WIRTSCHAFTSPOLITIK

Nicolas Sarkozy als Garant der Stabilität  
Eurokrise: Angela Merkel dringt auf Griechen-Pleite  
EU will Länderatings verbieten  
DIW Berlin: Schwaches Wachstumim zweiten Quartal nur vorübergehender Dämpfer  
Was macht man nun aus dem "kranken Mann an der Ägäis?"  
Ein Zweites Deutsches Wirtschaftswunder  
Deutsche Haushalte: keine weitere Verschuldung in der Krise - kaum Reaktionen auf Zinsveränderungen  
Eine neue Etappe in der Internet-Revolution  
Die vorschnelle Entscheidung: Die Wandlung der FDP  
DIW Berlin erwartet Wirtschaftswachstum von 2,2%  
Arbeitsmarkt in Deutschland: nur Pluspunkte  
Widerstand gegen die deutsche Exportmaschine  
Kommt das Elektroauto der Ära Kohl wieder?  
Eine französische Krankheit: horrende Immobilienpreisen  
"Wir können nicht für jeden haften"  

 

 

UNTERNEHMEN

Diesmal ist der TGV tot?
Dassault: Information über den Falcon 7X
"Schnellkochtopf" für Flugzeugteile: Weltweit grösster Forschungsautoklav beim DLR
Cassidian und Frequentis übergeben den ersten Gefechtsstand in GIADS-III- und KOFA-IP-Technologie an die deutsche Luftwaffe
Suborbitale Luftfahrt an der Grenze zum Weltraum
Der Flugzeugbauer Dassault Aviation auf der 49. Internationalen Luftfahrtaustellung in Le Bourget 2011
Opernhäuser als Unternehmen. Wachstum durch Verschwendung  
Forschungsintensive Industrien: Spitzenposition für Deutschland  
Neue Alternative zu Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen  

 

 

WIRTSCHAFTSPOLITIK

▪ Nicolas Sarkozy will sich gegen die Sozialisten als Garant der Haushaltsstabilisierung profilieren

 Als Nicolas Sarkozy und Angela Merkel am 9. Oktober in Berlin die „Rekapitalisierung“ der europäischen Banken (im Schlimmsten Falle bis zu 400 Milliarden Euro, im besten 100 bis 200 Milliarden) und eine Stärkung der Euro-Verträge bis zum Ende desselben Monats ankündigten, um wieder mal zu versuchen, nach der bekannten Formel „die Märkte zu beruhigen“, stahl ihnen die Vorwahl der Sozialistischen Partei Frankreichs (PS) im französischen Fernsehen die Schau. Der Sozialist François Hollande ist aus diesen „Primaries“ der französischen Linken nach amerikanischem Modell zweifach als Sieger und damit als Gegner des amtierenden Staatspräsidenten Sarkozy hervorgegangen. Zweifach, weil die Beteiligung mit 2,5 Millionen linken Wählern im ersten und mit 3 Millionen im zweiten Urnengang sehr hoch und das Medieninteresse für dieses Verfahren zwei Monate lang gross war, und ausserdem, weil er mit 57 Prozent der Stimmen einen grossen Vorsprung vor seiner Rivalin, der aktuellen Generalsekretärin der PS, Martine Aubry (43,5 Prozent) hatte. Er wird natürlich für Sarkozy schwerer als Aubry zu besiegen sein, zumal er als gemässigt gilt, während Aubry linker und radikaler war. Das Ergebnis dieser sozialistischen Vorwahl vom 17. Oktober könnte alsVorzeichen einer Wende zur Unzeit für Sarkozys UMP-Mehrheit sein, zumal 68 Prozent der Franzosen an die Wiederwahl von amtierenden Präsidenten nicht mehr glauben.

Vor allem im eigenen Lager könnte Sarkozy seine Wiederwahl verlieren. Die grossen Erfolge seiner Aussenpolitik, wie die Rückkehr Frankreichs in die NATO und der Ausgleich mit Amerika, die Gründung internationaler Einrichtungen zum Kampf gegen die Wirtschafts- und Währungskrise, seine Engelsgeduld mit Angela Merkel, mit der er Hand in Hand arbeitet, die Rettung des Staates Georgien vor dem  Zugriff Russlands, und die wohltuende Militärintervention in Libyen zusammen mit Grossbritanien, zählen kaum. Sein Image wird genau wie dasjenige von Angela Merkel in Deutschland von den Parteifreunden systematisch beschädigt. Unter seinen Anhängern meinen manche, so oder so verliert er die Wahl. Er sollte also aufgeben und Alain Juppé, den jetzigen Aussenminister und ehemaligen Premierminister den Zepter in die Hände legen. Juppé würde die Wahl für die bürgerlichen Parteien gewinnen können.

Sollten die Sozialisten die heutige Regierungsmehrheit der Sarkozy-Partei UMP Mitte des nächsten Jahres ablösen und François Hollande als Staatspräsident ins Elysée-Palast schicken, wäre bez. der Währungsunion keine Richtungsänderung zu erwarten. In der Steuer- und Finanzpolitik würden sie allerdings andere Wege gehen und manche Einsparung der Sarkozy-Ära zunichte machen, um ihr Klientel zu beglücken und zu erweitern. Trotz aller Zusicherungen von Hollande, keine neuen Ausgaben zu tätigen und den Staatshaushalt bis 2017 in Gleichgewicht zu bringen, versprechen die Sozialisten 66.000 neue Lehrer- und 10.000 neue Polizistenstellen, die von Sarkozy im Rahmen der Halbierung der Beamtenschaft abgeschafft worden sind. Sie wollen als einzige sozialistische Partei in Europa das Rentenalter von jetzt 62 auf 60 Jahre zurückführen, was für Frankreich den Verlust der intertnatioanlen Bonitätsnote AAA-Note mit sofortiger Wirkung bedeuten würde. Frankreich wird als Staat an Profil verlieren, Gleichheit ist das Ziel.

Aber manche würden unter Hollande gleicher als andere sein, insbesondere der Lehrkörper, der in Frankreich außerhalb der meist katholischen Privatschulen so gut wie gänzlich links steht. Der soziale Rasenmäher wird 2012 Vermögen und Einkünfte einebnen. Nicole Bricq, die neue „Madame Budget“ der PS als Finanzsprecherin der Sozialisten in der zweiten Parlamentskammer (der Senat), will im Einvernehmen mit Hollande zwar keine „Reichensteuer“ einführen aber alle Steuerentlastungen abschaffen, da, meint sie, nur die Wohlhabenden etwas davon haben und ihr eingespartes Geld „nicht in die Produktion sondern in Immobilien investieren oder ins Ausland tragen“. Natürlich wird wieder der Mittelstand bluten, denn die wirklich reichen ihr Geld außer Reichweite gebracht haben.

Die PS- Mehrheit in der zweiten Kammer wird den Staatshaushalt der UMP selbst bei Abänderungen voll und ganz ablehnen. Aber die Nationalversammlung darf letzten Endes den Senat überstimmen, so sieht es die Verfassung vor. Immerhin sind die öffentlichen Ausgaben in der fünfjährigen Sarkozy-Präsidentschaft „nur“ von 54 Prozent auf 56,2 Prozent der BIP gestiegen, während sie sich unter früheren PS-Regierungen verdoppelt oder verdreifacht hatten. Bis auf das Elsass sind alle Regionen Frankreichs seit den letzten Regionalwahlen fest in sozialistischer Hand. Öffentliche Stellen werden dort in der Lokalverwaltung, in Krankenhäusern und öffentlichen Diensten geschaffen, die die Reduzierung der Beamtenarmee auf Staatsebene durch Sarkozys Regierung fast gänzlich wettmachen. Die Gehälter und Löhne der Staatsbediensteten fraßen vor Sarkozy fast die Hälfte des Staatshaushaltes.

Die linke Herausforderung beflügelt „Muskelmann-Sarko“. Er möchte in einem „offenen Brief an meine Landsleute“ zum Jahresbeginn 2012 unterstreichen, dass die Linke den Aufruf zur „nationalen Einheit“ missachtet und sich weigert, die „goldene Regel“ des Haushaltsgleichgewichts in der Verfassung zu verankern. Damit treibe sie das Land zum Bankrott und zum Verlust der Traumnote AAA. Das Verbot ungedeckter Ausgaben und die Pflicht zum ausgeglichenen Haushalt nach deutschem Modell hatte am 13. Juli 2011 die Sarkozy-Mehrheit in der Nationalversammlung verabschiedet, aber Sarkozy hat inzwischen seine Mehrheit im Senat verloren. Damit ist diese für Frankreich historische Reform gestorben, denn dafür wäre eine drei Fünftel-Mehrheit in der verfassungsgebenden Versammlung erforderlich. Am 7. September haben Konservative und Sozialisten in Spanien diesem Stabilitätsgrundsatz zugestimmt. Selbst Italien hat sich dazu bekannt. Sarkozy kann deshalb auf die vernünftigen Deutschen und auf die patriotischen Spanier pochen und sich als Vorkämpfer des nationalen Interesses profilieren.

Allerdings leidet sein Restnimbus unter seiner kostspieligen Liebe zu Griechenland. Mischt da Persönliches seitens des Präsidenten mit, dessen Großvater mütterlicherseits Chirurg in Saloniki war? Es wäre auch einer Fußnote wert daran zu erinnern, dass im 19. Jahrhundert mehrere Länder, darunter Griechenland, die Schweiz und Belgien, den französischen Franc als Währung angenommen hatten. Später trennte sich Griechenland von ihnen und benutzte die Drachme wieder. Die Zuschüsse von Euroland zur immer unwahrscheinlicheren Rettung Athens, wozu für Frankreich am 21. Juli noch 15 Milliarden hinzugekommen sind (für Deutschland 19 Milliarden), werden jetzt, ganz abgesehen von anderen finanziellen Krücken für den fußkranken Euro, von mehr als zwei Dritteln der Franzosen abgelehnt, während im Mai-Juni 2010 dieselbe Prozentzahl von ihnen die Hilfe für Griechenland bejahte.

Wie in Deutschland schwächt sich in Frankreich das Wachstum ab

Inzwischen haben die Franzosen Angst um die Zukunft ihrer Wirtschaft. Es ist leider mit den Genesungsmeldungen vom letzten Frühling in der französischen Wirtschaftsklinik ganz vorbei! Wie in Deutschland verflüchtigt sich bei den westlichen Nachbarn die Euphorie vom letzten Jahr und vom Jahresbeginn 2011. Damals war angesichts der Erholung der Wirtschaftsdaten nach der Flaute vom Jahr 2009 Optimismus auf der Tagesordnung, zumal die Rezession Frankreich (-2,6 Prozent) weniger schlimm als Deutschland (-4,9 Prozent) getroffen hatte. Das erklärte sich dadurch, dass Frankreich weniger als die Bundesrepublik exportabhängig ist und sich mehr auf den Binnenkonsum stützt. Deutschland erholte sich zwar im Jahre 2010 mit einem Wachstum von 3,5 Prozent deutlich rascher als Frankreich, das ein Wachstum von nur 1,6 Prozent verzeichnete. Immerhin wuchs die französische Wirtschaft im ersten Quartal 2011 mit + 0,9 Prozent, was auch ein XL-Wachstum wie in Deutschland erwarten ließ. Am Freitag dem 13. Mai 2011 wagte es Christine Lagarde, damals noch französische Finanz- und Wirtschaftsministerin, mit einem Seufzen der Erleichterung zu verkünden, dass „alle Signale auf Grün“ leuchteten und dass Wachstum wieder eingekehrt sei, so dass eine über alle Erwartungen hinausgehende Wachstumsrate von 2 Prozent im laufenden Jahr sich abzeichnete. Man setzte auf eine Abnahme der Arbeitslosigkeit von und die Stimmung in der Wirtschaft besserte sich.

Paris muss jetzt zurückstecken. Die Umbrüche der Finanzwirtschaft haben die Realwirtschaft erfasst. Schon zum Sommerbeginn stellte das Fieberthermometer eine leichte Zunahme der Arbeitslosigkeit fest. Im September lautete die IWF-Wachstumsprognose für 2011 1,4 Prozent Wachstum, deutlich unter den inzwischen nach unten revidierten Regierungsprognosen. Anfang Oktober prophezeite das französische Konjunkturinstitut Insee, dass das offizielle Ziel eines Wachstums von 1,7 Prozent im Jahr 2011 wohl nicht erreicht wird, da die schwache Konjunktur vom 2. Quartal (0,1 Prozent Wachstum wie in Deutschland, aber Deutschland wird wohl 2011 insgesamt bei 2,8 Prozent mit einer Teuerungsrate von 2,3 Prozent beharren) sich zwar im dritten Quartal auf 0,3 Prozent leicht verbessern sollte aber im vierten Quartal auf Null-Wachstum zurückfallen werde, was an die Grenze der Rezession führt. Auch für Deutschland warnte das Institut für Weltwirtschaft in Kiel vor dem Abrutschen in die Rezession. Nach einer Arbeitslosenrate von 9,1 Prozent im ersten Halbjahr, zwei Prozent mehr als in Deutschland, wird die Zahl der Arbeitssuchenden auf 9,2 Prozent im zweiten Halbjahr steigen. Damit wird das Regierungsziel einer Rückführung der Arbeitslosigkeit auf knapp 9 Prozent nicht erreicht. Die Experten von Goldman Sachs versprechen den Franzosen ein Wachstum von 0,2 Prozent im nächsten Jahr, niedriger als dasjenige von 0,8 Prozent, das Deutschland vom Institut für Weltwirtschaft angekündigt wird.

Einsparungen statt Konjunkturspritze

Für das kommende Jahr 2012 bleibt die französische Regierung gegen alle Unkenrufe trotzdem bei ihrer im August reduzierten Vorgabe von 2,25 auf 1,75 Prozent Wachstum bestehen und will trotz erlahmender Konjunktur ihren Haushalt auf Vordermann bringen. Der Haushaltsentwurf 2012 vom Finanzminister François Baroin und von der Haushaltsministerin Valérie Pécresse sieht eine Minderung des Haushaltsdefizits von heute 7 Prozent auf 5,7 Prozent und entsprechend den Maastrichter Stabilitätskriterien auf 3 Prozent des BIP im Jahr 2013 vor. Um dieses „unabänderliche Ziel“ zu erreichen hat sich die Regierung eine umfangreiche Streichung von Steuervergünstigungen vorgenommen. Wenn auch mit einer höheren Untergrenze, um den Mittelstand zu schonen, bleibt die Vermögenssteuer erhalten. Der EK-Steuer-Höchstsatz wird nach oben erweitert. Unter anderem gehören eine Heraufsetzung der Alkohol- und Tabaksteuer sowie eine Änderung der Besteuerung für Immobilienbesitz dazu. Auch Soda-Getränke werden demnächst höher besteuert. Die Steuerfreiheit für Überstunden soll über Auflagen für Unternehmen so korrigiert werden, dass die Arbeitnehmer dadurch nicht benachteiligt werden. Zudem soll es eine Sonderabgabe für die reichsten Franzosen geben, die zurückgenommen wird, wenn das 3 Prozent-Defizitziel erreicht wird. Vor allem fällt die fortschreitende Halbierung der Beamten- und Staatsangestelltenstellen ins Gewicht. Die gegen anhaltende Unruhen im letzten Herbst durchgesetzte Erhöhung des minimalen Renteneintrittsalters von 60 auf 62 Lebensjahre und die stillschweigende Verschiebung der Vollzahlung der Rente auf das 67te Lebensjahr, wird sich erst später auswirken. Zur Haushaltskonsolidireung sollen im laufenden Jahr eine Milliarde Euro und im kommenden 11 Milliarden Euro eingespart werden. «Die Toleranzschwelle bei der Verschuldung ist überschritten (...) Unser Land kann nicht ewig über seine Verhältnisse leben», sagte Premierminister François Fillon zu dem Sparpaket, das er im letzten September dem Parlament vorstellte.

Aber alle Spatzen von Paris schreien es von den Dächern: Setzt sich die Krise von Euroland fort, so wird dieses Ziel illusorisch werden. Für Optimismus hatten im Frühsommer die Senkungen der Rohstoffpreise (Öl, Getreide, Metalle, usw.) gesorgt aber nach dem Börsenbeben vom Sommer und angesichts der bedrohten Liquidität der französischen Banken, sowie der gigantischen Staatsschuld und der Wachstumsschwäche der USA, mit dem Verlust der AAA-Note im Eldorado des Kapitalismus verbunden, hat sich die Konjunktur eingetrübt. Hinzu kam die Schreckensnachricht der 15 Milliarden Euro, die für den Griechenland-Rettungsplan vom 21. Juli (für Deutschland sind es 19 Milliarden) von den Steuerzahlern verlangt werden. Dabei hat dieser stattliche Betrag die Märkte weder beeindruckt noch überzeugt. Der Plan ist in ovo gescheitert. Hiobsbotschaften haben sich gehäuft. Der französische Aktienindex CAC 40 hat im dritten Quartal 2011 25 Prozent seines Wertes eingebüsst. Die Investitionen gehen zurück. Die überhöhten Immobilienpreisen geben etwas nach. Die Wirtschaftstätigkeit ist auf dem niedrigsten Niveau seit Juli 2009. Die Gesamtverschuldung erreichte zum Ende des zweiten Quartals 1.692,7 Milliarden Euro (46,5 Milliarden Euro mehr im zweiten Quartal), bzw. 86,2 Prozent des BIP, nach „nur“ 66,8 Prozent des BIP vor 2008. Hinzukommt, dass ganz im Gegensatz zum deutschen Außenhandel die französische Außenhandelsbilanz eine Tragödie ist. Die Ausfuhren haben im zweiten Quartal nur um 0,3 Prozent zugenommen, während die Einfuhren viel stärker zunahmen, so dass das im letzten Jahre 2010 von 44.223 auf 51.442 Milliarden Euro gestiegene Aussenhandelsdefizit sich noch verschlechtern wird. Frankreich hat sich in den letzten Jahren „ent-industrialisiert“: Während jede dritte Arbeitsstelle in Deutschland in der Industrie ansässig ist, so gilt das in Frankreich nur für jede sechste. Schaut man genauer hin, so waren die meisten Arbeitsstellen, die im Jahre 2010 und im ersten Quartal 2011 geschaffen wurden, im Dienstleistungssektor angesiedelt. Nach den Zweifeln an der Zahlungsfähigkeit der französischen Banken hatte im Spätsommer eine möglicherweise bevorstehende Herabstufung der Bonität Frankreichs an den Börsen für Aufruhr gesorgt. Neulich stand dieser gute Standard wegen der Bankenschwäche, vor allem wegen der Pleite der belgisch-französischen Dexia-Bank, unter leichtem Druck. Es scheint jedoch, dass Premierminister Fillon gelungen ist, dem belgischen Staat das meiste aus dem Giftschrank der Dexia aufzubürden.

Doch noch AAA

Trotzdem behält Frankreich bis auf weiteres seine dreifache AAA-Benotung, die ihm Kredite mit niedrigen Zinsen sichert. Diese gute Benotung, die die Regierung mit Haaren und Klauen verteidigt, ist hauptsächlich auf das Sparpaket der Sarkozy-Fillon-Regierung zurückzuführen. Frankreich will finanzpolitisch zudem bei der Defizitbekämpfung den engeren Schulterschluss mit Deutschland suchen. Vielleicht ist sogar die Lage des Außenhandels nicht ganz aussichtslos. Die Zahl der exportierenden Unternehmen war, nach einem Rückgang 2009, wieder 2010 auf 94.800 Unternehmen angestiegen, was einer Zunahme von 3,2% entsprach. Vor allem die Klein- und Mittelbetriebe mit weniger als 20 Beschäftigten kehrten wieder verstärkt auf die internationalen Märkte zurück, nachdem sie seit 2002 eher zurückhaltend waren. Auch unter den großen Unternehmen, die besonders unter der Wirtschaftskrise gelitten haben, wuchs die Zahl der Exporteure wieder. Für die gute Note sprechen auch einige Modernisierungen. Um nur eine davon zu nennen, ist es neulich gelungen, ein französisches „cloud computing“ unter dem Fittich von France Télécom, Dassault Systems und Thales aufzubauen, um sich dem amerikanischen Zugriff von Atos/Microsoft zu entziehen. Frankreich behält auch seine Atomindustrie, die billigen Strom liefert, aber nur solange die Grünen im Schlepptau der Sozialisten in die Regierung nicht einsteigen. Der größte Trumpf ist die französische Geburtenrate von 2,1 Kind pro Frau (Deutschland: 1,3), die im Jahre 2030 2 Millionen mehr Staatsbürger auf den Arbeitsmarkt werfen wird und 2050 Frankreich einen demografischen Vorsprung vor Deutschland sichern könnte. Entgegen anders lautenden Aussagen ist diese positive Geburtenrate nur zu einem Sechstel den Bevölkerungskreisen aus der Migration zu verdanken. Fünf von sechs Neugeburten sind Kinder von Stammfranzosen.

Trotz der geringen Verhandlungswilligkeit und der großen Demonstrations- und Streikbereitschaft der französischen Gewerkschaften, trotz der ideologischen Archaismen der französischen Linken, die den Untergang des Marxismus nicht unmittelbar wie hierzulande in der DDR erlebt haben, treten einige Neuentwicklungen in Erscheinung. Die überraschendste wurde bei den 18-19jährigen Franzosen vom Meinungsinstitut Opinionway neulich festgestellt. Noch vor fünf Jahren sah jeder zweite von ihnen seine Zukunft im sicheren und ruhigen Hafen des Staatsdienstes. Vor zehn Jahren dekretierte die Sozialistin Martine Aubry die 35-Stunden-Arbeitswoche und sie kämpft heute noch für die Rente mit 60. Aber 57 Prozent der jungen Franzosen (67 Prozent bei den Inhabern eines Hochschuldiploms) wollen jetzt in einem Privatunternehmen arbeiten und 11 Prozent wollen sogar ein Unternehmen gründen. 72 Prozent sind bereit mehr als die Norm zu arbeiten, 64 Prozent dafür auf Freizeit zu verzichten. Die Entlohnung ist nur die dritte ihrer Prioritäten nach dem Arbeitsethos und der Stimmung im Betrieb. Darüber hinaus haben sie sich den neuen IT-Technologien mit einer umwerfenden Virtuosität und Leidenschaft angepasst und verschrieben. Sie sind „ihre schöne, neue Welt“. (JPP)

 

 

▪ Eurokrise: Merkel dringt auf Griechen-Pleite

Macht ein radikaler Schuldenschnitt Griechenlands Sinn? Die Bundesregierung hält eine Insolvenz des Landes auf Dauer für unvermeidbar, heißt es in mehreren Quellen. Frankreich steht der Idee offenbar noch skeptisch gegenüber. Die Idee einer „geordneten Insolvenz“ für Griechenland war Mitte September vom deutschen Finanzminister und Vize-Kanzler, dem Liberalen Philipp Rösler, formuliert worden. Damals hatten sich die Kanzlerin und der Finanzminister Wolfgang Schäuble von ihm distanziert. Rösler meinte, es gäbe „keine Denkverbote“. Aber die deutsche Regierung und in größerem Masse die französische gaukelten der Öffentlichkeit vor, es reiche, den Griechen mit Kredithilfen Zeit für eine Sanierung der Staatsfinanzen zu kaufen. Aber diese Annahme war so unglaubwürdig, dass trotz immer mehr Kreditprogramme keine Ruhe mehr einkehrte.

War die damalige Stellungnahme von Rösler mit Frau Merkel abgesprochen? Damit die Öffentlichkeit, sich allmählich damit vertraut macht, dass Griechenland uns noch mehr als geplant kosten wird? Wenn aber an einem Körper der Wundbrand nagt, dann muss man das kranke Glied amputieren. Freilich, die Eurozone würde nach der Verlegung Griechenlands in Quarantäne nicht mehr die Festung sein, die uns vor den Weltstürmen schützte. Aber ganz im Gegenteil zur landläufigen Meinung, dass der Austritt Griechenlands Euroland schaden würde, denken wir, dass die Märkte vor einer Eurozone ohne den „kranken Mann an der Ägäis“ mehr Respekt hätten. Ein Problem ist die Durchführung einer kontrollierten Insolvenz: Ein festgelegtes, planmäßiges Verfahren gab es nicht. Insofern war das Wort „geordnet“ von Rösler ebenfalls Augenwischerei. Inzwischen haben die Experten Verfahrensweisen entwickelt, wie man die griechischen Schulden teilen und strecken könnte, damit die internationalen und nationalen Finanznetze nicht zu massiv leiden.

Die Menschen und vor allem die Steuerzahler unter den Menschen sind nicht so dumm. Sie verstehen, dass ein Land wie Griechenland, das jetzt mindestens und steigend 5 Prozent ihres BIP jährlich verliert und eine kumulierte Schuld von mehr als eineinhalb Mal sein Nationalvermögen aufweist, nie zurückzahlen wird. Warum also immer mehr Geld von den Steuerzahlern in dieses Fass ohne Boden werfen? Lieber Griechenland für Bankrott erklären und einen Schlussstrich ziehen. Darunter werden die Banken leiden Natürlich müssen sie blechen! Natürlich sind sie extrem unpopulär geworden, zumal sie nicht in der Lage sind, Selbstdisziplin zu üben. Aber nüchtern betrachtet, ohne Banken gibt es  keine Industrie, kein Handwerk und keine Sparer. Man schätzt die Verluste auf ca. 20 Milliarden Euro für die deutschen und französischen Banken. Hinzukommen ca. 30 Milliarden für die ganz privaten Griechenland-Investoren. Aber diese 50 Milliarden sind verkraftbar, wenn die Banken genug Eigenkapital besitzen. Sie müssen nur genug Zeit haben, ihre Kassen zu füllen und ihre Bücher nachzurechnen. Allerdings könnten im Nachhinein die europäsischen Unternehmen darunter leide, denn die blutenden Kreditinstitute werden sehr viel zurückhaltender werden. Die europäische Industrie und der Handel werden könnten wohl ca. 600 Milliarden Finanzierungen aller Art verlieren.

Damit ist eine andere Gefahr nicht gebannt, und zwar die einer Ansteckung anderer, größerer Staaten wie Spanien und Italien. Die Aufgab der Europäer muss es jetzt sein zu verhindern, dass die griechische Seuche sich verbreitet. Es geht nur, wenn die deutschen und französischen Banken mehr eigenes Geld haben, womit sie einer schweren Erschütterung widerstehen könnten. Sie müssen schneller und umfangreicher als nach Beschlüssen von Basel III rekapitalisiert werden. Vielleicht muss eine Groß- und Globalrettung des Bankensystems wie im Oktober 2008 durgeführt werden. (Eurbag)

Radikaler Schuldenschnitt im Fokus

Die Bundesregierung drängt ihre Partner in der EU zu einem umfangreichen Schuldenschnitt für Griechenland. "Wir setzen uns dafür ein", hieß es in Regierungskreisen. Das Thema sollte am Sonntagabend beim Treffen von Kanzlerin Angela Merkel mit Frankreichs Präsidenten Nicolas Sarkozy eine entscheidende Rolle spielen.

Gesamtkonzept bis Ende Oktober

Frankreich steht der Idee offenbar noch skeptisch gegenüber. Merkel und Sarkozy sagten am Rande des Treffens lediglich, sie wollten bis Ende Oktober ein Gesamtkonzept zur Lösung der Schuldenkrise vorlegen. Daraus werde sich "eine dauerhafte Lösung für Griechenland als Teil des Euroraums" ergeben.

Troika prüft nächste Kredittranche

Offiziell fordert die Bundesregierung derzeit keine Pleite, sondern nur eine höhere Beteiligung des Privatsektors am Rettungspaket, das im Juli vereinbart worden war. Merkel und Sarkozy verwiesen am Sonntag auf den Bericht der Troika aus IWF, EZB und EU-Kommission. Die Troika prüft, ob Griechenland die Anforderungen für die nächste Kredittranche in Höhe von acht Milliarden Euro erfüllt. Wird sie nicht gewährt, droht im November die Staatspleite.

Berlin hält Insolvenz auf Dauer unvermeidbar

Der FTD wurde am Sonntag aus mehreren Quellen bestätigt, dass die Bundesregierung eine Insolvenz des Landes auf Dauer für unvermeidbar hält. Wann diese verkündet wird, ist noch nicht geklärt. Deutschland muss mit Widerstand in der EU-Kommission und mehreren Mitgliedsstaaten rechnen.

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso warnt in der "Bild-Zeitung vor "unabsehbaren Folgen" einer Insolvenz. Die Krise könne leicht auf andere Länder übergreifen. Der britische Premierminister David Cameron sagte der "Financial Times", ohne eine Lösung in den nächsten Wochen drohe ein ökonomisches Desaster. Der IWF solle eine aktivere Rolle spielen.

Schlecht für deutsche Steuerzahler

Ein Schuldenschnitt würde zu erheblichen Abschreibungen bei den europäischen Banken führen. Erstmals würden auch die deutschen Steuerzahler direkt in Anspruch genommen. Bisher hat Griechenland von anderen Eurostaaten und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) 65 Milliarden Euro an Krediten bekommen. Auf die deutsche KfW-Bank entfallen gut 13 Milliarden Euro. Wird ein Teil abgeschrieben, muss das aus dem Bundeshaushalt gedeckt werden.

Deutschland und Frankreich wollen Banken stützen

Die ungelöste Euro-Schuldenkrise hat zu Spannungen an den Finanzmärkten geführt. Am Wochenende musste der französisch-belgische Kommunalfinanzierer Dexia wegen einer Schieflage verstaatlicht werden. Deutschland und Frankreich unterstützen daher gemeinsam die Pläne für eine Kapitalaufstockung der größten europäischen Banken. Merkel sagte, sie werde sicherstellen, dass für alle Banken die gleichen Kriterien gelten würden.

Einen Teil der Bankenrekapitalisierung könnte der Euro-Rettungsfonds EFSF übernehmen. Seine neuen Instrumente wie Anleihekäufe oder vorbeugende Kreditlinien kann der Fonds erst nutzen, wenn auch die Slowakei als letztes der 17 Euroländer dem zugestimmt hat. Dort droht an der Frage des Schirmes die Regierung zu zerbrechen. Die Abstimmung im Parlament ist für Dienstag angesetzt.

Der griechische Staat braucht Geld vom Bürger, doch das Inventar der Ämter ist völlig veraltet. Sogar in Müllsäcken werden Steuererklärungen aufbewahrt.

Merkel und Sarkozy reagierten auch auf das Drängen der USA und Chinas, die EU müsse ihre Schulden- und Bankenkrise eindämmen, damit die Welt nicht erneut in die Rezession abgleite: Beide versprachen, zum G20-Gipfel Anfang November ein starkes Europa zu präsentieren.

 Financial Times Deutschland (10.10.2011)

Schuldenschnitt für Hellas: Was kommt auf uns zu?

Seit Monaten wird wegen der desolaten Finanzlage Griechenlands über eine Umschuldung des Landes debattiert. Ein solcher Schuldenschnitt - auf Englisch "Haircut" - hätte weit reichende Folgen für die Gläubigerstaaten, die Banken und den Steuerzahler. Lesen Sie, was genau ein "Haircut" ist und was auf Deutschland im Fall einer Griechen-Pleite zukommen würde.

Gläubiger müssen verzichten

Ein Schuldenschnitt, auch "harte" Umschuldung genannt, bedeutet, dass einem Land ein Teil seiner Schulden dauerhaft erlassen wird. Dafür müssten die Gläubiger - vor allem Banken, Investoren und Staaten - auf Teile ihrer Forderungen verzichten. Dabei wird die Rückzahlung entweder gestreckt oder sie fällt sogar ganz aus.

Ausfallrisiko von 50 bis 70 Prozent

Experten schätzen im Falle Griechenlands, dass der Schuldenschnitt bei 50 bis 70 Prozent der Forderungen liegen könnte. Der Vorsitzende der Eurogruppe, Luxemburgs Premierminister Jean-Claude Juncker erklärte im österreichischen Fernsehsender ORF, man rede über mehr als 50 oder 60 Prozent. Je stärker eine Bank etwa in griechische Staatsanleihen investiert hat, umso höher ist das Ausfallrisiko für das Geldhaus.

Banken drohen Milliardenverluste

Ein Staat, der eine "harte" Umschuldung akzeptieren muss, ist quasi zahlungsunfähig. Bei einem Schuldenschnitt für Griechenland könnten Kreditinstitute, die griechische Staatspapiere in ihren Büchern haben, Milliarden verlieren. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) kaufte in der Krise massenhaft Staatspapiere auf.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy kündigten jedoch bereits an, man werde das Nötige tun, um die Rekapitalisierung der Banken sicherzustellen. Die Finanzausstattung der Institute soll zum Beispiel über Kredite, staatliche Garantien oder Kapitalerhöhungen an der Börse verbessert werden.

Neuanfang nach geregelter Pleite

Ein geregeltes Verfahren zur Entschuldung Griechenlands soll das schlimmste denkbare Szenario verhindern, den unkontrollierten Bankrott. Mit der Umschuldung sollen die Verbindlichkeiten kontrolliert schrumpfen und so einen finanziellen Neuanfang möglich machen.

So könnten etwa alte Staatsanleihen mit einem Abschlag von 50 Prozent in neue umgetauscht werden. Dies macht für die Gläubigerbanken entsprechende Abschreibungen erforderlich. In dem Fall verringert sich die Staatsschuld auch um 50 Prozent.

Schuldenschnitt belastet auch Steuerzahler

Kommt es in Griechenland zu einem Schuldenschnitt von etwa 60 Prozent, ist neben deutschen Banken auch der Staat betroffen. Aus dem ersten internationalen Griechenland-Paket vom Mai 2010 flossen bisher 65 Milliarden der 110 Milliarden Euro nach Athen ab. Deutschlands Notkredite beliefen sich nach den fünf Raten zuletzt auf etwa 13,45 Milliarden Euro. Dabei handelt es sich um Kredite der staatlichen Förderbank KfW.

Weil der Bund dafür bürgt, müsste der Finanzminister einen Ausfall ersetzen. Erstmals droht so der Verlust von Steuergeldern. Von den 13,45 Milliarden wären aber nicht automatisch 60 Prozent verloren, weil die genauen Bedingungen einer drohenden Umschuldung in Athen noch unklar sind. Zusätzliche Risiken trägt der Bund über die staatliche "Bad Bank" FMS Wertmanagement, die faule Papiere der Hypo Real Estate (HRE) hält. Die FMS war zum 30. Juni mit rund 8,7 Milliarden beim griechischen Staat engagiert.

Risiken für deutsche und französische Finanzwirtschaft

Die Commerzbank ist in Griechenland nach Berechnungen von Bloomberg mit rund 2,2 Milliarden Euro engagiert (Stand Ende Juni), die Deutsche Bank mit 1,15 Milliarden Euro. Die genossenschaftliche DZ Bank mit etwa 790 Millionen Euro, die Allianz mit rund 780 Millionen Euro und die Bad Bank der WestLB mit 1,2 Milliarden Euro. Insgesamt - inklusive Bad Banks - summierte sich das Athen-Risiko für die deutsche Finanzwirtschaft nach Angaben der Geldhäuser und der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ, Stand Ende Juni) auf etwa 17,5 Milliarden Euro.

Die griechischen Kredite der französischen Banken belaufen sich auf 3 552 Milliarden Euro bei der BNP Parisbas, 144 Milliarden beim Crédit Agricole und 1 600 Milliarden bei der Société Générale. Die Aktie Parisbas verlor infolgedessen an den Börsen seit dem 1. Juli 2011 52,11 Prozent ihres Wertes, diejenige vom Crédit Agricole 55,378 Prozent und diejenige der Société Générale 63,31 Prozent. Inzwischen hat sich die Rangliste der französischen Banken verschoben. Aufgrund der Kursverluste der Société Générale ist der Crédit Agricole zur Nummer zwei hinter der BNP geworden. Allerdings hat diese Bank, die mit der Landwirtschaft nur noch wenig zu tun hat, eine Achilles Ferse: Der Kauf der sechstgrossen griechischen Bank Emporiki hat sich als Kardinalfehler erwiesen.

Allerdings konnte sich der Crédit Agricole 2007 mit seiner damaligen Tochtergesellschaft Calyon geräuschlos und mit geringen Schaden von einem Händler in New York trennen, der hohe Milliardenverluste angehäuft hatte, während die Société Générale die Verträge ihres Traders Jérôme Kerviel in drei Tagen verlustreich auflösen musste. Der Crédit Agricole entschied sich, als die Krise kam, seine Investmentbank zu verkleinern, aber das Filialgeschäft erwies sich wie gesehen, nicht nur in Griechenland, als Falle. Die Stärke von BNP Parisbas besteht darin, dass sie den geringeren Anteil griechischer Staatsleihen besitzt.

Hans Werner Sinn: ein Austritt wäre für Griechenland die beste Lösung

Mitte September hatten wir (Eurbag Magazin) uns mit dem Präsidenten des Ifo – Instituts, Prof. Hans Werner Sinn, in München unterhalten. Er meinte, er und Minister Rösler hätten nicht den Ausschluss Griechenlands aus Euroland gefordert, sie seien eher dafür gewesen, dass Griechenland sich zu seiner Zahlungsunfähigkeit bekennt und in einen kontrollierten und gestreckten Bankrottprozess einsteigt, der keine Katastrophe wäre. Prof. sagte uns wörtlich:

das unter den Alternativen, die Griechenland zurzeit hat, das kleinste Übel für Griechenland selbst ist. Es ist besser für Griechenland. Das ganze Geld, das Griechenland von der Staatengemeinschaft erwarten kann, wiegt die Nachteile eines ewigen Siechtums nicht auf, das diesem Land droht, wenn es im Euroraum verbleibt, denn es ist viel zu teuer. Was nützt der Lebensstandard, wenn die jungen Menschen arbeitslos sind und keine Perspektiven für die Zukunft mehr haben? Nur der Austritt und eine Abwertung um 30%, vielleicht sogar um mehr, kann Griechenland retten.

Aber ein Mitgliedsstaat darf gar nicht aus der Eurozone ausgeschlossen werden. Außerdem sieht der Lissabonner Vertrag vor, dass ein Land aus der EU aussteigen kann, aber nicht aus der Währungsunion. Wie wäre denn Griechenlands Austritt zu machen?

Der Austritt ist mit verschiedenen Begründungen möglich. Erstens hält sich in Europa sowieso kein Mensch mehr an Verträge. Frau Lagarde hat mehrfach öffentlich gesagt, dass bei Griechenlands Rettung der Maastrichter Vertrag bewusst gebrochen wurde. Also kann man auch den Vertrag noch mal brechen, wenn Griechenland aus der Währungsunion heraus und in der EU bleiben möchte. Um die Juristen zu befriedigen, könnte man aber auch so vorgehen:  Griechenland erhält einen Sonderstatus, bei dem es formell Mitglied bleibt, doch temporär die Drachme einführt. Wenn es später die Bedingungen für eine Vollmitgliedschaft im Euroraum wieder erfüllt, kann es wieder zurückkehren.

Es wird immer wieder behauptet, dass es ein Minuspunkt ja sogar eine Blamage für die Währungsunion wäre und dass es wegen des Vertrauensverlusts der Märkte dann zu katastrophalen Zuständen führen würde. Darüber hinaus spricht Frau Merkel noch vom Dominoeffekt. Kann eine solche Situation eintreten?

Der Dominoeffekt findet in jedem Fall statt. Ohne Rettung über die Budgets der Banken, mit Rettung über die Budgets der Staaten. Einer steckt den anderen an, indem er ihm Lasten überträgt. Als Steuerzahler finde ich die Ansteckung über die Budgets der Banken angenehmer. Die Märkte werden nervös, wenn die Vermögensbesitzer befürchten, dass sie ihre griechischen Staatspapiere nicht an die Steuerzahler abgeben können. Die Steuerzahler hingegen werden nervös, wenn die Vermögensbesitzer ihnen die Lasten ihrer Fehlentscheidungen übertragen. Es findet derzeit ein riesiges Vermögenspoker zwischen den Steuerzahlern der soliden Länder und den Banken und anderen Kapitalanlegern statt. Wer die schwächeren Nerven hat, verliert sein Vermögen. Wenn man sich das einmal klar macht, kann man gelassener gegenüber den Drohungen angelsächsischer Medien bleiben. Die City of London mitsamt ihrer Presse sieht die Welt untergehen, wenn die Steuerzahler der solideren Länder ihnen nicht die Last abnehmen. Sie bluffen aber nur. Nicht die Welt geht unter, sondern ihr Vermögen. Nach dem Crash berappelt man sich meistens schnell wieder.

Ja, könnte der Austritt Griechenlands sich positiv auswirken?

Wenn Griechenland austräte, all seine Schulden in Drachme verwandeln und dann abwerten würde, könnte Griechenland einen Neustart probieren. Die Banken und anderen Kapitalanleger würden ihre Wunden lecken, und dann würden auch sie weitermachen. Die Staaten des Westens müssten ihre als systemrelevant eingestuften Banken retten, wie sie es ja nach der Lehman-Krise am 10. Oktober 2010 vereinbart hatten. Es gäbe ein Gewitter, und dann schiene wieder die Sonne. Einen Zusammenbruch des Interbankenmarktes wie nach Lehman, halte ich derzeit nicht für die große Gefahr,  eben weil die Bankenrettung ja gesichert ist und weil sich jeder auf diesen Fall ein Jahr lang hat vorbereiten können. Die französischen Banken haben sich großenteils ihrer griechischen Wertpapiere entledigen können indem sie sie an die  EZB verkauft haben. Die Steuerzahler Europas tragen bereits erhebliche Lasten. Wie viel sollen sie denn noch tragen? Das Maß ist voll.

Sie haben angedeutet, dass die Währungsunion in ihrem Ansehen gestärkt wird, wenn Griechenland nicht mehr drin ist. Stimmt es?

Nicht in ihrem Ansehen, sondern in ihrer Funktionsfähigkeit. Die Märkte und die ganze Welt sehen heute, dass der Euroraum nicht mehr funktioniert. Man braucht ein überzeugendes, funktionierendes Modell. Was ist das Problem? Es gab  im Euroraum bis zu Krise eine Zinskonvergenz zugunsten der peripheren Länder. Sie haben sehr viel billigeres Geld als normal bekommen. Sie wurden inflationär aufgebläht. Sie wuchsen real aber die Preise und Löhne wuchsen weit über das vernünftige Maß hinaus. Es war eine Seifenblase, die dann geplatzt ist, als die Kapitalmärkte nicht mehr bereit waren, die Leistungsbilanzdefizite im Außenhandel zu finanzieren. Da sind wir heute angelangt. Sie stecken mit den zu hohen Löhnen und Preisen für Güter und für Vermögensobjekte fest und wissen nicht, wie sie die resultierenden Außenhandelsdefizite weiter finanzieren sollen. .

Jetzt versucht die europäische Staatengemeinschaft das Problem zu lösen, indem sie anstelle der privaten Kreditmittel, die in diese Länder geflossen sind, öffentliche Kreditmittel setzt. Das geschieht im Euroraum über die EZB, die in den letzten dreieinhalb Jahren bald 550  Milliarden Euro in diese Länder an Krediten gegeben hat. Aber diese Politik zementiert die falschen Löhne und Preise und die Leistungsbilanzdefizite. Sie impliziert also, dass weiterhin und dauerhaft ein Kreditstrom in diese Länder erforderlich ist. Das ist nicht der richtige Weg. Es leert nur die Taschen der Länder, die diesen Kreditstrom zur Verfügung stellen. Wenn sie leer sind, bricht der Euro zusammen. Wir können das Problem in der Zeit ein bisschen nach vorne schieben, aber es wird dadurch nicht kleiner, sondern immer größer, weil jedes Jahr die Auslandsschuld wächst.

Wie kommen wir daraus? Nur, indem die Länder, die zu teuer sind, um wettbewerbsfähig zu sein, billiger werden. Das geht nur, indem man im Euroraum die Preise und Löhne kürzt oder indem man aus dem Euroraum austritt und dann abwertet. Es sind grundsätzlich die einzigen Möglichkeiten, die bestehen. Alle anderen technischen Möglichkeiten, worüber öffentlich diskutiert wird, müssen sich dieser Grunderkenntnis unterordnen. Wenn ein kleinerer Abwertungsbedarf da ist, weil das Ungleichgewicht nicht so groß ist – ich denke, das ist bei Spanien oder Italien der Fall,  kann man das Problem in der Eurozone lösen, indem man in eine längere Phase der Stagnation geht, wo die Löhne und Preise kaum steigen. Aber im Falle Griechenland ist gibt es keine Lösung, weil seine Löhne und Preise meilenweit über dem Gleichgewichtsniveau liegen. Griechenland konsumiert 17 Prozent mehr als das Nationaleinkommen, und sein Leistungsbilanzdefizit lag zuletzt bei 24 Mrd. Euro oder 10% des BIP. Die griechischen Preise und Löhne müssten nach Meinung einiger Beobachter um 20 bis 30 Prozent billiger werden. Manche reden sogar von 50 Prozent. Das geht nicht im Euroraum, sondern nur außerhalb des Euroraums. Bei dieser Lösung gibt es zwar einen Bank Run. h. die Griechen würden ihre Konten räumen und die griechischen Banken sind pleite. Aber bei der anderen Lösung, wenn sie im Euroraum billiger werden, dann sind die Firmen der Realwirtschaft großenteils pleite. Die Bankschulden bleiben, während ihre Aktiva, ihre Vermögenswerte mit der allgemeinen Preissenkung in den Keller gehen.  Wie man es dreht und wendet, ist es ein Problem.

Aber ich glaube, es ist besser, dass die Realwirtschaft überlebt und die Bankbilanzen verbrennen als dass die Realwirtschaft untergeht. Dann gibt es bürgerkriegsähnliche Zustände und zusätzlich zu den Bankbilanzen verbrennen die Bankgebäude. Denken Sie an Deutschland! Es hat von 1929 bis 1933 um 23 Prozent die Preise gesenkt. Wir durften wegen der Versailler Vertrages und des Dawes- und Young-Plans nicht abwerten, weil die Reparationsleistungen nicht in abgewerteter Reichsmark zu zahlen waren. Also musste Deutschland den Weg der rabiaten Sparprogramme gehen. Im Rahmen dieser durch die Brüningschen Notverordnungen dekretierten Sparprogramme sind die Löhne um 30 Prozent und die Preise um 23 Prozent innerhalb von vier Jahren gefallen. Sie wissen, was passiert ist: Deutschland ist an den Rand des Bürgerkrieges geschoben worden und das brachte die Nazis hoch. In Griechenland gibt es zwar keine Gefahr für eine Nazi-Bewegung, doch könnte das Land durch exzessive Sparprogramme an den Rand des Bürgerkriegs getrieben werden. Wir haben schon jetzt Demonstrationen und Ausschreitungen, obwohl Löhne und Preise noch gar nicht gefallen sind. In Griechenland ist wenig passiert, im Gegensatz zu Irland, das schon wesentliche Fortschritte gemacht hat. Ein Vertreter des IWF soll die Reformbemühungen Griechenlands mit den Signalen eines klinisch Toten verglichen haben.  Eurbag Magazin (11.10.2011)

 

 

 ▪ EU will Länderratings verbieten

In der Euro-Schuldenkrise stehen Rating-Agenturen heftig in der Kritik: Ihre Herabstufungen würden das Schlamassel der Länder verschärfen, lautet der Vorwurf. Die EU-Kommission versucht deshalb, mit einem radikalen Vorschlag gegenzusteuern. Bekanntlich sind sie in der Hand der amerikanischen Investoren oder Behörden, die kein Interesse daran haben, dass die Eurozone als Wirtschaftseinheit sich weiterentwickelt. EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier will es Rating-Agenturen notfalls verbieten, Urteile über kriselnde EU-Länder zu veröffentlichen. In einem vertraulichen Vorabentwurf für eine Reform des Gesetzes zu den Rating-Agenturen schlug Barnier vor, dass die neue Wertpapieraufsicht ESMA das Recht erhält, die Veröffentlichung von Einschätzungen über die Zahlungsfähigkeit "vorübergehend zu untersagen".Ein Verbot könne verhindern, dass ein Rating in einem "unangebrachten Moment" kommt, "mit negativen Folgen für die Finanzstabilität des Staates und möglichen destabilisierenden Effekten auf die Weltwirtschaft", heißt es im Entwurf. Kaum versucht in der Tat ein Staat von Euroland seine Finanzen und seine Wirtschaft zu konsolidieren, da fällt die eine oder die andere Agentur ein Negativurteil und stuft seine Bonität ab. Damit wird die Erholung dieses Staates zunichte gemacht, weil seine Anleihen und Schulden nunmehr viel teuerer werden. Mit seinem Vorschlag zog Barnier drastische Konsequenzen aus der Euro-Schuldenkrise und der heftigen Kritik an den Bonitätswächtern. Viele Politiker und Volkswirte werfen ihnen vor, die Lage einzelner Länder völlig falsch zu bewerten und mit ihren Urteilen die Krise immer weiter zu verschärfen. Herabstufungen sorgen regelmäßig für Unruhe an den Märkten. Das Rating eines Landes hat enorme Bedeutung dafür, zu welchen Konditionen es seine Schulden an den Finanzmärkten finanzieren kann. Eine Herabstufung führt dabei oft in eine Abwärtsspirale: Für ein Land wird es teuer, sich zu refinanzieren, dadurch verschlechtert sich seine Situation, was wiederum aufs Rating drückt. Verhandelt ein Land gerade über Finanzhilfen, kann das dazu führen, dass diese Unterstützung noch größer ausfallen muss. Barnier will Ratings auf Staatsanleihen auch generell verbessern. Die Bonitätswächter sollen ihre Einschätzungen mindestens alle sechs Monate überprüfen statt wie bislang alle zwölf. Zudem soll die Datenbasis der Urteile transparenter werden. Auch sollen sie erst nach Handelsschluss an den EU-Börsen, aber spätestens eine Stunde vor deren Eröffnung vorliegen.

 

 

▪ DIW Berlin: Schwaches Wachstumim zweiten Quartal nur vorübergehender Dämpfer

Die deutsche Wirtschaft ist im zweiten Quartal nur um 0,1 Prozent gewachsen. „Das ist zwar ein deutlicher Dämpfer, bedeutet aber kein Ende des Aufschwungs“, urteilt DIW-Konjunkturchef Ferdinand Fichtner. „Der Trend weist in der Industrie weiterhin aufwärts, wenngleich sich ein Tempoverlust abzeichnet.“ Für das Gesamtjahr 2011 dürfte das Wachstum nach Einschätzung des DIW Berlin bei rund drei Prozent liegen und damit nur wenig unter dem Rekordwachstum des vergangenen Jahres.

„Die Exporte sind zuletzt nicht mehr ganz so kräftig gestiegen, bleiben aber eine Stütze des Wachstums“, erläutert der DIW-Konjunkturchef. Gleichzeitig haben die Importe stärker zugelegt. Dies dürfte auch an den niedrigeren Rohstoffpreisen liegen, die die Unternehmen genutzt haben, um ihre Lager aufzufüllen. „Vor allem aber spiegeln die hohen Importe die gute Binnenkonjunktur in Deutschland wider“, so Fichtner weiter. „Gerade die starke Investitionstätigkeit hat die Einfuhren angekurbelt.“

Die Konsumnachfrage hat dagegen nach Einschätzung des DIW nur mäßig zum Wachstum im zweiten Quartal beigetragen. „Der Konsum lief zuletzt wegen der stark gestiegenen Preise in Deutschland schwach“, ergänzte DIW-Konjunkturexperte Simon Junker. „In der zweiten Jahreshälfte werden aber die sinkende Inflation und anziehende Löhne den privaten Verbrauch stützen.“

Immerhin lag im zweiten Quartal das deutsche Wachstum nur ganz knapp über demjenigen Frankreichs (0%). Das zeigt, dass die Gefahr von der Weltlage kommt. Die Börsenflaute im dritten Quartal wird wohl auch auf die Zahlen drücken.

 

 

▪ Was macht man nun aus dem „kranken Mann an der Ägäis“

Statt einer regelrechten Umschuldung Griechenlands durchzusetzen, was gar nicht so einfach ist, wurde am 17. Juni 2011 in Berlin von Nicolas Sarkozy und Angela Merkel doch noch ein Versuch gestartet, den bankrotten Staat am Mittelmeer zu refinanzieren. Die Frage stellt sich jetzt: Muss Griechenland immer wieder mit neuen Milliarden vor dem Pleitegeier gerettet werde? Oder wäre es nicht eher angeraten, dass seine Schuld gestundet wird, koste was es wolle, teurer als jetzt kann es ja nicht werden, und es einen größeren Spielraum bekommt, um seine Währung „floaten“ zu lassen, damit seine Preise wieder kostendeckend werden. Es ist nicht vorgesehen, dass man einen Staat aus dem Euro Club hinauswirft, das würde auch sehr ordinär aussehen, aber man könnte sich einen der früheren „Währungsschlange“ von Giscard und Schmidt ähnlichen Mechanismus vorstellen, der Athen ein bisschen Bewegungsfreiheit gönnt.

Manche griechische Demonstranten treten ja auch für einen Ausstieg aus dem Euro ein und die europäischen Steuerzahler wünschen sich nichts sehnlichster als das. Es muss aber nicht soweit gehen. Nicht nötig gleich von der Drachme zu reden. So „drachmatisch“ muss es nicht werden! Nennen wir diese Griechenwährung lieber „Euro light“ bzw. „Second Hand Euro“. Man muss schon irgendwie das Gesicht wahren.  Ob die Griechen daran glauben, ist zweifelhaft. "Dort denkt jeder erstens an sich selbst, dann an seine Familie, später an sein Dorf und vielleicht noch an die grosse weite Welt draussen vor der Tür", heisst es dort. "Faulpelze"? Nein, Egozentriker sind die Griechen. Ihnen steht das Hemd näher als der Rock und, wenn sie den Staat beschummeln können, freuen sie sich. Wer Jahrhunderte unter fremder Besatzung - in diesem Falle türkische - gelebt hat, trägt das in seinen Genen.

Die in Berlin an diesem denkwürdigen Tag beschlossene zweite, erneute Refinanzierung des griechischen Staates könnte 100 Milliarden Euro erreichen, nachdem ihm im letzten Jahr 110 Milliarden von der EU, von der EZB und vom IWF für drei Jahre gewährt wurden. Zunächst wird die Eurogroup Griechenland 8,7 Milliarden geben, damit es mit dieser kleinen Blutzufuhr bis September leben kann. Hinzu kommen 3, 3 Milliarden vom IWF aber nur unter der Bedingung pro forma, dass Athen Reformen seiner Wirtschaftspolitik durchführt. Es geht auch darum, die Märkte zu beruhigen. "Ein Bankrott Griechenlands könnte Portugal und Irland ,und aufgrund ihrer hohen Schuldlast auch Belgien und Italien noch vor Spanien kontaminieren", warnte Jean-Claude Juncker, der Eurogroup-Präsident in Luxemburg am 19. Juni.

Ein Besuch von Nicolas Sarkozy von Nicolas Sarkozy in Berlin am 17. Juni 2011 war in Deutschland mit gemischten Gefühlen erwartet worden. Kommentar des « Handelsblattes » vor dem Besuch : „Die Griechenland-Krise wird immer mehr auch zur Merkel-Krise. In keiner der verfügbaren Meinungsumfragen gibt es eine Mehrheit für den Europakurs der Kanzlerin. 70 Manager, darunter Telekom-Chef René Obermann, Daimler-Vorstandschef Dieter Zetsche und Siemens-Chef Peter Löscher, springen der Regierungschefin in Kürze bei, wie die Redaktion gestern exklusiv erfuhr. Mit einer Anzeigenkampagne, die in der kommenden Woche geschaltet werden soll, werben sie für weitere Milliardenüberweisungen nach Griechenland. Die Idee für die Aktion sei in der Regierungszentrale geboren, berichtete einer der Unterzeichner. Rettet den Euro, das ist das Leitmotiv. Die Unterzeile könnte lauten: Rettet Merkel“.

Und weiter: „Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy, der heute nach Berlin reist, lässt sich mutmaßlich nicht beeindrucken. Er lehnt bisher jegliche Beteiligung der Banken und Versicherungen an den Griechenlandhilfen ab, obwohl Angela Merkel sich nichts sehnlicher wünscht. Eine solche Beteiligung privater Investoren wäre nicht nur gerecht, sie würde der Kanzlerin auch in der Wählergunst helfen. Aber Sarkozy will nicht Merkel retten, sondern die französischen Banken“. Alles andere als freundlich gegenüber dem Gast aus Paris! Dennoch wurde wider Erwarten der Burgfrieden zwischen Deutschland und Frankreich an jenem Tag wieder geschmiedet. Der französische Präsident und die deutsche Bundeskanzlerin einigten sich über einen Plan, um den Euro noch einmal aus der Gefahrenzone zu holen.

Es wurde beschlossen, dass die Privatbanken sich an den Griechenlandlasten beteiligen werden, wie Berlin es wünschte, aber auf „freiwilliger“ Basis wie Paris und die EZB in Frankfurt es gewollt haben. Die Banken versuchten sich in Ausweichmanöver, um sich um einem Schuldenerlass für Griechenland zu drücken. Welchen sanften Druck man nun einsetzen wird, um die Privatinstitute soweit zu bringen, dass sie ihre griechischen Beteiligungen als Verluste abschreiben, hängt sicherlich von der Haltung der EZB ab, die bei einem Erlass von 40 Prozent der griechischen Staatsschuld 18 Milliarden Euro abschreiben müsste. Das hat einer der großen deutschen Denker in Sachen Wirtschaft errechnet: Hans-Werner Sinn, der Chef des Ifo-Institutes in München. Damit wäre die EZB aber „technisch pleite“, betrage doch ihr Eigenkapital nur 11 Milliarden Euro. Sie wird sich dennoch beteiligen müssen, verlautete es nach dem deutsch-französischen Gipfel. Die Klausel der Freiwilligkeit wird es auch möglichmachen, dass die eine oder die andere Bank in Deutschland und Frankreich nicht bankrott gemacht wird. Es hieß z. B., dass die französische BNP 5 Milliarden Euro maroder griechischer Anleihen hält.

Mit nur einer Umschuldung wäre das griechische Problem nicht gelöst, sondern nur vertagt. Im letzten Jahr hatte Athen als Preis für seine Rettung ein strenges Sparprogramm der EU und des IWF angenommen, was das Volk auf die Straße brachte und schwere Straßenschlachten auslöste. Griechenland konnte dieses Programm im ersten Jahr schon nicht erfüllen. Die Wirtschaftsleistung schrumpft weiter und die Schulden türmen sich. Es gibt dort zu viel Parallelwirtschaft und zu viel Steuerbetrug. Es liegt auf der Hand, dass Griechenland weder das zweite Rettungspaket zurückerstatten wird, noch seine horrenden Schulden, die fast so hoch wie der deutsche Bundeshaushalt sind, tilgen wird. Die Rettungspakete sind also Schaumschlägerei, Verband auf der eitrigen Wunde. Es geht darum, das Vertrauen in den Euro durch die Griechenland-Scheinbarrettung noch eine Weile zu unterstützen, bis die Inflation allmählich die Schulden tilgt. Die EZB wird dafür sorgen, dass die Inflation sich ganz langsam über Jahre, ja über Jahrzehnte entwickelt und nicht etwa schlagartig wie im Deutschland der 20er Jahre. Da könnte, die Niedriglohnempfänger noch Nahrung und Wohnung bezahlen und die sparsamen Rentner würden nicht vor ihrem Ableben ihr Erspartes verlieren. Im Jahre 2030 etwa würde die Euro-Schuld  dann sehr viel kleiner aussehen. Ob das funktioniert?

Auf jeden Fall wird es immer deutlicher, dass die Eurozone ihre Funktionsweise neu überdenken muss. Manche denken, dass es nicht weiter geht, wenn sie nicht ein paar Schritte in Richtung politische Integration weiter geht. Das würde bedeuten, dass sie sich einen Finanzministerium und eine Haushaltsunion zulegen müsste. Die griechische Krise zeigt, wie notwendig es ist, Europa zu stärken, äusserte der belgische Finanminister Didier Reynders Mitte Juni 2011. Wir haben eine Europäische Zentralbank aber keine echte europäische Haushaltpolitik, und das ist es, was uns fehlt". Die Welt wäre schon in Ordnung, wenn man das Land, das vor ca. 2500 Jahren die Demokratie erfunden hat, in die Europäische Währungsunion nicht aufgenommen hätte. Schade, jammerschade! Jacques Chirac und Gerhard Schröder haben Nicolas Sarkozy und Angela Merkel dieses Kuckucksei ins Nest gelegt. Sie müssen jetzt schauen, wie sie mit dem schrägen Vogel weiter zusammen leben. Um ihn zu neutralisieren, müssen sie allerdings Europa neu erfinden. Das haben uns die Griechen gebracht. (JPP)

 

 

▪ Ein Zweites Deutsches Wirtschaftswunder

Aber keine gute Kommunikation darüber

  Den (meisten) Deutschen geht es gut. Davon sind sie auch selbst überzeugt, wie Umfragen es bestätigen. Die Zahl der Arbeitslosen nimmt ständig ab. Sie lag im April 2011 nur noch bei 3,078 Millionen. Das waren 132 000 Arbeitssuchende weniger als im März und 321 000 weniger als im selben Monat des Vorjahres. Im zweiten Quartal 2011 wird die Gesamtzahl der Arbeitslosen unter drei Millionen sinken. Für das laufende Jahr rechnen die Institute mit 430 000 neuen Arbeitsstellen und im nächsten Jahr mit 275 000. Sie wird sich im Jahresdurchschnitt auf 2,88 Millionen einpendeln, also 6,9 Prozent Arbeitslose. Man kann beinah von Vollbeschäftigung reden.

Wer hätte das prophezeit, als das deutsche BIP mitten in der großen Krise 2009 ein Minus von 4,7 Prozent einsteckte? Damals 2008-2009 ging der Welthandel zurück und das Exportland Deutschland wurde ab Dezember 2008 davon schwer getroffen. Bei der Erholung ab Mai 2010 half die Zunahme des Außenhandels sicher kräftig mit: Die Ausfuhr stieg wie seit zehn Jahren nicht mehr (77,5 Milliarden Euro, 28,8 Prozent mehr als ein Jahr davor, das stärkste Wachstum seit der 30,7 Prozent-Zunahme von 2000).  Vor allem waren die Exporte außerhalb der Eurozone (+39,5%)  doppelt so stark wie die Ausfuhren nach Europa. Damit machte sich die Bundesrepublik ein bisschen Europa-unabhängiger.

Wie kann man das erklären? Die Wertminderung des Euros hat die deutschen Produkte Wettbewerbsfähigkeit gemacht. Aber andere Europäische Staaten hätten auch davon profitieren müssen. Sie hatten jedoch keine so guten Ergebnisse wie Deutschland. Liegt es einfach am Ruf des „Made in Germany“, der vollkommen wiederhergestellt ist? Deutschland produziert außerdem die Maschinen, die Nutzfahrzeuge und die Produktionsanlagen, die aufstrebende Staaten wie China, Indien und Brasilien brauchen. Da die Naturkatastrophe vom Frühling 2011 in Japan „voraussichtlich nur kurzfristig spürbar“ sein wird, wie im Gutachten der Institute stand, wird Deutschland sie um so weniger spüren.Aber der in den Schwellenländern erstarkende Mittelstand braucht auch langlebige Konsumgüter wie die Fahrzeuge von Audi, BMW und Mercedes. Insgesamt stiegen die PKW-Verkäufe in China in den ersten drei Monaten 2011 um 12 Prozent aber der deutsche Anteil an diesem Markt stieg um 30 Prozent. Die Großindustrie, die hauptsächlich exportorientiert ist,  ist nicht die einzige, die sich darüber freut. Das gilt auch für die Kleinen und Mittleren Unternehmen. Eine Umfrage des Inkasso-Unternehmens Creditreform vermeldete, dass jedes dritte befragte Unternehmen eine Erhöhung der Zahl seiner Aufträge feststellte. Nur knapp 15 Prozent der Firmen mussten Auftragsrückgänge hinnehmen. Ein Drittel dieser Unternehmen berichtete sogar von Umsatzzuwächsen. Nur ein Fünftel hatte ein Auftragminus. In gut der Hälfte der 4 300 befragten Firmen laufen die Geschäfte „gut“ bis „sehr gut“. Im Vorjahr war das nur bei einem Drittel von ihnen der Fall gewesen.  Da hat sich die Lohnzurückhaltung der deutschen Gewerkschaften positiv ausgewirkt. Sie haben auch zwecks Überleben der Betriebe Einsparungen hingenommen.

Bemerkenswert ist es, dass die stärksten Wachstumsimpulse diesmal von der Binnennachfrage stammten und damit hängt auch die gute Laune der KMU. Das ist in Deutschland ein Novum. Der Wachstumsbeitrag der Binnennachfrage betrug im Jahre 2011 80 Prozent der Gesamtleistung. Also verdankte die deutsche Wirtschaft ihre neue Stärke wie damals in den 50er Jahren weitgehend dem Binnenkonsum und nicht wie jahrzehntelang danach dem Export.  Das Land ist weniger von der Auslandsnachfrage abhängig und kann nunmehr auf zwei Beinen laufen. Die Wachstumsprognose 2011 konnte deswegen um 0,3 Prozentpunkte auf 2,6 Prozent erhöht werden. Das Deutsche Institut für Wirtschaft (DIW) prognostiziert sogar ein Wachstum von 2,7 Prozent. Für das Jahr 2012 wird mit einer leichten Abflachung auf 1,8 Prozent gerechnet. Allerdings gibt es eine Schattenseite: Die Teuerung stieg ab Februar 2011 auf mehr als zwei Prozent. Die Zwei-Prozent-Marke wird im Jahresdurchschnitt und auch 2012 überschritten. Aber trotz Lohnforderungen von 3 Prozent ist eine Lohn-Preis-Spirale nicht in Sicht. Produktion und Produktivität haben sich so weit verbessert, dass die Wirtschaft über einen gewissen Spielraum für Lohnverbesserungen verfügt. Allerdings ist 2012 das Risiko etwas grösser.

Warum schaffte Deutschland den Ausstieg aus der Krise besser als alle anderen europäischen Staaten? Die Reformen, insbesondere die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, hatte Deutschland bereits durchgeführt, als die Krise kam. Andere wie Frankreich mussten sie in der Krise durchführen und stießen auf heftige Proteste und Demonstrationen sowieso kämpferischer Gewerkschaften. Die deutschen Gewerkschaften hatten darüber hinaus ein Einfrieren der Löhne und Gehälter, ja sogar Teilzeitarbeit akzeptiert, vorausgesetzt, die Arbeitsstellen bleiben erhalten. In Frankreich wurde die Forderung nach Lohnerhöhungen weiter lautstark erhoben und es gab massive Entlassungen und Betriebsschliessungen. Als die Nachfrage wieder kam, konnte man in Deutschland schnell reagieren und die Leute voll in den wieder boomenden Arbeitsprozess integrieren. Für die französischen Gewerkschaften und manche linke Parteien, die immer noch von der marxistischen Vulgata leben, kam es nicht in Frage, Opfer für „die Reichen und die Kapitalisten“ zu bringen. Mit Ausnahme einiger linker SPD-Mitgliedern und der Partei „Die Linke“ sind die Deutschen vom Marxismus kuriert. Er hat in der DDR die größte Wirtschaftskatastrophe der deutschen Geschichte verursacht. Die Ideologie des Neides fällt in Deutschland auf weniger fruchtbaren Boden als in Frankreich.

Deutschland glaubt wieder an die soziale Marktwirtschaft mit aufsprießenden Wachstumsraten, während die Stimmung in der Arbeitswelt in Frankreich noch zwischen Panik und Verzweiflung schwankt. Hinzukommt, dass die deutsche Bevölkerung leichter als die französische, italienische, spanische und auch amerikanische erträgt, sich den Gürtel enger zu schnallen, um die Schulden zu tilgen. Nur das englische Volk macht es wie das deutsche Volk ohne zu murren. Die Volkswirte empfehlen, das Haushaltsdefizit jetzt auf Staatsebene abzubauen und verlangen Nachbesserungen beim europäischen Stabilisierungsmechanismus. Darin steckt neben der Gefahr einer Erhöhung der Energiepreise, insb. der Ölpreise als Folge der arabischen Revolutionen, der größte Unsicherheitsfaktor. Es hat sich herausgestellt, dass die stärkste Wirtschaftsmacht Europas, Deutschland, das Geld aus den anderen Mitgliedsstaaten von Euroland aufsaugt. Es sieht für die anderen Staaten aus, als ob der vitalste Organismus das Blut der anderen vampirartig trinken würde. Man hatte sich vorgestellt, die deutsche Lokomotive würde den europäischen Zug ziehen, aber ein Effekt der Währungsunion besteht darin, dass sie die anderen eher schwächt und sich vom Rest des Zuges entfernt. So entsteht die groteske Situation, dass die Wirtschaft in Deutschland boomt, während andere kleinere Mitgliedstaaten ums nackte Überleben kämpfen und Frankreich nur mit großer Mühe sich in der Nachkrisenzeit wieder aufrappelt. Die Schwächeren werden immer schwächer. Ihre Staatsanleihen können sie nur zu überhöhten Zinsraten platzieren. Oder niemand mehr git ihnen Kredite, wie es Anfang Mai in Griechenland passiert ist, wo die Zinsen bei 10 Prozent gipfeln. Damit Griechenland nicht aus dem europäischen Währungsverbund austritt, mussten die anderen wieder 25 Milliarden Euro auf den Tisch blättern.

Währenddessen wächst und wächst die deutsche Wirtschaft. Der Bundesminister für Wirtschaft, Rainer Brüderle, sprach schon zu Beginn des Jahres 2011 von einem « XL Wachstum » und gab zu, dass er „ kurz davor das nie für möglich gehalten hätte ». Im April-Mai 2011 war von einem „zweiten Wirtschaftswunder“ die Rede. Die Genesungskapazitäten der deutschen Wirtschaft sind tatsächlich außergewöhnlich. Aber die Deutschen sollten sich nicht wundern, dass diese Erfolge Neid und sogar Feindschaft bei einigen Nachbarn nähren. Dabei betrachten sie sich selbst als die Opfer der Währungsunion. In einigen deutschen Kreisen, wo souveränistische Gedanken und Nationaldünkel grassieren, nennt man die Währungsunion nur noch die „Transferunion“. Ihr Ziel sei es, das Geld von der Tasche der Deutschen in das Portemonnaie der anderen umzuleiten, mit anderen Worten Detuschland auszuplündern. Dabei wird verschwiegen, dass im europäischen Binnenhandel dank der stabilen gemeinsamen Währung die Gewinne für die deutsche Wirtschaft sprudeln. Es wird übersehen, dass die Währungs- und Wirtschaftsunion Europas ein Jahrzehnt lang Kapital aus anderen Staaten in deutsche Tresore hoch gepumpt hat, was zu den beeindruckenden Bilanzüberschüssen des deutschen Außenhandels beitrug, während andere in tiefen Löchern herum trampelten. Es liegt nahe, darin eine Ursachen-Wirkung-Beziehung zu sehen. Was dem einen dient, schadet den anderen. Dabei war diese Problematik bereits im Keim enthalten, als die deutsche Wirtschaft für die Währungsunion plädierte, damit sie auf stabile Handelsverträge und Wechselkurse bauen konnte. Natürlich war die deutschen Wirtschaft der Fürsprecher und der Nutzniesser der Währungsunion. Diese Problematik wird in Deutschland zu wenig beachtet. Deutsche richten den erhobenen Zeigefinger auf die Schuldnerstaaten, aber die maroden Partner sehen in Deutschland den Verursacher ihrer Schwierigkeiten, zumal die Probleme sich  trotz aller Hilfe aus Deutschland mehren.

Ein weiteres innenpolitisches Problem fügt sich für die deutsche Regierung an. In den Jahren 2010-2011 sind die regionalen Wahlmisserfolge der Regierung und insb. des Koalitionspartners FDP, die immerhin den Wirtschaftsminister stellt, unerklärlich, schaut man sich die Glanzleistung der deutschen Wirtschaft an. Die Konjunkturmeldung von Rainer Brüderle ging Mitte April 2011 total unter. Zugegeben, die Katastrophe in Japan hat verhindert, dass die Leute darauf aufmerksam wurden. Fukushima hat den Grünen 25 Jahre nach Tschernobyl Punkte eingebracht. Dabei würde das Programm  der Grünen die deutsche Wirtschaft einfach in den Ruin treiben. Normalerweise müsste sich die Regierung in Berlin auf ihre Wirtschaftserfolge stützen können. Die Zukunft von Frau Merkel ist deshalb nicht mehr so ungünstig, wie ihre Kritiker behaupten, aber nur, wenn es ihr gelingt, dieses Zweite Wirtschaftswunder in Verbindung mit ihrer Regierungspolitik zu bringen. Zurzeit glückt ihr das nicht. Dabei ist in der Amtszeit von Angela Merkel seit 2005 die Zahl der Arbeitslosen um 1,7 Million zurückgegangen. Schuld scheint eine fehlende Durchschlagskraft bei der Darstellung der Erfolge der Regierungsarbeit zu sein. Offensichtlich neigen die Menschen dazu, negative wirtschaftliche Entwicklungen der Regierung anzulasten, positive aber nicht mit ihr in Verbindung zu bringen.

 

 

▪ Deutsche Haushalte: keine weitere Verschuldung in der krise – kaum Reaktionen auf Zinsveränderungen

Die Verschuldung der deutschen Privathaushalte ist während der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise nicht gestiegen. Der seit rund zehn Jahren anhaltende Trend zu weniger Schulden  wurde auch durch die Krise nicht gebrochen, errechneten Wissenschaftler des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) anhand von Daten des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP).

„Die Haushalte scheinen aus dem Platzen der Dotcom-Blase gelernt zu haben“, sagt Dorothea Schäfer, DIW-Forschungsdirektorin Finanzmärkte. „Damals gab es deutlichere Effekte durch kreditfinanzierte Aktienspekulationen.“ Seitdem sei die Belastung durch Zinsen und Tilgung  rückläufig. „Daran hat auch die Finanzkrise nichts geändert. Lediglich durch die Abwrackprämie haben sich Haushalte zu zusätzlichen Krediten für den Autokauf verleiten lassen. Insgesamt sind die Sparquoten sogar gestiegen“, erklären Schäfer und ihre Ko-Autorin Marlene Karl. Im Jahr 2009 waren deutlich weniger Haushalte – nämlich 18 Prozent - mit Konsumenten- und Immobilienkrediten belastet als während der Dotcom-Krise, als es noch circa 20 Prozent waren.

Auch die monatliche Belastung mit Zins- und Tilgungszahlungen lag deutlich unter dem damaligen Niveau. Rund 40 Prozent der Befragten empfanden die Schulden jedoch weiterhin als „schwere Belastung“. Für 60 Prozent stellten sie „kein“ oder nur „ein geringes Problem“ dar. „Die Haushalte in Deutschland haben eine Tendenz, sich liquide und ihre Finanzsituation möglichst stabil zu halten. Dabei spielt sicher auch eine Rolle, dass sie im Alter nicht verschuldet sein wollen. Deswegen führen Haushalte, wenn sie älter werden, zunehmend die Verschuldung zurück“, erklärt Schäfer. Auch die niedrigen Zinsen haben die Haushalte nicht dazu veranlasst, mehr Schulden aufzunehmen.

Dass sich Sparer in Deutschland von Veränderungen des Zinsniveaus nur relativ wenig beeindrucken lassen, zeigt auch die zweite Analyse im aktuellen DIW Wochenbericht „Weniger Schulden, mehr Sparen“. Die Forscher Martin Beznoska und Richard Ochmann zeigen darin, dass private Haushalte ihr Konsum-Sparverhalten in Deutschland zumindest kurzfristig kaum ändern, auch wenn Schwankungen im Preis- oder Zinsniveau dafür Anreize bieten. „Auf kurze Sicht reagieren sie so gut wie überhaupt nicht auf Änderungen der Nachsteuerrendite“, so die Forscher. „Das muss man beachten, wenn man steuer- und sozialpolitische Reformen wie die Einführung einer Abgeltungssteuer, verbesserte Abzugsmöglichkeiten von Altersvorsorgeleistungen oder Änderungen der Mehrwertsteuersätze richtig planen und ihre Wirkung prognostizieren will.“

 

 

  Eine neue Etappe in der Internet-Revolution

     Henri Conze

Gegenwärtig erleben wir eine neue Etappe in der Internet-Revolution, die wir seit fünfzehn, zwanzig Jahren beobachten. Wie sieht diese aus, und was wird sie in unserem Leben verändern, in unserer Gesellschaft, in unserer Wirtschaft usw.? Es stellen sich so einige Fragen in Bezug auf die Software-Industrie, auf die Mittel und Wege, die die Sicherheit und das Vertrauen gewährleisten, auf das anzunehmende Ende der Anonymität der Nutzer, auf die Berechnungs- und Bearbeitungsmöglichkeiten der Informationen, auf die Rolle der Bediener usw.

Diese Entwicklung ist eine ökonomische Herausforderung für Europa und für Frankreich. Es ist bedauerlich, dass Europa es vor einigen Jahren nicht verstanden hat, einen hervorragenden Platz in der Internet-Wirtschaft einzunehmen, und stattdessen den Vereinigten Staaten das Quasi-Monopol der Software-Domäne (Microsoft, Google, IBM u. a.) überließ und das Monopol der Bauteile und Hardware (IBM, Intel, HP, Toshiba u. a.) den Vereinigten Staaten und Asien. Die Auswirkungen können wir heute an unserer Außenhandelsbilanz sowie den Steuereinnahmen unseres Staates ablesen! So kann eine demnächst auf den Markt kommende neue Generation der Internetwelt eine neue Chance bedeuten für Europa und Frankreich.

Aber diese Entwicklung ist zugleich eine Herausforderung für unsere Gesellschaft. Wir stellen seit einigen Jahren fest, welche Rolle das Internet in unserem Leben, in den Beziehungen zwischen den Individuen und der politischen Debatte spielt. Was sich derzeit in Tunesien und Ägypten tat und tut, ist Beleg dafür, was einige Menschen seit langem für das Schicksal unserer Völker begriffen haben, und zwar im Hinblick auf die eminent wichtiger werdenden Informations- und Kommunikationstechnologien.

Das Forum der Zukunft hat beschlossen, diese Fragen zu einem der Hauptthemen ihrer Überlegungen für 2011 zu machen.

„Cloud Computing“ oder eine neue Architektur fürs Internet

Wir wissen um die Revolution der Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft, die durch die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien angeschoben wurde, und durchleben diese seit einigen Jahren. Internet, Mobiltelefon, High Definition – das sind die sichtbarsten Zeichen dafür. Glauben wir ja nicht, diese Revolution würde abebben oder eine Pause einlegen. Der Fortschritt der Technologien kommt im gleichen Tempo voran, wie wir es in den letzten Jahrzehnten erfahren haben. Es ist geradezu verblüffend festzustellen, dass das nach dem Urheber benannte und 1965 entworfene Mooresche Gesetz noch im Jahr 2010 seine Berechtigung hat: Die Anzahl der Transistoren je Schaltkreis gleicher Größe verdoppelt sich alle 18 Monate! Konkret bedeutet es, dass wir seit einem Jahr über die ersten Rechner verfügen, die in der Lage sind, über eine Milliarde Operationen pro Sekunde auszuführen, und die Möglichkeit bieten, die für einen Menschen sein ganzes Leben lang nützlichen Daten und Informationen in einem Gegenstand von der Größe eines Kugelschreibers zu speichern und diese obendrein völlig geschützt zu verschlüsseln und übers Internet weiterzuleiten. Fügen wir dieser Liste die vereinfachte Internet-Übertragung in Supergeschwindigkeit hinzu (hundert Millionen bis zu einer Milliarde Zeichen pro Sekunde) sowie die Mobilität der Nutzer, die Zugang zu ihren Prozessen und Daten suchen, wo immer sie sich gerade befinden, und wir verfügen über die vier Puzzle-Teile einer neuen Etappe in der Internet-Revolution, die wir seit fünfzehn, zwanzig Jahren erleben. Wie sieht diese aus, und was wird sie in unserem Leben verändern, ins unserer Wirtschaft usw.?

Heute ist ein Großteil der Menschheit im Besitz eines eigenen Computers, eines PCs, der sich zusammensetzt aus einem „Rechner“-Teil, bestehend aus einem Mikroprozessor, einer entsprechend den Bedürfnissen des Nutzers begrenzten Anzahl von „versiegelten“ Software-Programmen und solchen auf Dauer installierten (Eigentum des Entwicklers, z. B. Microsoft) sowie aus Dialogwerkzeugen (Tastatur, Drucker usw.). Die meisten vom Nutzer erwarteten Leistungen werden also „vor Ort“ erledigt, wobei das Internet als Netz zum Austausch von Informationen und Daten dient, dies immer mehr auf Grund der Hochgeschwindigkeitsentwicklung, der Übertragung bestimmter Leistungen. Die heutige Architektur nimmt äußerst dezentralisierte Formen an. Morgen braucht man nur noch die vier zuvor genannten Puzzle-Teile zusammenzufügen, um dann zu einer sehr zentralisierten Architektur zu kommen: Eine relativ geringe Zahl von IT-Zentralen wird die unzähligen kleinen Rechner, all unsere PCs, ersetzen. Sämtliche von uns geforderten Leistungen werden in diesen „IT-Zentralen“ völlig geschützt und in Echtzeit erbracht, ausgehend von z. T. freien Software-Programmen, die ständig je nach Stand der Erfahrungen, des technologischen Fortschritts und der Entwicklung der Nachfrage aktualisiert werden: Damit tritt das in Erscheinung, was wir heute „Cloud Computing“ oder externalisierte oder Bestell-Datenverarbeitung nennen, was wir tatsächlich mit „Internet der neuen Generation“ bezeichnen müssten, es aber der Einfachheit halber mit „Wolke“ umschreiben.

Die Vorteile dieser Architektur im Vergleich zur jetzigen sind vielfältig, zwei davon ganz wesentlich: Einerseits sind es die Kosten wegen der Anzahl an allgemein einzusetzenden Mikroprozessoren, die durch tausend oder zehntausend geteilt werden, und wegen der Ersparnis für Software, da der „Kunde“ nicht mehr zu ihrem Kauf gezwungen ist, jedoch Gewinn bei erbrachter Leistung erzielt. Andererseits ist es die sehr hohe fortschrittliche Kapazität, die sich aus der Möglichkeit für jeden einzelnen ergibt, über Software-Werkzeuge zu verfügen, die von den Entwicklern in Abhängigkeit von Nachfrage und technologischem Fortschritt ständig auf den neuesten Stand gebracht werden. So wird die EDV die gleiche Revolution erfahren, die Elektrizität Anfang des 20. Jahrhunderts durchgemacht hat: Im Jahr 1900 produzierte jeder Verbraucher seinen eigenen Strom. Dreißig oder vierzig Jahre später wurde der von ein paar sehr großen Kraftwerken erzeugte Strom quer durchs Land auf einem Kontinent bis zum Endverbraucher transportiert. Vielleicht ist es einfach nur eine bildliche Vorstellung oder, wie manch einer denkt, eine Offenkundigkeit, denn es handelt sich in beiden Fällen um eine Angelegenheit von Elektronen und Netzen!

Unter der Voraussetzung dieser Entwicklungen stellen sich mehrere große Fragen: zur Entwicklung der Software-Industrie, zu den Mitteln für die Gewährleistung der Sicherheit und des Vertrauens, was wahrscheinlich mit dem Ende der Anonymität der Nutzer vorbei sein wird, zu den Möglichkeiten des Rechnens und der Informationsbearbeitung, zur Rolle der Bediener usw. Greifen wir zu diesen Bereichen einige Gedanken oder Fakten aus einer Fülle anderer heraus, die für weitere Überlegungen richtungweisend sein können.

Die Software-Programme

Der Hersteller von Anwendungsprogrammen ist noch immer Software-Herausgeber. Bei der zukünftigen Internet-Architektur möchten die Nutzer keine „Eigentümer“-Software mehr haben, deren Lizenzen teuer sind, deren Instandhaltung und Verwaltung komplex sind, die man ständig entsprechend den Entwicklungen der Infrastruktur anpassen muss, diese Art Umgang ist zu kompliziert und zu kostspielig! Die Nutzer fordern Softwareprogramme, die anderswo als auf ihrem eigenen Terminal (PC) installiert sind, beispielsweise in den großen IT-Zentralen. Der Herausgeber muss alle technischen und Betriebsprobleme zu seiner Angelegenheit machen. Der Nutzer wird dann bereit sein, ihm die Dienstleistung abzukaufen, die seine Produkte hergeben, indem er über das Netz je nach seinem Bedarf Zugang zu ihnen bekommt und verbrauchsgerecht bezahlt. Das ganze ökonomische Modell der IT-Dienstleistungsunternehmen wird umgestoßen: Der Software-Herausgeber wird zum Lieferer einer Dienstleistung auf Bestellung.

Allerdings scheinen die Hauptherausgeber nicht alarmiert zu sein. Für Microsoft „muss die Wolke kein Ende bedeuten, sondern eher ein Mittel, das insbesondere dafür nützlich ist, die Bündelung der Kräfte in der digitalen Industrie zu beschleunigen“. Doch tatsächlich musste Microsoft seine Angebote und operativen Prioritäten erheblich verändern.

Vertrauen und Sicherheit

Der erste Hemmschuh bei der Entwicklung der „Wolke“ ist die Sicherheit. Viele Verwaltungen, Unternehmen, sogar Einzelpersonen zögern, ihre Daten einem System anzuvertrauen, von dem sie nur den Aussteller ihrer Abonnementsrechnung kennen. Ebenso beunruhigt sind sie in Bezug auf deren Apps, selbst wenn sie den Software-Herausgeber besser als Lieferanten von Dienstleistungen erkennen. Die Reaktion auf diese Sorge drückt sich zunächst in technischen Begriffen aus mit den Werkzeugen der Sicherheit der Informationssysteme (SSI), des Schutzes der Prozesse und Daten, der Betriebssicherheit usw.

Doch die Sicherheit findet vor allem Ausdruck im Vertrauen in das Verhalten der technischen Systeme sowie im Verhalten der Menschen und Unternehmen, die sie bauen und bedienen. Diese Fragen in ihrer Gesamtheit führen dazu, dass man von der Infrastruktur des Vertrauens in dem Sinne spricht, wie der Nutzer sicher sein kann, die von ihm aufgestellten Regeln beim Zugang zu seinen Daten werden strikt eingehalten, die Integrität seiner Prozesse ist gewährleistet, kurz gesagt, es droht ihm keine unvorhergesehene Verhaltensweise des Systems.

Identität und Sicherheit

Der Google-Chef, Eric Schmidt, hat zum Thema, welche Entwicklung das Internet in den kommenden Jahren nehmen sollte, erklärt: „Die einzige Vorgehensweise, dass es transparent arbeitet, besteht darin, der Anonymität ein Ende zu bereiten.“ Um seiner Meinung nach die Verpflichtung noch deutlicher zu machen, wie man die Internetnutzer individuell identifiziert, wurde er genauer: „Wir brauchen einen Dienst, der die Identität der Leute überprüft. Auf jeden Fall werden es die Regierungen bald einfordern.“ Diese Äußerungen haben ernsthaft diejenigen schockiert, die dachten, die Anonymität wäre eine der Hauptmerkmale des Webs, und es müsste so bleiben. Trotzdem schlug die amerikanische Regierung im Juni letzten Jahres eine einzige digitale – wenn auch nicht zwingende – Identität vor, wobei sie einräumte, dass die Anonymität für eine große Anzahl von Online-Operationen von Wert ist. Diese Anonymität liege im Besitz einer Chip-Karte, die in der Lage ist, den Fingerabdruck des Internetnutzers zu erkennen, der seine Identität über ein mit seinem Computer verbundenes Lesegerät offenbart, sobald er sich ins Internet einloggen würde. Es ist klar, dass sich bei einer solchen Initiative die Frage nach der Position Europas diesbezüglich stellt (1). Wozu solche Erklärungen? Die amerikanische Wirtschaft ist mehr als jede andere in Abhängigkeit vom Internet organisiert. Sie ist besonders abhängig geworden von der Funktionssicherheit des Netzes und vor allem vom Vertrauen, das es den Internet-Verbrauchern verspricht. Die Banken z. B. haben so vielen Filialen gekündigt und sie geschlossen, dass sie unmöglich die Kunden bedienen könnten, die Vertrauen in die Online-Bank verloren haben, wenn sie wieder am Schalter Schlange stehen würden. Die Branchen Tourismus (Online-Reiseveranstalter), Einzelhandel, Transportwesen (Lieferung ins Haus), um nur diese zu nennen, haben sich massiv in Abhängigkeit der Möglichkeiten des Netzes neu organisiert. Es müsste umso mehr Vertrauen erwecken, als sich die Revolution der nomadenhaften Informatik ankündigt, womit ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis zwischen Händler und Konsument noch notwendiger wird.

Rechner und IT-Zentralen

Die technologischen Fortschritte verändern gründlich die Bedingungen zur Programmsteuerung neuer wissenschaftlicher Rechner (HPC oder High Performance Computing) und werden uns hoffentlich aus der relativen Indifferenz gegenüber dem USA-Monopol herausholen. Vierzig Jahre lang haben einige amerikanische Nutzer, im Wesentlichen Atomlabors und Geheimdienste, in regelmäßigen Abständen Zielstellungen definiert und finanziert und die ersten Exemplare jeder neuen Superrechner-Generation eingesetzt, zunächst für wissenschaftliche Zwecke. Die jeweilige Generation wurde von dem einen oder anderen Unternehmen wie IBM, CDC, CRAY und HP konzipiert und entwickelt. Weitere Nutzer, zivile oder Büros in der ganzen Welt, kauften diese Geräte oft mit Verspätung oder unter dem Druck eines Embargos. Die Tatsache, dass die Spezifikationen von einem anderen definiert worden ist, störte uns nicht wirklich (nicht so im Fall des Embargos!), denn die Bedürfnisse hatten nun keine Nationalität.

Ganz anders verhält es sich, wenn die erreichbare Verarbeitungsleistung andere Nutzer als die üblichen dazu bringt, im Vorfeld tätig werden zu müssen oder zu wollen, vom Stadium der Spezifikationen an, sei es zur Verarbeitung von wissenschaftlichen Informationen oder Simulationen mit den nunmehr wesentlichen ökonomischen Konsequenzen (Biotechnologien, Nanotechnologien, Lebenswissenschaften usw.).

Was die „Wolke“ betrifft, werden die entsprechenden IT-Zentralen integrierter Maschinen sein, die auf Tausenden von parallel geschalteten Prozessoren gebaut sind, die superschnelle Speicher und Busse teilen, sowie Hochleistungs-Netzzugänge und eine komplette Peripherie. Diese Art von Architektur ähnelt der, wie sie für den Bau von HPC-Rechnern genutzt wird, welche zu wissenschaftlichen Rechenanwendungen bestimmt sind. Es gibt Erfahrungen, Kompetenzen, das Know-how und vielleicht Produkte, die sich HPC-Maschinen und IT-Zentralen teilen, wobei man die großen Unterschiede zwischen ihnen nicht außer Acht lassen darf, beispielsweise in punkto Speicherfragen.

Welche Zukunft haben die Bediener?

Die Telekommunikations-Bediener sind gefährdet, berücksichtigt man die Internet-Verwaltungsvorschriften. Sie schaffen es nicht, diejenigen richtig zu bezahlen, die für den Verkehr sorgen, und ihre Diversifikationsversuche in den Inhalten sind nicht gerade erfolgreich. So viel sei dazu gesagt: Wenn sie auf diesem Weg weitergehen, wird eine „Kollision“ mit den IT-Lieferern nicht auszuschließen zu sein... Ein Beispiel der Bedrohung für die Bediener kommt von Apple, der mit dem Chipkartenspezialisten Gemalto eine Lösung entwickelt hat, um ein Telefon mit einer versiegelten SIM-Karte zu vertreiben. Er würde auf gewisse Weise virtueller mobiler Bediener und verkaufte Abonnements. Das ist das Katastrophen-Szenario für die Bediener. Der iPhone-Hersteller hat damit begonnen, seine Vision von ihrem Beruf bei ATT, Verizon, Deutsche Telekom, Telefonica und in Frankreich bei Orange, SFR, Bouygues Telecom vorzustellen. Für den Konzern Apple sind die Bediener kaum mehr als Instandhaltungschefs für ein Netz von Rohren, flankiert von Bankern, die sein Telefon subventionieren könnten. Apple arbeitet seit einer gewissen Zeit mit dem französischen Spezialisten der Gemalto-Chipkarte daran, seine eigene SIM-Karte in den Griff zu bekommen, die versiegelt in jedem Telefon steckt. Es würde sich um einen ersten Schritt in Richtung völlig softwarisierte SIM-Karte handeln, die nicht mit einem Chip hergestellt wurde, der ebenfalls einen Blitzspeicher enthält, um das Telefon auf dem Netz des Bedieners zu aktivieren, und ein ROM-Teil, das die mit der Sicherheit und Vernetzbarkeit verbundenen Informationen speichert. Apple könnte so über Informationen verfügen wie Pauschalart, Kommunikationsaufstellung u. a.

Eine Herausforderung für Europa und Frankreich

Wir bedauern, dass Europa es nicht verstanden hat, einen bedeutenden Platz in der Internet-Wirtschaft einzunehmen, und stattdessen den Vereinigten Staaten das Quasi-Monopol der Software-Domäne (Microsoft, Google, IBM u. a.) überließ und das Monopol der Bauteile und Hardware (IBM, Intel, HP, Toshiba u. a.) den Vereinigten Staaten und Asien. Die Auswirkungen können wir heute an unserer Außenhandelsbilanz sowie den Steuereinnahmen unseres Staates ablesen! So kann eine demnächst auf den Markt kommende neue Generation der Internetwelt eine neue Chance bedeuten für Europa und Frankreich.

Nehmen wir das Beispiel der strategischen Domäne der Großrechner. Wie wir weiter oben festgestellt haben, greifen die Nutzer immer mehr im Vorfeld in ihre Definition ein. Können wir es uns denn in Europa leisten, die Kapazität zu verspielen, auf unsere Zielstellungen eingerichtete IT-Architekturen zu entwerfen und damit auf die entsprechenden Mittel und Industrie zu verzichten? Unsere Bedürfnisse sind zumeist die gleichen wie die unserer amerikanischen und asiatischen Partner, die auch unsere Konkurrenten sind, doch unsere Prioritäten, unsere Auswahlmöglichkeiten, unsere Investitionen usw. können verschieden sein und werden es auch sein, außer wenn unsere Entscheidungen vorab durch Mittel der von anderen definierten Datenverarbeitung bestimmt wurden, die so ihre Prioritäten, ihre Wahl und ihre eigenen Investitionen vorgegeben haben. So wird das Festhalten an einer Kompetenz auf hohem Niveau in Sachen IT-Architektur, die Freiheit bei der Konzeption, zu einer notwendigen Voraussetzung für die Entwicklung eines sehr wichtigen Teils unserer Wirtschaft von morgen. Doch der Weg dahin ist schmal, denn es geht nicht darum, katastrophale „Rechenpläne“ wieder aufzulegen, auch nicht um die Schaffung neuer Monopole oder um den Verzicht auf den freien Wettbewerb (unter der Voraussetzung, dass er sich die Waage hält), sondern darum, das vernünftige Überleben von Kompetenzen im Dienste der französischen, deutschen und europäischen Wirtschaft zu sichern, wobei es uns möglich sein sollte, Akteure und nicht Unterlegene zu bleiben.

Dringend ist, und sei es nur aus den zwei Gründen, nämlich der wahrscheinlichen Weiterentwicklung der Informationswelt (Internet) und der zunehmenden Bedeutung des Hochleistungsrechnens in den großen Bereichen unserer zukünftigen Wirtschaft (Biotechnologien, Nanotechnologien, Lebenswissenschaften usw.), dass eine kohärente Politik für die Großrechner festgelegt und umgesetzt wird (nach Bedarf, Kompetenzen, Programmen und Industrie). Der finanzielle Aufwand ist sicher nicht zu vernachlässigen, doch er läuft ohne gemeinsame Maßnahme mit den wirtschaftlichen Einsätzen, für die er einer der Schlüssel ist. Diese Herausforderung ist realistisch. Bull und die CEA/DAM konnten vor nicht allzu langer Zeit mit dem Rechner Tera 10 von der CEA im Jahr 2005 und im Oktober des vergangenen Jahres mit Tera 100 (1,05 Petaflops) unter Beweis stellen, dass Frankreich bestimmte Kompetenzen in der IT-Architektur behalten hat. Wir haben da eins der Werkzeuge, die Frankreich, und noch allgemeiner gesehen, Europa so sehr brauchen: ein Hebel, ein Multiplikator wirtschaftlicher Kräfte.

Die Entwicklung der „Wolke“ ist in der Tat ein bedeutender Beitrag zum Wirtschaftsplan. Einer kürzlich in Großbritannien erstellten Studie zufolge werden die aus der Umsetzung des „Wolken“-Konzepts 2015 generierten Einnahmen in den ersten fünf europäischen Wirtschaften auf 177 Milliarden Euro geschätzt, davon bekommt Frankreich mehr als 37! Sind wir in der Lage, diese Chance zu nutzen, d. h. unsere Industrie genügend gut zu entwickeln, dass sie einer solchen Nachfrage gewachsen ist und von der Explosion des entsprechenden Weltmarktes profitieren kann, zieht man die heute amerikanische und morgen die chinesische Konkurrenz in Betracht? Bleiben wir dagegen einfache Verbraucher des neuen Internets, wie wir es beim alten sind? (2)

Schlussfolgerungen

Wir werden Zeugen einer Revolution der Internet-Wirtschaft. Alle Akteure sind betroffen und ganz besonders die traditionellen Akteure, die sich anpassen müssen. Der Nutzer wird seine Investitions- und Instandhaltungsbudgets in reduzierte Betriebskosten umwandeln müssen, und die Entmaterialisierung seiner EDV-Anlage wird eine sichtbare Demonstration der Informationsgesellschaft werden. Der IT-Konstrukteur wird eine radikale Marktveränderung erleiden, sein Kunde wird zum Infrastrukturintegrator, der die Fabrik des Bedieners baut. Der Konstrukteur gerät in die große Versuchung, den Marktrückgang an Umfang und Kundenzahl durch ein breiteres Angebot zu kompensieren, indem er z. B. Integrator wird und, wenn die Investitionskapazität es erlaubt, Operator. Der Software-Herausgeber wird zum Lieferer von Dienstleistungen. Seine Einnahmen ergeben sich nicht mehr aus dem Geschick, neue Software-Versionen zu verkaufen, sondern aus der Kunst, die Treue der Teilnehmer zu gewinnen.

Was wird Europa tun? Europa hat den ersten Internet-Zug verpasst, der zweite wird kommen, den sollten wir nehmen! Er fährt in die Zukunft mit unseren IT-Dienstleistungsunternehmen, unseren Bedienern und, noch allgemeiner gesehen, mit einem ansehnlichen Teil unserer Wirtschaft von morgen. Wenn Frankreich, Deutschland und Europa es wollen, dann haben sie die industriellen Kapazitäten und die finanziellen Mittel, um in dieser Entwicklung Akteure zu sein: Wir haben wieder Fuß gefasst in der IT-Architektur, wir sind sehr gut platziert, was Konzepte und Einsatz der freien Software-Programme, den Informationsschutz, die Datenspeicherung u. a. betrifft. Doch sollte man nicht zu viel erwarten, denn insbesondere die Vereinigten Staaten treffen ihre Vorbereitungen: Verträge des Pentagons mit IBM und CRAY, IBMs Loslösung von der Computer-Industrie, Microsofts und Googles Annäherung an die Welt der freien Sprache Linux, Aufkommen der ersten großen IT-Zentralen (Google...) usw. Was China anlangt, ist es klar, es hat seinen Einsatz und seine Anstrengungen unternommen. So sollten uns die Großrechner (ein chinesischer Rechner ist seit November auf Platz 1 unter den „Top 500“), die Mikroprozessoren u. a. doch wachrütteln!

                                                                                                               Henri Conze

(1) Würden diese Initiativen in die Tat umgesetzt, wie sollte man da nicht beunruhigt sein angesichts der Vielzahl von Organisationen, die im Namen des Respekts vor dem Privatleben, das natürlich gewahrt sein muss, bei uns Hindernisse vor dem Entstehen von Sicherheitslösungen aufbauen, die ausländische Bediener vorbehaltlos anbieten werden? In allgemeiner Hinsicht ist klar, dass die „Wolke“ auch die grenzenlose IT-Macht ist. Die Lieferer werden sich dorthin begeben, wo die Vorschriften- und Steuerzwänge am geringsten sind, wobei das Internet ihnen bei jedem Tatbestand Zugang zu den Kunden sichert. Es ist kein Zufall, dass sich die ersten virtuellen Büro-Service-Center von IBM und Microsoft für den europäischen Markt in Irland befinden! (2) Wie sollte man nicht beunruhigt sein angesichts dieses eminent strategischen Themas über die Stellungnahme der mit der Digitalen Agenda beauftragten Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, die, auf Datenschutz bestehend, möchte, dass Europa angeregt wird, als Verbraucher der „Wolke“ einzusteigen. Neelie Kroes hebt die Notwendigkeit hervor, dass ein europäischer Raum für freien Datenverkehr geschaffen werde müsse und dabei „die Umsetzung der Richtlinie für Datenschutz“ in Einklang zu bringen sei, um so „die Barrieren zu den Bestimmungen des einheitlichen Markts“ zu umgehen, vor allem indem eine Reihe von Vorschriften definiert werden, die für das Cloud Computing günstig sind: „Das könnten einfachere, besser abgestimmte Maßnahmen bedeuten, beispielsweise die Standardisierung von Anmeldeformularen. Wir möchten auch Initiativen der Selbstregulierung anregen, so Verhaltens- oder Praxiscodes wie die Binding corporate rules, die es für internationale Datentransfers gibt. Nur so können die Unternehmen ihre Kunden wirksam schützen und bedienen.“ Neelie Kroes wehrt ab, Schutzmaßnahmen einsetzen zu wollen, die die europäischen Akteure gegenüber den amerikanischen Riesen wie Google oder Microsoft begünstigen könnten, welche sich nach und nach in Europa auf dem Cloud-Computing-Markt festsetzen. Der Einsatz besteht ihrer Meinung nach darin, Bedingungen für das Vertrauen der europäischen Verbraucher in die „Wolke“ zu schaffen, damit sich die Technologie voll und ganz entwickeln kann und ihr Wirtschaftspotenzial freigesetzt wird.

(Übersetzung des Artikels ins Deutsch von Johanna Brunne)

 

▪ Die vorschnelle Entscheidung: Die Wandlung der FDP

Die Wirtschaft verteidigt Rainer Brüderle – Philipp Rösler will die neue Linke Mitte erobern

Auf dem letzten Wahlergebnis in Baden-Württemberg und in Rheinland-Pfalz, wo die FDP in dem einen Land aus der Landesregierung herauskatapultiert wurde und in dem anderen sogar unter der Fünfprozent-Hürde blieb, geraten die Liberalen ins Schleudern. In der FDP herrschte in den bitteren Nachwahltagen nach dem 27. März eine aggressive Grundstimmung. Mit Raffinesse und einer gehörigen Portion Kaltblütigkeit versuchten die Getreuen des Parteivorsitzenden, den Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle ins Fadenkreuz der Unzufriedenen zu schieben. Ausgerechnet der in der Wirtschaft populäre und in der FDP weithin respektierte Brüderle sollte zum Rücktritt bewegt werden. Die Wirtschaftszeitung „Handelsblatt“ veröffentlichte eine Titelgeschichte aus dem Tollhaus Berlin mit dem Titel: "Treibjagd auf Brüderle". Brüderle war mal Wirtschaftsminister in Rheinland-Pfalz. Der Verfall der FDP in Mainz hat ihn natürlich sehr getroffen.

Zumal seine Partei den Schwenk der Bundeskanzlerin und ihrer CDU/CSU-FDP-Regierung in der Energiepolitik und dessen Kosten mitgemacht hat. Bisher galt die FDP als die Partei der Industrie und der Atomwirtschaft. Bei vielen im Lande hat bereits das Nachdenken über diesen allzu hastigen und opportunistischen Schwenk eingesetzt. Siemens-Vorstandschef Peter Löscher lieferte gute Argumente für eine unideologische Position der Vernunft. RWE und vielleicht E.ON wollen gegen die Regierungsentscheidung juristisch vorgehen. Auch Helmut Kohl griff zur Feder und protestierte gegen die übereilte Entscheidung von Frau Merkel, sieben Kraftwerke zu schließen und für die anderen ein Moratorium zu verkünden. Mit seiner Forderung nach einem Express-Ausstieg aus der Atomenergie hat FDP-Generalsekretär Christian Lindner auch die Freunde der FDP verwirrt. Kommt seine Zwangsabschaltung der Atomkraftwerke nicht einer Enteignung gleich? Folgt die Partei noch marktwirtschaftlichen Grundsätzen? Betreibt auch er jetzt Politik nach Stimmungslage? Was wird aus dem allseits geschätzten Wirtschaftsminister Rainer Brüderle? Gleich zum Beginn der neuen Legislaturperiode hatte die FDP unter dem Zwang der Tatsachen ihre Forderung nach Steuererleichterungen fallen lassen müssen. Und nun das !

Der Druck war doch zu stark. Er hielt seit Monaten an. Guido Westerwelle hat verzichtete am 3. April 2011 auf den FDP-Vorsitz, um sein Amt als Außenminister zu retten. Ob ihm das gelingt? Daraufhin verzichtete er auch auf den Titel des Vizekanzlers. Warum soll ein Politiker, der für seine 64.000 Parteimitglieder (0,08 Prozent unserer Bevölkerung) nicht gut genug ist, die übrigen 80 Millionen Deutschen in ihren äußeren Angelegenheiten vertreten? In Zeiten der FDP-Jugendrevolte wirkte Rainer Brüderle doch wie der Fels in der Brandung. In einem Gastbeitrag für das „Handelsblatt“ warb er für "Maß und Mitte" und eine Neubegründung der Ordnungspolitik. Wenn die FDP ihn in den Rücktritt drängte, wäre das sicherlich ein Fehler. Das Wirtschaftsressort ist kein Abenteuerspielplatz für den Parteinachwuchs. Nach wie vor unterstützt das „Handelsblatt“ den FDP-Wirtschaftsminister.
Dass der Marktwirtschaft-Flügel der FDP erhalten bleibt, ist wichtig, denn die Wende nach links auf der Suche nach Stimmen der jungen Eliten, sprich der Salonlinken, ist in der bedrängten FDP schon spürbar. Nach der Niederlage bei den Regionalwahlen kreißten die FDP-Gremien. Dann war es offiziell: Dr. Philipp Rösler soll neuer FDP-Vorsitzender werden. Der Gesundheitsminister mit dem asiatischen Profil will die Partei sozialer und grüner machen. Ob der FDP die Wähler wegliefen, weil sie nicht links genug war? Die FDP-Gremien kreißten und nun ist es offiziell: Philipp Rösler soll neuer FDP-Vorsitzender werden. kreißten Der Gesundheitsminister will die Partei sozialer und grüner machen. Ob der FDP die Wähler wegliefen, weil sie nicht links genug war? Rösler will im Grunde genommen dasselbe wie Jean-Louis Borloo in Frankreich, und zwar Stimmen der Grünen an sich ziehen. Wie es eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung neulich feststellte (vgl. unsere Rubrik „Deutschland-Frankreich: „Genosse Trend ist grün“), sammeln die Grünen die neue, betuchte Elite der arrivierten 35- bis 50jährigen. Zwischen Brüderle und Rösler wird die FDP ein breiteres Spektrum abdecken, oder es zumindest versuchen. Guido Westerwelle ist nunmehr „quantité négligeable“.


Wer ist Rösler? Der neue Vizekanzler ist mit der Ärztin Wiebke Rösler verheiratet und seit Oktober 2008 Vater von Zwillingstöchter. Er ließ sich im Jahre 2000 taufen und trat der römisch-katholischen Kirche bei. Er ist seit 2008 Mitglied der Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Auch sein religiöses Engagement ist relativ neu für die FDP, eine Partei in der viele Freidenker und Atheisten ihre Verankerung hatten und noch haben. Der ehemalige Generalsekretär der FDP Niedersachsen hat eine schnelle Karriere gemacht. Trotz seines asiatischen Aussehens ist er voll Deutscher, aber er ist vietnamesischer Abstammung und kam im Alter von neun Monaten als Kriegswaise aus Vietnam in die Bundesrepublik Deutschland, wo er von einem Ehepaar adoptiert wurde, das bereits zwei leibliche Töchter hatte. Da sein tatsächliches Geburtsdatum unbekannt war, wurde es gemäß § 24 Abs. 2 PSTG auf den 24. Februar 1973 amtlich festgelegt. Als Philipp Rösler vier Jahre alt war, trennten sich seine Eltern und er wuchs bei seinem Vater, einem Fluglehrer der Bundeswehr, in Hamburg, Bückeburg und Hannover auf, wo er 1992 an der Lutherschule das Abitur ablegte. Im selben Jahr trat er als Sanitätsoffizieranwärter in die Bundeswehr ein. Für ein Studium der Humanmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover wurde er freigestellt. 1999 begann er eine Facharztausbildung am BundeswehrkrankenhausHamburg. 2002 wurde er im Bereich Herz-Thorax-Gefäßchirurgie zum Dr. med. promoviert. 2003 verließ er die Bundeswehr als Stabsarzt und brach seine Facharztausbildung zum Augenarzt ab, um sich auf seine Arbeit als FDP-Landespolitiker in Niedersachsen zu konzentrieren. (H. F.)

 

 

▪ DIW Berlin erwartet Wirtschaftswachstum von 2,2 Prozent

Experten sehen Wachstum auf solider Basis, aber keinen Anlass zur Euphorie
"2,2 Prozent Wachstum sind ein sehr ordentlicher Wert", meint DIW-Konjunkturexperte Ferdinand Fichtner
Die deutsche Wirtschaft bleibt auch 2011 und 2012 auf dem Wachstumspfad. Allerdings werden die Wachstumsraten im Vergleich zum letzten Jahr deutlich zurückgehen, sagte DIW-Konjunkturexperte Ferdinand Fichtner: "2010 lag das Wachstum bei etwa 3,7 Prozent. Das wird sich nicht wiederholen." Für 2011 prognostiziert das DIW Berlin ein Wachstum von 2,2 Prozent, 2012 rechnen die Experten mit 1,3 Prozent. "Beim Wachstum 2010 spielten Aufholeffekte eine grosse Rolle", so Fichtner. Die werde es in den nächsten Jahren so nicht mehr geben. In diesem Jahr wird die Wirtschaftsleistung von mehreren Faktoren zugleich angeschoben: Vom Außenhandel, von den Bau- und den Ausrüstungsinvestitionen und vom privaten Konsum.
Weitere Entspannung der Lage auf dem Arbeitsmarkt
Die deutsche Wirtschaft ist ohne Massenentlassungen durch die Krise gekommen. "Die Lage ist aber nicht so günstig, wie sie aussieht", sagte Fichtner. "Von der Krise betroffen waren vor allem die Vollzeitbeschäftigten. Die Beschäftigung in diesem Bereich erholt sich nur langsam." Der kräftige Anstieg der Erwerbstätigenzahl im Lauf des Jahres 2010 ist zu einem großen Teil durch mehr Teilzeitstellen zustande gekommen. Auch in diesem Jahr wächst die Beschäftigung, allerdings mit abgeschwächtem Tempo. Die Arbeitslosigkeit nimmt entsprechend weiter ab; sie wird im Jahresdurchschnitt aber bei mehr als drei Millionen liegen.

Staatsverschuldung steigt weiter: Kein Spielraum für Steuersenkungen
Die weitere Steigerung der Wirtschaftsleistung sorgt auch für eine deutliche Verbesserung der öffentlichen Finanzen: Während die Sozialausgaben sinken, steigen die Einnahmen aus Körperschaft- und Gewerbesteuer und füllen so die Staatskassen. Für 2011 und 2012 rechnen die Konjunkturforscher des DIW Berlin mit einer Neuverschuldung von 2,4 und 2,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Maastrichter Kriterien würden damit eingehalten.
DIWs-Präsident Klaus F. Zimmermann warnte aber vor Euphorie: "Die Staatsschulden steigen weniger als befürchtet, aber sie steigen. Die deutsche Schuldenquote dürfte alles in allem mittlerweile bei über 80 Prozent liegen. Die Konsolidierung schreitet nicht so voran, wie sie es angesichts des starken Wirtschaftswachstums sollte." Die Regierung sollte deshalb die Gelegenheit nutzen: "Einen Spielraum für Steuerentlastungen gibt es nicht. Stattdessen müssen alle Ausgaben auf den Prüfstand." Zimmermann nannte unter anderem die Subventionen für Steinkohle und Landwirtschaft und die Zuschläge für Sonntags- und Nachtarbeit. Außerdem sollte die Regierung auch über Möglichkeiten zur Verbesserung der Einnahmen nachdenken: "Die Umsatzsteuer braucht eine grundlegende Reform. Der ermäßigte Umsatzsteuersatz sollte überprüft werden, und auch über eine weitere Erhöhung des allgemeinen Mehrwertsteuersatzes muss zur langfristigen Sanierung der Staatshaushalte nachgedacht werden."

Deutsche Exportwirtschaft findet wieder zu alter Stärke
Der Aussenhandel bleibt ein Wachstumstreiber der deutschen Wirtschaft. 2010 sind die Ausfuhren um rund zehn Prozent gewachsen, 2011 rechnet das DIW Berlin mit einem weiteren Anstieg um sechs Prozent. "Die Exportwirtschaft erreicht im Prognosezeitraum wieder ein Produktionsniveau wie vor der Krise", sagte Ferdinand Fichtner. Verantwortlich dafür ist vor allem die Nachfrage aus den Schwellenländern, die von der Krise nicht so stark betroffen waren wie die Industrieländer. Mittlerweile gehen knapp 20 Prozent der deutschen Exporte in Schwellenländer.
Weltweit erwarten die DIW-Forscher für 2011 und 2012 ein Wirtschaftswachstum von 4,2 und 4,5 Prozent. Besonders im Euroraum gibt es weiterhin große Unterschiede im Wirtschaftswachstum von Kern- und Peripheriestaaten. "Die Krisen in Ländern wie Griechenland oder Spanien sind das Ergebnis struktureller Probleme", sagte Christian Dreger, Leiter der Konjunkturabteilung am DIW Berlin. Zurzeit unterstützt die Europäische Zentralbank die Peripheriestaaten mit besonders niedrigen Zinsen, für Länder wie Deutschland seien die Zinsen aber mittlerweile zu niedrig, so Dreger weiter. "Langfristig wird die EZB deshalb die Zinsen anheben müssen."

Eurokrise: Krisenmechanismen greifen nicht
Besonders kritisch sehen die DIW-Experten die Maßnahmen zur Lösung der Eurokrise. DIW-Präsident Zimmermann sagte: "Die Eurokrise ist zunächst eine Staatsschuldenkrise und damit die Krise einzelner Mitgliedsstaaten. Ob Eurobonds oder Rettungsschirm, viele der vorgeschlagenen oder ergriffenen Massnahmen sind nur Liquiditätshilfen. Das ist ein Zeichen von Ratlosigkeit und kann die Probleme keinesfalls lösen." Durch die Hilfen würde der Druck auf die Regierungen der Krisenländer gelockert, endlich die strukturellen Probleme anzugehen. Wichtig wäre deshalb, sie mit harten Auflagen zu verbinden. Entscheidend sei außerdem die Einführung von formellen Mechanismen mit klaren Regeln zur Überwindung solcher Krisen. "Dazu gehört eine strenge Kontrolle der Fiskalpolitik der europäischen Staaten durch eine unabhängige europäische Institution und eine Umschuldung der bedrängten Staaten, die nicht nur den Steuerzahler, sondern vor allem die beteiligten privaten Kreditgeber ins Boot nimmt", sagte Zimmermann.
Der am 16. Dezember 2010 beschlossene Europäische Stabilitätsmechanismus ist für Zimmermann deshalb eine verpasste Gelegenheit: "Der Beschluss enthält einige gute Ansätze. Aber die Regelungen für die zukünftige Beteiligung der Banken an den Rettungsaktionen sind nicht klar genug. Das wird wieder für Verunsicherung auf den Finanzmärkten sorgen, mit den entsprechenden negativen Folgen für die betroffenen Staaten und den gesamten Euroraum." (DIW-Wochenbericht 1-2/2011)

 

 

Arbeitsmarkt in Deutschland : nur Pluspunkte

Man kann fast von Vollbeschäftigung reden – die besten Zahlen seit der Wiedervereinigung


Im Bundeskabinett berichtete Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen am 27. Oktober 2010 über die Lage und die Entwicklung am Arbeitsmarkt. Sie konstatierte, dass der Arbeitsmarkt in Deutschland die Finanz- und die Wirtschaftskrise deutlich besser überstanden hat, als das in anderen vergleichbaren Staaten der Fall ist (vergleichen wir mit Frankreich, wo die Arbeitslosenquote 9,7 Prozent beträgt, mehr als 2,5 bis 3 Prozent über Deutschland). Das hat mit der guten Zusammenarbeit der Bundesregierung mit Arbeitnehmern, mit Arbeitgebern zu tun. So ist es eben gelungen, die Auswirkungen des wirtschaftlichen Einbruchs auf den Arbeitsmarkt gering zu halten.

Immer mehr Menschen in Deutschland gehen einer erwerbstätigen Beschäftigung nach. Wir sind fast wieder bei der Rekordzahl aus dem Oktober 2008 von über 40,3 Millionen. Morgen werden wir erfahren, ob eintritt, was alle hoffen, dass nämlich die Arbeitslosenzahl zum ersten Mal seit langem wieder unter die 3-Millionen-Schwelle fallen wird. Jahresdurchschnittlich sind fast 300.000 Stellen durch Kurzarbeit gesichert worden. Auch die Konjunkturpakete in einem Umfang von insgesamt rund 100 Milliarden Euro, die auf die Felder Bildung, Familienförderung, Umweltschutz ausgerichtet waren, haben auf dem Arbeitsmarkt ihre Wirkung entfaltet.

Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ist übrigens jetzt mit 27,6 Millionen Menschen höher als im Vorjahr, deutlich höher als im Vergleichsmonat 2008. Auch die Vollzeitbeschäftigung steigt gegenüber dem Vorjahr.

Eine ganz wichtige Entwicklung betrifft die älteren Arbeitnehmer, die in gewisser Weise in den letzten Jahren Gewinner des Arbeitsmarktes genannt werden können. Die Erwerbstätigkeit Älterer entwickelt sich nämlich positiv. Keine andere Bevölkerungsgruppe hat stärker in den letzten Jahren auf dem Arbeitsmarkt zugelegt als die Älteren. Das gilt besonders für die 60- bis 64-Jährigen; die Erwerbstätigenquote bei dieser Gruppe hat sich zwischen 2000 und 2009 auf knapp 40 Prozent nahezu verdoppelt. Im zweiten Quartal 2010 sind wir schon bei 41,1 Prozent. Das heißt, die Richtung stimmt, und die Bundesregierung sieht sich in ihrer politischen Haltung zu diesem Thema, am Festhalten an der „Rente mit 67“ bestätigt.

Sehr erfreulich am anderen Ende des Altersspektrums ist, dass die Jugendarbeitslosigkeit den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung erreicht hat. Sehr erfreulich ist auch, wie die Arbeitsministerin ausführte, dass Tempo und Qualität der Vermittlung von Arbeitsplätzen in den Jobcentern stark verbessert sind und dass es am Ausbildungsmarkt nun zum zweiten Mal in Folge mehr unbesetzte Ausbildungsstellen als unversorgte Bewerber gibt. Mit dem Ende der Wirtschaftskrise sind die Chancen von Jugendlichen, nicht nur einen Ausbildungsplatz zu bekommen, sondern danach auch einen Arbeitsplatz deutlich gestiegen.

Ein sehr positives Bild also, was nicht heißt, dass es nicht noch viele Herausforderungen gibt, die die Bundesregierung auch annimmt. Außenminister Westerwelle hat anschließend darauf hingewiesen, dass diese erfreuliche Entwicklung natürlich auch in erheblichem Maße mit konkreten Maßnahmen der Bundesregierung zu tun hat. Er weist dabei auf das Wachstumsbeschleunigungsgesetz mit einem Entlastungsvolumen von fast 5 Milliarden Euro hin. Zusammen mit anderen Maßnahmen, die zum 1. Januar 2010 gegriffen haben, geht es insgesamt um ein Entlastungsvolumen von 20 Milliarden Euro für die Bürger, Entlastungen für Unternehmen durch Steuererleichterungen für den Mittelstand, die Absetzbarkeit von Krankenkassenbeiträgen usw. Das alles hat mit dazu geführt, dass es nicht nur die positive Entwicklung der Weltwirtschaft und die positive Entwicklung unserer starken Exportindustrie ist, sondern auch der Binnenkonsum, die Binnenkonjunktur, die erfreulicherweise stark anziehen.

 

 

▪ Widerstand gegen die deutsche Exportmaschine

       von Hildegard Filz 

Thüringens Wirtschaftsminister Matthias Machnig (SPD) hat massive Korrekturen an der Arbeitsmarktpolitik der Bundesregierung gefordert: Nein zum Lohndumping, ja zu mehr Investitionen ins Bildungssystem. Erklärtes Ziel ist eine steigende Binnennachfrage. Grund seiner Kritik: Deutschland exportiert sich aus der weltweiten Krise.  2010 schloss mit einem Exportplus von 14,2 Prozent ab. Das Brutto-Inlandsprodukt stieg um 3,6 Prozent. Die deutsche Wirtschaft feiert ihr größtes Wachstum seit der Wiedervereinigung vor 20 Jahren. Jetzt steht die Bundesrepublik vor einem weiteren Rekord: In diesem Jahr soll der Exportwert erstmals die Grenze von einer Billion Euro knacken, prognostiziert der Exportverband BGA.

Faszinierende Turbo-Performance oder Vorführ-Fahrt einer rücksichtslosen Exportmaschine? Die Wirtschaftspolitik „made in Germany“ sorgt für Ärger, steht im Mittelpunkt europäischer Kritik. Der Vorwurf: Deutschland als größte Volkswirtschaft der EU zeigt eine unausgewogene Leistungs- und Handelsbilanz gegenüber seinen EU-Partnern. Vor allem Frankreich hebt den Zeigefinger. Die zentrale Kritik: Deutschland gibt den Musterschüler – und wirtschaftet auf Kosten anderer. Wettbewerbsgewinne würden durch Lohnkostensenkung erzielt.

Was sollte die schwarz-gelbe Bundesregierung tun? Aus der Diskussion über Deutschlands Export wurde in der Friedrich-Ebert-Stiftung ein Gespräch über Arbeitsmarktpolitik: Das Symposium versuchte den Spagat von einer Berliner „Baustelle“ zur nächsten. „Exporte um jeden Preis? Zur Diskussion um das deutsche Wachstumsmodell.“

 Scharfe Kritik an der Arbeitsmarktpolitik der Bundesregierung hat Thüringens Wirtschaftsminister Matthias Machnig geübt. Der SPD-Politiker kritisierte eine „Ausweitung atypischer, prekärer Beschäftigungsverhältnisse“ wie Teilzeitjobs, Minijobs, Zeitarbeit und Scheinselbstständigkeit. Dies ziehe die Lohnentwicklung nach unten. „Zehn Millionen solcher Beschäftigungsverhältnisse sind zu viel“, so der Minister für Wirtschaft, Arbeit und Technologie im Freistaat Thüringen, „durch das Lohndumping kommt der private Konsum nicht voran“. Ähnlich kritisiert Patrick Artus, Chefökonom der französischen Bank Natixis, die deutsche Politik der Lohnkosten-Senkung: Demnach haben deutsche Arbeitsmarkt-Reformen mit Anreizen zur Rückkehr auf den Arbeitsmarkt den Gleichgewichtslohn gesenkt. Machnig fordert: „Wir müssen über den gesetzlichen Mindestlohn reden.“

Vor diesem Hintergrund sieht Machnig eine „fatale“ Entwicklung: „Qualifizierteste Köpfe sind nicht in die Autobranche gegangen, nicht in die Chemie, sondern in die Banken.“ Und: „Öffentliche Institutionen sind deutlich unterfinanziert.“ 

„Die deutsche Wettbewerbsfähigkeit ist teuer erkauft“, so Machnig mit Blick auf Erfolgsmeldungen aus Berlin: Deutschland schlägt den Weltmarkt.  Der Aufschwung 2010 wird vor allem von Exporten getragen, die um 14,2 Prozent zulegten. Das Bruttoinlandsprodukt stieg um 3,6 Prozent. Die Lieferungen vor allem ins europäische Ausland bleiben die wichtigste Stütze für die deutsche Wirtschaft. Konsequenz: Deutschland gehört zu den Staaten mit den weltweit größten Handelsüberschüssen. Die deutsche Wirtschaft exportiert mehr Waren als sie einführt – trotz Import-Rekord. Allein im vergangenen November hat Deutschland Waren im Wert von rund 75 Milliarden Euro eingeführt – so viel wie nie zuvor seit Erhebung der Außenhandelsstatistik im Jahr 1950. Zeitgleich aber exportierte sie Produkte im Wert von 88 Milliarden.

Die Kritik an deutschen Traum-Zuwachsraten fällt harsch aus – vor allem Frankreich passt der Außenhandels-Überschuss nicht. Christine Lagarde, Ministerin für Wirtschaft und Finanzen, hatte schon im vergangenen Jahr von den Deutschen gefordert, ihren Verbrauch anzukurbeln: Statt zunehmend eigene Waren an andere Länder zu verkaufen, sollten die Bundesbürger mehr Produkte aus dem Ausland beziehen. Export-Erfolge müssten in eine stärkere Binnen-Nachfrage umgewandelt werden. Dadurch würden Importe gestärkt. Lagarde hatte es damals auf den Punkt gebracht: Die deutsche Export-Stärke schade den europäischen Nachbarn.

Der Musterschüler also geriet in die Schusslinie: Der Überschuss des einen sei das Defizit des anderen. Und diese Seite will wissen, wie Deutschland zu seinen Überschüssen kommt.

Tatsache ist: Nirgendwo in Europa sind die Löhne im vergangenen Jahrzehnt so langsam gestiegen wie in der Bundesrepublik. Die Bruttolöhne und Gehälter in der privaten Wirtschaft erhöhten sich seit 2000 im Schnitt um knapp 22 Prozent, wie das Statistische Bundesamt mitteilt. Innerhalb der EU jedoch legten die Löhne um gut 35 Prozent zu, innerhalb der Euro-Zone um fast 30 Prozent. Die Folge: Produkte „made in Germany“ wurden im Ausland konkurrenzlos billig. Mit Hilfe von Niedriglöhnen erziele Deutschland Handelsüberschüsse, so Lagardes Vorwurf. Dies gefährde andere Euro-Länder.

Mit Lohndumping zum Export-Überschuss – auf Nachbars Kosten: Thüringens Minister Machnig stimmt in den Chor der internationalen Kritiker ein. „Deutschland hat sich in eine Rolle manövriert, die nicht mehr im Zentrum der EU steht.“ Export um jeden Preis? Klares Nein auch von Dr. Utz Tillmann, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Chemischen Industrie.

Machnig fordert ein neues Wachstumsmodell, eine „neue Balance zwischen Export-Orientierung und Binnenkonjunktur“. Sein Rezept: „Steuerliche Anreize für private Investitionen setzen. Wir brauchen Investitionen in Infrastruktur, Bildung, Innovation.“ Ähnlich Tillmann: „Die Bildung muss angekurbelt werden, die Forschung an Unis.“ Auch Tillmann hält steuerliche Anreize für entscheidend. „Wir haben eine Ausgangslage, um die uns jede Nation beneidet. Wir haben vier bis fünf Branchen, die global stark und national hervorragend vernetzt sind – und einen Mittelstand als Bindeglied.“

Die Schwäche des deutschen Binnenmarktes aber beklagt Dr. Dierk Hirschel von der ver.di-Bundesverwaltung. Jährlich fehlten 50 Milliarden Euro auf der Einnahmeseite. „Eine Investitionsquote wie in den fünfziger Jahren. Eine Katastrophe.“„Wir haben den größten Binnenmarkt, müssten Anschub leisten. Doch Bundeskanzlerin Merkel reist umher und erzieht alle zu schwäbischen Hausfrauen.“ (H.F.)

 

▪ Kommt das elektroauto der Ära Kohl wieder?

Die von Berlin neu erweckte Begeisterung für Elektroautos lässt ein Déja-vu-Gefühl aufkom-men: Da war doch schon mal was ? In der Tat führte zwischen 1992 und 1995 die damalige Regierung – begeistert befürwortet durch Forschungsminister Heinz Riesenhuber und Umweltministerin Angela Merkel einen großen Feldtest für Elektroautos auf Rügen durch. Und der damalige Innenminister Manfred Kanther formulierte forsch das Ziel, mindestens 10 Prozent aller neu zugelassenen KFZ sollten schon im Ziel-Jahr 2000 Elektroautos sein. Es kam schrecklich und natürlich ganz anders.

Die weitgehend auf Erinnerungsschwäche beruhende neue Begeisterung für das alte Thema ignoriert weiterhin das Fehlen zuverlässiger und kostengünstiger Antriebsbatterien. Das ist seit etwa 100 Jahren der Fall, als sofort nach der Erfindung des Automobils auch der Elektroantrieb begann. Nach einigen Jahren hängte jedoch der Verbrennungsmotor, der seine Energie aus den mit Abstand besten Speichern holt – das sind flüssige Kohlenwasserstoffe - den E-Antrieb hoffnungslos ab. Seither arbeiten Generationen von Experten der physikalischen Chemie an der Verbesserung von Akkumulatoren.

Doch die heutige erstaunliche Weiterentwicklung von Diesel- und Benzinmotoren hält den Vorsprung aufrecht. Man rechnet in wenigen Jahren mit einem Diesel der Golfklasse, der nur drei Liter pro 100 km braucht. // Wenn man die in 100 Jahren erfolgten gewaltigen Investitionen an Geist und Kapital in die Batterietechnik in Betracht zieht, wird klar, dass mit einem sensationellen Durchbruch bei Lebensdauer, Kältefestigkeit und Preis innerhalb weniger Jahre nicht zu rechnen ist.

Soeben haben TÜV-Experten bewiesen, dass E-Autos durch lange Kälte auf halbe Batterie-leistung abstürzten. Dennoch: Medienwirksame E-Auto-Aktivitäten der KFZ-Industrie be-halten die Aufgabe, umweltfreundlich zu wirken. Kritische Stimmen stören und werden kaum gedruckt. Doch ein Experte wie Franz Fehrenbach, Chef der Bosch-Geschäftsführung, warnte, dass bis zu einer breiten Elektrifizierung "noch viel Zeit vergehen" werde und dass "alle, die etwas anderes behaupten, entweder den Stand der Technik nicht kennen oder verantwortungslos handeln.“ Und weiter: "Selbst noch 2015 müssen wir für einen Elektro-Golf voraussichtlich mit 8000 bis 12000 Euro allein für die Batterie rechnen.“ Damit würde allein eine solche Lithium-Ionen-Batterie, die gerade einmal für eine 200 km-Reichweite gut sein könnte, mehr als ein Kleinwagen kosten und sie würde dazu, wie Bernd Bohr, ebenfalls Robert Bosch GmbH, betonte, "250 kg schwer sein.“

Und Christoph Huss von der VDI-Gesellschaft Fahrzeug- und Verkehrstechnik betonte, wir dürften "nicht vergessen ... dass die technisch-physikalischen Grenzen elektrochemischer Energiespeicher nicht durch politische Sonntagsreden außer Kraft gesetzt werden können.“ Doch die Berliner Regierung verabschiedete einen "Nationalen Entwicklungsplan Elektromo-bilität“, der neben vernünftiger Forschungsförderung die finanziell katastrophalste und unwirksamste aller staatlichen Technikförderungen wiederholt, nämlich ein Markt-Anreiz-programm mit Zuschüssen für den Kauf noch unbrauchbarer Technik, an dem sich auch ausländische Billighersteller bereichern könnten, wie bei der Photovoltaik-Förderung nach dem EEG. 2020 soll es abermals eine Million E-Fahrzeuge geben - Pleitier Kanther lässt grüßen. Nichts beschreibt das Unvermögen der Planer besser als die neue Selbsttäuschung. Die Rache der Physik wird kommen. Und wieder bluten die Steuerzahler. Warum beschreibe ich den Vorgang eingehend? Weil der Leser aus den genannten Daten mit einer einfachen Rechnung das Scheitern der Pläne vorher-sagen kann:

Der Golf wird bereits um 2015 mit 1 kg bzw. 1 Liter Diesel 33 km weit fahren können. Das E-Auto mit dem Strom aus einem teuren Kilo Batteriegewicht aber nur 800 Meter. Das ist der Faktor 42. Im Winter ist die Dieselheizung gratis; im E-Auto sänke die ohnehin geringe Reichweite um mindestens ein Drittel. Da sind auch Stromkosten kein Trost: Selbst bei größter Subventionierung wird kaum jemand ein solches Vehikel freiwillig kaufen. Der konventionelle PKW besitzt also weiterhin einen uneinholbaren Vorsprung, und er wird bei Betankung mit Biosprit der 2. Generation sogar noch zu einem echten Umweltmobil.

In der ferneren Zukunft wird auch die zurückgehende Ölförderung dem klassischen Verbrennungsmotor nicht schaden, da nach 2040 zunehmend synthetisches Benzin auf dem Markt sein wird, - produziert mit Hilfe der dann einsatzbereiten Hochtemperatur-Kernreaktoren (HTR), mit deren Prozesswärme Wasserstoff billig durch thermische Wasserspaltung erzeugt und in Kohle-Hydrierwerken zu Benzin umgewandelt wird. Diese geniale deutsche Erfindung ("Reaktoren der 3. Generation") ist jedoch durch deutsche Regierungen, z.B. in NRW, nach erfolgreicher Entwicklung eingemottet worden und wird jetzt in China und Japan zur Marktreife gebracht. Der deutsche Atom-Ausstieg garantiert, dass der beschriebene Sprit hier-zulande nicht hergestellt werden darf.

Es gibt eben immer wieder deutsche Technologie-Entwick-lungen, die erst gefördert, erfolgreich entwickelt, dann ver-hindert und schließlich der internationalen Konkurrenz überlassen werden - vom Transrapid bis zu Bau moderner Kernkraftwerke, der vor allem Frankreich weltweit immer mehr neue Aufträge bringt. Im Augenblick etwa dreißig.

ERGÄNZUNGEN zum vorstehenden Text:

@ Inzwischen gibt es Warnungen vor dem E-Auto-Optimismus auch in zwei renommierten deutschen Auto-Magazinen, im Fernsehen und in THs, die mit dem TÜV kooperieren. Inter-essant die Planung Israels: E-Autos sollen sein, aber gesetzlich in Mini-Territorien stationiert werden, wo sie nur bis 100 km maximal täglich fahren. Außerdem plant Israel dazu mehr als eine halbe Million E-Tankstellen. Der LKW-Verkehr soll dagegen mit Diesel laufen.

@ Die Deutsche Reichspost unterhielt schon vor dem Krieg Elektro-Paketpost-Lastwa-gen, die innerstädtisch maximal 40 km tgl. fuhren und nachts mit verbilligtem Strom (durch NS-Planwirtschaft) aufgetankt wurden. Heute wird erwogen, Busse mittlerer Größe ähnlich einzusetzen. Bisher gelten sie aber als "praktisch unbezahlbar".

@ Der süddeutsche Motorenbauer Tognum hat Ende 2010 seine Arbeit für die Entwicklung von Brennstoffzellen eingestellt: "Serienfertigung nicht rentabel möglich". Er folgt damit FORD und BMW. 60 Millionen € wurden bei Tognum in den Sand gesetzt. Interessant: Doch grüne Mitglieder der IG Metall protestierten und glauben weiter an "Öko-Motoren".

@ Der SPIEGEL (2/2011) hat veröffentlicht, dass der ADAC (17 Mio Mitglieder) den Toyota Auris 1,8 Hybrid (3.8 Liter/100 km) zum "Auto der Zukunft" ernennt, ausgesucht aus 431 Autos, die keine erste Qualifikationshürde nahmen. Sämtliche schon existierenden E-Autos scheiterten schließlich an zentralen Akzeptanz-Kriterien. - Der gleiche ADAC veröffent-lichte in seiner "Motorwelt" die These "Die Zeit drängt" und hofft, dass das von der Bun-desregierung erhoffte E-Auto in zwei Jahren läuft. Mit einer Million Stück (abermals...), meint Umweltminister Norbert Röttgen. Berlin fördert in acht Projekt-Regionen Modell-Versuche mit zusammen 190 Mio €

                    Von Dr. Ing. Günter Keil, Bonn (gestraffter Auszug aus "Der Fluch der Technik" in NOVO-Argumente)
 

 

▪ Eine französische Krankheit: horrende Immobilienpreise (1*)

Wann platzt die Seifenblase auf dem französischen Immobilienmarkt? Eines Tages bekommt sie unweigerlich Risse. An Volumen hatte sie 2009 verloren. Dann wuchs sie wieder zu der Größe von vor 2008 an. , doch sie bleibt überdimensional aufgeblasen. Sie kann nicht ewig wachsen. Sie kann nur noch schrumpfen. Dafür spricht die Vernunft. Denn die französischen Investitionen auf dem Immobilienmarkt haben die Obergrenze erreicht, wo die Wirtschaft insgesamt leiden würde, wenn sie überschritten wird. Nicht nur, dass das Immobilienwerte aufgrund der sehr hohen Quadratmeterpreise und die Spekulationsgewinne das Vermögen der Franzosen als höher erscheinen lassen, als es wirklich ist, sondern auch, weil die Immobilien Kapital „einfrieren“, das dann im verarbeitenden Gewerbe und in den Dienstleistungen nicht mehr produktiv eingesetzt werden kann. Die Regierung versucht durch Steuern einen Teil dieses Vermögens abzuschöpfen, aber sie muss auf der anderen Seite die jungen Erwachsenen zum Wohnungskauf ermutigen. Sie muss mit anderen Worten das Problem der Quadratur des Kreises lösen.

Frankreich ist praktisch das einzige Land, in dem die Immobilienpreise infolge der Wirtschafts- und Finanzkrise nicht nach unten gegangen und schon gar nicht eingebrochen sind wie in Spanien oder den USA. Die „Immobilienseifenblase“ mit ihren Preisen, die wohl von Psychopathen hochgehalten werden, mit ihren frisierten Diagnostiken von Firmen, die nicht so streng auf den vermeintlichen Energieverlust einer alten Immobilie und auch nicht auf die so genannte Blei- und Asbestfreiheit in den Wänden und Rohrleitungen achten, eine reine Augenwischerei nur für diejenigen, die es brauchen, diese Immobilienseifenblase gehört zu den zahlreichen französischen Ausnahmeerscheinungen. Das Geschick der Immobilienbüros, die vor allem ihre Bruchbuden zu nicht verhandelbaren Preisen verkaufen wollen und es auch schaffen, sowie die Beharrlichkeit der Verkäufer und Verkäuferinnen, die da glauben, durch Aufpreise wie zu Zeiten der Jahrhundertwende Gewinne erzielen zu können, tun ihr Übriges.

Man stelle sich vor: In diesen Zeiten von Massenarbeitslosigkeit, Kaufkraftschwund, Überschuldung und schließlich unsicherer Wirtschaftslage hatten sich die sozialen Bewegungen mal eben etwas beruhigt, als die Notare im Dezember 2010 einen brutalen Preisanstieg im Immobiliengeschäft von 5 bis 10 % auf dem französischen Festland ankündigten und einen Spitzenwert von 20 % allein für die Stadt Paris. 2009 konnte man sehen, wie doch viele Maklerbüros aufstecken mussten. Doch die Verkäufer warteten ab und hielten ihre Preise hoch. Und sie taten gut daran, betrachtet man die Entwicklung der letzten Monate. Allerdings haben die Preise eine so schwindelerregende Höhe erreicht, dass die Franzosen bei der Faszination, eine Familien- oder Privatimmobilie zu besitzen, zu unbesonnenem Handeln verleitet werden. Eine 2009 vom Schatzamt zur Erhebung des genauen Besitzstandes der Franzosen in Auftrag gegebene Studie (die letzte stammte von 2007), die einigen Parlamentariern der Mehrheit vorgelegt wurde, spricht Bände. Der Grund für dieses Abheben hat einen Namen: Preislawine im Immobiliensektor.

Wohnungen, Häuser und Grundstücke machen in der Tat 61 % des Privatbesitzes der Franzosen aus, dagegen stehen 33 % für finanzielles Vermögen, Anlagen, Aktien und Verbindlichkeiten und nur 6 % für berufliche Güter. Weit mehr noch: Der Hauptwohnsitz stellt 80 % der Immobilien dar. Unter Berücksichtigung eines Steilflugs von 111 % der Wohnungspreise zwischen 1999 und 2009 ist das Immobilienvermögen der Franzosen von 2360 Milliarden Euro auf 6090 Milliarden innerhalb dieses Zeitraums gestiegen. Nach einem Einbruch 2009 ist seine Wertsteigerung im letzten Jahr gehörig angestiegen, und gegenwärtig läuft das so weiter.

Quadratmeterpreise, die jede Konkurrenz ausstechen

Anfang Januar 2011 stand der Durchschnittspreis für den Quadratmeter bei 7 500 € in Paris mit Spitzenwerten weit darüber in den „Nobelvierteln“, bei 3.000 € in Lyon mit einer Steigerung von 15 %; bei 2.700 € in Bordeaux (10 % Steigerung), 2.500 € in Marseille (10 %), 2.450 € in Nantes (10 %), 2 350 € in Toulouse (7 %) und 1.450 € in Brest (5 %). Niemand konnte diese Preislawine voraussehen, selbst die Vollprofis nicht. „Sind die Preise noch angemessen?“ - fragt sich das Magazin „60 millions de consommateurs“ (60 Millionen Verbraucher). Ganz offensichtlich sind sie das nicht mehr, doch so lange es Käufer gibt, die diese zu zahlen bereit sind, anstatt in den Kaufstreik zu treten, werden sich die Preise auf solchem Niveau halten. Paris ist ein Sonderfall, um nicht zu sagen: ein hoffnungsloser Fall. Es heißt, dass die Ausländer die Preistreiber sind, darunter Erdöl-Scheichs, aber auch Briten, die danach streben, irgendwo ihre Überschüsse gut anzulegen. Man sucht nach Erklärungen für die Hauptstadtverrücktheit, wo ein Dienstmädchenzimmer im Dachgeschoss so viel kostet wie eine Villa mit Garten in der Provinz, wo man Studentenbuden von 15 qm für 500 Euro pro Monat vermietet, wo die hygienisch fragwürdigen Wohnungen mit schimmligen Wänden, gefährlichen Stromanschlüssen, kaputten Fußböden und Decken eine Heidenmiete kosten, bei denen selbst die Konkurrenz nicht mehr gegenhalten kann. Doch im Fall Paris gibt es eine Erklärung, die alle anderen in den Schatten stellt. Bei dem hohen Prestige der Hauptstadt und der französischen Zentralisierung, die schuld daran sind, dass die Werte Arbeit und Freizeit in Paris bei weitem das Maß der Dinge in der Provinz übersteigen, ist man in eine Spekulationsspirale geraten, die sich selbst auf irrationale Weise immer weiter nach oben schraubt.

Kommen wir auf die regionalen Hauptstädte zu sprechen, denn trotz der angeblichen Rückkehr der Franzosen aufs Land sind die entlegeneren Provinzen nicht oder viel weniger von dieser steigenden Preiswelle betroffen, denn die Nähe der Arbeitsplätze, der Einkaufs- und Freizeitzentren macht sich bezahlt. Gründe für die Preislawine gibt es viele: Rückkehr zum Normalzustand von vor der Transaktionskrise nach dem Einbruch 2009; Ende der Steuervorteile, die mit der Absetzbarkeit der Anleiheverzinsung per 1. Januar 2011 verbunden sind, wodurch die Eigentumserwerber zu schnellen Kaufentscheidungen getrieben wurden; Zinssätze für Anleihen im historischen Höhenflug; schließlich Öffnung der Schleusen durch die Banken und Versicherungen für Immobilienkredite, nachdem sie in den Jahren 2008-2009 die Bremsen angezogen hatten. Und dann besteht da vor allem noch der Wunsch, sein Geld aus Angst vor der Inflation und/oder einem Werteverfall des Euros „in Bausteine“ anzulegen. Seit die Regierungen der Eurozone, an deren Spitze Deutschland und Frankreich im Schulterschluss mit der EZB in Frankfurt, einen Fonds zur Unterstützung der quasi insolventen Mitgliedsländer aufgelegt haben, seit die europäische Währung im Augenblick auf eine bestimmte Zeit am ausgestreckten Arm gestützt wird, sollte der Immobilienwahnsinn ein bisschen zur Ruhe kommen. Doch die Liebe zu den eigenen überdachten vier Wänden ist ein sehr französischer Zug, der sich nicht von einem Tag zum anderen verliert. Und da gießen die Regierungen noch Wasser auf die Mühlen, zumal das ein soziopolitischer stabilisierender Faktor ist.

Ab in eine Krise der „Subprimes“ à la française?

Das Ergebnis ist, dass die Mittelschichten und kleineren Geschäftsleute aus den Stadtzentren vertrieben werden. Sie lassen sich in den Vororten nieder, wo sie von denen erwartet werden, die schon zuvor Proletarier waren. Man darf nicht in die Ghetto-Städte ziehen, die in den 60er Jahren zu Zeiten der zumeist kommunistischen Bürgermeister gebaut wurden und Kopien der Wohnhochhäuser der Länder des Ostblocks sind. Schauen Sie sich die unzähligen „Privatvillen“ des Pariser Vorstadtgürtels an. Darunter gibt es solche, die man von Eltern und Großeltern ererbt hat (etwa ein Drittel des Besitzes eines fünfzigjährigen oder noch älteren Haushalts ist durch Erbfolge und Schenkung weitergegeben worden – Erbschaft spielt eine wichtige Rolle bei der Anhäufung von Reichtümern) und die oftmals reparatur- und modernisierungsbedürftig sind. Dann gibt es noch solche, die erst kürzlich gekauft wurden, weil man die preislich aus dem Ruder gelaufenen Stadtzentren verlassen musste. Wenngleich die Preise noch unter denen der Innenstädte geblieben sind, klettern auch die in den Vororten für Villen, Maisonettes und Appartements. Um solche Wohnungen zu erwerben, haben viele Leute vor der Krise langfristige Darlehen aufgenommen, die sie jetzt nicht mehr zurückzahlen können, weil sie ein geringeres Gehalt bekommen oder einer der Paare seinen Arbeitsplatz verloren hat, denn Arbeitslosigkeit hält sich in Frankreich auf hohem Niveau, inklusive Langzeitarbeitslosigkeit. Nicht allein diese schwere Verschuldung ist ein Faktor für Verarmung und Proletarisierung, sondern das ist eine „zweite Seifenblase“, die eines Tages platzen wird, wenn die Banken auf Tilgung bestehen müssen. Vielleicht geht das dann weniger folgenschwer zu als in den USA während der Subprime-Krise, aber doch so heftig, dass es weithin spürbar Staub aufwirbeln wird mit allen dazugehörigen Nebeneffekten.

Wenn die Immobilienpreise nach unten gingen, würden zu viele Franzosen mit einem Schlag zumindest an Werten verlieren, mit Sicherheit auch einen Teil ihres Reichtums als durch die Geldinflation. Nur, sie verlieren bereits einen Teil beim Entrichten der Vermögenssteuer (ISF) durch einfache Erhöhung der Preise ihres Immobilienbesitzes. Steuerliche Konsequenz aus Immobilienkäufen liegt in der Tatsache, dass immer mehr Haushalte in die Fänge der Vermögenssteuer geraten sind. Die Anzahl der hier Steuerpflichtigen stieg zwischen 1999 und 2009 von 212.000 auf 559.000. Nicht gerade verwunderlich, da es ja bei den Debatten über die anstehende Reform der Vermögensbesteuerung in den aktuell regierungsnahen Kreisen um den Steuerfreibetrag für den Hauptwohnsitz und die Bemessungsgrenzen der ersten Stufe der Vermögenssteuer oder um den Immobilienzuwachs geht. Für eine große Zahl von Leuten aus den Mittelschichten, die nicht gerade als „vermögend“ angesehen werden können, bedeutet dies eine zunehmende Verschuldung und eventuell einen schnelleren sozialen Abstieg, wenn sie ihren Besitz mit Abzügen verkaufen müssten, weil sie ihre Darlehen nicht zurückzahlen und auch ihre Steuern nicht entrichten können.

Unproduktive Investitionen

Eine weitere Gefahr dieses deregulierten Immobilienmarktes in Frankreich ist seine Auswirkung auf die Wirtschaftskonjunktur. In der Tat mobilisiert er das Hauptguthaben der Franzosen, das demzufolge nicht in den produktiven Industriesektor investiert werden kann. Der Sparstrumpf ist bei den Franzosen sehr traditionell und ziemlich unproduktiv, zieht man in Betracht, dass sich ihr Vermögen innerhalb von zehn Jahren verdoppelt hat, aber dies vor allem durch Immobilienkäufe, während es insgesamt eher stagnierte (vgl. nachfolgende Grafik).

Oben: Vermögen der Franzosen insg.(patrimoine total) ; unten: Vermögen ohne Immobilien (patrimoine hors immobilier). Entwicklung des jährlich verfügbaren Vermögens.

Auf 10.000 Milliarden Euro geschätzt, stellt der Reichtum der Haushalte achte Jahre Einkommen oder fünf Jahre BIP Frankreichs dar. Die Deutschen und Amerikaner sind weniger begütert (sechs Jahre Einkommen), allerdings sind die Briten noch besser (elf Jahre). Das finanzielle Vermögen der Haushalte, die ein Drittel ihres Reichtums ausmachen, ist dagegen in den zehn Jahren „nur“ um 54 % gewachsen, was über dem Wachstum der Wirtschaft (39 %) liegt. Auffällig ist der Erfolg der Lebensversicherung. Dort sind jetzt 1360 Milliarden auf Lager gegenüber 620 Milliarden im Jahre 1999. Eine Zahl, die im Vergleich zu 1575 Milliarden Schulden des Staates, der Krankenversicherung und der örtlichen Gemeinden zusammengenommen steht. Ein Teil dieses Geldes fließt in Form von Aktien und Investitionen in Industrie, Handwerk und Landwirtschaft, aber nur ein Teil, der Rest – insbesondere das immense Immobilienvermögen – „ruht“. Mehr noch, dieses Besitztum ist teilweise fiktiv, denn es stellt nur eine rein spekulative Preiserhöhung für Immobilien dar.

Infolge der Überinvestition in eine zu hoch veranschlagte Immobilie bleibt die Aufteilung des Vermögens der Franzosen eher ungleich. 10 % der begütertsten Haushalte haben einen Anteil von 48 % am Gesamtvermögen, während die Einkommensverteilung weniger konzentriert ist (von den 10 % der einkommensstärksten Haushalte beziehen ein Viertel der Gesamteinkommen). Das bedeutet, dass die Reichsten den größten Immobilienbesitz haben. Hinzu kommt, dass 53 % des Finanzvermögens der Franzosen in Aktien oder Verbindlichkeiten anderer Länder stecken und dass 68 % der Staatsschulden auf dem französischen Festland von Ausländern übernommen worden sind (ein Großteil der französischen Industrie gehört Ausländern). Die Lösung wäre, Druck auf die Immobilienpreise zu machen, um die Leute zum Investieren in den produktiven Sektor anzuregen. Trotzdem versteifen sich die französischen Wirtschaftsakteure beinahe alle auf die Beibehaltung der Immobilienwerte auf hohem Niveau. Vor ein paar Tagen freute sich ein französischer Wirtschaftsfachmann auf dem Kanal „Europe 1“, dass die Immobilienpreise „gut im Rennen liegen“.

Denn man fürchtet Missstimmung und Verarmung, die eine Immobilienabwertung hervorrufen könnte, doch dieses fiktive Verharren auf hohem Niveau ist für das BIP kontraproduktiv. So bemüht sich die Regierung gegenwärtig darum, dem Vermögen der Franzosen in Richtung Industrie eine Neuorientierung zu geben. Da sich das in „Bausteine“ investierte Geld nicht freisetzen lässt, sind die Bemühungen der Regierung auf den finanziellen Vermögensanteil aus. Das Gewicht an Lebensversicherung ist nun dergestalt, dass die Regierung darüber nachdenkt, wie sie diese Ersparnisse mehr auf Aktien umlenken kann. So könnte man sich von der Vermögenssteuer befreien, indem man in Aktienfonds zugunsten der Unternehmen investiert, doch dieses Verfahren hat nicht den erhofften Erfolg eingebracht. Die Finanzkommission beim Senat hat vorgeschlagen, dass der günstige Steuersatz von heute 7,5 % auf 5,5 % für die Verträge mit 15 % Aktien gesetzt wird und auf 8,5 % für die anderen. So würden die Anlagen in Aktien besser dastehen. Aber nichts ist bisher entschieden.

Man kann also Investoren und Interessenten aus dem Ausland nur raten, ihre Kaufabsichten für Häuser oder Grundstücke in Frankreich auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Geraten Sie bloß nicht in Panik angesichts des aktuellen Trends auf dem französischen Immobilienmarkt, der sich wieder auf preissteigerndem Kurs befindet. Denn der Euro hat sich weiterhin konsolidiert – vielleicht sogar für immer. Ihre Bankkonten werden Ihnen nicht zwischen den Fingern zerrinnen. Zumal der Aktienmarkt wieder im Anstieg begriffen ist … Unser Rat: Warten Sie noch ! (JPP)

Deutsche Übersetzung von Johanna Brunne
(1*) Fortsetzung folgt in der nächsten Eurbag-Ausgabe.

 

 

▪ „Wir können nicht für jeden haften“

Irland ist unterm Rettungsschirm, Griechenland gleich daneben. Die Sorge um Portugal wächst. Auch Spanien – ökonomisch abgestürzt. Und Deutschland sitzt am Rand des gewaltigen Krisentopfs der Europäischen Union, gefüllt mit der Notfallhilfe für Pleite-Kandidaten, die bislang bis zu 750 Milliarden Euro mobilisieren kann. Selbst wenn das Ausland den Mittelstand im bundesdeutschen Aufschwung lobt, ist deutsche Angst, the „german angst“, weltbekannt: Angst vor der Rettung klammer Euro-Länder. Angst, für Europa gerade stehen zu müssen, denn, so das Mantra von Kanzlerin Angela Merkel:

„Wenn der Euro scheitert, scheitert Europa.“ Angst vor Inflation, vor weiter wachsender Staatsverschuldung, Angst in einem Wohlfahrtsland, das die Volkswirtschaft nicht schützen kann: Das sagt Professor Dr. Clemens Fuest von der Oxford University for Business Taxation. Der Uni-Direktor fordert ein Reformpaket, um deutsche Staatsfinanzen langfristig zu konsolidieren. „Das ist die letzte Chance, bevor uns der demografische Wandel trifft“, warnte der renommierte Ökonom in seinem Vortrag „Finanzpolitische Herausforderungen in Deutschland und Europa“ in der Hanns-Martin-Schleyer-Stiftung, die zum „Forum Berlin“ eingeladen hatte: „Was macht Deutschland stark? Zur Zukunft der Ordnungspolitik in Wirtschaft, Staat und Gesellschaft“.

Wie kann Deutschland selbst die Euro-Krise bewältigen? Fuests Antworten in einer Finanzkrise, die er trotz derzeit wirtschaftlicher Erholung auch hierzulande nicht für überwunden hält: Sanierung der sozialen Sicherungssysteme und eine Reform des Steuersystems. Und Deutschlands Geldgeberrolle in Europa? Fuest betont, dass staatliche Hilfen ab 2013 erst dann gewährt werden sollen, nachdem private Gläubiger beteiligt würden. Derzeit sei eine teilweise Staatshaftung richtig, langfristig sein dürfe sie nicht. „Wir können nicht für jeden haften. Dann kämen wir in eine Verschuldungsunion.“

Deutschland, zum Jahresbeginn 2011. Gut zwei Jahre nach dem Höhepunkt einer Schuldenkrise, die den Ruf von Finanzexperten beschädigt hat. Einer von ihnen bekennt jetzt: „Der ökonomische Mainstream hat es nicht vorhergesehen.“ Er selbst rechnet sich dazu: Professor Dr. Clemens Fuest, Direktor der Oxford University for Business Taxation, der zum „Forum Berlin“ der Hanns-Martin-Schleyer-Stiftung gekommen war. Einer deutschen Selbstzufriedenheit mit Blick auf den aktuellen Geschäftsklima-Index des ifo-Instituts will er nun nicht trauen: Nach dem Absturz 2009 hat das Niveau Ende 2010 seinen Höhepunkt nach der Wiedervereinigung vor 20 Jahren erreicht. „Ein fulminanter Aufschwung“, so Fuest. „Doch das Wohlstandsniveau in Deutschland ist infolge der Finanzkrise dauerhaft geringer als es ohne diese Krise wäre.“ Die Zufriedenheit werde schnell verfliegen. „Denn ich fürchte, dass Reformen ausbleiben.“

Was klagt Ökonom Fuest ein? Welche ordnungspolitischen Rezepte können Deutschland dauerhaft stark machen? Fuest sieht ein Problem im deutschen Steuersystem und verlangt Reformen: „Die Gewerbesteuer muss abgeschafft und durch kommunale Zuschläge zur Einkommens- und Körperschaftssteuer ersetzt werden.“ Doch: „Für steuerliche Entlastungen besteht nur Spielraum, wenn Ausgaben entsprechend gekürzt werden.“ Zwar sei die Strategie der schwarz-gelben Bundesregierung richtig, Schuldenschranken einzuhalten, doch fordert der Ökonom eine besondere Wertschätzung öffentlicher Investitionen. Tatsache ist: Die Statistik der Ausgaben von 1975 bis 2008 zeigt einen massiven Rückgang von acht auf drei Prozent der Brutto-Investitionen in diesen Sektor. „Sie sind wichtig für das Wachstum. Die Konsolidierung darf nicht zu ihren Lasten gehen.“

Dringenden Reformbedarf sieht Fuest mit Blick auf die sozialen Sicherungssysteme. „Die Belastung des öffentlichen Sektors wird erheblich sein – durch Renten, Pensionen, Pflege.“ Der demografische Wandel droht: Noch sei der Anteil der Bundesbürger zwischen 20 und 64 Jahren stabil, so Fuest, ab 2020 jedoch „kommt der Absturz“. In den Jahrgängen der heute Ende 30-Jährigen bis Mitte 50-Jährigen sieht er die letzte Chance, um soziale Sicherungssysteme zu stabilisieren, Schuldenschranken einzuhalten, den Haushalt zu konsolidieren. Die Erwerbstätigkeit liege auf Rekordniveau, seit Jahren fielen die Zinskosten öffentlicher Verschuldung. „Die Bedingungen sind günstig. Reformen, die wir jetzt verpassen, sind nicht mehr nachzuholen.“

Inzwischen heißt es aus Berlin und Paris: Im Kampf um den Bestand der Euro-Zone planen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Präsident Nicolas Sarkozy eine gemeinsame EU-Wirtschaftsregierung. Euro-Staaten sollen ihre Steuer- und Arbeitsmarktpolitik sowie ihre Sozialsysteme enger als bisher aufeinander abstimmen – auch ein Lösungsweg, um wirtschaftliche Ungleichgewichte langfristig zu beseitigen, Krisen made in Griechenland zu vermeiden, den Euro zu stabilisieren.

Neben der Sanierung der deutschen Staatsfinanzen nennt Fuest damit eine zweite große Herausforderung der Finanzpolitik: Die Regeln für die Staatsverschuldung in der Eurozone müssen neu geordnet werden – und das in Krisenzeiten. Was taugt zur Lösung? Fuest rät zu Insolvenzverfahren für Euro-Staaten. Seine Ideal-Forderung im Einzelnen: keine Staatsbeteiligung, sondern alleinige Haftung der Gläubiger bei Konkursen. Eine Beteiligung privater Gläubiger sei wichtiger als zunehmend schärfere Sanktionen, „denn Sanktionen können nur wirken, solange Mitgliedsstaaten ihre Verschuldung noch steuern können und die Krise noch nicht zu weit vorangeschritten ist“. Diese Beteiligung an der Sanierung sei nur machbar und glaubwürdig zu vermitteln, so Fuest, wenn dies nicht zu einer neuen Finanzkrise führt. Eine teilweise Staatshaftung sei zumindest derzeit richtig, langfristig sein dürfe sie nicht. „Dann kämen wir in eine Verschuldungsunion, aus der wir auf Dauer nicht herauskommen.“ Denn: „Wir können nicht für jeden haften.“ In diesem Sinne hält Fuest ein „Verhältnis aus privater und staatlicher Haftung“ für realistisch. „Es muss eine entschlossene Solidarhaftung geben. Es ist ein großer Erfolg, dass Frankreich dem zugestimmt hat.“

                                                                                                                                                                    Hildegard Filz
 

 

UNTERNEHMEN

▪ Diesmal ist der TGV tot

Neuer Super-Zug mit 400 km/h

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt) präsentiert Pläne für einen neuen Superzug, der 400 km/h schnell sein soll. Um dies zu ermöglichen, müssen für den NGT ("Next Generation Train") allerdings viele Elemente aus der Luftfahrt verwendet werden. Für den französischen TGV wäre die Indienstsetzung des NGT eine herbe Niederlage. Bereits der ICE machte dem französischen Schnellzug Sorgen, da er wohl in Kürze Frankreich mit Grossbritanien durch den Kanal-Tunnel verbinden soll.

Der Zug soll nicht nur schneller sein, sondern mehr Raum und gleichzeitig Komfort bieten. So werden im Innenraum mehr Ruhe und ein angenehmes Klima herrschen. Auch die Vibrationen werden minimiert. Zusätzlich verspricht das DLR mehr Sicherheit, Zuverlässigkeit und einen bis zu 50 Prozent geringeren Energieverbrauch. Aus dem Flugzeugbau stammen Spoiler und Bremsklappen, die den Doppelstöcker sicher in der Spur halten. Sollte der NGT plötzlich von einer Böe erwischt werden, können zusätzliche Steuerflächen aktiviert werden, um der Naturgewalt Herr zu werden und Stabilität zu erreichen. Es wird sogar zusätzliche Knautschzonen geben, die im Falle eines Zusammenpralls für mehr Sicherheit sorgen. Wann der Zug wirklich in den Dienst gestellt wird und wo er zum Einsatz kommt, ist allerdings noch nicht sicher.

 

 

▪ Dassault: Information über den Falcon 7X

 

Die Flüge des Falcons 7X werden nach der Genehmigung durch die EASA wieder aufgenommen

 

Dassault Aviation hat am 17. Juni die Wiederinbetriebnahme vom ersten Falcon 7 Xs angekündigt, bei welchem eine Änderung des Trimmings seines Höhenruders durchgeführt worden ist. Umfangreiche Mittel wurden zu diesem Zweck eingesetzt, damit die Funktionsstörung des Höhenruders, die einen Zwischenfall bei einem Flug am 25. Mai dieses Jahres verursacht hatte, eine rasche Korrektur bekommt. Der von Dassault Aviation entwickelte Korrekturbausatz rüstet das Höhenrudertrimmingsystem mit zusätzlichen Schutzvorrichtungen aus.

 

Nach ausführlichen Tests, die ermöglicht haben, das perfekte Funktionieren dieser Abänderung zu gewährleisten, wurden die ersten Bausätze produziert und  in die Wartungszentren des Netzes geliefert. Diese Abänderungen haben  parallel dazu die Bestätigungen der Aufsichtsbehörden bis zur Gültigkeitserklärung durch die EASA am 15. Juni erhalten. Die europäische Flugsicherheitsagentur hat am 16. Juni eine neue Anweisung für die Flugfähigkeit veröffentlicht, die die Wiederaufnahme der Passagierflüge erlaubt. Eine gleichartige Entscheidung der FAA wird in unmittelbarer Nähe erwartet.

 

Seit der Entscheidung der EASA, auf die Bitte von Dassault Aviation die Flüge vorläufig zu unterbrechen, wurde das  Wartungspersonal vom 7 X ständig von den realisierten technischen Fortschritten informiert. Alle verfügbaren Ressourcen wurden bei Dassault Aviation mobil gemacht, um die Ursachen des Zwischenfalls genau zu ermitteln und einen Aktionsplan aufzustellen. Das Unternehmen gab sich zum Ziel, bis Anfang Juli alle Flugzeuge wieder flugtauglich zu machen. (Saint Cloud am 17. Juni 2011)

 Hintergrund

Am Mittwoch 15. Mai 2011 hatte ein Falcon 7X eine Störung seines Höhenausgleichsystems  erfahren, als er herunterflog. Die Crew stellte ein stabiles Flugprofil wieder her und landete ohne Zwischenfall.

Auf die Bitte von Dassault Aviation hatte die EASA eine Richtlinie veröffentlicht, die zum Datum vom 26. Mai diese Flugzeuge vorläufig vom Flugdienst suspendierte. Das FAA folgte ihr am Tag danach. Diese Unterbrechung der Aktivitäten spiegelt die gegenüber jeder anderen Überlegung auf die Sicherheit der Flüge von Dassault gesetzte Priorität wider.

Das Ergebnis der Untersuchung hatte sehr schnell das normale und vorschriftsmäßige Funktionieren der Flugsteuerung bestätigt und hatte die Anwendung eines Verfahrens  zur Überführung der Maschine mithilfe der digitalen Steuerungsinstrumente in normalem Modus ermöglicht.

Die Flotte der Falcon 7 X zählt 112 Flugzeuge, die mehr als 75.000 Flugstunden zusammenzählen. Es ist das erste Mal, dass ein Ereignis dieser Art seit der Indienstsetzung dieses Flugzeugtyps im Jahre 2007 passiert.

Das leistungsfähigste Businessflugzeug der Welt

In mehr als 70 Ländern auf den fünf Kontinenten ist die Firma Dassault Aviation einer der Weltführer in der Luftfahrt gegenwärtig vertreten. Man verbindet oft ihren Namen mit der Rafale, dem letztgeborenen der französischen Kampfflugzeuge und sicher einem der leistungsfähigsten Flugzeugen der Welt. Aber der Falcon, ziviler Bruder der Rafale, hat seine Eigenschaften und seine sehr hohe Sicherheit unter Beweis gestellt. Die Dassault Falcon Services ( DFS) hat im Übrigen ist mit dem Platinpreis der EBAA (European Business Aviation Association) für die Flugsicherheit ausgezeichnet worden. Damit  beehrt die EBAA jährlich Fluggesellschaften, die seit 50 Jahren unfallfrei geflogen sind oder die auf 100.000 Stunden Flug ohne Unfall zurückblicken.

Als Filiale von Dassault Aviation hat die Dassault Falcon den Verkauf und den Support der Falcon-Maschinen in der ganzen Welt zum Auftrag. Die Gruppe besitzt Montage- und Produktionsfabriken in Frankreich und in den Vereinigten Staaten sowie Maintenance-Einrichtungen in der ganzen Welt. Sie beschäftigt über 12.000 Angestellte. Seit der Lieferung der ersten Falcon 20 im Jahre 1963 sind etwa 2000 Einheiten dieser Flugzeugfamilie in mehr als 67 Ländern verkauft worden. Die Skala der Falcon-Flugzeuge umfasst momentan die dreistrahligen Flugzeuge Falcon 900DX, 900LX und das neue Falcon 7X sowie die zweistrahligen Falcon 2000DX und 2000LX. Dassault Falcon Service (früher Europa Falcon Service) ist auf der Pariser Luftfahrtfachmesse im Jahre 1967 entstanden. Heute verwendet die Dassault Falcon Service eine breite Skala von Falcon auf seinem Areal auf dem Flughafen Le Bourget in Paris. Die DFS Paris ist ebenfalls weltweit die größte Falcon Tankstelle und gehört zum Netz der Dassault Aviation eigenen Wartungszentren.

Anfang Mai 2010 hatte Dassault auf dem europäischen Salon der Luftfahrt der EBACE in Genf seine 75ste Falcon 7X geliefert. Im Dienst in 24 Ländern zählt dieses dreistrahlige Flugzeug, das mit einem Aktionsradius von 11.000 km (5950 nm) versehen ist. Die drei Pratt & Whitney Kanada Reaktoren PW307A tragen dazu bei, aus der Falcon 7X, sowohl in Bezug auf den Treibstoffertrag als auch was die Flughafenperformances angeht, die Nummer Eins ihrer Kategorie zu machen. Ständig kommen der Falcon 7X technische Verbesserungen und neue Funktionalitäten zugute.

 

Contacts : - Dassault Aviation (Frankreich) - wwww.dassault-aviation.com - Vadim Feldzer Tel. : + 33 1 47 11 44 13 ; - Dassault Falcon (USA) - Ralph Aceti Tel. : + 1 201 541 4585

Leitung der Außenbeziehungen und der Kommunikation: Stéphane Fort , Tel. + 33 (0)1 47 11 86 90, und Mathieu Durand

Firmensitz: 9, Rond-Point des Champs-Elysées Marcel Dassault - F - 75008 Paris

 

 

▪ "Schnellkochtopf" für Flugzeugteile: Weltweit größter Forschungsautoklav beim DLR

Nach einer mehr als zweiwöchigen Reise per Schiff und Transporter hat der weltweit größte Forschungsautoklav seinen Bestimmungsort im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Stade erreicht. Um die 27 Meter lange Röhre mit einem Durchmesser von 6,50 Metern sicher ins DLR-Zentrum für Leichtbauproduktionstechnologie (ZLP) zu transportieren, mussten eine Autobahn gesperrt und Verkehrsschilder abmontiert werden. In Zukunft sollen in diesem Autoklav Flugzeugteile unter Druck und Temperatur - wie in einem Schnellkochtopf - aushärten.

Allein der Deckel wiegt 16 Tonnen, der eigentliche Autoklav bringt 165 Tonnen Gewicht auf die Waage. 27 Meter lang ermöglicht der neue Autoklav dem DLR vor allem eines: Forschung an großen Flugzeugteilen. "Der Anteil der Bauteile aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff bei Flugzeugen nimmt zu - dafür benötigen wir Produktionseinrichtungen in einer neuen Dimension", sagt Dr. Matthias Meyer, Leiter des DLR-Zentrums für Leichtbauproduktionstechnologie in Stade.

Kohlenstofffaserverstärkter Kunststoff (CFK) ist ein Werkstoff, der zum einen besonders fest, zum anderen sehr leicht ist. Für die Flugzeuge der Zukunft bedeutet dies weniger Gewicht und dadurch auch einen geringeren Treibstoffverbrauch und weniger Schadstoff-Ausstoß. Der neue Autoklav wird im DLR zur Forschung auf diesem Gebiet dienen: "Er funktioniert dabei wie ein Schnellkochtopf oder ein Ofen, in dem Werkstoffe unter Temperatur und Druck eine Verbindung miteinander eingehen", erläutert Meyer. Ausgestattet ist das technische Großgerät für die Faserverbundwerkstoffe - im Gegensatz beispielsweise zu einem Autoklaven in der Industrie - dabei mit zusätzlichen Sensoren und einer Regeltechnik, die deutlich mehr Eingriffe in alle Prozesse erlaubt. "Wir können von nun an Rumpfbauteile, Flügel oder Seitenleitwerke komplett herstellen und analysieren." Der Forschungsautoklav kann dabei mit 420 Grad Celsius betrieben, der maximale Betriebsdruck liegt bei zehn Bar - das entspricht in etwa dem Druck, der in 100 Metern Wassertiefe herrscht.

Unterwegs per Schiff und Transporter

Bevor der erste Werkstoff jedoch hergestellt werden kann, musste der Autoklav eine mehrwöchige Fahrt von Coesfeld bis Stade absolvieren. Vom Herstellerwerk ging es am 26. Mai 2011 zunächst auf dem Transporter nachts bis zum Binnenhafen Coesfeld. Da der Druckbehälter aufgrund seiner Größe nicht ausschließlich über die Straße transportiert werden konnte, wurden der Autoklav und sein Deckel dort auf ein Schiff geladen. Über den Dortmund-Ems-Kanal und den Rhein fuhren die Schiffe "Indian" und "Adriana" bis zum niederländischen Ijsselmeer und gelangten von dort unter anderem über Ems, Weser, Mittellandkanal und Elbe bis nach Stade. Nach der Verladung vom Schiff mussten dann zunächst noch etliche Verkehrsampeln gedreht und Verkehrsschilder abmontiert werden, damit der Schwertransporter bei seiner Fahrt freie Bahn hatte. Eine entscheidende Hürde, die genommen werden musste, war die Autobahn A26, die für den Transport am Sonntag, 12. Juni 2011, gesperrt wurde. Quer über die Fahrbahn von einer Abfahrt auf die gegenüberliegende rollte der Transporter mit der großen Last. "Das Stader ZLP des DLR wird mit der Installation des Forschungsautoklaven im Industriemaßstab forschen können", sagt Dr. Matthias Meyer. Im November 2011 soll der Autoklav nach seiner Ausrichtung und Erprobung in Betrieb genommen werden. Zu Beginn wollen die Forscher des DLR sich mit der Aushärtung von Flügelschalen beschäftigen.

Im ZLP arbeiten die DLR-Institute für Faserverbundleichtbau und Adaptronik sowie für Bauweisen und Konstruktionsforschung zusammen. Das gesamte ZLP besteht aus zwei Standorten in Stade und Augsburg.


Kontakt : Manuela Braun, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), Kommunikation, Redaktion Weltraum, Tel.: +49 2203 601-3882, Manuela.Braun@dlr.de ; Dr.-Ing. Matthias Meyer, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), Institut für Faserverbundleichtbau und Adaptronik ,Tel.: +49 531 295-3700, Matthias.Meyer@dlr.de

 

▪ CASSIDIAN und FREQUENTIS übergeben den ersten Gefechtsstand in GIADS-III- und KOFA-IP-Technologie an die deutsche Luftwaffe.

Das Konsortium "KOFA – GIADS" (Cassidian und Frequentis Nachrichtentechnik GmbH) hat der deutschen Luftwaffe über das Bundesamt für Informationsmanagement und Informationstechnik der Bundeswehr (IT-AmtBw) einen hochmodernen Gefechtsstand für den Einsatzführungsdienst in Erndtebrück übergeben.

Cassidian liefert den Anteil "Gefechtsführungssystem" und Frequentis das neue IP-basierte Sprach- und Datenkommunikationssystem KOFA-IP. Damit sind alle deutschen Gefechtsstände des Einsatzführungsdienstes mit der KOFA/GIADS basierten Technologie ausgerüstet.

Die Fortentwicklung von der bisherigen GIADS-II- zur GIADS-III-Technologie führte im Wesentlichen zur Erhöhung der Anzahl der Arbeitsplätze pro Control und Reporting Center (CRC) um ein Drittel, zu einer Verdoppelung der bisher unterstützten Radarschnittstellen sowie zur Erweiterung und Teilautomatisierung des gesamten Meldewesen. Es wurden neue  Schnittstellen zu Führungs- und Informationssystemen der Bundeswehr realisiert  (NetOpFü-Fähigkeit). GIADS wurde um das Subsystem "Kartenmanagement" und um eine Planungskomponente erweitert.

Das bisher verwendete analoge KOFA-Kommunikationssystem wurde auf modernste IP-Technologie umgestellt (KOFA-IP) und für den Betrieb auf secure-voice vorbereitet.

Das Luftraumüberwachungssystem GIADS von CASSIDIAN ist seit dem Jahr 2000 im Einsatz und dient der militärischen Überwachung des Luftraumes über Deutschland und die angrenzenden Gebiete. Dazu werden die von Radaren gelieferten Informationen über Flugobjekte aufbereitet und auf GIADS-Arbeitsplätzen dargestellt. Diese militärische Luftlage wird automatisch durch die Einbeziehung ziviler Flugsicherungsdaten (z.B. Luftlage Eurocontrol, Flugpläne) ergänzt. Die erkannten Objekte werden automatisch nach modernsten technischen Methoden identifiziert und ergeben damit eine ständig aktuelle Luftlage. Hier leistet das System Sentry™ des Unterauftragnehmers ThalesRaytheonSystems LLC wertvolle Dienste. Die Luftlage wird mit Nachbargefechtsständen im Rahmen des NATINADS-Verbundes (NATO Integrated Air Defence System) ausgetauscht. Das Luftlagebild sowie einsatzrelevante Informationen werden anderen Dienststellen und Gefechtsständen zur Verfügung gestellt.

Mit der KOFA-IP erweitert Frequentis die GIADS-Gefechtsstandselektronik um optimierte Arbeitsplätze zur Sprach- und Datenkommunikation auf moderner IP-Basis einschließlich eines voll-integrierten Sprachaufzeichnungs- und Wiedergabesystems. Zusätzlich erfolgt die Integration unterschiedlichster IT-Dienste über dieselbe IP-Infrastruktur. Die Vorteile des IP-basierten Systems liegen in der Interoperabilität bzw. Flexibilität bei der Vernetzung aller Sprach- und Datenschnittstellen sowie im generierten Mehrwert durch das übergreifende Zusammenspiel der Systeme. Damit wird die Grundvoraussetzung für eine medienbruchfreie Sprach- und Datenkommunikation geschaffen. Die Bundeswehr setzt somit auf neueste Technologie und nimmt mit diesem zukunftsorientierten System weltweit eine Vorreiterrolle ein.

Damit leistet das System KOFA/GIADS wertvolle Dienste für die Aufgabe "Sicherheit im deutschen und europäischem Luftraum". (28. April 2011)

Über CASSIDIAN (www.cassidian.com)

Cassidian, eine Division des EADS-Konzerns, ist einer der weltweit größten Anbieter globaler Sicherheitslösungen und -systeme, der zivile und militärische Kunden als Systemintegrator und Lieferant wertschöpfender Produkte und Dienstleistungen unterstützt. Hierzu zählen Flugsysteme (Flugzeuge und unbemannte Plattformen), boden- und schiffsgestützte sowie teilstreitkräfteübergreifende Systeme, Aufklärung und Überwachung, Cybersecurity, sichere Kommunikation, Testsysteme, Flugkörper, Dienstleistungen und Supportlösungen. Im Jahr 2010 erwirtschaftete Cassidian mit rund 28.000 Mitarbeitern einen Gesamtumsatz von € 5,9 Milliarden. EADS ist ein weltweit führendes Unternehmen der Luft- und Raumfahrt, im Verteidigungsgeschäft und den dazugehörigen Dienstleistungen mit einem Umsatz von € 45,8 Mrd. im Jahr 2010 und über 121.000 Mitarbeitern. Zu EADS gehören die Divisionen Airbus, Astrium, Cassidian und Eurocopter.

Defending World Security. Cassidian Press Center:http://www.cassidian.com/cassidian/int/en/press-centre.html

Über Frequentis AG (www.frequentis.com)

Frequentis ist ein internationaler Anbieter von Kommunikations- und Informationssystemen in den Geschäftsbereichen Defence, Air Traffic Management und Public Safety & Transport (Polizei, Feuerwehr, Rettung, Schifffahrt, Bahn). Hohe Ausfallsicherheit, Verbindungsaufbau im Millisekundenbereich und benutzerfreundliches Design sind die Kernelemente der Frequentis-Produkte, und die gemeinsam mit vielfältigen Services die Bestandteile individueller „Control Center Solution“ bilden. Darunter versteht man Führungseinrichtungen und Leitzentralen für die koordinierte Bearbeitung sicherheitsrelevanter Ereignisse mit dem vorrangigen Ziel, Menschen und Güter vor Gefahren zu schützen. Weltweit sind rund 14.000 Arbeitsplätze im Einsatz. Frequentis verfügt über ein umfassendes Projekt Know-how aus einer Vielzahl internationaler Projekte sowie diversifizierte Kompetenzen. Weltweit beschäftigt Frequentis – Firmensitz ist Wien – über 900 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Im Jahr 2010 wurde eine Gesamtleistung von rund EUR 155 Mio. erzielt.

Kontakte: Cassidian, Susanne Hartwein, Tel. +49 (0)731 392 1757,susanne.hartwein@cassidian.com - Frequentis AG, Mag. (FH) Sladjana Bauer, Tel. +43 (0)1 81150-1320, sladjana.bauer@frequentis.com

 

Suborbitale Luftfahrt an der Grenze zum Weltraum 

Die Erforschung und Entwicklung von suborbitalen, automatischen und bewohnten Fluggeräten ist die logische Fortsetzung der Tätigkeit von Dassault Aviation auf dem Gebiet der Luftfahrzeuge der Zukunft.

Die suborbitale Aktivität hat mit dem Projekt eines wiederverwendbaren, von einem Flugzeug abgesetzten Überschallfluggeräts (VEHRA) angefangen. Dieser stellte eine „Weiterentwicklung" des von der NASA getesteten „lifting body X 38“ dar, wovon Dassault Aviation die Form entworfen hatte. Es handelt sich hierbei um eine in drei Varianten aufgeteilte Familie von Flugfahrzeugen:

-          eine Vorführmaschine von 10 Tonnen;

        ein 30 Tonnen-Fahrzeug, um kleine Satelliten von 300 kg abzuwerfen;

        ein schweres Fahrzeug von 200 Tonnen, um auf eine niedrige Umlaufbahn 7 Tonnen zu bringen.

Start des Fluggeräts von einem Passagierflugzeug

Der Start von einer konventionellen Passagiermaschine macht es möglich, auf die Zwänge der klassischen Abschussrampen zu verzichten. Vom Gesichtspunkt der Flexibilität verlangt diese Verfahrensweise eine viel leichtere Bodeninfrastruktur und bietet die Möglichkeit, die Mission zu unterbrechen, und in der Mehrzahl der Fälle die Fahrzeuge und ihre Nutzlasten zurückzubekommen. Das VEHRA-Projekt war in der  Technischen Generalleitung (DGT) des Unternehmens der Anlass zu wiederholten Arbeitsgängen (Konfiguration, Systeme, Antrieb, usw.). Praktikanten aus Elitehochschulen wurden über Jahre an diesen Studien von futuristischen Fahrzeugen beteiligt.

Das Projekt eines bewohnten suborbitalen Luftfahrzeugs (VSH)

 Das durch das VEHRA-Projekt erworbene Selbstvertrauenskapital hat es ermöglicht, im Jahre 2004 eine für sechs Passagiere entworfene suborbitale Maschine zu entwickeln, mit anderen Worten die bewohnte, suborbitale VEHRA. Es handelt sich um ein 11 Tonnen schweres Fluggerät, das von einer Passagiermaschine getragen wird. Die Trennung (die patentiert wurde) geschieht in 25 000 Fuß Höhe (8 km) mit der Geschwindigkeit Mach 0,7. Anschließend beschleunigt der Raketenmotor (LOx/Kero*) vom VSH die Maschine, bis sie eine knapp über 100 km hohe suborbitale Flugbahn, also an der Grenze des Weltraums, erreicht. Trotz seines Fluges im Weltraum und obwohl die Passagiere die Wölbung der Erde beobachten und die Schwerelosigkeit drei Minuten lang erleben können, ist das VSH keine Raumfähre. Es ist ein leistungsfähiges Luftfahrzeug mit einer Spitzengeschwindigkeit von Mach 3,5, dessen Charakteristika und Betrieb sich annähernd im Bereich der Luftfahrt befinden.

K-1000: Zusammenarbeit mit der Schweiz

Seit 2008 hat das VSH im Rahmen des von Dassault Aviation und von den schweizerischen Partnern Ruag, ETHZ und  von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL) selbstfinanzierten K-1000-Projektes neue Entwicklungsstufen durchstanden. Mehrere Aspekte des VSH wurden von Ingenieuren und Akademikern erforscht, die in Kürze in ein Abschlussgutachten münden sollen. Es wird den Partnern erlauben, über die Fortsetzung des Projekts zu entscheiden. Diese Studien von Weltraumfahrzeugen von Dassault Aviation passe sich in den heutigen Kontext gut ein, da die ersten privaten Suborbitalflüge durchgeführt worden sind ( SpaceShipOne von Burt Rutan, für den Wettbewerb X-Prize ), und andere Projekte demnächst getestet werden sollen ( SpaceShipTwo, Lynx, etc. ).

Kontakt: Yves Robins, 33 (0) 1 47 11 86 90. www.dassault-aviation.com

 

▪ Der Flugzeugbauer Dassault Aviation auf der 49. Internationalen Luftfahrtaustellung in Le Bourget 2011

Zivile Flugzeuge, Kampfflugzeuge, Drohnen und Präsentationen außergewöhnlicher Qualität: die Firma von Paris-Saint-Cloud und von Bordeaux-Mérignac hat sich als Aushängeschild der französischen und der europäischen Flugzeugindustrie profiliert.

Auf der Luftfahrtaustellung in Le Bourget 2011 hat Dassault Aviation ausgewählten Besuchern den Flugsimulator seines Jägers Bomber Rafale (auf Deutsch „Windstoß“) vorgeführt. Es wurde zu einem begehrten Objekt der Ausstellung! Wir hatten die Ehre einer Vorführung  beizuwohnen.

Das System ist in einem geräumigen Zelt  untergebracht. Man folgt einem Korridor, um in eine Kammer einzutreten, die ziemlich dicht verschlossen ist. Von einem Podest mit Geländer überblickt man die Pilotenkanzel eines Rafale in natürlicher Größe. Vor uns reproduzieren drei an der Wand festgelegte Bildschirme genau das, was der Pilot unter den Augen im Flug hat. Auf dem linkstehenden Schirm ist eine Karte, worauf unser Fluggerät positioniert ist und sich vorwärts bewegt. Auf dem Bildschirm in der Mitte wird die Landschaft, die wir überfliegen, abgerollt. Schließlich auf dem rechten Schirm sieht man auf blauem Grund konzentrische Kreise. Es handelt sich um eine Art Radarschirm, der die Positionen anderer Flugzeuge in der Kampfszene im Vergleich zu demjenigen gekennzeichnet, in dem wir uns finden.

Die Welt draußen auf Bildschirmen

Die Kreise auf dem rechten Bildschirm können ihre Gestalt ändern, um pyramidenförmig zu werden und visuell die unterschiedlichen Höhen von anderen Fliegern im Vergleich zur unserer zu veranschaulichen. Man sieht gerade eine befreundete Fliegerstaffel in niedriger Höhe und eine andere in großer Höhe. Letztere sind offensichtlich Feinde. Wir befinden uns in mittlerer Höhe zwischen beiden. Die roten Punkte sind feindliche Flugzeuge, die Grünen sind Freunde. Der Rafale kann sofort von einer Mission zur anderen umschalten. Er kann die feindlichen Flieger wie ein Jagdflugzeug bekämpfen, aber drückt der Pilot auf den Knopf Luft-Boden, übernimmt er auf der Stelle die Funktion eines Bombers. Er kann auch als Aufklärer und Späher aus sehr großer Höhe dienen. Aber auch in sehr niedriger Höhe die feindlichen Kräfte überfliegen, um sie abzuschrecken. Der Rafale ist ein Multi-Funktion-Flugzeug. Diese Fähigkeit unterscheidet ihn von allen anderen Fluggeräten.

" Wie Sie es feststellen, erklärt ein ehemaliger Jagdflieger den anwesenden Journalisten und  Flugexperten, ist das, was der Pilot sieht, sehr bildlich dargestellt. Die amerikanischen F 16-Piloten, die bei unserer Demonstration zu Gast sind, erfassen sofort die außergewöhnlichen Fähigkeiten des Rafale. Die Bildschirme zeigen uns die Welt draußen und den Schlachtplan so, wie er im Voraus skizziert worden ist und wie er sich im Laufe der Ausführung unseres Auftrages ändert. Auf einem Bildschirm wird der Pilot über seine Geschwindigkeit, seine Höhe und seinen Kurs informiert. Er hat vor Augen u. a. seinen Geschwindigkeitsmesser und die künstliche Horizontlinie. So kann er erfahren, ob er flach fliegt oder sich neigt. Satelliten, AWACS, Drohnen und die das feindliche Territorium überfliegenden Spähmaschinen übermitteln ihm ihre Informationen. Am Boden sind Spezialkräfte damit beauftragt, die feindlichen Ziele aufzuspüren. Haben sie sie identifiziert, wird man angreifen können. Wichtig ist auch, dass der Pilot jederzeit weiß, von wo aus Bedrohungen aus der Luft oder vom Boden starten können.

Er wird gewissermaßen zum Zuschauer. Das Flugzeug hat ein digitales Steuerruder und kann bez. der Steuerung den Pilot vollständig entlasten. Dieser übermittelt dem Autopilot Aufträge. Die Maschine kann z. B. in einem Winkel von 10 oder 20 Grad hinunterfliegen. Dann überfliegt er eine bestimmte Gebietsfläche. Vor ihm sind dann der ganze Luftraum und die Bodenoberfläche aus sehr niedriger Höhe, ca. drei hundert Fuß, d. h. einhundert Meter über dem Boden sichtbar, und das Flugzeug hat eine Art Bodentracking, das ihm ermöglicht immer in der gleichen Höhen weiterzufliegen und auf diese Weise dem Radar, der feindlichen Jagd und der Flugabwehr zu entkommen. Währenddessen rührt der Pilot nichts an. Ist er in den Wolken oder in Bodennähe, so kann das Flugzeug mit Automatik mit einer Geschwindigkeit von 1000 Stunde-km problemlos zu fliegen. Er hat Fähigkeiten einer Drohne oder eines Marschflugkörpers.

Normalerweise werden die Ziele eines Lufteinsatzes eine Woche im Voraus bestimmt. Zwei Tage vorher plant man den Angriff. Die Mission wird ein Tag davor bewilligt. Wir sitzen jetzt in der Pilotenkanzel. Wir sehen, wie der Boden sich von links oder von rechts je nach der Neigung der Maschine sich nähert. Wir überschreiten im Tiefflug die feindlichen Linien und werden gleichzeitig über die Gesamtsituation dank einem System informiert, dem Rafale eigen ist und worüber entsprechende amerikanische Flugzeuge z. B. nicht verfügen. Nehmen wir an, der Pilot empfängt einen Ruf der befreundeten Streitkräfte, die gerade im Kampf involviert sind,  und die ihn bitten, eine „Show of Force“, d. h. eine " Kraft-Schau " zu machen. Er wird in sehr niedrige Höhe und mit sehr großer Geschwindigkeit die feindlichen Kräfte überfliegen, um ihnen zu zeigen, dass diejenigen, gegen die sie kämpfen, aus der Luft unterstützt werden. Das Ziel ist die psychologische Abschreckung.

Dann wird der Pilot seine "Bomben" auf das Ziel abwerfen. Das Ziel kann sich in 60 Kilometern Entfernung befinden. Aber es kann genauso gut in der Nähe, etwa fünfzehn Kilometern weit sein. Das Ziel wird mit einem Laserstrahl angepeilt, der die Bombe, d. h. die Rakete mit einer Treffgenauigkeit von einem oder zwei Metern führen wird, um zu vermeiden, Objekte daneben zu zerstören. Der Pilot verfolgt die Flugbahn der Bombe. Fotos werden vor und nach dem Abschuss geschossen und werden der Kommandozentrale versandt, die sie analysiert. Man kann dann feststellen, ob der Auftrag erfüllt ist. Aber das Flugzeug kann auch lange noch dieses Gebiet überfliegen, Ziele am Boden beschießen, Flugzeuge in der Höhe bekämpfen, einen Aufklärungsauftrag ausführen, dann nach Hause wohlbehalten zurückkehren. " Die französischen Piloten sind fähig, alles zu machen. Dank unseren Systemen, auf die wir sehr stolz sind ", schließt der Vorführer.

Eine echte Familie

Wenn wir jetzt wieder ins Freie aufs Ausstellungsfeld gehen, taumeln wir ein bisschen, nicht etwa, weil die Sonne heute heftig blendet, sondern weil wir uns wie Piloten fühlen, die aus einem Kampfflugzeug aussteigen. Man hat den Eindruck, einen Luftkampf erlebt zu haben. Realitätsnäher als in Filmen. Jetzt ist zunächst die Zivilluftfahrt an der Reihe. Drei "transkontinentale" Falcon mit drei Reaktoren, der Falcon 900 LX, der Falcon 2000 LX und der letztgeborene, der Falcon 7X sind hier ausgestellt. Der „interkontinentale“ Zweireaktor Falcon 2000DX fehlt. Wir steigen ins Kleinste: zehn Plätze für die Passagiere und zwei Sitze für die Piloten im Cockpit. Die Kabine ist geräumig und bietet mit ihren großen Bullaugen viel Sicht. Ledersessel mit sanften Farben vermitteln einen komfortablen Eindruck. Der Falcon 7X ist die bevorzugte Maschine des französischen Staatspräsidenten, flüstert uns jemand ins Ohr. Dass die präsidiale Wahl auf das Haus Dassault gefallen ist, ist ein Grund, stolz zu sein. Die Reichweite dieses „Falken“ aus Stahl und Kohlenfasern bewegt sich zwischen 6 000 Km für den 900DX und 12 000 Km für den 7X und ca. 8 000 für den Falcon 900LX. « Das große Modell kann theoretisch bis zu 19 Passagieren mitnehmen, aber, wenn man bequem fliegen will, ist es besser eine Passagierkabine mit maximal 14 Personen nicht zu überschreiten ", erklärt Mathieu Durand, stellvertretender Sprecher von Dassault Aviation.

Dassault ist der letzte Familienbetrieb weltweit der Flugzeugindustrie. Hinter der sehr kontaktfreudigen und kommunikativen PR-Arbeit verbirgt sich der anspruchsvolle technologische Ehrgeiz für die Firma und für Frankreich. Im Umgang ist die Stimmung unverkrampft und nie pedantisch. " Wir sind eine wahre Familie ", bestätigt Monsieur Durand. Er trägt in der Sonne einen Cowboy-Hut und einen hellen Anzug. Er wurde in der Stadt Le Mans in der Normandie geboren. Mit seinen blonden Haaren und seinem skandinavischen Hautteint sieht er ausgesprochen „nordisch“ aus. Er kennt "seine" geliebten Flugzeuge aus dem Effeff. Aber ihre Preise könnten weder er noch wir bezahlen: sie reichen von 25 bis 50 Millionen Dollar das Stück je nach Modell, ungefähr 40 Millionen für das mittlere Modell 900LX. Dassault hat mehr als 2 000 Falcon in 70 Ländern, unter ihnen mehr als zwei Hundert Falcon 7X verkauft.

Eine unsichtbare Mücke

Am anderen Ende des Ausstellungsgeländes erscheint uns eine Art Rochen ohne Augen noch Kiemen. Mit seiner charakteristischen dreieckigen Gestalt erinnert dieser Teufel der Lüfte an den amerikanischen „Stealth“-Bomber, aber als Modellflugzeug. Flach und stromlinienförmig muss er, schätzen wir, ca. dreieinhalb Meter lang und drei Meter breit sein. Man hat ihn schwarz angestrichen, als wollte man seine Unsichtbarkeit hervorheben, ein echter Nachtvogel… Diese kleine Maschine ist das "Stealth"-Flugzeug ohne Piloten, die Drohne des Konzerns: Der Neuron, besser geschrieben der nEUROn, weil es sich um ein europäisches Gerät handelt, das mit Spanien, Griechenland, Italien, Schweden und der Schweiz entwickelt wird. Sicher gehen die ersten Tests mit einer „Stealth“-Drohne von Dassault ohne Seitenflosse, der AVE-C, auf das Jahr 2002 zurück, aber mit diesem neuen Gerät steigt das Unternehmen in die industrielle Serienproduktion von Drohnen. Diese großen, ferngesteuerten Bienen beobachten die feindlichen Stellungen aus sehr großer Entfernung und können sie auch beschießen. Der nEUROn wird seltene Eigenschaften haben: eine große Autonomie, er wird vom Boden geleitet und wird fähig sein, Geschosse aus einem unsichtbaren, inneren Container abzuschießen. Die Dassault-Mitarbeiter sind aber zu Thema nEUROn ziemlich wortkarg. " Das, was Sie hier sehen, ist das Modell in Lebensgröße der künftigen Maschine, kommentiert Mathieu Durand. Aber sie befindet sich in der Montage und ist deswegen hier nicht präsentabel. Wir lassen auch darüber ein bisschen Geheimnis schweben. Die Formen, die Sie da sehen, sind noch nicht ihre echten Formen nicht, aber sie lassen gut ahnen, wie sie sein wird. Der nEUROn wird Mitte des Jahres 2012 fliegen „. Er könnte sehr wohl eines Tages zu einer neuen Zacke in der Krone des Hauses werden. Er steckt schon als Pin an der Jacke des Leiters der PR-Abteilung, Stéphane Fort. Klein und schwarz wie eine Mücke über dem silbernen Falcon an seinem Jackettumschlag hängt er, der nEUROn!  Das ist doch ein Zeichen, das nicht trügt!

Auf dem Platz nebenan hat das Unternehmen ein überdimensionales Foto von Nicolas Sarkozy und David Cameron ausgestellt, wo beide die französisch-britische Vereinbarung vom 2. November 2010 unterschreiben, die in diesem Fach die Kooperationsperspektiven zwischen Dassault Aviation und BAE Systems eröffnet hat. Im Juli 2010 haben Dassault und BAE Systems eine Machbarkeitsstudie vorgelegt, die von einer auf die französischen und britischen operativen Bedürfnisse eingehenden und haushaltsbezogenen Angebot begleitet war, eingereicht. Das am 14. März 2011 unterzeichnete Memorandum of Understanding legt ein auf eine ausschließliche französisch-britische Kooperation formalisiertes Programm fest. Es umfasst eine industrielle Aufgabenteilung zwischen den beiden Ländern, eine Kostenanalyse und einen Kalender. Daraus wird eine französisch-britische Drohne der Male-Serie, der deutlich größere Telemos entstehen. Er ist hier als Modell ausgestellt.  Ihre Aufgabe wird die Beobachtung und das Fotografieren sein. Sie wird eine eine ständige Präsenz im Himmel rund um die Uhr und alle sieben Tage der Woche sichern.

Falls nötig wird sich Telemos seinem kleinen „Stealth“-Bruder in der Schlacht anschließen. Er hat die Fähigkeit, Drohungen eine Reihe moderner Präzisionswaffen entgegenzusetzen. Während über 20 oder 30 Jahre wird er alle Missionen der französischen und britischen Streitkräfte erfüllen, weil er dank seinem offenen Architektursystem über ein Wachstumspotential vom Anfang an verfügt, um sich alle Neuentwicklungen im militärischen Bereich zuzueignen, die in Zukunft gebraucht werden. Für die Infrastruktursysteme am Boden, sowie für die Einsatzunterstützung hat man vorgesorgt. Diese Drohne hat fast die Größe eines kleinen Tourismuszweisitzers, hat aber Stromlinien. Es ist beschlossen worden, dass sie gleich die bestehenden elektronischen Kompetenzen und die schon verfügbaren Antriebssysteme der französischen und britischen Industrie benutzen wird, die bei ihrem Bau und bei ihrer künftigen Wartung den größtmöglichen Mehrwert zu den geringsten Kosten bringen werden. Diese Aufteilung gewährleistet, dass keine Verdoppelung stattfindet, die kostenschwer wäre, und dass nach dem Prinzip der Aufwandreduzierung programmiert und gearbeitet wird. Er wird das ganze Netz der französischen und britischen KMU befruchten aber es sind oft solche Startschüsse gewesen, die dann zu weiteren Entwicklungen geführt haben, aus denen große europäische Erfolge wurden. Das Programm Telemos von Dassault Aviation und BAE Systems enthält alle notwendigen Elemente, um in diese Richtung zu schreiten.

Die Verschmelzung der Daten

Wir sind jetzt bei der Militärrüstung angekommen. Dassault Aviation hat immer sehr phantasievolle Namen für seine Kampfflugzeuge erfunden: der „Ouragan“ (Wirbelsturm), der 1949 geflogen ist, dann der „Mystère“ (Geheimnis), der 1951 in Dienst gesetzt wurde, dann der „Mirage“ (Fata Morgana), die 1961 flog, und jetzt der "Rafale", wie gesagt der Windstoß, der 1986 vom Boden abhob. Man ist von den Pfeiltragflächen vom „Mystère“ zu den Dreieckflügeln des „Mirage“ und des Rafale“ übergegangen. Der Dassault-Konzern stellt hier die beiden Typen des Rafale, die Marine-Ausführung und die Luftwaffenmaschine aus, die beide in Libyen gegenwärtig eingesetzt werden. " Der Marine-Rafale, erklärt Mathieu Durand, ist für die Flugzeugträger konzipiert. Das erkennt man an seinem muskulöseren, massigeren Fahrgestell, um die Schocks bei der Landung auf der Schiffsbrücke und beim Katapultieren abzufedern. Sehen Sie diese waagerechte Stange aus Stahl, die sich am Gleis des Katapultes anklammern wird und das Flugzeug zu seiner Startgeschwindigkeit verhelfen wird? Dahinter können Sie den Landehenkel sehen ". " Dieses Flugzeug strotzt vor Bewaffnung, setzt der Pressesprecher fort. Er hat unter dem Bauch eine Exocetrakete mit einer Tragweite von einhundert Kilometern, um Schiffe zu zerstören. Aber es ist anzunehmen, dass die feindlichen Schiffe von Flugzeugen geschützt werden. Der Rafale trägt also acht Luft-Luft- Raketen Luft, drei unter jedem Flügel und zwei unter dem Rumpf. Damit kann er sich mit jedem messen. Hinzu kommt eine an der rechten Luftöffnung der Maschine angelegte 30 Millimeter-Kanone ".

Die Beschreibung des Flugzeuges bestätigt, was uns der Flugsimulator gezeigt hat: " Der Rafale kann alles machen, konstatiert Herr Durand. Kampf in der Luft , Luft-Boden-Kampf oder auch Kampf auf dem Meer, sowie Aufklärungseinsätze. Wir sprachen gerade von seinen Luft-Luft-Missilen. Am Boden wird er abwerfen, was man "Bomben" nennt, was jedoch heute hochentwickelte Geschosse unterschiedlicher Sprengkraft sind, die mit hoher Zielgenauigkeit gelenkt werden, weil heute die Präzision vor allem anderen zählt. Es geht darum, sogenannte kollaterale Schäden zu vermeiden, kein Haus zu zerstören, das neben der Maschinengewehrstellung steht. Für die Aufklärung ist der Rafale mit einem Behälter ausgerüstet, das digitale Fotos in niedriger und hoher Höhe macht, sie in die Befehlszentrale direkt sendet, die so entscheiden kann, ob das Objekt neutralisiert worden ist. Die Führung kann dem Piloten auch funken: Schießen Sie nicht auf Ihr ursprüngliches Ziel, sondern lieber auf ein anderes, denn es hat eine Veränderung gegeben und das erste Ziel ist nicht mehr gültig. Dann schießt der Pilot. Er nimmt eine Aufnahme auf, damit, wie gesagt, die Zentrale entscheiden kann ".

" Sind alle diese fast zeitgleichen Handlungen für ein menschliches Hirn nicht zu komplex?“

" Die Piloten empfangen in der Tat immer mehr Informationen in immer leistungsfähigeren Flugzeugen. Es gibt Informationen vom Radar, von den optischen Systemen, von den Datenübermittlungssystemen, aber auch Daten, die von Sensoren stammen, die dazu da sind, Bedrohungen rund um dem Flugzeug aufzuspüren. Alle diese Informationen werden immer komplexer. Das menschliche Gehirn hätte Mühe, sie zu bearbeiten, wenn es nicht den Beistand der künstlichen Intelligenz gäbe, die wir < Datenverschmelzung > nennen. Was die Systeme des Flugzeuges ernten, alle diese Daten werden elektronisch auf solche Weise behandelt, dass nur die wesentlichen Informationen beim Piloten auf sehr intuitive und lesbare Weise erscheinen. Gewissermaßen ist das System fähig, die Arbeit vorzukauen, damit der Pilot, der in einer Kampfsituation schon sehr beansprucht wird, mit bloßem Auge und auf einmal erfassen kann, was er machen soll. Wenn er Zeit verliert, seien es nur drei Sekunden, beim Entschlüsseln und den Blick ins Innere der Kabine herunterlässt, so wäre gar nicht gut für ihn. Der Rafale ist zurzeit das einzige Flugzeug, das über dieses Datensystem in diesem entwickelten Grad verfügt. Wir haben Vergleiche mit anderen Flugzeugen ausgeführt und wir wissen, dass wir damit einen sehr starken Pluspunkt haben.“

Eineinhalb Mal sein eigenes Gewicht

„Ein anderer Punkt ist beim Rafale ganz erstaunlich, setzt unser Freund fort: seine Tragfähigkeit. Er kann eineinhalb Mal sein Gewicht mitnehmen. Er wiegt 10 Tonnen, aber es kann mit 15 Tonnen an Treibstoff und Bewaffnung mitnehmen. Für eine Maschine, die mit dieser Geschwindigkeit fliegt, ist das ein absoluter Rekord. Schließlich kann die Reichweite des Rafale mit der schwerste Kampfauslastung bis zu 1 800 Km weit und die gleiche Strecke zurück fliegen, ohne in der Luft zu tanken. Die französische Luftwaffe hat ein über eine solche Reichweite verfügendes Flugzeug niemals gehabt ". In seiner <libyschen> Fassung, sagt noch Mathieu Durand, trägt der Rafale einen Fernlenkungspod, drei Zusatzbehälter mit jeweils 2000 Liter Brennstoff,  vier Luft-Luft-Raketen unter dem Rumpf, im allgemeinen MYCA-Raketen, und sechs  250 Kilos Bomben mit Laser- oder GPS-Leitung. Unter Leitung versteht man, dass der Pilot alle Daten des Zieles in die Bombe gespeichert hat und dass diese dann allein zurechtkommt. Das Flugzeug kann also seine Bomben aufgeben und wegziehen. Er muss nicht bis zum Ziel fliegen, das von der Flugabwehr oder den Boden-Luft-Raketen geschützt sein kann.

Mit seinem Aufklärungsbehälter kann der Rafale Fotos aus niedriger Höhe und mit großer Geschwindigkeit senkrecht über Ziel entweder aus nächster Nähe oder aus großer Entfernung schießen, da das Ziel von der Flak oder mi Boden-Luft-Raketen verteidigt werden kann. Bald wird der Rafale auch mit einem Korb von Raketen ausgerüstet sein, der sich noch in der Erprobung befindet. Vergessen sie auch nicht die Kanone. Man hat also eine sehr vielfältige Maschine. Diesem Flugzeug kann immer wieder neue Bestandteile hinzufügen. " Der Rafale kann auch den europäischen Marschflugkörper SCALP abwerfen, der mit dem amerikanischen Tomahawk vergleichbar ist. Er dringt dank seiner besonderen „Stealth“-Fähigkeit ins tiefe feindliche Territorium ein, egal, was dort für eine Luftverteidigung auch immer ist. Er verfolgt eine Strecke, die in ihm vorab gespeichert worden ist. Die SCALP wurde 1994 von Matra entwickelt und von MBDA angefertigt. Er kann er ein Ziel in mehreren Tausend Kilometer Entfernung mit einer Genauigkeit bis zu zwei Metern treffen. Der SCALP wurde von der Apache-Rakete abgeleitet. Er existiert als Version Luft-Boden und als Version Meer-Boden. "Das ist ein furchterregendes Gerät", meint unser Begleiter. 

" Wie betankt man einen Rafale, wenn er seinen Auftrag verlängern muss?“, wollen wir wissen.

„Große Tankflugzeuge kann man auf einem Flugzeugträger nicht haben. Man hat also die Lösung gefunden, indem man einem Marine-Rafale vier zusätzliche Tankbehälter anhängt. Im Mittelpunkt des Rumpfes setzt man ihm ein Gerät auf, das ein Rohr enthält, an dessen Ende sich der <Korb> befindet, in den das Versorgungsflugzeug seine Stange schiebt. Natürlich enthält der Versorgungsrafale nicht so viel Treibstoff wie ein großes Tankflugzeug. Aber das erlaubt, einer Maschine etwas mehr Reichweite zu geben, damit sie ihren Auftrag erfüllen kann. Darauf kommt es an ".

Wir dürfen jetzt auf der Terrasse des "Gästehauses Dassault" am Rand der Landebahn der Flugvorführung des Rafale und des Falcon 7X beiwohnen. Das Zivilfllugzeug „klettert" wie ein Fahrstuhl in den Himmel, schießt wie ein Pfeil hinunter, aber vermittelt vor allem einen Eindruck großer Stabilität.

Der Rafale stellt eine dynamische und rhythmische Vorführung dar, teils Kunstflug, teils Technik. Der Pilot soll der Hauptmann Michaël Brocard sein, der alle Facetten des Flugzeugs beherrscht und auch ein unvergleichlicher Taktiker ist, wie alle seine Kameraden des Jagdgeschwaders 1/7 "Provence" im Stützpunkt Saint-Dizier.

Nach aller seiner rasanten Akrobatik hat uns der Rafale mit seiner stillen und weichen Landung beeindruckt. Dieser sehr lärmende Vogel verliert an Höhe, indem er sich fast flach legt und ebenso wenig hörbar wie ein Segler, so zu sagen mit Schalldämpfer sich sanft auf den Boden absetzt. *

                                                                                                                                                                   Jean-Paul Picaper

* Man kann bei der französischen Luftwaffe die Broschüre "Rafale Solo Display" erhalten, die alle technischen Daten vom Rafale mit schönen Fotos enthält und in angenehmer figurativer Form seine Flugleistungen darstellt. Ausgabe von Mai 2011. Veröffentlichung von Sirpa Sirpa/Direction Col William Kurtz. 6, bis Zugangstraße der Tür entwöhnst, 75509 Paris Cedex 15, Website(Gegend) der Luftwaffe: www.défense.gouv.fr/Luft

 

 

▪ Opernhäuser als Unternehmen.  Wachstum durch Verschwendung  

Prunkvolle Opern sorgen für höheres Wirtschaftswachstum  - Warum Politiker auch in Zeiten knapper Kassen besser nicht an der Kultur sparen 

Eine der beliebtesten Übungen von Politikern angesichts  von Haushaltsnöten ist der Griff zum Rotstift beim Kulturetat. Doch genau das ist falsch und sogar kontraproduktiv: Attraktive kulturelle Angebote steigern das regionale Wirtschaftswachstum, fand das ifo Institut heraus. Die Forscher Oliver Falck, Michael Fritsch und Stephan Heblich gingen dazu bis zu den absolutistischen Fürsten zurück. Sie zeigen, dass die scheinbar verschwenderischen barocken Opernhäuser, die diese Fürsten errichten ließen,  zu einer heute blühenden Wirtschaft beitrugen. „Kulturelle Angebote machen Städte und Regionen interessanter für hochqualifizierte Arbeitskräfte“, so Oliver Falck, Wissenschaftler im Bereich Humankapital und Innovation am ifo Institut. Und hochqualifizierte Arbeitskräfte steigern nachweislich das Wirtschaftswachstum. 

Um verzerrende Effekte auszuschließen, untersuchten die drei Wissenschaftler die regionale Verteilung von barocken Opernhäusern im 17. und 18. Jahrhundert, die das Ergebnis einer Prestigeschlacht zwischen absolutistischen Fürsten waren. „Kultur hinterlässt seine Spuren  in der Geschichte“, so Falck: Kulturelle Zentren der Vergangenheit sind auch heute noch kulturelle Zentren. Sie ziehen kreative Köpfe an, die eine Schlüsselrolle für die regionale Entwicklung spielen: Das von ihnen verbreitete Wissen und ihre Innovationen sind die treibende Kraft für nachhaltiges Wirtschaftswachstum. 

Die Prunksucht der absolutistischen Fürsten ist legendär und bestens dokumentiert. Selbst am preußischen Hof kannte sie keine Grenzen. Nach einem Dreivierteljahr seiner Regentschaft hat Friedrich I. bereits 7 Mill. Taler nur für den Unterhalt des Hofes ausgegeben - bei jährlichen Staatseinnahmen von etwa 3 Mill. Talern. Ein wesentlicher Kostenblock waren die prunkvollen Opernhäuser, die mit ihren hervorragenden Maschinerien und szenischen Effekten mit den großen Bühnen in Paris, Venedig und Wien konkurrieren konnten. 

In der Barockzeit, der Spanne zwischen dem 30-jährigen Krieg und der ersten industriellen Revolution, entstanden innerhalb der heutigen deutschen Grenzen 29 freistehende Opernhäuser – allesamt allein auf Nachfrage der jeweiligen Fürsten. Die Existenz und Wirkung solcher Opernhäuser erwies sich als langfristig: Alle 29 Opernhäuser sind heute noch in Betrieb. Und ein jedes Opernhaus zieht hochqualifizierte Beschäftigte in die Region. Das zeigt die aktuelle räumliche Verteilung der Hochqualifizierten (Hochschul- oder Fachhochschulabschluss) laut Statistik der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten. Je 10 km, die ein Landkreis näher am Standort eines barocken Opernhauses liegt, steigt der Anteil der hochqualifizierten Beschäftigten um 0,28 Prozentpunkte. Dies entspricht ca. 4% des durchschnittlichen Anteils der hochqualifizierten Beschäftigten über alle Landkreise. 

Der regionale Wachstumsbeitrag von Hochqualifizierten ist erheblich: Steigt der Anteil der hochqualifizierten Beschäftigten im Landkreis nur um einen Prozentpunkt, erhöht sich die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts im Landkreis dauerhaft um 0,24 bis 0,49 Prozentpunkte. „Dieser Effekt ist ökonomisch relevant und bestätigt die Bedeutung von Humankapital für das Wirtschaftswachstum in der modernen Wissensgesellschaft“, so Falck. Politiker sollten also demnächst zweimal überlegen, ob sie bei der Kultur sparen wollen.

 Dr. Oliver Falck - ifo Schnelldienst Nr. 5-2011 (die komplette Studie als PDF). Kontakt: Dr. Jürgen Gaulke, ifo Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München, Poschingerstr. 5, 81679 München, Telefon ++49 (0) 89 92 24-121 

 

Forschungsintensive Industrien: Spitzenposition für Deutschland

Krise macht Forschungs- und Bildungsinvestitionen unabdingbar

Nach einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) gehört Deutschland weltweit zu den größten Produzenten und Exporteuren forschungsintensiver Güter. Das ist das Ergebnis zweier jetzt veröffentlichten Studien des DIW Berlin. Fast die Hälfte der Gesamtwertschöpfung, soviel wie in keinem anderen Land, stammt in Deutschland aus forschungsintensiver Produktion und wissensintensiven Dienstleistungen. 1995 waren es noch 42 Prozent.  Gleichzeitig exportierte die deutsche Wirtschaft 2007 forschungsintensive Güter im Wert von fast 800 Milliarden US-Dollar, 80 Milliarden mehr als die USA und fast 300 Milliarden mehr als Japan.  Um diese Spitzenposition halten oder ausbauen zu können, sind Investitionen in Forschung und Bildung dringend geboten.

In der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise ist die Nachfrage nach Investitionsgütern in allen Branchen stark zurückgegangen. Wegen seiner starken Spezialisierung auf forschungsintensive Güter, die oft Investitionsgüter sind, war Deutschland von diesem Rückgang besonders stark betroffen. Die Autoren einer neuen Studie des DIW Berlin für die Expertenkommission Forschung und Innovation, sind sich aber sicher, dass Deutschland gerade wegen dieser Spezialisierung gestärkt aus der Krise hervorgehen wird: "Mittel- und langfristig hat Deutschland im internationalen Wettbewerb eine sehr gute Ausgangsposition", so Industrieökonomin Heike Belitz. "Wenn die Märkte mit dem Krisenende wieder anspringen, wird die deutsche Industrie darauf gut vorbereitet sein."

Industrie effizient, wissensintensive Dienstleistungen aber noch ausbaufähig

Der Grund für den Erfolg der forschungsintensiven Industrie in Deutschland liegt vor allem in der hohen Produktionseffizienz: Die ist zwischen 1995 und 2005 in Deutschland deutlich angestiegen. Deutschland arbeitet damit deutlich effizienter als Japan und alle anderen EU-Staaten, noch effizienter arbeiten nur die USA. Verbesserungspotential gibt es dagegen bei wissensintensiven Dienstleistungen wie Forschung und Entwicklung oder Datenverarbeitung. Hier belegt Deutschland nur einen Mittelfeldplatz. Der Grund dafür liegt für Heike Belitz in den Wettbewerbsbedingungen: "Viele Dienstleistungsbranchen sind in Deutschland stärker reguliert als anderswo."

Innovationen als Lebensversicherung für Hochlohnländer

Die Produktion und der Export forschungsintensiver Güter ist für ein Land wie Deutschland von besonderer Bedeutung: "Deutschland ist ein Hochlohnland", erklärt DIW-Forschungsprofessor Dieter Schumacher. "Und Hochlohnländer brauchen Forschung und Innovationen, um die hohen Löhne zu rechtfertigen." Dass das funktioniert, könne man zurzeit gut beobachten: "Trotz der Krise sehen wir keine Gefahr großer Produktionsauslagerungen. Es gibt eher einen Trend zur Rückbesinnung auf den Produktionsstandort Deutschland." Der Grund: Forschungsintensive Produktion habe einen großen Bedarf an qualifiziertem Fachpersonal, den nicht jedes Land decken könne.

Hintergrund: Forschungsintensive Industrie und wissensintensive Dienstleistungen

Als forschungsintensiv bezeichnet man alle Waren oder Güter, bei denen der Anteil von Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen am Gesamtumsatz über 2,5 Prozent liegt. Bei wissensintensiven Dienstleistungen ist dagegen der Anteil hoch qualifizierter Beschäftigter der entscheidende Faktor: Liegt der Anteil der Erwerbstätigen mit Hochschulabschluss über dem Durchschnittswert von elf Prozent, und sind gleichzeitig mehr als 4,5 Prozent der Beschäftigten Ingenieure oder Naturwissenschaftler, so spricht man von einer wissensintensiven Dienstleistung.

 

Neue Alternative zu Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen

Variable Mikro-Gasturbine für Eigenheim oder Stadtteil-Versorgung

Nutzbar für vielfältige Energiearten – Keine Abgasbehandlung zum Umweltschutz notwendig – Für Strom- und Wärmeproduktion – Bessere Klimabilanz durch Erneuerbare Energien im Wärmesektor

In einem Kooperationsprojekt, das Mitte März in Stuttgart unterzeichnet wurde, wollen der Baden-Württembergische Energieversorger EnBW und das Institut für Verbrennungstechnik des DLR die Prozessabläufe in der umweltfreundlichen Mikro-Gasturbine optimieren. Ziel sind emissionsarme Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen (KWK)von 5-500 kWh, die für den Eigenheimbedarf oder für ganze Stadtquartiere einsetzbar sind.

Das DLR-Institut für Verbrennungstechnik von Prof. Manfred Aigner in Stuttgart kooperiert bereits seit 2008 mit EnBW über die gemeinsame Forschungsplattform „Dezentrale Energien.“ Seit gut zehn Jahren, berichtet Prof. Aigner, steht im Institutskeller eine kleine Mikro-Gasturbine als Testgerät mit transparenter Brennkammer samt umfangreicher Rohrleitungsanlage. Dieses Modell samt Rohrleitungen sowie das Know-how der DLR-Ingenieure stehen im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Kooperation. Die Instituts-Mitarbeiter werden aus nächster Nähe den Verbrennungsprozess des jeweiligen Gases – Wasserstoff, Erd- oder Biogas – genau analysieren und steuern: Je rot-gelblicher die Flamme leuchtet, desto mehr Schadstoffe werden emittiert und je blauer sie ist, desto schadstoffärmer verbrennt sie das jeweils zugeführte Gas. Das Erd- oder Biogas wird bis auf 600 °C erhitzt, bevor es eine Turbine mit angeschlossenem Generator antreibt. Die Mikro-Gasturbine ist im Vorteil gegenüber anderen Energieerzeugungs-Anlagen, weil sie Gase unterschiedlicher Energiedichte bei hohen Umdrehungszahlen und Temperaturen nahezu rückstandsfrei verbrennen kann. Eine Nachbehandlung der geringen emittierten Abgasmengen ist nach Prof. Aigner nicht notwendig.

Eine Brennstoff-flexible, effiziente und schadstoffarme Mikro-Gasturbine

Beim Thema Energieversorgung stellt sich fast zwangsläufig die Frage nach der am besten geeigneten Primärenergie. Sie soll am Ende des fünfjährigen Kooperationsprojekts beantwortet werden. Prinzipiell kann die Mikro-Gasturbine Erdgas oder biogene Gase, Heizöl oder Diesel-Kraftstoffe sehr effizient in elektrische sowie Wärmeenergie umsetzen. Der 600 °C heiße, verdichtete Gasstrahl treibt die schnelllaufende Turbine mit dem Generator an, der die elektrische Energie erzeugt. Die zahlreichen Rohrleitungen müssen die hohen Temperaturen auf Dauer ohne Bruch oder raschen Verschleiß aushalten. Die Abwärme aus diesem Verbrennungsprozess ist noch ca. 250 °C heiß und kann als Wärmeenergie im Haus oder im Fabrikgebäude genutzt werden: Je nach Auslegung kann eine solche KWK-Anlage zwischen 5-500 kWh produzieren. Weil die Mikro-Gasturbine schadstoffarm verbrennt und weil die Kosten für die unterschiedlichen Energieträger voraussichtlich weiter auseinander driften, stellt die Mikro-Gasturbine als moderne Vielstoff-Verbrennungsmaschine eine sinnvolle Alternative auf dem heutigen Markt der kombinierten elektro-thermischen Energie-Erzeugung dar. Sie ist im Gegensatz zu Brennstoffzellen nicht anspruchsvoll hinsichtlich der Primärenergie und geeignet für erneuerbare Energien wie Biogas. Hochflexibel kann sie Gase mit niedrigem Brennwert wie Biogas oder Klärgas mit hohem Wirkungsgrad verwerten: Aus der Primärenergie entstehen bis zu 30 % elektrische Energie und bis zu 52 % thermische Energie bei einer Verlustmarge von nur 18 %. Dies sind nahezu unerreichbare Werte für die gegenwärtig boomenden Erdgasmotoren im Heizungskeller, die ziemlich laut sind und eingekapselt werden müssen, sagt Prof. Aigner.
Sein DLR-Institut erhält ein Honorar von EnBW für die Auftragsforschung, die das BMWi (Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie) noch mit 1,5 Mio. Euro bezuschusst. Damit kann Verbrennungsspezialist Aigner mit seinem Wissenschaftler-Team die Test- und Messarbeiten an der 1999 installierten „kleinen“ Gasturbine im Keller des DLR-Gebäudes in Stuttgart fortsetzen und ausbauen. Solche Forschungskapazitäten sind beim Energielieferanten EnBW nicht vorhanden, erläuterte dessen Technik-Vorstand Dr. Hans-Josef Zimmer bei seinem Referat in Stuttgart die Motive der erfolgversprechenden Forschungssynergie. Von ihr wird ein mittelständischer Hersteller von Heizungsanlagen profitieren, der die neue Mikro-Gasturbine bauen wird. Auch ein neuer Brenner soll entwickelt werden, der alle Gase hocheffizient verbrennt.

Beitrag der Erneuerbaren Energien zur Klimabilanz

Die Klimabilanz der Bundesrepublik Deutschland verbesserte sich im abgelaufenen Kalenderjahr 2010 spürbar. Dies ist nach Meinung der Experten größtenteils auf den Ausbau der Erneuerbaren Energien (EE) für den Wärmemarkt zurückzuführen. Immerhin stellt der Wärmemarkt mit über 50 % am gesamten Energieverbrauch in Deutschland den größten Posten in der Bilanz dar. Der nächste energiepolitische Schritt, den die Bundesregierung mit finanziellen Maßnahmen unterstützt, bringt die Errichtung dezentraler umweltfreundlicher Kraftwerke. Naturgemäß sind diese deutlich kleiner dimensioniert als Atom- oder Kohlekraftwerke. Derzeit errichtet übrigens die Deutsche Bahn ein neues Kohlekraftwerk mit hohem CO2-Ausstoß für ihren Eisenbahn-Betrieb. Doch dies bleibt eine Ausnahme in der neuen Energie-Landschaft, denn Politik und Wirtschaft setzen auf Kleinkraftwerke, die als Kraft-Wärme-Kopplungsanlangen (KWK) ausgelegt sind. Somit können Eigenheim-Besitzer mit einer KWK-Anlage im Keller weiterhin Strom produzieren und
verkaufen.
Im zweiten Halbjahr 2009 war der Markt für Erneuerbare Wärmetechnologien nach Angaben des BEE (Bundesverbands Erneuerbare Energien) rückläufig. Deshalb hält BEE-Präsident Dietmar Schütz die Fortsetzung der Politik der finanziellen Anreize durch die Bundesregierung für erforderlich. Als weiteres Ziel seines Verbands gab er eine Steigerung der Modernisierungsrate von Heizungsanlagen von 3% auf 6 % aller Wärmeinstallationen vor. Allerdings verkündete Anfang März der Haushaltsausschuss des Bundestages deutliche Einschnitte bei den Investitionsanreizen für Erneuerbare Energien. Zunächst sollen die Zuschüsse für Solaranlagen, Pelletheizungen und Wärmepumpen um 19,5 Mio. Euro in diesem Jahr gesenkt werden. Weitere 115 Mio. Euro wurden unter Haushalts-Vorbehalt gestellt. Martin Bentele, Sprecher der AG Wärme im BEE, warnt vor solchen negativen Signalen auf den Wärmemarkt: „Wer jetzt die Fördermittel kürzt, bremst den Umbau statt ihn zu beschleunigen!“
Desungeachtet haben sich Klima- und CO2-Bilanz in Deutschland im Kalenderjahr 2009 deutlich verbessert. Dazu mag das Negativ-Wachstum der Wirtschaft in Deutschland von 5 % beigetragen haben. Doch auch der Anteil der Erneuerbaren Energien (EE) am Endenergieverbrauch stieg um über 10 % von 9,5 % (2008) auf 10,6 % (2009). Dadurch konnten 112 Mio. Tonnen CO2-Emissionen eingespart und damit verbundene Kosten für Umwelt- und Gesundheitsschäden um 8 Mrd. Euro gesenkt werden. Zwar stagnierte die Produktion von Windenergie wegen der ungewöhnlich schwachen Windverhältnisse, doch konnten hier 6,4 Mrd. Euro für den Import fossiler Brennstoffe eingespart werden. Im Wärmesektor stieg der EE-Anteil von 7,9 % (2008) auf 9,6 % (2009), in absoluten Zahlen von 110,7 Mrd. KWh auf 125,3 Mrd. kWh. Und noch eine wichtige Eckgröße: Die installierte Kraftwerks-Leistung durch Wind-, Sonnen-, Wasser- und Bioenergie sowie Geothermie stieg 2009 um 5.400 MW, was vier mittleren AKWs entspricht. Im Februar 2010 skizzierte Bundesumweltminister Dr. Norbert Röttgen bereits ein Ausstiegsszenario aus der Atomenergie: „Wenn der Anteil der EE an der Stromproduktion in Deutschland auf 40 % steigt, ist Kernenergie nicht mehr notwendig!“ Die Bundesregierung erwartet jedoch nur einen Anstieg auf 25 % bis zum Jahr 2020.

                                                                                                                                                     Richard E. Schneider

 

 

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