WIRTSCHAFTSPOLITIK
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WIRTSCHAFTSPOLITIK
▪ Nicht dem Deutschen geziemt es zu schwanken
Menno
Aden (Vorsitzender der Staats- und wirtschaftspolitischen
Gesellschaft e.V., Hamburg. Mai 2012)
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Zum Monat Mai |
Frankreich allein gegen die Globalisierung ?
Die Verlockung einer Insel, diesen Titel einer Skandalveröffentlichung des Gelegenheitsschauspielers Philippe Bartherotte zum Thema Reality-TV (vgl. unsere Rubrik „Culture“) nehmen wir hier als Stichwort, um den im französischen Wahlkampf 2012 vorherrschenden Trend zur wirtschaftlichen Abkapselung Frankreichs zu kennzeichnen. Mindestens 40 Prozent der französischen Wähler haben sich bei dem ersten Wahlgang der Präsidialwahl für Politiker entschieden, die Autarkie und Isolation predigten. Selbst der verrückt gewordene Proeuropäer und Katholik François Bayrou sprach sich fürs „Französischproduzieren“ aus, was indirekt bedeutet, dass man keine Toyotas und keine Boeings kaufen darf. Aber Datteln und Bananen kann man doch nicht in Frankreich wachsen lassen, wenn auch das Klima im Lande - selbst politisch- allmählich afrikanisch wird. Sarkozy sprach sich immerhin für die europäische, nicht für die nationale Präferenz aus. Rechtsaußen waren Marine Le Pen und Linksaußen Jean-Luc Mélenchon radikal: Grenzschließung, Abkoppelung von den Märkten, Abschaffung des Euros und vielleicht Trennung von der EU. So einfach sollte Frankreich vor der Weltkatastrophe und der Apokalypse gerettet werden.
Die zehn Kandidaten im ersten Präsidentschaftswahlgang hatten einen gemeinsamen Feind: die Globalisierung. Die Globalisierung, diese ungeheure Beschleunigung, dieses immerwährende Hin und Her von Kapital, Menschen und Waren, die das französische Sozialmodell gefährdet, das 90 Prozent der Franzosen hochschätzen, selbst wenn es nicht mehr zu finanzieren ist und droht, sie endgültig zu ruinieren. Von allen Einwohnern entwickelter Nationen sind die Franzosen diejenigen, welche die Globalisierung am heftigsten verachten, und sie sind in Europa und wohl auch auf der Welt die Nation mit dem kostspieligsten Sozialmodell der Welt. Sie betrachten sich als eine Ausnahme, eine „exception française“, aber zur Ausnahme werden sie längst nicht mehr wegen ihrer kultivierten Lebensart und ihres Käses, sondern durch ihre Geldvernichtung, die fast griechische Ausmaße annimmt. Es gibt sogar bei Ihnen eine Verpflichtung, Ausländer, die sich auf ihrem Territorium befinden, kostenlos, d. h. auf Kosten der französischen AOK, zu pflegen. So kommen welche sogar aus Amerika, um sich in Frankreich operieren zu lassen, weil die Billigflieger das möglich machen. Ärzte werden von kinderreichen Migrantenfamilien regelrecht belagert, und Apotheken werden auf Verordnung von ihnen „geplündert“. Daher das Loch in den Kassen.
Nicht dagegen darf man kämpfen, und unter François Hollande wird es noch weniger der Fall sein, denn das wäre „Rassismus“ und „Fremdenfeindlichkeit“, sondern gegen den Rest der Welt, denn die Welt soll an der französischen Misere schuldig sein. In den letzten Wochen vor der Wahl hatte man den Franzosen versprochen, „dagegen anzukämpfen“, selbst der sehr vernünftige Premier, François Fillon, hat darüber sein kleines Liedchen gesungen, eines schönes Morgens im Radio. Warum auch nicht, warum nicht ankämpfen gegen die Hyperfinanzialisierung der Welt? Warum die Finanztransaktionen nicht stärker besteuern? Schade nur, dass man nicht allein gegen die Globalisierung ankämpfen, dass man sich nicht allein gegen den Gang der Geschichte stellen kann, selbst wenn es sich um die Nation des unwiderstehlichen Jean Dujardin und des skurrilen Stéphane Hessel handelt. Einer, der es verstanden hatte, dass man neue Wege gehen soll und dass das marktwirtschaftliche deutsche Modell heute die bessere Lösung ist, war Nicolas Sarkozy. Er wollte mit dem G20 eine Art globale Weltregierung gründen im Sinne Immanuel Kants, ein Gegenmodell zur UNO, und mit der europäischen Wirtschaftsregierung ein Gegenmodell zur Brüsseler Kommission. Dafür erntete er keinen Beifall. Auch er musste im Wahlkampf zurückrudern.
Dass die Welt die Franzosen mit anderen Augen sieht als die Franzosen selbst, liegt auf der Hand, aber die französischen Politiker scheinen es vergessen zu haben. Und während sie schwadronieren und den Franzosen eine Zukunft vorspiegeln, indem sie sich auf wackelige Wachstumshypothesen stützen und behaupten, dass „von jetzt an das Schlimmste der Krise überstanden ist“, lauern die Märkte und Gläubiger wie Aasgeier, reformieren sich Frankreichs europäische Partner, die zugleich seine unerbittlichsten Konkurrenten sind, und die Schwellenländer, das Messer zwischen den Zähnen, wachsen unaufhörlich in schwindelerregendem Tempo. 1981 hatte das Frankreich von Mitterrand bereits entschieden, einen anderen als den von den ersten Champions der Globalisierung eingeschlagenen Weg zu gehen, den von Ronald Reagan und Margaret Thatcher. Mitterrand schöpfte allerdings aus dem Vollen. Zwar war der Ölschock da gewesen und hatte 1,5 Millionen Arbeitslose auf die Straße geworfen, aber Giscard d’Estaing hatte einen noch relativ ausgeglichenen Haushalt hinterlassen. So schraubte der erste sozialistische Präsident der V. Republik das Rentenalter vom 65. auf das 60. Lebensjahr ohne Rücksicht auf die Bevölkerungsentwicklung herunter und verstaatlichte lauter Betriebe und Banken, weil der Staat angeblich besser als die Unternehmer und Handwerker weiß, was die Menschen brauchen. Zwei Jahre später, isoliert in Europa wie anderswo, hatte er die Kehrtwende zur Härte genommen und war froh, dass Helmut Kohl sich seiner Not annahm und ihn mit der Hand nach Europa führte, wo sie gemeinsam einiges geleistet haben. Sonst ist unter Mitterrand außer Spesen nichts gewesen. Er hatte nicht einmal begriffen, dass die Deutschen ihre Einheit wieder haben wollten, da seine Diplomaten, die keinen Zugang zum deutschen Volk in der DDR hatten, ihn falsch informierten. Auch diesmal versuchte Paris das Rad der Geschichte abzustoppen und scheiterte damit. Chiracs Ära fing dann mit dem bombastischen Feuerwerk in Mururoa an, und dann blieb außer diplomatischen Fehltritten in Sachen Österreich, Mitteleuropa und Amerika nur noch die Liebe zu Gerhard Schröder, entstanden im Gasthof „Zur letzten Instanz“ in Berlin. Keine Liebe auf den ersten Blick, da er ihn anfangs gehasst hatte. Es folgten zwei Jahre Handküsserei mit Angela Merkel. Dann wurde der heute noch beliebteste französische Politiker Chirac-der-Große mit Gardemaß im Rahmen einer republikanischen Palastrevolte von „Pippin dem Kurzen“, genannt Sarkozy-der-Ungar, auf das Altenteil geschickt. Inzwischen hatte allerdings der unglückliche Premierminister Lionel Jospin, ein zum Rosa-Sozialisten gewordener ehemaliger Trotzkist, die 35 Stundenarbeitswoche „par ordre de Mufti“ eingeführt, wozu Schröder sagte, es sei die bestmögliche Nachricht für die deutsche Wirtschaft, die dann die französischen Märkte erobern konnte, denn die Wirtschaft ist keine Sozialanstalt. Sie muss überleben. Sarkozy hat versucht, Frankreich zu modernisieren, nicht nur Unternehmergeist zu schaffen, den Wert der Arbeit wiederherzustellen, sondern auch die Mentalität der Franzosen zu ändern. Nach den zwei Faulenzerkönigen Mitterrand und Chirac, die deshalb so bewundert wurden, weil sie nichts taten, machte sich der Omnipräsident Sarkozy unbeliebt, weil er Aktivität entfaltete und Frankreich stromlinienförmig machen wollte. Die Franzosen lieben aber ihre Ecken und Kanten, ihr Sechseck, ihr Hexagon. Sarkozy hat die Wahl verloren. Zur großen Unruhe der Deutschen an der Ostgrenze. Die Kommentare waren alles andere als freundlich für die Haltung der Franzosen. „Der Wahlkampf hat gezeigt, schrieb der „Welt“-Korrespondent in Paris, Sascha Lehnartz, nach dem ersten Urnengang der Präsidentenwahl, dass Sarkozy sein Volk den Rücken zuwendet, egal, welche Themen er anspricht. Addiert man die Wählerstimmen für die FN, die UMP und den Rest der Rechten, zeigen die Resultate, dass rund 40 Prozent der Franzosen für europafeindliche bis – zurückhaltend formuliert – fremdenunfreundliche Ideen empfänglich sind. Mindestens ebenso viele (FN, Linksfront und Teile der PS-Wähler) versprechen sich die Rettung von einer wirklichkeitsentrückten Wirtschaftspolitik. Das ist aus deutscher wie aus europäischer Sicht das eigentlich beunruhigende Ergebnis dieser Wahl“.
Einiges ist ihm dennoch gelungen, und seine ca. 15 großen Reformen und über 800 Reförmchen werden schon nach Jahren ihre Früchte tragen, falls der Doppel-Nachfolger Mélenchon-Hollande + die Grünen sie nicht alle beseitigen, wie sie es beabsichtigen. Er hat auch zusammen mit Angela Merkel und damals mit Gordon Brown geschafft, 2008 und 2009 eine Schadensbegrenzung in der Krise zu gewährleisten, was uns einen totalen Zusammenbruch wie seinerzeit 1929-30 erspart hat. Immerhin hat es Sarkozys Frankreich geschafft, in der Krise keine Rezession zu erleben und anders als Spanien und Italien eine stärkere Verminderung des Haushaltsdefizits, als vorgesehen war. So konnte sich Frankreich am Ende der Sarkozy-Ära schließlich zu einer Rate von weniger als 3 Prozent Geld von den Weltmärkten holen. 2012 muss Frankreich den Bettelgang um 180 Milliarden Dollar antreten. Nach dem Erziehungshaushalt ist der Schuldendienst die zweite Ausgabenziffer im französischen Haushalt. Bei einer Schuld von 85 Prozent des BIPs liegt Frankreich noch höher als Deutschland mit seinen ca. 83 Prozent, aber alle anderen deutschenWerte wie Arbeitsmarkt, Steuereinnahmen, Wachstumsrate, Export und Blutdruck und Herzrhythmus sind in Deutschland besser. Wird Frankreich die kostbare Note AAA verlieren, wenn Hollande das Rentenalter wieder auf 60 statt derzeit penible 62 Jahre senkt? Dann fängt Frankreich an, den Bach hinunterzugehen.
In Deutschland und Estland herrscht
weiterhin eine "gute", in Finnland eine "zufriedenstellende" aktuelle
Wirtschaftslage. In den meisten anderen Euroländern hat sich zwar die
aktuelle wirtschaftliche Situation im Vergleich zur Vorquartalsumfrage
wieder etwas verbessert, sie wird aber in Österreich, in den Niederlanden,
Belgien, Irland und Frankreich weiterhin noch nicht als zufriedenstellend
beurteilt. Keine positiven Veränderungen sind in Griechenland, Portugal,
Italien, Spanien und Zypern zu verzeichnen: Die WES-Experten beurteilen die
aktuelle wirtschaftliche Situation in diesen Ländern mit den niedrigsten
Noten auf der WES-Skala und rechnen hier für 2012 mit einer Rezession. Große
Probleme bereiten weiterhin öffentliche Haushaltsdefizite im gesamten
Euroraum, sowie eine hohe Arbeitslosigkeit in den Euro-Krisenländern laut
den befragten Wirtschaftsexperten.
Die wirtschaftlichen Aussichten für die kommenden sechs Monate im Euroraum
haben sich gegenüber dem Vorquartal spürbar verbessert und befinden sich in
der Mehrheit der Euroländer im positiven Bereich.
Die Inflationserwartungen sind im Euroraum seit Anfang des Jahres leicht
gestiegen. Auf Jahressicht wird in der Eurozone für 2012 eine
Preissteigerungsrate von 2,4% erwartet. Die kurzfristigen Zinsen werden nach
Ansicht der WES-Experten in den nächsten Monaten stabil bleiben, die
langfristigen Zinsen etwas anziehen. In den nächsten sechs Monaten wird mit
einem leichten Anstieg des US Dollar gegenüber dem Euro gerechnet.
(Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo Instituts - Ifo
World Economic Survey, 10. Mai 2012)
▪ Die angelsächsischen Finanzmärkte haben immer noch nicht begriffen, was in Europa am 9. Dezember 2011 geschehen ist
Kanzlerin Angela Merkel bezeichnete die Beschlüsse des EU-Gipfels zur Reform der Euro-Zone im Bundestag als "wichtige Weichenstellung". Die Konstruktionsfehler der Währungsunion würden behoben. Doch die Märkte misstrauen ihr. Der Euro fiel erstmals seit Januar unter die Marke von 1,30 Dollar. Nach den vielen Gipfeln und der Inflation der Versprechungen wollen Fondsmanager, Bankchefs und Versicherungsbosse Taten sehen.
In diesem Zusammenhang warnte der Handelsblatt-Kommentator Josef Joffe am 15. Dezember vor dem Herdentrieb der Finanzmarktprofis. Die Großmogule der Finanzindustrie sollten den Augenarzt aufsuchen und endlich Länderbilanzen lesen lernen, schreibt er. Und seine Zeitung distanzierte sich von der sog. „Schwarmintelligenz“, seitdem sie wusste, dass die Fischschwärme vor der ölverseuchten Küste des Golfs von Mexiko schnurgerade in den Ölteppich schwammen.
Zur gleichen Thematik äußerte in einem Interview am 11. Dezember mit der Welt am Sonntag der CSU-Chef Horst Seehofer; auf die Frage, ob wir eine europäische Ratingagentur brauchen: „Ja, weil die angelsächsischen Finanzmärkte und die entsprechende Finanzpolitik traditionell anders denken und funktionieren als die europäische. Ich möchte, dass wir uns vom Finanz-Denken in London und New York unabhängiger machen. Dieser verhindert bisher, dass wir eine ordentliche Finanzmarktregulierung hinbekommen, Mit Ausnahme des Verbots von Leerverkäufen ist nicht Durchgreifendes geschehen. Wir brauchen eine Finanztransaktionssteuer, damit könnten in Europa zusätzliche Wachstumsimpulse finanziert werden“.
▪ Niedrige Löhne: Deutschland Mitschuld an der Euro-Krise?
Wo ist der Irrtum? Wo ist die Unwahrheit?
Kurz vor der Eröffnung des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos am 25.01.2012 veröffentlichte t-online, der elektronische Dienst der Deutschen Telekom, folgenden Bericht der „Deutschen Presseagentur“, den wir hier wegen seiner europabezogenen Bedeutung übernehmen. In der Euro-Krise gilt Deutschland als der Fels in der Brandung. Auch beim europäischen Rettungsfonds ESM schultert Deutschland mit knapp 190 Milliarden den Löwenanteil von den insgesamt 500 Milliarden Euro. Doch die nur schwache Entwicklung von Löhnen und Gehältern hierzulande gehört nach Ansicht von UN-Experten zu den strukturellen Ursachen der Probleme in der Euro-Zone. Seitdem Christine Lagarde diesen Gedanken auf Tisch warf, ist diese Klage gegen Deutschland zum Leitmotiv aller Debatten geworden. Frage von „Eurbag Magazin“: Ist es wirklich so? Wir publizieren in der französischen Fassung des Magazins einen Artikel von Norma Serpin, die ein Medien- und Wirtschaftsconsulting-Unternehmen führt*. Sie schreibt: « Lebt man und arbeitet man in Deutschland, kennt man die dortigen Durchschnittslöhne, weiß man, dass in den Grenzbereichen, eine große Zahl von französischen Arbeitern nach Deutschland über die Grenze fährt, weil gerade die Löhne dort generell und ganz besonders für die qualifizierte Arbeiterschaft höher liegen, kann man über diese Flutwelle von Fehlangaben, die nur in bruchstückhaften und tendenziösen Analysen den Kopf schütteln „.
Man muss wirklich feststellen, dass die leitenden Angestellten der Privatunternehmen und die höhere Beamtenschaft in Deutschland viel höhere Löhne als in Frankreich bekommen ; aber auch im mittleren Bereich werden die Deutschen besser als bei uns in Frankreich bezahlt. Allerdings gibt es in Deutschland noch kein Mindestlohn** und die untersten Bereiche, sowie die Arbeitslosen (Hartz IV) erhalten wenig Geld. Es gilt in Deutschland noch weitgehend das Prinzip, dass man nach Leistung belohnt wird. Die deutsche Landwirtschaft beschäftigt auch zeitweise unterbezahlte Pendler aus Mitteleuropa – als Beispiel, für die Spargelernte in Brandenburg. Es scheint uns aber gar nicht als gesichert sein zu behaupten, dass etwa die Arbeiter und Techniker, die die besseren Exportprodukte der deutschen Industrie herstellen, unterbezahlt werden. Man muss auch berücksichtigen, dass die Preise für langlebige Güter und, abgesehen von Ausnahmen in den Stadtkernen von Hamburg, Frankfurt, München, ebenfalls die Immobilien, aber auch die Rechnungen im Dienstleistungsbereich (Gastgewerbe, Friseure, Schneider, Schumacher, Fitness, Sport, usw.), deutlich niedriger als in Frankerich sind, so dass die Kaufkraft in Deutschland trotz der ach so geschähten „niedrigen Löhne“ höher als in Frankreich liegt. Warum würden sonst so viele Einwohner von Straßburg in Scharen im deutschen Nachbarort Kehl ja sogar bei Nahrungsmittel- und Möbelketten einkaufen gehen? (Ebg - JPP)
Eine Fehleinschätzung der ILO: Geringe Arbeitskosten belasten die Konkurrenz
Weil sich in der
Exportnation Deutschland seit der Wiedervereinigung die Kosten der Arbeit im
Vergleich zur Konkurrenz in anderen Ländern sogar verringert hätten, sei "das
Wachstum in diesen Volkswirtschaften unter Druck geraten". So steht es im
globalen Beschäftigungsbericht 2012, den die Internationale
Arbeitsorganisation (ILO) vor der Tagung in Davos vorlegte.
Während günstigere Arbeitskosten den deutschen Exporteuren
Wettbewerbsvorteile verschafften, hätten die davon betroffenen Länder dies
nicht durch verstärkte Ausfuhren in die Bundesrepublik wettmachen können,
erklärte die UN-Organisation. Krisenländern sei ein Ausweg über "die
Exportroute" praktisch versperrt worden, weil in Deutschland die Nachfrage
angesichts der schwächeren Einkommensentwicklung hinterherhinkte. Diese
Entwicklung habe in anderen Ländern der Eurozone "nachteilige Folgen für die
Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen" gehabt.
Deutschland soll die Produktivität fördern
Statt weiter bei
Löhnen und Gehältern zu bremsen, solle die deutsche Wirtschaft stärker die
Produktivität fördern, empfiehlt die ILO. Allerdings räumen die Autoren des
Berichts "Global Employment Trends 2012" auch ein, Deutschland gehöre in
Europa "zu den wenigen Ausnahmen, in denen die Beschäftigung nicht unter dem
Stand vor Ausbruch der Krise zurückgeblieben ist".
In Europa hat laut der ILO die Arbeitslosigkeit inzwischen "mit rund 45
Millionen Betroffenen einen historischen Höchststand erreicht, und der
Ausblick ist wegen der Schuldenkrise in den meisten Ländern negativ".
Weltweit geht die ILO nach den jeweiligen offiziellen Zahlen von 197
Millionen Arbeitslosen aus - 27 Millionen mehr als 2007, dem Jahr vor dem
Ausbruch der Finanzkrise in den USA. Trotz eines hohen Wirtschaftswachstums
stagniere die durchschnittliche Arbeitslosenquote bei 6,0 Prozent.
900 Millionen Menschen unter der Armutsschwelle
Hinzu kommen aber noch
rund 900 Millionen Menschen - größtenteils in Entwicklungsländern -, die
trotz Arbeit unter der Armutsschwelle von zwei Dollar pro Tag leben. "Jeder
dritte Arbeitnehmer auf der Welt ist arbeitslos oder lebt trotz Arbeit in
Armut - das sind rund 1,1 Milliarden Menschen", sagte ILO-Generalsekretär
Juan Somavia. Die Schaffung von Jobs müsse für Regierungen und Unternehmen
oberste Priorität haben.
Die ILO geht davon aus, dass unter Berücksichtigung der
Bevölkerungsentwicklung in den nächsten zehn Jahren rund 600 Millionen
produktive Arbeitsplätze gebraucht werden, um die Arbeitslosigkeit abzubauen
und Neuzugänge auf dem Arbeitsmarkt in Lohn und Brot zu bringen.
Strikte Regulierung der Finanzmärkte gefordert
Einen wichtigen Beitrag könne dazu "eine strikte Regulierung der
Finanzmärkte" leisten. Dadurch würde eine stabilere Unternehmensfinanzierung
möglich werden. "Vor allem kleinere und mittlere Unternehmen, in denen
erfahrungsgemäß die meisten Arbeitsplätze entstehen, hätten wieder einen
besseren Zugang zu Krediten“.
* De l’Allemagne – l’Allemagne attire, l’Allemagne intrigue, l’Allemagne inquiète… (Journal informatique « 3 rives-3 ufer » von Kai Littmann) - Cet article se trouve dans la rubrique "économie" d'Eurbag.
** Der Mindestlohn würde die Wettbewerbfähigkeit der Mittleren und Kleinbetriebe gegenüber ihnre großen Konkurrenten schwächen und viele von ihnen in die Pleite treiben. Deutschland lebt von seinem Mittelstand, nicht von den Großbetrieben wie Frankreich, was den besseren Krisenwiderstand erklärt.
▪
EU will Länderratings verbieten
In der Euro-Schuldenkrise stehen Rating-Agenturen heftig in der Kritik: Ihre
Herabstufungen würden das Schlamassel der Länder verschärfen, lautet der
Vorwurf. Die EU-Kommission versucht deshalb, mit einem radikalen Vorschlag
gegenzusteuern. Bekanntlich sind sie in der Hand der amerikanischen
Investoren oder Behörden, die kein Interesse daran haben, dass die Eurozone
als Wirtschaftseinheit sich weiterentwickelt. EU-Binnenmarktkommissar Michel
Barnier will es Rating-Agenturen notfalls verbieten, Urteile über kriselnde
EU-Länder zu veröffentlichen. In einem vertraulichen Vorabentwurf für eine
Reform des Gesetzes zu den Rating-Agenturen schlug Barnier vor, dass die
neue Wertpapieraufsicht ESMA das Recht erhält, die Veröffentlichung von
Einschätzungen über die Zahlungsfähigkeit "vorübergehend zu untersagen".Ein
Verbot könne verhindern, dass ein Rating in einem "unangebrachten Moment"
kommt, "mit negativen Folgen für die Finanzstabilität des Staates und
möglichen destabilisierenden Effekten auf die Weltwirtschaft", heißt es im
Entwurf. Kaum versucht in der Tat ein Staat von Euroland seine Finanzen und
seine Wirtschaft zu konsolidieren, da fällt die eine oder die andere Agentur
ein Negativurteil und stuft seine Bonität ab. Damit wird die Erholung dieses
Staates zunichte gemacht, weil seine Anleihen und Schulden nunmehr viel
teuerer werden. Mit seinem Vorschlag zog Barnier drastische Konsequenzen aus
der Euro-Schuldenkrise und der heftigen Kritik an den Bonitätswächtern.
Viele Politiker und Volkswirte werfen ihnen vor, die Lage einzelner Länder
völlig falsch zu bewerten und mit ihren Urteilen die Krise immer weiter zu
verschärfen. Herabstufungen sorgen regelmäßig für Unruhe an den Märkten. Das
Rating eines Landes hat enorme Bedeutung dafür, zu welchen Konditionen es
seine Schulden an den Finanzmärkten finanzieren kann. Eine Herabstufung
führt dabei oft in eine Abwärtsspirale: Für ein Land wird es teuer, sich zu
refinanzieren, dadurch verschlechtert sich seine Situation, was wiederum
aufs Rating drückt. Verhandelt ein Land gerade über Finanzhilfen, kann das
dazu führen, dass diese Unterstützung noch größer ausfallen muss. Barnier
will Ratings auf Staatsanleihen auch generell verbessern. Die
Bonitätswächter sollen ihre Einschätzungen mindestens alle sechs Monate
überprüfen statt wie bislang alle zwölf. Zudem soll die Datenbasis der
Urteile transparenter werden. Auch sollen sie erst nach Handelsschluss an
den EU-Börsen, aber spätestens eine Stunde vor deren Eröffnung vorliegen.
▪ Deutsche Haushalte: keine weitere Verschuldung in der Krise – kaum Reaktionen auf Zinsveränderungen
Die Verschuldung der deutschen Privathaushalte ist während der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise nicht gestiegen. Der seit rund zehn Jahren anhaltende Trend zu weniger Schulden wurde auch durch die Krise nicht gebrochen, errechneten Wissenschaftler des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) anhand von Daten des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP).
„Die Haushalte scheinen aus dem Platzen der Dotcom-Blase gelernt zu haben“, sagt Dorothea Schäfer, DIW-Forschungsdirektorin Finanzmärkte. „Damals gab es deutlichere Effekte durch kreditfinanzierte Aktienspekulationen.“ Seitdem sei die Belastung durch Zinsen und Tilgung rückläufig. „Daran hat auch die Finanzkrise nichts geändert. Lediglich durch die Abwrackprämie haben sich Haushalte zu zusätzlichen Krediten für den Autokauf verleiten lassen. Insgesamt sind die Sparquoten sogar gestiegen“, erklären Schäfer und ihre Ko-Autorin Marlene Karl. Im Jahr 2009 waren deutlich weniger Haushalte – nämlich 18 Prozent - mit Konsumenten- und Immobilienkrediten belastet als während der Dotcom-Krise, als es noch circa 20 Prozent waren.
Auch die monatliche Belastung mit Zins- und Tilgungszahlungen lag deutlich unter dem damaligen Niveau. Rund 40 Prozent der Befragten empfanden die Schulden jedoch weiterhin als „schwere Belastung“. Für 60 Prozent stellten sie „kein“ oder nur „ein geringes Problem“ dar. „Die Haushalte in Deutschland haben eine Tendenz, sich liquide und ihre Finanzsituation möglichst stabil zu halten. Dabei spielt sicher auch eine Rolle, dass sie im Alter nicht verschuldet sein wollen. Deswegen führen Haushalte, wenn sie älter werden, zunehmend die Verschuldung zurück“, erklärt Schäfer. Auch die niedrigen Zinsen haben die Haushalte nicht dazu veranlasst, mehr Schulden aufzunehmen.
Dass sich Sparer in Deutschland von Veränderungen des Zinsniveaus nur relativ wenig beeindrucken lassen, zeigt auch die zweite Analyse im aktuellen DIW Wochenbericht „Weniger Schulden, mehr Sparen“. Die Forscher Martin Beznoska und Richard Ochmann zeigen darin, dass private Haushalte ihr Konsum-Sparverhalten in Deutschland zumindest kurzfristig kaum ändern, auch wenn Schwankungen im Preis- oder Zinsniveau dafür Anreize bieten. „Auf kurze Sicht reagieren sie so gut wie überhaupt nicht auf Änderungen der Nachsteuerrendite“, so die Forscher. „Das muss man beachten, wenn man steuer- und sozialpolitische Reformen wie die Einführung einer Abgeltungssteuer, verbesserte Abzugsmöglichkeiten von Altersvorsorgeleistungen oder Änderungen der Mehrwertsteuersätze richtig planen und ihre Wirkung prognostizieren will.“
▪ Eine neue Etappe in der Internet-Revolution
Henri Conze
Gegenwärtig erleben wir eine neue Etappe in der Internet-Revolution, die wir seit fünfzehn, zwanzig Jahren beobachten. Wie sieht diese aus, und was wird sie in unserem Leben verändern, in unserer Gesellschaft, in unserer Wirtschaft usw.? Es stellen sich so einige Fragen in Bezug auf die Software-Industrie, auf die Mittel und Wege, die die Sicherheit und das Vertrauen gewährleisten, auf das anzunehmende Ende der Anonymität der Nutzer, auf die Berechnungs- und Bearbeitungsmöglichkeiten der Informationen, auf die Rolle der Bediener usw.
Diese Entwicklung ist eine ökonomische Herausforderung für Europa und für Frankreich. Es ist bedauerlich, dass Europa es vor einigen Jahren nicht verstanden hat, einen hervorragenden Platz in der Internet-Wirtschaft einzunehmen, und stattdessen den Vereinigten Staaten das Quasi-Monopol der Software-Domäne (Microsoft, Google, IBM u. a.) überließ und das Monopol der Bauteile und Hardware (IBM, Intel, HP, Toshiba u. a.) den Vereinigten Staaten und Asien. Die Auswirkungen können wir heute an unserer Außenhandelsbilanz sowie den Steuereinnahmen unseres Staates ablesen! So kann eine demnächst auf den Markt kommende neue Generation der Internetwelt eine neue Chance bedeuten für Europa und Frankreich.
Aber diese Entwicklung ist zugleich eine Herausforderung für unsere Gesellschaft. Wir stellen seit einigen Jahren fest, welche Rolle das Internet in unserem Leben, in den Beziehungen zwischen den Individuen und der politischen Debatte spielt. Was sich derzeit in Tunesien und Ägypten tat und tut, ist Beleg dafür, was einige Menschen seit langem für das Schicksal unserer Völker begriffen haben, und zwar im Hinblick auf die eminent wichtiger werdenden Informations- und Kommunikationstechnologien.
Das Forum der Zukunft hat beschlossen, diese Fragen zu einem der Hauptthemen ihrer Überlegungen für 2011 zu machen.
„Cloud Computing“ oder eine neue Architektur fürs Internet
Wir wissen um die Revolution der Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft, die durch die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien angeschoben wurde, und durchleben diese seit einigen Jahren. Internet, Mobiltelefon, High Definition – das sind die sichtbarsten Zeichen dafür. Glauben wir ja nicht, diese Revolution würde abebben oder eine Pause einlegen. Der Fortschritt der Technologien kommt im gleichen Tempo voran, wie wir es in den letzten Jahrzehnten erfahren haben. Es ist geradezu verblüffend festzustellen, dass das nach dem Urheber benannte und 1965 entworfene Mooresche Gesetz noch im Jahr 2010 seine Berechtigung hat: Die Anzahl der Transistoren je Schaltkreis gleicher Größe verdoppelt sich alle 18 Monate! Konkret bedeutet es, dass wir seit einem Jahr über die ersten Rechner verfügen, die in der Lage sind, über eine Milliarde Operationen pro Sekunde auszuführen, und die Möglichkeit bieten, die für einen Menschen sein ganzes Leben lang nützlichen Daten und Informationen in einem Gegenstand von der Größe eines Kugelschreibers zu speichern und diese obendrein völlig geschützt zu verschlüsseln und übers Internet weiterzuleiten. Fügen wir dieser Liste die vereinfachte Internet-Übertragung in Supergeschwindigkeit hinzu (hundert Millionen bis zu einer Milliarde Zeichen pro Sekunde) sowie die Mobilität der Nutzer, die Zugang zu ihren Prozessen und Daten suchen, wo immer sie sich gerade befinden, und wir verfügen über die vier Puzzle-Teile einer neuen Etappe in der Internet-Revolution, die wir seit fünfzehn, zwanzig Jahren erleben. Wie sieht diese aus, und was wird sie in unserem Leben verändern, ins unserer Wirtschaft usw.?
Heute ist ein Großteil der Menschheit im Besitz eines eigenen Computers, eines PCs, der sich zusammensetzt aus einem „Rechner“-Teil, bestehend aus einem Mikroprozessor, einer entsprechend den Bedürfnissen des Nutzers begrenzten Anzahl von „versiegelten“ Software-Programmen und solchen auf Dauer installierten (Eigentum des Entwicklers, z. B. Microsoft) sowie aus Dialogwerkzeugen (Tastatur, Drucker usw.). Die meisten vom Nutzer erwarteten Leistungen werden also „vor Ort“ erledigt, wobei das Internet als Netz zum Austausch von Informationen und Daten dient, dies immer mehr auf Grund der Hochgeschwindigkeitsentwicklung, der Übertragung bestimmter Leistungen. Die heutige Architektur nimmt äußerst dezentralisierte Formen an. Morgen braucht man nur noch die vier zuvor genannten Puzzle-Teile zusammenzufügen, um dann zu einer sehr zentralisierten Architektur zu kommen: Eine relativ geringe Zahl von IT-Zentralen wird die unzähligen kleinen Rechner, all unsere PCs, ersetzen. Sämtliche von uns geforderten Leistungen werden in diesen „IT-Zentralen“ völlig geschützt und in Echtzeit erbracht, ausgehend von z. T. freien Software-Programmen, die ständig je nach Stand der Erfahrungen, des technologischen Fortschritts und der Entwicklung der Nachfrage aktualisiert werden: Damit tritt das in Erscheinung, was wir heute „Cloud Computing“ oder externalisierte oder Bestell-Datenverarbeitung nennen, was wir tatsächlich mit „Internet der neuen Generation“ bezeichnen müssten, es aber der Einfachheit halber mit „Wolke“ umschreiben.
Die Vorteile dieser Architektur im Vergleich zur jetzigen sind vielfältig, zwei davon ganz wesentlich: Einerseits sind es die Kosten wegen der Anzahl an allgemein einzusetzenden Mikroprozessoren, die durch tausend oder zehntausend geteilt werden, und wegen der Ersparnis für Software, da der „Kunde“ nicht mehr zu ihrem Kauf gezwungen ist, jedoch Gewinn bei erbrachter Leistung erzielt. Andererseits ist es die sehr hohe fortschrittliche Kapazität, die sich aus der Möglichkeit für jeden einzelnen ergibt, über Software-Werkzeuge zu verfügen, die von den Entwicklern in Abhängigkeit von Nachfrage und technologischem Fortschritt ständig auf den neuesten Stand gebracht werden. So wird die EDV die gleiche Revolution erfahren, die Elektrizität Anfang des 20. Jahrhunderts durchgemacht hat: Im Jahr 1900 produzierte jeder Verbraucher seinen eigenen Strom. Dreißig oder vierzig Jahre später wurde der von ein paar sehr großen Kraftwerken erzeugte Strom quer durchs Land auf einem Kontinent bis zum Endverbraucher transportiert. Vielleicht ist es einfach nur eine bildliche Vorstellung oder, wie manch einer denkt, eine Offenkundigkeit, denn es handelt sich in beiden Fällen um eine Angelegenheit von Elektronen und Netzen!
Unter der Voraussetzung dieser Entwicklungen stellen sich mehrere große Fragen: zur Entwicklung der Software-Industrie, zu den Mitteln für die Gewährleistung der Sicherheit und des Vertrauens, was wahrscheinlich mit dem Ende der Anonymität der Nutzer vorbei sein wird, zu den Möglichkeiten des Rechnens und der Informationsbearbeitung, zur Rolle der Bediener usw. Greifen wir zu diesen Bereichen einige Gedanken oder Fakten aus einer Fülle anderer heraus, die für weitere Überlegungen richtungweisend sein können.
Die Software-Programme
Der Hersteller von Anwendungsprogrammen ist noch immer Software-Herausgeber. Bei der zukünftigen Internet-Architektur möchten die Nutzer keine „Eigentümer“-Software mehr haben, deren Lizenzen teuer sind, deren Instandhaltung und Verwaltung komplex sind, die man ständig entsprechend den Entwicklungen der Infrastruktur anpassen muss, diese Art Umgang ist zu kompliziert und zu kostspielig! Die Nutzer fordern Softwareprogramme, die anderswo als auf ihrem eigenen Terminal (PC) installiert sind, beispielsweise in den großen IT-Zentralen. Der Herausgeber muss alle technischen und Betriebsprobleme zu seiner Angelegenheit machen. Der Nutzer wird dann bereit sein, ihm die Dienstleistung abzukaufen, die seine Produkte hergeben, indem er über das Netz je nach seinem Bedarf Zugang zu ihnen bekommt und verbrauchsgerecht bezahlt. Das ganze ökonomische Modell der IT-Dienstleistungsunternehmen wird umgestoßen: Der Software-Herausgeber wird zum Lieferer einer Dienstleistung auf Bestellung.
Allerdings scheinen die Hauptherausgeber nicht alarmiert zu sein. Für Microsoft „muss die Wolke kein Ende bedeuten, sondern eher ein Mittel, das insbesondere dafür nützlich ist, die Bündelung der Kräfte in der digitalen Industrie zu beschleunigen“. Doch tatsächlich musste Microsoft seine Angebote und operativen Prioritäten erheblich verändern.
Vertrauen und Sicherheit
Der erste Hemmschuh bei der Entwicklung der „Wolke“ ist die Sicherheit. Viele Verwaltungen, Unternehmen, sogar Einzelpersonen zögern, ihre Daten einem System anzuvertrauen, von dem sie nur den Aussteller ihrer Abonnementsrechnung kennen. Ebenso beunruhigt sind sie in Bezug auf deren Apps, selbst wenn sie den Software-Herausgeber besser als Lieferanten von Dienstleistungen erkennen. Die Reaktion auf diese Sorge drückt sich zunächst in technischen Begriffen aus mit den Werkzeugen der Sicherheit der Informationssysteme (SSI), des Schutzes der Prozesse und Daten, der Betriebssicherheit usw.
Doch die Sicherheit findet vor allem Ausdruck im Vertrauen in das Verhalten der technischen Systeme sowie im Verhalten der Menschen und Unternehmen, die sie bauen und bedienen. Diese Fragen in ihrer Gesamtheit führen dazu, dass man von der Infrastruktur des Vertrauens in dem Sinne spricht, wie der Nutzer sicher sein kann, die von ihm aufgestellten Regeln beim Zugang zu seinen Daten werden strikt eingehalten, die Integrität seiner Prozesse ist gewährleistet, kurz gesagt, es droht ihm keine unvorhergesehene Verhaltensweise des Systems.
Identität und Sicherheit
Der Google-Chef, Eric Schmidt, hat zum Thema, welche Entwicklung das Internet in den kommenden Jahren nehmen sollte, erklärt: „Die einzige Vorgehensweise, dass es transparent arbeitet, besteht darin, der Anonymität ein Ende zu bereiten.“ Um seiner Meinung nach die Verpflichtung noch deutlicher zu machen, wie man die Internetnutzer individuell identifiziert, wurde er genauer: „Wir brauchen einen Dienst, der die Identität der Leute überprüft. Auf jeden Fall werden es die Regierungen bald einfordern.“ Diese Äußerungen haben ernsthaft diejenigen schockiert, die dachten, die Anonymität wäre eine der Hauptmerkmale des Webs, und es müsste so bleiben. Trotzdem schlug die amerikanische Regierung im Juni letzten Jahres eine einzige digitale – wenn auch nicht zwingende – Identität vor, wobei sie einräumte, dass die Anonymität für eine große Anzahl von Online-Operationen von Wert ist. Diese Anonymität liege im Besitz einer Chip-Karte, die in der Lage ist, den Fingerabdruck des Internetnutzers zu erkennen, der seine Identität über ein mit seinem Computer verbundenes Lesegerät offenbart, sobald er sich ins Internet einloggen würde. Es ist klar, dass sich bei einer solchen Initiative die Frage nach der Position Europas diesbezüglich stellt (1). Wozu solche Erklärungen? Die amerikanische Wirtschaft ist mehr als jede andere in Abhängigkeit vom Internet organisiert. Sie ist besonders abhängig geworden von der Funktionssicherheit des Netzes und vor allem vom Vertrauen, das es den Internet-Verbrauchern verspricht. Die Banken z. B. haben so vielen Filialen gekündigt und sie geschlossen, dass sie unmöglich die Kunden bedienen könnten, die Vertrauen in die Online-Bank verloren haben, wenn sie wieder am Schalter Schlange stehen würden. Die Branchen Tourismus (Online-Reiseveranstalter), Einzelhandel, Transportwesen (Lieferung ins Haus), um nur diese zu nennen, haben sich massiv in Abhängigkeit der Möglichkeiten des Netzes neu organisiert. Es müsste umso mehr Vertrauen erwecken, als sich die Revolution der nomadenhaften Informatik ankündigt, womit ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis zwischen Händler und Konsument noch notwendiger wird.
Rechner und IT-Zentralen
Die technologischen Fortschritte verändern gründlich die Bedingungen zur Programmsteuerung neuer wissenschaftlicher Rechner (HPC oder High Performance Computing) und werden uns hoffentlich aus der relativen Indifferenz gegenüber dem USA-Monopol herausholen. Vierzig Jahre lang haben einige amerikanische Nutzer, im Wesentlichen Atomlabors und Geheimdienste, in regelmäßigen Abständen Zielstellungen definiert und finanziert und die ersten Exemplare jeder neuen Superrechner-Generation eingesetzt, zunächst für wissenschaftliche Zwecke. Die jeweilige Generation wurde von dem einen oder anderen Unternehmen wie IBM, CDC, CRAY und HP konzipiert und entwickelt. Weitere Nutzer, zivile oder Büros in der ganzen Welt, kauften diese Geräte oft mit Verspätung oder unter dem Druck eines Embargos. Die Tatsache, dass die Spezifikationen von einem anderen definiert worden ist, störte uns nicht wirklich (nicht so im Fall des Embargos!), denn die Bedürfnisse hatten nun keine Nationalität.
Ganz anders verhält es sich, wenn die erreichbare Verarbeitungsleistung andere Nutzer als die üblichen dazu bringt, im Vorfeld tätig werden zu müssen oder zu wollen, vom Stadium der Spezifikationen an, sei es zur Verarbeitung von wissenschaftlichen Informationen oder Simulationen mit den nunmehr wesentlichen ökonomischen Konsequenzen (Biotechnologien, Nanotechnologien, Lebenswissenschaften usw.).
Was die „Wolke“ betrifft, werden die entsprechenden IT-Zentralen integrierter Maschinen sein, die auf Tausenden von parallel geschalteten Prozessoren gebaut sind, die superschnelle Speicher und Busse teilen, sowie Hochleistungs-Netzzugänge und eine komplette Peripherie. Diese Art von Architektur ähnelt der, wie sie für den Bau von HPC-Rechnern genutzt wird, welche zu wissenschaftlichen Rechenanwendungen bestimmt sind. Es gibt Erfahrungen, Kompetenzen, das Know-how und vielleicht Produkte, die sich HPC-Maschinen und IT-Zentralen teilen, wobei man die großen Unterschiede zwischen ihnen nicht außer Acht lassen darf, beispielsweise in punkto Speicherfragen.
Welche Zukunft haben die Bediener?
Die Telekommunikations-Bediener sind gefährdet, berücksichtigt man die Internet-Verwaltungsvorschriften. Sie schaffen es nicht, diejenigen richtig zu bezahlen, die für den Verkehr sorgen, und ihre Diversifikationsversuche in den Inhalten sind nicht gerade erfolgreich. So viel sei dazu gesagt: Wenn sie auf diesem Weg weitergehen, wird eine „Kollision“ mit den IT-Lieferern nicht auszuschließen zu sein... Ein Beispiel der Bedrohung für die Bediener kommt von Apple, der mit dem Chipkartenspezialisten Gemalto eine Lösung entwickelt hat, um ein Telefon mit einer versiegelten SIM-Karte zu vertreiben. Er würde auf gewisse Weise virtueller mobiler Bediener und verkaufte Abonnements. Das ist das Katastrophen-Szenario für die Bediener. Der iPhone-Hersteller hat damit begonnen, seine Vision von ihrem Beruf bei ATT, Verizon, Deutsche Telekom, Telefonica und in Frankreich bei Orange, SFR, Bouygues Telecom vorzustellen. Für den Konzern Apple sind die Bediener kaum mehr als Instandhaltungschefs für ein Netz von Rohren, flankiert von Bankern, die sein Telefon subventionieren könnten. Apple arbeitet seit einer gewissen Zeit mit dem französischen Spezialisten der Gemalto-Chipkarte daran, seine eigene SIM-Karte in den Griff zu bekommen, die versiegelt in jedem Telefon steckt. Es würde sich um einen ersten Schritt in Richtung völlig softwarisierte SIM-Karte handeln, die nicht mit einem Chip hergestellt wurde, der ebenfalls einen Blitzspeicher enthält, um das Telefon auf dem Netz des Bedieners zu aktivieren, und ein ROM-Teil, das die mit der Sicherheit und Vernetzbarkeit verbundenen Informationen speichert. Apple könnte so über Informationen verfügen wie Pauschalart, Kommunikationsaufstellung u. a.
Eine Herausforderung für Europa und Frankreich
Wir bedauern, dass Europa es nicht verstanden hat, einen bedeutenden Platz in der Internet-Wirtschaft einzunehmen, und stattdessen den Vereinigten Staaten das Quasi-Monopol der Software-Domäne (Microsoft, Google, IBM u. a.) überließ und das Monopol der Bauteile und Hardware (IBM, Intel, HP, Toshiba u. a.) den Vereinigten Staaten und Asien. Die Auswirkungen können wir heute an unserer Außenhandelsbilanz sowie den Steuereinnahmen unseres Staates ablesen! So kann eine demnächst auf den Markt kommende neue Generation der Internetwelt eine neue Chance bedeuten für Europa und Frankreich.
Nehmen wir das Beispiel der strategischen Domäne der Großrechner. Wie wir weiter oben festgestellt haben, greifen die Nutzer immer mehr im Vorfeld in ihre Definition ein. Können wir es uns denn in Europa leisten, die Kapazität zu verspielen, auf unsere Zielstellungen eingerichtete IT-Architekturen zu entwerfen und damit auf die entsprechenden Mittel und Industrie zu verzichten? Unsere Bedürfnisse sind zumeist die gleichen wie die unserer amerikanischen und asiatischen Partner, die auch unsere Konkurrenten sind, doch unsere Prioritäten, unsere Auswahlmöglichkeiten, unsere Investitionen usw. können verschieden sein und werden es auch sein, außer wenn unsere Entscheidungen vorab durch Mittel der von anderen definierten Datenverarbeitung bestimmt wurden, die so ihre Prioritäten, ihre Wahl und ihre eigenen Investitionen vorgegeben haben. So wird das Festhalten an einer Kompetenz auf hohem Niveau in Sachen IT-Architektur, die Freiheit bei der Konzeption, zu einer notwendigen Voraussetzung für die Entwicklung eines sehr wichtigen Teils unserer Wirtschaft von morgen. Doch der Weg dahin ist schmal, denn es geht nicht darum, katastrophale „Rechenpläne“ wieder aufzulegen, auch nicht um die Schaffung neuer Monopole oder um den Verzicht auf den freien Wettbewerb (unter der Voraussetzung, dass er sich die Waage hält), sondern darum, das vernünftige Überleben von Kompetenzen im Dienste der französischen, deutschen und europäischen Wirtschaft zu sichern, wobei es uns möglich sein sollte, Akteure und nicht Unterlegene zu bleiben.
Dringend ist, und sei es nur aus den zwei Gründen, nämlich der wahrscheinlichen Weiterentwicklung der Informationswelt (Internet) und der zunehmenden Bedeutung des Hochleistungsrechnens in den großen Bereichen unserer zukünftigen Wirtschaft (Biotechnologien, Nanotechnologien, Lebenswissenschaften usw.), dass eine kohärente Politik für die Großrechner festgelegt und umgesetzt wird (nach Bedarf, Kompetenzen, Programmen und Industrie). Der finanzielle Aufwand ist sicher nicht zu vernachlässigen, doch er läuft ohne gemeinsame Maßnahme mit den wirtschaftlichen Einsätzen, für die er einer der Schlüssel ist. Diese Herausforderung ist realistisch. Bull und die CEA/DAM konnten vor nicht allzu langer Zeit mit dem Rechner Tera 10 von der CEA im Jahr 2005 und im Oktober des vergangenen Jahres mit Tera 100 (1,05 Petaflops) unter Beweis stellen, dass Frankreich bestimmte Kompetenzen in der IT-Architektur behalten hat. Wir haben da eins der Werkzeuge, die Frankreich, und noch allgemeiner gesehen, Europa so sehr brauchen: ein Hebel, ein Multiplikator wirtschaftlicher Kräfte.
Die Entwicklung der „Wolke“ ist in der Tat ein bedeutender Beitrag zum Wirtschaftsplan. Einer kürzlich in Großbritannien erstellten Studie zufolge werden die aus der Umsetzung des „Wolken“-Konzepts 2015 generierten Einnahmen in den ersten fünf europäischen Wirtschaften auf 177 Milliarden Euro geschätzt, davon bekommt Frankreich mehr als 37! Sind wir in der Lage, diese Chance zu nutzen, d. h. unsere Industrie genügend gut zu entwickeln, dass sie einer solchen Nachfrage gewachsen ist und von der Explosion des entsprechenden Weltmarktes profitieren kann, zieht man die heute amerikanische und morgen die chinesische Konkurrenz in Betracht? Bleiben wir dagegen einfache Verbraucher des neuen Internets, wie wir es beim alten sind? (2)
Schlussfolgerungen
Wir werden Zeugen einer Revolution der Internet-Wirtschaft. Alle Akteure sind betroffen und ganz besonders die traditionellen Akteure, die sich anpassen müssen. Der Nutzer wird seine Investitions- und Instandhaltungsbudgets in reduzierte Betriebskosten umwandeln müssen, und die Entmaterialisierung seiner EDV-Anlage wird eine sichtbare Demonstration der Informationsgesellschaft werden. Der IT-Konstrukteur wird eine radikale Marktveränderung erleiden, sein Kunde wird zum Infrastrukturintegrator, der die Fabrik des Bedieners baut. Der Konstrukteur gerät in die große Versuchung, den Marktrückgang an Umfang und Kundenzahl durch ein breiteres Angebot zu kompensieren, indem er z. B. Integrator wird und, wenn die Investitionskapazität es erlaubt, Operator. Der Software-Herausgeber wird zum Lieferer von Dienstleistungen. Seine Einnahmen ergeben sich nicht mehr aus dem Geschick, neue Software-Versionen zu verkaufen, sondern aus der Kunst, die Treue der Teilnehmer zu gewinnen.
Was wird Europa tun? Europa hat den ersten Internet-Zug verpasst, der zweite wird kommen, den sollten wir nehmen! Er fährt in die Zukunft mit unseren IT-Dienstleistungsunternehmen, unseren Bedienern und, noch allgemeiner gesehen, mit einem ansehnlichen Teil unserer Wirtschaft von morgen. Wenn Frankreich, Deutschland und Europa es wollen, dann haben sie die industriellen Kapazitäten und die finanziellen Mittel, um in dieser Entwicklung Akteure zu sein: Wir haben wieder Fuß gefasst in der IT-Architektur, wir sind sehr gut platziert, was Konzepte und Einsatz der freien Software-Programme, den Informationsschutz, die Datenspeicherung u. a. betrifft. Doch sollte man nicht zu viel erwarten, denn insbesondere die Vereinigten Staaten treffen ihre Vorbereitungen: Verträge des Pentagons mit IBM und CRAY, IBMs Loslösung von der Computer-Industrie, Microsofts und Googles Annäherung an die Welt der freien Sprache Linux, Aufkommen der ersten großen IT-Zentralen (Google...) usw. Was China anlangt, ist es klar, es hat seinen Einsatz und seine Anstrengungen unternommen. So sollten uns die Großrechner (ein chinesischer Rechner ist seit November auf Platz 1 unter den „Top 500“), die Mikroprozessoren u. a. doch wachrütteln!
Henri Conze
(1) Würden diese Initiativen in die Tat umgesetzt, wie sollte man da nicht beunruhigt sein angesichts der Vielzahl von Organisationen, die im Namen des Respekts vor dem Privatleben, das natürlich gewahrt sein muss, bei uns Hindernisse vor dem Entstehen von Sicherheitslösungen aufbauen, die ausländische Bediener vorbehaltlos anbieten werden? In allgemeiner Hinsicht ist klar, dass die „Wolke“ auch die grenzenlose IT-Macht ist. Die Lieferer werden sich dorthin begeben, wo die Vorschriften- und Steuerzwänge am geringsten sind, wobei das Internet ihnen bei jedem Tatbestand Zugang zu den Kunden sichert. Es ist kein Zufall, dass sich die ersten virtuellen Büro-Service-Center von IBM und Microsoft für den europäischen Markt in Irland befinden! (2) Wie sollte man nicht beunruhigt sein angesichts dieses eminent strategischen Themas über die Stellungnahme der mit der Digitalen Agenda beauftragten Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, die, auf Datenschutz bestehend, möchte, dass Europa angeregt wird, als Verbraucher der „Wolke“ einzusteigen. Neelie Kroes hebt die Notwendigkeit hervor, dass ein europäischer Raum für freien Datenverkehr geschaffen werde müsse und dabei „die Umsetzung der Richtlinie für Datenschutz“ in Einklang zu bringen sei, um so „die Barrieren zu den Bestimmungen des einheitlichen Markts“ zu umgehen, vor allem indem eine Reihe von Vorschriften definiert werden, die für das Cloud Computing günstig sind: „Das könnten einfachere, besser abgestimmte Maßnahmen bedeuten, beispielsweise die Standardisierung von Anmeldeformularen. Wir möchten auch Initiativen der Selbstregulierung anregen, so Verhaltens- oder Praxiscodes wie die Binding corporate rules, die es für internationale Datentransfers gibt. Nur so können die Unternehmen ihre Kunden wirksam schützen und bedienen.“ Neelie Kroes wehrt ab, Schutzmaßnahmen einsetzen zu wollen, die die europäischen Akteure gegenüber den amerikanischen Riesen wie Google oder Microsoft begünstigen könnten, welche sich nach und nach in Europa auf dem Cloud-Computing-Markt festsetzen. Der Einsatz besteht ihrer Meinung nach darin, Bedingungen für das Vertrauen der europäischen Verbraucher in die „Wolke“ zu schaffen, damit sich die Technologie voll und ganz entwickeln kann und ihr Wirtschaftspotenzial freigesetzt wird.
(Übersetzung des Artikels ins Deutsch von Johanna Brunne)
▪ China wird zu teuer für die Welt
Das ehemalige Billiglohnland China ist erwachsen geworden - und teuer. Die boomende Wirtschaft hat vielen Millionen Chinesen zu einem bescheidenen Wohlstand verholfen. Und damit werden sie anspruchsvoller. Arbeiter stellen immer höhere Lohnforderungen, die sie auch immer häufiger durchsetzen - mit Folgen für den Standort. Denn steigende Personalkosten und Steuern vertreiben die ersten Konzerne aus China. Mehr als jedes fünfte europäische Unternehmen in China denkt an eine Abwanderung in andere Länder.
Standort China wird immer unattraktiver
Am Dienstag veröffentlichte die Europäische Handelskammer in China eine Umfrage unter ihren dortigen Mitgleidern, die die Führung in Peking aufschrecken sollte. Denn nach den aktuellen Zahlen planen immer mehr europäische Konzerne die Flucht aus China. Das Land verliere zunehmend an Attraktivität. "Wenn eins von fünf Unternehmen erwägt, das Land zu verlassen, würde ich das als ziemlich alarmierend betrachten", sagte EU-Kammerpräsident Davide Cucino vor Journalisten.
Bürokratie, steigende Kosten und Marktbarrieren vermiesen den Unternehmen das Geschäft, so die Ergebnisse der Umfrage. Ähnliche Zahlen kommen aus Hongkong: Einer Umfrage eines dortigen Unternehmerverbands zufolge wollen zwei von fünf Mitgliedern ihre Produktion im Perflussdelta einstellen.
Investitionen in andere Länder verlagern
In der Umfrage hatten 22 Prozent der Unternehmen angegeben, wegen der Unsicherheiten im Umgang mit Behörden, der zweideutigen Auslegung von Gesetzen und Vorschriften sowie der steigenden Arbeitskosten in China darüber nachzudenken, ihre Investitionen in andere Länder zu verlagern. In der Textilindustrie laufen Länder wie Bangladesch oder Kambodscha China den Rang als Billiglohnland ab - und ziehen Neuinvestitionen an.
Jede zweite Firma beklagte, wegen behördlicher Gängelung interessante Geschäftsmöglichkeiten verpasst zu haben. Den Unternehmen entging so ein "extrem großer Betrag" in mehrfacher Milliardenhöhe, schilderte eine Quelle in der EU-Kammer der dpa. Daneben belegte die Studie, dass China die eigene Industrie durch protektionistische Mittel gegen ausländische Konkurrenz schütze und keineswegs ein fairer Wettbewerb auf offenen Märkten stattfinde.
China ist strategisch immer wichtiger
Die Unternehmen gaben allerdings an, dass China ein immer wichtigerer strategischer Markt sei. Die Rahmenbedingungen verschlechtern sich aber zunehmend. Vor Jahren zogen die billigen Löhne noch massenhaft Unternehmen in das Reich der Mitte. Doch diese Zeiten sind vorbei. Denn die Löhne steigen rasant. Bei Foxconn, das für Apple iPhone, iPad und Co. herstellt, stiegen die Einkommen im vergangenen Jahr um bis zu einem Viertel.
Chinas Arbeitskraft ist begrenzt
Damit werden Chinas Bürger immer anspruchsvoller und fordern ihren Teil des Aufschwungs ein. Da die dortige Arbeitskraft trotz der Milliardenbevölkerung begrenzt ist und Unternehmen händeringend um neue Arbeitskräfte buhlen, können die potenziellen Angestellten höhere Löhne durchsetzen. Damit wird der Standort teuer. Die Aufwertung des Renminbi erhöht zudem die Preise für Exporte. (29.05.2012, t-online.de)
▪ Eurokrise: Merkel drang auf Griechen-Pleite
Aber heute noch nach der Bildung einer neuen Regierung?
Macht ein radikaler Schuldenschnitt Griechenlands Sinn? Die Bundesregierung hält eine Insolvenz des Landes auf Dauer für unvermeidbar, heißt es in mehreren Quellen. Frankreich steht der Idee offenbar noch skeptisch gegenüber. Die Idee einer „geordneten Insolvenz“ für Griechenland war Mitte September vom deutschen Finanzminister und Vize-Kanzler, dem Liberalen Philipp Rösler, formuliert worden. Damals hatten sich die Kanzlerin und der Finanzminister Wolfgang Schäuble von ihm distanziert. Rösler meinte, es gäbe „keine Denkverbote“. Aber die deutsche Regierung und in größerem Masse die französische gaukelten der Öffentlichkeit vor, es reiche, den Griechen mit Kredithilfen Zeit für eine Sanierung der Staatsfinanzen zu kaufen. Aber diese Annahme war so unglaubwürdig, dass trotz immer mehr Kreditprogramme keine Ruhe mehr einkehrte.
War die damalige Stellungnahme von Rösler mit Frau Merkel abgesprochen? Damit die Öffentlichkeit, sich allmählich damit vertraut macht, dass Griechenland uns noch mehr als geplant kosten wird? Wenn aber an einem Körper der Wundbrand nagt, dann muss man das kranke Glied amputieren. Freilich, die Eurozone würde nach der Verlegung Griechenlands in Quarantäne nicht mehr die Festung sein, die uns vor den Weltstürmen schützte. Aber ganz im Gegenteil zur landläufigen Meinung, dass der Austritt Griechenlands Euroland schaden würde, denken wir, dass die Märkte vor einer Eurozone ohne den „kranken Mann an der Ägäis“ mehr Respekt hätten. Ein Problem ist die Durchführung einer kontrollierten Insolvenz: Ein festgelegtes, planmäßiges Verfahren gab es nicht. Insofern war das Wort „geordnet“ von Rösler ebenfalls Augenwischerei. Inzwischen haben die Experten Verfahrensweisen entwickelt, wie man die griechischen Schulden teilen und strecken könnte, damit die internationalen und nationalen Finanznetze nicht zu massiv leiden.
Die Menschen und vor allem die Steuerzahler unter den Menschen sind nicht so dumm. Sie verstehen, dass ein Land wie Griechenland, das jetzt mindestens und steigend 5 Prozent ihres BIP jährlich verliert und eine kumulierte Schuld von mehr als eineinhalb Mal sein Nationalvermögen aufweist, nie zurückzahlen wird. Warum also immer mehr Geld von den Steuerzahlern in dieses Fass ohne Boden werfen? Lieber Griechenland für Bankrott erklären und einen Schlussstrich ziehen. Darunter werden die Banken leiden Natürlich müssen sie blechen! Natürlich sind sie extrem unpopulär geworden, zumal sie nicht in der Lage sind, Selbstdisziplin zu üben. Aber nüchtern betrachtet, ohne Banken gibt es keine Industrie, kein Handwerk und keine Sparer. Man schätzt die Verluste auf ca. 20 Milliarden Euro für die deutschen und französischen Banken. Hinzukommen ca. 30 Milliarden für die ganz privaten Griechenland-Investoren. Aber diese 50 Milliarden sind verkraftbar, wenn die Banken genug Eigenkapital besitzen. Sie müssen nur genug Zeit haben, ihre Kassen zu füllen und ihre Bücher nachzurechnen. Allerdings könnten im Nachhinein die europäischen Unternehmen darunter leide, denn die blutenden Kreditinstitute werden sehr viel zurückhaltender werden. Die europäische Industrie und der Handel werden könnten wohl ca. 600 Milliarden Finanzierungen aller Art verlieren.
Damit ist eine andere Gefahr nicht gebannt, und zwar die einer Ansteckung anderer, größerer Staaten wie Spanien und Italien. Die Aufgabe der Europäer muss es jetzt sein zu verhindern, dass die griechische Seuche sich verbreitet. Es geht nur, wenn die deutschen und französischen Banken mehr eigenes Geld haben, womit sie einer schweren Erschütterung widerstehen könnten. Sie müssen schneller und umfangreicher als nach Beschlüssen von Basel III
▪ Der „Frankenstein-Schnitzel“
▪ Kommt das elektroauto der Ära Kohl wieder?
Die von Berlin neu
erweckte Begeisterung für Elektroautos lässt ein Déja-vu-Gefühl aufkom-men:
Da war doch schon mal was ? In der Tat führte zwischen 1992 und 1995 die
damalige Regierung – begeistert befürwortet durch Forschungsminister
Heinz Riesenhuber und Umweltministerin Angela Merkel einen großen
Feldtest für Elektroautos auf Rügen durch. Und der damalige
Innenminister Manfred Kanther formulierte forsch das Ziel, mindestens 10
Prozent aller neu zugelassenen KFZ sollten schon im Ziel-Jahr 2000
Elektroautos sein. Es kam schrecklich und natürlich ganz anders.
Die weitgehend auf Erinnerungsschwäche beruhende neue Begeisterung für
das alte Thema ignoriert weiterhin das Fehlen zuverlässiger und
kostengünstiger Antriebsbatterien. Das ist seit etwa 100 Jahren der Fall,
als sofort nach der Erfindung des Automobils auch der Elektroantrieb
begann. Nach einigen Jahren hängte jedoch der Verbrennungsmotor, der
seine Energie aus den mit Abstand besten Speichern holt – das sind
flüssige Kohlenwasserstoffe - den E-Antrieb hoffnungslos ab. Seither
arbeiten Generationen von Experten der physikalischen Chemie an der
Verbesserung von Akkumulatoren.
Doch die heutige erstaunliche Weiterentwicklung von Diesel- und
Benzinmotoren hält den Vorsprung aufrecht. Man rechnet in wenigen Jahren
mit einem Diesel der Golfklasse, der nur drei Liter pro 100 km braucht.
// Wenn man die in 100 Jahren erfolgten gewaltigen Investitionen an
Geist und Kapital in die Batterietechnik in Betracht zieht, wird klar,
dass mit einem sensationellen Durchbruch bei Lebensdauer,
Kältefestigkeit und Preis innerhalb weniger Jahre nicht zu rechnen ist.
Soeben haben TÜV-Experten bewiesen, dass E-Autos durch lange Kälte auf
halbe Batterie-leistung abstürzten. Dennoch: Medienwirksame E-Auto-Aktivitäten
der KFZ-Industrie be-halten die Aufgabe, umweltfreundlich zu wirken.
Kritische Stimmen stören und werden kaum gedruckt. Doch ein Experte wie
Franz Fehrenbach, Chef der Bosch-Geschäftsführung, warnte, dass bis zu
einer breiten Elektrifizierung "noch viel Zeit vergehen" werde und dass
"alle, die etwas anderes behaupten, entweder den Stand der Technik nicht
kennen oder verantwortungslos handeln.“ Und weiter: "Selbst noch 2015
müssen wir für einen Elektro-Golf voraussichtlich mit 8000 bis 12000
Euro allein für die Batterie rechnen.“ Damit würde allein eine solche
Lithium-Ionen-Batterie, die gerade einmal für eine 200 km-Reichweite gut
sein könnte, mehr als ein Kleinwagen kosten und sie würde dazu, wie
Bernd Bohr, ebenfalls Robert Bosch GmbH, betonte, "250 kg schwer sein.“
Und Christoph Huss von der VDI-Gesellschaft Fahrzeug- und
Verkehrstechnik betonte, wir dürften "nicht vergessen ... dass die
technisch-physikalischen Grenzen elektrochemischer Energiespeicher nicht
durch politische Sonntagsreden außer Kraft gesetzt werden können.“ Doch
die Berliner Regierung verabschiedete einen "Nationalen Entwicklungsplan
Elektromo-bilität“, der neben vernünftiger Forschungsförderung die
finanziell katastrophalste und unwirksamste aller staatlichen
Technikförderungen wiederholt, nämlich ein Markt-Anreiz-programm mit
Zuschüssen für den Kauf noch unbrauchbarer Technik, an dem sich auch
ausländische Billighersteller bereichern könnten, wie bei der
Photovoltaik-Förderung nach dem EEG. 2020 soll es abermals eine Million
E-Fahrzeuge geben - Pleitier Kanther lässt grüßen. Nichts beschreibt das
Unvermögen der Planer besser als die neue Selbsttäuschung. Die Rache der
Physik wird kommen. Und wieder bluten die Steuerzahler. Warum beschreibe
ich den Vorgang eingehend? Weil der Leser aus den genannten Daten mit
einer einfachen Rechnung das Scheitern der Pläne vorher-sagen kann:
Der Golf wird bereits um 2015 mit 1 kg bzw. 1 Liter Diesel 33 km weit
fahren können. Das E-Auto mit dem Strom aus einem teuren Kilo
Batteriegewicht aber nur 800 Meter. Das ist der Faktor 42. Im Winter ist
die Dieselheizung gratis; im E-Auto sänke die ohnehin geringe Reichweite
um mindestens ein Drittel. Da sind auch Stromkosten kein Trost: Selbst
bei größter Subventionierung wird kaum jemand ein solches Vehikel
freiwillig kaufen. Der konventionelle PKW besitzt also weiterhin einen
uneinholbaren Vorsprung, und er wird bei Betankung mit Biosprit der 2.
Generation sogar noch zu einem echten Umweltmobil.
In der ferneren Zukunft wird auch die zurückgehende Ölförderung dem
klassischen Verbrennungsmotor nicht schaden, da nach 2040 zunehmend
synthetisches Benzin auf dem Markt sein wird, - produziert mit Hilfe der
dann einsatzbereiten Hochtemperatur-Kernreaktoren (HTR), mit deren
Prozesswärme Wasserstoff billig durch thermische Wasserspaltung erzeugt
und in Kohle-Hydrierwerken zu Benzin umgewandelt wird. Diese geniale
deutsche Erfindung ("Reaktoren der 3. Generation") ist jedoch durch
deutsche Regierungen, z.B. in NRW, nach erfolgreicher Entwicklung
eingemottet worden und wird jetzt in China und Japan zur Marktreife
gebracht. Der deutsche Atom-Ausstieg garantiert, dass der beschriebene
Sprit hier-zulande nicht hergestellt werden darf.
Es gibt eben immer wieder deutsche Technologie-Entwick-lungen, die erst
gefördert, erfolgreich entwickelt, dann ver-hindert und schließlich der
internationalen Konkurrenz überlassen werden - vom Transrapid bis zu Bau
moderner Kernkraftwerke, der vor allem Frankreich weltweit immer mehr
neue Aufträge bringt. Im Augenblick etwa dreißig.
ERGÄNZUNGEN zum vorstehenden Text:
@ Inzwischen gibt es Warnungen vor dem E-Auto-Optimismus auch in zwei
renommierten deutschen Auto-Magazinen, im Fernsehen und in THs, die mit
dem TÜV kooperieren. Inter-essant die Planung Israels: E-Autos sollen
sein, aber gesetzlich in Mini-Territorien stationiert werden, wo sie nur
bis 100 km maximal täglich fahren. Außerdem plant Israel dazu mehr als
eine halbe Million E-Tankstellen. Der LKW-Verkehr soll dagegen mit
Diesel laufen.
@ Die Deutsche Reichspost unterhielt schon vor dem Krieg Elektro-Paketpost-Lastwa-gen,
die innerstädtisch maximal 40 km tgl. fuhren und nachts mit verbilligtem
Strom (durch NS-Planwirtschaft) aufgetankt wurden. Heute wird erwogen,
Busse mittlerer Größe ähnlich einzusetzen. Bisher gelten sie aber als "praktisch
unbezahlbar".
@ Der süddeutsche Motorenbauer Tognum hat Ende 2010 seine Arbeit für die
Entwicklung von Brennstoffzellen eingestellt: "Serienfertigung nicht
rentabel möglich". Er folgt damit FORD und BMW. 60 Millionen € wurden
bei Tognum in den Sand gesetzt. Interessant: Doch grüne Mitglieder der
IG Metall protestierten und glauben weiter an "Öko-Motoren".
@ Der SPIEGEL (2/2011) hat veröffentlicht, dass der ADAC (17 Mio
Mitglieder) den Toyota Auris 1,8 Hybrid (3.8 Liter/100 km) zum "Auto der
Zukunft" ernennt, ausgesucht aus 431 Autos, die keine erste
Qualifikationshürde nahmen. Sämtliche schon existierenden E-Autos
scheiterten schließlich an zentralen Akzeptanz-Kriterien. - Der gleiche
ADAC veröffent-lichte in seiner "Motorwelt" die These "Die Zeit drängt"
und hofft, dass das von der Bun-desregierung erhoffte E-Auto in zwei
Jahren läuft. Mit einer Million Stück (abermals...), meint
Umweltminister Norbert Röttgen. Berlin fördert in acht Projekt-Regionen
Modell-Versuche mit zusammen 190 Mio €
Von Dr. Ing. Günter Keil, Bonn (gestraffter Auszug aus "Der Fluch der Technik" in NOVO-Argumente)
▪ „Containern“: ein 28-Jähriger lebt mit seiner Familie ohne Geld
Für die meisten Menschen ist es eine Horrorvorstellung: kein Geld zu haben. Doch Raphael Fellmer kommt ganz gut zurecht. Der 28-Jährige aus Kleinmachnow bei Berlin lebt im Alltag ohne Geld. Sein Ratschlag für eine stabilere Weltordnung: "Wir sollten das Geld ganz weglassen."
Fellmer gilt als Anführer der Leben-ohne-Geld-Bewegung, die immer populärer wird. Deren Anhänger ernähren sich hauptsächlich vom sogenannten Containern: Sie fischen weggeworfene Lebensmittel aus Mülltonnen, vorzugsweise aus Abfällen von Bioläden. Im Internet haben sich mittlerweile Foren gegründet, in denen sich Anhänger über richtige Ausrüstung und Gesundheitsrisiken beim Containern austauschen. Sogar Rezepte werden hin- und hergereicht.
Gemüse, Joghurt, Tofu - Fellmer hat auf seinem jüngsten Beutezug wieder einiges aufgelesen. Rechtlich ist das Wühlen in fremden Abfalltonnen Diebstahl, Fellmer spricht dagegen von "Retten". Er nimmt sich Lebensmittel, die als verdorben gelten und sonst vernichtet würden. Damit könne er nicht nur sich, sondern auch seine Freundin und die fünf Monate alte Tochter ernähren.
"Hier zum Beispiel", sagt er und zeigt ein Paket fair gehandelten Hochlandkaffees. "Nur ein paar Tage abgelaufen. Das ist ein Schlag ins Gesicht der Menschen, die sich tagelang dafür abgerackert haben."
Der Containerer Raphael Fellmer will den Treibstoff des Kapitalismus boykottieren
Die Leben-ohne-Geld-Aktivisten sind der Occupy-Bewegung quasi einen Schritt voraus: Sie zelten nicht bloß vor Banken, um gegen das System zu protestieren. Sie boykottieren es, indem sie seinen "Treibstoff" nicht mehr verwenden: Geld. Dabei müsste Fellmer nicht von Müll leben. Er stammt aus einer Akademikerfamilie im bürgerlichen Berlin-Zehlendorf, sein Vater ist Architekt, die Mutter Kunsttherapeutin. Fellmer selbst hat in Den Haag ein Europa-Studium absolviert.
Statt für Lohn arbeitet der 28-Jährige aber lieber für seine Ideale. Er reist quer durch Deutschland und hält Vorträge. Auto fährt er meist per Anhalter. "In den meisten Autos in Deutschland sitzt doch eh immer nur einer drin", sagt er. Kritiker seiner Lebensweise nennen ihn allerdings oft einen "Schnorrer".
"Wir müssen schrumpfen"
Dabei will Fellmer nicht weniger als die Welt retten. "Es geht um die Ressourcen auf dieser Erde insgesamt", sagt er und meint damit auch Wasser, Energie und saubere Luft zum Atmen. Die Meere seien überfischt, die Böden ausgelaugt - die Wirtschaft solle aber weiter wachsen, am besten zweistellig. "Dabei müssen wir uns zu einer Schrumpfungsgesellschaft entwickeln. Wir sind sieben Milliarden Menschen, wir haben nur diese eine Erde", mahnt Fellmer.
Vor kurzem reiste er bis nach Freiburg im Breisgau, um dort auf Einladung einer Waldorfschule zu referieren. Die Konferenz der Oberstufenlehrer habe Fellmers Vortrag als "pädagogischen Glücksfall" gewertet, berichtet Klassenlehrer Hans Hubert Schwizler. "Raphael verstand es, den Schülern - ob diese nun seinem Lebensentwurf zustimmen mochten oder nicht - deutlich zu machen, dass man die eigenen Ideale durchaus leben kann."
Familie ist krankenversichert
Ganz ohne den deutschen Sozialstaat kommt aber auch Idealist Fellmer nicht aus: Aus Sorge um Tochter Alma Lucia ist die Familie zumindest gesetzlich krankenversichert, die Kosten würden durch das staatliche Kindergeld beglichen, sagt Fellmer. "Wenn wirklich mal etwas passieren sollte, ist so alles in trockenen Tüchern."
Containern ist nicht ganz neu
Die Bewegung des Containerns - ihre Anhänger nennen sich auch Mülltaucher - entstand Mitte der 90er Jahre in den USA. In Städten wie New York gab es dort sogar eigene "Trash Tours", Container-Führungen für Neulinge in dieser Szene.
Rechtlich ist das Containern hierzulande heikel: Seine Anhänger können wegen Hausfriedensbruchs oder gar Diebstahls belangt werden. Selbst Abfall hat juristisch einen Eigentümer, auch wenn derartige Verfahren oft wegen Geringfügigkeit eingestellt werden.
"Keks-Prozess" um Containerer in Lüneburg
Aktuell sorgt ein Fall in Lüneburg für Schlagzeilen. Im sogenannten "Keks-Prozess" steht dort ein 52-Jähriger vor Gericht, weil er abgelaufene Kekse aus dem Container einer Konditorei geholt hatte. Dazu war er über einen Zaun geklettert und vom Wachpersonal gestellt worden.
Die Firma hatte ihn zunächst wegen Hausfriedensbruchs angezeigt - der Mann wurde zu 125 Euro Geldstrafe verurteilt. Bei der Berufung vor dem Landgericht hielt die Konditorei nicht mehr an der Anzeige fest, da kein Schaden entstanden sei. Doch die Staatsanwaltschaft will nicht lockerlassen. Für das Verfahren sind noch weitere fünf Verhandlungstage im Februar und März angesetzt. 22.Februar 2012 (T-online).
Reaktionen von Lesern:
“Rita” schrieb: Es ist ja schön, wenn der Mann ohne Geld auskommt. Allerdings funktioniert sein Modell nur, weil die, die Geld verdienen und ausgeben auch Lebensmittel kaufen und dadurch auch diese in der Tonne landen. Sein Konzept funktioniert also nur, weil es noch Geld gibt. - “Recht Fertiger” schrieb: Containern? Finde ich absolut in Ordnung was er da macht. Er hält uns auch mal ordentlich den Spiegel vors Gesicht. Was ist aus uns geworden ? Wir alle sind ja die Schmarotzer, wir kriegen den Hals nicht voll genug. Hauptsache "ich". Was die anderen machen ist egal und geht mich nichts an. Wir sind alle zu grossen Egoisten geworden und gönnen niemandem mehr etwas. Wir kaufen, obwohl wir es nicht brauchen, und werfen es weg. Aber hauptsache "ich" ! - Nordlicht schrieb zum Staatsanwalt in Lüneburg: In Lüneburg gibt es wirklich solch penetrante Staatsanwälte. Da kann man sich mit solchen Kleinigkeiten richtig gut profilieren! Da war einer, der wollte mir den Führerschein abgreifen, wg. Raserei und son Kram. Habe aber null Punkte und nix mit Falschparken am Hut. Der ist dann beim Richter auch gegen die Wand gelaufen. Hinterher war der Typ aber Oberstaatsanwalt und hat die Ermittlungen im Eschede ICE Unglück geleitet. So macht man da Karriere in Lüneburg. – Eurbag Magazin schreibt dazu: “Leben ohne Geld? Provokativ und faulheitsfördernd. Aber ein schlimmer Rückschritt. Wann ist das erste Geld, vielleicht als seltene Muschelschalen, als kostbare Perlen, dann als Gold und Metall, kurz als Symbol zum Tausch von Waren und Dienstleistungen erfunden worden? Archäologen rätseln darüber. Jedenfalls kann sich keine Wirtschaft, ja keine Kultur ohne Geld oder Geldäquivalent entwickeln und die Menschen würden es als eine Ungerechtigkeit empfinden, wenn sie für ihre Arbeit, ihre Ideen, ihr Talent mit Grimassen statt mit barer Müinze bezahlt würden. Es ist klar, dass wir zu viel Nahrung verschwenden. Wir hassen die Kunden die im Restaurant einen vollen Teller bestellen, davon nur zwei Häppchen essen und den Rest für die Mülltonne zurückgeben. In manchen Kreisen gilt das als Schick! Dagegen müsste man was tun, denn es ist der Gipfel der Wegwerfgesellschaft. Aber Geld ist eine der grössen Erfindungen in der ”Menschwerdung des Affen”, wie ein Autor, den Herr Fellmer vielleicht schätzt, formuliert hat”.
UNTERNEHMEN
▪ Dassault Aviation ist wieder im Aufstieg
Drei Jahre lang hat die internationale Krise den Blick in die Zukunft versperrt. Die Sicht beginnt, sich wieder aufzuhellen
Die Jahrespressekonferenz des Generaldirektors von Dassault Aviation, Charles Edelstenne, ist zum Ritual geworden. Sie fängt immer um genau 9 Uhr zum Frühlingsbeginn an und sie findet auf einem am Ufer der Seine in Saint-Cloud bei Paris vor Anker stehenden Lastkahn am Fuße eines funkelnden Gebäudes, Hauptsitz des Unternehmens, statt. Trotz seiner 74 Jahre hat der Chef von Dassault Aviation jede Menge jugendliche Energie aufbewahrt. Er hatte seine ersten Schritte im Konzern im Jahre 1960 als Chefbuchhalter des Firmengründers Marcel Dassault gemacht. Als dessen Sohn Serge Dassault im Jahre 2000 die Altersgrenze erreichte, wurde er zu seinem Nachfolger an der Spitze der Industriegruppe. Normalerweise müsste er im Januar 2013 seinen Rentenanspruch geltend machen. " Es sei denn, dass man die Statuten ändert", schätzt einer seiner Mitarbeiter. Es ist nicht vorstellbar, dass ein Kämpfer wie Edelstenne seine Freizeit mit Fischangeln ausfüllt, selbst wenn der Ort seiner heutigen Ansprache sich dafür zu eignen scheint.
Diese Begegnung mit den Medien ist immer ein köstlicher Moment, weil der Chef des letzten Familienbetriebes der Flugzeugindutrie kein Blatt vor den Mund nimmt und mit Sarkasmus nicht spart, besonders gegenüber den Journalisten, die zu ihm und zu seinem Konzern nicht überaus freundlich gewesen sind. Er informiert sie, aber bei Bedarf stößt er mit ihnen frontal zusammen. So gratuliert er herzlichst an diesem schönen Morgen einem Kollegen der Zeitung « Sud-Ouest » (Bordeaux) zu seinem heutigen Artikel, der das Haus Dassault offensichtlich durch die Mühle gedreht hat – wohl im Zusammenhang mit der Weigerung des Unternehmens den Ansprüchen der Gewerkschaften statt zu geben. " Wir verstehen einander, nicht wahr? ", fügt Edelstenne mit einem Lächeln hinzu, aber seine Augen durchbohren den Kritiker wie Pfeile. Er tut, als ob er ihn mit Lob überschüttet, aber er hat ihm eine schallende Ohrfeige verpasst. Für alle Anwesenden eine klare Sache.
Besser als Mélenchon
In dieser Vorwahlperiode in Frankreich gingen die sozialen Unruhen nicht an Dassault vorbei. Die kommunistische Gewerkschaft CGT und ihre sozialistische Verbündete FO forderten vomUnternehmen 15 Prozent Lohnanstieg und unterstützten diese masslose Forderung mit Demonstrationen und wüsten Beschimpfungen an die Adresse der Firmenleitung. Worte “Nieten” und “Gangster” gehören bei Arbeitskämpfen zum klassischen Repertoire der französischen Gewerkschaften, die anders als in Deutschland nicht auf Verhandlung sondern auf Druck setzen. Der Generaldirektor unterstreicht, dass er vernünftige 2,8 Prozent Lohnaufbesserungen für die Belegschaften und 3,3 Prozent für die leitenden Angestellten vorschlägt. " 99 Prozent der Arbeitnehmer verdienen bei uns mehr als 2 800 Euro brutto monatlich, fügt er hinzu. Der Mindestlohn bei Dassault beträgt 2 552 Euro. Das ist besser als bei Jean-Luc Mélenchon, der eine Verbesserung des Mindestlohnes auf 1 700 € fordert. Aber sagen Sie ihm das nicht, er ist mir sympathisch und ich will ihm keine Wählerstimmen klauen!”. Mélenchon ist der extrem-linke, neo-kommunistische Politiker, der die Front de Gauche, dem Pendant zur deutschen Partei Die Linke, im französischen Wahlkampf führt.
Im Laufe der letzten drei Krisenjahre hat Edelstenne sein Schiff auf unruhiger See geführt. Keine leichte Sache! Er brauchte schon Mut und Durchhaltevermögen. Der Umsatz des Unternehmens ist im letzten Jahr von 4187 Millionen 2010 auf 3 305 Millionen Euro 2011 noch gesunken, d.h. ein 21prozentiger Rückgang unter dem Druck der Krise. Bis zum letzten Dezember war das Stammhaus also nicht aus dem Sturmtief heraus. Der Nettogewinn von Dassault ist 2011 auf 282 Millionen Euro um 29 % zurückgegangen, aber er ist letztendlich dank der Beteiligung der Konzerngruppe Thales an seinen Geschäften aus den roten Zahlen herausgekommen. Thales hat ihn auf 407 Millionen Euro, d.h. 10 Prozent zusätzlich, herauf gefördert. Der 8,5-prozentige Reingewinn, der dem Mutterhaus Dassault Aviation einen Minus von 0,9 Prozent beschert hätte, ist also dank der Elektronikfiliale Thales im Laufe des verflossenen Jahres zu einem Plus von 12,3 Prozent im Vergleich zu den 8,9 Prozent von 2010 geworden. Thales, das vor kurzer Zeit in Schwierigkeiten noch steckte, zieht also Dassault aufwärts und soll bald zum Rückgrat der französischen Verteidigungsindustrie werden. In diesem Zusammenhang erinnert Edelstenne daran, dass “Dassault einen auf fünf Jahre befristeten Zusammenarbeitsvertrag mit dem Staat hat. Aber, wenn der Staat die Diskussion wieder aufnehmen will, sind wir dazu bereit”.
Der Konzernchef wirft dann einen Blick auf die Lage auf dem Weltmarkt: " Das US-Geschäft ist ruhig und wird in dieser abwartenden Haltung bis zu den amerikanischen Präsidentschaftswahlen, Ende 2012, bleiben. Ruhe herrscht auch in Südeuropa. Der Markt erholt sich langsam in Nordeuropa und in Rußland. Dagegen geht es ihm in China und in Südamerika gut". Dassault plant, 65 Stück seines Zivilflugzeuges, der Falcon, 2012 auszuliefern. Das ist ein Lufthäppchen nach zwei schlechten Jahren. Die Bestellungen der Falcon, die 2007 212 Stück betrugen, waren 2008 auf 115 heruntergegangen, um 2009, infolge der Streichung bereits abgeschlossener Verträge, auf minus 163 zu fallen. Dieser Rückgang milderte sich 2010 auf minus 9 Maschinen, bis man im letzten Jahr mit 36 Festbestellungen das Tief überspringen konnte. Der Absatz im Bereich der Geschäftsflugzeugen steigt also wieder. Prognostiker kündigen an, dass der Weltmarkt in den nächsten zehn Jahren 10 000 neue Flugzeuge brauchen wird. “Das Problem, äußert Herr Edelstenne selbst-ironisch, besteht darin, dass keiner weiß, wann die nächsten zehn Jahre anfangen”.
Mit seinen vier Falcon-Flugzeugtypen wäre Dassault jedenfalls gut ausgestattet, um einem Aufschwung der Nachfrage mit Erfolg zu begegnen. Im Mai 2011 hatte er die Falcon 2000S, das Modell im unteren Bereich seiner Produktpalette, zum "bescheidenen" Preis von 25 Millionen Dollar pro Stück verkauft. Im oberen Bereich befindet sich die Falcon 7X, das Flaggschiff des Unternehmens. Man entwickelt aber jetzt die Falcon " SMS ", einen Superjet, dessen erster Flug für 2014 vorprogrammiert ist. Siebenundzwanzig Gesellschaften und ungefähr 500 Ingenieure arbeiten an diesem Zukunftmodell. Zur Zeit fertigt man die ersten Teile dieses Flugzeuges an. Die Erbauer dieser Zukunftsmaschine bleiben im Rahmen eines privaten Netzwerkes mit Sitz in Saint-Cloud miteinander digital verbunden. Ob es sich um die Falcon 7X oder um die zukünftige SMS handelt, wurde und wird die Projekt- und Baufinanzierung hundertprozentig von Dassault gesichert, unterstreicht der Redner. Charles Edelstenne will offensichtlich einer landläufigen Vorstellung widersprechen, und zwar, dass Dassault ein Schützling des Staates sei: " Es gehört nicht zu meinen Gewohnheiten, der französischen Regierung auf der Tasche zu liegen ", betont er, nicht ohne Stolz.
Nichtsdestotrotz kann man als sicher betrachten, dass Dassault die Krise weniger gut überstanden hätte, wenn der Jagdbomber Rafale die Rentabilität des Unternehmens nicht verbessert hätte. Die Firma hat im letzten Jahr der französischen Luftwaffe 11 Rafale verkauft. Genauso wird es in diesem Jahr sein. Das ist das im Vertrag mit der französischen Regierung eingeplante Produktionstempo. Es sieht vor, dass 180 Maschinen dieses Typs als fester Auftrag des Staates produziert werden, 104 sind schon geliefert worden. Der Rafale stellt weniger als 20 Prozent des Umsatzes von Dassault dar, er ist jedoch eine Investition, die in Zukunft viel wichtiger werden könnte.
Die Sonne geht in Indien auf
Die Chance, die sich jetzt Dassault bietet, ist der Vertrag zur Ausrüstung der indischen Luftwaffe, der sich in der Phase der Ausarbeitung befindet. New-Dehli will 126 Rafale bestellen (vgl. hier unten den Artikel “ Der Rafale von Dassault erobert die Märkte ”). Der Vertrag, der eine Produktionslizenz in Indien einschließt, wird eine komplizierte Arbeit erfordern, aber er ist so gut wie sicher. " Wir sind die von der indischen Regierung als einzige ausgewählt worden ", bestätigt Edelstenne, aber er kündigt ein " totales Schweigen " darüber bis zur Unterschrift an. Es ist üblich, sagt er, dass " die Kommentare immer vom Kunden kommen, während der Verkäufer schweigt ". Der Kunde, eben Indien, ist als Präzedenzfall indirekt dabei, diesem Militärflugzeug in Richtung Südamerika und Golfstaaten das Tor zum Export zu öffnen. Dass der Rafale von New-Dehli gewählt wurde, mißfällt den Konkurrenten, natürlich ganz besonders den Briten, die das andere europäische Flugzeug, den Eurofighter, anbieten. Man kann sich deren Schmerz vorstellen, da ein französisches Flugzeug ihnen einen Markt dieser Größe in einem "englischsprachigen” Land, einer ehemalige Kolonie des Britischen Commonwealths, streitig macht. Hinzukommt für Dassault im Deal mit Indien ein Modernisierungsvertrag der Mirage 2000, die die indische Armee schon ausrüstet.
Charles Edelstenne verbreitet sich etwas über dieses Kapitel, vor allem, um die Bewunderung, die er den Briten zollt, zum Ausdruck zu bringen. Sie schlucken ihre Niederlage und kämpfen weiter, obwohl ihre Chancen den Rafale vom Markt zu verdrängen, auf so gut wie Null gefallen sind. Der Dassault-Chef hebt einige Kulturunterschiede diesseits und jenseits des Ärmelkanals hervor: " Der Franzose findet Gefallen am Lamento. Der Engländer dagegen bleibt im Kampf selbst dann, wenn er verliert. Die Briten sind harte Kerle. Ich fordere Sie, meine Damen und Herren, heraus, bezüglich des Rafale andere Töne in der französischen Presse zu finden als das ewige Klagelied: " Das Flugzeug, das niemals exportiert wurde ". Das ist es, was die französische Presse schreibt, während die britische Presse zum Eurofighter folgendes äußert: " The most advanced aircraft in the world ", obwohl dieses Flugzeug niemals irgend eine Ausschreibung gewonnen hat. Der britische Rechnungshof hat die Kosten veröffentlicht: der Eurofighter ist um 60 Prozent teuerer als der Rafale". Der Chef von Dassault Aviation gibt zu, dass er sich als den Briten ähnlich betrachtet. Er teilt ihr optimistisches und kämpferisches Temperament: " Sie ärgern mich aber ich bewundere sie". Diese Lobeshymne auf die schlechten Verlierer in England verrät, daß das Klima im Frankreich Menschen wie er betrübt und dass das britische Verhaltensmodell für ihn das ist, was für andere seiner Landsleute das berühmte deutsche Modell ist.
Wie kann man das für Dassault positive Ergebnis der Ausschreibung in Indien erklären? Abgesehen von seinen Eigenschaften, die im Laufe der “Harmattan”-Operation in Libyen zur Schau gestellt wurden, als sich der Rafale auf die Truppen Gaddafis in Benghazi stürzte, profitierte dieses Kampfflugzeug davon, dass Indien kein Land ist, wo die Amerikaner ebenso viel Gewicht auf die Waage wie in ihren traditionnellen Jagdgründen bringen. Dassault, erklärt Herr Edelstenne, " kann seine Produkte in den Ländern verkaufen, die nicht amerikanisch kaufen können oder nicht wollen oder auch in Staaten, die eine Kaufalternative haben wollen. Holland, Südkorea und Singapur entsprachen dieser Definition nicht. Also da waren die Verkaufsperspektiven gering". Der Generaldirektor sagt nicht, ob Brasilien der guten Definition entspricht. Zwei Länder, Österreich und Saudi-Arabien, haben den Eurofighter zu Bedingungen gekauft, die skandalös waren und noch sind. In diesen beiden Fällen war der Rafale nicht im Rennen. Er war in die österreichische Ausschreibung infolge des Streits um Jörg Haider zwischen Paris und Wien nicht eingestiegen. Was Saudi-Arabien angeht, so wurde dort der Eurofighter im Freihandverkauf ohne Ausschreibung acquiriert. Mit dem Vereinigtem Königreich hat England eine mit dem Lightning-Flugzeug auf die 60er Jahren zurückgehende Partnerschaft, die in den 80er Jahren mit dem Tornado bestätigt wurde.
Eine zusätzliche Sehne an Dassaults Bogen : die Drohnen
Seiner Zeit wie immer vorausschauend hat Dassault Aviation eine zusätzliche Sehne an seinen Bogen hinzugefügt: die unbemannten Flugzeuge, die Drohnen. Der Konzern hat auf diesem Gebiet mehrere Eisen im Feuer. Er hat bereits ein Demonstrationsgerät, die Kampfdrohne nEUROn, deren Rolltests am Boden und deren Tankkapazitäten am Luftwaffenhort Istres vorgeführt worden sind. Die Neuron wird ihren ersten Flug im nächsten Juli ausführen. "Wir haben die vereinbarten Fristen und Kosten eingehalten", berichtet Edelstenne. Dassault hat die Funktion des Baumeisters inne und hatte sich unter Berücksichtigung ihrer Spitzenleistungen die Auswahl seiner fünf europäischen Partner vorbehalten (vgl. den Artikel hier unten " Der nEUROn von Dassault, fünf Jahre Arbeit ") Beim ersten Flug werden die Medien nicht eingeladen werden: " Unsere Leute brauchen Ruhe für ihre Arbeit ". Aber es werden in der Folgezeit Demonstrationsflüge für die Journalisten und die Fotografen stattfinden. Sonst haben Dassault Aviation und die britische BAE Systems eine weitere französisch-britische Produktionslinie für die Entwicklung eines anderen zukünftigen unbemannten Kampfflugzeuges sowie für die zukünftige MALE-Aufklärungsdrohne (MALE ist die Abkürzung für « Mittlere Höhe, Lange Ausdauer ») Telemos geschaffen. BAE Systems wird der Bauherr sein und für die elektronischen Systeme wird Dassault Aviation die Verantwortung tragen. Darüber hinaus hat Dassault noch ein Angebot für eine französische Umrüstung der israelischen IAI-Heron-Drohne an das Verteidigungsministerium gerichtet. 2014 soll eine vorläufige Version dieser Drohne geliefert werden.
Auf unsere Frage, ob Dassault Aviation beabsichtigen könnte, am Zeithorizont 2020 außer wie bisher Großbritannien, Italien und anderen am Wettbewerb in Sachen unbemannte Fliegerei auch Deutschland zu beteiligen, antwortet Charles Edelstenne: " Vorerst haben wir eine französisch-englische Achse. Das ist Sache der Regierung, darüber zu entscheiden. Da man immer auf die großen Sachverständigen zurückgreifen sollte, kann ich hier berichten, dass Louis Gallois großen Wert auf die europäische Zusammenarbeit legt. Andere, wie Tom Enders, schätzen dagegen, daß die plurale, vielseitige Kooperation nur Durcheinander bringt. Ich warte auf die Entscheidung der Regierung. Reicht Ihnen diese Antwort? ". Da wir mit "Ja" antworten, lässt der der prominente Gesprächspartner scherzend eine typische Edelstenne-Bemerkung los: " Da, sehen Sie, mindestens einer ist also in diesem Saal zufrieden". Etwas ist sicher: Zum Thema unbemanntes Flugzeug wird noch viel geschrieben und geredet werden.
Es liegt nahe zu vermuten, dass die Drohnen die Kriege der Zukunft ohne Soldaten, die künftigen Kriege der Roboter führen werden. Sicher werden sie eine wichtige Rolle spielen und sie spielen sie auch schon. " Aber man wird weiterhin Menschen Kampf- und Aufklärungsaufträge anvertrauen müssen, schätzt Mathieu Durand, der bei Dassault Aviation für die Public Relations und die Kommunikation zuständig ist. Aus Effizienz- und auch aus Ethikgründen. Es gibt Situationen, wo das das Auge und das Gespür des Piloten durch nichts zu ersetzen sind. Und in kritischen Fällen, zum Beispiel, wenn man Bomben oder Missilen über Gebieten abwerfen muß, wo feindliche Kräfte und Zivilbevölkerung eng ineinander verwoben sind, können die Einschätzung der Situation und die Endentscheidung nur Menschen anvertraut werden ".
Jean-Paul Picaper (Saint-Cloud.29/02/2012)
▪ Dassaults "Rafale" erobert Märkte
Das wird ein « Jahrhundertvertrag » sein. Nach langen Verhandlungen wurde der Mehrzweck-Jagdbomber Rafale der Dassault Aviation-Gruppe ausgewählt, um die indische Luftwaffe auszurüsten.
Am 31. Januar 2012 bestätigte der französische Staatssekretär für Auβenhandel, Pierre Lellouche, dass gegenüber dem britisch-deutsch-italienisch-spanischem « Typhoon » dem Rafale der Vorzug gegeben worden ist, er unterstrich jedoch, dass der Vertrag noch fertiggestellt werden muss. Fur den französischen Flugzeugbauer öffnet er die Tür zum Export. New Delhi wird sozusagen “vom Regal” 18 Stück vom Rafale kaufen und 108 weitere werden in Indien gebaut. Dieses Deal wird 20 Milliarden Dollar einbringen. Natürlich muss man bis zur endgültigen Unterschrift vorsichtig bleiben, aber die Sache sieht solide aus. “Der Vertrag ist zu 97 Prozent sicher”, sagte uns der französische Verteidigungsminister Gérard Longuet. Die Verhandlung über den Vertrag, teilte das Kommuniqué mit, “wird in Kürze mit der totalen Unterstützung der französischen Behörden anfangen. Er wird umfangreiche Technologietransfers einschliessen”.
Im Anschluss an diese Ankündigung war die Dassault-Aktie an der Pariser Börse um + 21,72 Prozent auf 774,94 € hochgeschnellt. Der Indische Markt wird für das Familienunternehmen eine sehr gute Sache sein, denn im letzten Jahr war der Firmenumsatz um -21 Prozent, und zwar von 4 187 Millionen € im Jahre 2010 auf 3 305 Millionen im Jahr 2011 gesunken (zur Erinnerung : Dassault wird sein Gesamtergebnis 2011 am 22. März vor der Börsenöffnung in Paris veröffentlichen). Aber Dassault wird beim Deal mit Indien nicht der einzige Gewinner sein, insbesondere der Motorenbauer Safran und der Militärelektrotechniker Thales Mitglied der Rafale-Mannschaft gehören dazu und auβerdem die gesamte französische Luftfahrtindustrie. Am Rafale-Programme nehmen 500 Zulieferanten mit zurzeit 7 000 Mirarbeitern teil.
Ein Kampf mit harten Bandagen
In Indien stand Dassault im Wettbewerb mit dem europäischen Eurofighter-Konsortium und seinem Typhoon-Jagdflugzeug. Diese Ausschreibung von New Delhi stammte aus dem Jahre 2007 und war eine der wichtigsten, die die dritte Wirtschaftsmacht Asiens je angeboten hatte, und im Moment ist sie auf dem Gebiete der Luftverteidigung absolut richtunggebend. Sie hatte die Giganten dieses Industriebereiches weltweit gelockt, die einen unbarmherzigen Kampf gegeneinander eröffnet hatten. Der Rafale und das Flugzeug von Eurofighter waren im April bereits in die engere Wahl gekommen. Die amerikanischen Schwergewichte auf dem Gebiet, Boeing und Lockeed Martin, die schwedischen und russischen Firmen Saab Gripenund MiG wurden ausgesiebt. Aber der Eurofighter war ein ernsthafter Konkurrent. Dieses Kampfflugzeug wird von einem Konsortium gebaut, bestehend aus den europäischen Verteidigungs- und Rüstungskonzernen EADS (46 Prozent), aus der britischen BAE Systems (33 Prozent) et der italienischen Alenia/Finmeccanica (21 Prozent).
Die Entscheidung vom 31. Januar hat die Marktlage für Kampfflugzeuge geändert. Brasilien, das seine Wahl zwischen mehreren Angeboten aufschieben wollte, scheint jetzt kurz davor zu sein, einen Rafale-Vertrag zu unterzeichnen. Zumal nach unbestätigten Medienberichten Brasilia auf den amerikanischen Hornet verzichtet haben soll. Infolgedessen müsste der Weg für den Rafale nach Südamerika frei sein. Man wird sich erinnern, dass Staatspräsident Sarkozy bei den Brasilianern selbst vorstellig gewesen war und mit einer Ankaufzusicherung zurückgekehrt war, die aber später nicht erfüllt wurde. Die brasilianische Entscheidung wurde aus Rücksicht auf die Wirtschaft verzögert. Dieser Staat muss vorerst jede Menge soziale Probleme regeln. Hinzukommt, dass der Rafale dort mit gewaltigen Rivalen im Wettbewerb steht. Aber dort auch wird der Vertrag mit Indien Eindruck machen. Dennoch muss man bis Mitte 2012 warten, um Brasilia die Entscheidung abzutrotzen. Das gilt auch für Vereinigten Arabischen Emirate, die seit nun drei Jahren handfeste Gespräche über den Rafale führen. Die Schweiz hat ihrerseits den weniger leistungsfähigen aber pro Stück billigeren schwedischen Gripen gewählt, aber sie rudert jetzt zurück und kritisiert ihre Militärs, die einen Flugzeugtyp gewählt haben, der den Anforderungen nicht gerecht wird.
Die saftige indische Ausschreibung stand im letzten Jahr im Mittelpunkt vieler Staatsbesuche in Indien. Der amerikanische Präsident Barack Obama, sein französischer Amtskollege Nicolas Sarkozy, der britische Premierminister David Cameron und das russische Staatsoberhaupt Dimitri Medwedjew hatten für die eigenen Flugzeugbauer beherzt plädiert. Dassault hat sich bei der indischen Regierung und beim indischen Volk dafür bedankt, dass sie ihm in Sachen Sicherheit vertraut haben. Das französische Unternehmen hat seine historischen Bindungen mit Indien hervorgehoben, da es ihm seinen allerersten Exportvertrag gewährt hatte, indem es 71 Stück seines Jagdflugzeugs Ouragan erwarb. Dann hat Indien die ganze Palette der Produkte von Dassault Aviation gekauft: vom Mystère IV bis zum Mirage 2000 einschliesslich des mit BAE-Systems entwickelten Jaguars. Die indischen Piloten flogen mit französischen Maschinen, insbesondere 1965 während des indisch-pakistanischen Krieges und 1999 während des Kargil-Konfliktes wiederum zwischen Pakistan und Indien.
Die Emirate: Verzögerungstaktik
Im Oktober 2011 hatte der Verteidigungsminister Gérard Longuet von einem Endstadium der Verhandlungen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten gesprochen und zeigte sich sehr zuversichtlich bezüglich der « sehr, sehr starken » Wahrscheinlichkeit eines Verkaufs. Aber die Golfstaaten verfügen über einen beeindruckenden, neueren Flugzeugpark. Nichts kann sie dazu bewegen, sich beim Erwerb des Rafale zu beeilen. Ihre F-16 und Mirage 2000 der letzten Generation sind total einsatzfähig. So sind sie imstande, über die Preise zu diskutieren und die Verkäufer ewig warten zu lassen, was sie im übrigen getan haben, indem sie besondere Forderungen, wie zum Beispiel einen Motoraustausch (einen Motor mit 9 Tonnen statt 7, 88 Tonnen Schubkraft für den M88) und einen Radaraustausch (sie wollten es mit Zielen iranischer Provenienz verträglich machen), stellten.
Solange sie die einzigen potentiellen ausländischen Käufer des Rafale waren, konnten sich die Emirate Zeit lassen und besondere Forderungen stellen, ihre Forderungen weiter treiben und verlangen, dass die Kosten von 9 Milliarden im letzten Juli auf 7 Milliarden heute reduziert werden, ganz abgesehen vom Verlangen, dass Dassault eventuell lokal bei ihnen investiert. Sie forderten auch, dass der französische Flugzeugbauer 60 Mirage 2000-9 zurückkauft. Damit man endlich den Rafale als Exportmodell fliegen sieht, hätte das Unternehmen einen kolossalen Betrag von 1,2 Milliarden € auf den Tisch legen müssen. Selbst, wenn dieser Rückkauf der französischen Luftwaffe von Nutzen gewesen wäre, die ihre ausgedienten Mirage F-1 mit diesen Mirage 2000-9 ersetzt hätte, wäre das kein gutes Geschäft gewesen. Also sollte man dann diese Flugzeuge zurückkaufen, und anschliessend versuchen, sie an Dritte weiter zu verkaufen? An potentiellen Kunden mangelt es nicht. Der Vertrag mit Indien wird seine Wirkung haben. Aber er ist nicht der einzige Auslöser. Der Rafale hat in Afghanistan und in Libyen seine Fähigkeiten als Kampf u- und Aufklärungsflugzeug, als Träger von verschiedenen auswechselbaren Bewaffnungen vorgeführt. Seine maritime Version, die ihn dazu befähigt, von einem Flugzeugträger in Zielnähe zu starten, was die Schwellenländer ganz gesonders interessiert.
Es sei in diesem Zusammenhang vermerkt, dass Frankreich damit seine Wirtschaftspräsenz in Indien verstärkt, besonders, seitdem sich dieses Land den französischen Konsumgütern geöffnet hat. Muss man diese Annäherung als eine strategische Option betrachten ? Will Frankreich seine wirtschaftliche Abhängigkeit von China etwas lockern und aufgrund der Risiken, die für die ganze Region, insb. in Richtung Indien und noch deutlicher für Afghanistan, aus Pakistan ausgehen, Indien unter die Arme greifen? Indien erlebt derzeit ein wahres “Wirtschaftwunder”, ist aber zugleich beunruhigt zu sehen, wie China an seinen Grenzen aufrüstet und eigene Jagdflugzeuge sowie in Zusammenarbeit mit Pakistan überhaupt Flugzeuge entwickelt.
(vgl. in unserer Rubrik DiversGens/Action Culturelle den Artikel in französischer und in deutscher Sprache von Adelheid Gliedner zu unserem Besuch bei den Dassault Aviation- Werken in Bordeaux Mérignac)
▪ Der nEUROn der Firma Dassault wird nach fünf Jahren Entwicklungsarbeit Mitte 2012 seinen ersten Flug testen
Der Pionier des französischen Flugwesens
stösst in einen neue Dimension hinein: Kampfflugzeuge ohne Piloten.
Als erstes Kampfflugzeug ohne Piloten ( UCAV) wurde eine Spitzenleistung
europäischer Technologie, der nEUROn, am 19. Januar vor den offiziellen
Vertretern verschiedener Regierungen, die an diesem Programm beteiligt sind,
von Charles Edelstenne, dem Generaldirektor von Dassault Aviation,
vorgestellt. Serge Dassault, Ehrenpräsident von Dassault Aviation,
sowie die Vertreter der industriellen nEUROn Mannschaft - Saab (Schweden),
Alenia Aermacchi ( Italien), EADS-CASA (Spanien), HAI (Griechenland) und
RUAG ( Schweiz) - waren bei der Zeremonie anwesend.
Diese Vorführung war das Ergebnis von fünf Jahren intensiver Arbeit an
Entwicklung, Fabrikation und Zusammensetzung der Einzelteile des Testgeräts
sowie an den ersten statischen Versuchen des Prototyps, der demnächst im
Hinblick auf einen ersten Flug Mitte 2012 Motortests ausführen wird.
Anschliessend wird zwei Jahre lang eine ganze Reihe von Flugerprobungen in
Frankreich, in Schweden und in Italien stattfinden. Diese Testflüge werden
sich auf die Lufttüchtigkeit der Maschine, auf ihre Unauffälligkeit und auf
ihre Luft - Boden Bewaffnung, die Geschosse aus einem inneren Raum der
Maschine abfeuern wird, sowie auf den Einsatz unbemannter Geräte im Luftraum
erstrecken.
Die Rüstungsdirektoren der einzelnen sechs am Programm beteiligten Staaten -
oder ihre Vertreter – (Frankreich, Schweden, Italien, Spanien, Griechenland
und die Schweiz) haben auf dem Militärflugplatz Istres (Region
Provence-Alpes-Côte d'Azur) zum erstenmal dieses Vorführgerät sehen können,
das eine dreifache "Premiere" für die europäische Luftfahrt darstellt:
Erstes “Stealth”-Flugzeug, erstes in Kooperation gebautes unbemanntes
Kampfflugzeug (UCAV), und erstes Kampfflugzeug, das völlig “virtuell” - im
Computer - entwickelt und zusammengesetzt worden ist.
Das auf Initiative des französischen Verteidigungsministeriums 2003 in Gang
gesetzte nEUROn-Programm verfolgt ein zweifaches Ziel, und zwar:
- die strategischen Spitzentechnologien für die Konzeption der
Kampfflugzeuge von morgen zu entwickeln;
- ein innovatives und leistungsfähiges europäisches Kooperationsmodell
rechtswirksam zu machen, das die jeweiligen Kompetenzen der beteiligten
Industrien unter der Leitung eines anerkannten und akzeptierten Bauherrn
optimiert.
Im Laufe einer kurzen Ansprache hat Charles Edelstenne darauf
hingewiesen, daß es jetzt den beteiligten Staaten obliegt, welche
Fortsetzung sie diesem Programm zu geben wünschen, um das Erreichte so gut
wie möglich zu verwerten. Istres, Frankreich, den 20. Januar 2012.
Kontakt: Yves Robins, communication nEUROn, und Stéphane Fort, communication corporate. Tel : + 33 (0)1 47 11 86 91 Tel : + 33 (0)1 47 11 86 90. Internet : www.dassault-aviation.com
▪ Suborbitale Luftfahrt an der Grenze zum Weltraum
Die Erforschung und Entwicklung von suborbitalen,
automatischen und bewohnten Fluggeräten ist die logische Fortsetzung der
Tätigkeit von Dassault Aviation auf dem Gebiet der Luftfahrzeuge der
Zukunft.
Die suborbitale Aktivität hat mit dem Projekt eines wiederverwendbaren, von einem Flugzeug abgesetzten Überschallfluggeräts (VEHRA) angefangen. Dieser stellte eine „Weiterentwicklung" des von der NASA getesteten „lifting body X 38“ dar, wovon Dassault Aviation die Form entworfen hatte. Es handelt sich hierbei um eine in drei Varianten aufgeteilte Familie von Flugfahrzeugen:
- eine Vorführmaschine von 10 Tonnen;
− ein 30 Tonnen-Fahrzeug, um kleine Satelliten von 300 kg abzuwerfen;
− ein schweres Fahrzeug von 200 Tonnen, um auf eine niedrige Umlaufbahn 7 Tonnen zu bringen.
Start des Fluggeräts von einem Passagierflugzeug
Der Start von einer konventionellen Passagiermaschine macht es möglich, auf die Zwänge der klassischen Abschussrampen zu verzichten. Vom Gesichtspunkt der Flexibilität verlangt diese Verfahrensweise eine viel leichtere Bodeninfrastruktur und bietet die Möglichkeit, die Mission zu unterbrechen, und in der Mehrzahl der Fälle die Fahrzeuge und ihre Nutzlasten zurückzubekommen. Das VEHRA-Projekt war in der Technischen Generalleitung (DGT) des Unternehmens der Anlass zu wiederholten Arbeitsgängen (Konfiguration, Systeme, Antrieb, usw.). Praktikanten aus Elitehochschulen wurden über Jahre an diesen Studien von futuristischen Fahrzeugen beteiligt.
Das
Projekt eines bewohnten suborbitalen Luftfahrzeugs (VSH)
Das durch das VEHRA-Projekt erworbene Selbstvertrauenskapital hat es ermöglicht, im Jahre 2004 eine für sechs Passagiere entworfene suborbitale Maschine zu entwickeln, mit anderen Worten die bewohnte, suborbitale VEHRA. Es handelt sich um ein 11 Tonnen schweres Fluggerät, das von einer Passagiermaschine getragen wird. Die Trennung (die patentiert wurde) geschieht in 25 000 Fuß Höhe (8 km) mit der Geschwindigkeit Mach 0,7. Anschließend beschleunigt der Raketenmotor (LOx/Kero*) vom VSH die Maschine, bis sie eine knapp über 100 km hohe suborbitale Flugbahn, also an der Grenze des Weltraums, erreicht. Trotz seines Fluges im Weltraum und obwohl die Passagiere die Wölbung der Erde beobachten und die Schwerelosigkeit drei Minuten lang erleben können, ist das VSH keine Raumfähre. Es ist ein leistungsfähiges Luftfahrzeug mit einer Spitzengeschwindigkeit von Mach 3,5, dessen Charakteristika und Betrieb sich annähernd im Bereich der Luftfahrt befinden.
K-1000: Zusammenarbeit mit der Schweiz
Seit 2008 hat das VSH im Rahmen des von Dassault Aviation und von den schweizerischen Partnern Ruag, ETHZ und von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL) selbstfinanzierten K-1000-Projektes neue Entwicklungsstufen durchstanden. Mehrere Aspekte des VSH wurden von Ingenieuren und Akademikern erforscht, die in Kürze in ein Abschlussgutachten münden sollen. Es wird den Partnern erlauben, über die Fortsetzung des Projekts zu entscheiden. Diese Studien von Weltraumfahrzeugen von Dassault Aviation passe sich in den heutigen Kontext gut ein, da die ersten privaten Suborbitalflüge durchgeführt worden sind ( SpaceShipOne von Burt Rutan, für den Wettbewerb X-Prize ), und andere Projekte demnächst getestet werden sollen ( SpaceShipTwo, Lynx, etc. ).
Kontakt: Yves Robins, 33 (0) 1 47 11 86 90. www.dassault-aviation.com
▪ Der Flugzeugbauer Dassault Aviation auf der 49. Internationalen Luftfahrtaustellung in Le Bourget 2011
Zivile Flugzeuge, Kampfflugzeuge, Drohnen und Präsentationen außergewöhnlicher Qualität: die Firma von Paris-Saint-Cloud und von Bordeaux-Mérignac hat sich als Aushängeschild der französischen und der europäischen Flugzeugindustrie profiliert.
Auf der Luftfahrtaustellung in Le Bourget 2011 hat Dassault Aviation ausgewählten Besuchern den Flugsimulator seines Jägers Bomber Rafale (auf Deutsch „Windstoß“) vorgeführt. Es wurde zu einem begehrten Objekt der Ausstellung! Wir hatten die Ehre einer Vorführung beizuwohnen.
Das System ist in einem geräumigen Zelt untergebracht. Man folgt einem Korridor, um in eine Kammer einzutreten, die ziemlich dicht verschlossen ist. Von einem Podest mit Geländer überblickt man die Pilotenkanzel eines Rafale in natürlicher Größe. Vor uns reproduzieren drei an der Wand festgelegte Bildschirme genau das, was der Pilot unter den Augen im Flug hat. Auf dem linkstehenden Schirm ist eine Karte, worauf unser Fluggerät positioniert ist und sich vorwärts bewegt. Auf dem Bildschirm in der Mitte wird die Landschaft, die wir überfliegen, abgerollt. Schließlich auf dem rechten Schirm sieht man auf blauem Grund konzentrische Kreise. Es handelt sich um eine Art Radarschirm, der die Positionen anderer Flugzeuge in der Kampfszene im Vergleich zu demjenigen gekennzeichnet, in dem wir uns finden.
Die
Welt draußen auf Bildschirmen
Die Kreise auf dem rechten Bildschirm können ihre Gestalt ändern, um pyramidenförmig zu werden und visuell die unterschiedlichen Höhen von anderen Fliegern im Vergleich zur unserer zu veranschaulichen. Man sieht gerade eine befreundete Fliegerstaffel in niedriger Höhe und eine andere in großer Höhe. Letztere sind offensichtlich Feinde. Wir befinden uns in mittlerer Höhe zwischen beiden. Die roten Punkte sind feindliche Flugzeuge, die Grünen sind Freunde. Der Rafale kann sofort von einer Mission zur anderen umschalten. Er kann die feindlichen Flieger wie ein Jagdflugzeug bekämpfen, aber drückt der Pilot auf den Knopf Luft-Boden, übernimmt er auf der Stelle die Funktion eines Bombers. Er kann auch als Aufklärer und Späher aus sehr großer Höhe dienen. Aber auch in sehr niedriger Höhe die feindlichen Kräfte überfliegen, um sie abzuschrecken. Der Rafale ist ein Multi-Funktion-Flugzeug. Diese Fähigkeit unterscheidet ihn von allen anderen Fluggeräten.
" Wie Sie es feststellen, erklärt ein ehemaliger Jagdflieger den anwesenden Journalisten und Flugexperten, ist das, was der Pilot sieht, sehr bildlich dargestellt. Die amerikanischen F 16-Piloten, die bei unserer Demonstration zu Gast sind, erfassen sofort die außergewöhnlichen Fähigkeiten des Rafale. Die Bildschirme zeigen uns die Welt draußen und den Schlachtplan so, wie er im Voraus skizziert worden ist und wie er sich im Laufe der Ausführung unseres Auftrages ändert. Auf einem Bildschirm wird der Pilot über seine Geschwindigkeit, seine Höhe und seinen Kurs informiert. Er hat vor Augen u. a. seinen Geschwindigkeitsmesser und die künstliche Horizontlinie. So kann er erfahren, ob er flach fliegt oder sich neigt. Satelliten, AWACS, Drohnen und die das feindliche Territorium überfliegenden Spähmaschinen übermitteln ihm ihre Informationen. Am Boden sind Spezialkräfte damit beauftragt, die feindlichen Ziele aufzuspüren. Haben sie sie identifiziert, wird man angreifen können. Wichtig ist auch, dass der Pilot jederzeit weiß, von wo aus Bedrohungen aus der Luft oder vom Boden starten können.
Er wird gewissermaßen zum Zuschauer. Das Flugzeug hat ein digitales Steuerruder und kann bez. der Steuerung den Pilot vollständig entlasten. Dieser übermittelt dem Autopilot Aufträge. Die Maschine kann z. B. in einem Winkel von 10 oder 20 Grad hinunterfliegen. Dann überfliegt er eine bestimmte Gebietsfläche. Vor ihm sind dann der ganze Luftraum und die Bodenoberfläche aus sehr niedriger Höhe, ca. drei hundert Fuß, d. h. einhundert Meter über dem Boden sichtbar, und das Flugzeug hat eine Art Bodentracking, das ihm ermöglicht immer in der gleichen Höhen weiterzufliegen und auf diese Weise dem Radar, der feindlichen Jagd und der Flugabwehr zu entkommen. Währenddessen rührt der Pilot nichts an. Ist er in den Wolken oder in Bodennähe, so kann das Flugzeug mit Automatik mit einer Geschwindigkeit von 1000 Stunde-km problemlos zu fliegen. Er hat Fähigkeiten einer Drohne oder eines Marschflugkörpers.
Normalerweise werden die Ziele eines Lufteinsatzes eine Woche im Voraus bestimmt. Zwei Tage vorher plant man den Angriff. Die Mission wird ein Tag davor bewilligt. Wir sitzen jetzt in der Pilotenkanzel. Wir sehen, wie der Boden sich von links oder von rechts je nach der Neigung der Maschine sich nähert. Wir überschreiten im Tiefflug die feindlichen Linien und werden gleichzeitig über die Gesamtsituation dank einem System informiert, dem Rafale eigen ist und worüber entsprechende amerikanische Flugzeuge z. B. nicht verfügen. Nehmen wir an, der Pilot empfängt einen Ruf der befreundeten Streitkräfte, die gerade im Kampf involviert sind, und die ihn bitten, eine „Show of Force“, d. h. eine " Kraft-Schau " zu machen. Er wird in sehr niedrige Höhe und mit sehr großer Geschwindigkeit die feindlichen Kräfte überfliegen, um ihnen zu zeigen, dass diejenigen, gegen die sie kämpfen, aus der Luft unterstützt werden. Das Ziel ist die psychologische Abschreckung.
Dann wird der Pilot seine "Bomben" auf das Ziel abwerfen. Das Ziel kann sich in 60 Kilometern Entfernung befinden. Aber es kann genauso gut in der Nähe, etwa fünfzehn Kilometern weit sein. Das Ziel wird mit einem Laserstrahl angepeilt, der die Bombe, d. h. die Rakete mit einer Treffgenauigkeit von einem oder zwei Metern führen wird, um zu vermeiden, Objekte daneben zu zerstören. Der Pilot verfolgt die Flugbahn der Bombe. Fotos werden vor und nach dem Abschuss geschossen und werden der Kommandozentrale versandt, die sie analysiert. Man kann dann feststellen, ob der Auftrag erfüllt ist. Aber das Flugzeug kann auch lange noch dieses Gebiet überfliegen, Ziele am Boden beschießen, Flugzeuge in der Höhe bekämpfen, einen Aufklärungsauftrag ausführen, dann nach Hause wohlbehalten zurückkehren. " Die französischen Piloten sind fähig, alles zu machen. Dank unseren Systemen, auf die wir sehr stolz sind ", schließt der Vorführer.
Eine
echte Familie
Wenn wir jetzt wieder ins Freie aufs Ausstellungsfeld gehen, taumeln wir ein bisschen, nicht etwa, weil die Sonne heute heftig blendet, sondern weil wir uns wie Piloten fühlen, die aus einem Kampfflugzeug aussteigen. Man hat den Eindruck, einen Luftkampf erlebt zu haben. Realitätsnäher als in Filmen. Jetzt ist zunächst die Zivilluftfahrt an der Reihe. Drei "transkontinentale" Falcon mit drei Reaktoren, der Falcon 900 LX, der Falcon 2000 LX und der letztgeborene, der Falcon 7X sind hier ausgestellt. Der „interkontinentale“ Zweireaktor Falcon 2000DX fehlt. Wir steigen ins Kleinste: zehn Plätze für die Passagiere und zwei Sitze für die Piloten im Cockpit. Die Kabine ist geräumig und bietet mit ihren großen Bullaugen viel Sicht. Ledersessel mit sanften Farben vermitteln einen komfortablen Eindruck. Der Falcon 7X ist die bevorzugte Maschine des französischen Staatspräsidenten, flüstert uns jemand ins Ohr. Dass die präsidiale Wahl auf das Haus Dassault gefallen ist, ist ein Grund, stolz zu sein. Die Reichweite dieses „Falken“ aus Stahl und Kohlenfasern bewegt sich zwischen 6 000 Km für den 900DX und 12 000 Km für den 7X und ca. 8 000 für den Falcon 900LX. « Das große Modell kann theoretisch bis zu 19 Passagieren mitnehmen, aber, wenn man bequem fliegen will, ist es besser eine Passagierkabine mit maximal 14 Personen nicht zu überschreiten ", erklärt Mathieu Durand, stellvertretender Sprecher von Dassault Aviation.
Dassault ist der letzte Familienbetrieb weltweit der Flugzeugindustrie. Hinter der sehr kontaktfreudigen und kommunikativen PR-Arbeit verbirgt sich der anspruchsvolle technologische Ehrgeiz für die Firma und für Frankreich. Im Umgang ist die Stimmung unverkrampft und nie pedantisch. " Wir sind eine wahre Familie ", bestätigt Monsieur Durand. Er trägt in der Sonne einen Cowboy-Hut und einen hellen Anzug. Er wurde in der Stadt Le Mans in der Normandie geboren. Mit seinen blonden Haaren und seinem skandinavischen Hautteint sieht er ausgesprochen „nordisch“ aus. Er kennt "seine" geliebten Flugzeuge aus dem Effeff. Aber ihre Preise könnten weder er noch wir bezahlen: sie reichen von 25 bis 50 Millionen Dollar das Stück je nach Modell, ungefähr 40 Millionen für das mittlere Modell 900LX. Dassault hat mehr als 2 000 Falcon in 70 Ländern, unter ihnen mehr als zwei Hundert Falcon 7X verkauft.
Eine unsichtbare Mücke
Am anderen Ende des Ausstellungsgeländes erscheint uns eine Art Rochen ohne Augen noch Kiemen. Mit seiner charakteristischen dreieckigen Gestalt erinnert dieser Teufel der Lüfte an den amerikanischen „Stealth“-Bomber, aber als Modellflugzeug. Flach und stromlinienförmig muss er, schätzen wir, ca. dreieinhalb Meter lang und drei Meter breit sein. Man hat ihn schwarz angestrichen, als wollte man seine Unsichtbarkeit hervorheben, ein echter Nachtvogel… Diese kleine Maschine ist das "Stealth"-Flugzeug ohne Piloten, die Drohne des Konzerns: Der Neuron, besser geschrieben der nEUROn, weil es sich um ein europäisches Gerät handelt, das mit Spanien, Griechenland, Italien, Schweden und der Schweiz entwickelt wird. Sicher gehen die ersten Tests mit einer „Stealth“-Drohne von Dassault ohne Seitenflosse, der AVE-C, auf das Jahr 2002 zurück, aber mit diesem neuen Gerät steigt das Unternehmen in die industrielle Serienproduktion von Drohnen. Diese großen, ferngesteuerten Bienen beobachten die feindlichen Stellungen aus sehr großer Entfernung und können sie auch beschießen. Der nEUROn wird seltene Eigenschaften haben: eine große Autonomie, er wird vom Boden geleitet und wird fähig sein, Geschosse aus einem unsichtbaren, inneren Container abzuschießen. Die Dassault-Mitarbeiter sind aber zu Thema nEUROn ziemlich wortkarg. " Das, was Sie hier sehen, ist das Modell in Lebensgröße der künftigen Maschine, kommentiert Mathieu Durand. Aber sie befindet sich in der Montage und ist deswegen hier nicht präsentabel. Wir lassen auch darüber ein bisschen Geheimnis schweben. Die Formen, die Sie da sehen, sind noch nicht ihre echten Formen nicht, aber sie lassen gut ahnen, wie sie sein wird. Der nEUROn wird Mitte des Jahres 2012 fliegen „. Er könnte sehr wohl eines Tages zu einer neuen Zacke in der Krone des Hauses werden. Er steckt schon als Pin an der Jacke des Leiters der PR-Abteilung, Stéphane Fort. Klein und schwarz wie eine Mücke über dem silbernen Falcon an seinem Jackettumschlag hängt er, der nEUROn! Das ist doch ein Zeichen, das nicht trügt!
Auf dem Platz nebenan hat das Unternehmen ein überdimensionales Foto von Nicolas Sarkozy und David Cameron ausgestellt, wo beide die französisch-britische Vereinbarung vom 2. November 2010 unterschreiben, die in diesem Fach die Kooperationsperspektiven zwischen Dassault Aviation und BAE Systems eröffnet hat. Im Juli 2010 haben Dassault und BAE Systems eine Machbarkeitsstudie vorgelegt, die von einer auf die französischen und britischen operativen Bedürfnisse eingehenden und haushaltsbezogenen Angebot begleitet war, eingereicht. Das am 14. März 2011 unterzeichnete Memorandum of Understanding legt ein auf eine ausschließliche französisch-britische Kooperation formalisiertes Programm fest. Es umfasst eine industrielle Aufgabenteilung zwischen den beiden Ländern, eine Kostenanalyse und einen Kalender. Daraus wird eine französisch-britische Drohne der Male-Serie, der deutlich größere Telemos entstehen. Er ist hier als Modell ausgestellt. Ihre Aufgabe wird die Beobachtung und das Fotografieren sein. Sie wird eine eine ständige Präsenz im Himmel rund um die Uhr und alle sieben Tage der Woche sichern.
Falls nötig wird sich Telemos seinem kleinen „Stealth“-Bruder in der Schlacht anschließen. Er hat die Fähigkeit, Drohungen eine Reihe moderner Präzisionswaffen entgegenzusetzen. Während über 20 oder 30 Jahre wird er alle Missionen der französischen und britischen Streitkräfte erfüllen, weil er dank seinem offenen Architektursystem über ein Wachstumspotential vom Anfang an verfügt, um sich alle Neuentwicklungen im militärischen Bereich zuzueignen, die in Zukunft gebraucht werden. Für die Infrastruktursysteme am Boden, sowie für die Einsatzunterstützung hat man vorgesorgt. Diese Drohne hat fast die Größe eines kleinen Tourismuszweisitzers, hat aber Stromlinien. Es ist beschlossen worden, dass sie gleich die bestehenden elektronischen Kompetenzen und die schon verfügbaren Antriebssysteme der französischen und britischen Industrie benutzen wird, die bei ihrem Bau und bei ihrer künftigen Wartung den größtmöglichen Mehrwert zu den geringsten Kosten bringen werden. Diese Aufteilung gewährleistet, dass keine Verdoppelung stattfindet, die kostenschwer wäre, und dass nach dem Prinzip der Aufwandreduzierung programmiert und gearbeitet wird. Er wird das ganze Netz der französischen und britischen KMU befruchten aber es sind oft solche Startschüsse gewesen, die dann zu weiteren Entwicklungen geführt haben, aus denen große europäische Erfolge wurden. Das Programm Telemos von Dassault Aviation und BAE Systems enthält alle notwendigen Elemente, um in diese Richtung zu schreiten.
Die Verschmelzung der Daten
Wir sind jetzt bei der Militärrüstung angekommen. Dassault Aviation hat immer sehr phantasievolle Namen für seine Kampfflugzeuge erfunden: der „Ouragan“ (Wirbelsturm), der 1949 geflogen ist, dann der „Mystère“ (Geheimnis), der 1951 in Dienst gesetzt wurde, dann der „Mirage“ (Fata Morgana), die 1961 flog, und jetzt der "Rafale", wie gesagt der Windstoß, der 1986 vom Boden abhob. Man ist von den Pfeiltragflächen vom „Mystère“ zu den Dreieckflügeln des „Mirage“ und des Rafale“ übergegangen. Der Dassault-Konzern stellt hier die beiden Typen des Rafale, die Marine-Ausführung und die Luftwaffenmaschine aus, die beide in Libyen gegenwärtig eingesetzt werden. " Der Marine-Rafale, erklärt Mathieu Durand, ist für die Flugzeugträger konzipiert. Das erkennt man an seinem muskulöseren, massigeren Fahrgestell, um die Schocks bei der Landung auf der Schiffsbrücke und beim Katapultieren abzufedern. Sehen Sie diese waagerechte Stange aus Stahl, die sich am Gleis des Katapultes anklammern wird und das Flugzeug zu seiner Startgeschwindigkeit verhelfen wird? Dahinter können Sie den Landehenkel sehen ". " Dieses Flugzeug strotzt vor Bewaffnung, setzt der Pressesprecher fort. Er hat unter dem Bauch eine Exocetrakete mit einer Tragweite von einhundert Kilometern, um Schiffe zu zerstören. Aber es ist anzunehmen, dass die feindlichen Schiffe von Flugzeugen geschützt werden. Der Rafale trägt also acht Luft-Luft- Raketen Luft, drei unter jedem Flügel und zwei unter dem Rumpf. Damit kann er sich mit jedem messen. Hinzu kommt eine an der rechten Luftöffnung der Maschine angelegte 30 Millimeter-Kanone ".
Die Beschreibung des Flugzeuges bestätigt, was uns der Flugsimulator gezeigt hat: " Der Rafale kann alles machen, konstatiert Herr Durand. Kampf in der Luft , Luft-Boden-Kampf oder auch Kampf auf dem Meer, sowie Aufklärungseinsätze. Wir sprachen gerade von seinen Luft-Luft-Missilen. Am Boden wird er abwerfen, was man "Bomben" nennt, was jedoch heute hochentwickelte Geschosse unterschiedlicher Sprengkraft sind, die mit hoher Zielgenauigkeit gelenkt werden, weil heute die Präzision vor allem anderen zählt. Es geht darum, sogenannte kollaterale Schäden zu vermeiden, kein Haus zu zerstören, das neben der Maschinengewehrstellung steht. Für die Aufklärung ist der Rafale mit einem Behälter ausgerüstet, das digitale Fotos in niedriger und hoher Höhe macht, sie in die Befehlszentrale direkt sendet, die so entscheiden kann, ob das Objekt neutralisiert worden ist. Die Führung kann dem Piloten auch funken: Schießen Sie nicht auf Ihr ursprüngliches Ziel, sondern lieber auf ein anderes, denn es hat eine Veränderung gegeben und das erste Ziel ist nicht mehr gültig. Dann schießt der Pilot. Er nimmt eine Aufnahme auf, damit, wie gesagt, die Zentrale entscheiden kann ".
" Sind alle diese fast zeitgleichen Handlungen für ein menschliches Hirn nicht zu komplex?“
" Die Piloten empfangen in der Tat immer mehr Informationen in immer leistungsfähigeren Flugzeugen. Es gibt Informationen vom Radar, von den optischen Systemen, von den Datenübermittlungssystemen, aber auch Daten, die von Sensoren stammen, die dazu da sind, Bedrohungen rund um dem Flugzeug aufzuspüren. Alle diese Informationen werden immer komplexer. Das menschliche Gehirn hätte Mühe, sie zu bearbeiten, wenn es nicht den Beistand der künstlichen Intelligenz gäbe, die wir < Datenverschmelzung > nennen. Was die Systeme des Flugzeuges ernten, alle diese Daten werden elektronisch auf solche Weise behandelt, dass nur die wesentlichen Informationen beim Piloten auf sehr intuitive und lesbare Weise erscheinen. Gewissermaßen ist das System fähig, die Arbeit vorzukauen, damit der Pilot, der in einer Kampfsituation schon sehr beansprucht wird, mit bloßem Auge und auf einmal erfassen kann, was er machen soll. Wenn er Zeit verliert, seien es nur drei Sekunden, beim Entschlüsseln und den Blick ins Innere der Kabine herunterlässt, so wäre gar nicht gut für ihn. Der Rafale ist zurzeit das einzige Flugzeug, das über dieses Datensystem in diesem entwickelten Grad verfügt. Wir haben Vergleiche mit anderen Flugzeugen ausgeführt und wir wissen, dass wir damit einen sehr starken Pluspunkt haben.“
Eineinhalb Mal sein eigenes Gewicht
„Ein anderer Punkt ist beim Rafale ganz erstaunlich, setzt unser Freund fort: seine Tragfähigkeit. Er kann eineinhalb Mal sein Gewicht mitnehmen. Er wiegt 10 Tonnen, aber es kann mit 15 Tonnen an Treibstoff und Bewaffnung mitnehmen. Für eine Maschine, die mit dieser Geschwindigkeit fliegt, ist das ein absoluter Rekord. Schließlich kann die Reichweite des Rafale mit der schwerste Kampfauslastung bis zu 1 800 Km weit und die gleiche Strecke zurück fliegen, ohne in der Luft zu tanken. Die französische Luftwaffe hat ein über eine solche Reichweite verfügendes Flugzeug niemals gehabt ". In seiner <libyschen> Fassung, sagt noch Mathieu Durand, trägt der Rafale einen Fernlenkungspod, drei Zusatzbehälter mit jeweils 2000 Liter Brennstoff, vier Luft-Luft-Raketen unter dem Rumpf, im allgemeinen MYCA-Raketen, und sechs 250 Kilos Bomben mit Laser- oder GPS-Leitung. Unter Leitung versteht man, dass der Pilot alle Daten des Zieles in die Bombe gespeichert hat und dass diese dann allein zurechtkommt. Das Flugzeug kann also seine Bomben aufgeben und wegziehen. Er muss nicht bis zum Ziel fliegen, das von der Flugabwehr oder den Boden-Luft-Raketen geschützt sein kann.
Mit seinem Aufklärungsbehälter kann der Rafale Fotos aus niedriger Höhe und mit großer Geschwindigkeit senkrecht über Ziel entweder aus nächster Nähe oder aus großer Entfernung schießen, da das Ziel von der Flak oder mi Boden-Luft-Raketen verteidigt werden kann. Bald wird der Rafale auch mit einem Korb von Raketen ausgerüstet sein, der sich noch in der Erprobung befindet. Vergessen sie auch nicht die Kanone. Man hat also eine sehr vielfältige Maschine. Diesem Flugzeug kann immer wieder neue Bestandteile hinzufügen. " Der Rafale kann auch den europäischen Marschflugkörper SCALP abwerfen, der mit dem amerikanischen Tomahawk vergleichbar ist. Er dringt dank seiner besonderen „Stealth“-Fähigkeit ins tiefe feindliche Territorium ein, egal, was dort für eine Luftverteidigung auch immer ist. Er verfolgt eine Strecke, die in ihm vorab gespeichert worden ist. Die SCALP wurde 1994 von Matra entwickelt und von MBDA angefertigt. Er kann er ein Ziel in mehreren Tausend Kilometer Entfernung mit einer Genauigkeit bis zu zwei Metern treffen. Der SCALP wurde von der Apache-Rakete abgeleitet. Er existiert als Version Luft-Boden und als Version Meer-Boden. "Das ist ein furchterregendes Gerät", meint unser Begleiter.
" Wie betankt man einen Rafale, wenn er seinen Auftrag verlängern muss?“, wollen wir wissen.
„Große Tankflugzeuge kann man auf einem Flugzeugträger nicht haben. Man hat also die Lösung gefunden, indem man einem Marine-Rafale vier zusätzliche Tankbehälter anhängt. Im Mittelpunkt des Rumpfes setzt man ihm ein Gerät auf, das ein Rohr enthält, an dessen Ende sich der <Korb> befindet, in den das Versorgungsflugzeug seine Stange schiebt. Natürlich enthält der Versorgungsrafale nicht so viel Treibstoff wie ein großes Tankflugzeug. Aber das erlaubt, einer Maschine etwas mehr Reichweite zu geben, damit sie ihren Auftrag erfüllen kann. Darauf kommt es an ".
Wir dürfen jetzt auf der Terrasse des "Gästehauses Dassault" am Rand der Landebahn der Flugvorführung des Rafale und des Falcon 7X beiwohnen. Das Zivilfllugzeug „klettert" wie ein Fahrstuhl in den Himmel, schießt wie ein Pfeil hinunter, aber vermittelt vor allem einen Eindruck großer Stabilität.
Der Rafale stellt eine dynamische und rhythmische Vorführung dar, teils Kunstflug, teils Technik. Der Pilot soll der Hauptmann Michaël Brocard sein, der alle Facetten des Flugzeugs beherrscht und auch ein unvergleichlicher Taktiker ist, wie alle seine Kameraden des Jagdgeschwaders 1/7 "Provence" im Stützpunkt Saint-Dizier.
Nach aller seiner rasanten Akrobatik hat uns der Rafale mit seiner stillen und weichen Landung beeindruckt. Dieser sehr lärmende Vogel verliert an Höhe, indem er sich fast flach legt und ebenso wenig hörbar wie ein Segler, so zu sagen mit Schalldämpfer sich sanft auf den Boden absetzt. * (JPP)
* Man kann bei der französischen Luftwaffe die Broschüre "Rafale Solo Display" erhalten, die alle technischen Daten vom Rafale mit schönen Fotos enthält und in angenehmer figurativer Form seine Flugleistungen darstellt. Ausgabe von Mai 2011. Veröffentlichung von Sirpa Sirpa/Direction Col William Kurtz. 6, bis Zugangstraße der Tür entwöhnst, 75509 Paris Cedex 15, Website(Gegend) der Luftwaffe: www.défense.gouv.fr/Luft
▪ EADS ist in Sachen Rüstungsindustrie zutiefst besorgt
Daher die Frage nach einem europäischen Programm für Drohnen
Der EADS-Luftfahrtkonzern hat eine Schlacht gegen Dassault in Indien verloren, indem die indische Regierung sich entschlossen hat, 126 Modelle des der französischen Rafale statt der europäischen Eurofighters zu kaufen. Diese Niederlage hat auch die Bundesregierung alarmiert, denn es geht um die Erhaltung der Kompetenz in Deutschland für den militärischen Flugzeugbau. Sollten keine Eurofighter mehr bestellt werden, so würde den Ingenieuren am EADS-Standort Manching in Bayern ab 2017 die Arbeit ausgehen.
Während es im zivilen Bereich gut geht, steht das EADS-Verteidigungsgeschäft, hauptsächlich in der Sparte Cassidian zusammengefasst, vor dem Zusammenbruch. Die Regierungen haben auf Sparkurs geschaltet. Selbst die USA kündigten Ende 2011 an, dass sie in den kommenden zehn Jahren 487 Milliarden Dollar einsparen wollen. Der deutsche Verteidigungsminister Thomas de Maizière verhandelt mit Rüstungsbetrieben darüber, wie der Bund aus bestehenden Lieferverträgen für Hubschrauber und Flugzeuge aussteigen könnte.
Die Negativentwicklung im Verteidigungsgeschäft trifft viele Unternehmen in Deutschland, dem dritten Waffenexporteur der Welt. Neben der EADS-Tochter Cassidian zählen Rheinmetall, Krauss-Maffei Wegmann, ThyssenKrupp, Diehl, LFK Lenkflugkörpersysteme sowie der Faustwaffenproduzent Heckler & Koch dazu. Es ist in der Öffentlichkeit wenig bekannt, dass EADS nicht nur Zivilflugzeuge, sondern auch Raumfahrzeuge und Rüstungsprodukte, darunter Marschflugkörper baut.
Dieses Unternehmen fordert deshalb von den Regierungen das Zustandekommen eines europäischen Programms für unbemannte Flugzeuge, Drohnen also, die von vielen Sachverständigen als Zukunft der Luftfahrt, und zwar nicht nur im Verteidigungs- sondern auch im Zivilbereich, sehen. Gehen in Deutschland Kompetenzen verloren, wird dieses Land nicht mehr in der Lage sein, sich an dieser Wende der Luftfahrt zu beteiligen.
Währendessen lässt Berlin nicht locker im Tauziehen mit den Franzosen in der Gemeinschaftsfirma EADS. Es geht nicht um Flugzeuge, es geht um die Macht. Der Name von Bahn-Chef Rüdiger Grube wird genannt, der womöglich in den Verwaltungsrat einziehen könnte. Im deutsch-französischen Verhältnis gilt das Lenin‘sche Motto: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Angela Merkel soll dem deutschen EADS-Direktor Tom Enders empfohlen haben, deutche Interessen zu verteidigen.
▪ Rheinmetall auf der Simulationsmesse ITEC 2012, London
(Ablösungen und Kontinuität an der Spitze des Konzerns)
Eine umfassende realitätsnahe und einsatzbezogene Ausbildung legt eine der wichtigsten Grundlagen für den Erfolg in militärischen Missionen und kritischen Situationen zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Moderne Simulationstechnik liefert hierfür entscheidende Anteile – von der Einzelausbildung am Gerät bis hin zum taktischen Führungstraining von Großverbänden.
Erst kürzlich erhielt der Düsseldorfer Konzern von den kanadischen Streitkräften den Auftrag, Schieß- und Fahrsimulatoren für die kanadische Version des Kampfpanzers Leopard 2A4 zu liefern. Die elf Schieß- und zwei Fahrsimulatoren werden an vier Standorten – Gagetown, Edmonton, Valcartier und Petawawa – stehen. Mit dieser Beauftragung erhalten die kanadischen Streitkräfte ein kombiniertes Schieß- und Gefechtsausbildungssystem, das Rheinmetalls Leopard-2-Erfahrung mit modernster Simulationstechnologie und den Visualisierungsfähigkeiten sowie der Flexibilität von Virtual Battlespace 2 (VBS2) verbindet. Ein weiterer Kunde hat Rheinmetall mit der Lieferung zweier Fahrsimulatoren für den 6x6 Transportpanzer Fuchs 2 beauftragt. Diese Anlagen erhalten ein Bewegungssystem mit sechs Freiheitsgraden sowie ein hochauflösendes Displaysystem. Zum Lieferumfang gehören zudem spezialisierte Datenbasen, um die besonderen Merkmale des Ausbildungsgeländes und des Fahrzeuges darzustellen.
Rheinmetall liefert seit über 35 Jahren Simulations- und Ausbildungssysteme an Land-, Luft- und Seestreitkräfte weltweit und entwickelt diese stetig weiter. Einen Ausschnitt aus seinem Simulationsproduktportfolio stellt das wehrtechnische Systemhaus vom 22. bis zum 24. Mai 2012 in London an seinem Stand B120 auf der renommierten europäischen Simulationsmesse ITEC aus.
DESUG – realitätsnahe Schieß- und Gefechtssimulation für Gefechtsfahrzeuge
Der generische Medium-Fidelity-Demonstrator Schieß- und Gefecht (DESUG), der am Rheinmetall-Stand zu sehen sein wird, demonstriert eindrucksvoll die Fähigkeiten von Rheinmetall zur Ausbildung von Kampf- oder Schützenpanzerbesatzungen. Die Sitzplätze von Kommandant und Richtschütze im Kampfraum eines Leopard 2A6 werden sowohl mittels Originalbauteilen – etwa Richtgriffe oder Bediengeräte – als auch durch originalgetreu nachgebildete interaktive Touchpanels ausgestattet.
Dieses ermöglicht auch die Ausbildung von komplexen Bedienschritten in einem realitätsnahen Umfeld, ohne jedoch zwangsläufig auf reale Bediengeräte der Originalfahrzeuge zurückgreifen zu müssen. Die über Standardschnittstellen eingebundenen Originalgeräte in Verbindung mit den konfigurierbaren Touchpanels zeigen die Flexibilität und Skalierbarkeit von Rheinmetall-Simulationslösungen, die auf beliebige Fahrzeugnachbildungen anwendbar ist. Das System ist auch als Taktiksimulator nutzbar, da es das Rheinmetall-Simulationssystem TacSi als Simulatorkern enthält. Durch die Kopplung von TacSi mit Virtual Battlespace 2 (VBS2) von Bohemia Interactive wurden sowohl die Visualisierungsfähigkeiten von VBS2 als auch die Erweiterbarkeit mit interaktiven Elementen aus VBS2 in die Rheinmetall-Simulationswelt integriert. Damit steht diesem System die volle Skalierbarkeit und Einsatzfähigkeit von TacSi und VBS2 zur Verfügung.
ANTares – streitkräftegemeinsames taktisches Missionstraining
Ebenfalls zeigt Rheinmetall an seinem Stand ein detailgetreues Modell des mobilen taktischen Trainingssystems Advanced Network Trainer (ANTares). ANTares bietet über die reine Besatzungsausbildung (Crew-Coordination-Training) hinaus auch die taktische Missionsvorbereitung kompletter Einsatzkontingente – selbst im Einsatzland. Dank Rheinmetalls modularem Cubicle-Konzept lassen sich aufgrund des technologisch fortschrittlichen Designs verschiedenste Waffensystemsimulatoren aller Teilstreitkräfte zum taktischen Training im Simulationsverbund vernetzen. Die Simulations-Cubicles werden in beliebiger Konfiguration als Plug & Play-Einheit in Containern zusammengestellt und bilden darin das hochmobile ANTares-Trainingssystem. Die ANTares-Container können per Straßentransport, per Luft- oder Seefracht ins Einsatzland verbracht werden. Auch dass für ein effizientes Mission Rehearsal aktuelle Datenbasen essenziell sind, berücksichtigt das System. Der intelligente Workflow der Rheinmetall „Rapid Generation Database“ erzeugt in wenigen Stunden vollautomatisch die geforderte virtuelle 3D-Welt aus zeitnah gewonnenen Aufklärungsdaten.
LIVE – realistische Gefechtssimulation im Gelände
Nicht in Gebäuden oder Containern, sondern vollbeweglich im Gelände und mit Originalgerät und -waffen erfolgt die Live-Gefechtssimulation. Kernstück bilden hier modernste Kommunikationstechnik und Laserduellsimulatoren. Diese stellen den scharfen Schuss sämtlicher Waffensysteme, wie z.B. Hand- und Panzerabwehrwaffen, Bordkanonen von Kampfpanzern, Haubitzen oder Bordmaschinenkanonen von Schützenpanzern und deren Wirkung dar. Eine Operationszentrale zeichnet Bewegungen, Aktionen und Treffer von Fahrzeugen und Übungsteilnehmern sowie den Funkverkehr auf und ermöglicht so umfassende Analysen und Übungsauswertungen.
Seit 2001 betreibt
Rheinmetall mit Erfolg ein solches Gefechtsübungszentrum für die Bundeswehr.
Inzwischen haben auch die russischen Streitkräfte sowie ein Kunde aus dem
nahöstlichen Raum Rheinmetall mit dem Aufbau und Betrieb solcher
Einrichtungen beauftragt. Auf der ITEC zeigt Rheinmetall an seinem Stand
einzelne Komponenten der LIVE-Gefechtssimulation, darunter
Laser-Duellsimulatoren.
Simulations- und Schulungstechnologie von
Rheinmetall Defence: virtuelle und wirkliche Welt wachsen zusammen
Mit über 2.000 in Betrieb befindlichen Systemen weltweit bietet Rheinmetall eine umfassende Produktpalette, die von kostengünstigen computergestützten Ausbildungssystemen über hochentwickelte Full-Mission-Simulatoren für Überwasser-, Unterwasser, luft- oder landgestützte Plattformen bis hin zu Simulationsfähigkeiten für voll vernetzte Joint- und Combined-Übungen reicht.
Aufbauend auf seiner großen Erfahrung und seinem ausgeprägten Know-how schließt Rheinmetall Defence die Lücke zwischen virtueller und wirklicher Welt und bietet so modernste Trainingslösungen zur Vorbereitung des Personals auf die nächste Mission.
Kontinuität und Ablösung im Vorstand der Rheinmetall AG
Das Bild der Aktivitäten der Düsseldorfer Firma wären unvollständig, wenn wir nicht eine wichtige Ablösung erwähnen würden, die in den letzten Tagen stattfand. Der Aufsichtsrat und der Vorstand ernannten Armin Papperger (49) als Nachfolger von Klaus Eberhardt (64) als Vorsitzender des Vorstandes ab Anfang 2013 und als Nachfolger von Finanzvorstand Dr. Herbert Müller (59), der auf eigene Wunsch ausscheidet, wurde Helmut Merch (56) ausgewählt. Er wird mit Wirkung zum 1. Januar 2013 in den Vorstand der Rheinmetall AG berufen. Wie man sieht, stellten die Führungsgremien des Unternehmens frühzeitig Weichen für Nachfolge. Damit wurde die personelle Kontinuität an der Spitze des Rheinmetall-Konzerns frühzeitig gesichert und damit die Grundlage für eine erfolgreiche Fortsetzung der Strategie des profitablen Wachstums gelegt.
Armin Papperger vertritt bereits seit Anfang 2012 den Unternehmensbereich Defence. Ebenfalls mit Beginn des Jahres 2013 wird Dr. Herbert Müller auf eigenen Wunsch aus dem Vorstand von Rheinmetall ausscheiden und sein Amt als CFO des Konzerns an Helmut P. Merch übergeben. ER trug bereits Verantwortung als Finanzvorstand für den Unternehmensbereich Defence. Klaus Eberhardt, der den Rheinmetall-Konzern seit 13 Jahren als Vorstandsvorsitzender führt, und Dr. Herbert Müller, der im Vorstand seit Anfang 2000 für das Finanzressort zuständig ist, werden dem Unternehmen weiter verbunden bleiben. Klaus Eberhardt behält den Vorsitz im Aufsichtsrat der KSPG AG, der Automotive-Sparte des Rheinmetall-Konzerns.
Klaus Greinert, Aufsichtsratsvorsitzender der Rheinmetall AG gratulierte den beiden Männern und lobte insbesondere deren Professionalität. Armin Papperger gehört dem Rheinmetall-Konzern seit 1990 an. Nach verschiedenen Stationen in der Geschäftsführung von Tochtergesellschaften war er seit 2010 im Bereichsvorstand Defence für Fahrzeugsysteme sowie für den Bereich Waffe und Munition verantwortlich. Seit Anfang 2012 ist er Vorsitzender im Bereichsvorstand Defence und Mitglied im Vorstand der Rheinmetall AG. Armin Papperger hat in den vergangenen Jahren die Internationalisierung des Defence-Geschäfts durch die strategischen Akquisitionen und die Integration von Auslandsgesellschaften wesentlich vorangetrieben.
Helmut P. Merch ist seit 1982 für den Rheinmetall-Konzern tätig. Er hatte von Beginn an unterschiedliche Führungsaufgaben bei Tochtergesellschaften wahrgenommen, unter anderem als Spartenleiter und Vorstandsmitglied der ehemaligen Maschinenbau-Tochter Jagenberg AG und als stellvertretender Vorstandsvorsitzender der früheren Elektronik-Tochter Aditron AG. Seit 2001 ist er Finanzvorstand des Defence-Bereichs.
▪ Rheinmetall erhält bedeutenden Auftrag aus Kanada:
Bergepanzer Büffel im Wert von rund 40 Mio EUR
Der Düsseldorfer Rheinmetall Konzern ist zum Jahresende mit der Lieferung von hochmodernen Bergepanzern des Typs Büffel an die kanadischen Streitkräfte beauftragt worden. Rheinmetall hat diesen wichtigen Auftrag im Wettbewerb gewonnen und unterstreicht damit seine führende Rolle im Bereich der schweren gepanzerten Unterstützungsfahrzeuge. Das Auftragsvolumen umfasst rund 40 MioEUR.Damit gelingt es Rheinmetall erneut, im kanadischen Markt einen bedeutenden Auftrag zu platzieren. Gleichzeitig erweist sich der Bergepanzer Büffel einmal mehr als Erfolgsmodell. Mit Kanada ist der Büffel damit bereits in acht Nutzerstaaten im Einsatz bzw. in der Einführung. Der vor kurzem unterzeichnete Vertrag umfasst die Herstellung und Lieferung der Kettenfahrzeuge mit entsprechender Peripherie, sowie die Bereitstellung von Ausbildungsmaßnahmen. Die Fahrzeuge werden mit modernen Schutzelementen ausgerüstet, um die Besatzungen gegen die Bedrohungen in heutigen Einsatzszenarien, z.B. in Afghanistan, zu schützen. Die Bergepanzer sollen im Zeitraum 2013 bis 2014 ausgeliefert werden. Die kanadischen Streitkräfte stellen dazu aus ihren Beständen Fahrgestelle des Kampfpanzers Leopard 2 zur Verfügung, die in der Folge zu Büffel-Bergepanzern umgerüstet werden. Die Abwicklung des Auftrages erfolgt in Deutschland – an den Standorten Kiel und Kassel – sowie in Kanada in Zusammenarbeit mit dem Tochterunternehmen Rheinmetall Canada und weiteren kanadischen Firmen. Rheinmetall betreibt sein Kompetenzzentrum für die Entwicklung von Unterstützungsfahrzeugen in Kiel, während die Serienproduktion für Kettenfahrzeuge in Kassel beheimatet ist. Rheinmetall Canada ist derzeit mit der Modernisierung und Instandsetzung von 42 Leopard-Kampfpanzern für die kanadische Armee befasst, die 2007 aus den Beständen der niederländischen Streitkräfte übernommen worden sind. Bereits seit 2007 hat die kanadische Armee Bergepanzer Büffel aus Bundeswehrbeständen im Einsatz in Afghanistan, die – ebenfalls von Rheinmetall – durch die Integration von Schutzpaketen für ihren Einsatz optimiert worden sind. Sowohl die vorhandenen Leopard 2-Kampfpanzer als auch die Büffel haben sich hervorragend in diesem harten Einsatz bewährt und bei Anschlägen durch Sprengfallen ihren hohen Wert für den Schutz der Besatzungen unter Beweis gestellt. Der Bergepanzer 3 Büffel (BPz 3) basiert auf dem Chassis des Leopard 2 und ist als bilaterale Entwicklung in Kooperation mit der Bundeswehr und der niederländischen Armee entstanden. Er wurde für die Bergung von Kampfpanzern sowie für die Unterstützung von Instandsetzungsarbeiten im militärischen Einsatz konzipiert. Der Büffel ist durch seinen Kran in der Lage, den Austausch eines Leopard 2-Triebwerkes oder des kompletten Turmes durchzuführen. Neben der kraftvollen hydraulischen Krananlage verfügt der Büffel über ein leistungsstarkes Windensystem und ein kombiniertes Räum- und Stabilisierungsschild.
Für weitere Informationen: Oliver Hoffmann, Leiter Presse- und
Öffentlichkeitsarbeit, Rheinmetall AG Tel.: +49-(0)211-473 4748
oliver.hoffmann@rheinmetall.com
▪ Rheinmetall mit Großauftrag erfolgreich in Russland: Hochmodernes Trainingszentrum für das russische Heer
Der Düsseldorfer Rheinmetall-Konzern ist mit seinem russischen Partner JSCo
Oboronservis ist vom Verteidigungsministerium der Russischen Föderation beauftragt worden, ein Trainings- und Ausbildungszentrum in Mulino/Russland zu errichten. Damit wird in der Wolga-Region bis 2014 die weltweit modernste Trainingsbasis mit simulationsgestützter Ausbildung entstehen, in der pro Jahr bis zu 30.000 Soldaten ausgebildet werden können. Das Auftragsvolumen für Rheinmetall beziffert sich einschließlich Erweiterungsoptionen auf über 100 Mio. EUR. Der Auftrag ist für den Düsseldorfer Konzern von besonderer strategischer Bedeutung. Mit ihm ist der deutschen Wehrtechnik erstmals in bedeutendem Umfang der Zugang auf den russischen Markt gelungen. Im Hinblick auf die geplante Modernisierung der Ausrüstung der russischen Streitkräfte bieten sich damit gute Chancen für Folgebeauftragungen aus der Russischen Föderation.
Rheinmetall gehört zu den weltweit führenden Anbietern und Betreibern von Simulations- und Ausbildungssystemen im Bereich der Land-, Marine- und Flugsimulation. Für die Bundeswehr betreibt Rheinmetall bereits heute in der Altmark (Sachsen-Anhalt) das Gefechtsübungszentrum Heer (GÜZ), das technisch als Vorbild für die in Russland zu errichtende Anlage gilt. Auch ein weiterer Kunde aus dem Mittleren Osten hat 2009 eine vergleichbare Ausbildungseinrichtung bei Rheinmetall in Auftrag gegeben. Für die nun an der Wolga entstehende Anlage hat sich Rheinmetall gemeinsam mit der russischen JSCo Oboronservis in einer strategischen Partnerschaft verbunden. JSCo Oboronservis ist der Generalunternehmer im Projekt und wird die Anlage künftig für die russischen Streitkräfte als Betreibermodell führen. Die Ausbildung mittels Simulationstechnik gewährleistet den Streitkräften nicht nur eine realitätsnahe und effiziente Vorbereitung von Truppenteilen in unterschiedlichen Einsatzszenarien, sondern auch erhebliche Einsparungseffekte durch geringeren Material- und Treibstoffverbrauch sowie reduziertem Verschleiß an schwerem Gerät. Nach Schätzungen des russischen Militärs soll sich die jetzt beauftragte Anlage bereits nach wenigen Jahren amortisiert haben. Rheinmetall ist mit der Entwicklung und Lieferung der Live-Gefechtssimulationsanlage beauftragt und wird zudem die Realisierung aller Gewerke in Mulino bis zu deren Inbetriebnahme überwachen und für die Einhaltung der Qualitätsstandards verantwortlich sein. Das hochmoderne Heeresausbildungszentrum in Mulino ist für die Ausbildung von verstärkten mechanisierten Infanterie- und Panzerbrigaden konzipiert.
Auf einem Areal von mehr als 500 Quadratkilometern können die Kräfte in einem innovativen Rotationsprinzip an unterschiedlichsten Station beübt werden, wobei jeder Trainingsteilnehmer mittels elektronischer Identifikation von einem Trainingsausbildungssystem erfasst und während der gesamten mehrwöchigen Ausbildung bis zum erfolgreichen Abschluss geführt wird. Dem in Mulino erstmals eingeführten Rotationsprinzip für die zu beübenden Verbände wird ein Eingangsqualifikationsverfahren mittels praktischen und theoretischen Nachweisen in Form von innovativen CBT-Modulen vorgeschaltet sein. Erst nach Feststellung der Grundqualifikation durchlaufen die Teilnehmer die weiteren Stationen der Ausbildung, die die Live-Gefechtssimulation, das Training in virtuellen Simulatoren, die Ausbildung von Kommandeuren mittels konstruktiver Simulation, das Scharfschießen auf modernen Schießbahnen wie auch weitere praktische Ausbildungseinheiten beinhalten wird. Ein Novum in Mulino wird die Vernetzung der Live (L), virtuellen (V) und konstruktiven (C) Simulationsanteile zu einem LVC-System sein, die einen neuen Maßstab in der militärischen Ausbildung setzen wird. Im Rahmen der Live-Gefechtssimulation werden die auszubildenden Verbände und Einheiten künftig unter Verwendung von Laserduellsimulatoren und modernster Kommunikationstechnik mit ihren Original-Einsatzgeräten und Gefechtsfahrzeugen auf einem Übungsgelände mit einer Fläche von ca. 200 Quadratkilometern üben können. Der scharfe Schuss wird durch den Einsatz von augensicheren Laserduellsimulatoren für sämtliche Waffensysteme, wie z.B. Hand- und Panzerabwehrwaffen, Bordkanonen von Kampfpanzern, Haubitzen oder Bordmaschinenkanonen von Schützenpanzern, simuliert. Nach Abschluss des mehrwöchigen Ausbildungsprogramms wird jede beübte Brigade über einen vergleichbaren und zertifizierten Ausbildungsstand verfügen. Hiermit wird der Zielsetzung der Militärführung in der Russischen Föderation Rechnung getragen, die Ausbildung jeder Brigade optimal an die Einsatzrealität anzupassen.
Realitätsnahe Simulation dank innovativer Technik
Die hochkomplexe Ausbildungstechnik, die von Rheinmetall stetig weiterentwickelt wurde und die im Gefechtsübungszentrum (GÜZ) am Standort Letzlingen seit 2001 betrieben wird, hat sich in der Nutzung durch die Bundeswehr bestens bewährt. Für das Live-Training werden dort sämtliche Übungsteilnehmer, vom einzelnen Soldaten bis zum Kampfpanzer, zu Übungsbeginn mit Lasersensoren und kleinen Datenfunkgeräten ausgestattet. Diese Datenfunkgeräte verfügen über einen GPS-Satellitenempfänger und senden ständig Informationen über Position und Status eines jeden einzelnen Übungsteilnehmers in die Leitungszentrale. Beim Training von Einsätzen im urbanen Umfeld (sog. MOUT-Szenarien: Military Operations in Urban Terrain) wird selbst die Position von Soldaten innerhalb von Gebäuden mittels einer speziellen Sensorik erfasst. Auch der Beschuss schwerer Waffensysteme auf Gebäude und die entsprechende Wirkung auf Übungsteilnehmer innerhalb von Gebäuden kann simuliert werden. Zusätzlich begleiten mobile Videoteams eine Übung und übertragen ihre Bilder drahtlos in Echtzeit in die Zentrale. Dort laufen alle Daten einer Übung inklusive des gesamten Truppensprechfunkverkehrs zusammen. Auf Computerarbeitsplätzen und in Grossbildprojektionen werden die Position und der Status aller Übungsteilnehmer in einer 2D/3D Lagekarte inklusive der Videoaufzeichnungen in Echtzeit dargestellt. Sämtliche Ereignisse der Großübung werden elektronisch aufgezeichnet und für nachfolgende Besprechungen aufbereitet, um die Ergebnisse den Übenden später in einem ortsfesten Auditorium oder in mobilen Einrichtungen im Übungsgelände zu präsentieren. Simulationstechnik von Rheinmetall leistet somit einen entscheidenden Beitrag zu einer fundierten, einsatzorientierten Ausbildung, die den Soldaten die bestmögliche Vorbereitung für die Erfüllung ihres militärischen Auftrags und damit auch ein hohes Maß an persönlicher Sicherheit im Einsatz gewährt.
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