INHALT

Nordkorea: 200 000 Sklaven  
Türkei: Bildungs -und Infrastrukturinvestitionen  
Tunesischer Aufstand: Es herrschte in Paris zunächst Ratlosigkeit und Schweigen  
Libyen: Das Pflichtgefühl ist ein schlechter Ratgeber  
Deutschland und Libyen: Die neue deutsche Scheckheft-Diplomatie  
Der Iran schmuggelt weltweit Waffen an Terrorgruppen  
Iran in der Krise  
Tibet, die Supraplanung der kommunistischen Partei in China  
Eine Supermacht und mehrere Grossmächte  

  

 

▪ Nordkorea: 200 000 Sklaven

Die katastrophalen Zustände in den Arbeitslagern des kommunistischen Nordkorea sind Thema einer neuen Ausstellung, die in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen Ende Juni 2011 eröffnet wurde. Erstmals werden dort Zeichnungen frei gelassener und geflohener Häftlinge gezeigt, die das Leben in den sonst vollkommen abgeschirmten Lagern zeigen. Schätzungsweise 200.000 Menschen werden dort unter unvorstellbaren Bedingungen gefangen gehalten. Die Bilder berichten auf teils schockierende Weise von Hunger, Folter und Hinrichtungen in dem international isolierten asiatischen Land.

Neulich berichtete im Rahmen einer Ausstellungseröffnung Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Genslerstr. 66, 13055 Berlin, die ehemalige Lagerinsassin Kim Hye-Sook zum ersten Mal in Deutschland persönlich von ihren Hafterfahrungen. Mit 13 Jahren kam sie zusammen mit ihrer Familie in ein Zwangsarbeiterlager, weil ihr Großvater nach Südkorea geflohen war. 28 Jahre lang musste sie täglich bis zu 18 Stunden unter unmenschlichen Bedingungen in einem Bergwerk arbeiten. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch konnte sie schließlich 2009 nach Südkorea fliehen.

 

▪ Türkei: Bildungs- und Infrastrukturinvestitionen müssen das Wachstum sichern

Die türkische Wirtschaft wächst rasant, ist aber nach wie vor anfällig für Krisen. Um das hohe Wachstum auch langfristig zu sichern, muss die Türkei ihre Abhängigkeit von nur kurzfristig im Land angelegten Geldern reduzieren und zügig in die Infrastruktur und das Bildungssystem investieren, raten Experten der DIW econ, der Beratungstochter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), in ihrem neuesten Wochenbericht.

Mit einer Wachstumsrate von rund neun Prozent war die Türkei im vergangenen Jahr die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft Europas. In der Boomphase zwischen 2002 und 2007 verzeichnete das Land ein reales Wirtschaftswachstum von durchschnittlich knapp sieben Prozent pro Jahr. „Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat das Land 2008 und 2009 jedoch sehr stark getroffen. Die Wirtschaftsleistung brach von ihrem Spitzenniveau im ersten Quartal 2008 bis zur Talsohle im ersten Quartal 2009 um fast 13 Prozent ein, obwohl die Probleme nicht hausgemacht waren“, erklärt DIW-Gastforscher Lars Handrich, der die Studie gemeinsam mit Levent Lanzke und Daniel Wissmann verfasst hat. Zwar konnte sich das Land am Bosporus schnell wieder erholen und erreichte bereits Anfang 2011 wieder sein Vorkrisenniveau – schneller als die meisten anderen OECD-Staaten. Trotzdem, so lautet das Urteil der Autoren, steht das Land vor großen Herausforderungen. „Auch nach Jahren mit hohen Wachstumsraten ist das türkische Pro-Kopf-Einkommen nur halb so groß wie im EU-Durchschnitt“, erläutert Handrich. Der für ein Schwellenland niedrige Investitionsanteil am Bruttoinlandsprodukt bei gleichzeitig hohem inländischen Verbrauch stellt ein weiteres Problem dar. „Angesichts der schnell wachsenden Bevölkerung sind vor allem langfristige Investitionen in die Infrastruktur und das Bildungssystem notwendig.“ Auch die Tatsache, dass internationale Investoren ihr Geld nur kurzfristig in der Türkei anlegen, birgt für das Land große Risiken. „Ein erheblicher Teil des ausländischen Kapitals fließt in den Konsum und nicht in den Aufbau produktiver Strukturen. Der durch die kurzfristigen Kapitalzuflüsse getriebene Wechselkursanstieg gefährdet zudem die Exportwirtschaft des Landes.“

Die Türkei, so lautet der Ratschlag der Autoren, sollte daher versuchen, die Kapitalzuflüsse aus dem Ausland längerfristig zu binden. „Die Mittel sollte sie in die Modernisierung ihrer Volkswirtschaft, eine Reduzierung der Arbeitslosigkeit und eine höhere Erwerbsbeteiligung der Frauen investieren. Um das demographische Potenzial tatsächlich auszuschöpfen, muss ein besseres Bildungssystem zur obersten Priorität werden“.

 

▪ Tunesischer Aufstand : Es herrschte in Paris zunächst Ratlosigkeit und Schweigen

Paris hat lange nicht gewusst, wie es ausgehen würde. Danach wurde der Freund Ben Ali fallen gelassen

Der Mittwoch 12. Januar 2011 war kein schöner Tag für die Pariser Medien. Par ordre de Mufti schwieg die regierungsnahe Zeitung Le Figaro zum Aufstand, während Demonstranten in Tunesien unter den Kugeln der Polizei fielen. Der Konkurrent Le Monde berichtete auf einer halben Seite unter einem Zitat des tunesischen Diktators. Ratlosigkeit allenthalben! Auf den Kommentarseiten der Figaro las man dafür einen distanzierten, intellektuellen Beitrag des Kolumnisten Alain-Gérard Slama, der eine „Destabilisierung“ des befreundeten Landes befürchtete und die entstehende Lücke im maghrebinischen „Sicherheitssystem“ als Gefahr an die Wand malte.

Einige Tage davor hatten die Ordnungskräfte in Algerien einen erneuten Aufstand unterdrückt. „Die Algerier sind bürgerkriegsmüde“, freute man sich heimlich. Würde es in Tunesien so enden? Man staunte, dass ausgerechnet in Tunesien, wo ein starker Mann mit eiserner Hand regierte, urplötzlich Gewalt ausbrach, während sie doch eher in Algerien auf der Tagesordnung war. Marokko und Tunesien waren 1956 in die Unabhängigkeit friedlich entlassen worden und blieben dann relativ ruhig. Der kommunistische Spuk, der den Aufstand der algerischen FLN (1954-1962) gegen die Franzosen gefördert hatte, war längst weg. Allerdings spukte ein neues Gespenst in Nordafrika: der militante Islamismus. Frankreich ist der FLN-Nomenklatura unter Abdelaziz Bouteflika in Algier stillschweigend dafür dankbar, dass nach einem blutigen Bürgerkrieg die laizistische Zwangsherrschaft in Algier wieder Fuß gefasst hat. In Tunesien galt der republikanische Diktator Ben Ali ebenfalls als Vorkämpfer gegen „die Bärtigen“. Mitterrand, Chirac und auch Sarkozy haben ihn im wahrsten Sinne umarmt. Fast dreißig Jahre lang drückten sie in Sachen Zensur, Willkür, ja sogar Tortur und „Kapitalexport“ durch den nach dem Familiennamen der tunesischen Präsidentengattin bekannten Trabelsi-Klans ein Auge zu. Mitten in der historischen Revolutionswoche diagnostizierte Slama deswegen pflichtgemäß in der Figaro ein „Desaster“ im Staat am südlichen Mittelmeer. Hatte doch „der Nachfolger von Bourguiba“, dessen Name kein einziges Mal in seinem Artikel erschien, ein Wunder bewirkt, erinnerte er sich. Und das ausgerechnet an einem Tag auf unzähligen Transparenten in Tunesien „Ben Ali verpiss dich!“

Der „Nachfolger“ war aus Paris gesehen nicht so schlecht wie sein Ruf. Ein Drittel der 19-24jährigen Tunesier, darunter 60 Prozent Frauen und Mädchen, hat eine Hochschulausbildung erhalten. Tunesien hat einen Mittelstand geschmiedet, der in Algerien fehlt. Beobachter stellten jedoch fest, in der weltweiten Wirtschaftskrise, die zahlreiche französische Investitionen insb. in der Textilindustrie zum Rückzug aus Tunesien zwang, war auch der Bildungsmittelstand zunehmend arbeitslos geworden. Der junge Mann, Mohamed Bouazizi, dessen Feuerselbstmord in Sidi Bouzid den Aufstand auslöste, hatte das Abitur bestanden, musste aber als Gemüseverkäufer arbeiten, um seine Familie zu ernähren. Sein Laden wurde von der Polizei aufgelöst, weil er wie viele andere den üblichen Bakschisch nicht bezahlen konnte. Zum Preisanstieg und zum Stellenverlust kommt im ganzen Maghreb der Bevölkerungsdruck hinzu. In Marokko, Algerien, Tunesien sind 75 Prozent der Menschen unter 30 und 50 Prozent unter 25 Jahre alt. In Tunesien gibt es eine Geburtenkontrolle, in Algerien und Marokko fehlt sie.

Paradoxerweise haben Bildungsniveau und Teilwohlstand in Tunesien zu der Radikalität des Aufstandes beigetragen. Im Königreich Marokko halten der zivilisatorische Rückstand, das Machtgefüge der Königsfamilie und eine starke französische Präsenz die Rebellion nieder. Die jungen Algerier stehen in täglicher Konfrontation mit der Polizei. Im besten Falle müssen sie sie mit 150 € im Monat überleben. Sie haben die Wahl zwischen dem nackten Elend und der Auswanderung nach Frankreich. Kein Wunder, wenn Ende Juni 2010 auf einer Demonstration in Sidi Salem/Annaba der senilen FLN-Führung und ihren Epigonen zum Trotz eine französische Fahne geschwenkt wurde. Anders als in Tunesien und Marokko haben diese Ideologen das Blaue vom Himmel nach dem Abzug der französischen Kolonialmacht versprochen, aber sie waren unfähig zu wirtschaften. Sie machten das Land trotz Öl- und Gasreichtums bankrott und steckten die Gewinne in die eigene Tasche. Ein algerischer Schriftsteller beschreibt die algerische Freiheitsbewegung von 1962 mit den Worten: „Der Fluss ist umgeleitet worden“.

„Tunesien ist ein Alarmzeichen für die Nachbarn im Maghreb“, sagt der französische Politologe Pascal Boniface der Zeitung Aujourd’hui. Tagelang herrschte Verwirrung in der politischen Klasse in Frankreich Der Staatspräsident war mehr als zurückhaltend. „Frankreich erteilt keine Lehren und mischt sich nicht ein“, tönte es aus dem Präsidialamt. Als die Schüsse auf Demonstranten und der Proteste der Frankreich-Tunesier hörbar wurden, bezeichnete Regierungschef François Fillon die Reaktionen von Ben Alis Polizei als „unverhältnismäßig“. Bis auf den Verteidigungsminister Alain Juppé schwieg dennoch Paris weiter. Nach den verbalen Zugeständnissen von Ben Ali schien die regierungskritische Le Monde am 13. Januar noch an eine konterrevolutionäre Offensive zu glauben. Am Tage davor hatte sie die Macht des Herrschers in Tunis dennoch als „erschüttert“ bezeichnet.

Niemand ahnte, dass Freund Ben Ali ein paar Stunden später das Weite suchen würde. Nicolas Sarkozy ließ sich von seinem mit einer Tunesierin verheiratete Industrieminister Eric Besson informieren. Aber er hatte nicht rechtzeitig erfahren, dass die Umgebung von Ben Ali in hinauskomplimentiert hatte. Er musste das Sicherheitskabinett eiligst zusammentrommeln, als das Flugzeug der Despoten im Anflug nach Frankreich war, wo Teile seiner Familie schon gelandet hatten. Das Landeverbot und die Umleitung nach Saudi-Arabien waren eine notwendige Geschmacklosigkeit.

Für die Linken in Frankreich, die seit Jahren gegen die Unterdrückung der öffentlichen Meinung in Tunesien demonstrieren, war zunächst die „sanfte Revolution“ ein Grund zur Freude. Als am 16. Januar bewaffnete Gruppen in Tunis Selbstjustiz übten, flaute die Freude ab. Am 17. hatte die Armee die Lage wieder im Griff. Ruhe ermutigte wieder die Menschenrechtler. „Stabilität, liebe Europäer, Stabilität ist nur dann wirkliche Stabilität, hieß es bei ihnen, wenn sie auf Freiheit, Demokratie, Rechtstaatlichkeit und Menschenrechten beruht. Ben Alis „Stabilität“ war die eines Dampftopfes, mit den Folgen, die wir jetzt erleben. Mögen unsere Fürsten doch begreifen, dass eine Politik des „he-is-a-son-of-a-bitch,-but-he-is-ours“ schon in Vietnam fatale Folgen zeitigte, nur kurzfristig und begrenzt gelten kann, eher als Ausnahme“.(J.-P.P.)                                                                                                    

 

▪ LIBYEN: ein Erfolg von Nicolas Sarkozy

Nachdem er am 10. März zwei Abgesandte der Revolution in Libyen empfangen hatte, entschied sich der französische Präsident Nicolas Sarkozy für gezielte Schüsse auf strategische Ziele von Gaddafis Verteidigung empfohlen haben. Am gleichen Tage meldeten die Agenturen beträchtliche militärische Erfolge der Truppen des Diktators.Der amerikanische Geheimdienst war überzeugt, dass Gaddafi wieder die Oberhand zurückgewinnt.  War es der richtige Zeitpunkt für eine solche Empfehlung von Sarkozy an den Europäischen Rat?  Wollte der Franzose nachholen, was seine Regierung an Engagement für die Revolution davor versäumt hatte? Alle zweifelten daran, aber Sarkozy setzte sich durch. Er erhielt die Unterstützung der Europäer, die er zu diesem Zweck versammelte und anschlieβend der Vereinten Nationen, wo der französische Auβenminister Alain Juppé eine nüchterne und überzeugende Rede hielt. Zusammen mit Groβbritanien, den USA, dem Libanon und der Arabischen Liga erhielt Sarkozys Vorschlag eine Mehrheit im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Die Internationale Gemeinschaft ist jetzt dabei Gaddafi den Weg zu versperren und einen Massenmord am libyschen Volk zu verhindern. Die Sache muss unbeding schnell und gründlich gelingen, was nicht einfach sein wird, da die Verbündeten nur aus der Luft und von der See eingreifen wollen. Die Bundesrepublik hat sich zusammen mit Russland und China enthalten! Eine merkwürdige Einstellung, die vielfach kritisiert wird. Die Solidarität Deutschlands mit den Partnern hat Grenzen! Stimmen wie diejenige von Josef Joffe, Herausgeber der sozialdemokratischen Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“, hatten vor einer Intervention gewarnt. Wollen wir unsere Soldaten in ein neues Afghanistan schicken?, fragten die deutschen Pazifisten. Das Rommel-Abenteuer wollten die Deutschen nicht wiederholen. Gaddafi hat gesagt, dass die Revolte von Al-Qaida angezettelt wurde. Freilich, er übertreibt. Aber ganz falsch war diese Vermutung nicht. Die Islamisten sind in Nordafrika präsent und nutzen die Verzweiflung und den Zorn der Leute aus. Im besten Falle können die libyschen Aufständischen hoffen, dass sie den Osten des Landes behalten. Libyen könnte dann zweigeteilt bleiben. Das sind Argumente. Trotz allem hat Sarkozy mit dieser Initiative einen entscheidenden diplomatischen Sieg errungen. Dieses erinnert an seine Mission vor zwei Jahren, als er allen guten Ratschlägen zum Trotz Georgiens Existenz vor der russischen Dampfwalze rettete. (vgl. die Beiträge von Don Jordan und von Pierre Conze in unserer Rubrik "Strategien")

Wir drucken hier unten zur Erinnerung den Artikel von Josef Joffe ab, weil er für die deutsche Stimmung typisch war :

Das Pflichtgefühl ist ein schlechter Ratgeber

"Krieg gegen Gaddafi? Ohne die Amerikaner ginge es nicht; die haben nicht nur das Gerät,  sondern auch die Erfahrung. Ihren allerersten Krieg haben die USA gegen einen Vorgänger, den Bey von Tripolis, geführt – von 1801 bis 1815. Die Marineinfanterie singt noch immer „... to the shores of Tripoli!“ . Der Bey herrschte zwar nur über einen Piratenstaat, der westliche Schiffe kaperte und die Gefangenen gegen viel Lösegeld freiließ. Die Europäer hatten sich daran gewöhnt, die Amerikaner meuterten und entsandten ihre Flotte. Doch erst 14 Jahre

später war der Spuk vorbei. Es ist also nicht einfach.

Heute ist wieder eine US-Flotte unterwegs. Deutsche Schiffe tummeln sich schon im Mittelmeer. Awacs-Flugzeuge kreisen vor der Küste. Die Nato brütet über Kriegspläne.

Spezialkräfte sind gewiss schon in Libyen, um das Terrain zu erkunden und mit den Rebellen zu reden. Rein oder nicht rein? Diesmal geht es nicht um Geld, Öl oder Machtgewinn. Es drängt der humanitäre Impuls, getrieben von Empörung und Verantwortungsgefühl.

Auch von der Erinnerung an Ruanda und Bosnien. Aber die moralische Pflicht darf nicht alleiniger Ratgeber sein. Nach Afghanistan und Irak, nach zwei endlosen Kriegen, lautet die nächste Frage: Wie und wann wieder raus?

Die Antwort ist nicht so einfach, wie der Krieg gegen die Piratenkönige zeigt. Nur der erste Schritt ist leicht, sagen wir: die Lieferung von panzerbrechenden Waffen und Stinger-Raketen, die schon in Afghanistan die sowjetischen Flugzeuge vom Himmel holten. Ausbilder gehören mit dazu; vielleicht können das unsere neuen demokratischen Freunde in Arabien tun? Die melden sich nicht. Dann der nächste Schritt, eine Flugverbotszone: Jede Gaddafi-MiG, jeder Kampfhubschrauber wird abgeschossen. Davon hat Gaddafi etwa 400. Aber erst muss seine Luftabwehr weg, rund 400 zum Teil recht clevere Raketen. „Nofly“ heißt also Luftkrieg wie im Irak und in Serbien, der viele Wochen lang gedauert hat. Der Vorschlag des US-Senators Kerry, nur die Startbahnen zu zerkratern, ist nicht ganz ausgereift: Löcher lassen sich über Nacht stopfen. Und die Panzer, denen leichtbewaffnete Rebellen wenig antun können? Gaddafi hat 1 000, dazu noch einmal 1 000 im Depot.

Also auch eine „No-drive-zone“. Da trifft man unschuldige Busse oder Stadtteile, in denen  sich die Kolosse verstecken. Vernünftigerweise zerschießt man auch die Treibstofflager oder gar die Raffinerien. Überhaupt: Wer den Feind wirklich lähmen will, sollte auch die Kommando- und Kommunikationszentralen bombardieren. Noch besser: das gesamte Stromnetz, und schon ist richtiger Krieg da. Und der geht weiter.

Gaddafi und die ihm ergebenen Stämme im Westen wissen, was ihnen blüht, wenn die Ost-Stämme und die Revolutionäre siegen – nicht die Ferienvilla Mubaraks am Roten Meer oder Ben Alis Ausweichquartier in Saudi-Arabien. Also werden sie „bis zum Letzten kämpfen“, wie der Oxforder Libyen-Experte Jason Pack voraussagt.

In diesem Fall hieße die moralische Pflicht „Bodenkrieg“. Fazit: Wer die erste Sprosse der Eskalationsleiter erklimmt, muss auch die letzte wollen und können. Ganz abgesehen davon, dass er für einen „richtigen“ Krieg ein Mandat des Sicherheitsrates einholen muss, das die üblichen Verdächtigen – Moskau und Peking – verweigern werden. Die arabischen Freunde haben Gaddafi zwar aus der Liga geworfen; ansonsten aber schweigen sie beredt: Wen wird die Demokratisierung per Dynamit als Nächsten treffen? Vielleicht ersehnt Gaddafi sogar die Intervention, zumal, wenn der Westen ohne Uno-Segen handelt. Dann könnte sich der Mörder zum Märtyrer aufplustern, zur Ikone einer DrittenWelt, die nun schon zum x-ten Mal von den Imperialisten unterjocht werde. Siehe den ägyptischen Diktator Nasser, der nach der Niederlage im Sechstagekrieg abdankte, um von Zehntausenden von Demonstranten – „Gamal, wir sind deine Soldaten!“ – zurückgeholt zu werden.

Mag sein, dass wir Glück haben und der erste Schritt auch der letzte ist, weil die Revolutionäre keinen weiteren mehr brauchen. Aber Glück ist kein strategisches Konzept; wer Krieg beginnt, muss ihn auch gewinnen. Ihn in einem Anfall von „Schaunmermal“ zu beginnen, wie er sich in diesen Tagen anzukündigen scheint, geht gar nicht: mit Flottenaufmärschen, Awacs-Flügen und Nato-Planspielen. Am Anfang schickte Kennedy 11 000 Berater nach Südvietnam, fünf Jahre später waren es unter Johnson 500 000 Soldaten. Apropos Soldaten: Wer will die entsenden? Die USA, die schon zwei Kriege am Hals haben? Die Italiener und Franzosen, die solch prächtige Geschäfte mit Gaddafi gemacht haben? Die friedfertigen Deutschen, die mit 7 000 Mann in Afghanistan schon „überdehnt“ sind. Wer den Zweck will, muss auch die Mittel wollen. Und die Durchhaltekraft haben.“

                                                                            Josef Joffe (im Handelsblatt vom 11.03.2011)                 

                                                                        Erreichbar unter: gastautor@handelsblatt.com

 

 

▪ Deutschland und Libyen: Die neue deutsche Scheckheft-Diplomatie

Die Libyen-Politik der Bundesregierung war kein Fehler, sondern ein sorgfältiges Abwägen des Für und Wider. Was ist, wenn die Luftschläge den Bürgerkrieg nicht beenden? Gehen dann Bodentruppen ins Land? Deutschland hat sich mit der Entscheidung weder isoliert, noch die Bündnissolidarität gefährdet, noch tatenlos einen Diktator gewähren lassen. Das ist die Meinung des deutschen Auswärtigen Amtes.

Wenn es so schön ist, warum musste denn der deutschen Außenminister Guido Westerwelle (FDP) am 13. Juni  zusammen mit Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) nach Bengasi reisen? Die Deutschen haben die Einrichtung eines Verbindungsbüros in Bengasi versprochen und die deutsche Hilfe auf über 15 Millionen € erhöht. Deutschland setzt auf einen "politischen Prozess". Westerwelle macht also nichts anderes als die „Scheckheft-Diplomatie“, die unter seinem Parteifreund und Vorgänger Hans-Dietrich Genscher die Regel war. Nur, dass Deutschland heutzutage kein Geld übrig hat.

In Bengasi rief der deutsche Außenminister Gaddafi erneut zum Rücktritt auf. "Gaddafi hat einen Krieg gegen das eigene Volk begonnen, er muss gehen und er wird gehen", erklärte er. "Unser Ziel ist ein freies, friedliches und demokratisches Libyen ohne Gaddafi." Aber Deutschland schickte weder Soldaten noch Flugzeuge noch Munition, um Gaddafi zu überreden, dem Rat des guten Westerwelle zu folgen. Und der Diktator kennt nur eine Sprache: die Gewalt. Diplomatische Floskeln waren nie sein Stil.

Washington sieht es anders als Westerwelle. US-Verteidigungsminister Robert Gates warnte am 10. Juni  in einer Abschiedsrede in Brüssel in einer vielbeachteten Grundsatzrede vor einer Spaltung der Nato in kämpfende und passive Mitglieder und kritisierte damit insbesondere die deutsche Enthaltsamkeit in Libyen. Er hielt so die realpolitische Gegenrede zum eigenen Präsidenten, der Angela Merkel in der vergangenen Woche nach glorifizierender Rede eine Freiheitsmedaille ausgehändigt hatte. Dabei hatte Merkel weder in der DDR noch in Libyen für die Freiheit einen Finger gerührt, erklärte der amerikanische Politiker.

Am 24. Mai 2011 hatte der Korrespondent des deutschen Fernsehens in Bengasi berichtet, dass die Libyer Deutschland mochten. Im Anschluss daran fügte der arabische Kommentator im gleichen Sender, dass die Deutschen in Libyen „verachtet“ werden und dass die deutsche Diplomatie im „falschen Lager“ stand. Trotz allen offiziellen Dementis hatte die unterschiedliche Behandlung des Libyens-Aufstandes in Deutschland und Frankreich einen Schatten auf die deutsch-französischen Beziehungen geworfen.

In der „Süddeutsche Zeitung“ äußerte der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer, dass „die deutsche Außenpolitik an Glaubwürdigkeit in den Vereinten Nationen und im Nahost verloren hatte und dass sie ihren Anspruch auf einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat der UNO aufgeben konnte und dass man deswegen sich um Europa Sorgen machen musste… In Zukunft wird das Prinzip des Bündnisses der Freiwilligen in Europa den Vorrang haben, was es noch mehr schwächen wird“.

Die „Süddeutsche“ offenbarte, dass Außenminister Westerwelle in New York gegen die Entscheidung der UNO, in Libyen einzugreifen, abstimmen wollte. Ein Anruf aus dem Kanzleramt überredete ihn, sich mit einer Enthaltung zu begnügen. Diese Nachricht wurde im deutschen Außenministerium dementiert. Und die Getreuen von Westerwelle drehten den Spieß um, indem sie sich „ jede Kritik von denjenigen abwehrten, die einen Alleingang unternehmen“. So Birgit Homburger, Gallionsfigur der FDP-Abgeordneten im Bundestag.

Und der „Spiegel“ setzte noch eins darauf. Das Hamburger Magazin, das keine Gelegenheit versäumt, Frankreich und den ihm verhassten Nicolas Sarkozy zu beschiessen, kritisierte den Franzosen, „der mit viel Pathos auf die Führungsstellung Frankreichs setzt“. Es hieß in dessen Spalten, dass der bloße Name Sarkoyzs unter deutschen Regierungsmitgliedern nicht mehr ausgesprochen werden darf. Man nenne ihn „den französischen Kommandanten“. Er habe es „nicht für erforderlich gehalten, irgendjemanden zu warnen, dass er Kampfflugzeuge nach Libyen schickt“. Kein Wunder nach dem Votum Deutschlands in der UNO!

 

▪ Der Iran schmuggelt weltweit Waffen an Terrorgruppen – Neues von WikiLeaks   

Im Dezember 2010 beschuldigten westliche Länder den Iran, dass er mit "komplexen und komplizierten" Methoden Waffen und Sprengstoff schmuggle, und damit die Sanktionen der Europäischen Union und der Vereinigten Staaten umgehe. Martin Briens, der stellvertretende Botschafter Frankreichs bei den Vereinten Nationen, sagte, der Iran stecke hinter "einem bedeutenden Transfer von Waffen und anderen Gefahrengütern", und dass besorgniserregende neue Transitrouten" für den Transport in Afrika entdeckt worden seien".(1)

Im Oktober 2010 konfiszierten nigerianische Beamte in Lagos 13 Container mit Waffen, die in dem iranischen Hafen von Bandar Abbas verladen worden waren und Berichten zufolge nach Gambia verschifft werden sollten.

Depeschen der amerikanischen Regierung, die von WikiLeaks veröffentlicht wurden, enthüllten, dass Ägypten aus Furcht vor dem Einfluss des Iran in der Region amerikanischen Beamten mitgeteilt habe, dass der Iran versuche, “Beduinen auf der Halbinsel Sinai für den Waffenschmuggel in den sich unter Seeblockade befindenden Gazastreifen zu rekrutieren”. Die Depesche von WikiLeaks berichtete, dass der ägyptische Präsident Hosni Mubarak denkt, dass “das nukleare Programm des Iran eine strategische und existentielle Bedrohung für Ägypten und die Region darstellt." Mubarak war alamiert durch die nicht-nuklearen, auf Destabilisierung ausgerichteten Handlungen des Iran, wie etwa seine Unterstützung der Hamas, Medienattacken sowie der Schmuggel von Waffen und rechtswidrigen Finanzmitteln. Seiner Ansicht nach gehen die Entwicklungen dahin, dass der "Einfluss des Iran sich wie ein Krebsgeschwür vom Gebiet des Golf-Kooperationsrats bis nach Marokko ausbreitet”. [2]

Andere von WikiLeaks enthüllte Dokumente berichten, dass der Iran Krankenwagen eingesetzt habe, um in Verlauf des Krieges zwischen Hisbollah und Israel (2006) Waffen in den Libanon zu schmuggeln. Andere Depeschen legen offen, dass der Iran sich möglicherweise im Besitz von "weitaus fortschrittlicheren Raketen befindet, als weitgehen angenommen." [3]

Der Iran nutzt zahlreiche Länder und Scheinfirmen, um seine Waffenlager aufzustocken. WikiLeaks zufolge "könnten türkische Firmen einen Vertrag für den Export von militärischer Ausrüstung in den Iran unterzeichnen", darunter Munition, Raketenwerfer und Magazine für Sturmgewehre. [4]

Im Verlauf des bisher größten Luftabwehrmanövers in der Geschichte der islamischen Republik führe der Iran im November 2010 erfolgreiche Tests mit einer neuen Raketenabwehranlage durch. [5] Der iranischen Verteidigungsminister, Brigadegeneral Ahmad Vahidi, hatte zuvor bereits im März 2010 die Produktion einer neuen Art von Kurzstreckenraketen angekündigt, die von Radargeräten nicht erfasst werden können. Er sagte: “Die Rakete des Typs Nasr 1 ist in der Lage, Ziele von 3000 Tonnen zu zerstören.” [6]

Das Arsenal des Iran besteht aus einer Vielzahl von Artilleriegeschossen, unter anderem vom Typ Shahin, Oghab, Fajr, Naze'at und Zelzal. Unter dem Einsatz von Bauteilen, die aus China und Russland stammen, stellt der Iran eine Anzahl von Raketen her, darunter Raketen des Typs Haseb, Noor und Arash, und befasst sich gegenwärtig mit der Konstruktion von ballistischen Mittelstreckenraketen (mit einer Reichweite von bis zu 1000 km). [7]

WikiLeaks: Die Unterstützung von Terrorgruppen durch den Iran

Die Depeschen von WikiLeaks enthüllten, dass der Iran die Hisbollah mit Raketen des Typs Scud D beliefert hat. [8]

Die neu veröffentlichten Telegramme legten dar, dass Syrien die Hisbollah ebenfalls mit Waffen versorgt. Die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton sagte: “Wir sind uns […] der gegenwärtigen Bemühungen von Seiten Syriens bewusst, die Hisbollah mit ballistischen Raketen zu versorgen.” Syrien leugnete die Anschuldigungen ab, doch den Angaben des Pentagon entsprechend hat die Hisbollah bis zu 50.000 Raketen und Geschosse angesammelt. [9]

Berichten zufolge rüstet die Hisbollah im Süden des Libanon wieder auf und schmuggelt Raketen und Waffen aus Syrien und anderen Ländern, von denen sie unterstützt wird, in die Region. [10] Resolution 1701 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen, die den Krieg zwischen Israel und der Hisbollah beendete, hatte alle nicht genehmigten Waffen aus dem Gebiet zwischen dem Litanni Fluss und der Blauen Linie - der von den Vereinten Nationen überwachten Grenze zwischen dem Libanon und Israel – verbannt. [11] Dieses Waffenembargo wurde von den Aufsichtsbeamten der Vereinten Nationen entlang der Grenze zwischen den beiden Ländern jedoch niemals durchgesetzt. [12] Den Berichten westlicher Regierungsbeamter zufolge und den eigenen Angaben der Hisbollah hat diese schiitische moslemische Organisation wieder aufgerüstet und ist stärker, als sie es vor der bewaffneten Auseinandersetzung mit Israel gewesen war. [13] Der Iran betrachtet die Hisbollah als einen "wesentlichen Partner für die Förderung der Ziele seiner Politik in der Region,” wie das Pentagon vor kurzem berichtete. [14] Der Libanon erhält militärische und wirtschaftliche Hilfe aus den Vereinigten Staaten, deren Ziel darin besteht, die eigenen bewaffneten Streitkräfte des Libanon zu stärken und den Einfluss der Hisbollah zu schwächen. [15] Im Januar 2010 beschrieb Präsident Suleiman die Beziehungen zwischen dem Libanon und dem Iran als “in jeder Hinsicht gut". [16]

In den Dokumenten von WikiLeaks beziehen sich die Jordanier auf den Iran als eine "Krake, die ihre Fangarme auf hinterhältige Weise ausstreckt, um zu manipulieren, Unruhe zu stiften und die gut durchdachten Pläne des Westens und der gemäßigten Länder in der Region zu unterminieren: Diese Fangarme des Iran umfassen seine Verbündeten in Qatar und Syrien, die Hisbollah im Libanon, die Hamas in den palästinensischen Gebieten, eine irakische Regierung, die nicht selten als Bittstellerin in Teheran betrachtet wird, sowie schiitische Gemeinden überall in der Region.” [17]

Darüber hinaus legte WikiLeaks zudem offen, dass Saudi Arabien vor zwei Jahren die Schaffung einer arabischen Streitkraft vorgeschlagen hatte, die von den Vereinigten Staaten und den Vereinten Nationen unterstützt werden sollte, um im Libanon zu intervenieren und die Hisbollah zu zerstören. Auch wenn dieser Plan niemals durchgeführt wurde, so verdeutlicht er jedoch "die Befürchtungen Saudi Arabiens – ebenso wie die der Vereinigten Staaten – vor einen wachsenden Einfluss des Iran im Libanon und anderswo im Nahen Osten.” [18]

Zudem enthüllen die Depeschen, dass das amerikanische Außenministerium den Sudan im Jahre 2009 warnte, "den Transport von Waffen unspezifizierter Art, deren Weitergabe an die Hamas im Gazastreifen erwartet wird," nicht zu gestatten. Dieser Waffentransport wurde später durch Israel attackiert.(9)

                                                                                                                                                     Diana Gregor  

diana.gregor@realite-eu.org- +44 (0) 2032397342  (21.12.2010)

Quellenangaben: [1] “West raises fears over Iran arms smuggling,” Agence France Presse, December 10, 2010, [2] “WikiLeaks: Iran tried to recruit Sinai Bedouin to smuggle arms into Gaza,” Reuters, December 16, 2010 [3] “WikiLeaks: Red Crescent smuggled weapons for Iran,” YnetNews, November 29, 2010, [4] Shachtman, Noah: “WikiLeaks Reveals Iran’s Secret, Worldwide Arms Hunt,” Wired.com, November 28, 2010, [5] Dareini, Ali Akbar: “Iran says it tested new air defense missile system,” Associated Press, November 18, 2010, [6] “Iran starts production of short-range missiles,” Arab News, March 7, 2010, [7] “Iranian Artillery Rockets,” GlobalSecurity.org, [8] “WikiLeaks: U.S. secretly blocking Syria and Iran arms flow, with help from Israel,” Haaretz, December 7, 2010, [9] Ibid.[10] Davies, Wyre: “De-mining volatile Israeli-Lebanese frontier,” BBC Online, September 10, 2010, [11] “Lebanon, Iran to coordinate in UN Security Council: Lebanese president,” Xinhua, January 17, 2010, [12] “Sleiman in talks on strengthening relations with Iran,” The Daily Star, March 24, 2010, [13] “Lebanon receives “messages of support” from Iran, Syria,” Trend.az, March 23, 2010, [14] Gienger, Viola: “Iran Gives Weapons to Re-Arm Hezbollah, Pentagon Says,” Bloomberg, April 20, 2010, [15] Schneider, Howard: “Hariri’s struggles in Lebanon show limits of U.S. influence,” The Washington Post, January 11, 2010, [16] “Lebanon, Iran to coordinate in UN Security Council: Lebanese president,” Xinhua, January 17, 2010, [17] Keinon, Herb: “Diplomacy: The WikiLeaks torrent,” The Jerusalem Post, December 3, 2010, [18] MacAskill. Ewen: “WikiLeaks cables: Saudis proposed Arab force to invade Lebanon,” The Guardian, December 7, 2010, [19] Black, Ian: “WikiLeaks cables: Sudan warned to block Iranian arms bound for Gaza,” The Guardian, December 6, 2010,

 

Iran in der Krise

Gibt es Wege aus der Krise? Was lehrt uns die Geschichte des Landes?

 (In diesem Beitrag sucht unser Redaktionsmitglied Hans-Georg Wieck, ehemaliger Präsident des Bundesnachrichtendienstes und früherer Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in mehreren Hauptstädten der Welt, insb. in Moskau, Teheran und New-Delhi, nach einer begehbaren Lösung für den heftigen und lang anhaltenden Konflikt zwischen dem Mollah-Regime und der Freiheitsbewegung des iranischen Volkes. Er ist für eine schrittweise Entwicklung in Richtung Demokratie. Wichtig ist, dass er den Akzent auf Moussavi legt. Tatsächlich ist ein Übergang zu einer demokratischen islamischen Regierung vorstellbar anstelle einer Umwälzung, die unberechenbaren und unkontrollierbaren Kräften freien Raum bieten würde. Der Iran braucht Freiheit und Frieden. Die Khomeini-Revolution war schon Anlass zu viel zu vielen Massakern und Hinrichtungen. Moussavi würde auch einen Teil des Klerus überzeugen können, Achmadinedschad fallen zu lassen - Man leses auch weitere Artikel zum Iran hierunten in dieser Rubrik).

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat mit den Stimmen der Veto-Mächte China und Russland am 9. Juni 2010 härtere Sanktionen gegen den Iran beschlossen. Die internationale Staatengemeinschaft demonstriert Solidarität gegenüber den Machthabern in Teheran, die auf die Herstellung eigener nuklearer Waffen hinarbeiten. Die internationale Solidarität schwächt ein Regime, dessen Präsident Ahmadinedschad vor einem Jahr - im Juni 2009 – im Wege gefälschter Wahlen im Amt bestätigt wurde. Mit eindrucksvollen Demonstrationen stellte die landesweite Opposition am Jahrestag der Wahlen ihre Stärke und Entschlossenheit unter Beweis. Iran befindet sich in einer tiefgehenden Staatskrise. Das Regime reagiert mit Todesurteilen gegen die Opposition und mit internationaler Selbstisolierung.

Das  Mullah-Regime in der Defensive

Die Präsidentschaftswahlen 2009 in Iran sind massiv gefälscht worden. Mit Unterstützung des angesehenen Herausforderers und früheren Ministerpräsidenten Moussavi haben die Massenproteste gegen den zum Sieger erklärten bisherigen Präsidenten Ahmadimeshad das Land und die Führungsschichten tief gespalten. In letzter Instanz wurde mit Zustimmung des geistlichen Führers Khameini die Oppositionsbewegung blutig und im Wege einer harschen Strafjustiz mit einer Reihe von brutalen, politisch motivierten Todesurteilen gegen Teilnehmer an den Protesten niedergeschlagen. Langfristig handelt es sich um einen Pyrrhus-Sieg des Regimes. Das Land bleibt zutiefst gespalten. Die vielfältig zusammen gesetzte politische und geistliche Opposition zum Regime bleibt eine ständige Herausforderung für das herrschende Regime.

Vor mehr als dreißig Jahren war das quasi laizistische Regime der Pahlewi-Dynastie, das in Verbindung mit der angestrebten Modernisierung des Landes offen gegen die Mullahs Stellung bezogen hatte, aber im Lande mit rigoroser Härte regierte, von der Welle der gegen das Camp David-Abkommen zwischen den USA, Ägypten und Israel von 1979 gerichteten Re-Islamisierungskampagne im Nahen und Mittleren Ostens gestürzt worden.

Der Schah hatte mit der forcierten Industrialisierung die Landbevölkerung verarmen lassen und sie sowie die verarmte Stadtbevölkerung in den Slumgebieten der Städte in die Arme der Mullahs getrieben. Das undemokratische Schahregime hatte auch ein politisches Zusammengehen der Kommunisten, Nationalisten und Demokraten mit der islamischen Opposition ausgelöst.

Hinter der Fassade des autoritären Regimes des Schahs und der Mullahs pulsieren heute wie damals persische Kultur, Zivilisation und Pluralität, ja Modernität, die auf demokratische Selbstbestimmung, gesellschaftliche Transparenz und Rechtssicherheit, also auf demokratische Regeln für freie Wahlen für das Amt des Staatspräsidenten und für das Parlament drängt. Die Affinitäten mit der modernen Türkei sind unübersehbar. Diese Grundströmungen werden in Meinungsumfragen erkennbar, die von unabhängigen Instituten unternommen werden.

Der Iran im Visier der Großmächte

Es ist nicht zu übersehen, dass die Entwicklung demokratischen Staats- und Gesellschaftsstrukturen im Iran in erheblichem Umfang von den internationalen Konflikten und Rivalitäten, in die der Iran seit Jahrzehnten verwickelt ist, überlagert und verdrängt wird. Die in Ansätzen in den zwanziger Jahren eingeleitete politische Parallelentwicklung zur laizistischen Türkei unter Atatürk – initiiert vom Pahlewi-Schah Reza – sollte wie im Fall der Türkei zu einer gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Modernisierung des Landes in Anlehnung an europäische Staatsideen führen.

Das Land geriet wie schon im ersten Weltkrieg auch im Kontext des zweiten Weltkriegs in den Strudel der widerstreitenden Interessen der strategisch und wirtschaftlich in diesem Raum rivalisierenden Mächte: Deutschland, Sowjetunion, Großbritannien und den USA. Nach seiner strategischen Ausschaltung im zweiten Weltkrieg kehrte Deutschland in den fünfziger Jahren als bedeutender wirtschaftlicher Partner an den Persischen Golf zurück. Der schwache Shah Mohammed Reza Pahlewi – Sohn des 1941 aus dem Iran von den Engländern und Russen ausgewiesenen und 1943 in Ägypten verstorbenen Begründers der Pahlewi-Dynastie - verbündete sich nach dem zweiten Weltkrieg mit den USA und Großbritannien, um den sowjetischen Einfluss aus dem Norden des Landes über die Grenzen zurückzudrängen. Das gelang.

Die Kehrseite dieses Bündnisses, dessen weiterer strategisch relevanter Rahmen mit dem Bagdad-Pakt von 1955 (Central Treaty Organisation) zwischen der Türkei, dem Irak (bis 1958), dem Iran und Pakistan sowie den Garantiemächten Großbritannien und den USA geschaffen wurde, stellte die Herausbildung eines autoritären Schah-Regimes dar, das die Modernisierung, zum Beispiel die Landreform („Weiße Revolution 1962“) „von oben“ gegen die demokratischen Tendenzen in der Führungsschicht des Landes, gegen den schiitischen Klerus und gegen die historisch gewachsene ethnischen Pluralität des Landes, also im Verordnungswege und mit Hilfe des Geheimdienstes SAVAK sowie der Armee durchzusetzen versuchte.

Die islamische Revolution des Ayatollah Khomeini und die Folgen

Im Windschatten des 1977 von US Präsident Jimmy Carter herbeigeführten Camp David-Abkommens zwischen den USA, Israel und Ägypten und der aus anderen Gründen sich vollziehenden Entfremdung zwischen den USA einerseits sowie der Türkei (wegen des Zypern-Konflikts), Pakistan (Nukleare Frage) und mit dem Iran (Menschenrechtsfrage) andererseits brach das Schah-Regime im Januar 1979 unter der Wucht des vom Ajatollah Khomeini propagierten islamischen Fundamentalismus und dessen temporären Bündnisses mit der demokratischen, auch links orientierten Opposition im Lande und im Ausland zusammen. Der Schah wurde als Lakai der USA und die USA wurden als Totengräber der iranischen Nation und seiner islamisch geprägten Kultur disqualifiziert. Im Weg des Medienterrors werden heute die in der persischen Geschichte verankerten liberalen politischen und gesellschaftlichen Tendenzen ge-„deckelt“, unter anderem die aus dem 19. Jahrhundert stammende islamische Reformbewegung der Bahai-Religion und die legitime Forderung nach Nutzung der Nukleartechnologie für die Energieerzeugung, also die nichtmilitärische Nutzung missbraucht, um die Grundlagen für eine Nuklearmacht Iran zu schaffen.

Die nuklearen Aspirationen des Präsidenten Ahmadenidschad

Die strategische Lage des Iran ist prekär. In den Nachbarstaaten Irak, Pakistan und Afghanistan und im Persischen Golf sind die USA als sicherheitspolitischer Stabilisator, in Israel als Garantiemacht engagiert. Nuklearpotenziale gibt es allenthalben. Das islamistisch-fundamentalistische Regime fühlt sich innen– und außenpolitisch bedroht – durch den Demokratisierungsdruck von Innen, den der Westen mit Sympathie verfolgt, und durch die westliche Androhung von ernst zu nehmenden Sanktionen, um den  Bau von Nuklearwaffen und der dazu gehörenden Trägersysteme zu verhindern. Teheran reagiert mit einer aggressiven Außenpolitik, um antiamerikanische und anti-israelische Tendenzen im nahöstlichen Raum zu schüren. Die Unterstützung der terroristischen Organisationen Hisbollah im Libanon und der Hamas im Gazastreifen, und die Israels Existenz in Frage stellende aggressive Rhetorik Teherans gehören zur Tagesordnung der iranischen Außenpolitik. Gelegentlich werden aber auch Kompromisslösungen in die internationale Debatte eingebracht, wie jüngst mit der Formel „leicht angereichertes Uran gegen Brennstoff“, eine Formel, die zum Inhalt einer Verständigung zwischen Iran, der Türkei und Brasilien wurde. Die Türkei und Brasilien – derzeit Mitglieder des VN-Sicherheitsrates - weigerten am 9. Juni 2010 ihre Zustimmung zum Sanktionsbeschluss dieses wichtigen VN-Gremiums. Dem heutigen Iran mangelt es an Glaubwürdigkeit für die die von Zeit zu Zeit in die internationale Debatte eingeführten iranischen Kompromissformeln. Die Frage bleibt im Raum stehen, ob es sich bei der jüngsten Initiative von Teheran vielleicht doch um mehr als ein Ablenkungsmanöver handelt, also um einen Versuchsballon zur Anbahnung seriöser Verhandlungen.

Bewegung könnte in das Geschehen kommen, wenn es in geheim gehaltenen Kontakten um einen politischen Kompromiss zwischen den der US Administration von Barak Obama und Iran ginge, der u.a. die überprüfbare Beschränkung des Nuklearpotenzials des Landes auf nicht-militärische Zwecke – wie in dem auch vom Iran ratifizierten Nichtverbreitungsvertrag der Vereinten Nationen festgelegt – zum Inhalt haben müsste. Mit dem Verzicht auf die Förderung der Terroristischen Organisationen Hizbollah und Hamas könnten die Voraussetzungen für eine internationale Aufwertung des Ajatollah-Regimes geschaffen werden, die sich auf eine substantielle Verbesserung der internationalen Stellung des Landes und seiner wirtschaftlichen Perspektiven übertragen würde. Eine solche Perspektive spielte ohne Frage im Wahlkampf des Präsidentschaftskandidaten und früheren geistlichen Führers Moussavi eine erhebliche Rolle.

Die Beurteilungen der westlichen Geheimdienste, wann ein iranisches Nuklearpotenzial militärisch operationell einsatzfähig sein könnte, schwanken erheblich voneinander ab und bestätigen damit, dass verlässliche Informationen nicht vorhanden sind, sondern Schlussfolgerungen von den geheimen Nachrichtendiensten auf der Grundlage lückenhafter Erkenntnisse gezogen werden. Schon oft sind unzureichend überprüfte Erkenntnisse politisch missbraucht worden, zum Beispiel bei der Begründung des amerikanisch-britischen Angriffs auf den Irak im Jahre 2003. Das kann sich wiederholen.

Vom heutigen Regime und seinen handelnden Personen können wir meines Erachtens bestenfalls eine Politik erwarten, die darauf gerichtet ist, alle Bestandteile einer eigenen Nuklearwaffenkapazität im Geheimen bereit zu halten, die Waffen aber bis auf Weiteres nicht zusammen zusetzen, sie also nicht operationell zu machen , wie es Jahre, wenn nicht Jahrzehnte hindurch auch von Indien und Pakistan gehandhabt wurde. Die internationale Isolierung des Landes und seine offene Frontstellung gegen Israel und den Westen blieben bestehen – begleitet von der Hoffnung des Regimes, ungeachtet weitergehender VN-Sanktionen im Wege der Zusammenarbeit mit Russland und China die an großer Arbeitslosigkeit leidende Wirtschaft des Landes weiter aufbauen und modernisieren zu können. Die Drohung einer möglichen iranischen Nuklearwaffe bliebe im Raume, ohne allerdings eine akute Gefahr für irgendein Land darzustellen. Diplomatischer, politischer Handlungsspielraum für „konstruktive Kompromisse“ bliebe bestehen.

Diese Spielräume sind immer wieder auszuloten. US-Präsident Obama hat diesen Spielraum wiederholt angesprochen. Er ist ein Axiom der US-Außenpolitik dieser Tage. Es ist nicht ohne Bedeutung, dass dieser Ratschlag auch von erfahrenen Strategen und Internationalisten wie Zbigniew Brzezinski („Außenansicht“, Süddeutsche Zeitung 05.05.2010) und Dominique Moisi („2010 et le défi iranien“, „Les Echos“ 28.12.2009 und 4.1.2010)  gegeben wird. Im Raum steht aber auch die Forderung des iranischen Exilpolitikers Abu-I--Hasan Banisadre, dem ersten frei gewählten Präsidenten nach der Revolution (Januar bis Juni 1980), der als Repräsentant des demokratischen Flügels der Schah-Opposition nur vorübergehend in das islamisch-fundamentalistische Staatskonzept des Ajatollah Khomeini passte: Er fordert vom Westen die Unterstützung der demokratischen Opposition im Lande und lehnt ein taktisches bedingtes Zusammengehen des Westens mit dem heutigen Regime im Iran, zum Beispiel zur Stabilisierung des Irak ab (World Security Network Newsletter – 08.03.2010).

Ein Iran in der Position einer potentiellen Nuklearmacht würde die schon vom Schah Mohammed Reza Pahlewi unternommenen Versuche wieder aufnehmen, sich regional als Vormacht zu etablieren, die sich – im Unterschied zum letzten Schah - nicht als ein verlängerter Arm der Vereinigten Staaten geriert, sondern sich regional mit dem Drängen anderer Staaten auf Selbstbestimmung verbinden könnte, was immer das im einzelnen bedeuten mag. Es könnte beispielsweise die Vernetzung der beteiligten Länder mit Öl- und Gas-Pipelines bedeuten (Iran-Pakistan-Indien). Die Entwicklungen im Irak und in Afghanistan, die Stärkung der islamistischen Tendenzen in Zentralasien und im Kaukasus sind nicht ohne Bedeutung und Interesse für einen selbstbewusst auftretenden, wenn auch in der Nuklearfrage international isolierten oder eingedämmten Iran.

Der Iran stellt ohne Frage einen der Gefahrenherde des Mittleren und Nahen Osten dar. Der Iran ist aber auch Teil der Lösung bei einer auf die Stabilität, den Wohlstand und den Frieden in diesem krisengeschüttelten Raum gerichteten Strategie der Staatengemeinschaft. Diese Perspektive mag heute als eine Quadratur des Kreises erscheinen, aber das muss angesichts der innenpolitischen Krisensituation des Landes nicht so bleiben.

                                                                                                                                                 Hans-Georg Wieck

 

Tibet, die Supraplanung der kommunistischen Partei in China

 Professor von Senger: Europa sollte dem Rat Jesu folgen „Seid klug wie die Schlangen und sanft wie die Tauben“

Nach Analysen des Schweizer Sinologen Professor Harro von Senger sind die Reaktionen des Westens auf die Tibet-Krise von Naivität und Unwissen geprägt. „Aus Pekinger Sicht blickt wegen der Menschenrechte oder der Tibet-Frage nicht ‚die Welt’, sondern nur ein recht kleiner Teil der Welt, nämlich die – global gesehen - wenigen westlichen Länder nach China. Diese kleine Minderheit repräsentiert nach chinesischer Auffassung nicht ‚die Welt’. Mit Boykottmaßnahmen kann man gegen die Bastion der Länder des Südens, die in der Regel auf der Seite der Volksrepublik China stehen, nichts ausrichten“, so von Senger im Interview mit dem Onlinemagazin „Neue Nachricht“. Sein Buch „Supraplanung“ (Hanser Verlag) dürfte sich besonders für westliche Politiker als nützliche Nachhilfe-Lektüre im Umgang mit dem Reich der Mitte eignen.„Welche Rolle das Gesetzesrecht in der Volksrepublik China spielt und welchen Stellenwert es in diesem Land hat, stelle ich in ‚Supraplanung’ deutlich dar. Wenn man die Verfassungsartikel zur Kenntnis nehmen und in ihrer vollen Tragweite begreifen würde, dann würde vieles, was in der politischen Tagespraxis geschieht, durchschaubar und leicht vorhersehbar werden. Aber leider werden offizielle Dokumente der Volksrepublik  China im Westen regelrecht boykottiert und planmäßig nicht gelesen oder mit einem Lacher abgetan. In Europa scheint man zu meinen, Hintergrundwissen über die Volksrepublik China sei überflüssig, es genüge, von Fall zu Fall die Tagesereignisse zu verfolgen und mit westlichen Alltagswissen ad hoc zu reagieren“, sagt von Senger. Er verweist auf seine Schrift „Einführung in das chinesische Recht“ von 1994 (C.H. Beck Verlag). „Hier erwähne ich die bis auf den heutigen Tag in Kraft befindliche Verfassung der Volksrepublik China vom 4. Dezember 1982, die auch im Zusammenhang mit Tibet wichtig ist. Im Artikel 1 bekennt man sich in Peking ganz offiziell und offen zu der Tatsache, eine Diktatur zu sein. Nach Artikel 54 sind die Bürger der Volksrepublik China verpflichtet, ‚die Einheit und die Geschlossenheit all seiner Nationalitäten zu sichern’. Natürlich ist diese Verfassungsnorm durch entsprechende Paragraphen im chinesischen Strafgesetzbuch abgesichert“, erläutert der Sinologie-Professor der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität.

Deutschland habe die Volksrepublik China diplomatisch anerkannt und demnach auch die Verfassung. „Es erscheint merkwürdig, auf offizielle chinesische Einzelaktionen zu reagieren und diese anzuprangern, bei gleichzeitiger Anerkennung und damit Billigung der ideologisch-politisch-juristischen Grundlage solcher Einzelaktionen. Wenn man etwas kritisieren wollte, dann müsste man die Basis von Einzelaktionen, also die Verfassung, ja die offiziell hoch gehaltene marxistisch-leninistische Ideologie kritisieren, nicht die aus der Verfassung und aus der offiziell geltenden Ideologie logisch folgende Umsetzung im Einzelfall“, führt von Senger aus. Bei einer seiner Chinareisen habe Bundeskanzler Kohl Tibet besucht und damit dessen Zugehörigkeit zu China ostentativ vor aller Welt anerkannt. „Als ich im August 1997 Mitglied eines Schweizer Menschenrechtsinspektionsteams war, welches im Auftrag des Schweizer Außenministeriums Tibet besuchte,  vernahm ich, dass der Delegationsleiter, ein Mitglied der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz, dem chinesischen Empfangskomitee in Peking als ersten Satz sagte, die Schweiz anerkenne, dass Tibet ein Teil der Volksrepublik China sei. Kein Staat der Welt anerkennt die tibetische Exilregierung. Alle Staaten, die entweder die Republik China (in Taiwan) oder die Volksrepublik China anerkennen, anerkennen zugleich, dass Tibet ein Teil Chinas ist.  Die Führer der Volksrepublik China werden daher keinen Grund sehen, an der Zugehörigkeit Tibets zu China zu
zweifeln. Zudem berufen sie sich auf den in der UN-Charta verankerten Grundsatz der Nichteinmischung sowie auf die von der Volksrepublik China immer wieder hervorgehobenen sogenannten ‚Fünf Grundsätze der friedlichen Koexistenz’ mit dem Grundsatz Nr. 3, jenem der gegenseitigen Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten“, so von Senger.

Menschen, die von Polizisten niedergeschlagen werden, erblicke man in Europa beinahe täglich in den TV-Nachrichten, beispielsweise in der Türkei, Mitglied des Europarats, wo Kurden niedergeknüppelt wurden, die ähnliche Probleme haben wie Tibeter. „Von Russland, ebenfalls Mitglied des Europarates, wurden jahrelang Tschetschenen niedergeknüppelt, ohne dass auf Seiten der Europäer viel geschah. Über unschöne Bilder aus Russland und der Türkei oder auch aus dem Nahen Osten sieht man hierzulande in der Regel mehr oder weniger gleichgültig hinweg. Sobald solche Bilder aus der Volksrepublik China eintreffen, ist man schockiert und empfindet das als unerhört“, moniert von Senger.

In seinem Opus „Supraplanung“ legt er fundiert dar, wie nachhaltig und langfristig der Sinomarxismus von der kommunistischen Partei in China vertreten wird. Von Verhüllungsrhetorik oder Verschleierung könne nicht die Rede sein. Jeder, der sich die Mühe mache, die Satzungen der Kommunistischen Partei Chinas vom 14. November 2002 und vom 21. Oktober 2007 zu lesen, werde auf den folgenden in beiden Satzungen übereinstimmenden Passus stoßen: „China befindet sich jetzt im Anfangsstadium des Sozialismus und wird sich über eine längere Zeit in diesem Stadium befinden. Das ist ein unüberschreitbares Stadium bei der Modernisierung im wirtschaftlich und kulturell rückständigen China, das mehr als 100 Jahre in Anspruch nehmen wird....Das höchste Ideal und das endgültige Ziel der Partei ist die Verwirklichung des Kommunismus“. In Anlehnung an Gottfried Wilhelm Leibniz plädiert von Senger dafür, dass die europäische Belehrungsgesellschaft sich in eine Lerngesellschaft im Verhältnis zu China wandeln sollte. Das Abendland müsse den tief verwurzelten Kulturhochmut ablegen und sich darum bemühen, das amtliche Denken in der Volksrepublik China, insbesondere das Bezugssystem der Kommunistischen Partei Chinas von innen heraus besser zu verstehen. „Die Passagiere des Luxusdampfers Europa kommen wohl nicht darum herum, sehr vieles, nicht zuletzt die chinesische Sprache, zu erlernen, wollen sie verstehen, was im Reich der Mitte vor sich geht“, schreibt von Senger. Europa sei nach der chinesischen Strategemkunde eine leichte Beute und eine optimale Spielwiese für die Anwendung des Strategems Nummer 33: Das Strategem des Zwietrachtsäens. Als Beispiel führt von Senger den Dalai-Lama-Besuch bei Bundeskanzlerin Angela Merkel an, der dazu führte, dass Chinas Führer reihenweise Termine mit Deutschen absagten. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy wurde demgegenüber höchst freundlich empfangen und mit Aufträgen in Höhe von 20 Milliarden Euro überschüttet.

„Der Preis: Menschenrechte kamen nur ganz am Rande vor. Der sonst so knallharte ‚Sarko’ kann also auch anders – windelweich. Die Botschaft Pekings ist klar. Wer die Klappe hält, macht Kasse. So will China Europa spalten“, zitiert Senger die Bild-Zeitung. Sarko sei allerdings nicht nur windelweich gewesen, er handelte in erster Linie listig. „Er benutzte das Strategem Nummer 12 ‚Mit leichter Hand das Schaf wegführen’ und ergriff geistesgegenwärtig und unsentimental, wie Politiker eben vielfach sind, die sich ihm dank dem Verhalten der deutschen Kanzlerin ergebende Geschäftschance. Ob die Kanzlerin ihre Tat wohl vernetzend-strategemisch analysiert und sich überlegt hat, welchen Nutzen ihre EU-Konkurrenten daraus ziehen könnten? Das ist eine überflüssige Frage. Zu derartigen strategemischen Selbstanalysen dürften listenblinde europäische Politiker gerade auch beim <Behaupten der eigenen Werte> wohl kaum fähig sein“, bemerkt der Strategem-Kenner von Senger.

Er empfiehlt den Europäern, den Rat von Jesus zu folgen: „Seid klug wie die Schlangen und sanft wie die Tauben“ (Matthäus 10, 16). „In der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts sollte der verborgene Schatz, der in dem bei uns unbekannten Ausspruch Jesu ruht, gehoben werden. Unter völligem Verzicht auf ethisch abgestützte und mit Augenmaß eingesetzte Schlangenklugheit dürfte der europäische Marsch durch das 21. Jahrhundert schwierig werden“. Es sei unverzichtbar, sich ein optimales Listwissen anzueignen. Im politischen und wirtschaftlichen Wettbewerb unterliege die Listenblindheit der Listkompetenz. Das gelte für Politiker und Unternehmer.

                                                                                                                                                         Gunnar Sohn

(medienbüro.sohn, Ettighoffer Straße 26 A, 53123 Bonn, Tel: 0228 – 620 44 74; Fax: 0228 – 620 44 75; Mobil: 0177 620 44 74; medienbuero@sohn.de; www.ne-na.de)

 

Eine Supermacht und mehrere Großmächte:

Strategien der amerikanischen Weltpolitik

Robert Kagan „ Die Demokratie und ihre Feinde – Wer gestaltet die neue Weltordnung? Siedler, Berlin, 2008, 128 Seiten, 16,95 Euro,

Originaltitel “The Return of History and the End of Dreams”, Ed. Knopf, USA.

Autor Robert Kagan fordert weltpolitisch weiter Konfrontation, keine Kapitulation  - Demokratien sollen mehr Solidarität und Unterstützung für USA leisten – Frieden als wertvolles Gut muss erstrebenswert sein – „Die Rückkehr der Geschichte oder das Ende der Träume“ – Kein Buch, das an Frieden als Aufgabe der politisch Mächtigen erinnert

Soeben erschien das vielerwartete neue Werk von Prof. Robert Kagan „Die Demokratie und ihre Feinde – Wer gestaltet die neue Weltordnung?“ Der Autor, Professor am Carnegie-Friedensinstitut und Leitartikler der „New York Times“, gibt sich kämpferisch, fordert gleichzeitig mehr Solidarität und Unterstützung von den Verbündeten ein. Als außenpolitischer Berater des republikanischen US-Präsidentschaftskandidaten John Mc Cain gehört Kagan zu den führenden Neokonservativen in den USA. Im Jahr 1998 riet er brieflich dem vorletzten US-Präsident Bill Clinton zu einem Kurswechsel in der Irak-Politik und forderte ihn zum Sturz Saddam Husseins auf.

Sein neuer weltpolitischer Ansatz beginnt bei der Supermacht USA. Unter ihr rangieren von nun an die Großmächte Russland, China, Indien und die Europäische Union. Mit klugen Argumenten hinsichtlich ihres militärischen und wirtschaftlichen Leistungspotentials wird die Vormachtstellung der Vereinigten Staaten klar untermauert. Robert Kagan, der in Brüssel wohnt, wo seine Ehefrau Viktoria als NATO-Botschafterin der USA arbeitet, fordert zur Fortsetzung des Kampfs gegen die Feinde der Demokratie über das Jahr 2008 hinaus auf. Ein Nachlassen der Anstrengungen käme einer Niederlage gleich. Gleichzeitig definiert er Fortschritt als Anzahl der von den USA gewonnenen Schlachten. Und Amerika, so der Autor, ist seit dem Wendejahr 1989 stark aus sich herausgegangen, führte statistisch alle 16 Monate einen größeren bewaffneten Kampf im Ausland.

1989 ist für ihn das entscheidende Wendejahr, der Zusammenbruch des Kommunismus in der Sowjetunion und das Massaker der Opposition auf dem Tian-men-Platz in Peking. Er stellt den verstorbenen russischen Präsidenten Boris Jelzin klar über dessen Vorgänger Gorbatschow. Der letzte Präsident der UdSSR Michail Gorbatschow, Urheber von Glasnost („Offenheit“) und Perestroika („Umstrukturierung“) vertrete „universelle Werte,“ meint Kagan fast abschätzig. Der sowjetischen Antwort von 1989 auf eine verantwortungsbewusste europäische Ostpolitik kann er nichts abgewinnen. Vielmehr erinnert er bewundernd an die Kanonenboot-Politik der Clinton-Administration, als 1996 Taiwan von der Volksrepublik China mit Wiedervereinigung bedroht wurde und die USA zwei Flugzeugträger ins Südchinesische Meer schickten.

Die beiden Großmächte Russland und China nennt Kagan Autokratien, deren Führer ihr persönliches Wohlergehen mit dem ihres Landes gleichsetzten. Damit grenzt er sie scharf vom „demokratischen Kapitalismus“ in den USA ab. Andere politische Systeme nennt oder kennt Kagan nicht. Die „soziale Marktwirtschaft“, in Deutschland unbestritten als fortschrittliche Gesellschaftsordnung und nun auch für die französischen Sozialisten der PS als politisches Ziel in ihre Parteistatuten aufgenommen, existiert für den Autor, Fellow des German Marshall Funds, nicht. Auch kein Kampf um die 35-Stunden-Woche, wie sie in Frankreich nach wie vor gilt. Überhaupt: Die beiden europäischen Länder, auch allein für sich gezählt, gehören nach wie vor zu den zehn größten politischen wie Wirtschaftsmächten der Welt.

„Gefährliche Gewässer der Geopolitik des 21. Jahrhunderts“

Für Robert Kagan ist jetzt der Zeitpunkt für den Kampf um eine neue Weltordnung unter US-Vorherrschaft gekommen. Senator John Mc Cain nennt sein Buch denn auch „einen Weckruf“ und „Führer durch die gefährlichen Gewässer der Geopolitik des 21. Jahrhunderts.“ Klar bezieht Kagan Position gegen ein multizentrisches Weltbild. Indien, China und Europa seien nur Regionalmächte, allein die USA seien Supermacht und Vorreiter. Von der EU und ihrem jahrzehntelangen friedlichen „Zusammenrücken“ spricht er nicht. Willy Brandts Ostpolitik mit ihrem friedensorientierten Motto „Wandel durch Annäherung“ steht er fremd gegenüber. Auch meint Kagan, an der Wiege der „Römischen Verträge“ von 1957, die die EWG begründeten, standen die Amerikaner, nicht die Europäer. Offenbar verwechselt er die heutige EU, die 1991 aus der EWG hervorging, mit der aufgelösten WEU, der früheren Westeuropäischen Union, in der Großbritannien das Sagen hatte. In jedem Fall möchte Kagan polarisieren, die Welt einteilen in die Freunde und Feinde Amerikas.

Das politische Mächtedreieck Chirac-Schröder-Putin von 2003 hält er für gescheitert. Auch kritisiert er nur begrenzt den Irak-Krieg von Präsident George W. Bush. Dies ist kein Wunder, denn Kagan gab 1998 Präsident Clinton den brieflichen Rat, den irakischen Präsidenten Saddam Hussein zu stürzen.

Der Autor widerspricht weiter der seit 1989 proklamierten Theorie Francis Fukuyamas vom Ende der Geschichte, denn sein Buch trägt in den USA den Titel „Die Rückkehr der Geschichte und das Ende der Träume.“ Wörtlich und mit Nachdruck fordert der Autor mehr Machtpolitik von den demokratischen Politikern und den Willen, die Welt nach freiheitlich-demokratischen Prinzipien zu gestalten. Vom Frieden handelt das neue Buch eigentlich nicht, weshalb das Carnegie-Friedens-Institut (Carnegie Endowment for International Peace) wohl der falsche Ort für einen Denker wie Robert Kagan ist. Doch ist auch Frieden ein erstrebenswertes Gut und muss es bleiben - trotz manchmal nötiger militärischer Interventionen und Aktionen. Appelle an die mächtigen Politiker der Welt, Frieden zu halten und zu bewahren, finden sich in diesem Buch nicht.

Das Erfolgsmodell „demokratischer Kapitalismus“

Der „demokratische Kapitalismus“ ist das erfolgreichste Modell für aufstrebende Gesellschaften. Mit zunehmendem Wohlstand werde sich die Mittelschicht überall in den sich entwickelnden Ländern verstärkt zu Wort melden und mitbestimmen, ist sich Kagan sicher. Mit dem französischen Aufklärer Montesquieu behauptet er weiter, Handel treibende Nationen hätten sanftere Sitten – wobei er vom früheren Handel mit afrikanischen Negersklaven absieht. Hätte er einem Gedenktag für die „Traite Négrière“ zugestimmt, wie ihn England bereits beschloss und Präsident Sarkozy anvisiert?

Überhaupt krankt das Buch an fehlenden Perspektiven für den afrikanischen Kontinent, wo heute nahezu fast eine Milliarde Menschen leben. Keinen afrikanischen Staat erwähnt er – außer Libyen. In seinen machtpolitischen Überlegungen bleibt Kagan kein Raum mehr für Afrikas Belange, d.h. den Kampf gegen Hunger, Armut sowie für Entwicklungshilfe und politische Stabilität. Selbst den gegenwärtigen US-Präsidentschaftskandidaten Barack Obama und dessen auf militärischem Irak-Rückzug basierenden Programm würdigt er mit keinem Wort.

Überhaupt scheint es für die „liberalste Demokratie der Welt“ keinerlei innenpolitische Probleme zu geben. Wenn jedoch der politische Kurs von Washington keinen Rückhalt mehr in der Bevölkerung findet, gehen die Bürger auf die Barrikaden. Dies ist nicht nur in den USA, sondern auch in den mit ihr verbündeten Staaten der Fall. Gegen öffentliche und heftige Proteste im Innern hat jede demokratisch gewählte Regierung schwer zu kämpfen und nicht allein mit den Feinden der Demokratie im Ausland! Diesen innenpolitischen Machtfaktor scheint der Stratege Kagan ganz außer acht zu lassen. Keine demokratische Regierung kann gegen den entschlossenen Willen der Bevölkerung ein Gesetz durchsetzen! Dies ist nur in Autokratien möglich.

Der gegenwärtige Bau einer hermetischen Südgrenze der USA, eines Tausende von Kilometern langen Walls gegen Mexiko, bleibt von ihm ebenso unerwähnt wie die Millionen illegaler Immigranten, die seit Jahren in den Vereinigten Staaten ohne Papiere leben, arbeiten und Steuern zahlen. Zurückschicken oder amnestieren? All dies ist für Robert Kagan offenbar nur Stoff für die bevorstehenden Präsidentenwahlen.

Doch würde der Leser den Rezensenten missverstehen, wenn er nur Kritik heraushörte. Robert Kagan hat ein sehr lesenswertes Buch geschrieben, kurz, klar, offen, mit eindeutiger Zielansprache und sehr leicht zu lesen. Keine verklausulierten Sätze und keine Umschweife! Als politischer Stil durchaus empfehlenswert, denn darauf lässt sich klar antworten.

                                                                               Richard E. Schneider

 

                                                                                                                                                       zurück