INHALT
▪ Das EU-Rettungspaket
Es ist ein trüber Tag in einer kleinen irischen
Stadt. Es regnet und alle Straßen sind wie leergefegt. Die Zeiten sind schlecht,
jeder hat Schulden und alle leben auf Pump.
An diesem Tag fährt ein reicher deutscher Tourist durch die irische Stadt und
hält bei einem kleinen Hotel. Er sagt dem Eigentümer, dass er sich gerne die
Zimmer anschauen möchte, um vielleicht eines für eine Übernachtung zu mieten und
legt als Kaution einen 100 Euro Schein auf den Tresen.
1. Als der Besucher die Treppe hinauf ist, nimmt der Hotelier den Geldschein,
rennt zu seinem Nachbarn, dem Metzger und bezahlt seine Schulden.
2. Der Metzger nimmt die 100 Euro, läuft die Straße runter und bezahlt den
Bauern.
3. Der Bauer nimmt die 100 Euro und bezahlt seine Rechnung beim
Genossenschaftslager.
4. Der Mann dort nimmt den 100 Euro Schein, rennt zur Kneipe und bezahlt seine
Getränkerechnung.
5. Der Wirt schiebt den Schein zu einer an der Theke sitzenden Prostituierten,
die auch harte Zeiten hinter sich hat und dem Wirt einige Gefälligkeiten auf
Kredit gegeben hatte.
6. Die Hure rennt zum Hotel und bezahlt ihre ausstehende Zimmerrechnung mit den
100 Euro.
7. Der Hotelier legt den Schein wieder zurück auf den Tresen. In diesem Moment
kommt der Reisende die Treppe herunter, nimmt seinen Geldschein und meint, dass
ihm keines der Zimmer gefällt und er verlässt die Stadt.
Alle Beteiligten sind ihre Schulden los und schauen mit großem Optimismus in die
Zukunft.
So, jetzt wisst Ihr Bescheid. So einfach funktioniert das EU Rettungspaket.
▪ Merkel geht mit Handtasche durch die Euro-Krise
Im Bundestag ist sie ein Hingucker. Angela Merkel wird neuerdings mit Handtasche gesichtet. Das weckt Erinnerungen an eiserne Ladys.
Sie war das Markenzeichen von Margaret Thatcher. Die schwarze Handtasche der heute 85-jährigen Eisernen Lady brachte den Briten ihrerzeit sogar ein neues Wort: «Handbagging» hieß so viel wie jemanden abkanzeln.
Auch Angela Merkel (57) wird seit einiger Zeit mit einem besonderen Damen-Accessoire gesichtet. Bei der Abstimmung über die Euro-Rettungshilfen am Donnerstag im Bundestag hatte die Kanzlerin wieder ihren orangefarbenen Shopper dabei, mit Platz für iPad und Aktenordner. Bahnt sich da vielleicht ein Stück fürs Museum an? Das Haus der Geschichte in Bonn hat sich schon die Strickjacke von Altkanzler Helmut Kohl (81) gesichert, in der er einst mit Michail Gorbatschow (80) über Deutschlands Zukunft sprach.
Und in einer Stiftung in Dresden wird eine Aktentasche Herbert Wehners (1906-1990) gehütet, neben einer alten Pfeife und dem Volvo des legendären SPD-Fraktionschefs. Die eifrig simsende CDU-Chefin ist bereits mit einem ausrangierten Handy im Haus der Geschichte vertreten. «Das sagt etwas über die Person aus, wie sie kommuniziert», erklärt Museumssprecher Peter Hoffmann. Ob nun Merkels Handtasche museumsreif wird, steht noch aus. Falls sich damit eine bestimmte Geschichte verbinden oder sie Symbolcharakter bekommen sollte, wäre es soweit. «Wir sammeln nicht unter modischen Gesichtspunkten», sagt Hoffmann. Gute Noten gibt es von Stilexpertinnen, die bei Merkel fast eine modische Morgenröte wittern. Die Kanzlerin habe sich mit dem etwa 300 Euro teuren Shopper von Longchamp für eine angesagte französische Marke entschieden, wie «Bunte»-Modechefin Petra Pfaller erklärt. Farblich sei die Tasche «erfrischend trendy». Dann habe sie Merkel auch mal mit einem pinkfarbenen Blazer kombiniert: So ein «Colour Blocking» sei im Sommer der letzte Schrei gewesen. Ihr Taschen-Fazit: «Das ist für die Kanzlerin ein cooles Statement.»
Die Shopping-Beraterin und Stilexpertin Silke Gerloff findet Merkels Tasche «insgesamt in Ordnung, von der Form her eher zeitlos und unauffällig, die Farbe ist ein eher gedämpftes Orange, damit eine Herbstfarbe und somit auch in diesem gut einsetzbar». Bei Empfängen und Auftritten in der Menge ist die Regierungschefin meist freihändig unterwegs. Zur Oper in Bayreuth trug sie mal eine Tasche, die am Handrücken zu schweben schien. In die Kategorie Luxus fällt das neue Exemplar Merkels nicht.
Anders war es bei Dänemarks designierter Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt (44), die wegen ihres teuren Taschen-Geschmacks als «Gucci-Helle» verspottet wurde. Eine robuste Tasche der Marke Asprey, die Margaret Thatcher 30 Jahre treu begleitet hat, wurde diesen Sommer für den guten Zweck versteigert. «Die Tasche war kein Schutz für sie, sie war eine Waffe», erinnerte sich Edwina Corrie, einst Ministerin im Kabinett Thatchers. Aus heutiger Sicht ist das Stück der einstigen Premierministerin zwar eher Modell Omi, es brachte aber immerhin 28 000 Euro. (Caroline Bock, dpa, 29/09/11)
▪ Lena Odenthals neuer Fall "Tödliche Ermittlungen"
"Tatort"-Kritik: Mord an der Polizeischülerin
Die Faszination der “Tatort”-Reihe auf
ein Millionen-Publikum am Sonntagabend ist und bleibt ein Faszinosum. Allzu oft
bietet die Top-Serie der ARD löchrige Drehbücher und schauspielerische
Fehltritte. Der “Tatort” an diesem Sonntag mit Kommissarin Lena Odenthal ist da
eine Ausnahme. Der Film “Tödliche Ermittlungen” über den Mord an einer
Polizeischülerin ist einfach ein ordentlicher Krimi. Und das ist weit mehr, als
man von vielen anderen “Tatort”-Folgen sagen kann.
Die Geschichte um die ehrgeizige, jungen Polizeischülerin Bettina Schnell, die
aus sozial schwachen Ludwigshafener Verhältnissen stammt und ermordet auf einem
Feld aufgefunden wird, ist beileibe kein Meisterstück des Storytelling. Aber
dieser Sonntags-Krimi ist schlüssig und geradlinig erzählt. Und schon daran
scheitern “Tatort”-Folgen sehr oft: an Über-Ambition. Da wollen die Autoren und
Regisseure gesellschaftliche Probleme wälzen oder gleich ganz große Filmkunst
abliefern, was eigentlich immer in die Hose geht.
Auch die arme Ulrike Folkerts musste in ihren Odenthal-Krimis schon so manchen
Drehbuch-Schmonzes durchleiden. Vor diesem Hintergrund ist der Film, den Autor
Andreas Schlüter und Regisseur Michael Schneider hier abgeliefert haben, eine
wohltuende Ausnahme, die zur Regel werden sollte. Die beiden besinnen sich auf
gutes, altes Krimi-Handwerk ohne Schnörkel.
Das Setting ist mit der Polizeischule und einem sinistren Fitness-Center gut
gewählt. Die Darsteller sind ordentlich besetzt und machen ihre Sache gut und
vor allem unaufgeregt ohne allzu gekünstelte Gefühlsausbrüche. Es gibt zudem
eine ganze Reihe von Verdächtigen: vom fiesen Fitness-Studio-Boss, dessen Drogen-Geschäften
die eifrige Polizeischülerin auf die Schliche gekommen war, bis zur
undurchsichtigen Nebenbuhlerin auf der Schule.
In diesem wohltuend konventionellen Handlungsrahmen kann sich auch die stimmige
Chemie zwischen der spröden Kommissarin Odenthal und ihrem Sidekick Kopper auch
wieder in kleinen Gesten wie dem Jacke-aufhalten entfalten. Kleine Gags wie die
erotomane Politesse, die statt Kopper dessen Wagen abschleppt, runden die Folge
ab. Regisseur Schneider muss man zudem zu Gute halten, dass er einfallsreiche
Bilder findet und sogar die sporadischen Action-Szenen nicht ganz so
großväterlich in Szene setzt, wie sonst in deutschen Kriminalfilmen üblich.
Der Fall “Tödliche Ermittlungen” bietet sogar eine kleine Wendung am Ende.
Solche Handlungs-Kniffe erwartet man von hiesigen Produktionen ja schon gar
nicht mehr, weil sie sich vorher meistens schon in Weltschmerz und überzogenem
Selbst-Anspruch völlig verheddert haben. Der neue Lena-Odenthal-”Tatort” ist
also ein ganz normaler Sonntagabend-Krimi geworden. Und gerade weil der Film
nicht mehr sein will, ist er gut gelungen und es wert, eingeschaltet zu werden.
Noch einmal davongekommen
Der Kaiser stand auf den Höhen des
Taunus. Er wies mit weit ausholender Geste in die Ferne, neben ihm der
Reichskanzler. „Und dieses Land soll ich wegen Marokko in den Krieg stürzen?“
Wilhelm II. sollte und musste es nicht. Es war das Jahr 1911 und die 2. Marokko-Krise
gerade behoben. Sie hatte - wieder einmal - die Völker an den Rand des Abgrunds
geführt. Wir Heutigen wissen: Es war nur ein Aufschub. Im Juli 1914 brach die
Katastrophe des 1. Weltkriegs dennoch aus. Sie prägte die erste Hälfte des 20.
Jahrhunderts und hatte den 2. Weltkrieg im Gefolge. Bis in die Gegenwart wirkt
das nach.
Schon 1905 stießen die Gegensätze hart aufeinander. Frankreich und
Großbritannien hatten begonnen, ihre im Lauf der Geschichte immer wieder
aufflammende Feindschaft zu beenden. Die Entente cordiale entstand, das „herzliche
Einvernehmen“, aus dem schließlich ein Militärbündnis erwuchs. Die beiden
traditionell weltweit engagierten Großmächte hatten sich in Afrika verständigt.
Paris überließ London die Oberherrschaft in Ägypten und bekam dafür Marokko
zugesprochen. Zwar war damit ein Spannungsherd beseitigt. Doch Berlin
protestierte. Es wollte ebenfalls Weltpolitik betreiben und fühlte sich
übergangen. Der Kaiser nutzte eine Mittelmeerreise, um in theatralischer Weise
im damals noch marokkanischen Tanger an Land zu gehen und sich feiern zu lassen.
Die 1. Marokko-Krise tat sich auf.
Deutschland setzte eine internationale
Konferenz durch, die im spanischen Algeciras stattfand. Aber es wurde enttäuscht,
es sah sich isoliert. Nur Österreich-Ungarn hielt zögernd zu ihm. Frankreich
bekam das Recht zugesprochen, in Marokko für innere Ordnung zu sorgen und es
nach außen zu beschützen. Auch Amerika und Russland schlugen sich auf seine
Seite. Das Zarenreich war ohnehin seit 1894 mit ihm verbündet. Nun näherten sich
die Russen auch Großbritannien an, für das sie nach ihrer schweren Niederlage im
Fernostkrieg gegen Japan erträglicher geworden waren. London und St. Petersburg
teilten Einfluss-Zonen in Persien unter sich auf. Im Berliner Reichstag fiel
erstmals aus offiziellem Mund das Wort von der Einkreisung.
Frankreich fühlte sich bald ermutigt, vollendete Tatsachen zu schaffen. Nach
aufgetretenen Unruhen rückten französische Truppen in Marokkos Hauptstadt Fes
ein. Deutschland protestierte ein zweites Mal und ließ das Kanonenboot Panther
in den Hafen von Agadir einlaufen - der so genannte Panthersprung. Wieder war
Krieg in Sicht, doch keiner ernsthaft auf ihn vorbereitet. Und so konnte auch
die 2. Marokkokrise in letzter Sekunde behoben werden. Man war noch einmal
davongekommen. Die République Française trat dem Deutschen Reich zum Ausgleich
umfangreiche Landstriche am Kongo ab. Aber der Stachel saß tief, die Atmosphäre
blieb aufgeheizt, an der Spree wie an der Seine.
Die gegenseitige Aufrüstung wurde forciert. Insbesondere Frankreich vermehrte
seine Armee durch Einführung der dreijährigen Wehrpflicht, um trotz geringerer
Bevölkerung eine der deutschen ebenbürtige Truppenzahl aufbieten zu können. Es
zog mehr als 80 % der jungen Männer ein, in Deutschland blieb es bei rund 50 %.
Die adlige Seilschaft im Berliner Kriegsministerium wollte kein zu großes Heer
mit zu vielen Rekruten aus der Arbeiterschaft und nicht noch mehr Offiziere
bürgerlicher Herkunft.
Dafür entwickelte man im Großen Generalstab für eine künftige Mobilmachung den nach seinem Urheber, den langjährigen Generalstabschef benannten Schlieffenplan, der einen Aufmarsch fast nur an der Westgrenze vorsah und wegen der starken französischen Grenzfestungen zur Umfassung des potentiellen Gegners eine Blitzkrieg-Offensive unter Verletzung der international garantierten Neutralität Belgiens erstrebte. Ziel war ein Sieg gegen Frankreich in 42 Tagen. Russland wollte man erst an zweiter Stelle bekämpfen. Ein langer Krieg, so wurde argumentiert, sei nicht bezahlbar.
Auch die Franzosen entwarfen ein Offensivpapier, den Plan XVII, demzufolge der sofortige rücksichtslose Stoß durch den deutschen Befestigungsgürtel an Rhein und Mosel erzwungen werden sollte, der damals als der stärkste der Welt galt. Absicht war, Deutschland militärisch zweizuteilen. Schwere eigene Verluste wurden einkalkuliert. Beide Pläne scheiterten, als es 1914 nach dem tödlichen Attentat serbischer Nationalisten auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger und seine Frau in Sarajewo doch zum allseits befürchteten Großen Krieg kam. Erzherzog Franz Ferdinand, der zur Stabilisierung der Donau-Monarchie den Ausgleich mit den Südslawen seines Reiches im Auge hatte, stand den Extremisten im Weg.
In der Realität des nachfolgenden
Krieges zeigte sich angesichts der seinerzeitigen Waffentechnik die Defensive
der Offensive überlegen. Massive Sturm-Läufe mit dem Bajonett auf mit
Maschinengewehren schießende Verteidiger in Schützengräben hinter Stacheldraht
wurden immer wieder blutig abgeschlagen. Ein Durchbruch großen Stils erwies sich
als nicht möglich. Der deutsche Vormarsch wurde an der Marne gestoppt. Die
Deutschen gruben sich zur Überraschung ihrer Gegner an der entstehenden
Frontlinie ein. Die französische Offensive brach in Lothringen zusammen. Bereits
am Ende des Jahres 1914 verzeichnete Frankreichs Armee an Gefallenen,
Verwundeten und Gefangenen bei einem anfänglichen Bestand von zwei Millionen
Mann Verluste in Höhe von 500.000. Die Ausfälle der Deutschen waren bei den
Angriffsoperationen vergleichbar, nur nach der Erstarrung der Fronten im
Grabenkrieg, als sie zunächst nur noch abwehrten, erheblich geringer.
Die Mehrheit der Militärhistoriker ist sich weitgehend einig. Der
völkerrechtswidrige deutsche Einmarsch in Belgien wäre aus heutiger Sicht
strategisch nicht erforderlich gewesen. Er war kontraproduktiv. Eine abwartende
Haltung hätte mehr Erfolg versprochen. Das Reichsgebiet war durch die
französischen Aktionen nicht wirklich in Gefahr. Und die Russen wären bei einer
nur geringfügig stärkeren deutschen Truppenkonzentration im Osten gleich zu
Anfang ebenfalls zurückzuweisen gewesen.
Generalfeldmarschall Helmut von Moltke, der erfolgreiche Leiter der Operationen im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71, hatte angesichts des seit dem französisch-russischen Bündnis von 1894 drohenden Zweifrontenkriegs vor dem Aufmarsch nach nur einer Seite und vor übereilten Angriffen gewarnt. Ein Krieg gegen beide Großmächte in Ost und West würde die deutschen Kräfte übersteigen. Er wollte die Truppen in einem solchen Fall etwa gleichmäßig verteilen und auf die Vorgehensweise der Gegner flexibel reagieren, gemäß der Devise, Strategie sei ein System der Aushilfen. Das gut ausgebaute deutsche Verkehrsnetz würde erforderlich werdende schnelle Truppenverlegungen begünstigen. Die Option eines baldigen Verständigungsfriedens müsste offen gehalten werden.
Bestärkt wurde dies durch eine geheime Denkschrift des Generalstab-Quartier-meisters Köpke. Die Analyse des Generalmajors stützte sich auf die Lehren aus dem Burenkrieg von 1899-1902 und dem russisch-japanischen Krieg von 1905. Er prognostisierte einen allgemeinen Stellungskrieg an langen befestigten Fronten und drängte darauf, die Armee entsprechend vorzubereiten. In der Tat wurde es üblich, die großen Manöver des deutschen Heeres mit dem Ausheben von Schützengräben zu beenden. Aber das erfolgte unspektakulär und ohne große Begeisterung.
Ein Friedensabkommen im Moltkeschen Sinn zeichnete sich 1916 im Osten ab, nach ersten Erschöpfungszeichen im russischen Lager. Doch die Hoffnung auf einen Sonderfrieden mit dem Zaren zerschlug sich, weil die deutsche Generalität auf die Bildung eines von Russland unabhängigen polnischen Staates bestand, in der Hoffnung, viele Polen für Deutschland rekrutieren zu können. 1917 kam es zu noch stärkeren Ermüdungen bei den Russen und zu den beiden Revolutionen. Die Soldaten liefen in Massen in die Heimat, wo die Aufteilung großer Güter unter die Bauern begonnen hatte. Alle wollten dabei sein.
Im selben Jahr kam es nach dem verlustreichen Scheitern der Angriffsschlachten in der Champagne zu umfangreichen Meutereien im französischen Heer, die entschieden und dennoch relativ maßvoll beendet werden konnten. Aber die Hauptlast des Kampfes wurde daraufhin für längere Zeit den verbündeten Briten übertragen. Auch diese waren im Frühjahr 1918 weitgehend kriegsmüde und erschöpft. Die Deutschen wurden es trotz des Sieges über Russland ebenfalls, nachdem sie den Durchbruch im Westen und ein Kriegsende nicht erzielen konnten. Amerikas Eingreifen brachte dann nach vier Jahren des Krieges die Entscheidung zu Gunsten der Westallianz. Die Amerikaner sahen die Rückzahlung ihrer dieser gewährten umfangreichen Kredite für Waffen und Munition in Gefahr. Und sie wähnten seit einem politischen Streit um Samoa in den achtziger Jahren sowie nach dem amerikanisch-spanischen Krieg am Ende des 19. Jahrhunderts im Deutschen Reich den Hauptmitbewerber um die von ihnen beanspruchte Dominanz im Pazifik.
Der britische Kriegspremier Lloyd George
schrieb in seinen Memoiren: „Die Nationen schlitterten in den kochenden Kessel
des Krieges hinein.“ Die heutige Forschung gibt ihm Recht. Kein Land hat den
Ausbruch des Krieges damals ernsthaft gewollt. Alle wurden von den Ereignissen
überrollt. Österreich-Ungarn sah durch Serbien seine Existenz als
Vielvölkerstaat gefährdet und wollte den kleinen, aber dynamischen Nachbarn
lediglich demütigen. Im revolutions-schwangeren Russland stand man unter dem
Druck der Panslawisten und drohte den Österreichern, sollten sie zu weit gehen,
ohne echte Begeisterung mit Krieg. Deutschland, nach wie vor im Gefühl der
Einkreisung, wollte den letzten Verbündeten von Gewicht nicht verlieren und
stärkte Österreich-Ungarn den Rücken. Frankreich, überwiegend kriegsunwillig,
wie auch 1939, befand sich in einer ähnlichen Situation wie das Deutsche Reich.
Es konnte und wollte den engsten Alliierten nicht im Stich lassen und vermeinte,
in der Zwangslage zu sein, die vertraglichen Verpflichtungen Russland gegenüber
erfüllen zu müssen.
Entscheidend wurde die Haltung Englands. Dessen Verhältnis zu Deutschland war
1914 besser als vielfach im Nachhinein gedeutet. Im Wettlauf um die
Flottenstärke und die Schlachtschiffgrößen mussten die Deutschen kürzer treten.
Ihnen war finanziell die Luft ausgegangen. Das wurde auch an der Themse
registriert. Im deutschen Bestreben, im ölreichen Vorderen Orient Fuß zu fassen,
hatte es beruhigende Absprachen gegeben. Bei der umstrittenen Bagdad-Bahn durch
die Türkei sollte der Bau der letzten Strecke den Briten überlassen bleiben.
Noch 1913 arbeiteten beide Mächte eng zusammen, um im Konflikt zwischen den
Balkanstaaten zu vermitteln.
Ausschlaggebend für den englischen Entschluss, an französischer Seite in den Großen Krieg einzutreten und ein Expeditionskorps zu entsenden, war die Befürchtung, die Deutschen könnten siegen und würden Frankreich - in britischen Augen das unentbehrliche Gegengewicht zu Deutschland im Gebäude der Balance of Power - als Großmacht ausschalten. Hinzu kam die Entschlossenheit, es keinem konkurrieren großen Staat zu gestatten, an der belgischen Kanalküste Fuß zu fassen, wie es zuletzt einhundert Jahre früher dem 1. französischen Kaiserreich gelungen war. Kritiker sprachen von einer Napoleon-Neurose.
In der Tat war die Mehrheit des englischen Kabinetts trotz militärischer Absprachen innerhalb der Entente zunächst gegen eine Kriegsbeteiligung. Erst nach dem Überschreiten der Grenze zu Belgien und nach der deutschen Kriegserklärung an Frankreich, was Kaiser Wilhelm noch kurzfristig zu verhindern hoffte, kam es in London zum Umschwung. Der deutsche Generalstab musste offenbaren, dass er schon seit geraumer Zeit keine Mobilisierungsmöglichkeit mehr vorgesehen hatte, die einen Verzicht auf den Schlieffenplan zuließ. Nachdem Russland seine zahlenmäßig gewaltige Armee gegen Österreich und Deutschland mobilisiert hatte, gab es für Berlin - so glaubte man dort - kein Zurück. Die Würfel waren gefallen. Der Krieg musste angenommen und er musste auf Biegen und Brechen im Westen begonnen werden, wenn man ihn bestehen wollte. Der von Schlieffen vorgegebene Automatismus verlangte es so. Das Verhängnis nahm seinen Lauf. Und es bedurfte erst der schrecklichen Erfahrung eines zweiten Weltkriegs, um Frankreich und Deutschland zu den gemeinsam handelnden Motoren eines vereinten Europas werden zu lassen, in dem Kriege gegeneinander nicht mehr denkbar sind.
Carl-Heinz Boettcher
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"Das Deutsche Volk und die Konzentrationslager seit 1945"
"Der SS-Staat" von Eugen Kogon,
abschließender Text-Auszug aus der 1949er Auflage des zuerst 1946 in München
erschienenen Buchs
Und nun die russische Praxis in der deutschen Ostzone: Buchenwald blieb
bestehen, Sach-senhausen-Oranienburg Torgau, Ravensbrück, einige wurden
ausgebaut, andere neu errich-tet. In diesen Monaten sind es wahrscheinlich
sechs Hauptlager und insgesamt mindestens ein Dutzend Nebenlager oder
lagerähnliche Gefängnisse mit weit mehr als 100.000 Insassen als
Dauerbestand, zuweilen bis 250.000 Gefangenen, während in unkontrollierbaren
Zeitab-ständen Deportationen nach Sowjetrussland stattfinden. MWD--(NKWD-)-
Personal bewacht die Gefangenen, verwaltet das System. Gegen frühere
Nationalsozialisten? Nein, gegen je-dermann, der als "Staatsfeind"
verdächtig ist. Oder als "Agent einer ausländischen Macht". Oder als "Klassenfeind",
als "Kulak", als sonst was.
Mehr und mehr wurden diese Tatsachen im deutschen Volk bekannt. Bis Ende
1946 war es ja der in den drei übrigen Besatzungszonen lizenzierten Presse
nicht erlaubt, darüber zu schreiben; es wäre ja "Kritik an einer alliierten
Macht" gewesen. Seit 1947, als die Gegensätze zu den Russen offenkundig
wurden, war es mehr und mehr geradezu erwünscht. Aber die Bevölkerung hatte
sich vorher schon ihre Gedanken gemacht. Auch über das "neue Schweigen". Das
abermals erzwungene Schweigen, ― was die Deutschen anlangt. Und über die
Untätigkeit der Westalliierten, deren Vertretungen im Alliierten Kontrollrat
weder eine Untersuchung ver-langten noch protestierten noch aktiv eingriffen.
Geschah es dennoch? Niemand erfuhr etwas davon ― wie seinerzeit unter dem
Nationalso-zialismus, als auch Vorbehalte und Eingaben gemacht wurden, die
dann 1945 als "ganz un-beachtlich", "kein besonderes Zeichen von Mut" oder "wertlos"
bezeichnet wurden.
Die Ähnlichkeit wurde aber für jedermann, der guten Willens war und der das
gemeinsame Beste wollte, beängstigend. Ich fragte Ende 1947 und Anfang 1948
Kommunisten, mit denen ich jahrelang im KZ Buchenwald gewesen war, und
führende Mitglieder der in der Ostzone herrschenden Einheitspartei (i.e.,
SED), ebenfalls politische Gefangene von einst, was sie von einer derartigen
Entwicklung eigentlich dächten. Einige meinten, "gefährliche politische
Gegner" müsse man eben einsperren und unschädlich machen. Sie gaben offen zu,
dass sich ihre Methode in diesem Punkt von der des Nationalsozialismus nicht
unterschied. Wenn sie das anderen als mir auch gesagt haben, möchte ich
gerne wissen, warum sich Na-tionalsozialisten über die Konzentrationslager
von 1933 bis 1945 plötzlich entsetzen sollten.
Der Unterschied bestehe darin, so wurde mir geantwortet, dass man Gefangenen
nicht schlecht behandeln dürfe. Aber werden sie denn in den MWD-Lagern gut
behandelt? Das System scheint in vielem nicht so entsetzlich zu sein wie das
nationalsozialistische. Es wird zum Beispiel nicht vergast, nicht erwürgt,
gehängt und reihenweise erschossen. Dennoch ist es in jeder Hinsicht schlimm
genug. Hunderte von Polen und Hunderte von deutschen Kriegsgefangenen, die
der nur Hölle entgingen, weil jedes überorganisierte System Lücken hat,
haben Berichte aus Sowjetrussland gebracht. Dutzende haben schon über die
Zustande in den ähnlichen Lagern der Ostzone Mitteilungen gemacht. Das ist
ja alles übertrieben, sag-te man darauf. (Wie dazumal...) In der Masse
handle es sich in Lagern um wirklich unverbes-serliche Staatsfeinde. (Auch
wie dazumal...) Natürlich gebe es Ungerechtigkeiten, aber was könne man
schon gegen MWD-NKWD tun? (Wie dazumal ― gegen allmächtige Gestapo...)
Die politisch, religiös und rassisch Verfolgten des Naziregimes als die
berufenen Kämpfer gegen Rechtlosigkeit und Barbarei müssen jetzt ihre Stimme
erheben, müssen gegen die neuen schreienden Ungerechtigkeiten angehen,
überall in der Welt und in Deutschland, ganz besonders aber den Sowjetrussen
gegenüber in der deutschen Ostzone! Es würde nicht ohne Eindruck, nicht ohne
Folgen bleiben. Wirksamer wären Interventionen von dieser Seite als von
jeder andern, bei der sie wegen früherer eigener Schuld, eigener Schwäche
und nicht zuletzt wegen der mit gewöhnlichen Protesten meist verbundenen
politischen Propa-ganda nur allzu leicht wertlos sind.
Aber hier ist ein weiterer wunder Punkt berührt. Der europäische ― nicht
bloß der deutsche ― Widerstand gegen Nazismus oder Faschismus besitzt nicht
mehr die alte politische und moralische Kraft. Er hat es in den
Nachkriegsjahren nicht verstanden, sich zur neuen Avant-garde zu entwickeln..
Antifaschistische Aktion wirkt in den Augen breiter Bevölkerungsschich-ten
nicht glaubwürdig, weil sie sich nicht auch gegen das neue Unrecht richtet.
Nochmals ein Wort zu der Fama, in
Deutschland sei nach 1945 "kaum über das Naziregime" diskutiert worden
(Jürgen Trittin) - Kogons Buch wurde mehrmals neu gedruckt und fand bis 1955
fast eine halbe Million Käufer. Kogon selbst hielt in rund 200 Oberschulen
Lesungen und Vorträge.
▪ Eine signifikante Fehlleistung
Es heißt oft, dass die deutsch-französischen Beziehungen so eingefahren und strapazierfähig sind, dass sie unabhängig von den Persönlichkeiten Bestand haben, die in Berlin (früher Bonn) und in Paris das Ruder halten. Man weist auf ungleiche politische Paare hin, die miteinander blendend auskamen, wie Schmidt und Giscard d’Estaing, wie Kohl und Mitterrand. Das kann doch nicht ganz stimmen
Bei manchen hat es viel Überwindung gekostet. Pompidou konnte sich nie für Willy Brandt erwärmen. Chirac empfand eine körperliche Abneigung gegen Schröder. Er bekam bei ihm eine Gänsehaut. Aber bei Wein (Schröder) und Bier (Chirac) konnte der Franzose letzten Endes seinen Horror überwinden. Merkel und Sarkozy haben dieselbe politische Couleur, aber die Chemie hat bei ihnen nicht immer gestimmt. Sie haben gelernt, miteinander auszukommen.
Helmut Kohl hatte Glück, dass Valéry Giscard d’Estaing nicht mehr Präsident war, als er ins Kanzleramt 1982 einzog, denn beide waren wie Katze und Hund.
Kein Wunder also, dass kurz vor dem letzten Ferienbeginn der ehemalige französische Außenminister Jean François-Poncet den Namen „Kohl“ nicht über die Lippen bringen konnte, als er in der französischen Botschaft am Pariser Platz in Berlin sein Memoirenbuch in deutscher Sprache "Quai d'Orsay 37" (Bouvier Verlag, Bonn, 2010) vorstellte. Ein bewegendes Moment, da sein Vater, André François-Poncet, an dieser Stelle Botschafter Frankreichs im Dritten Reich gewesen war. Das Buch eines überzeugten und kompetenten Europäers ist hochinformativ. Hie und da merkt man jedoch, dass Jean François-Poncet ein treuer Diener des ehemaligen Staatspräsidenten Giscard d'Estaing geblieben ist.
Der Autor hielt eine Rede in deutscher Sprache und machte einen Versprecher. Er stellte "Mitterrand und Schmidt" als die Macher des Euros dar. "Giscard und Schmidt", "Mitterrand und Kohl" wäre schon richtiger gewesen. Beim Maastrichter Vertrag und bei der Einführung der Euros waren Mitterrand und Kohl federführend. Schmidt war schon längst weg. Sprachliche Fehlleistungen haben oft eine unterschwellige Bedeutung. Dieser Versprecher erinnerte mich an einen Anruf des Bundeskanzlers Helmut Kohl in meinem Korrespondentenbüro im Bonner Pressehaus in den 80er Jahren.
Ich hatte eine Bitte von Jean François-Poncet, der damals oft in "Le Figaro" Kolumnen schrieb, um ein Interview mit dem Bundeskanzler an das Kanzleramt weitergeleitet. Die die starke Stimme des Kanzlers ertönte in meiner Ohrmuschel: "François-Poncet hat gesagt, dass die Bäume von Kohl und Mitterrand nicht in den Himmel wachsen. Sagen Sie ihm, er wird nie zu mir zugelassen. Schicken Sie ihn zurück zu seinem Giscard".
Der Hintergrund war, dass Kohl, als er noch Chef der deutschen Opposition war, dem französischen Präsidenten Giscard d'Estaing, den er für einen Gleichgesinnten hielt, seine Strategie gegen Schmidt anvertraut hatte. Giscard verriet seinem Freund Schmidt den Inhalt seines Gespräches mit Kohl und Schmidt nutzte sein Wissen, um in einer Ansprache im Deutschen Bundestag Kohl lächerlich zu machen. Kohl hat das Giscard nie verziehen.
Es kann also doch nicht stimmen,
dass Personenfragen im deutsch-französischen Verhältnis keine Rolle spielen.
(JPP)
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Oktober 1989: Das endlose Warten
auf die Züge der Freiheit
Im Sommer 1989 überstürzten sich die Ereignisse in der DDR und im gesamten Ostblock. Der Schwerpunkt lag in den Tagen und Wochen vor dem Fall der Berliner Mauer am 9. November in Ost-Berlin, aber die Massenflucht der Ostdeutschen hatte im Sommer über Ungarn, Polen und die Tschechische Republik bereits begonnen. Wir berichten hier von einem Erlebnis an der Grenze zwischen Bayern und Thüringen knapp ein Monat vor der Öffnung der Berliner Mauer.
Es wäre schwer gewesen, ein Gefühl der Solidarität mit diesen wunderbaren Menschen, die Geschichte machten, nicht zu entwickeln. Die Flut derjenigen, die mit den Füßen nicht nur gegen das ostdeutsche Regime, sondern jetzt sogar gegen die Existenz der DDR abstimmten, wie man damals die Flüchtlinge bezeichnete, war im Sommer 1989 angeschwollen. Am 4. Oktober 1989 standen wir im Bahnhof von Hof in Bayern und warteten auf die „Züge der Freiheit“." Sie sollten die DDR-Flüchtlinge der westdeutschen Botschaft in Prag in den Westen über Dresden bringen. Wir blieben dort, meine Frau und ich, die ganze Nacht.
Mit Heiko Weser. Dieser junge Mann war in Duisburg nachts um 1 Uhr losgefahren. Er kam in Hof um 13 Uhr 30 mit seinem Vater, seinem Großvater und seinem Schwager Holm Lichtenfeld an. Heiko war vor einigen Monaten in den Westen geflüchtet, um die Ankunft seiner Familie vorzubereiten. Seitdem saßen sie im Wartesaal des Bahnhofs auf die Flüchtlingszüge. Die vier Männer standen noch unter Schock. Am Tag zuvor im Fernsehen hatten sie Kerstin, Heiko Verlobte, auf dem Gelände der Prager Botschaft gesehen. Sie wurde vom westdeutschen Journalisten befragt. Die Kamera hatte auch ihre Freundin Bärbel Lichtenfeld und deren beiden Kinder gefilmt. "Es war so unglaublich, dass wir die nächste Nachrichtensendung aufgenommen haben. Wir werden sie den Frauen am Tag nach ihrer Ankunft zu Hause vorführen. " Sie waren ungeduldig. Sie hofften, ihre Frauen und die Kinder würden in den ersten Zügen sein. Der Großvater nahm mich beiseite: "Sie müssen das verstehen, denn Sie sind Franzose. Während des Krieges hatte die Wehrmacht Frankreich in zwei Hälften geteilt. Stellen Sie sich vor, man hätte auf dieser Grenzlinie eine Mauer gebaut! Hier haben wir sie seit dreißig Jahren! Glauben Sie, dass die Franzosen einen solchen Zustand akzeptiert hätten?“.“Nein, das glaube ich nicht", sagte ich versöhnlich. Wir verstanden einander. Wir waren Freunde. Und vielleicht ein wenig mehr. Brüder?
All die Menschen hier warteten hoffnungsvoll auf einen Verwandten oder einen Freund: "Immer mehr Flüchtlinge wollen die DDR verlassen. Es ist wie eine anschwellende Flut. Aber die Prager Botschaft ist überfüllt. Die Sanitärbedingungen sollen dort entsetzlich sein. Honecker hat das zu verantworten. " Viele hielten Ihr Ohr am Radiosender der Stadt. "Euroherz" hieß er. Er hatte einen Sonderkanal „Special Flüchtlinge" eingerichtet. Man hörte, dass in der DDR der Zugang zu den Bahnhöfen von der Polizei und von den Kampfgruppen abgeriegelt worden war und dass man die Menschen dran hindern wollte, auf der Durchreise auf die Züge zu klettern. Die ankommenden Flüchtlinge würden die erste Nacht in Hof verbringen aber sie würden nicht lange dort bleiben. Man wusste, sie würden sich in der Nähe der Grenze unwohl fühlen. Der Minister für soziale Angelegenheiten von Bayern ließ über den Rundfunk verkünden, dass die Städte Nürnberg und Straubing hatten 9 500 Betten in öffentlichen Gebäuden untergebracht hatten. In Hof hätten die Aufnahmekapazitäten sowie nicht ausgereicht.
Vierundzwanzig Stunden lang im Bahnhof zu warten. Das war ermüdend. Wir gingen eine oder zwei Stunden ins Auto vor dem Bahnhof, um ein bisschen zu schlummern. Dann waren wir wieder im großen Wartesaal. Es war 5 Uhr 30, als Beifall rund um den Bahnhof ausbrach. Hunderte von Menschen versammelten sich auf den Bahnsteigen. Manche schwangen die Flagge der Bundesrepublik Deutschland an den Fenstern der Eisenbahnwagen. Freude war auf allen Gesichtern. Lachen vor Freude aber auch Tränen der Erregung konnte man sehen. So etwas hatten wir nie in diesem Ausmaße erlebt: "Ich werde es nie vergessen", sagte Christoph, 18, mit Tränen in den Augen. 5 Uhr 58, 6 Uhr 24, 7 Uhr 45, die Züge treffen nacheinander ein. Fünfzehn von ihnen wurden erwartet. Sie kommen. Alles klappt! Die Abmachungen sind seitens der DDR eingehalten worden. Ansagen der Lautsprecher übertönen alles: "Hof Hauptbahnhof. Wir wünschen den Reisenden ein herzliches Willkommen. Steigen Sie nicht alle gleich aus. Sie werden mit Ihren Familien telefonieren können“. Die Organisation ist ausgezeichnet und die Flüchtlinge verhalten sich sehr diszipliniert. Diese Menschen sind nicht der Abschaum der Gesellschaft, wie die DDR-Behörden behaupteten. Sie sind die besseren Staatsbürger des anderen deutschen Staaten, dem sie nun endgültig den Rücken gedreht haben. Es sind etwa 11 000 Menschen an der Zahl, die da ankommen.
Kerstin und Bärbel und die beiden Mädchen sind aus dem Zug ausgestiegen. Sie werden umarmt, Tränen der Freude fließen. Wir sind auch den Tränen nahe und entfernen uns zurückhaltend. Im Gedränge bildet jede Familie wie eine kleine private Insel. Die Flüchtlinge sprechen jetzt Klartext. "Nie wieder Polizeistaat!“, sagt eine junge Frau am Fenster eines Eisenbahnwagens. Einige fallen fast hin vor Ermüdung. "Ich kann es nicht glauben. Es ging alles so schnell. Wie in einem Traum. Wir hatten nur wenige Minuten um zu entscheiden, ob wir fliehen. Es war die letzte Chance. Hinter uns ist der Vorhang gefallen. Hunderttausende von Gefangenen sind dort geblieben. " Niemand ahnt selbstverständlich, dass es in etwas mehr als einem Monat keine Berliner Mauer mehr geben wird. Der erste Zug verließ Prag am Mittwoch Abend um 18 Uhr 45 und erreichte Hof nach etwa elf Stunden. Er wurde fünf Stunden lang in Bad Schandau, der erste Station der DDR zwischen Prag und Dresden gestoppt. Passagiere bestätigen das Gerücht, dass Hunderte von Ostdeutschen dort in der Hoffnung warteten, in den Zug einsteigen zu können. Wir konnten später erfahren, dass mehr als 3 000 Menschen in Dresden sich in Bahnhofsnähe versammelt hatten. Am Tag zuvor hatte es Zusammenstöße mit der Volkspolizei gegeben. Es war wie ein Ausbruch von Wut gewesen. Sie fühlten sich wie Gefangene in einem Käfig. Sie belagerten den Bahnhof. Als die Züge kamen, brach Gewalt aus: Steine wurden geworfen, die Polizei benutzte den Schlagstock. Die Demonstranten riefen "Freiheit! Freiheit!“ . Die Jüngsten von ihnen schlugen die Fensterscheiben von Autos vor dem Bahnhof ein. Im Tränengasrauch konnte man die Gesichter der Menschen nicht mehr unterscheiden. Die Polizei verfolgte die Flüchtigen. Junge Mädchen schrien, andere brachen in Tränen aus. Dann wurden sie alle zurückgedrängt.
In Hof sagte uns Marina, 29, Mitarbeiterin eines Krankenhauses in Rudolstadt in Thüringen: "In einer Mulde in Bad Schandau sahen wir eine Gruppe junger Leute mit Gepäck. Sie näherten sich dem Zug. Aber wir fuhren zu schnell, als dass sie hätten einsteigen können. Auch in den kleineren Dörfern, die wir durchquerten, waren überall Volkspolizei, Transportpolizei, Kampfgruppen der Arbeiterklasse. Als wir uns der Grenze näherten, gab es immer mehr Uniformierte. Am Weg stand immer ein mit Schlagstöcken gespickter Zaun. In Dresden wurde der Bahnhof von der Polizei abgeriegelt. Keine Menschenseele in Sicht. Sie haben unseren Konvoi zwischen Güterzügen geschleust, um die Sicht zu versperren. "Marina war von David, ihrem Sohn, einem 10 Jahren alten Jungen, begleitet, am Montag davor aufs Geratewohl Richtung Tschechoslowakei gestartet. Michael Kraus, ein Förster, der mit ihnen befreundet war, nahm sie mit: "Wir wollten nicht auffallen, da die Vopos viele Mütter und ihre Kinder aus dem Zug herausholten. Mein Mann nahm deswegen einen anderen Zug. Wir hatten vereinbart, dass wir uns in der deutschen Botschaft in Prag treffen würden. Aber ich habe meinen Mann nicht wieder gesehen. Ich weiß nicht, wo er steckt." Drei Männer, alle drei verheiratet, sind auf die gleiche Art abgereist, Männer und Frauen voneinander getrennt, um durch die Maschen des Polizeinetzes besser zu schlüpfen: „ An der Grenze gab es einen enormen Stau. Auf ein Visum musste man 17 Stunden warten. Aber wir waren fast an der Spitze der Autokolonne und wir konnten passieren. " Ihre Frauen mussten sie zurücklassen. Die Kinder waren in der Schule und als sie aus der Schule herauskamen, wurden die Grenzübergänge der DRR geschlossen. "Auf dem Botschaftsgelände in Prag, erzählt Roland Kniest, ein Mitglied des Trios, konnte man keinen Fuß vor den anderen setzen, so voll war es. Wir trauten uns nicht, uns zu bewegen. Uns wurde gesagt, dass die Stasi Kinder in der Botschaft gefangen genommen hatte, um die Mütter zu zwingen, da zu bleiben. Wir schliefen zu acht quer auf einem Doppelbett. Man wartete eine bis zwei Stunden in einer Schlange, um zur Toilette zu gelangen. Aber das Essen war ausgezeichnet. Diplomaten und Krankenschwestern waren wunderbar. Es war das erste Mal in unserem Leben, dass wir menschlich und mit Respekt behandelt wurden. "
Günter und Beate, ein junges Paar, sind immer noch fassungslos, dass sie im Westen sind. "Als wir in Ostdeutschland sagten, dass wir nach Prag über die Tschechoslowakei-DDR-Grenze fahren wollten, wurden wir durchsucht, man schikanierte uns, wir wurden nach allerlei gefragt, man sagte uns, es sei illegal. Sie haben mich aus dem Zug entfernt, und fünf Stunden lang warten lassen, bis mein Gepäck untersucht wurde. Ich bin aber weiter gefahren. Wir haben in Prag vor der Botschaft auf der Straße geschlafen und wir sind in den ersten Bus gestiegen, um zum Bahnhof zu fahren. Er trug ein Kennzeichen aus Ost-Berlin! Sie können sich vorstellen, was das für ein Schock war! Ich dachte, sie bringen uns wieder in die DDR. Aber hier bin ich!“ Peter, 24, ehemaliges Mitglied der SED bei den Leuna Werken, dem Betrieb, der das Symbol des Regimes war, will seinen ersten Urlaub im Westen in Grenoble verbringen. "Ich will Französisch lernen. Russisch lernen, das ist vorbei!“ Überall gehen die Umarmungen, das Lachen, das Weinen weiter. Die Aufregung erreicht immer wieder Höhepunkte. Eine Krankenschwester tritt an uns heran und bietet uns Kaffee und Brezeln an. Wir sehen müde aus und sie hält uns für Flüchtlinge.
Mitte Oktober wird ein DDR-Gericht gegen drei junge Demonstranten, die auf dem Bahnhof von Dresden am 4. Oktober verhaftet worden waren, viereinhalb Jahren Haftstrafe und Geldstrafen von jeweils 1000 Mark verhängen. Die Zeitung des Kommunistischen Jugendverbandes "Junge Welt" wird sie "Vandalen" nennen. Aber in Leipzig zur gleichen Zeit entlassen Gerichte Demonstranten. Die ostdeutschen Zeitungen drucken zum ersten Mal echte Leserbriefe von verärgerten Lesern. Alles gerät in der DDR aus den Fugen. Ein paar Tage später werden wir nach Leipzig fahren, um die Demonstranten auf dem Leipziger Ring zu begleiten, wo sie jeden Montag Abend für die Freiheit marschieren. Nach dem traditionellen Gebet verlassen sie die Kirchen und machen sich mit Kerzen und Transparenten. Deutsche Revolutionäre sind immer pünktlich und gut organisiert. Meine Wirtin, bei der ich ein Zimmer gemietet habe, weil es unmöglich war, in einem Hotel unterzukommen, erklärt mir nicht ohne Stolz: "Wir haben den Tschechen beigebracht, wie sie es tun sollen. Sie waren nicht erfolgreich, weil sie zu kleine Demonstrationen machten. Hier haben wir Protestzüge mit Hunderttausenden von Menschen organisiert. Es ist für die Polizei nicht einfach, eine solche Menge zu prügeln und zu zerstreuen. Weder die Polizei noch die Armee können auf so viele Menschen schießen. So haben wir aufgehört, Angst zu haben. " (JPP/MP)
▪ Zweiter Weltkrieg - Die deutsch-sowjetische Beutepartnerschaft
21. September 2009 Antifaschismus war die Tarnkappe des Stalinismus. Er verbarg und legitimierte seine Menschheitsverbrechen. Doch zwischen dem 23. August 1939 und dem 22. Juni 1941, der Zeit zwischen dem Hitler-Stalin-Pakt und dem deutschen Überfall auf die UdSSR, wurde die Tarnkappe im Kreml beiseitegelegt. In diesen 22 Monaten war plötzlich das Gegenteil politisch richtig und wurde von der Stalin hörigen Komintern auch international propagiert. Das ging so weit, dass im Sommer 1940 die KP-Führung bei dem deutschen Botschafter Abetz nachfragte, unter welchen Umständen das Parteiblatt „L’Humanité“ im besetzten Frankreich weiter erscheinen könne. Es sind die 22 Monate der deutsch-sowjetischen Beutepartnerschaft, die Europa nachhaltig verändert und bis 1991 tief geprägt haben.
Am Anfang stand der Pakt, der die Tür zum großen Krieg weit aufstieß. Dass beide Diktatoren sogar in einem geheimen Zusatzprotokoll einen Angriffsvertrag gegen Polen geschlossen und die Aufteilung Osteuropas unter sich geregelt hatten, durfte lange niemand wissen. Als der Verteidiger Alfred Seidl im Nürnberger Prozess 1946 das ihm zugespielte geheime Zusatzprotokoll als Entlastungsdokument einführen wollte – beim Anklagepunkt „Eröffnung eines Angriffskrieges“ wäre plötzlich die UdSSR als Siegermacht mit in den Fokus gerückt –, drohte der sowjetische Anklagevertreter, den Prozess platzen zu lassen.
Bis heute ist das Originaldokument verschollen. Allerdings kann man in der vorzüglichen Edition von Christian Haas zum „23. August 1939“ die Erklärungen nachlesen, die der Gorbatschow-Vertraute Alexander Jakowlew im Dezember 1989 vor dem Kongress der Volksdeputierten der UdSSR abgab: „Das geheime Zusatzprotokoll vom 23. August 1939 hat existiert. Die daraus folgenden Ereignisse haben sich zudem ‚protokollgemäß‘ entwickelt.“
Allianz der Diktatoren
Das deutsch-sowjetische Pingpong, an dessen Ende Pakt, Zusatzprotokoll und Kriegsbeginn standen, eröffnete Stalin mit seiner „Kastanienrede“. Darin erklärt er, die UdSSR werde nicht für die kapitalistischen Mächte England und Frankreich die Kastanien aus dem Feuer holen. War das so falsch? Hätte nicht die UdSSR schon 1939 die Hauptlast eines Krieges gegen Deutschland zu tragen gehabt, wie sie es nach 1941 tatsächlich tat? Im Angesicht des Krieges schloss England am 25. August 1939 erstmals einen förmlichen Beistandspakt mit einem osteuropäischen Staat, mit Polen. Hitler stoppte deshalb seinen Angriffsbefehl für das Wochenende.
Während die Westmächte eher halbherzig mit dem sowjetischen Diktator verhandelten, Polen und Rumänen im Bündnisfall der Roten Armee kein Durchmarschrecht einräumen wollten, weil sie eine dauerhafte Besatzung fürchteten, konzedierte Hitler, was die andere Seite nicht konzedieren konnte: Land- und Menschengewinn. Beide Diktatoren gewannen durch die Allianz Zeit für weitere Aufrüstung, Zeit für die Restrukturierung einer durch vieltausendfache Hinrichtungen geschwächten Roten Armee. Zeit bis zum Krieg gegeneinander, den Hitler wollte und Stalin erwartete – jeder hoffte in dieser seltsamen Allianz, den anderen übervorteilen zu können. Zugleich schützten sie sich vor einem Zweifrontenkrieg. Hitler bekam Divisionen frei für den Frankreich-Feldzug. Stalins Grenze rückte weit nach Westen.
Entscheidendes Signal war Anfang Mai die Ablösung Maxim Litwinows als Volkskommissar des Auswärtigen. Der verbindliche Litwinow galt als Vertreter des Konzepts der Westorientierung und „kollektiven Sicherheit“, war mit einer Engländerin verheiratet – und Jude. Stalins Schachzug, Litwinow durch Molotow zu ersetzen, verstand Hitler sofort. Es folgten bilaterale Handels- und Kreditvereinbarungen, deren Geheimklauseln die Rückerstattung eines Teils der offiziell vereinbarten sowjetischen Zinsen vorsahen: die ersten Werbegeschenke – trotz Antikominternpakt – eines ungeduldig zum Losschlagen drängenden Hitler. Es folgte Ribbentrops Verhandlungsnacht im Kreml vom 23. auf den 24. August. Im vom Leiter der Rechtsabteilung des Auswärtigen Amtes, Gaus, entworfenen geheimen Zusatzprotokoll wird „für den Fall einer territorialpolitischen Umgestaltung Osteuropas“ – eine Umschreibung für den unmittelbar bevorstehenden Krieg – die Grenze der Interessensphären festgelegt.
Pragmatische Freundschaft
Eine intensive deutsch-sowjetische Zusammenarbeit nahm hinter den Kulissen ihren Anfang. Hitler erklärte Goebbels, man knüpfe an die Bismarckzeit an, und unter deutschen Diplomaten wurde Bismarcks Satz zitiert: „Deutschland und Russland ist es früher immer schlecht gegangen, wenn sie Feinde waren, aber gut, wenn sie Freunde waren.“ Im kleinen Moskauer Team um Botschafter von der Schulenburg – er wurde nach dem 20. Juli hingerichtet – ist diese Einschätzung verbreitet. Wie er bewerten seine Mitarbeiter Hilger, Herwarth und Köstring Stalins Wirken ambivalent. Vom millionenfachen Mord an den Kulaken wissen sie wenig, die GULag-Welten sind ihnen verborgen geblieben, aber das Grauen der tausendfachen Schauprozesse und Todesurteile ist ihnen trotz der raffinierten sowjetischen Presselenkung präsent. Dennoch sehen und würdigen sie die Leistungen und Fortschritte der Stalinzeit, halten deren Schattenseiten, gerade weil sie nicht ihr ganzes Ausmaß kennen, für brutale, aber unvermeidliche Begleiterscheinungen einer Entwicklungsdiktatur.
Stalin und Hitler benötigten ihre Vermittlerdienste. Die sowjetische Nachrichtenagentur Tass gab auf geheime deutsche Bitten am 30. August bekannt – Polen hatte inzwischen die Generalmobilmachung ausgerufen –, dass das sowjetische Kommando „den zahlenmäßigen Bestand der Garnisonen an den westlichen Grenzen der UdSSR erheblich verstärken“ werde. Zufrieden konnte Schulenburg schon am 6. September nach Berlin telegraphieren: „Presse wie umgewandelt. Angriffe auf Haltung Deutschlands haben nicht nur völlig aufgehört, sondern auch Darstellung außenpolitischer Vorgänge fußt vorwiegend auf deutschen Nachrichtenquellen, aus Buchhandel wird antideutsche Literatur entfernt u. a.“.
Bei der militärischen Zusammenarbeit knüpfte man an die geheime Kooperation zwischen Reichswehr und Roter Armee während der Weimarer Republik an, die Hitler hatte einschlafen lassen. Schlüsselfigur auf deutscher Seite war der in Russland geborene Militärattaché General Köstring. Köstring war es, der am 1. September 1939 die Bitte Görings als Chef der Luftwaffe an das Volkskommissariat für Telegraphie weiterleitete, dass der Sender Minsk den deutschen Flugzeugen für ihre Angriffe auf polnische Ziele Navigationshilfen gibt, während Goebbels die östlichen deutschen Sender aus militärischen Gründen hatte abschalten lassen. Die Antwort aus Moskau lautete: „Sowjetregierung ist bereit, dass Rundfunksender Minsk im Laufe des Programms, das zu diesem Zweck um zwei Stunden verlängert werden könnte, möglichst oft das Wort Minsk sendet. Sie bittet anzugeben, ob hierfür bestimmte Zeiten erwünscht sind. Darüber hinausgehende Rufzeichen möchte Sowjetregierung unterlassen, um Aufsehen zu vermeiden.“
Ein kleiner Schatten
Die deutsch-sowjetische Beutepartnerschaft begann an diesem 1. September. Stalin schickte eine geheime Militärdelegation unter General Purkajew, dem Kommandeur des an Polen angrenzenden Weißrussischen Militärbezirks, die in Schweden von einer Maschine der Luftwaffe abgeholt wurde. Hitler ordnete zum Empfang eine Ehrenkompanie an. Molotow ließ vorsorglich wissen, „dass Sowjetregierung ankündigende Notiz über Ankunft der Sowjetoffiziere in Berlin aus Gründen von deren Sicherheit nicht für zweckmäßig hält“. Drei Tage später drängte Ribbentrop Molotow, „dass russische Streitkräfte sich gegen polnische Streitkräfte in Bewegung setzen und das verabredete Gebiet ihrerseits in Besitz nehmen“. Aber noch spielte man im Kreml auf Zeit. Als jedoch die deutschen Truppen am 9. September unerwartet rasch Warschau erreichten, ließ Molotow nach Berlin telegraphieren: „Übermitteln Sie der Reichsregierung meine Glückwünsche und Grüße.“
Tags darauf erläuterte Molotow dem deutschen Botschafter den sowjetischen Einmarsch. Freimütig eröffnet er ihm, Stalin beabsichtige „das weitere Vordringen deutscher Truppen zum Anlass zu nehmen, um zu erklären, dass Polen auseinanderfalle und Sowjetregierung infolgedessen genötigt sei, den von Deutschland bedrohten Ukrainern und Weißrussen zu Hilfe zu kommen. Mit dieser Begründung soll den internationalen Massen das Eingreifen der Sowjetunion plausibel gemacht und gleichzeitig vermieden werden, dass Sowjetunion als Angreifer erscheint.“
Am 14. September signalisierte Molotow, dass der Einmarsch der Roten Armee bevorstehe. Ribbentrop ließ antworten: „Wir begrüßen das. Sowjetregierung enthebt uns damit der Notwendigkeit, die Reste der polnischen Armee durch Verfolgung bis an die russische Grenze zu vernichten.“ Allerdings nannte er die geplante Begründung – „eine Bedrohung der ukrainischen und weißrussischen Bevölkerung durch Deutschland“ – schlicht unmöglich: „Das würde im Gegensatz zu dem beiderseitigen Wunsch nach Herstellung freundschaftlicher Beziehungen Deutschland und die UdSSR vor der Welt als Gegner in Erscheinung treten lassen.“ Das war in der Tat der Kern des raffinierten sowjetischen Verschleierungsmanövers. Molotow hatte ja nicht ohne Grund gegenüber Schulenburg eingeräumt, dass diese Begründungskette „für das deutsche Empfinden einen kleinen Schatten enthalte, aber mit Blick auf die schwierige Lage der Sowjetregierung gebeten, über diesen Strohhalm nicht zu stolpern“.
Dem Zynismus ausgeliefert
Um zwei Uhr nachts wurde Schulenburg am 17. September zu Stalin in den Kreml gerufen. Im Beisein von Molotow und dem Verteidigungskommissar Woroschilow eröffnete ihm der Herrscher, dass die Rote Armee vier Stunden später die Grenze zu Polen überschreiten werde. Er bat um Zurückhaltung der deutschen Luftwaffe, signalisierte, dass eine sowjetische Militärkommission zur Feinabstimmung umgehend in Bialystok eintreffen werde, und regte an, künftig militärische Fragen auf oberster Ebene zwischen Woroschilow und Köstring zu regeln.
Zur Legitimation des Einmarsches präsentierte Stalin der Welt das zuvor abgestimmte Argumentationspaket, das Goebbels in seinem Tagebuch „sehr originell“ nannte. Stalin operierte weiter mit dem für die UdSSR bedrohlichen Zerfall des Nachbarstaates und mit der Schutzbedürftigkeit der „blutsmäßig verwandten Ukrainer und Weißrussen“, die nunmehr aber nicht der Willkür der Deutschen, sondern der „Willkür des Schicksals“ wehrlos ausgeliefert seien. Ansonsten behauptete er dreist „die volle Wahrung der Neutralität im gegenwärtigen Konflikt“. Die Note schloss mit einer zynischen Wendung: „Gleichzeitig beabsichtigt die Sowjetregierung alle Maßnahmen zu treffen, um das polnische Volk aus dem unglückseligen Krieg herauszuführen, in den es durch seine unvernünftigen Führer gestürzt wurde, und ihm die Möglichkeit zu geben, sein friedliches Leben wiederaufzunehmen.“
Churchills Kalkül
Der sowjetische Einmarsch im Herbst 1939 in Ostpolen war eine gewagte Operation. Um ein Haar, so betonte Jakowlew in der erwähnten Rede 1989, sei die UdSSR einem Zusammenstoß mit England und Frankreich entgangen. Weshalb erklärte England jetzt nicht der Sowjetunion den Krieg wie Deutschland vierzehn Tage zuvor? Weshalb fiel der internationale Protest schwach und halbherzig aus, warum wurde die UdSSR erst im Dezember 1939 nach dem Überfall auf Finnland als Aggressor verurteilt und aus dem Völkerbund ausgeschlossen? Weil Stalin seine Truppen im Windschatten Deutschlands oder besser hinter dem Eisernen Vorhang von Wehrmacht und SS operieren ließ, weil die geschickt gewählten, verhüllenden Begründungen verfingen und auch den Interessen der Westmächte entgegenkamen.
Winston Churchill durchschaute das Spiel. In seiner monumentalen Weltkriegsgeschichte bemerkte er, die Sowjets hätten sich 1939 ihre osteuropäischen Territorialgewinne „mit Gewalt und Betrug“ angeeignet. Für ihn aber war Deutschland der Hauptfeind. Auch noch der UdSSR den Krieg zu erklären überstieg die begrenzten britischen Kräfte bei weitem. Außerdem entsprach die am 22. September vorgestellte deutsch-sowjetische Demarkationslinie – die insgeheim ja schon am 23. August verabredet worden war – in etwa jener Linie, die eine Kommission unter Lord Curzon 1919 als ethnisch angemessene Ostgrenze Polens bezeichnet hatte. Churchill hatte die Hoffnung, irgendwann werde England die Sowjetunion als Verbündeten gewinnen. Dass er, als es so weit war, Stalins Beute in Polen und im Baltikum garantierte, dass er sogar noch weitere Teile Mittel- und Osteuropas der sowjetischen Hegemonialsphäre zuschlagen sollte, steht auf einem anderen Blatt.
Anerkennung unter Diktatoren
Der sowjetische Einmarsch war für alle politisch Interessierten die zweite Erschütterung nach dem Hitler-Stalin-Pakt. Das Geheimnis des Zusatzprotokolls kannten selbst im Oberkommando der Wehrmacht nur wenige. Als General Jodl mitgeteilt wurde, die Rote Armee habe mit ihrem Vormarsch begonnen, fragte er verblüfft: „Gegen wen?“ Roman Frister und andere vor den deutschen Truppen nach Ostpolen geflohene Juden haben von dem tiefen Entsetzen berichtet, als sich herausstellte, dass die sowjetischen Soldaten nicht als Befreier und Beschützer, sondern als Besatzer und Verbündete der Wehrmacht einrückten, ihre Panzer das Feuer auf die Reste der polnischen Armee eröffneten. Ihre Beutepartnerschaft wurde am 22. September in einem makabren Militärprotokoll fixiert, in dem es heißt: „Falls deutsche Vertreter beim Kommando der Roten Armee Hilfeleistungen anfordern zwecks Vernichtung polnischer Truppenteile und Banden, wird das Kommando der Roten Armee die zur Vernichtung der Widerstände nötigen Kräfte zur Verfügung stellen.“ An diesem Tag nahmen die Panzergeneräle Guderian und Kriwoschein in Brest-Litowsk die erste gemeinsame Militärparade in Polen ab, wurden feierlich Hakenkreuz- und Rote Fahne ausgetauscht, verwundete, von sowjetischen Ärzten versorgte versprengte Wehrmachtssoldaten übergeben.
Nach der polnischen Niederlage wurden am 28. September ein deutsch-sowjetischer „Grenz- und Freundschaftsvertrag“ und weitere geheime Zusatzvereinbarungen unterzeichnet. Litauen fiel nach kurzer telefonischer Rücksprache mit Hitler – Stalin dazu: „Er versteht sein Handwerk“ – an die UdSSR. Binnen Jahresfrist wurden Estland, Lettland und Litauen Sowjetrepubliken. Ribbentrop war für diesen neuerlichen Vertragsabschluss wieder nach Moskau gereist. Die Stimmung im Kreml ist ausgelassen, das abendliche Diner im prächtigen Andreewski-Saal umfasst 24 Gänge. Es servieren jene Kellner aus dem berühmten Hotel Monopol, die auch Churchill und Roosevelt in Jalta bedienen werden. Stalin brachte, Molotow zuzwinkernd, einen Toast aus: „Trinken wir auf den Komintern-Gegner Stalin.“ Anschließend forderte er Ribbentrop auf, sein Glas auf Kaganowitsch, den stellvertretenden Vorsitzenden im Rat der Volkskommissare, zu erheben – einen Juden. Ein „Spaß“ ganz nach Stalins Gusto. Aber Ribbentrop fühlte sich wohl. Als er nach seiner Rückkehr in Hitlers Entourage gefragt wurde, wie es denn diesmal im Kreml gewesen sei, antwortete er: „Wie unter Parteigenossen.“
Deutsch-russischer Schulterschluss
Die Folgen des engen Zusammenwirkens der beiden Mächte sind weitreichend – und für die Betroffenen in den neuen Besatzungsgebieten gleichermaßen fatal. Nach außen hin unterstützte die Sowjetunion die nach dem Polen-Feldzug einsetzenden Friedensbemühungen Hitlers, erklärte Briten und Franzosen zu den eigentlichen Aggressoren, weil sie für eine Fortsetzung des Krieges eintraten. Molotow betonte am 31. Oktober 1939 vor dem Obersten Sowjet, es sei von beiden Westmächten „nicht nur sinnlos, sondern auch verbrecherisch, einen Krieg zur ‚Vernichtung des Hitlerismus‘ zu führen, getarnt als Kampf für die Demokratie“.
Hinter dem Propagandavorhang wurde die militärische und geheimdienstliche Kooperation weiter intensiviert, bis hin zu geheimen Flottenstützpunkten der Kriegsmarine in der Nähe von Murmansk und Wladiwostok. Gestapo und NKWD begannen, sich abzustimmen – mehrere hundert deutsche und österreichische Kommunisten wurden von Stalin an Hitler ausgeliefert. Übergabepunkt ist stets Brest-Litowsk. Hier wurden Menschen ebenso ausgetauscht wie die endlosen Warenmengen gemäß den immer weiter verfeinerten Lieferverpflichtungen.
In den neuen „Reichsgauen“ Wartheland und Danzig-Westpreußen und im Generalgouvernement setzten ebenso wie in der sowjetisch besetzten Zone Polens im Zuge von „Germanisierung“ beziehungsweise „Bolschewisierung“ gewaltige Menschenjagden und -verschiebungen ein. Sowohl von deutscher wie sowjetischer Seite wurden Geistliche, Offiziere, Adlige, Intellektuelle verschleppt oder ermordet, um Polen im Kern zu vernichten. Der Anfang Oktober von Hitler zum „Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums“ ernannte Himmler begann mit der Umsetzung mörderischer „Nah- und Fernpläne“, wischte zaghafte Proteste der Wehrmacht, etwa die mahnende Denkschrift von Generaloberst Blaskowitz, beiseite, konnte sich dabei auf die überwiegend von der SS gestellten Chefs der neuen „Zivilverwaltungen“ stützen. Polen, Juden, Zigeuner sind als Angehörige „minderwertiger Bevölkerungsgruppen“ der Willkür der ersten Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des Rasse- und Siedlungshauptamtes wehrlos ausgeliefert, werden bereits vieltausendfach ermordet oder gettoisiert.
Tarnkappe des Antifaschismus
Aber auch die Bolschewiki exportierten Hass und Xenophobie. Der sowjetische Himmler hieß Chruschtschow. Als Erster Sekretär der Ukraine setzte er zusammen mit dem NKWD-Chef Serow eine Verfolgungsmaschinerie in Gang. In mehreren Wellen wurden bis zum November 1940 1,2 Millionen Menschen deportiert, ein Drittel kam um. 60.000 Personen wurden inhaftiert, 50.000 als „Todfeinde der Sowjetmacht“ sofort erschossen. Über das Schicksal der rund 14.700 gefangenen polnischen Offiziere, Grundbesitzer, Polizisten und 11.000 „Konterrevolutionäre“ aus den drei großen sowjetischen Speziallagern Ostaschkow, Kosielsk und Starobielsk entscheidet das Politbüro am 5. März 1940: Tod für „Saboteure und Spione“, Deportation aller Angehörigen. Stalin setzte als Erster seinen Namen unter die Verfügung. Achtundzwanzig Tage lang werden daraufhin von drei NKWD-Tschekisten allein im Lager von Ostaschkow täglich 250 der todgeweihten Polen erschossen. Zur Verdeckung der Spuren benutzte man deutsche Walther-Pistolen. 7000 Leichen wurden an verschiedenen Stellen vergraben, ein Teil blieb für immer verschwunden, 4500 Opfer aus dem Lager Kosielsk verscharrte man im Wald von Katyn.
Mit diesem Namen schließt sich unser Kreis. Was für die geheimen Vereinbarungen Stalins mit Hitler gilt, trifft auch für Katyn zu. Es ist ein weiterer weißer Fleck im russischen Geschichtsbild. Bis zur Ära Gorbatschow suchte man in der Sowjetunion den Massenmord nach seiner Entdeckung 1943 den Deutschen in die Schuhe zu schieben. Seit sich Stalin die Tarnkappe des Antifaschismus nach dem deutschen Angriff wieder aufsetzen konnte, hatte keine sowjetische Regierung mehr auf sie verzichtet – bis zu Gorbatschow. Seinem Eingeständnis ist mittlerweile wieder die neuerliche Tabuisierung gefolgt. Aber auch in Deutschland gibt es in Verbindung mit der hier behandelten rot-braunen Beutepartnerschaft ein mächtiges Tabu. In unserem Land darf man nicht wie François Furet in Frankreich feststellen: „Hitler und Stalin haben den Krieg gemeinsam begonnen.“
Daniel Koerfer
Daniel Koerfer lehrt als Honorarprofessor Geschichte am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin. Zuletzt erschien von ihm: „Hertha unter dem Hakenkreuz. Ein Berliner Fußballclub im Dritten Reich“ (2009). Dieses Buch wird in unserer Rubrik „Kultur“ rezensiert.
▪ Eine deutsch-französische Begegnung in Nizza
Am 30. April 2009 flogen Rafaela Liedtke und ich mit der LUFTHANSA von Hamburg nach Nizza (Nice). Nach ca. zwei Stunden Flugzeit empfing uns um die Mittagszeit strahlender Sonnenschein und ein blaues Meer. Wir fuhren mit dem Bus in das Stadtzentrum und erreichten unser Hotel nach ca.15 Minuten Fußweg.
Von unserem 4-Sterne Hotel SPLENDID waren wir von Anfang an begeistert. Nach kurzem Aufenthalt im Hotelzimmer, lockten Stadt und Strandpromenade, aber auch ein leckeres Fischessen mit köstlichem Nachtisch im Bistro VICTOR-HUGO. Unsere Erkundungen dehnten wir bis in die späten Abendstunden aus, von diesem südländischen Flair konnten wir einfach nicht genug bekommen.
Für Freitag, den 01. Mai hatten wir uns eine Fahrt mit dem Bus nach MONACO vorgenommen. Kurz nach 8.00 Uhr führte uns der Lift in die 8. Etage, in dem Frühstücksbereich. Eine traumhafte Sicht in alle Richtungen über den Dächern von Nizza – man kann es kaum beschreiben.
Nach dem Frühstück gingen wir über den BOULEVARD MEYERBEER zur Strandpromenade, um dort den Bus nach MONACO zu erreichen. Es kam erst gar nicht so weit: Eine riesenlange 1.Mai-Demonstration hatte alle Verkehrsmittel lahm gelegt. Da die Zeit für MONACO uns inzwischen zu kurz erschien, entschieden wir uns für eine Stadtrundfahrt mit der kleinen NICE-EISENBAHN. Danach hatten wir Lust, die ersten Souvenirs einzukaufen. Auf einer Bank auf der sonnigen Strandpromenade haben wir uns die Ansichtskarten, Sets mit Motiven von MONACO; NICE und CANNES und Duftsäckchen mit LAVENDEL noch einmal angeschaut.
In dem Moment blieb eine Dame vor uns stehen und meinte, indem sie halb deutsch und halb französisch sich ausdrückt: Sie (h)aben viel zu teuer eingekauft“ und zeigte auf einen anderen Stand in der Ferne. Aus diesem Hinweis entwickelten sich weitere Gespräche. Ich sprach mit ihr Deutsch, Rafaela Liedtke Französisch und schon bald nannte sie ihren Vornamen RENEÉ und erzählte freimütig ihre Lebensgeschichte. Sie fühlt sich heute noch unendlich belastet dadurch, dass sie das Kind eines deutschen Offiziers ist, der ihre damals (1941) 15jährige Mutter nach einer Tanzveranstaltung geschwängert hat. Dieses Schicksal teilt sie natürlich mit vielen Kindern, die nach dem Einmarsch Hitlers in Nordfrankreich von deutschen Soldaten gezeugt wurden, und als KINDER DER SCHANDE bezeichnet wurden. Renées Familie wollte Repressalien von Nachbarn und Verwandten aus dem Wege gehen und versteckten die kleine Renee´ und sie wuchs zwei Jahre lang unter Ausschluss der Öffentlichkeit auf.
Renée Pont hat viele Jahre nach ihrem deutschen Vater gesucht, die Spur führte nach Potsdam. Sie hat ihn leider nicht mehr lebend angetroffen. Seine Witwe war überrascht, dass ihr verstorbener Mann eine Tochter hatte, von der er selber nichts wusste. Mit seiner Frau hatte er keine Kinder. Obwohl Renée 10 Jahre im KA DE WE (Kaufhaus des Westens) in Berlin beschäftigt war, hat sich nie eine Verbindung zur Familie ihres unehelichen Vaters herstellen lassen.
Renée Pont hat 1989 Berlin-Kreuzberg verlassen, um weiterhin in Frankreich zu leben und zu arbeiten. Sie hat sich in Nizza eine Eigentumswohnung gekauft, ihr fehlen aber in Nizza die menschlichen Kontakte. NICE ist eine Touristen - und Einwanderungsstadt, die Bevölkerung ist bunt gemischt und nicht durch Tradition gewachsen. Renée hat wieder Sehnsucht nach Deutschland und auch noch Kontakte zu Freunden in Frankfurt und Bad Salzuflen.
Noch am gleichen Nachmittag lud uns Renée ein, mit ihr in den Stadtteil CIMIEZ zu fahren. Es ging vorbei an wunderschönen Villen im südfranzösischen Baustil und nach einer nervigen Parkplatzsuche wurden wir zunächst von einem herrlich blühenden Rosengarten neben der Franziskaner-Kloster-Kirche überrascht. Nach einem stillen Dankgebet in der Kloster-Kirche landeten wir sehr bald auf einer Festwiese, wo zum Mai-Feiertag musiziert und getanzt wurde. Erwachsene und Kinder, Männer wie Frauen trugen die für Nizza typische Festtracht und tanzten traditionelle Tänze nach alten Volksweisen.
Den 2. Mai 09 verbrachten wir mit Renée in MONACO. Es war ein brillanter Sonnentag, Casino und Schloss erweckten den Eindruck wie entsprungen aus „1000 und einer Nacht“. Mit MONACO verbindet man gleichzeitig den Eindruck von großem Reichtum.
Am 3. Mai 09 lud uns Renée zu einer Autofahrt nach CANNES ein. Leider hat ein großes Radrennen uns den Weg versperrt und auf Umwegen erreichten wir ANTIBES. Diese Umorientierung war ein Gewinn. Verträumte Gassen und blumengeschmückte Erker, Balkone und Hausfassaden prägen das mittelalterliche Stadtbild.
Wieder in NIZZA eingetroffen, mussten wir uns abends von ihr verabschieden. Sie schien, unendlich traurig zu sein und hatte wieder Angst vor der Einsamkeit, wie sie uns sagte. Doch ihre Dankbarkeit, uns getroffen zu haben, hatte dann doch Vorrang.
Inzwischen sind Kartengrüße zwischen Frankreich und Deutschland ausgetauscht worden und die Hoffnung einer erneuten Begegnung mit diesem liebenswerten Menschen in Deutschland oder Frankreich überwiegt bei uns.
Irene Grywnow
Literatur:„Die Kinder der Schande“ – Das tragische Schicksal deutscher Besatzungskinder in Frankreich. Jean-Paul Picaper, Ludwig Norz. Verlag PIPER. München. 2005.
Von den Türken bis Melitta
Mit einer Ausstellung über den Kaffee lockte im September-Oktober die Haupthalle des Berliner Ostbahnhofes. Dort konnte man auf angenehme Art und Weise viel über die braunen Bohnen erfahren, die auf der Pflanze mal grün, mal rot waren. Unter Schirmherrschaft des deutschen Kaffeeverbandes luden die Deutsche Bahn und die Geschäfte im Bahnhof zu einer interessanten Reise in das duftende Land des schwarzen Getränks, wo Hunderte von Millionen von Menschen wohnen, die täglich Kaffee trinken.
Das meist benutzte Wort auf der Welt?
Das Wort Kaffee ist heutzutage eine der bekanntesten und meistgebrauchten Vokabel auf der ganzen Welt. Es gibt sicher kaum einen Mensch, der sie nicht kennt. Manche meinen sogar, dass der industrielle und wissenschaftliche Aufschwung der letzten zwei bis drei Jahrhunderten ohne Kaffe nicht möglich gewesen wäre. Aufputschmittel für die Arbeit, Anregung zum Denken, Medikament, um den Körper fit zu halten, all das kann er sein. Schon damals, als der Kaffee volkstümlich wurde, im 18. Jahrhundert, vermuteten die Zeitgenossen Voltaires, dass die Klarheit seiner Gedanken und seine genialen Einfälle auf seinen übermäßigen Kaffeegenuss zurückzuführen waren. Der Aufklärungsphilosoph soll 50 bis 70 Tassen des schwarzen Getränks täglich getrunken haben. Als man ihm einmal sagte, dass Kaffee doch ein Gift sei, das das Leben verkürzte, machte er darauf aufmerksam, dass es ihm das Leben "bisher auf über 50 Jahre verkürzt" habe, was damals schon ganz schön war (er wurde immerhin 84 Jahre alt).
Also der Kaffee, diese uralte Pflanze, als Quelle der modernen Welt? Davon waren die Leute nicht von vorneherein überzeugt. Die Franzosen kennen alle den Spruch, der der Marquise de Sévigné zugesprochen wird : „Racine passera comme le café“ (Die Dramen des Autors Racine werden wie die Kaffee-Mode vorbeigehen), wobei die gebildete Dame aus dem 17. Jahrhundert ganz falsch lag : Weder die Theaterstücke von Racine, die zum Repertoire aller französischer Schüler gehören, noch der Kaffee sind außer Mode geraten. Und die Deutschen haben sich nicht weniger geirrt, denkt man die Worte eines älteren, berühmt-berüchtigten deutschen Liedes: „C-A-F-F-E-E, trink' nicht soviel Kaffee. Nicht für Kinder ist der Türkentrank, schwächt die Nerven, macht dich blass und krank. Sei doch kein Muselman, der das nicht lassen kann."
Für die Deutschen also war der Kaffee ein türkisches Gebräu. Die Franzosen verbanden ihn eher mit den Arabern. Immerhin, alle Moslems.
Türkisch, arabisch oder äthiopisch?
Dass das Wort Kaffee z. B. vom arabischen Kahwa kommt, das so viel wie Kraft bedeutet, konnte man auf der Berliner Ausstellung erfahren. Laut einer alternativen Deutung geht das Wort Kaffee auf die türkische Bezeichnung für Wein – „qavah” oder „kahve” – zurück. Da Muslimen der Genuss von alkoholischen Getränken streng untersagt ist, wichen sie gerne auf Kaffee aus, der ähnlich belebend wie Wein empfunden wurde. Irgendwann übertrug sich die Bezeichnung für Wein auf das beliebte schwarze Aufgussgetränk. Jedoch scheint der Name Kaffee, wie bei Cognac, Bordeaux und Champagner auch, vermutlich eine Herkunftsbezeichnung zu sein, die auf die Urheimat der Kaffeepflanze in der äthiopischen Provinz Kaffa verweist. Im ostafrikanischen Äthiopien, insbesondere im abessinischen Hochland, war Kaffee vermutlich bereits um 1000 n. Chr. Verbreitet und hatte kaum etwas in dem koptischen Staat mit der mohammedanischen Religion zu tun. Aus „qavah” oder „kahve” oder auch "Kaffa" entwickelte sich also das Wort Kaffee bzw. Café. Es ist unwahrscheinlich, dass dieses Wort mehrere Ursprünge haben könnte.
Zumal dasselbe Wort in allen Sprachen der Welt für dieses Getränk benutzt wird.
| Frankreich: „Café” -
Norwegen: „Kaffe” - Spanien: „Cafè”- Tschechien: „Kàva” - Portugal:
„Cafè”- Polen: „Kawa”- Italien: „Cafè” - Russland: „Kophe” - Holland: „Koffie” - Ungarn: „Kàvè” - England: „Coffee” - Rumänien: „Cafea” - Dänemark: „Kaffe” - Griechenland: „Kafèo” |
Nur die Deutschen haben dafür zwei Vokabel: Kaffee, auf das Getränk bezogen, und Café, das sich auf den Ort (Caféhaus), wo man es trinkt, bezieht. Erinnert Euch: „Er war ein Musikus und spielte im Café, er spielte sieben Stunden lang von Liebes Leid und Weh. Er spielte alles in Dürr und Moll. Er spielte ach so wundervoll.“ Was die Herkunft des Kaffees war jedenfalls die Berliner Ausstellung ganz eindeutig: der Kaffee ist nicht in einem Café entstanden. Er wurde in Äthiopien entdeckt und dort wurden die ersten Plantagen angelegt. Viele Sagen ranken sich um dessen Herkunft, aber die schönste und einfachste ist die Geschichte dieser äthiopischen Hirten, denen aufgefallen war, dass ihre Ziegen nachtaktiv wurden, nachdem die Pflanze fraßen, die später Kaffee heißen sollte.
Dass die deutschsprachigen Lande den Kaffee auf die Türken beziehen, mag daran gelegen haben, dass die Armee des Sultans, als sie sich von der Belagerung Wiens im Jahre 1683 zurückzog, 500 Säcke Kaffee zurückließ. Mit diesem Vorrat konnte das erste Kaffeehaus in Wien eröffnet werden. Wenig später eroberte der Kaffee ganz Europa. Aber die Wiener Caféhäuser waren immer Spitze, zumal der Croissant auch in Wien zur Verhöhnung der Mondsichel der türkischen Belagerer erfunden worden war. Gibt es heute einen größeren Genuss am Morgen als einen Croissant in eine Tasse Kaffe kurz einzutunken und dann zu verspeisen?
Kaffee: ein Medikament?
Am Interessantesten fanden wir bei dieser Ausstellung die Auskünfte über Wirkung des Kaffees auf die Gesundheit, denn Kaffee hatte bis vor kurzer Zeit einen fast ebenso schlechten Ruf wie der Tabak. Lange Zeit hieß es, Kaffee bringe das Herz aus dem Takt. Aus medizinischer Sicht ist heute belegt, dass der Herzrhythmus durch mäßigen Kaffeekonsum nicht negativ beeinflusst wird. Der Blutdruck wird durch Koffein nicht dauerhaft, sondern in der Regel nur kurzfristig erhöht. Der Anstieg ist mit der Steigerung bei einer normalen Konversation zu vergleichen. Früher hieß es, dass Kaffee dem Körper Wasser und damit auch Mineralstoffe entziehe. Heute weiß man, dass Kaffee einen ebenso wichtigen Beitrag zum Flüssigkeitshaushalt leisten kann wie reines Wasser. Natürlich wir der Cholesterinspiegel durch Kaffee nicht grundsätzlich erhöht. Arm an den möglicherweise Cholesterinsteigernden Stoffen sind z. B. löslicher Kaffee oder Filterkaffee. Moderater Kaffeekonsum von rund drei Tassen täglich scheint während der Schwangerschaft keinen negativen Einfluss haben.
Positiv: Kaffee hat auf Diabetes Typ 2, auch Altersdiabetes genannt, einen gewissen präventiven Einfluss. Wissenschaftler kamen zu dem Ergebnis, dass täglich 4-7 Tassen Kaffee, ob mit oder ohne Koffein, davor schützen können. Auch Asthmatiker können von Kaffee profitieren, da er die Atemfunktion verbessert. Die Neigung zum Asthma-Anfall kann durch Kaffeegenuss um bis zu 28 Prozent reduziert werden. Vier oder mehr Tassen Kaffee täglich sind nicht nur signifikanter Schutz vor Gallensteinen, sondern auch laut Studien imstande, das Risiko für eine Leberzirrhose um bis zu 80 Prozent zu senken. Sport, Bewegung, eine ausgewogene Ernährung halten das Immunsystem in Schwung. Aber auch Kaffee kann einen wertvollen Beitrag zur Stärkung der Abwehr leisten. Ebenso wie Obst und Gemüse ist Kaffee an Antioxidantien reich. Diese halten die für das Immunsystem gefährlichen freien Radikal in Schach. Neueste Studien haben belegt, dass mit Koffeinkonsum Darmkrebs und Leberkrebs vorgebeugt werden kann.
Im ausgehenden 16. Jahrhundert beschrieben britische Ärzte den Kaffee mehr als ein Arzneimittel denn als ein Lebensmittel. „Er hilft der Verdauung, beschleunigt das Denkvermögen, macht das Herz leicht“, schreiben sie und bemerkten, dass der das Husten lindert, die Kopfschmerzen und die Wassersucht“ dämpft. Sie warnte aber vor übertriebenem Konsum, der zu „Schwindel, Abmagerung, Schlafstörungen und zeitweiliger Melancholie“ führen könne. Die Menschen in Europa waren also schon sehr früh auf die belebende Wirkung des Kaffees aufmerksam geworden. Erst auf Anregung von Johann Wolfgang von Goethe hin isolierte der deutsche Chemiker Ferdinand Runge im Jahr 1820 erstmals das Koffein, die wohl wichtigste Substanz im Kaffee.
Melitta,
die Mercedes des Filterpapiers
Eine Entdeckung ganz anderer Art war diejenige einer Hausfrau aus Dresden namens Melitta Bentz, die auf die Idee kam, einen Filter aus Papier zu benutzen, um den Kaffee durchsickern zu lassen, da die bisherigen Apparaturen, wie Stoffbeutel, Filter aus Keramik oder Metall nicht zufriedenstellend waren. Es fehlte ihr nur das richtige Papier. Kurzerhand nahm sie ein Löschblatt aus dem Schulheft ihres Sohnes und legte es in den Becher – das „Urfilter“ war geboren. Am 20. Juni 1908 erhielt Melitta Bentz für ihr Filter Gebrauchsmusterschutz. Aus der Erfindung wurde eine Geschäftsidee und das junge Unternehmen übernahm den Namen der Erfinderin „M. Bentz“. Es startete mit einem Kapital von 72 Reichspfennig. Ein Zimmer in der Wohnung der Familie war der Firmensitz. Aber es kamen immer mehr Bestellungen und Melitta und ihr Ehemann Hugo Bentz verbesserten das Urfilter und tüftelten an neuen Haushaltsprodukten. 1914 hatte man schon 15 Mitarbeiter und betrieb mit Stanzmaschinen die „Fabrikation von Filtrierpapier“. Nach der Unterbrechung der Arbeit durch den Ersten Weltkrieg baute die Familie den Betrieb wieder auf und exportierte aber 1922 in die Schweiz und in die Tschechoslowakei. Willy Bentz entwickelte den Vertrieb ab 1923 und ab 1925 verwendete für die Firma die Farben Grün und Rot, die sie bis heute unverwechselbar machen. Das Unternehmen wuchs unaufhaltsam in den „Goldenen Zwanziger“. Man suchte einen neuen Standort für die grösser gewordene Firma und man bekam ihn in Minden in Westfalen, wohin die Firma 1929 umzog. Dort wurden schon 80 Mitarbeiter eingestellt. Der jüngere Bruder Horst Bentz machte leider im Nationalsozialismus politisch mit. Man kaufte eine Papierfabrik und die Firma entwickelte sich auf 1000 Mitarbeiter aber der Zweite Weltkrieg beeinträchtigte wie der Erste doch letzten Endes die Geschäfte. Schon 1932 hatte Melitta die konische Filtertüte gemacht und ab 1936 die gefalzte Tüte, die sich im Filter besser eindrücken ließ und nicht mehr riss. Die Form der Filtertüten hat sich seitdem kaum geändert. Die benutzen wir heute täglich. Und vor allem hieß die Firma M. Bentz schon „Melitta“ (kurioserweise nannte ein anderer Erfinder namens Benz, ein Namensvetter, seine Firma auch nach dem Vornamen einer Frau „Mercedes Benz“).
Ab
1955 trennten sich die Brüder Horst und Willy Bentz: Willy Bentz führte die
Geschäfte der Papierfabrik in Düren und Horst übernahm die Melitta-Werke in
Minden. Die Produktpalette hat sich seitdem stets erweitert und neue Werke
sind gekauft worden, darunter der Bremer Kaffeeröster Ronning und die
Vox-Werke in Münster. Ab 1989 warben ungewöhnlich Fernsehspots für Melittas
Filtertüten und Kaffee. Die Bekanntheit und der Umsatz des Melitta Kaffees
stiegen rasant. Nicht ungeschoren kam die Firma durch die linke Revolte der
68er. Der Berufsprotestler mit Ostberliner Kontakten Günter Wallraff agitierte gegen einen angeblichen
„NS-Geist“ bei Melitta. Dann traf die weltweite Krise und eine Missernte
in Brasilien 1976-77 die Kaffeebranche sehr schwer. Aber Mitte de 70er Jahre zeigte
Melitta Mut und gründete dem kalten Krieg zum Trotz eine neue Papierfabrik
in Berlin. Horst Bentz, der das Unternehmen mehr als 50 Jahre geführt hatte,
übergab 1980 die Geschäftsleitung an seine Söhne Jörg und Thomas Bentz. Der
Bruder Stephan folgte einige Jahre später. Seit 1993 leiteten die drei
Brüder das ganz gross geworden Familienunternehmen. Eines dieser sehr großen
und wichtigen Familienunternehmen, die Deutschland reich und stark gemacht
haben. Der Kaffee hat die Menschen auch nicht „blass und krank“ gemacht.
Was sagte der französische Humorist Alphons Allais? „Tout passe en ce monde, sauf le café dans les mauvais filtres“ (Alles vergeht auf dieser Welt, nur nicht der Kaffee durch schlechte Filter »). Die Melittafilter hat es zu seiner Zeit noch nicht gegeben. Und ein anderer französischer Humorist, Pierre Dac, machte einen Vorschlag: "Wenn man den Kühen Kaffee zum Saufen geben würde, so würde man Milchkaffe melken". Melitta kann vieles tun, aber das hat die Fima aus Minden noch nicht probiert… (JPP)