine, mit einer Zahlenreihe im römischen Stil HIV-I, HIV-II, HIV-III und HIV-IV oder VIH-1, VIH-2, VIH-3 und VIH-4. Wobei im Jahr 1986 Montagnier vom Institut Pasteur in Afrika noch eine andere Variante des HIV entdeckte, die stark von den beiden bekannten HIV-Stämmen abwich. Affen tragen übrigens ein ähnliches Virus, das SIV, das jedoch im Gegensatz zu HIV nicht tödlich wirkt. 

Für das renommierte Pasteur-Institut in Paris kam es noch schlimmer: Die US-Behörden ließen jahrelang den neu entwickelten Nachweis-Test aus Frankreich für die humane Immunschwäche AIDS, von der besonders Homosexuelle und Drogenabhängige betroffen waren, nicht ins Land. Damit wollten sie primär ihre eignen Forschungslabors schützen, die bald  mit selbst entwickelten AIDS-Test auf den riesigen US-Markt vorstießen. Doch Eile war damals geboten, denn erst mit dem Nachweis des HI-Virus bei Patienten konnte mit deren Isolierung und Therapie begonnen werden. Als sich Institut Pasteur Productions (IPP) mit den US-Gesundheitsbehörden nach jahrelangem Rechtsstreit vor US-Gerichten um 1994 einigte, war der weltweite riesige Markt der AIDS-Diagnostik weitgehend besetzt von anderen Pharmaunternehmen, wie die Pasteur-Pressestelle in Paris mit großem Bedauern mitteilte.

 

In Frankfurt wurde der falsche Wissenschaftler hochgelobt

 

Um Montagnier in Paris wurde es nach seiner aufsehenerregenden Veröffentlichung in „science“ vom 20.5.1983 immer ruhiger. US-Forscher Robert C. Gallo, Baltimore, wurde jedoch nicht müde, seine durchaus interessanten Forschungsergebnisse aus Baltimore an Retroviren und Leukämie-Viren weiter zu verbreiten. Im Jahr 1999 erhielt er deshalb vom Paul-Ehrlich-Institut, Langen, und der Medizinischen Fakultät der Universität Frankfurt/Main den mit 120.000 DM (60.000 Euro) dotierten, angesehenen „Paul-Ehrlich- und Ludwig-Darmstädter-Preis“ für seine Entdeckung des Interleukins-2. Die maßgeblich vom damaligen, nicht unumstrittenen Institutsdirektor Reinhard Kurth, Langen/Hessen, betriebene Auszeichung Gallos sollte selbstredend dem Laureaten den Weg zum Nobelpreis ebnen. Dass der Franzose Montagnier, in jenen Jahren immerhin noch als „Mitentdecker“ des AIDS-Virus genannt, bei der Auszeichnung in der Frankfurter Paulskirche völlig leer ausging, fand das hessische Preiskomitee durchaus als nicht anstößig. Man habe mit Gallo den richtigen Forscher mit dem Paul-Ehrlich-Preis bedacht, hieß es in einer selbstsicheren Verlautbarung, in deren Mittelpunkt Robert C. Gallo und dessen „möglicherweise größter von vielen signifikanten wissenschaftlichen Beiträgen die Entdeckung eines im Immunsystem regulatorisch wirkenden Moleküls war, das wir heute Interleukin-2 nennen.“ Wobei Montagniers Bedeutung als Erstentdecker des doch damals bereits weltweit verbreiteten AIDS-Virus völlig heruntergespielt wurde und nebensächlich war.

Spätestens nach dieser Preisverleihung in Frankfurt war den Wissenschaftlern in Deutschland klar, wem von den beiden amerikanischen und französischen Antagonisten der Nobelpreis für die Entdeckung des AIDS-Virus zuzuerkennen war: Ausschließlich Prof. Robert C. Gallo, Baltimore, Maryland. Von Luc Montagnier sprach niemand mehr. Dass damals vor der Frankfurter Paulskirche der Arbeitskreis aus Gelsenkirchen „Kein Preis für R. Gallo“, gegen den Lauraten demonstrierte, tat der Feier an historischer Stätte keinen Abbruch. Der Arbeitskreis bestand nach eigenen Angaben aus HIV-Infizierten, Ärzten und Beschäftigten des Gesundheitswesens, „die sich gegen die Erforschung und Produktion von Biowaffen wenden.“  

 

Wiedergutmachung für den richtigen Entdecker

 

Mit der diesjährigen Verleihung des Nobelpreises für Medizin an Prof. Montagnier und sein Team vollzog das schwedische Komitee des Karolinska-Instituts keine Kehrtwendung, sondern eine Reparatur - oder soll man sagen „Operation“? - in extremis. Der späte Ruhm, in die Annalen der ehrwürdigen Schwedischen Akademie in Stockholm einzugehen sowie die Nicht-Berücksichtigung seines Kontrahenten Gallo mag den „richtigen Laureaten“ Prof. Luc Montagnier darüber hinweg trösten, dass er ums Haar das Opfer einer von deutschen Wissenschaftlern aus Langen und Frankfurt angezettelten „Preis-Vergabe an den falschen Forscher“ geworden wäre. Zu gleichen Teilen erhielt seine Mitarbeiterin Francoise Barré-Sinoussi aus dem Pasteur-Institut, Paris, die diesjährige Auszeichnung aus Stockholm. Die ganze andere Hälfte des Medizin-Nobelpreises wurde dem deutschen Prof. em. Harald zur Hausen, DFKZ (Deutsches Krebs-Forschungs-Institut), Heidelberg, verliehen „für seine Entdeckung der Entstehung des Gebärmutterhalskrebses aus einer viralen Infektion sowie der Entwicklung eines sicher schützenden Impfstoffs.“ Dass Montagniers Pasteur-Mitarbeiter Jean-Claude Chermann in Paris nun ebenfalls einen Teil des Nobelpreises für sich reklamiert, soll durchaus erwähnt werden. Doch kann der bedeutendste Preis, den die Menschheit alljährlich vergibt, vom Stockholmer Komitee nur „geteilt,“ nicht „gedrittelt“ werden. 

 

                                                                                                                Richard E. Schneider

                                              

 


▪ Die Wasserspinne und ihre Taucherglocke

 

Forschen finden heraus, wie „Silberspinnen“ unter Wasser atmen

Wasserspinnen (Argyroneta aquatica) verbringen ihr gesamtes Leben unter Wasser und kommen nur an die Oberfläche, um ihre Taucherglocke mit frischer Luft zu befüllen. Bisher wusste niemand, wie lange die Spinnen untergetaucht bleiben können. Roger Seymour, von der University of Adelaide, und Stefan Hetz, Wissenschaftler am Institut für Biologie der Humboldt-Universität zu Berlin
, fanden durch Messung des Sauerstoffgehalts heraus, dass die Wände der Taucherglocke sich wie eine physikalische Kieme verhalten. Die Wasserspinnen müssen nur einmal am Tag kurz an die Oberfläche kommen und die Luft in der Taucherglocke ergänzen. Die Untersuchung der beiden Wissenschaftler, wie Wasserspinnen mithilfe ihrer Taucherglocke den zur Atmung benötigten Sauerstoff aus dem Wasser gewinnen, ist in The Journal of Experimental Biology veröffentlicht.

Schaut man in einen Tümpel, so fallen die vielen unterschiedlichen Insektenarten auf, die sich an das Leben im Wasser angepasst haben. Den Spinnen ist dies nur bei einer Art, der Wasserspinne, gelungen. Diese wird im älteren deutschen Sprachgebrauch aufgrund ihrer silbrig erscheinenden Behaarung auch als „Silberspinne“ bezeichnet. Diese Behaarung dient zum Festhalten einer Luftblase, die dazu verwendet wird, eine Taucherglocke, die zwischen Wasserpflanzen mithilfe von Spinnseide errichtet wird, mit Luft von der Oberfläche zu befüllen. In dieser Taucherglocke verbringen die Spinnen ihr gesamtes Leben, selbst der Eikokon wird mit in diese Taucherglocke integriert. „Leider werden die Biotope, in denen sich diese Spinne finden lässt, immer seltener“, berichtet Stefan Hetz. Nachdem die nötigen Genehmigungen zum Fang der geschützten Tiere eingeholt waren, hatten die beiden Forscher im Fluss Eider Erfolg. Zurück im Labor reproduzierten sie die Umweltbedingungen im warmen stehenden und pflanzenreichen Wasser, um herauszufinden, wie viel Sauerstoff die Spinnen an einem warmen sonnigen Tag verbrauchen und welche Rolle die Taucherglocke dabei spielt.

Nachdem die Spinnen bereitwillig ihre glänzenden Taucherglocken errichtet hatten, wurden winzige Sauerstoffsensoren, sogenannte Optoden, vorsichtig in den Luftraum versenkt. Die Tiere fühlten sich von den Sensoren nicht belästigt, und so konnten die Veränderungen des Sauerstoffgehalts problemlos gemessen werden. Indem die Taucherglocken mit der Spinne als Respirometer verwendet wurden und durch Zugabe von genauen Volumina von Stickstoff oder Sauerstoff der Inhalt der Taucherglocke bestimmt wurde, fanden die Forscher heraus, dass die Wand der Taucherglocke genug Sauerstoff durchlässt, um den geringen Sauerstoffbedarf der Spinne zu decken. Die Spinne kann ruhig auf vorbeikommende Beute warten. Das Volumen der Taucherglocke nimmt aber ab, weil sich der Stickstoff aus der Blase im umgebenden Wasser löst, was die Spinne dazu veranlasst, an der Oberfläche neue Luftblasen zum Befüllen der Taucherglocke zu holen. Anders als in älterer Literatur dargestellt ergab sich aus den Messungen und Berechnungen der Forscher überraschend, dass dieses Verhalten nur einmal am Tag nötig ist. „Es ist demnach ein Vorteil für die Spinnen, nur einmal am Tag an die Oberfläche zu kommen und damit den größten Teil der Zeit für Fressfeinde unauffällig in der Taucherglocke sitzen zu können“, erklären die Forscher.


Seymour, R. S. and Hetz, S. K. (2011). The diving bell and the spider: the physical gill of Argyroneta aquatica. J. Exp. Biol. 214, 2175-2181. Juin 2011

http://jeb.biologists.org/content/214/13/2175.abstract 

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WEITERE INFORMATIONEN

Dr. Stefan K. Hetz
Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Biologie
Philippstrasse 13
10115 Berlin 
Tel.: 030 2093-6178
E-Mail: stefan.k.hetz@rz.hu-berlin.de 
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