INHALT

Iran in der Krise  
Fussball: Ausufernde Begeisterung nordafrikanischer Fans in Frankreich  
Pulverfass Iran !  
"Man muss entschlossen sein zu siegen"  
Clotilde Reiss ist wieder frei. Aber was wird aus den anderen?  
Die geheimnisvolle Dynamik der Friedensgespräche von Bad Boll  
Russische Siegesfeiern  
Tibet, die Supraplanung der kommunistischen Partei in China  
Eine Supermacht und mehrere Grossmächte  
Afghanistan-Einsatz: Jedes weitere Jahr kostet Deutschland 3 Milliarden Euro  

  

 

● Iran in der Krise

Gibt es Wege aus der Krise? Was lehrt uns die Geschichte des Landes?

 (In diesem Beitrag sucht unser Redaktionsmitglied Hans-Georg Wieck, ehemaliger Präsident des Bundesnachrichtendienstes und früherer Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in mehreren Hauptstädten der Welt, insb. in Moskau, Teheran und New-Delhi, nach einer begehbaren Lösung für den heftigen und lang anhaltenden Konflikt zwischen dem Mollah-Regime und der Freiheitsbewegung des iranischen Volkes. Er ist für eine schrittweise Entwicklung in Richtung Demokratie. Wichtig ist, dass er den Akzent auf Moussavi legt. Tatsächlich ist ein Übergang zu einer demokratischen islamischen Regierung vorstellbar anstelle einer Umwälzung, die unberechenbaren und unkontrollierbaren Kräften freien Raum bieten würde. Der Iran braucht Freiheit und Frieden. Die Khomeini-Revolution war schon Anlass zu viel zu vielen Massakern und Hinrichtungen. Moussavi würde auch einen Teil des Klerus überzeugen können, Achmadinedschad fallen zu lassen - Man leses auch weitere Artikel zum Iran hierunten in dieser Rubrik).

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat mit den Stimmen der Veto-Mächte China und Russland am 9. Juni 2010 härtere Sanktionen gegen den Iran beschlossen. Die internationale Staatengemeinschaft demonstriert Solidarität gegenüber den Machthabern in Teheran, die auf die Herstellung eigener nuklearer Waffen hinarbeiten. Die internationale Solidarität schwächt ein Regime, dessen Präsident Ahmadinedschad vor einem Jahr - im Juni 2009 – im Wege gefälschter Wahlen im Amt bestätigt wurde. Mit eindrucksvollen Demonstrationen stellte die landesweite Opposition am Jahrestag der Wahlen ihre Stärke und Entschlossenheit unter Beweis. Iran befindet sich in einer tiefgehenden Staatskrise. Das Regime reagiert mit Todesurteilen gegen die Opposition und mit internationaler Selbstisolierung.

Das  Mullah-Regime in der Defensive

Die Präsidentschaftswahlen 2009 in Iran sind massiv gefälscht worden. Mit Unterstützung des angesehenen Herausforderers und früheren Ministerpräsidenten Moussavi haben die Massenproteste gegen den zum Sieger erklärten bisherigen Präsidenten Ahmadimeshad das Land und die Führungsschichten tief gespalten. In letzter Instanz wurde mit Zustimmung des geistlichen Führers Khameini die Oppositionsbewegung blutig und im Wege einer harschen Strafjustiz mit einer Reihe von brutalen, politisch motivierten Todesurteilen gegen Teilnehmer an den Protesten niedergeschlagen. Langfristig handelt es sich um einen Pyrrhus-Sieg des Regimes. Das Land bleibt zutiefst gespalten. Die vielfältig zusammen gesetzte politische und geistliche Opposition zum Regime bleibt eine ständige Herausforderung für das herrschende Regime.

Vor mehr als dreißig Jahren war das quasi laizistische Regime der Pahlewi-Dynastie, das in Verbindung mit der angestrebten Modernisierung des Landes offen gegen die Mullahs Stellung bezogen hatte, aber im Lande mit rigoroser Härte regierte, von der Welle der gegen das Camp David-Abkommen zwischen den USA, Ägypten und Israel von 1979 gerichteten Re-Islamisierungskampagne im Nahen und Mittleren Ostens gestürzt worden.

Der Schah hatte mit der forcierten Industrialisierung die Landbevölkerung verarmen lassen und sie sowie die verarmte Stadtbevölkerung in den Slumgebieten der Städte in die Arme der Mullahs getrieben. Das undemokratische Schahregime hatte auch ein politisches Zusammengehen der Kommunisten, Nationalisten und Demokraten mit der islamischen Opposition ausgelöst.

Hinter der Fassade des autoritären Regimes des Schahs und der Mullahs pulsieren heute wie damals persische Kultur, Zivilisation und Pluralität, ja Modernität, die auf demokratische Selbstbestimmung, gesellschaftliche Transparenz und Rechtssicherheit, also auf demokratische Regeln für freie Wahlen für das Amt des Staatspräsidenten und für das Parlament drängt. Die Affinitäten mit der modernen Türkei sind unübersehbar. Diese Grundströmungen werden in Meinungsumfragen erkennbar, die von unabhängigen Instituten unternommen werden.

Der Iran im Visier der Großmächte

Es ist nicht zu übersehen, dass die Entwicklung demokratischen Staats- und Gesellschaftsstrukturen im Iran in erheblichem Umfang von den internationalen Konflikten und Rivalitäten, in die der Iran seit Jahrzehnten verwickelt ist, überlagert und verdrängt wird. Die in Ansätzen in den zwanziger Jahren eingeleitete politische Parallelentwicklung zur laizistischen Türkei unter Atatürk – initiiert vom Pahlewi-Schah Reza – sollte wie im Fall der Türkei zu einer gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Modernisierung des Landes in Anlehnung an europäische Staatsideen führen.

Das Land geriet wie schon im ersten Weltkrieg auch im Kontext des zweiten Weltkriegs in den Strudel der widerstreitenden Interessen der strategisch und wirtschaftlich in diesem Raum rivalisierenden Mächte: Deutschland, Sowjetunion, Großbritannien und den USA. Nach seiner strategischen Ausschaltung im zweiten Weltkrieg kehrte Deutschland in den fünfziger Jahren als bedeutender wirtschaftlicher Partner an den Persischen Golf zurück. Der schwache Shah Mohammed Reza Pahlewi – Sohn des 1941 aus dem Iran von den Engländern und Russen ausgewiesenen und 1943 in Ägypten verstorbenen Begründers der Pahlewi-Dynastie - verbündete sich nach dem zweiten Weltkrieg mit den USA und Großbritannien, um den sowjetischen Einfluss aus dem Norden des Landes über die Grenzen zurückzudrängen. Das gelang.

Die Kehrseite dieses Bündnisses, dessen weiterer strategisch relevanter Rahmen mit dem Bagdad-Pakt von 1955 (Central Treaty Organisation) zwischen der Türkei, dem Irak (bis 1958), dem Iran und Pakistan sowie den Garantiemächten Großbritannien und den USA geschaffen wurde, stellte die Herausbildung eines autoritären Schah-Regimes dar, das die Modernisierung, zum Beispiel die Landreform („Weiße Revolution 1962“) „von oben“ gegen die demokratischen Tendenzen in der Führungsschicht des Landes, gegen den schiitischen Klerus und gegen die historisch gewachsene ethnischen Pluralität des Landes, also im Verordnungswege und mit Hilfe des Geheimdienstes SAVAK sowie der Armee durchzusetzen versuchte.

Die islamische Revolution des Ayatollah Khomeini und die Folgen

Im Windschatten des 1977 von US Präsident Jimmy Carter herbeigeführten Camp David-Abkommens zwischen den USA, Israel und Ägypten und der aus anderen Gründen sich vollziehenden Entfremdung zwischen den USA einerseits sowie der Türkei (wegen des Zypern-Konflikts), Pakistan (Nukleare Frage) und mit dem Iran (Menschenrechtsfrage) andererseits brach das Schah-Regime im Januar 1979 unter der Wucht des vom Ajatollah Khomeini propagierten islamischen Fundamentalismus und dessen temporären Bündnisses mit der demokratischen, auch links orientierten Opposition im Lande und im Ausland zusammen. Der Schah wurde als Lakai der USA und die USA wurden als Totengräber der iranischen Nation und seiner islamisch geprägten Kultur disqualifiziert. Im Weg des Medienterrors werden heute die in der persischen Geschichte verankerten liberalen politischen und gesellschaftlichen Tendenzen ge-„deckelt“, unter anderem die aus dem 19. Jahrhundert stammende islamische Reformbewegung der Bahai-Religion und die legitime Forderung nach Nutzung der Nukleartechnologie für die Energieerzeugung, also die nichtmilitärische Nutzung missbraucht, um die Grundlagen für eine Nuklearmacht Iran zu schaffen.

Die nuklearen Aspirationen des Präsidenten Ahmadenidschad

Die strategische Lage des Iran ist prekär. In den Nachbarstaaten Irak, Pakistan und Afghanistan und im Persischen Golf sind die USA als sicherheitspolitischer Stabilisator, in Israel als Garantiemacht engagiert. Nuklearpotenziale gibt es allenthalben. Das islamistisch-fundamentalistische Regime fühlt sich innen– und außenpolitisch bedroht – durch den Demokratisierungsdruck von Innen, den der Westen mit Sympathie verfolgt, und durch die westliche Androhung von ernst zu nehmenden Sanktionen, um den  Bau von Nuklearwaffen und der dazu gehörenden Trägersysteme zu verhindern. Teheran reagiert mit einer aggressiven Außenpolitik, um antiamerikanische und anti-israelische Tendenzen im nahöstlichen Raum zu schüren. Die Unterstützung der terroristischen Organisationen Hisbollah im Libanon und der Hamas im Gazastreifen, und die Israels Existenz in Frage stellende aggressive Rhetorik Teherans gehören zur Tagesordnung der iranischen Außenpolitik. Gelegentlich werden aber auch Kompromisslösungen in die internationale Debatte eingebracht, wie jüngst mit der Formel „leicht angereichertes Uran gegen Brennstoff“, eine Formel, die zum Inhalt einer Verständigung zwischen Iran, der Türkei und Brasilien wurde. Die Türkei und Brasilien – derzeit Mitglieder des VN-Sicherheitsrates - weigerten am 9. Juni 2010 ihre Zustimmung zum Sanktionsbeschluss dieses wichtigen VN-Gremiums. Dem heutigen Iran mangelt es an Glaubwürdigkeit für die die von Zeit zu Zeit in die internationale Debatte eingeführten iranischen Kompromissformeln. Die Frage bleibt im Raum stehen, ob es sich bei der jüngsten Initiative von Teheran vielleicht doch um mehr als ein Ablenkungsmanöver handelt, also um einen Versuchsballon zur Anbahnung seriöser Verhandlungen.

Bewegung könnte in das Geschehen kommen, wenn es in geheim gehaltenen Kontakten um einen politischen Kompromiss zwischen den der US Administration von Barak Obama und Iran ginge, der u.a. die überprüfbare Beschränkung des Nuklearpotenzials des Landes auf nicht-militärische Zwecke – wie in dem auch vom Iran ratifizierten Nichtverbreitungsvertrag der Vereinten Nationen festgelegt – zum Inhalt haben müsste. Mit dem Verzicht auf die Förderung der Terroristischen Organisationen Hizbollah und Hamas könnten die Voraussetzungen für eine internationale Aufwertung des Ajatollah-Regimes geschaffen werden, die sich auf eine substantielle Verbesserung der internationalen Stellung des Landes und seiner wirtschaftlichen Perspektiven übertragen würde. Eine solche Perspektive spielte ohne Frage im Wahlkampf des Präsidentschaftskandidaten und früheren geistlichen Führers Moussavi eine erhebliche Rolle.

Die Beurteilungen der westlichen Geheimdienste, wann ein iranisches Nuklearpotenzial militärisch operationell einsatzfähig sein könnte, schwanken erheblich voneinander ab und bestätigen damit, dass verlässliche Informationen nicht vorhanden sind, sondern Schlussfolgerungen von den geheimen Nachrichtendiensten auf der Grundlage lückenhafter Erkenntnisse gezogen werden. Schon oft sind unzureichend überprüfte Erkenntnisse politisch missbraucht worden, zum Beispiel bei der Begründung des amerikanisch-britischen Angriffs auf den Irak im Jahre 2003. Das kann sich wiederholen.

Vom heutigen Regime und seinen handelnden Personen können wir meines Erachtens bestenfalls eine Politik erwarten, die darauf gerichtet ist, alle Bestandteile einer eigenen Nuklearwaffenkapazität im Geheimen bereit zu halten, die Waffen aber bis auf Weiteres nicht zusammen zusetzen, sie also nicht operationell zu machen , wie es Jahre, wenn nicht Jahrzehnte hindurch auch von Indien und Pakistan gehandhabt wurde. Die internationale Isolierung des Landes und seine offene Frontstellung gegen Israel und den Westen blieben bestehen – begleitet von der Hoffnung des Regimes, ungeachtet weitergehender VN-Sanktionen im Wege der Zusammenarbeit mit Russland und China die an großer Arbeitslosigkeit leidende Wirtschaft des Landes weiter aufbauen und modernisieren zu können. Die Drohung einer möglichen iranischen Nuklearwaffe bliebe im Raume, ohne allerdings eine akute Gefahr für irgendein Land darzustellen. Diplomatischer, politischer Handlungsspielraum für „konstruktive Kompromisse“ bliebe bestehen.

Diese Spielräume sind immer wieder auszuloten. US-Präsident Obama hat diesen Spielraum wiederholt angesprochen. Er ist ein Axiom der US-Außenpolitik dieser Tage. Es ist nicht ohne Bedeutung, dass dieser Ratschlag auch von erfahrenen Strategen und Internationalisten wie Zbigniew Brzezinski („Außenansicht“, Süddeutsche Zeitung 05.05.2010) und Dominique Moisi („2010 et le défi iranien“, „Les Echos“ 28.12.2009 und 4.1.2010)  gegeben wird. Im Raum steht aber auch die Forderung des iranischen Exilpolitikers Abu-I--Hasan Banisadre, dem ersten frei gewählten Präsidenten nach der Revolution (Januar bis Juni 1980), der als Repräsentant des demokratischen Flügels der Schah-Opposition nur vorübergehend in das islamisch-fundamentalistische Staatskonzept des Ajatollah Khomeini passte: Er fordert vom Westen die Unterstützung der demokratischen Opposition im Lande und lehnt ein taktisches bedingtes Zusammengehen des Westens mit dem heutigen Regime im Iran, zum Beispiel zur Stabilisierung des Irak ab (World Security Network Newsletter – 08.03.2010).

Ein Iran in der Position einer potentiellen Nuklearmacht würde die schon vom Schah Mohammed Reza Pahlewi unternommenen Versuche wieder aufnehmen, sich regional als Vormacht zu etablieren, die sich – im Unterschied zum letzten Schah - nicht als ein verlängerter Arm der Vereinigten Staaten geriert, sondern sich regional mit dem Drängen anderer Staaten auf Selbstbestimmung verbinden könnte, was immer das im einzelnen bedeuten mag. Es könnte beispielsweise die Vernetzung der beteiligten Länder mit Öl- und Gas-Pipelines bedeuten (Iran-Pakistan-Indien). Die Entwicklungen im Irak und in Afghanistan, die Stärkung der islamistischen Tendenzen in Zentralasien und im Kaukasus sind nicht ohne Bedeutung und Interesse für einen selbstbewusst auftretenden, wenn auch in der Nuklearfrage international isolierten oder eingedämmten Iran.

Der Iran stellt ohne Frage einen der Gefahrenherde des Mittleren und Nahen Osten dar. Der Iran ist aber auch Teil der Lösung bei einer auf die Stabilität, den Wohlstand und den Frieden in diesem krisengeschüttelten Raum gerichteten Strategie der Staatengemeinschaft. Diese Perspektive mag heute als eine Quadratur des Kreises erscheinen, aber das muss angesichts der innenpolitischen Krisensituation des Landes nicht so bleiben.

Hans-Georg Wieck

 

● Fußball: Ausufernde Begeisterung nordafrikanischer Fans in Frankreich

Die Nationalhymne wird ausgepfiffen

Es fing bereits vor dem Spiel Algerien-Slowenien im Stadion von Polokwane am Sonntagnachmittag 13. Juni an. Algerier schwangen in Paris und Marseille die algerische Fahne und unterstützten kräftig mit Parolen die „Fennecs“. So heißt die algerische Nationalelf. Einer von ihnen freute sich vor Fernsehkameras: „Diesmal findet das Spiel auf dem afrikanischen Kontinent statt!“. Sie bekannten sich zur algerischen Nation, obwohl sie alle die französische Staatsangehörigkeit besitzen, in Frankreich geboren wurden und leben und französisch sprechen. Nur sportliche Folklore?

Die Niederlage ihrer Mannschaft (1-0) vor Slowenien, das seit 2004 zur Europaischen Union gehört, war für sie und für die 6 000 Fans, die teils aus Frankreich, teils aus Algerien nach Südafrika gereist waren, ein Alptraum. Was wäre jedoch gewesen, wenn die Fennecs gesiegt hätten? Der Sieg Algeriens über Ägypten am letzten 19. November in Khartum, womit die Fennecs sich für Südafrika qualifiziert hatten, war in Frankreich der Anlass zu zahlreichen nationalistischen Ausschreitungen der arabischen Migrantenjugend gewesen, die die Franzosen ein bisschen erschreckt hatten. Stunden nach dem Drama von Polokwane wurde nachts von der Frontseite des Bürgermeisteramts in Villeneuve-Saint-Georges bei Paris eine französische Flagge abgerissen, verbrannt und durch die algerische Flagge ersetzt. Jedoch bemühte sich sofort die Gemeinde den Zwischenfall herunterzuspielen. Man habe gedacht, diese Trikolore sei die französische Flagge, aber es sei nur die Flagge der Gemeinde gewesen, die ganz zufällig ebenfalls blau, weiß, rot sei, aber die Wappen von Villeneuve-Saint-Georges und von den deutschen und englischen Partnerstädten trägt. Villeneuve ist in Deutschland Partner von Kornwestheim (zwischen Stuttgart und Ludwigsburg). „Daher halb so schlimm! Ein Missverständnis“, meinte das Bürgermeisteramt, das die Medien zur Besonnenheit aufrief und eine Untersuchung des Vorfalls anordnete. In Wirklichkeit wird alles, was Spannungen mit den Frankreichalgeriern auslösen könnte, heruntergepielt. „Ein Funke kann einen Bürgerkrieg auslösen“, sagten Politiker, als in Stadien die französische Nationalhymne La Marseillaise ausgepfiffen wurde.

Zum ersten Mal geschah es am 6. Oktober 2001, knapp einen Monat nach den Anschlägen gegen das World Trade Center, bei einem „Freundschafstspiel“ zwischen Frankreich und Algerien im „Stade de France“ in Paris. Minister der damals sozialistischen Regierung, Elisabeth Guigou, Ségolène Royal, Jack Lang, waren anwesend. Der Premierminister Lionel Jospin verließ nicht die Tribüne, angeblich, um „eine Katastrophe“ zu vermeiden. Nach 75 Minuten Spiel, als die französische Elf mit 4 zu 1 Toren führte, lief eine Frankreichalgerierin, Sofia Benlemmane, auf das Spielfeld und schwang eine algerische Fahne. Es erwies sich später, dass die Dame mit dem algerischen Präsidenten Bouteflika verwandt war. Ihr folgten ihre Landsleute massenweise auf die Wiese und bewarfen die VIP-Tribüne mit Geschossen. Die kommunistische Ministerin Marie-George Buffet bekam eine Wasserflasche in Gesicht, ihre sozialistische Kollegin Elisabeth Guigou wurde am Kopf verletzt und blutete.

Nachdem die Bereitschaftspolizei das Stadion freigekämpft hatte, wurde eine nahliegende U-Bahn zerstört. 10,5 Millionen Fernsehzuschauer waren Zeugen dieses Events. Acht Monate später erhielt der Chef der Nationalen Front, Jean-Marie Le Pen, beim ersten Wahlgang der Präsidentenwahl mehr Stimmen als Lionel Jospin und kam direkt hinter Jacques Chirac in die Stichwahl. Am 23. Juni 2003 wurde eine gesetzliche Regelung verabschiedet, wonach Verstöße gegen die Nationalsymbole mit 7 5000 € Strafgeld und 6 Monaten Haft bestraft werden. Aber diese Regelung greift nicht. Einmal musste Jacques Chirac das Stadion verlassen, als die Marseillaise ausgepfiffen wurde. Am 18. Oktober 2008 anlässlich eines Spiels Frankreich-Tunesien und dann wieder am 19. November 2008 während eines Spiels Frankreich-Marokko und dann schon wieder am 10 Juni 2010 wurde die Nationalhymne ausgepfiffen. Damals im November 2008 wunderte sich der französische Spieler Patrick Evra, dass das „Stade de France“ „praktisch nur mit den marokkanischen Farben ausgeschmückt worden war“.

Politiker meinen, man sollte keine Spiele mehr zwischen französischen Fußballmannschaften und arabischen Mannschaften aus Nordafrika veranstalten. Das wäre eine wahrhaftig mutige Entscheidung…

 

● Pulverfass Iran !

von Hossein Yazdi
(Unser Kollege widerspricht hier Hans-Georg Wieck in einem Punkt. Er denkt, dass es keine Zwischenstufe über eine demokratische islamische Regierung im Iran geben wird).

 
Die ewige Rangelei des Westens mit Irans Atomprogramm wirkt schon langweilig. Geschickt ist es den Mullahs gelungen, die Internationale Atomenergie-Agentur (IAEA) und den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen jahrelang an die Nase herumzuführen. Jetzt geht es um etwas ganz unerwartetes: im Iran brodelt es, mit ungewissen Ausgang.

Seit den umstrittenen Wahlsieg von Präsident Mahmud Ahmadinedschad im vergangenem Sommer rebelliert die Jugend, und das sind fast dreiviertel der Bevölkerung. 60% der Iraner sind unter 30 Jahre alt, Tendenz steigend.

Geführt von den zwei unterlegenen Präsidentschaftskandidaten Mir Mussawi und Karrubi, gründeten sie die „Grüne Bewegung“, die Farbe des Islams, das lässt sich kaum verbieten. Das Regime erkannte jedoch sehr schnell, wie gefährlich diese Bewegung ist, ging rücksichtslos gegen die Opposition vor.

Vor Jahren gab es immer wieder einzelne Proteste, die niedergeschlagen wurden. Die heutige Bewegung hat jedoch das gesamte Volk erfasst. Mut und Einfallreichtum lassen diese Bewegung nicht untergehen. Es ein Flächenbrand, der sich zwar örtlich kurz löschen lässt, bevor das Feuer aber wieder ganz wo anders aufflammt.

Die Protestbewegung hat Oppositionsführer Mir Mussawi und Karrubi, die die Islamische Republik nur verbessern wollen, längst überrollt. Die Massen wollen ein anderes Regime, eine Staatsordnung nach westlichem Vorbild.

Religionsführer Ayatollah Chamenei, der eigentliche Machthaber des Systems, machte wahrscheinlich einen großen Fehler, den angeblichen Wahlsieg von Präsident Ahmadinedschad anzuerkennen und die Protestbewegung als eine vom Westen gesteuerte Meute abzustempeln. Er kann aber nicht mehr zurück. Es muss zur Rettung seiner Macht diese Bewegung zum Schweigen bringen. Koste was es will.

Das kann die Protestbewegung radikalisieren. Hier gibt es die Gefahr eines Bürgerkrieges. Auf einer Seite die Protest-Jugend, auf der anderen Seite die Bassiji-Miliz (vom Regime erzogene Jugendorganisation), Teile der Revolutionsgarden oder Leute die finanziell abhängig vom Regime sind. Die Armee und Polizei sind zwiespältig.

Eine andere Variante wäre eine Militärdiktatur. Hier würde sich Präsident Ahmadinedschad hauptsächlich auf die Revolutionsgarden stützen, aus dessen Milieu er selbst stammt.

Auch wäre eine militärische Intervention als letzter Ausweg denkbar. Für den Westen wäre hier die Unterbrechung der atomaren Aufrüstung Irans das Ziel. Die Auswirkungen wären katastrophal. Iran könnte mit Hilfe seine libanesischen Hisbollah auf Israel einschlagen, den Irak destabilisieren oder die palästinensische Hamas aufstacheln. Für Europa am schlimmsten wäre die Störung der Erdölzulieferung aus dem Persischen Golf mit Sperrung der Hormos-Wasserstraße. Das könnte den Benzinpreis auf fünf Euro pro Liter treiben mit undenkbaren wirtschaftlichen Folgen. Schon jetzt wenn Ahmadinedschad hustet, reagieren die Zapfsäulen mit Preissteigerungen um ein paar Cent!

Iran-Ausgang ungewiss. Aber irgendetwas passiert, und das schon bald.

 

Ein freies Iran: Utopie oder bald Wirklichkeit?

Um den Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad und seine Mullahs zieht sich die Schlinge immer fester zu. Auf den Straßen nehmen die Proteste eher zu. Vor allem ist der Widerstand dauerhaft. Trotz Festnahmen, Schläge, Folter und Hinrichtungen gibt es ihn immer noch. Inzwischen verabreden sich die Aufständischen netzwerkartig über Handy und Internet miteinander, ohne dass es jetzt durch Aufrufe durch sogenannten „Reformpolitiker“ bedarf. Das Anschwellen dieser Bewegung, ihre Reaktionsschnelle und die Tatsache, dass es immer wieder gelingt, in mehreren Städten und in der Hauptstadt an mehreren Orten gleichzeitig Demonstrationen auf die Beine zu stellen, zeugen von der ungebrochenen Kraft dieser Bewegung. Es gibt bei aller Zersplitterung dieser Bewegung und bei aller Vielfalt ihrer Motivationen durchaus die begründete Aussicht darauf, dass ein Ende des Islamismus iranischer Prägung sich abzeichnet – mit entsprechender Signalwirkung auf andere Regionen des Islams. Der theokratische Staat geht seinem Ende entgegen – zunächst im Iran. Natürlich spielen die ökonomischen Gründe eine große Rolle bei diesem andauernden Aufstand, aber nicht nur. Über 80 Prozent der Iraner können lesen und mehr als 60 Prozent leben in Städten. Eine moderne denkende Generation in einem alten Kulturland steht jetzt auf. Es kann eine enorme Wirkung jenseits der Grenzen haben, auch in arabischen Staaten, wo das Bildungsniveau bei weitem nicht so hoch liegt. Das nekrophile Regime reagiert auf seine bekannte Weise: es foltert und tötet. Angst statt Argumente, Repression statt Wirtschaftsreformen, Zensur statt Diskussion. Am 28. Januar 2010 hat es zwei Männer aufgehängt, Märtyrer, deren Namen die Geschichte behalten soll: Reza Ali Zammani und Aresh Rahmanipour, der eine als Mitglied einer monarchistischen Gruppierung, der andere als Angehöriger der Volksmudschahidine. Beide wurden als „mohareb“ zu Tode verurteil, dass heißt als "Feinde Gottes", und als Teilnehmer am Volksaufstand, was nicht stimmt, weil sie bereits inhaftiert waren, als die Demonstranten auf die Straßen gingen. Weitere neun Personen sind zu Tode verurteilt und warten auf die Exekution. Aber zunehmend unklar und immer weniger berechenbar werden die Reaktionen der iranischen Führung. Um von seinen Schwierigkeiten abzulenken, hält man einen Angriff auf Israel für möglich. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die israelische Regierung in diesem Falle nur noch wenige Hemmungen hätte, den Einsatz der – inzwischen auch offiziell vorhanden- Kernwaffen anzuordnen. Aus israelischen Quellen ist in diesem Zusammenhang zu erfahren, dass man immer weniger auf eine mögliche Hilfe durch die USA baut. Moskau soll seinerseits Tel-Aviv bereits eindringlich vor einem Angriff auf den Iran gewarnt haben. Russland möchte verhindern, dass die großen Energieressourcen des Iran unter einen mehr oder weniger westlichen Einfluss geraten. Das Putin-Regime will nach wie vor, dass Westeuropa, insbesondere die Bundesrepublik Deutschland, von der russischen Energieversorgung abhängig bleibt. (Die Redaktion)

 

● „Man muss entschlossen sein zu siegen“

Ein Interview unseres Redaktionsmitglieds Hossein Yazdi mit dem Kronprinzen des Irans, Reza Cyrus Pahlevi

(Der Sohn des letzten Kaisers des Irans, Shah Reza Pahlewi, gest. 1980, und der Kaiserin Farah Diba, 71, lebt heute in Washington. Seine Eltern mussten 1979 mit ihren Kindern ihre Heimat verlassen, als Khomeini die Macht übernahm).

Hossein Yazdi. Sind Sie mit Ihrer Heimat in Kontakt? Wie eng oder umfassend ist diese Verbindung trotz großen Zeitunterschieds zu Amerika?

Reza Cyrus Pahlevi. Die heutige Technologie erleichtert die Verbindungen. Die Kontakte laufen meist über das Internet, weil die Telefon-Verbindungen (dank Siemens und Nokia) abgehört werden können. Ich erinnere mich noch, mit welcher Technologie ich eine Verbindung vor 30 Jahren aus Kairo nach Teheran aufbaute. Es war der Ausbruch des Irakkrieges und ich meldete ich mich als Pilot zur Verteidigung der Heimat. (1) Das Gerät war ein veralteter Fernschreiber. Khomeini siegte mit Tonbandkasseten, sein Regime wird mittels Internet und Mobilfunk verschwinden.

Glauben Sie, dass es die Protestbewegung schafft, die bewaffnete und entschlossene Diktatur zu stürzen?

Das ist wie beim sportlichen Wettbewerb, man muss entschlossen sein zu siegen. Das Selbstbewusstsein ist ein entscheidender Faktor. Ganz wichtig ist auch die Solidarität der freien Welt mit der Protestbewegung. Diese Unterstützung gibt Kraft. Vor 30 Jahren wussten die Leute nicht, warum Sie Khomeini unterstützen, sie kannten seine Schriften nicht mal. Heute wissen die Menschen sehr genau was Sie wollen. Wichtig ist auch, dass diese Proteste gewaltlos bleiben müssen.

Könnte die Monarchie wieder zurückkommen?

Ich glaube an die Monarchie in meinem Land. Die Monarchie ist im Iran seit Jahrtausenden verwurzelt, sie ist Tradition und hält das Land zusammen. Sollte mir eines Tages der Posten eines Präsidenten einer Republik angeboten werden, würde ich ablehnen. Da müsste ich dann irgendwelche Parteien-Interessen vertreten, ich will aber für alle Iraner da sein. Das wichtigste, wo sich heute die verschiedenen politischen Richtungen einigen, ist der Grundsatz der Trennung von Staat und Religion. Damit sind sogar viele Geistliche, mit denen ich sprach, einverstanden.

Ist Ahmadinedschad wirklich irre, wie ihn manche ausländische Zeitungen bezeichnen?

Überhaupt nicht. Sein Ziel ist die Mullah-Herrschaft allmählig in einer Militärdiktatur zu überführen. So ähnlich wie in Libyen oder Syrien. Nur so kann er das Regime noch halten.

Glauben Sie wirklich, dass der Iran Atomwaffen baut?

Ja, das tut er. Warum sollte er sonst dieses Katz und Mausspiel mit der Welt vollziehen und sogar die Gefahr eines Militärschlages zu riskieren? Warum macht er sein Atomprogramm nicht transparent? Er könnte doch die Tore weit öffnen, um das Gegenteil zu beweisen.

Und wie kann man das verhindern?

Die freie Welt muss die gleiche Entschlossenheit zeigen wie in den Zeiten des im kalten Krieges oder bei der Apartheid in Südafrika. Sie erinnern sich noch an Reagans Spruch in Berlin: „Mister Gorbatschow, beseitigen Sie die Mauer!“ Man darf auch hier nicht die Atompolitik im Mittelpunkt stellen. Die Menschen im Iran haben andere Sorgen. Wirtschaftliche Sanktionen sind nur wenig effektiv. Das Regime kann nur durch die Kraft des iranischen Volk gestürzt werden. Der Druck von Innen ist für das Regime die Hauptgefahr. Generalstreiks zum Beispiel, die vom Ausland unterstützt werden müssten. Das kostet weniger als Sanktionen oder einen Militärschlag. Letzteres würde eine Katastrophe für die Gegend und auch für Europa sein. Der Ölpreis würde dann außer Kontrolle geraten.

(1)   Reza Cyrus Pahlevi hat eine Ausbildung als Jagdpilot in den USA gemacht.

 

  Clotilde Reiss ist wieder frei. Aber was wird aus den anderen?

Clotilde Reiss, die hier oben während ihres Schauprozesses in Teheran gefilmt wurde und wegen angeblicher Spionage anderthalb Monat im Sommer 2009 im berüchtigten Evin-Gefängnis inhaftiert wurde, ist seit dem 16. Mai 2010 wieder frei und bei ihrer Familie in Frankreich zurückgekehrt. Teheran konnte nie Beweise erbringen, dass sie eine Spionin war. Ihre Haft und ihr Prozess waren reine Willkür. Das Regime konnte keine Beweise liefern, dass sie eine Spionin war. Ein ehemaliger Mitarbeiter der französischen Auslandsspionage DGSE, der Gegenteiliges behauptet hatte, wurde sowohl von der eigenen Agentur als auch von Fräulein Reiss selbst dementiert. Ich "verneine kategorisch", je einen Kontakt mit der DGSE gehabt zu haben. Es handelt sich bei den Aussagen dieses Herrn um "Lügen". Es besteht inzwischen der Verdacht, dass der "Herr", der jetzt ein Buch publiziert, damit einen Werbeeffekt für die eigene Publikation erreichen wollte. Im Übrigen sind nicht alle Mitarbeiter der westlichen Geheimdienste "grosse Leuchten". Viele spricht dafür, dass sie zwischen Dichtung und Wahrheit oft nicht unterscheiden können.  

Clotilde Reiss hat sich in Paris bei „all denjenigen Unbekannten, die sie unterstützt haben“, und bei Nicolas Sarkozy öffentlich bedankt, der sie jedoch vor die Journalisten nicht begleitet hat. Da stand der französische Außenminister Bernard Kouchner immer im Hintergrund. Die Regierung in Paris verneint, dass es ein Austauschdeal mit der iranischen Regierung gegeben hat. Immerhin ist die Rede von einem Lösegeld (man nennt es „Bußgeld“) von 250 000 Dollar. Darüber hinaus wurde der iranische Ingenieur Majid Kakavand aus Paris nach Teheran zurückgeschickt, dem die USA vorwerfen, illegal Militärelektronik gekauft zu haben. Am 5. Mai hatte die französische Justiz abgelehnt, ihn in die USA auszuliefern. Obwohl Staatspräsident Sarkozy vor Monaten erklärt hatte, « nie würde er eine unschuldige französische Studentin gegen den Mörder von Chapur Bakhtiar austauschen », wurde vom Innenminister Brice Hortefeux am 18. Mai der Entlassungsschein von Ali Vakili Rad unterschreiben, der den ehemaligen iranischen  Premierminister mit seinen eigenen Händen erwürgt hatte. Vor der Tribüne der Vereinten Nationen am 13. September 2009 hatte Ahmadinedschad verlangt, dass Clotilde Reiss gegen  diesen Mörder. Nicolas Sarkozy hatte darauf hingewiesen, dass man beide Fälle überhaupt nicht miteinander vergleichen konnte. Damals schon deutete der französischen Staatspräsident aber an, dass die Justiz Ali Vakili Rad, der seit 18 Jahren in Frankreich inhaftiert war, eines Tages begnadigen könnte.

Im Rundfunk versicherte Bernard Kouchner, dass die Befreiung von Fräulein Reiss nicht den geringsten Anknüpfungspunkt mit dem Schicksal der beiden Iraner hatte. „Es gab keine Gegenleistung“, betonte er. Der Sprecher des iranischen Auswärtigen Amtes, Ramin Mehmanparast, bestätigte: "Die Befreiung von Fräulein Reiss hat mit derjenigen von Kakavand nichts zu tun". Man möchte Kouchner gerne glauben. Jedes Kind kann aus dem zeitlichen Zusammenhang jedoch schließen, dass es ein Tauschgeschäft war. Warum können denn Politiker nicht über den eigenen Schatten springen und zugeben, dass man bei humanitären Aktionen Zugeständnisse dieser Art machen muss? „Diese Geschäfte sind nicht sehr ruhmreich aber sie sind es noch weniger, wenn man es nicht zugibt“, sagte die Sprecherin der französischen Grünen, Cécile Duflot, zu Recht.

Offensichtlich haben die Präsidenten Brasiliens Luis Inacio Lula das Silva und Senegals Abdulaye Wade, sowie der Syrier Bachar el-Assad haben bei den Verhandlungen um die Befreiung der Französin eine Schlüsselrolle gespielt. Beide der Brasilianer und der Syrier sind zu Freunden Sarkozys geworden. Zum Monatsende wird Lulla ein großes Militärgeschäft mit Frankreich abschließen. Der Senegalese, der zur Zeit als Vorsitzender der Organisation der islamischen Konferenz amtiert, hat allerdings seinem Glaubensbruder Ahmadinedschad einen Dienst geleistet, indem er versicherte, dass der Iran schon im Oktober 2009 bereit gewesen wäre, die Französin zu befreien, aber dass der Elysee-Palast in Paris den falschen Vermittler geschickt und dann einen Rückzieher gemacht hatte, weil er andere Kanäle hatte. Offensichtlich wollte man nicht in Paris dem Islam den Glorienschein des Erfolgs verleihen. Metzte Endes hat der Iran die Entlassung der Frau Reiss mit einem Atomanreicherungsvertrag mit der Türkei sehr geschickt gekoppelt, den Brasilien und die Türkei in die Wege geleitet haben und der am Tage unterzeichnet wurde, als Frau Reiss wieder französischen Boden betrat. Der Einfluss der Schiiten im Irak wächst und es ist abzusehen, dass Bagdad in die Einflusssphäre von Teheran geraten wird, wenn die Amerikaner aus Irak ihre Truppe zurückziehen. Währenddessen ist es etwas stiller um die Volksrevolution im Iran geworden. Folter, Exekutionen und Repression erreichen allmählich ihr Ziel. In Paris hat Clotilde Reiss an zwei ihrer ehemaligen Mitgefangenen im Gefängnis Evin erinnert, die im Januar 2009 hingerichtet worden sind. Wir wollen hier ihren Leidensweg noch einmal kurz skizzieren.

Dass sie ein Praktikum beim der französischen Atomenergiebehörde CEA absolviert hatte, war dem atombesessenen iranischen Präsidenten Achmadinedschad schon längst aufgefallen. Ihr Vater, Remi Reiss, arbeitet dort als Ingenieur. Warum hätte Clotilde Reiss, am 31. Juli 2009 im berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran 24 Jahre alt geworden, bei ihrer Bewerbung um eine Stelle als Französisch-Lektorin an der TU Isfahan das aus ihren Unterlagen tilgen sollen? Das reichte, um aus ihr für die Spürhunde des Mollah-Staates eine gefährliche Spionin zu machen. Zumal sie fließend Farsi, die Landessprache, beherrscht. Sehr gerne hätte ihr Richter, der Scharfmacher Abul Qasim Salavati, sie der Vorbereitung eines Sabotageunternehmens gegen einen iranischen AKW angeklagt. Salavati will alle Gegner seines Herrn, den Gegenkandidaten Mir Hossein Mussawi, die ehemaligen Präsidenten Hachemi Rafsandschani und Mohamad Chatami vor Gericht bringen. Die Geiselnahmen der Frau Reiss und von Nazak Afshar, einer Franco-Iranerin, Angestellte der französischen Botschaft, waren ihm willkommen. Beide Frauen hatten E-Mails nach Frankreich zu dem Geschehen im Iran nach Frankreich gesendet. Clotilde Reiss hatte außerdem am 15. Und am 19. Juni 2009 zwei Demos begleitet und gefilmt. In einem normalen Staat kein Vergehen!

Clotilde wurde am 1. Juli 2009 am Flughafen festgenommen, als sie sich anschickte, nach Beirut und von dort in ihre Heimat zum Urlaub zu fliegen. Auf ihrem Handy war ein Kurzbericht über die Demonstrationen aufgezeichnet, den sie einem Bekannten im französischen Institut für Internationale Beziehungen IFRI gemailt hatte. Die junge Frau mit dem elsässischen Namen schwärmt für die iranische Sprache und Kultur. Ihre Mutter starb, als sie 4 Jahre alt war. Parikoh eine Exiliranerin hat sie als Pflegemutter erzogen. Nach ihrem Farsi-Diplom bei Pariser Institut für Orientkunde und einer Diplomarbeit über das "Iranische Erziehungssystem unter Berücksichtigung der Lehrbücher seit der islamistischen Revolution", hielt sie sich längere Zeit im Iran auf und nach dem anschließenden Politologiediplom in Lille hatte sie nur noch einen Wunsch: in den Iran zurückzukehren. Die Spionageanklage gegen dieses kluge aber etwas blauäugige Mädchen hatte Staatspräsident Sarkozy gleich als "höchsten Unfug" bezeichnet. Die Beschuldigung wurde konstruiert, um die Entscheidung des iranischen Parlamentes, "der Einmischung des Auslandes energisch zu antworten", bzw. um nachzuweisen, dass es eine solche gab. Tatsache ist eher, dass die westlichen Demokratien zu wenig tun, um den demokratischen Aufständischen zu helfen bzw. um sie vor der blutigen Repression zu schützen. Zu diesem perfiden Zweck wurde am 8. August ein Schauprozess im besten stalinistischen Stil inszeniert. Vor den Weltmedien musste sie sich, blass und abgemagert, erniedrigen, das frauenfeindliche Kopftuch tragen, ihren angeblichen Fehler zugeben und das Unrechtsregime um Verzeihung bitten. Das tat sie in der Landessprache. Frau Reiss gab dem Druck nicht nach. Sie gab nicht zu, Spionage betrieben zu haben. Die Schau schlug gegen Achmadinedschad zurück.

Nach einer Intervention des  französischen Außenministers Bernard Kouchner bei seinem iranischen Kollegen Manuschehr Mottaki hatte der französische Botschafter Bernard Poletti vierzig Minuten im Gefängnis mit ihr sprechen dürfen. Sarkozy machte den Fall zur Chefsache und erhielt über seinen neuen Freund, den syrischen Präsidenten Baschar el-Assad, direkt Konktakt zum iranischen Präsidialamt. Er leitete persönlich die Verhandlungen eines aus seinem außenpolitischen Berater, Jean-David Levitte, aus seinem Presseberater Franck Louvrier und aus seinem persönlichen Referenten Christian Frémont, bestehenden Krisenstabes. Gegen eine Kaution von 200 000 Euro durfte nach einigem Tauziehen Clotilde Reiss am 16. August 2009 das Gefängnis verlassen. Sie musste sich in der französischen Botschaft aufhalten. Auch Nazak Afschar kam auf die gleiche Weise frei. Sie durften vor der Urteilsverkündung den Iran nicht verlassen. Aber die Untersuchung zog sich in die Länge. Sarkozy verlangte, dass die Anklage zurückgezogen und dass die Prozessakte geschlossen werde. Zu den wüsten Beschimpfungen des Iranischen Präsidenten sagte er auch, dass das iranische Regime auf schwachen Füssen stand. Er wies auf die Demonstrationen in Teheran hin und sprach dann folgenden typischen Sarkozy-Satz aus: „Die Demonstrationen in Teheran habe ich nicht ausgelöst“. Indessen wurde Frau Reiss mehrmals zu ihrem Richter geführt. Sie ging zu diesen nicht mehr öffentlichen Audienzen in Begleitung des französischen Botschafters und eines französischen Beamten. Jedes Mal durfte sie in die Botschaft zurückkehren, wie es ihr versichert worden war. Ein französischen Diplomat sagte, dass es schier unmöglich ist, sie aus dem Iran zu "exfiltrieren". Erstens wäre es ein Schuldgeständnis. Aber sie war unschuldig. Paris erwartete, dass sie einfach freigesprochen wird. Zweitens wäre es sehr schwierig zu bewerkstelligen gewesen. Der iranische Geheimdienst ist sehr wachsam. Drittens würde es einem Bruch zwischen beiden Staaten auf Regierungsebene mit unabsehbaren Folgen gleichkommen. Nicolas Sarkozy verurteilte dennoch die blutige Repression der Demonstrationen scharf, aber die Beziehungen blieben erhalten.

Clotilde Reiss wohnte in der Gästewohnung der Botschaft, sie arbeitet dort und sie joggt im Park der französischen Diplomaten. Sie konnte oft mit ihrem Vater telefonieren und hatte gehofft, Weihnachten mit ihm in Frankreich zu verbringen. Aber der Iran wollte ihre Geisel nicht loslassen. Indessen hatte der Geheimdienstminister des Irans, Moslehi, im staatlichen Fernsehen gesagt, dass auch Ausländer nach den Demonstrationen vom Ende Dezember 2009 festgenommen worden waren: "Einige der Festgenommenen waren Ausländer, sagte er, die Propaganda und psychologische Kriegsführung betrieben". Er teilte nicht mit, aus welchen Ländern die Festgenommenen stammen. Am Tage zuvor hatte Achmadinedschad bereits das Ausland als Urheber des Aufstandes bezeichnet: diese Demonstrationen sind "ein amerikanisch-zionistisches Drehbuch", äußerte er und griff die amerikanischen und britischen Politiker an. Der britische Botschafter wurde zum iranischen Auswärtigen Amt bestellt und sein Land beschuldigt, sich in die inneren Angelegenheiten des Irans einzumischen. Er wiederholte, was sein Chef, Außenminister David Miliband, gesagt hatte, und zwar, dass Teheran "die Menschenrechte seiner eigenen Staatsbürger respektieren sollte". Das Regime versuchte, die Schuld für den Aufstand auf das Ausland zu schieben. Clotilde Reiss durfte auch deswegen nicht ausreisen, weil sie zum Symbol für die angebliche ausländische Einmischung erklärt worden ist. Jetzt sind drei junge Amerikaner, die als Tramper den Iran bereisten, an ihrer Stelle als Geiseln inhaftiert.

Das Ausland mischt sich leider so wenig wie möglich bzw. gar nicht ein, obwohl das Recht auf Einmischung angesichts der Lage im Iran durchaus besteht und von der UNO bestätigt werden müsste. Was im Iran geschieht, entzieht sich allen Normen der Zivilisation. Die Gefängniszellen sind mit willkürlich festgenommenen Menschen total überbelegt. Die Gefangenen werden geschlagen, gefoltert, vergewaltigt. Nach Amnesty International haben seit dem am 12. Juni bis zum Jahresende 2009 mindestens 115 Hinrichtungen stattgefunden (nach 246 Hinrichtungen im ganzen Jahr 2008). Viele sterben auch unter der Folter - angeblich an "Viralinfekten"... (JPP)

 

 

● Die geheimnisvolle Dynamik der Friedensgespräche von Bad Boll:

Ohne Hamas-Vertreter wurden mündliche Fortschritte für Gaza erzielt

Der traditionelle Konflikt zwischen Israelis und Arabern – Ein ehemaliger Knesset-Sprecher und ein Fatah-Repräsentant erläuterten das Palästina-Problem – Israel übt faktisch Hoheitsrechte über den Gazastreifen aus.

In die seit vielen Monaten geplante dreitägige Tagung an der Evangelischen Akademie Bad Boll „Mit Hamas reden“ Mitte Juni 2010 induzierten die Blockadebrecher der „Free-Gaza-Flotille“ eine besondere Dynamik.

Mit Hamas wollte man laut Programm reden, doch nur der El-Fatah-Vertreter Abdallah Frangie und der Israeli Avraham Burg, ehemaliger Sprecher der israelischen Knesset konnten ihre jeweilige Position einem sachverständigen Publikum darlegen: Der Hamas-Vertreter Basem Naim erhielt von der Bundesregierung kein Einreise-Visum.

Fatah-Vertreter Frangie, dessen Familienangehörigen im Jahr 1955 zu den Gründervätern der Palästinenserorganisation PLO (Organization for the Liberation of Palestine) gehörten, warb ebenso wie Avraham Burg, der in Englisch vortrug, um die politische Gunst der Zuhörer. Die PLO war die erste palästinensische Organisation, die der israelischen Besatzung Widerstand leistete, erläuterte der Deutsch-Palästinenser Frangie in gut verständlichem Deutsch und beklagte gleichzeitig, dass die Mauer, die der Staat Israel in der Westbank und auch um Gaza errichtete, „viel Land der Palästinenser verschlingt.“ Dieses Land müsse zurückgegeben werden. Er ist in Beerscheva geboren, das „über 8000 Jahre alt“ ist und Gaza sei sogar vor 9000 Jahre gegründet worden. Immer gab es eine gemischte Bevölkerung – bis sich in der Neuzeit die Glaubens-Konflikte immer weiter verschärften. Der 41 km lange und 8-12 km breite Gaza-Streifen  beherbergt derzeit ca. 1,8 Mio. Menschen, darunter 1 Mio. Flüchtlinge aus dem Gebiet, das heute den Staat Israel umfasst.

Weiter schilderte Frangie die Taktik, mit der die israelische Regierung heute Ost-Jerusalem dem 1967 entstandenen „Groß-Israel“ eingliedern will: Die meist alten Häuser der Palästinenser – Bau- und Renovierungsarbeiten sind ihnen verboten – werden nach und nach wegen Baufälligkeit von israelischen Baufirmen abgerissen, die palästinensischen Familien gehen dennoch nicht weg und stellen Zelte neben ihren Häuserruinen auf, in die sie mit ihrem verbliebenen Hab und Gut ziehen. Die Israelis, betont Frangie, bürden die Abrisskosten stets den alten Hausbesitzern auf, die sich plötzlich hoch verschuldet auf der Straße wiederfänden. Dann beklagte er, dass seit 9/11 jeder Palästinenser, der Widerstand leistet gegen Ungerechtigkeiten wie diese, mit Al-Kaida in Verbindung gebracht werde. Auch wenn mehrere hundert der kleinen Raketen aus Gaza auf israelisches Gebiet abgeschossen würden, so sei deren zerstörerische Wirkung eher gering bis sehr gering. Zum Bruderkrieg von 2006 zwischen der Hamas und El-Fatah äußerte der PLO-Vertreter nur, dass El-Fatah 2007 den Widerstand gegen den Wahlsieger Hamas aufgab, um noch größeres Blutvergießen zu vermeiden. Stolz wies er darauf hin, dass der amtierende parteilose Ministerpräsident Fayed von der Palestinian Authority des Gaza-Streifens nicht zur PLO gehöre, jedoch mit deren Stimmen gewählt wurde. Dennoch wünscht Frangie, dass sich die Hamas in die PLO eingliedert. Zumal sie sich in letzter Zeit deutlich weniger gewaltbereit verhalte und die Raketen-Abschüsse auf israelisches Gebiet nicht mehr von ihr, sondern von anderen radikalen Palästinensern betrieben werden. 

Der Friedensprozess oder das Warten auf Godot

Rhetorisch ungleich eleganter und schärfer, jedoch nur in Englisch stellte Avraham Burg, Ex-Pressesprecher des israelischen Parlaments, seine Sichtweise des Konflikts vor: Einige in Israel sagen, der Friedensprozess sei „wie ein Fußmarsch, bei dem man nie ankommt.“ Nach Burg war der Gegensatz zwischen Israelis/Juden sowie den Palästinensern in früheren Zeiten latent, unter dem englischen Mandat erhielt er eine nationale, danach eine religiöse Prägung. Psycho-Politik und Psycho-Geschichte seien im Nahen Osten an der Tagesordnung. Die Zusammenstöße (Clashes) werden von den Opfern des Holocaust und den Opfern des Kolonialismus bestritten. Doch eigentlich handele es um „gekidnappte Gesellschaften“, denn 75 % der Menschen auf beiden Seiten unterstützten den Oslo-Prozess mit der Zwei-Staaten-Theorie. Andererseits kenne er keinen israelischen Führer, der wenigstens teilweise Schuldgefühle wegen des palästinensischen Flüchtlingsproblems entwickle. Doch ebenso wie sich das schwierige Verhältnis zwischen Deutschland und Israel zum Guten gewendet habe, müsste auch eine Lösung des Palästinenserproblems möglich sein.

Nach diesen beiden en detail ausgeführten Statements kamen Drittstaaten-Positionen zu Wort. Den allgemeinen Standpunkt, dass Deutschland gegenüber Israel wegen des Holocaust eine besondere Verpflichtung habe, wollten angesichts der gewaltsamen Erstürmung der drei ersten, überwiegend türkischen Free-Gaza-Schiffe mit neun Toten aus einem NATO-Land nur wenige Zuhörer im Auditorium unbestritten hinnehmen. Die Leiterin des Ressorts Naher/Mittlerer Osten Dr. Muriel Asseburg von der Stiftung Politik und Wissenschaft, Berlin, wünschte sich für die deutsche Politik nach dem Holocaust als Kompensation ein unbedingtes, weltweites Einsetzen für die Menschenrechte. Wie dies mit den beschränkten Mitteln umsetzbar wäre, erläuterte sie nicht. Auch gerät Israel international in eine Defensiv-Position, denn die UNO verabschiedete seit dem militärischen Angriff auf Gaza 2009 bereits mehrere Israel offen kritisierende Resolutionen und leitete Untersuchungen gegen ranghohe israelische Generäle ein, die diese militärische Strafaktion von 2009 gegen die Zivilbevölkerung von Gaza leiteten. Noch kritischer gegenüber Israel äußern sich jüdische Intellektuelle in der deutschen Zeitschrift „Der Semit“, in der sie namhafte deutsch-jüdische Autoren wie Henryk M. Broder als „Zionisten“ rundweg ablehnen.

In Bad Boll wurde aus dem Publikum die Idee vorgetragen, das Verhältnis Israelis und Palästinenser mit dem von Schwarz und Weiß in Südafrika gleichzusetzen. Der Weg vom Oranje-Freistaat der Buren im Jahr 1902 bis zum Ende der Apartheid-Politik in der RSA - Republik of South Africa – Nelson Mandelas im Jahr 1990 scheint in der Tat offen, doch wer besitzt eine Roadmap?

Eingeladen und zu Wort kamen in Bad Boll auch deutsche Parlamentarier von der CDU, SPD und FDP. Sie verkündeten allerdings nur längst bekannte Positionen ihrer Partei, vor allem Rainer Arnold, Verteidigungsexperte der SPD, Nürtingen (BW). Er habe bereits 2006 mit Hamas-Vertretern gesprochen, sagte er, und halte es für angebracht, auch mit den Feinden zu sprechen. Die USA und Europa kämen nicht umhin, die im Gaza-Streifen bei den Wahlen siegreiche Hamas eines Tages anzuerkennen. Ähnlich äußerten sich auch Michael Hennrich (CDU) und Harald Leiprecht (FDP). Mit keinem Wort erwähnten sie, dass in Europa die neutrale Schweiz die Hamas bereits anerkannt hat. So muss man auch die Rolle von Entwicklungsminister Dirk Niebel begreifen, der in Afghanistan mit Panzer-Haubitzen auf die Taliban schießen möchte und dem die israelische Regierung kürzlich die Einreise in den Gaza-Streifen verweigerte, wo mit deutschem Geld ein Klärwerk errichtet wird.

Dass nach wie vor Israel de facto die politische Macht über den Gaza-Streifen ausübt, wird auch sichtbar an den Lkws, die nun doch nach Gaza fahren dürfen, aber  von den Israelis gründlich gefilzt werden. Diesen Umstand möchten die Palästinenser ändern. Keiner der vorgenannten Redner erwähnte jedoch lobend die aktuelle Rolle der USA und von US-Präsident Barack Obama. Doch ist es ausschließlich der amerikanischen Regierung zu verdanken, dass die vier Jahre währende Blockade von Gaza nun zu enden scheint. Abdallah Frangie konzedierte immerhin, dass Gaza bereit sei, die Stationierung von NATO-Truppen zu akzeptieren. Und Deutschland, verkündete Bundeskanzlerin Merkel letzte Woche, werde eine vollkommene Wendung seiner Nahost-Politik vornehmen. Offenbar verbreitet sich der Geist von Bad Boll auch in Berlin.  

                                                                                                                                                               Richard E. Schneider 

 

● Russische Siegesfeiern

1. Sieg als Identitätsstiftung
In russischen Zeitungen finden sich jetzt (März 2010) vermehrt Artikel zum Sieg über die „Gitler“, dessen 65. Jahrestag groß gefeiert werden soll. Der Sieg über Hitler hat sich von seinen historischen Zusammenhängen offenbar abgelöst und ist zum mystischen Angelpunkt nationaler Selbstbeschreibung der Siegerstaaten geworden. Ein Philosoph und Politologe A. Zipko schreibt in der Wochenzeitschrift Argumenty i Fakty (Nr. 12. 2010, S.7): Der Sieg vom 9. Mai ist von unaussprechlich hohem nationalem Wert, die geistige Grundlage der Konsolidierung der russischen Gesellschaft.

Das ist auch der Grund, weswegen jeder Siegerstaat den Krieg allein gewonnen hat. Von einer Beteiligung der USA und des Englischen Empire am Siege ist in diesem Artikel nichts, in anderen russischen Beiträgen selten etwas zu lesen. Dasselbe Phänomen findet sich mutatis mutandis in England. Dieses hat durch seine Kriegserklärung an Deutschland (1939) die Lunte gezündet, die sein Empire zerplatzen ließ. Damit hat der Krieg England von einem viel höheren Sockel gestoßen als Deutschland trotz seiner Totalzerstörung. 1939 war England noch eine scheinbar gefestigte Weltmacht; nach dem Sieg, und nach dem wesentlich dadurch verursachten Verlust Indiens, war es, entsprechend der Vorhersage Churchills, zum drittrangigen Staat abgestiegen. Was liegt näher als sich für den wahrhaften Retter der Welt vor dem Monstrum Hitler zu sehen? In den USA weiß man allerdings, dass allein sie es waren, die das Scheusal Hitler zur Strecke gebracht haben.

2. Stalin
In Russland ist der SIEG (sonst wird ein Hauptwort klein geschrieben, hier aber wird der Sieg auch im Schriftbild groß) zusätzlich zum Prüfstein für die Beurteilung Stalins geworden. Nolens volens muss Stalin zur Siegesfeier geehrt werden. Der Bürgermeister Moskaus: Stalin war der Organisator der Niederwerfung Deutschlands! Zipko (s.o) sieht das etwas anderes. .. es muss die Wahrheit über den Krieg gesagt werden, was er war und was nicht…

Er meint aber nicht, was aus unserer Sicht vielleicht zu erwarten wäre, die Frage, ob Hitler dem Schlage Stalins nur um Weniges zuvor gekommen ist. Es werden aber die großen Fehler Stalins herausgestellt. Mit 27 Millionen Toten habe die sowjetische Seite etwa die Hälfte der Toten auf allen Fronten aller Kriegführenden gehabt. Dieser hohe Preis des Sieges sei Stalins Schuld gewesen. Es ist durchaus nicht zufällig, dass Stalin nach dem Krieg den Tag des Sieges nicht habe feiern lassen, zu seinem Ruhm gab es nichts zu sagen.

Damit sind die beiden Hauptmeinungen zu Stalins Rolle bezeichnet, die sich auch in Leserbriefen äußern. Dabei überwiegt, wie wohl zu erwarten, die positive Bewertung Stalins. Ein Kriegsveteran Iwan Konowalow schreibt in derselben Zeitung: Nun, 65 Jahre nach dem Sieg, finde ich es schlimm, wenn die Nachgeborenen Stalin kritisieren. ..Stalin war das Symbol für die Festigung der sowjetischen Gesellschaft angesichts der hitlerschen Bedrohung.

3. Stalin wäre das nicht passiert
Die nachhaltigsten Folgen des 2. WK in Russland liegen vielleicht in der Erweckung des ukrainischen Nationalbewusstseins. Anscheinend hat die kurze Zeit, in welcher die Ukraine, schon im 1. WK, dann wieder im 2. WK, von Deutschland besetzt war, viel dazu beigetragen, das ukrainische Nationalbewusstsein anzuregen. Es ist den Russen bis zum Ende der Sowjetzeit nicht gelungen, dieses vergessen zu machen. Deutschland hätte dann, wenn auch hier ohne Abwicht, Ähnliches bewirkt wie während des 1. WK in Belgien, wo wir die Gleichberechtigung der flämischen mit der französischen Sprache durchsetzten, die nach 1919 nicht mehr zurückgenommen werden konnte. Das ukrainische Nationalbewusstsein, aus welchem 1990 ein Staat wurde, ist eine nationale Herausforderung an die Russen, etwa wie an uns damals als das Elsass sich nach 1871 so schwer tat, deutsch zu sein. Straßburg war doch eine der Wiegen deutscher Kultur! Das nun außerhalb Russlands liegende Kiew war und ist noch mehr als das, es ist die Wiege Russlands. Diese Untreue eines als integraler Teil des Staates angesehenen russischen "Stammes" stellt dem heutigen Russland die Frage, wie konsolidiert und sicher denn heute sein Gesamtstaat ist.

Der Zerfall der UdSSR ist innerlich nicht verarbeitet. Russland hat zwar auch heute ein immenses Territorium. Aber man schaut nicht auf das, was man hat, sondern auf das, was man gerne wieder hätte. Das Russische Imperium hat seit seinem Höhepunkt unter den Zaren durch die große Wende 1990/91, also ohne Krieg, fast ¼ seines Gebietes und etwa ein Drittel seiner Bevölkerung verloren. Ehedem von schier unendlicher Volkskraft steht es jetzt fast in derselben Ordnung wie Deutschland. Damit hat Russland im Frieden etwa ebenso viel verloren wie Deutschland durch den Krieg! Mit Stalin wäre das nicht passiert. Und doch war dieser, wie auch hier eigentlich niemand bezweifelt, ein großer Verbrecher.

Ergebnis

Denj Pobjedy – der Tag des Sieges ist in Russland daher wohl weniger ein Tag, an welchem der SIEG gefeiert wird. Er ist eher ein Tag mystischer Selbstvergewisserung nationaler russischer Größe und auch der Wehmut. Stalin, der Welkij Woshd – der große Führer zum Siege, wird, wieder auf seinen Sockel treten, aber am folgenden Tage muss man ihn wieder herabstoßen. Stalin bleibt ein Punkt der inneren Uneinigkeit des Staates

Es ist anzunehmen, dass die Siegesfeiern unserer anderen Besieger eine entsprechende Bedeutung haben mit und ohne Anerkennung der eigenen Verbrechen vor und im Kriege. Mit dem 2. Weltkrieg selbst oder gar mit uns Deutschen und hat das fast nichts mehr zu tun.


                                                                                                                                   
           Menno Aden (zur Zeit in Sibirien)

 

● Tibet, die Supraplanung der kommunistischen Partei in China

 Professor von Senger: Europa sollte dem Rat Jesu folgen „Seid klug wie die Schlangen und sanft wie die Tauben“

Nach Analysen des Schweizer Sinologen Professor Harro von Senger sind die Reaktionen des Westens auf die Tibet-Krise von Naivität und Unwissen geprägt. „Aus Pekinger Sicht blickt wegen der Menschenrechte oder der Tibet-Frage nicht ‚die Welt’, sondern nur ein recht kleiner Teil der Welt, nämlich die – global gesehen - wenigen westlichen Länder nach China. Diese kleine Minderheit repräsentiert nach chinesischer Auffassung nicht ‚die Welt’. Mit Boykottmaßnahmen kann man gegen die Bastion der Länder des Südens, die in der Regel auf der Seite der Volksrepublik China stehen, nichts ausrichten“, so von Senger im Interview mit dem Onlinemagazin „Neue Nachricht“. Sein Buch „Supraplanung“ (Hanser Verlag) dürfte sich besonders für westliche Politiker als nützliche Nachhilfe-Lektüre im Umgang mit dem Reich der Mitte eignen.„Welche Rolle das Gesetzesrecht in der Volksrepublik China spielt und welchen Stellenwert es in diesem Land hat, stelle ich in ‚Supraplanung’ deutlich dar. Wenn man die Verfassungsartikel zur Kenntnis nehmen und in ihrer vollen Tragweite begreifen würde, dann würde vieles, was in der politischen Tagespraxis geschieht, durchschaubar und leicht vorhersehbar werden. Aber leider werden offizielle Dokumente der Volksrepublik  China im Westen regelrecht boykottiert und planmäßig nicht gelesen oder mit einem Lacher abgetan. In Europa scheint man zu meinen, Hintergrundwissen über die Volksrepublik China sei überflüssig, es genüge, von Fall zu Fall die Tagesereignisse zu verfolgen und mit westlichen Alltagswissen ad hoc zu reagieren“, sagt von Senger. Er verweist auf seine Schrift „Einführung in das chinesische Recht“ von 1994 (C.H. Beck Verlag). „Hier erwähne ich die bis auf den heutigen Tag in Kraft befindliche Verfassung der Volksrepublik China vom 4. Dezember 1982, die auch im Zusammenhang mit Tibet wichtig ist. Im Artikel 1 bekennt man sich in Peking ganz offiziell und offen zu der Tatsache, eine Diktatur zu sein. Nach Artikel 54 sind die Bürger der Volksrepublik China verpflichtet, ‚die Einheit und die Geschlossenheit all seiner Nationalitäten zu sichern’. Natürlich ist diese Verfassungsnorm durch entsprechende Paragraphen im chinesischen Strafgesetzbuch abgesichert“, erläutert der Sinologie-Professor der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität.

Deutschland habe die Volksrepublik China diplomatisch anerkannt und demnach auch die Verfassung. „Es erscheint merkwürdig, auf offizielle chinesische Einzelaktionen zu reagieren und diese anzuprangern, bei gleichzeitiger Anerkennung und damit Billigung der ideologisch-politisch-juristischen Grundlage solcher Einzelaktionen. Wenn man etwas kritisieren wollte, dann müsste man die Basis von Einzelaktionen, also die Verfassung, ja die offiziell hoch gehaltene marxistisch-leninistische Ideologie kritisieren, nicht die aus der Verfassung und aus der offiziell geltenden Ideologie logisch folgende Umsetzung im Einzelfall“, führt von Senger aus. Bei einer seiner Chinareisen habe Bundeskanzler Kohl Tibet besucht und damit dessen Zugehörigkeit zu China ostentativ vor aller Welt anerkannt. „Als ich im August 1997 Mitglied eines Schweizer Menschenrechtsinspektionsteams war, welches im Auftrag des Schweizer Außenministeriums Tibet besuchte,  vernahm ich, dass der Delegationsleiter, ein Mitglied der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz, dem chinesischen Empfangskomitee in Peking als ersten Satz sagte, die Schweiz anerkenne, dass Tibet ein Teil der Volksrepublik China sei. Kein Staat der Welt anerkennt die tibetische Exilregierung. Alle Staaten, die entweder die Republik China (in Taiwan) oder die Volksrepublik China anerkennen, anerkennen zugleich, dass Tibet ein Teil Chinas ist.  Die Führer der Volksrepublik China werden daher keinen Grund sehen, an der Zugehörigkeit Tibets zu China zu
zweifeln. Zudem berufen sie sich auf den in der UN-Charta verankerten Grundsatz der Nichteinmischung sowie auf die von der Volksrepublik China immer wieder hervorgehobenen sogenannten ‚Fünf Grundsätze der friedlichen Koexistenz’ mit dem Grundsatz Nr. 3, jenem der gegenseitigen Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten“, so von Senger.

Menschen, die von Polizisten niedergeschlagen werden, erblicke man in Europa beinahe täglich in den TV-Nachrichten, beispielsweise in der Türkei, Mitglied des Europarats, wo Kurden niedergeknüppelt wurden, die ähnliche Probleme haben wie Tibeter. „Von Russland, ebenfalls Mitglied des Europarates, wurden jahrelang Tschetschenen niedergeknüppelt, ohne dass auf Seiten der Europäer viel geschah. Über unschöne Bilder aus Russland und der Türkei oder auch aus dem Nahen Osten sieht man hierzulande in der Regel mehr oder weniger gleichgültig hinweg. Sobald solche Bilder aus der Volksrepublik China eintreffen, ist man schockiert und empfindet das als unerhört“, moniert von Senger.

In seinem Opus „Supraplanung“ legt er fundiert dar, wie nachhaltig und langfristig der Sinomarxismus von der kommunistischen Partei in China vertreten wird. Von Verhüllungsrhetorik oder Verschleierung könne nicht die Rede sein. Jeder, der sich die Mühe mache, die Satzungen der Kommunistischen Partei Chinas vom 14. November 2002 und vom 21. Oktober 2007 zu lesen, werde auf den folgenden in beiden Satzungen übereinstimmenden Passus stoßen: „China befindet sich jetzt im Anfangsstadium des Sozialismus und wird sich über eine längere Zeit in diesem Stadium befinden. Das ist ein unüberschreitbares Stadium bei der Modernisierung im wirtschaftlich und kulturell rückständigen China, das mehr als 100 Jahre in Anspruch nehmen wird....Das höchste Ideal und das endgültige Ziel der Partei ist die Verwirklichung des Kommunismus“. In Anlehnung an Gottfried Wilhelm Leibniz plädiert von Senger dafür, dass die europäische Belehrungsgesellschaft sich in eine Lerngesellschaft im Verhältnis zu China wandeln sollte. Das Abendland müsse den tief verwurzelten Kulturhochmut ablegen und sich darum bemühen, das amtliche Denken in der Volksrepublik China, insbesondere das Bezugssystem der Kommunistischen Partei Chinas von innen heraus besser zu verstehen. „Die Passagiere des Luxusdampfers Europa kommen wohl nicht darum herum, sehr vieles, nicht zuletzt die chinesische Sprache, zu erlernen, wollen sie verstehen, was im Reich der Mitte vor sich geht“, schreibt von Senger. Europa sei nach der chinesischen Strategemkunde eine leichte Beute und eine optimale Spielwiese für die Anwendung des Strategems Nummer 33: Das Strategem des Zwietrachtsäens. Als Beispiel führt von Senger den Dalai-Lama-Besuch bei Bundeskanzlerin Angela Merkel an, der dazu führte, dass Chinas Führer reihenweise Termine mit Deutschen absagten. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy wurde demgegenüber höchst freundlich empfangen und mit Aufträgen in Höhe von 20 Milliarden Euro überschüttet.

„Der Preis: Menschenrechte kamen nur ganz am Rande vor. Der sonst so knallharte ‚Sarko’ kann also auch anders – windelweich. Die Botschaft Pekings ist klar. Wer die Klappe hält, macht Kasse. So will China Europa spalten“, zitiert Senger die Bild-Zeitung. Sarko sei allerdings nicht nur windelweich gewesen, er handelte in erster Linie listig. „Er benutzte das Strategem Nummer 12 ‚Mit leichter Hand das Schaf wegführen’ und ergriff geistesgegenwärtig und unsentimental, wie Politiker eben vielfach sind, die sich ihm dank dem Verhalten der deutschen Kanzlerin ergebende Geschäftschance. Ob die Kanzlerin ihre Tat wohl vernetzend-strategemisch analysiert und sich überlegt hat, welchen Nutzen ihre EU-Konkurrenten daraus ziehen könnten? Das ist eine überflüssige Frage. Zu derartigen strategemischen Selbstanalysen dürften listenblinde europäische Politiker gerade auch beim <Behaupten der eigenen Werte> wohl kaum fähig sein“, bemerkt der Strategem-Kenner von Senger.

Er empfiehlt den Europäern, den Rat von Jesus zu folgen: „Seid klug wie die Schlangen und sanft wie die Tauben“ (Matthäus 10, 16). „In der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts sollte der verborgene Schatz, der in dem bei uns unbekannten Ausspruch Jesu ruht, gehoben werden. Unter völligem Verzicht auf ethisch abgestützte und mit Augenmaß eingesetzte Schlangenklugheit dürfte der europäische Marsch durch das 21. Jahrhundert schwierig werden“. Es sei unverzichtbar, sich ein optimales Listwissen anzueignen. Im politischen und wirtschaftlichen Wettbewerb unterliege die Listenblindheit der Listkompetenz. Das gelte für Politiker und Unternehmer.

                                                                                                                                                         Gunnar Sohn

(medienbüro.sohn, Ettighoffer Straße 26 A, 53123 Bonn, Tel: 0228 – 620 44 74; Fax: 0228 – 620 44 75; Mobil: 0177 620 44 74; medienbuero@sohn.de; www.ne-na.de)

 

● Eine Supermacht und mehrere Großmächte:

Strategien der amerikanischen Weltpolitik

Robert Kagan „ Die Demokratie und ihre Feinde – Wer gestaltet die neue Weltordnung?“ Siedler, Berlin, 2008, 128 Seiten, 16,95 Euro,

Originaltitel “The Return of History and the End of Dreams”, Ed. Knopf, USA.

Autor Robert Kagan fordert weltpolitisch weiter Konfrontation, keine Kapitulation  - Demokratien sollen mehr Solidarität und Unterstützung für USA leisten – Frieden als wertvolles Gut muss erstrebenswert sein – „Die Rückkehr der Geschichte oder das Ende der Träume“ – Kein Buch, das an Frieden als Aufgabe der politisch Mächtigen erinnert

Soeben erschien das vielerwartete neue Werk von Prof. Robert Kagan „Die Demokratie und ihre Feinde – Wer gestaltet die neue Weltordnung?“ Der Autor, Professor am Carnegie-Friedensinstitut und Leitartikler der „New York Times“, gibt sich kämpferisch, fordert gleichzeitig mehr Solidarität und Unterstützung von den Verbündeten ein. Als außenpolitischer Berater des republikanischen US-Präsidentschaftskandidaten John Mc Cain gehört Kagan zu den führenden Neokonservativen in den USA. Im Jahr 1998 riet er brieflich dem vorletzten US-Präsident Bill Clinton zu einem Kurswechsel in der Irak-Politik und forderte ihn zum Sturz Saddam Husseins auf.

Sein neuer weltpolitischer Ansatz beginnt bei der Supermacht USA. Unter ihr rangieren von nun an die Großmächte Russland, China, Indien und die Europäische Union. Mit klugen Argumenten hinsichtlich ihres militärischen und wirtschaftlichen Leistungspotentials wird die Vormachtstellung der Vereinigten Staaten klar untermauert. Robert Kagan, der in Brüssel wohnt, wo seine Ehefrau Viktoria als NATO-Botschafterin der USA arbeitet, fordert zur Fortsetzung des Kampfs gegen die Feinde der Demokratie über das Jahr 2008 hinaus auf. Ein Nachlassen der Anstrengungen käme einer Niederlage gleich. Gleichzeitig definiert er Fortschritt als Anzahl der von den USA gewonnenen Schlachten. Und Amerika, so der Autor, ist seit dem Wendejahr 1989 stark aus sich herausgegangen, führte statistisch alle 16 Monate einen größeren bewaffneten Kampf im Ausland.

1989 ist für ihn das entscheidende Wendejahr, der Zusammenbruch des Kommunismus in der Sowjetunion und das Massaker der Opposition auf dem Tian-men-Platz in Peking. Er stellt den verstorbenen russischen Präsidenten Boris Jelzin klar über dessen Vorgänger Gorbatschow. Der letzte Präsident der UdSSR Michail Gorbatschow, Urheber von Glasnost („Offenheit“) und Perestroika („Umstrukturierung“) vertrete „universelle Werte,“ meint Kagan fast abschätzig. Der sowjetischen Antwort von 1989 auf eine verantwortungsbewusste europäische Ostpolitik kann er nichts abgewinnen. Vielmehr erinnert er bewundernd an die Kanonenboot-Politik der Clinton-Administration, als 1996 Taiwan von der Volksrepublik China mit Wiedervereinigung bedroht wurde und die USA zwei Flugzeugträger ins Südchinesische Meer schickten.

Die beiden Großmächte Russland und China nennt Kagan Autokratien, deren Führer ihr persönliches Wohlergehen mit dem ihres Landes gleichsetzten. Damit grenzt er sie scharf vom „demokratischen Kapitalismus“ in den USA ab. Andere politische Systeme nennt oder kennt Kagan nicht. Die „soziale Marktwirtschaft“, in Deutschland unbestritten als fortschrittliche Gesellschaftsordnung und nun auch für die französischen Sozialisten der PS als politisches Ziel in ihre Parteistatuten aufgenommen, existiert für den Autor, Fellow des German Marshall Funds, nicht. Auch kein Kampf um die 35-Stunden-Woche, wie sie in Frankreich nach wie vor gilt. Überhaupt: Die beiden europäischen Länder, auch allein für sich gezählt, gehören nach wie vor zu den zehn größten politischen wie Wirtschaftsmächten der Welt.

„Gefährliche Gewässer der Geopolitik des 21. Jahrhunderts“

Für Robert Kagan ist jetzt der Zeitpunkt für den Kampf um eine neue Weltordnung unter US-Vorherrschaft gekommen. Senator John Mc Cain nennt sein Buch denn auch „einen Weckruf“ und „Führer durch die gefährlichen Gewässer der Geopolitik des 21. Jahrhunderts.“ Klar bezieht Kagan Position gegen ein multizentrisches Weltbild. Indien, China und Europa seien nur Regionalmächte, allein die USA seien Supermacht und Vorreiter. Von der EU und ihrem jahrzehntelangen friedlichen „Zusammenrücken“ spricht er nicht. Willy Brandts Ostpolitik mit ihrem friedensorientierten Motto „Wandel durch Annäherung“ steht er fremd gegenüber. Auch meint Kagan, an der Wiege der „Römischen Verträge“ von 1957, die die EWG begründeten, standen die Amerikaner, nicht die Europäer. Offenbar verwechselt er die heutige EU, die 1991 aus der EWG hervorging, mit der aufgelösten WEU, der früheren Westeuropäischen Union, in der Großbritannien das Sagen hatte. In jedem Fall möchte Kagan polarisieren, die Welt einteilen in die Freunde und Feinde Amerikas.

Das politische Mächtedreieck Chirac-Schröder-Putin von 2003 hält er für gescheitert. Auch kritisiert er nur begrenzt den Irak-Krieg von Präsident George W. Bush. Dies ist kein Wunder, denn Kagan gab 1998 Präsident Clinton den brieflichen Rat, den irakischen Präsidenten Saddam Hussein zu stürzen.

Der Autor widerspricht weiter der seit 1989 proklamierten Theorie Francis Fukuyamas vom Ende der Geschichte, denn sein Buch trägt in den USA den Titel „Die Rückkehr der Geschichte und das Ende der Träume.“ Wörtlich und mit Nachdruck fordert der Autor mehr Machtpolitik von den demokratischen Politikern und den Willen, die Welt nach freiheitlich-demokratischen Prinzipien zu gestalten. Vom Frieden handelt das neue Buch eigentlich nicht, weshalb das Carnegie-Friedens-Institut (Carnegie Endowment for International Peace) wohl der falsche Ort für einen Denker wie Robert Kagan ist. Doch ist auch Frieden ein erstrebenswertes Gut und muss es bleiben - trotz manchmal nötiger militärischer Interventionen und Aktionen. Appelle an die mächtigen Politiker der Welt, Frieden zu halten und zu bewahren, finden sich in diesem Buch nicht.

Das Erfolgsmodell „demokratischer Kapitalismus“

Der „demokratische Kapitalismus“ ist das erfolgreichste Modell für aufstrebende Gesellschaften. Mit zunehmendem Wohlstand werde sich die Mittelschicht überall in den sich entwickelnden Ländern verstärkt zu Wort melden und mitbestimmen, ist sich Kagan sicher. Mit dem französischen Aufklärer Montesquieu behauptet er weiter, Handel treibende Nationen hätten sanftere Sitten – wobei er vom früheren Handel mit afrikanischen Negersklaven absieht. Hätte er einem Gedenktag für die „Traite Négrière“ zugestimmt, wie ihn England bereits beschloss und Präsident Sarkozy anvisiert?

Überhaupt krankt das Buch an fehlenden Perspektiven für den afrikanischen Kontinent, wo heute nahezu fast eine Milliarde Menschen leben. Keinen afrikanischen Staat erwähnt er – außer Libyen. In seinen machtpolitischen Überlegungen bleibt Kagan kein Raum mehr für Afrikas Belange, d.h. den Kampf gegen Hunger, Armut sowie für Entwicklungshilfe und politische Stabilität. Selbst den gegenwärtigen US-Präsidentschaftskandidaten Barack Obama und dessen auf militärischem Irak-Rückzug basierenden Programm würdigt er mit keinem Wort.

Überhaupt scheint es für die „liberalste Demokratie der Welt“ keinerlei innenpolitische Probleme zu geben. Wenn jedoch der politische Kurs von Washington keinen Rückhalt mehr in der Bevölkerung findet, gehen die Bürger auf die Barrikaden. Dies ist nicht nur in den USA, sondern auch in den mit ihr verbündeten Staaten der Fall. Gegen öffentliche und heftige Proteste im Innern hat jede demokratisch gewählte Regierung schwer zu kämpfen und nicht allein mit den Feinden der Demokratie im Ausland! Diesen innenpolitischen Machtfaktor scheint der Stratege Kagan ganz außer acht zu lassen. Keine demokratische Regierung kann gegen den entschlossenen Willen der Bevölkerung ein Gesetz durchsetzen! Dies ist nur in Autokratien möglich.

Der gegenwärtige Bau einer hermetischen Südgrenze der USA, eines Tausende von Kilometern langen Walls gegen Mexiko, bleibt von ihm ebenso unerwähnt wie die Millionen illegaler Immigranten, die seit Jahren in den Vereinigten Staaten ohne Papiere leben, arbeiten und Steuern zahlen. Zurückschicken oder amnestieren? All dies ist für Robert Kagan offenbar nur Stoff für die bevorstehenden Präsidentenwahlen.

Doch würde der Leser den Rezensenten missverstehen, wenn er nur Kritik heraushörte. Robert Kagan hat ein sehr lesenswertes Buch geschrieben, kurz, klar, offen, mit eindeutiger Zielansprache und sehr leicht zu lesen. Keine verklausulierten Sätze und keine Umschweife! Als politischer Stil durchaus empfehlenswert, denn darauf lässt sich klar antworten.

                                                                                                             Richard E. Schneider

 

● Afghanistan-Einsatz: Jedes weitere Jahr kostet Deutschland 3 Milliarden Euro

Kosten etwa drei Mal höher als offizielles Kriegsbudget
Die Fortsetzung des Bundeswehr-Einsatzes in Afghanistan kostet jährlich circa drei Milliarden Euro. Die gesamten Kosten der deutschen Beteiligung am Krieg in Afghanistan betragen bei einem Abzug ab dem Jahr 2010 etwa 36 Milliarden Euro. Dies sind die Ergebnisse einer aktuellen Studie des DIW Berlin, die das manager magazin vorab berichtete. Die Ökonomen kommen damit zu einer wesentlich höheren Zahl als die Bundesregierung, die die gesamten Kriegskosten mit vier Milliarden Euro und für das Jahr 2010 mit einer knappen Milliarde Euro bezifferte. „Unsere Schätzung ist bei aller Vorsicht relevant und angemessen und bewegt sich eher noch am unteren Rand der Möglichkeiten“. sagte DIW-Experte Tilman Brück.

Kosten durch entgangene Investitionen
Im Unterschied zur Bundesregierung berücksichtigen die Ökonomen nicht nur die zusätzlichen Ausgaben des Verteidigungsministeriums, sondern auch indirekte Kosten wie die Ausgaben anderer Ressorts, Finanzierungskosten, die gesellschaftlichen Kosten durch tote und verletzte Soldaten sowie die Opportunitätskosten durch unterbliebene Investitionen in anderen Bereichen. Brück: „Durch den deutschen Kriegseinsatz fehlen insgesamt jährlich mindestens zwei Milliarden Euro für staatliche Investitionen zum Beispiel in Bildung, Forschung oder Entwicklungshilfe“.

Drei Szenarien
Die DIW-Forscher haben für ihre Berechnungen drei unterschiedliche Szenarien aufgestellt: Für den unrealistischen Fall, dass die deutschen Truppen bis Ende 2010 vollständig aus Afghanistan abziehen, belaufen sich die Gesamtkosten des Einsatzes auf 24 Milliarden Euro. Im realistischeren Szenario eines schrittweisen Rückzugs ab 2013 rechnen die Forscher mit Gesamtkosten von etwa 36 Milliarden Euro. Bei einem umfassenden Engagement mit doppelter Truppenstärke und einem Rückzug ab 2020 schätzt das DIW Berlin die Gesamtkosten auf 71 Milliarden Euro.
Die Studie erscheint als DIW-Wochenbericht 21/2010

 

 

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