INHALT

Kannten Ribéry und Benzema das Alter von Zahia?
Der Buback-Mord - ein Justiz-Skandal!
Eine signifikante Fehlleistung
Oktober 1989: Das endlose Warten auf die Züge der Freiheit
Zweiter Weltkrieg - Die deutsch-sowjetische Beutepartnerschaft
Eine deutsch-französische Begegnung in Nizza
Die grosse Kaffee-Story - Von den Türken bis Melitta

 

 

● Kannten Ribéry und Benzema das Alter von Zahia? Spieler der französischen Nationalelf auf der Strafbank

Franck Ribéry, der Mittelfeldspieler vom Bayern München und Mitglied der französischen Nationalmannschaft, in  Handschellen zum Untersuchungsrichter abgeführt! Was für eine Demütigung für den kleinen Gerngross und Fußballhelden aus Nordfrankreich! Ribéry, Karim Benzema, beide Nationalspieler in Frankreich, Benzema sonst beim Real Madrid, sowie der 21jährige Schwager von Ribéry, werden beschuldigt, mit einer minderjährigen Prostituierten, Zahia D., in den Jahren 2008 und 2009 bezahlte Intimbeziehungen gehabt zu haben. Nach sieben Stunden Untersuchungshaft wurden sie auf Kaution freigelassen. Sie bleiben jedoch zur Verfügung der Justizbehörden. Ein Dritter im Bunde, Sidney Govou, auch Nationalspieler, sonst beim Panathinaïkos Athen tätig, hat auch an dieser käuflichen Dame Gefallen gefunden, aber erst im März 2010, als sie bereits 18 war.

Sexualverkehr mit einer minderjährigen Prostituierten wird in Frankreich mit drei Jahren Haft und mit einem Bußgeld von 45 000 Euro bestraft. Für viele Millionen Fußballfans ist das eine herbe Enttäuschung aber auch eine Genugtuung. Die Wut der Franzosen auf ihre Fußball-Nationalmannschaft und auf dessen Coach Raymond Domenech hat Wochen nach dem letzten verlorenen Spiel gegen Mexiko keineswegs nachgelassen. Domenech wird Inkompetenz und Nachlässigkeit vorgeworfen. Er wird entlassen und vom angesehenen Trainer aus Bordeaux, dem ehemaligen Nationalspieler Laurent Blanc abgelöst, der bis zum nächsten Cup um 2012 die Mannschaft total umkrempeln muss. Für das Freundschaftspiel gegen Norwegen am 11. August nimmt Blanc zur Strafe für den Trainingsstreik der Spieler in Knysna (Südafrika)  keinen einzigen der 23 für Südafrika selektierten Männer mit.

Die Sache mit der Edelhure war schon vor dem Weltcup bekannt, aber die Anklage kommt jetzt wie gerufen. Ribéry als Sündenbock für die größte Fussballkatastrophe der französischen Geschichte? "Er ist ein Heuchler und außerdem strohdumm, sagten mir Fußballfans, die keineswegs zum konservativen Lager gehören. Immerhin tragen diese gut bezahlten Leute die Farben Frankreichs, aber sie haben Frankreich lächerlich gemacht, nicht nur, weil sie kläglich verloren haben. Vor dem Spiel singen sie nicht einmal die Nationalhymne mit. Diese Mannschaft muss Benimm lernen!".Der zum Islam konvertierte Nordfranzose mit der Gesichtsnarbe - Folge eines Unfalls-, der gar keinen Migrationshintergrund hat, ein Stammfranzose also, ist seinen Landsleuten trotz seines Könnens auf der Spielwiese ein Dorn im Auge. Jahrelang hat er alle Spiele mit dem moslemischen Gebet -beide Hände nach oben gekehrt - demonstrativ angefangen. In Interviews betonte er, er fühle sich beim toleranten Bayern München wohl, weil er dort Wellfleisch essen darf.

Ribéry und seine Begleiter hatten die käufliche Dame im Zaman Café, einer Bar unweit der Pariser Prachtstraße Champs-Elysées kennen gelernt. Die Sittenpolizei hat mehrere Frauen dieses Rotlicht-Cafés, wo Mitglieder der Nationalelf verkehrten, befragt und von ihnen erfahren, dass eine ihrer Kollegin 16 und 17 Jahre alt war, als sie die mutmaßlichen Täter berufsbedingt bediente. Der Untersuchungsrichter André Dando muss jetzt beweisen, dass Ribéry und Benzema sowie der Ribéry-Schwager von dem Alter der Dame gewusst haben, was sie natürlich verneinen.  Ribéry hat aber zugegeben, dass er ihr einen Flug nach München und einen Aufenthalt in Bayern bezahlt hatte. Der Richter will überprüfen, ob der Fußballer den Flugschein selbst bestellte, wie er es vermutet, denn Ribéry müsste in diesem Falle Zugang zum Geburtsdatum des Mädchens gehabt haben. Benzema hat einfach gesagt, dass er sich "nicht betroffen" fühlt und dass er "sich nichts vorzuwerfen hat". Für Ribéry würde eine Haftstrafe das "aus" als Sportler bedeuten.

Nichtsdestotrotz wurde der Vertrag von Ribéry beim Bayern München im Juli verlängert. Er wurde am 17. August 2010 von der Disziplinarkommission des französischen Verbands für drei A-Länderspiele aus der Nationalmannschaft ausgeschlossen, worauf er mit Unverständnis reagierte, gleichzeitig aber seine Bereitschaft erklärte, weiterhin international für Frankreich zu spielen.

 

 

● Der Buback-Mord - ein Justiz-Skandal!

Der Sohn des ermordeten Generalbundesanwaltes Siegfried Buback, Michael, hat dem Mord an seinem Vater eine voellig neue Dimension gegeben. Mehr als 30 Jahre nach der Tat. Michael Buback - als Wissenschaftler ebenso exzellent wie der Vater als Jurist - bringt die Anwaelte des Staates in eine nachgerade ungeheuerliche Situation. Wollten oder durften die frueheren Kollegen und Mitarbeiter seines Vaters die Morde nicht aufklaeren? Der Verdacht draengt sich geradezu auf.

Ein Gespraech am 30. Maerz 2007 mit dem RAF-Aussteiger Peter Juergen Boock laesst erste Zweifel wachsen. Die wegen des Mordes am 7. April 1977 verurteilten Christian Klar und Knut Folkerts seien an dem Attentat nicht beteiligt gewesen. Stefan Wisniewski stattdessen der Todesschuetze.Der aber hatte nicht vor Gericht gestanden. Ging es bei der Aufklaerung des Attentats mit rechten Dingen zu? Der Sohn - bis zu diesem Zeitpunkt von der korrekten Arbeit der Fahnder ueberzeugt - beginnt selbst zu recherchieren. Wie ein Wissenschaftler - praezise und akribisch.

Was er herausfindet, ist beschaemend und erschreckend zugleich. Es stellt unseren Rechtsstaat auf den Kopf. Die Urteile sind nicht das Papier wert, auf dem sie stehen. Die als Moerder verurteilten Terroristen waren nicht am Tatort. Die dem Gericht praesentierten Zeugen hatten entweder selbst nichts gesehen oder leisteten Falschaussagen. Wichtige Augenzeugen wurden indes nicht gehoert. Michael Buback fand deren zehn.

Sogar eine unmittelbare Zeugin der Tat. Sie machte detaillierte Angaben über den Verlauf des Attentats. Ihre Aussagen entschluesselten letztlich sogar den Tatort. Doch nur ihr Chef, der nichts gesehen hatte, wurde als Zeuge vernommen. Die Tatzeugen waren zur Verhandlung komplett ausgeblendet worden. Allem Anschein nach systematisch.

Alle diese Zeugen hatten eine zierliche Person auf dem Sozius des Tatmotorrades gesehen. Wahrscheinlich eine Frau. Die zierliche Person, die Siegfried Buback und seine Begleiter erschoss, blieb indes im Dunkel.

Nicht nur der Sohn fragt: Warum? Wer schuetzt die Taeter? Besteht kein Interesse, sie zu identifizieren?

Eine zierliche Person ist im Taeterumfeld nicht zu uebersehen. Verena Becker aktive RAF-Terroristin. Becker - Deckname "Paula" - spielte eine zentrale Rolle im Umfeld des Mordes. Paula sollte bereits im Dezember 1976 „Margarine“ (SB = Siegfried Buback) beseitigen. Das Attentat wurde verschoben, weil die Polizei die verschluesselten Angaben fand.

Bei ihrer Festnahme - vier Wochen nach der Tat - verteidigte sie sich mit der Mordwaffe. Ein Schraubendreher des Tatmotorrades fand sich bei ihr. Ihr Haar wurde in einem der Täterhelme gefunden. An den RAF-Bekennerschreiben entdeckte man inzwischen auch ihre DNA.

Je tiefer der Sohn in den Fall einstieg, desto unglaublicher wurden die Befunde. Immer mehr Zeugen der Tat meldeten sich. Hatten die Fahnder im Jahre 1977 geschlafen? Wie dilettantisch kann bzw. darf die ranghoechste Riege der Anwaelte des Staates agieren? Was soll der Buerger einer Bundesanwaltschaft noch glauben, die solche Fakten uebersieht? Warum werden Menschen verurteilt, die nie am Tatort waren? Warum werden nur Zeugen gehoert, die nichts gesehen haben? Warum werden alle Tatzeugen ignoriert? Wer steuerte die Ermittlungen der Fahnder und warum? Und vor allem: Wer steuerte Verena Becker?

Stasi-Akten zufolge wurde Verena Becker bereits seit 1972 von westdeutschen Geheimdiensten „bearbeitet bzw. unter Kontrolle gehalten“. Die Stasi fuehrte sie derweil unter den Decknamen „Sola“, „Pohlmann“ und „Telse“.
Ueber den Buback-Mord und die Arbeit der Fahnder war die Stasi synchron informiert. Die Stasi-RAF-Verbindung war seit jeher eng. Bei ihrer Verhaftung in Singen am 3. Mai 1977 fand man in Beckers Hosentaschen 200 Ostmark. Deren Ausfuhr war strengstens verboten. Wie sich inzwischen herausstellte, erhielt sie auch Geld vom Verfassungsschutz.

Erschoss ein uebermotivierter Stasi-BND-Doppelspitzel den Top-Fahnder der BRD? Unter Kontrolle der Dienste diesseits und jenseits der Mauer? Das waere in der Tat nicht nur peinlich.

Mit seinen Recherchen zog sich Michael Buback den Groll der Bundesanwaelte zu. Auch Verena Becker, bis dato lediglich wegen der Schiesserei bei Ihrer Festnahme verurteilt, reagierte. Im Maerz 2007 schrieb sie vom ihrem „Taeterwissen“. Der BGH sah sie Ende 2009 indes nur als Mitlaeuferin und liess sie laufen.

Der anstehende Prozess gegen Verena Becker bietet nunmehr die Chance, all die offenen Fragen korrekt zu klaeren. Dazu muessen alle neuen Fakten auf den Tisch des Gerichts und alle Zeugen in den Zeugenstand. Bis dato ist der Buback-Mord ein einziger Justiz-Skandal!

                                                                                                                            Prof. Dr.-Ing Hans-Joachim Selenz


 

 

● Eine  signifikante Fehlleistung

Es heißt oft, dass die deutsch-französischen Beziehungen so eingefahren und strapazierfähig sind, dass sie unabhängig von den Persönlichkeiten Bestand haben, die in Berlin (früher Bonn) und in Paris das Ruder halten. Man weist auf ungleiche politische Paare hin, die miteinander blendend auskamen, wie Schmidt und Giscard d’Estaing, wie Kohl und Mitterrand. Das kann doch nicht ganz stimmen

Bei manchen hat es viel Überwindung gekostet. Pompidou konnte sich nie für Willy Brandt erwärmen. Chirac empfand eine körperliche Abneigung gegen Schröder. Er bekam bei ihm eine Gänsehaut. Aber bei Wein (Schröder) und Bier (Chirac) konnte der Franzose letzten Endes seinen Horror überwinden. Merkel und Sarkozy haben dieselbe politische Couleur, aber die Chemie hat bei ihnen nicht immer gestimmt. Sie haben gelernt, miteinander auszukommen.

Helmut Kohl hatte Glück, dass Valéry Giscard d’Estaing nicht mehr Präsident war, als er ins Kanzleramt 1982 einzog, denn beide waren wie Katze und Hund. 

Kein Wunder also, dass kurz vor dem letzten Ferienbeginn der ehemalige französische Außenminister Jean François-Poncet den Namen „Kohl“ nicht über die Lippen bringen konnte, als er in der französischen Botschaft am Pariser Platz in Berlin sein Memoirenbuch in deutscher Sprache "Quai d'Orsay 37" (Bouvier Verlag, Bonn, 2010) vorstellte.  Ein bewegendes Moment, da sein Vater, André François-Poncet, an dieser Stelle Botschafter Frankreichs im Dritten Reich gewesen war. Das Buch eines überzeugten und kompetenten Europäers ist hochinformativ. Hie und da merkt man jedoch, dass Jean François-Poncet ein treuer Diener des ehemaligen Staatspräsidenten Giscard d'Estaing geblieben ist.

Der Autor hielt eine Rede in deutscher Sprache und machte einen Versprecher. Er stellte "Mitterrand und Schmidt" als die Macher des Euros dar. "Giscard und Schmidt", "Mitterrand und Kohl" wäre schon richtiger gewesen. Beim Maastrichter Vertrag und bei der Einführung der Euros waren Mitterrand und Kohl federführend. Schmidt war schon längst weg. Sprachliche Fehlleistungen haben oft eine unterschwellige Bedeutung. Dieser Versprecher erinnerte mich an einen Anruf des Bundeskanzlers Helmut Kohl in meinem Korrespondentenbüro im Bonner Pressehaus in den 80er Jahren.

Ich hatte eine Bitte von Jean François-Poncet, der damals oft in "Le Figaro" Kolumnen schrieb, um ein Interview mit dem Bundeskanzler an das Kanzleramt weitergeleitet. Die die starke Stimme des Kanzlers ertönte in meiner Ohrmuschel: "François-Poncet hat gesagt, dass die Bäume von Kohl und Mitterrand nicht in den Himmel wachsen. Sagen Sie ihm, er wird nie zu mir zugelassen. Schicken Sie ihn zurück zu seinem Giscard".

Der Hintergrund war, dass Kohl, als er noch Chef der deutschen Opposition war, dem französischen Präsidenten Giscard d'Estaing, den er für einen Gleichgesinnten hielt, seine Strategie gegen Schmidt anvertraut hatte. Giscard verriet seinem Freund Schmidt den Inhalt seines Gespräches mit Kohl und Schmidt nutzte sein Wissen, um in einer Ansprache im Deutschen Bundestag Kohl lächerlich zu machen. Kohl hat das Giscard nie verziehen.

Es kann also doch nicht stimmen, dass Personenfragen im deutsch-französischen Verhältnis keine Rolle spielen. (JPP)                                                                         
 

 

Oktober 1989: Das endlose Warten auf die Züge der Freiheit

Im Sommer 1989 überstürzten sich die Ereignisse in der DDR und im gesamten  Ostblock. Der Schwerpunkt lag in den Tagen und Wochen vor dem Fall der Berliner Mauer am 9. November in Ost-Berlin, aber die Massenflucht der Ostdeutschen hatte im Sommer über Ungarn, Polen und die Tschechische Republik bereits begonnen. Wir berichten hier von einem Erlebnis an der Grenze zwischen Bayern und Thüringen knapp ein Monat vor der Öffnung der Berliner Mauer.

Es wäre schwer gewesen, ein Gefühl der Solidarität mit diesen wunderbaren Menschen, die Geschichte machten, nicht zu entwickeln. Die Flut derjenigen, die mit den Füßen nicht nur gegen das ostdeutsche Regime, sondern jetzt sogar gegen die Existenz der DDR abstimmten, wie man damals die Flüchtlinge bezeichnete, war im Sommer 1989 angeschwollen. Am 4. Oktober 1989 standen wir im Bahnhof von Hof in Bayern und warteten auf  die „Züge der Freiheit“." Sie sollten die DDR-Flüchtlinge der westdeutschen Botschaft in Prag in den Westen über Dresden bringen. Wir blieben dort, meine Frau und ich, die ganze Nacht.

Mit Heiko Weser. Dieser junge Mann war in Duisburg nachts um 1 Uhr losgefahren. Er kam in Hof um 13 Uhr 30 mit seinem Vater, seinem Großvater und seinem Schwager Holm Lichtenfeld an. Heiko war vor einigen Monaten in den Westen geflüchtet, um die Ankunft seiner Familie vorzubereiten. Seitdem saßen sie im Wartesaal des Bahnhofs auf die Flüchtlingszüge. Die vier Männer standen noch unter Schock. Am Tag zuvor im Fernsehen hatten sie Kerstin, Heiko Verlobte, auf dem Gelände der Prager Botschaft gesehen. Sie wurde vom westdeutschen Journalisten befragt. Die Kamera hatte auch ihre Freundin Bärbel Lichtenfeld und deren beiden Kinder gefilmt. "Es war so unglaublich, dass wir die nächste Nachrichtensendung aufgenommen haben. Wir werden sie den Frauen am Tag nach ihrer Ankunft zu Hause vorführen. " Sie waren ungeduldig.  Sie hofften, ihre Frauen und die Kinder würden in den ersten Zügen sein. Der Großvater nahm mich beiseite: "Sie müssen das verstehen, denn Sie sind Franzose. Während des Krieges hatte die Wehrmacht Frankreich in zwei Hälften geteilt. Stellen Sie sich vor, man hätte auf dieser Grenzlinie eine Mauer gebaut! Hier haben wir sie seit dreißig Jahren! Glauben Sie, dass die Franzosen einen solchen Zustand akzeptiert hätten?“.“Nein, das glaube ich nicht", sagte ich versöhnlich. Wir verstanden einander. Wir waren Freunde. Und vielleicht ein wenig mehr. Brüder? 

All die Menschen hier warteten hoffnungsvoll auf einen Verwandten oder einen Freund: "Immer mehr Flüchtlinge wollen die DDR verlassen. Es ist wie eine anschwellende Flut. Aber die Prager Botschaft ist überfüllt. Die Sanitärbedingungen sollen dort entsetzlich sein. Honecker hat  das zu verantworten. " Viele hielten Ihr Ohr am Radiosender der Stadt. "Euroherz" hieß er. Er hatte einen Sonderkanal „Special Flüchtlinge" eingerichtet. Man hörte, dass in der DDR der Zugang zu den Bahnhöfen von der Polizei und von den Kampfgruppen abgeriegelt worden war und dass man die Menschen dran hindern wollte, auf der Durchreise auf die Züge zu klettern. Die ankommenden Flüchtlinge würden die erste Nacht in Hof verbringen aber sie würden nicht lange dort bleiben. Man wusste, sie würden sich in der Nähe der Grenze unwohl fühlen. Der Minister für soziale Angelegenheiten von Bayern ließ über den Rundfunk verkünden, dass die Städte Nürnberg und Straubing hatten 9 500 Betten in öffentlichen Gebäuden untergebracht hatten. In Hof hätten die Aufnahmekapazitäten sowie nicht ausgereicht.

Vierundzwanzig Stunden lang im Bahnhof zu warten. Das war ermüdend. Wir gingen eine oder zwei Stunden ins Auto vor dem Bahnhof, um ein bisschen zu schlummern. Dann waren wir wieder im großen Wartesaal. Es war 5 Uhr 30, als Beifall rund um den Bahnhof ausbrach. Hunderte von Menschen versammelten sich auf den Bahnsteigen. Manche schwangen die Flagge der Bundesrepublik Deutschland an den Fenstern der Eisenbahnwagen. Freude war auf allen Gesichtern. Lachen vor Freude aber auch Tränen der Erregung konnte man sehen. So etwas hatten wir nie in diesem Ausmaße erlebt: "Ich werde es nie vergessen", sagte Christoph, 18, mit Tränen in den Augen. 5 Uhr 58, 6 Uhr 24, 7 Uhr 45, die Züge treffen nacheinander ein. Fünfzehn von ihnen wurden erwartet. Sie kommen. Alles klappt! Die Abmachungen sind seitens der DDR eingehalten worden. Ansagen der Lautsprecher übertönen alles: "Hof Hauptbahnhof. Wir wünschen den Reisenden ein herzliches Willkommen. Steigen Sie nicht alle gleich aus. Sie werden mit Ihren Familien telefonieren können“. Die Organisation ist ausgezeichnet und die Flüchtlinge verhalten sich sehr diszipliniert. Diese Menschen sind nicht der Abschaum der Gesellschaft, wie die DDR-Behörden behaupteten. Sie sind die besseren Staatsbürger des anderen deutschen Staaten, dem sie nun endgültig den Rücken gedreht haben. Es sind etwa 11 000 Menschen an der Zahl, die da ankommen.

Kerstin und Bärbel und die beiden Mädchen sind aus dem Zug ausgestiegen. Sie werden umarmt, Tränen der Freude fließen. Wir sind auch den Tränen nahe und entfernen uns zurückhaltend. Im Gedränge bildet jede Familie wie eine kleine private Insel. Die Flüchtlinge sprechen jetzt Klartext. "Nie wieder Polizeistaat!“, sagt eine junge Frau am Fenster eines Eisenbahnwagens. Einige fallen fast hin vor Ermüdung. "Ich kann es nicht glauben. Es ging alles so schnell. Wie in einem Traum. Wir hatten nur wenige Minuten um zu entscheiden, ob wir fliehen. Es war die letzte Chance. Hinter uns ist der Vorhang gefallen. Hunderttausende von Gefangenen sind dort geblieben. " Niemand ahnt selbstverständlich, dass es in etwas mehr als einem Monat keine Berliner Mauer mehr geben wird. Der erste Zug verließ Prag am Mittwoch Abend um 18 Uhr 45 und erreichte Hof nach etwa elf Stunden. Er wurde fünf Stunden lang in Bad Schandau, der erste Station der DDR zwischen Prag und Dresden gestoppt. Passagiere bestätigen das Gerücht, dass Hunderte von Ostdeutschen dort in der Hoffnung warteten, in den Zug einsteigen zu können. Wir konnten später erfahren, dass mehr als 3 000 Menschen in Dresden sich  in Bahnhofsnähe versammelt hatten. Am Tag zuvor hatte es Zusammenstöße mit der Volkspolizei gegeben. Es war wie ein Ausbruch von Wut gewesen. Sie fühlten sich wie Gefangene in einem Käfig. Sie belagerten den Bahnhof. Als die Züge kamen, brach Gewalt aus: Steine wurden geworfen, die Polizei benutzte den Schlagstock. Die Demonstranten riefen "Freiheit! Freiheit!“ . Die Jüngsten von ihnen schlugen die Fensterscheiben von Autos vor dem Bahnhof ein. Im Tränengasrauch konnte man die Gesichter der Menschen nicht mehr unterscheiden. Die Polizei verfolgte die Flüchtigen. Junge Mädchen schrien, andere brachen in Tränen aus. Dann wurden sie alle zurückgedrängt.

In Hof sagte uns Marina, 29, Mitarbeiterin eines Krankenhauses in Rudolstadt in Thüringen: "In einer Mulde in Bad Schandau sahen wir eine Gruppe junger Leute mit Gepäck. Sie näherten sich dem Zug. Aber wir fuhren zu schnell, als dass sie hätten einsteigen können. Auch in den kleineren Dörfern, die wir durchquerten, waren überall Volkspolizei, Transportpolizei, Kampfgruppen der Arbeiterklasse. Als wir uns der Grenze näherten, gab es immer mehr Uniformierte. Am Weg stand immer ein mit Schlagstöcken gespickter Zaun. In Dresden wurde der Bahnhof von der Polizei abgeriegelt. Keine Menschenseele in Sicht. Sie haben unseren Konvoi zwischen Güterzügen geschleust, um die Sicht zu versperren. "Marina war von David, ihrem Sohn, einem 10 Jahren alten Jungen, begleitet, am Montag davor aufs Geratewohl Richtung Tschechoslowakei gestartet. Michael Kraus, ein Förster, der mit ihnen befreundet war, nahm sie mit: "Wir wollten nicht auffallen, da die Vopos viele Mütter und ihre Kinder aus dem Zug herausholten. Mein Mann nahm deswegen einen anderen Zug. Wir hatten vereinbart, dass wir uns in der deutschen Botschaft in Prag treffen würden. Aber ich habe meinen Mann nicht wieder gesehen. Ich weiß nicht, wo er steckt." Drei Männer, alle drei verheiratet, sind auf die gleiche Art abgereist, Männer und Frauen voneinander getrennt, um durch die Maschen des Polizeinetzes besser zu schlüpfen: „ An der Grenze gab es einen enormen Stau. Auf ein Visum musste man 17 Stunden warten. Aber wir waren fast an der Spitze der Autokolonne und wir konnten passieren. " Ihre Frauen mussten sie zurücklassen. Die Kinder waren in der Schule und als sie aus der Schule herauskamen, wurden die Grenzübergänge der DRR geschlossen. "Auf dem Botschaftsgelände in Prag, erzählt Roland Kniest, ein Mitglied des Trios, konnte man keinen Fuß vor den anderen setzen, so voll war es. Wir trauten uns nicht, uns zu bewegen. Uns wurde gesagt, dass die Stasi Kinder in der Botschaft gefangen genommen hatte, um die Mütter zu zwingen, da zu bleiben. Wir schliefen zu acht quer auf einem Doppelbett. Man wartete eine bis zwei Stunden in einer Schlange, um zur Toilette zu gelangen. Aber das Essen war ausgezeichnet. Diplomaten und Krankenschwestern waren wunderbar. Es war das erste Mal in unserem Leben, dass wir menschlich und mit Respekt behandelt wurden. "

Günter und Beate, ein junges Paar, sind immer noch fassungslos, dass sie im Westen sind. "Als wir in Ostdeutschland sagten, dass wir nach Prag über die Tschechoslowakei-DDR-Grenze fahren wollten, wurden wir durchsucht, man schikanierte uns, wir wurden nach allerlei gefragt, man sagte uns, es sei illegal. Sie haben mich aus dem Zug entfernt, und fünf Stunden lang warten lassen, bis mein Gepäck untersucht wurde. Ich bin aber weiter gefahren. Wir haben in Prag vor der Botschaft auf der Straße geschlafen und wir sind in den ersten Bus gestiegen, um zum Bahnhof zu fahren. Er trug ein Kennzeichen aus Ost-Berlin! Sie können sich vorstellen, was das für ein Schock war! Ich dachte, sie bringen uns wieder in die DDR. Aber hier bin ich!“ Peter, 24, ehemaliges Mitglied der SED bei den Leuna Werken, dem Betrieb, der das Symbol des Regimes war, will seinen ersten Urlaub im Westen in Grenoble verbringen. "Ich will Französisch lernen. Russisch lernen, das ist vorbei!“  Überall gehen die Umarmungen, das Lachen, das Weinen weiter. Die Aufregung erreicht immer wieder Höhepunkte. Eine Krankenschwester tritt an uns heran und bietet uns Kaffee und Brezeln an. Wir sehen müde aus und sie hält uns für Flüchtlinge.

 
Mitte Oktober wird ein DDR-Gericht gegen drei junge Demonstranten, die auf dem Bahnhof von Dresden am 4. Oktober verhaftet worden waren,  viereinhalb Jahren Haftstrafe und Geldstrafen von jeweils 1000 Mark verhängen. Die Zeitung des Kommunistischen Jugendverbandes  "Junge Welt" wird sie "Vandalen" nennen. Aber in Leipzig zur gleichen Zeit entlassen Gerichte Demonstranten. Die ostdeutschen Zeitungen drucken zum ersten Mal echte Leserbriefe von verärgerten Lesern. Alles gerät in der DDR aus den Fugen. Ein paar Tage später werden wir nach Leipzig fahren, um die Demonstranten auf dem Leipziger Ring zu begleiten, wo sie jeden Montag Abend für die Freiheit marschieren. Nach dem traditionellen Gebet verlassen sie die Kirchen und machen sich mit Kerzen und Transparenten. Deutsche Revolutionäre sind immer pünktlich und gut organisiert. Meine Wirtin, bei der ich ein Zimmer gemietet habe, weil es unmöglich war, in einem Hotel unterzukommen, erklärt mir nicht ohne Stolz: "Wir haben den Tschechen beigebracht, wie sie es tun sollen. Sie waren nicht erfolgreich, weil sie zu kleine Demonstrationen machten. Hier haben wir Protestzüge mit Hunderttausenden von Menschen organisiert. Es ist für die Polizei nicht einfach, eine solche Menge zu prügeln und zu zerstreuen. Weder die Polizei noch die Armee können auf so viele Menschen schießen. So haben wir aufgehört, Angst zu haben. " 
 (JPP/MP)

 

 

Zweiter Weltkrieg - Die deutsch-sowjetische Beutepartnerschaft

21. September 2009 Antifaschismus war die Tarnkappe des Stalinismus. Er verbarg und legitimierte seine Menschheitsverbrechen. Doch zwischen dem 23. August 1939 und dem 22. Juni 1941, der Zeit zwischen dem Hitler-Stalin-Pakt und dem deutschen Überfall auf die UdSSR, wurde die Tarnkappe im Kreml beiseitegelegt. In diesen 22 Monaten war plötzlich das Gegenteil politisch richtig und wurde von der Stalin hörigen Komintern auch international propagiert. Das ging so weit, dass im Sommer 1940 die KP-Führung bei dem deutschen Botschafter Abetz nachfragte, unter welchen Umständen das Parteiblatt „L’Humanité“ im besetzten Frankreich weiter erscheinen könne. Es sind die 22 Monate der deutsch-sowjetischen Beutepartnerschaft, die Europa nachhaltig verändert und bis 1991 tief geprägt haben.

Am Anfang stand der Pakt, der die Tür zum großen Krieg weit aufstieß. Dass beide Diktatoren sogar in einem geheimen Zusatzprotokoll einen Angriffsvertrag gegen Polen geschlossen und die Aufteilung Osteuropas unter sich geregelt hatten, durfte lange niemand wissen. Als der Verteidiger Alfred Seidl im Nürnberger Prozess 1946 das ihm zugespielte geheime Zusatzprotokoll als Entlastungsdokument einführen wollte – beim Anklagepunkt „Eröffnung eines Angriffskrieges“ wäre plötzlich die UdSSR als Siegermacht mit in den Fokus gerückt –, drohte der sowjetische Anklagevertreter, den Prozess platzen zu lassen.

Bis heute ist das Originaldokument verschollen. Allerdings kann man in der vorzüglichen Edition von Christian Haas zum „23. August 1939“ die Erklärungen nachlesen, die der Gorbatschow-Vertraute Alexander Jakowlew im Dezember 1989 vor dem Kongress der Volksdeputierten der UdSSR abgab: „Das geheime Zusatzprotokoll vom 23. August 1939 hat existiert. Die daraus folgenden Ereignisse haben sich zudem ‚protokollgemäß‘ entwickelt.“

Allianz der Diktatoren

Das deutsch-sowjetische Pingpong, an dessen Ende Pakt, Zusatzprotokoll und Kriegsbeginn standen, eröffnete Stalin mit seiner „Kastanienrede“. Darin erklärt er, die UdSSR werde nicht für die kapitalistischen Mächte England und Frankreich die Kastanien aus dem Feuer holen. War das so falsch? Hätte nicht die UdSSR schon 1939 die Hauptlast eines Krieges gegen Deutschland zu tragen gehabt, wie sie es nach 1941 tatsächlich tat? Im Angesicht des Krieges schloss England am 25. August 1939 erstmals einen förmlichen Beistandspakt mit einem osteuropäischen Staat, mit Polen. Hitler stoppte deshalb seinen Angriffsbefehl für das Wochenende.

Während die Westmächte eher halbherzig mit dem sowjetischen Diktator verhandelten, Polen und Rumänen im Bündnisfall der Roten Armee kein Durchmarschrecht einräumen wollten, weil sie eine dauerhafte Besatzung fürchteten, konzedierte Hitler, was die andere Seite nicht konzedieren konnte: Land- und Menschengewinn. Beide Diktatoren gewannen durch die Allianz Zeit für weitere Aufrüstung, Zeit für die Restrukturierung einer durch vieltausendfache Hinrichtungen geschwächten Roten Armee. Zeit bis zum Krieg gegeneinander, den Hitler wollte und Stalin erwartete – jeder hoffte in dieser seltsamen Allianz, den anderen übervorteilen zu können. Zugleich schützten sie sich vor einem Zweifrontenkrieg. Hitler bekam Divisionen frei für den Frankreich-Feldzug. Stalins Grenze rückte weit nach Westen.

Entscheidendes Signal war Anfang Mai die Ablösung Maxim Litwinows als Volkskommissar des Auswärtigen. Der verbindliche Litwinow galt als Vertreter des Konzepts der Westorientierung und „kollektiven Sicherheit“, war mit einer Engländerin verheiratet – und Jude. Stalins Schachzug, Litwinow durch Molotow zu ersetzen, verstand Hitler sofort. Es folgten bilaterale Handels- und Kreditvereinbarungen, deren Geheimklauseln die Rückerstattung eines Teils der offiziell vereinbarten sowjetischen Zinsen vorsahen: die ersten Werbegeschenke – trotz Antikominternpakt – eines ungeduldig zum Losschlagen drängenden Hitler. Es folgte Ribbentrops Verhandlungsnacht im Kreml vom 23. auf den 24. August. Im vom Leiter der Rechtsabteilung des Auswärtigen Amtes, Gaus, entworfenen geheimen Zusatzprotokoll wird „für den Fall einer territorialpolitischen Umgestaltung Osteuropas“ – eine Umschreibung für den unmittelbar bevorstehenden Krieg – die Grenze der Interessensphären festgelegt.

Pragmatische Freundschaft

Eine intensive deutsch-sowjetische Zusammenarbeit nahm hinter den Kulissen ihren Anfang. Hitler erklärte Goebbels, man knüpfe an die Bismarckzeit an, und unter deutschen Diplomaten wurde Bismarcks Satz zitiert: „Deutschland und Russland ist es früher immer schlecht gegangen, wenn sie Feinde waren, aber gut, wenn sie Freunde waren.“ Im kleinen Moskauer Team um Botschafter von der Schulenburg – er wurde nach dem 20. Juli hingerichtet – ist diese Einschätzung verbreitet. Wie er bewerten seine Mitarbeiter Hilger, Herwarth und Köstring Stalins Wirken ambivalent. Vom millionenfachen Mord an den Kulaken wissen sie wenig, die GULag-Welten sind ihnen verborgen geblieben, aber das Grauen der tausendfachen Schauprozesse und Todesurteile ist ihnen trotz der raffinierten sowjetischen Presselenkung präsent. Dennoch sehen und würdigen sie die Leistungen und Fortschritte der Stalinzeit, halten deren Schattenseiten, gerade weil sie nicht ihr ganzes Ausmaß kennen, für brutale, aber unvermeidliche Begleiterscheinungen einer Entwicklungsdiktatur.

Stalin und Hitler benötigten ihre Vermittlerdienste. Die sowjetische Nachrichtenagentur Tass gab auf geheime deutsche Bitten am 30. August bekannt – Polen hatte inzwischen die Generalmobilmachung ausgerufen –, dass das sowjetische Kommando „den zahlenmäßigen Bestand der Garnisonen an den westlichen Grenzen der UdSSR erheblich verstärken“ werde. Zufrieden konnte Schulenburg schon am 6. September nach Berlin telegraphieren: „Presse wie umgewandelt. Angriffe auf Haltung Deutschlands haben nicht nur völlig aufgehört, sondern auch Darstellung außenpolitischer Vorgänge fußt vorwiegend auf deutschen Nachrichtenquellen, aus Buchhandel wird antideutsche Literatur entfernt u. a.“.

Bei der militärischen Zusammenarbeit knüpfte man an die geheime Kooperation zwischen Reichswehr und Roter Armee während der Weimarer Republik an, die Hitler hatte einschlafen lassen. Schlüsselfigur auf deutscher Seite war der in Russland geborene Militärattaché General Köstring. Köstring war es, der am 1. September 1939 die Bitte Görings als Chef der Luftwaffe an das Volkskommissariat für Telegraphie weiterleitete, dass der Sender Minsk den deutschen Flugzeugen für ihre Angriffe auf polnische Ziele Navigationshilfen gibt, während Goebbels die östlichen deutschen Sender aus militärischen Gründen hatte abschalten lassen. Die Antwort aus Moskau lautete: „Sowjetregierung ist bereit, dass Rundfunksender Minsk im Laufe des Programms, das zu diesem Zweck um zwei Stunden verlängert werden könnte, möglichst oft das Wort Minsk sendet. Sie bittet anzugeben, ob hierfür bestimmte Zeiten erwünscht sind. Darüber hinausgehende Rufzeichen möchte Sowjetregierung unterlassen, um Aufsehen zu vermeiden.“

Ein kleiner Schatten

Die deutsch-sowjetische Beutepartnerschaft begann an diesem 1. September. Stalin schickte eine geheime Militärdelegation unter General Purkajew, dem Kommandeur des an Polen angrenzenden Weißrussischen Militärbezirks, die in Schweden von einer Maschine der Luftwaffe abgeholt wurde. Hitler ordnete zum Empfang eine Ehrenkompanie an. Molotow ließ vorsorglich wissen, „dass Sowjetregierung ankündigende Notiz über Ankunft der Sowjetoffiziere in Berlin aus Gründen von deren Sicherheit nicht für zweckmäßig hält“. Drei Tage später drängte Ribbentrop Molotow, „dass russische Streitkräfte sich gegen polnische Streitkräfte in Bewegung setzen und das verabredete Gebiet ihrerseits in Besitz nehmen“. Aber noch spielte man im Kreml auf Zeit. Als jedoch die deutschen Truppen am 9. September unerwartet rasch Warschau erreichten, ließ Molotow nach Berlin telegraphieren: „Übermitteln Sie der Reichsregierung meine Glückwünsche und Grüße.“

Tags darauf erläuterte Molotow dem deutschen Botschafter den sowjetischen Einmarsch. Freimütig eröffnet er ihm, Stalin beabsichtige „das weitere Vordringen deutscher Truppen zum Anlass zu nehmen, um zu erklären, dass Polen auseinanderfalle und Sowjetregierung infolgedessen genötigt sei, den von Deutschland bedrohten Ukrainern und Weißrussen zu Hilfe zu kommen. Mit dieser Begründung soll den internationalen Massen das Eingreifen der Sowjetunion plausibel gemacht und gleichzeitig vermieden werden, dass Sowjetunion als Angreifer erscheint.“

Am 14. September signalisierte Molotow, dass der Einmarsch der Roten Armee bevorstehe. Ribbentrop ließ antworten: „Wir begrüßen das. Sowjetregierung enthebt uns damit der Notwendigkeit, die Reste der polnischen Armee durch Verfolgung bis an die russische Grenze zu vernichten.“ Allerdings nannte er die geplante Begründung – „eine Bedrohung der ukrainischen und weißrussischen Bevölkerung durch Deutschland“ – schlicht unmöglich: „Das würde im Gegensatz zu dem beiderseitigen Wunsch nach Herstellung freundschaftlicher Beziehungen Deutschland und die UdSSR vor der Welt als Gegner in Erscheinung treten lassen.“ Das war in der Tat der Kern des raffinierten sowjetischen Verschleierungsmanövers. Molotow hatte ja nicht ohne Grund gegenüber Schulenburg eingeräumt, dass diese Begründungskette „für das deutsche Empfinden einen kleinen Schatten enthalte, aber mit Blick auf die schwierige Lage der Sowjetregierung gebeten, über diesen Strohhalm nicht zu stolpern“.

Dem Zynismus ausgeliefert

Um zwei Uhr nachts wurde Schulenburg am 17. September zu Stalin in den Kreml gerufen. Im Beisein von Molotow und dem Verteidigungskommissar Woroschilow eröffnete ihm der Herrscher, dass die Rote Armee vier Stunden später die Grenze zu Polen überschreiten werde. Er bat um Zurückhaltung der deutschen Luftwaffe, signalisierte, dass eine sowjetische Militärkommission zur Feinabstimmung umgehend in Bialystok eintreffen werde, und regte an, künftig militärische Fragen auf oberster Ebene zwischen Woroschilow und Köstring zu regeln.

Zur Legitimation des Einmarsches präsentierte Stalin der Welt das zuvor abgestimmte Argumentationspaket, das Goebbels in seinem Tagebuch „sehr originell“ nannte. Stalin operierte weiter mit dem für die UdSSR bedrohlichen Zerfall des Nachbarstaates und mit der Schutzbedürftigkeit der „blutsmäßig verwandten Ukrainer und Weißrussen“, die nunmehr aber nicht der Willkür der Deutschen, sondern der „Willkür des Schicksals“ wehrlos ausgeliefert seien. Ansonsten behauptete er dreist „die volle Wahrung der Neutralität im gegenwärtigen Konflikt“. Die Note schloss mit einer zynischen Wendung: „Gleichzeitig beabsichtigt die Sowjetregierung alle Maßnahmen zu treffen, um das polnische Volk aus dem unglückseligen Krieg herauszuführen, in den es durch seine unvernünftigen Führer gestürzt wurde, und ihm die Möglichkeit zu geben, sein friedliches Leben wiederaufzunehmen.“

Churchills Kalkül

Der sowjetische Einmarsch im Herbst 1939 in Ostpolen war eine gewagte Operation. Um ein Haar, so betonte Jakowlew in der erwähnten Rede 1989, sei die UdSSR einem Zusammenstoß mit England und Frankreich entgangen. Weshalb erklärte England jetzt nicht der Sowjetunion den Krieg wie Deutschland vierzehn Tage zuvor? Weshalb fiel der internationale Protest schwach und halbherzig aus, warum wurde die UdSSR erst im Dezember 1939 nach dem Überfall auf Finnland als Aggressor verurteilt und aus dem Völkerbund ausgeschlossen? Weil Stalin seine Truppen im Windschatten Deutschlands oder besser hinter dem Eisernen Vorhang von Wehrmacht und SS operieren ließ, weil die geschickt gewählten, verhüllenden Begründungen verfingen und auch den Interessen der Westmächte entgegenkamen.

Winston Churchill durchschaute das Spiel. In seiner monumentalen Weltkriegsgeschichte bemerkte er, die Sowjets hätten sich 1939 ihre osteuropäischen Territorialgewinne „mit Gewalt und Betrug“ angeeignet. Für ihn aber war Deutschland der Hauptfeind. Auch noch der UdSSR den Krieg zu erklären überstieg die begrenzten britischen Kräfte bei weitem. Außerdem entsprach die am 22. September vorgestellte deutsch-sowjetische Demarkationslinie – die insgeheim ja schon am 23. August verabredet worden war – in etwa jener Linie, die eine Kommission unter Lord Curzon 1919 als ethnisch angemessene Ostgrenze Polens bezeichnet hatte. Churchill hatte die Hoffnung, irgendwann werde England die Sowjetunion als Verbündeten gewinnen. Dass er, als es so weit war, Stalins Beute in Polen und im Baltikum garantierte, dass er sogar noch weitere Teile Mittel- und Osteuropas der sowjetischen Hegemonialsphäre zuschlagen sollte, steht auf einem anderen Blatt.

Anerkennung unter Diktatoren

Der sowjetische Einmarsch war für alle politisch Interessierten die zweite Erschütterung nach dem Hitler-Stalin-Pakt. Das Geheimnis des Zusatzprotokolls kannten selbst im Oberkommando der Wehrmacht nur wenige. Als General Jodl mitgeteilt wurde, die Rote Armee habe mit ihrem Vormarsch begonnen, fragte er verblüfft: „Gegen wen?“ Roman Frister und andere vor den deutschen Truppen nach Ostpolen geflohene Juden haben von dem tiefen Entsetzen berichtet, als sich herausstellte, dass die sowjetischen Soldaten nicht als Befreier und Beschützer, sondern als Besatzer und Verbündete der Wehrmacht einrückten, ihre Panzer das Feuer auf die Reste der polnischen Armee eröffneten. Ihre Beutepartnerschaft wurde am 22. September in einem makabren Militärprotokoll fixiert, in dem es heißt: „Falls deutsche Vertreter beim Kommando der Roten Armee Hilfeleistungen anfordern zwecks Vernichtung polnischer Truppenteile und Banden, wird das Kommando der Roten Armee die zur Vernichtung der Widerstände nötigen Kräfte zur Verfügung stellen.“ An diesem Tag nahmen die Panzergeneräle Guderian und Kriwoschein in Brest-Litowsk die erste gemeinsame Militärparade in Polen ab, wurden feierlich Hakenkreuz- und Rote Fahne ausgetauscht, verwundete, von sowjetischen Ärzten versorgte versprengte Wehrmachtssoldaten übergeben.

Nach der polnischen Niederlage wurden am 28. September ein deutsch-sowjetischer „Grenz- und Freundschaftsvertrag“ und weitere geheime Zusatzvereinbarungen unterzeichnet. Litauen fiel nach kurzer telefonischer Rücksprache mit Hitler – Stalin dazu: „Er versteht sein Handwerk“ – an die UdSSR. Binnen Jahresfrist wurden Estland, Lettland und Litauen Sowjetrepubliken. Ribbentrop war für diesen neuerlichen Vertragsabschluss wieder nach Moskau gereist. Die Stimmung im Kreml ist ausgelassen, das abendliche Diner im prächtigen Andreewski-Saal umfasst 24 Gänge. Es servieren jene Kellner aus dem berühmten Hotel Monopol, die auch Churchill und Roosevelt in Jalta bedienen werden. Stalin brachte, Molotow zuzwinkernd, einen Toast aus: „Trinken wir auf den Komintern-Gegner Stalin.“ Anschließend forderte er Ribbentrop auf, sein Glas auf Kaganowitsch, den stellvertretenden Vorsitzenden im Rat der Volkskommissare, zu erheben – einen Juden. Ein „Spaß“ ganz nach Stalins Gusto. Aber Ribbentrop fühlte sich wohl. Als er nach seiner Rückkehr in Hitlers Entourage gefragt wurde, wie es denn diesmal im Kreml gewesen sei, antwortete er: „Wie unter Parteigenossen.“

Deutsch-russischer Schulterschluss

Die Folgen des engen Zusammenwirkens der beiden Mächte sind weitreichend – und für die Betroffenen in den neuen Besatzungsgebieten gleichermaßen fatal. Nach außen hin unterstützte die Sowjetunion die nach dem Polen-Feldzug einsetzenden Friedensbemühungen Hitlers, erklärte Briten und Franzosen zu den eigentlichen Aggressoren, weil sie für eine Fortsetzung des Krieges eintraten. Molotow betonte am 31. Oktober 1939 vor dem Obersten Sowjet, es sei von beiden Westmächten „nicht nur sinnlos, sondern auch verbrecherisch, einen Krieg zur ‚Vernichtung des Hitlerismus‘ zu führen, getarnt als Kampf für die Demokratie“.

Hinter dem Propagandavorhang wurde die militärische und geheimdienstliche Kooperation weiter intensiviert, bis hin zu geheimen Flottenstützpunkten der Kriegsmarine in der Nähe von Murmansk und Wladiwostok. Gestapo und NKWD begannen, sich abzustimmen – mehrere hundert deutsche und österreichische Kommunisten wurden von Stalin an Hitler ausgeliefert. Übergabepunkt ist stets Brest-Litowsk. Hier wurden Menschen ebenso ausgetauscht wie die endlosen Warenmengen gemäß den immer weiter verfeinerten Lieferverpflichtungen.

In den neuen „Reichsgauen“ Wartheland und Danzig-Westpreußen und im Generalgouvernement setzten ebenso wie in der sowjetisch besetzten Zone Polens im Zuge von „Germanisierung“ beziehungsweise „Bolschewisierung“ gewaltige Menschenjagden und -verschiebungen ein. Sowohl von deutscher wie sowjetischer Seite wurden Geistliche, Offiziere, Adlige, Intellektuelle verschleppt oder ermordet, um Polen im Kern zu vernichten. Der Anfang Oktober von Hitler zum „Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums“ ernannte Himmler begann mit der Umsetzung mörderischer „Nah- und Fernpläne“, wischte zaghafte Proteste der Wehrmacht, etwa die mahnende Denkschrift von Generaloberst Blaskowitz, beiseite, konnte sich dabei auf die überwiegend von der SS gestellten Chefs der neuen „Zivilverwaltungen“ stützen. Polen, Juden, Zigeuner sind als Angehörige „minderwertiger Bevölkerungsgruppen“ der Willkür der ersten Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des Rasse- und Siedlungshauptamtes wehrlos ausgeliefert, werden bereits vieltausendfach ermordet oder gettoisiert.

Tarnkappe des Antifaschismus

Aber auch die Bolschewiki exportierten Hass und Xenophobie. Der sowjetische Himmler hieß Chruschtschow. Als Erster Sekretär der Ukraine setzte er zusammen mit dem NKWD-Chef Serow eine Verfolgungsmaschinerie in Gang. In mehreren Wellen wurden bis zum November 1940 1,2 Millionen Menschen deportiert, ein Drittel kam um. 60.000 Personen wurden inhaftiert, 50.000 als „Todfeinde der Sowjetmacht“ sofort erschossen. Über das Schicksal der rund 14.700 gefangenen polnischen Offiziere, Grundbesitzer, Polizisten und 11.000 „Konterrevolutionäre“ aus den drei großen sowjetischen Speziallagern Ostaschkow, Kosielsk und Starobielsk entscheidet das Politbüro am 5. März 1940: Tod für „Saboteure und Spione“, Deportation aller Angehörigen. Stalin setzte als Erster seinen Namen unter die Verfügung. Achtundzwanzig Tage lang werden daraufhin von drei NKWD-Tschekisten allein im Lager von Ostaschkow täglich 250 der todgeweihten Polen erschossen. Zur Verdeckung der Spuren benutzte man deutsche Walther-Pistolen. 7000 Leichen wurden an verschiedenen Stellen vergraben, ein Teil blieb für immer verschwunden, 4500 Opfer aus dem Lager Kosielsk verscharrte man im Wald von Katyn.

Mit diesem Namen schließt sich unser Kreis. Was für die geheimen Vereinbarungen Stalins mit Hitler gilt, trifft auch für Katyn zu. Es ist ein weiterer weißer Fleck im russischen Geschichtsbild. Bis zur Ära Gorbatschow suchte man in der Sowjetunion den Massenmord nach seiner Entdeckung 1943 den Deutschen in die Schuhe zu schieben. Seit sich Stalin die Tarnkappe des Antifaschismus nach dem deutschen Angriff wieder aufsetzen konnte, hatte keine sowjetische Regierung mehr auf sie verzichtet – bis zu Gorbatschow. Seinem Eingeständnis ist mittlerweile wieder die neuerliche Tabuisierung gefolgt. Aber auch in Deutschland gibt es in Verbindung mit der hier behandelten rot-braunen Beutepartnerschaft ein mächtiges Tabu. In unserem Land darf man nicht wie François Furet in Frankreich feststellen: „Hitler und Stalin haben den Krieg gemeinsam begonnen.“

                                                                                                                                                                       Daniel Koerfer

Daniel Koerfer lehrt als Honorarprofessor Geschichte am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin. Zuletzt erschien von ihm: „Hertha unter dem Hakenkreuz. Ein Berliner Fußballclub im Dritten Reich“ (2009). Dieses Buch wird in unserer Rubrik „Kultur“ rezensiert.

 

● Eine deutsch-französische Begegnung in Nizza

Am 30. April 2009 flogen Rafaela Liedtke und ich mit der LUFTHANSA von Hamburg nach Nizza (Nice). Nach ca. zwei Stunden Flugzeit empfing uns um die Mittagszeit strahlender Sonnenschein und ein blaues Meer. Wir fuhren mit dem Bus in das Stadtzentrum und erreichten unser Hotel nach ca.15 Minuten Fußweg.

Von unserem 4-Sterne Hotel SPLENDID waren wir von Anfang an begeistert. Nach kurzem Aufenthalt im Hotelzimmer, lockten Stadt und Strandpromenade, aber auch ein leckeres Fischessen mit köstlichem Nachtisch im Bistro VICTOR-HUGO. Unsere Erkundungen dehnten wir bis in die späten Abendstunden aus, von diesem südländischen Flair konnten wir einfach nicht genug bekommen.

Für Freitag, den 01. Mai hatten wir uns eine Fahrt mit dem Bus nach MONACO vorgenommen. Kurz nach 8.00 Uhr führte uns der Lift in die 8. Etage, in dem Frühstücksbereich. Eine traumhafte Sicht in alle Richtungen über den Dächern von Nizza – man kann es kaum beschreiben.

Nach dem Frühstück gingen wir über den BOULEVARD MEYERBEER zur  Strandpromenade, um dort den Bus nach MONACO zu erreichen. Es kam erst gar nicht so weit: Eine riesenlange 1.Mai-Demonstration hatte alle Verkehrsmittel lahm gelegt. Da die Zeit für MONACO uns inzwischen zu kurz erschien, entschieden wir uns für eine Stadtrundfahrt mit der kleinen NICE-EISENBAHN. Danach hatten wir Lust, die ersten Souvenirs einzukaufen. Auf einer Bank auf der sonnigen Strandpromenade haben wir uns die Ansichtskarten, Sets mit Motiven von MONACO; NICE und CANNES und Duftsäckchen mit LAVENDEL noch einmal angeschaut.

In dem Moment blieb eine Dame vor uns stehen und meinte, indem sie halb deutsch und halb französisch sich ausdrückt: Sie (h)aben viel zu teuer eingekauft“ und zeigte auf einen anderen Stand in der Ferne. Aus diesem Hinweis entwickelten sich weitere Gespräche. Ich sprach mit ihr Deutsch, Rafaela Liedtke Französisch und schon bald nannte sie ihren Vornamen RENEÉ und erzählte freimütig ihre Lebensgeschichte. Sie fühlt sich heute noch unendlich belastet dadurch, dass sie das Kind eines deutschen Offiziers ist, der ihre damals (1941) 15jährige Mutter nach einer Tanzveranstaltung geschwängert hat. Dieses Schicksal teilt sie natürlich mit vielen Kindern, die nach dem Einmarsch Hitlers in Nordfrankreich von deutschen Soldaten gezeugt wurden, und  als KINDER DER SCHANDE bezeichnet wurden. Renées Familie wollte Repressalien von Nachbarn und Verwandten aus dem Wege gehen und versteckten die kleine Renee´ und sie wuchs zwei Jahre lang unter Ausschluss der Öffentlichkeit auf.

Renée Pont hat viele Jahre nach ihrem deutschen Vater gesucht, die Spur führte nach Potsdam. Sie hat ihn leider nicht mehr lebend angetroffen. Seine Witwe war überrascht, dass ihr verstorbener Mann eine Tochter hatte, von der er selber  nichts wusste. Mit seiner Frau hatte er keine Kinder. Obwohl Renée 10 Jahre im KA DE WE  (Kaufhaus des Westens) in Berlin beschäftigt war, hat sich nie eine Verbindung zur Familie ihres unehelichen Vaters herstellen lassen.

Renée Pont hat 1989 Berlin-Kreuzberg verlassen, um weiterhin in Frankreich zu leben und zu arbeiten. Sie hat sich in Nizza eine Eigentumswohnung gekauft, ihr fehlen aber in Nizza die menschlichen Kontakte. NICE ist eine Touristen - und Einwanderungsstadt, die Bevölkerung ist bunt gemischt und nicht durch Tradition gewachsen. Renée hat wieder Sehnsucht nach Deutschland und auch noch Kontakte zu Freunden in Frankfurt und Bad Salzuflen.

Noch am gleichen Nachmittag lud uns Renée ein, mit ihr in den Stadtteil  CIMIEZ zu fahren. Es ging vorbei an wunderschönen  Villen im südfranzösischen  Baustil und nach einer nervigen Parkplatzsuche wurden wir zunächst von einem herrlich blühenden Rosengarten neben der Franziskaner-Kloster-Kirche überrascht. Nach einem stillen Dankgebet in der Kloster-Kirche landeten wir sehr bald  auf einer Festwiese, wo zum Mai-Feiertag musiziert und getanzt wurde. Erwachsene und Kinder, Männer wie Frauen trugen die für Nizza typische Festtracht und tanzten traditionelle Tänze nach alten Volksweisen.

Den 2. Mai 09 verbrachten wir mit Renée  in MONACO. Es war ein brillanter  Sonnentag,   Casino und Schloss erweckten den Eindruck wie entsprungen aus „1000 und einer Nacht“. Mit MONACO verbindet man  gleichzeitig den Eindruck von großem Reichtum.

Am 3. Mai 09 lud uns Renée zu einer Autofahrt nach CANNES  ein. Leider hat ein großes Radrennen uns den Weg versperrt und auf Umwegen erreichten wir  ANTIBES. Diese Umorientierung war ein Gewinn. Verträumte Gassen und  blumengeschmückte Erker, Balkone und Hausfassaden prägen das mittelalterliche Stadtbild.

Wieder in NIZZA eingetroffen, mussten wir uns abends von ihr verabschieden. Sie schien, unendlich traurig zu sein und hatte wieder Angst vor der Einsamkeit, wie sie uns  sagte. Doch ihre Dankbarkeit, uns getroffen zu haben, hatte dann doch Vorrang.

Inzwischen sind Kartengrüße zwischen Frankreich und Deutschland ausgetauscht worden und die Hoffnung einer erneuten Begegnung mit diesem liebenswerten Menschen in Deutschland oder Frankreich überwiegt bei uns.

                                                                                                                                                         Irene Grywnow

 Literatur:„Die Kinder der Schande“ – Das tragische Schicksal deutscher Besatzungskinder in Frankreich. Jean-Paul Picaper, Ludwig Norz. Verlag PIPER. München. 2005.

 

Die grosse Kaffee-Story

Von den Türken bis Melitta

Mit einer Ausstellung über den Kaffee lockte im September-Oktober die Haupthalle des Berliner Ostbahnhofes. Dort konnte man auf angenehme Art und Weise viel über die braunen Bohnen erfahren, die auf der Pflanze mal grün, mal rot waren. Unter Schirmherrschaft des deutschen Kaffeeverbandes luden die Deutsche Bahn und die Geschäfte im Bahnhof zu einer interessanten Reise in das duftende Land des schwarzen Getränks, wo Hunderte von Millionen von Menschen wohnen, die täglich Kaffee trinken.

Das meist benutzte Wort auf der Welt?

Das Wort Kaffee ist heutzutage eine der bekanntesten und meistgebrauchten Vokabel auf der ganzen Welt. Es gibt sicher kaum einen Mensch, der sie nicht kennt. Manche meinen sogar, dass der industrielle und wissenschaftliche Aufschwung der letzten zwei bis drei Jahrhunderten ohne Kaffe nicht möglich gewesen wäre. Aufputschmittel für die Arbeit, Anregung zum Denken, Medikament, um den Körper fit zu halten, all das kann er sein. Schon damals, als der Kaffee volkstümlich wurde, im 18. Jahrhundert, vermuteten die Zeitgenossen Voltaires, dass die Klarheit seiner Gedanken und seine genialen Einfälle auf seinen übermäßigen Kaffeegenuss zurückzuführen waren. Der  Aufklärungsphilosoph soll 50 bis 70 Tassen des schwarzen Getränks täglich getrunken haben. Als man ihm einmal sagte, dass Kaffee doch ein Gift sei, das das Leben verkürzte, machte er darauf aufmerksam, dass es ihm das Leben "bisher auf über 50 Jahre verkürzt" habe, was damals schon ganz schön war (er wurde immerhin 84 Jahre alt).

Also der Kaffee, diese uralte Pflanze, als Quelle der modernen Welt? Davon waren die Leute nicht von vorneherein überzeugt. Die Franzosen kennen alle den Spruch, der der Marquise de Sévigné zugesprochen wird : „Racine passera comme le café“ (Die Dramen des Autors Racine werden wie die Kaffee-Mode vorbeigehen), wobei die gebildete Dame aus dem 17. Jahrhundert ganz falsch lag : Weder die Theaterstücke von Racine, die zum Repertoire aller französischer Schüler gehören, noch der Kaffee sind außer Mode geraten. Und die Deutschen haben sich nicht weniger geirrt, denkt man die Worte eines älteren, berühmt-berüchtigten deutschen Liedes: „C-A-F-F-E-E, trink' nicht soviel Kaffee. Nicht für Kinder ist der Türkentrank, schwächt die Nerven, macht dich blass und krank. Sei doch kein Muselman, der das nicht lassen kann."

Für die Deutschen also war der Kaffee ein türkisches Gebräu. Die Franzosen verbanden ihn eher mit den Arabern. Immerhin, alle Moslems.

Türkisch, arabisch oder äthiopisch?

Dass das Wort Kaffee z. B. vom arabischen Kahwa kommt, das so viel wie Kraft bedeutet, konnte man auf der Berliner Ausstellung erfahren. Laut einer alternativen Deutung geht das Wort Kaffee auf die türkische Bezeichnung für Wein – „qavah” oder „kahve” – zurück. Da Muslimen der Genuss von alkoholischen Getränken streng untersagt ist, wichen sie gerne auf Kaffee aus, der ähnlich belebend wie Wein empfunden wurde. Irgendwann übertrug sich die Bezeichnung für Wein auf das beliebte schwarze Aufgussgetränk. Jedoch scheint der Name Kaffee, wie bei Cognac, Bordeaux und Champagner auch, vermutlich eine Herkunftsbezeichnung zu sein, die auf die Urheimat der Kaffeepflanze in der äthiopischen Provinz Kaffa verweist. Im ostafrikanischen Äthiopien, insbesondere im abessinischen Hochland, war Kaffee vermutlich bereits um 1000 n. Chr. Verbreitet und hatte kaum etwas in dem koptischen Staat mit der mohammedanischen Religion zu tun. Aus „qavah” oder „kahve” oder auch "Kaffa" entwickelte sich also das Wort Kaffee bzw. Café. Es ist unwahrscheinlich, dass dieses Wort mehrere Ursprünge haben könnte. 

Zumal dasselbe Wort in allen Sprachen der Welt für dieses Getränk benutzt wird.

Frankreich: „Café” - Norwegen: „Kaffe” - Spanien: „Cafè”- Tschechien: „Kàva” - Portugal: „Cafè”- Polen: „Kawa”- Italien: „Cafè” -
Russland: „Kophe” - Holland: „Koffie” - Ungarn: „Kàvè” - England: „Coffee” - Rumänien: „Cafea” - Dänemark: „Kaffe” - Griechenland: „Kafèo”
 

Nur die Deutschen haben dafür zwei Vokabel: Kaffee, auf das Getränk bezogen, und Café, das sich auf den Ort (Caféhaus), wo man es trinkt, bezieht. Erinnert Euch: „Er war ein Musikus und spielte im Café, er spielte sieben Stunden lang von Liebes Leid und Weh. Er spielte alles in Dürr und Moll. Er spielte ach so wundervoll.“ Was die Herkunft des Kaffees war jedenfalls die Berliner Ausstellung ganz eindeutig:  der Kaffee ist nicht in einem Café entstanden. Er wurde in Äthiopien entdeckt und dort wurden die ersten Plantagen angelegt. Viele Sagen ranken sich um dessen Herkunft, aber die schönste und einfachste ist die Geschichte dieser äthiopischen Hirten, denen aufgefallen war, dass ihre Ziegen nachtaktiv wurden, nachdem die Pflanze fraßen, die später Kaffee heißen sollte.

Dass die deutschsprachigen Lande den Kaffee auf die Türken beziehen, mag daran gelegen haben, dass die Armee des Sultans, als sie sich von der Belagerung Wiens im Jahre 1683 zurückzog, 500 Säcke Kaffee zurückließ. Mit diesem Vorrat konnte das erste Kaffeehaus in Wien eröffnet werden. Wenig später eroberte der Kaffee ganz Europa. Aber die Wiener Caféhäuser waren immer Spitze, zumal der Croissant auch in Wien zur Verhöhnung der Mondsichel der türkischen Belagerer erfunden worden war. Gibt es heute einen größeren Genuss am Morgen als einen Croissant in eine Tasse Kaffe kurz einzutunken und dann zu verspeisen?  

Kaffee: ein Medikament?

Am Interessantesten fanden wir bei dieser Ausstellung die Auskünfte über Wirkung des Kaffees auf die Gesundheit, denn Kaffee hatte bis vor kurzer Zeit einen fast ebenso schlechten Ruf wie der Tabak. Lange Zeit hieß es, Kaffee bringe das Herz aus dem Takt. Aus medizinischer Sicht ist heute belegt, dass der Herzrhythmus durch mäßigen Kaffeekonsum nicht negativ beeinflusst wird. Der Blutdruck wird durch Koffein nicht dauerhaft, sondern in der Regel nur kurzfristig erhöht. Der Anstieg ist mit der Steigerung bei einer normalen Konversation zu vergleichen. Früher hieß es, dass Kaffee dem Körper Wasser und damit auch Mineralstoffe entziehe. Heute weiß man, dass Kaffee einen ebenso wichtigen Beitrag zum Flüssigkeitshaushalt leisten kann wie reines Wasser. Natürlich wir der Cholesterinspiegel durch Kaffee nicht grundsätzlich erhöht. Arm an den möglicherweise Cholesterinsteigernden Stoffen sind z. B. löslicher Kaffee oder Filterkaffee. Moderater Kaffeekonsum von rund drei Tassen täglich scheint während der Schwangerschaft keinen negativen Einfluss haben.

Positiv: Kaffee hat auf Diabetes Typ 2, auch Altersdiabetes genannt, einen gewissen präventiven Einfluss. Wissenschaftler kamen zu dem Ergebnis, dass täglich 4-7 Tassen Kaffee, ob mit oder ohne Koffein, davor schützen können. Auch Asthmatiker können von Kaffee profitieren, da er die Atemfunktion verbessert. Die Neigung zum Asthma-Anfall kann durch Kaffeegenuss um bis zu 28 Prozent reduziert werden. Vier oder mehr Tassen Kaffee täglich sind nicht nur signifikanter Schutz vor Gallensteinen, sondern auch laut Studien imstande, das Risiko für eine Leberzirrhose um bis zu 80 Prozent zu senken. Sport, Bewegung, eine ausgewogene Ernährung halten das Immunsystem in Schwung. Aber auch Kaffee kann einen wertvollen Beitrag zur Stärkung der Abwehr leisten. Ebenso wie Obst und Gemüse ist Kaffee  an Antioxidantien reich. Diese halten die für das Immunsystem gefährlichen freien Radikal in Schach. Neueste Studien haben belegt, dass mit Koffeinkonsum Darmkrebs und Leberkrebs vorgebeugt werden kann. 

Im ausgehenden 16. Jahrhundert beschrieben britische Ärzte den Kaffee mehr als ein Arzneimittel denn als ein Lebensmittel. „Er hilft der Verdauung, beschleunigt das Denkvermögen, macht das Herz leicht“, schreiben sie und bemerkten, dass der das Husten lindert, die Kopfschmerzen und die Wassersucht“ dämpft. Sie warnte aber vor übertriebenem Konsum, der zu „Schwindel, Abmagerung, Schlafstörungen und zeitweiliger Melancholie“ führen könne. Die Menschen in Europa waren also schon sehr früh auf die belebende Wirkung des Kaffees aufmerksam geworden. Erst auf Anregung von Johann Wolfgang von Goethe hin isolierte der deutsche Chemiker Ferdinand Runge im Jahr 1820 erstmals das Koffein, die wohl wichtigste Substanz im Kaffee. 

Melitta, die Mercedes des Filterpapiers

Eine Entdeckung ganz anderer Art war diejenige einer Hausfrau aus Dresden namens Melitta Bentz, die auf die Idee kam, einen Filter aus Papier zu benutzen, um den Kaffee durchsickern zu lassen, da die bisherigen Apparaturen, wie Stoffbeutel, Filter aus Keramik oder Metall nicht zufriedenstellend waren. Es fehlte ihr nur das richtige Papier. Kurzerhand nahm sie ein Löschblatt aus dem Schulheft ihres Sohnes und legte es in den Becher – das „Urfilter“ war geboren. Am 20. Juni 1908 erhielt Melitta Bentz für ihr Filter Gebrauchsmusterschutz. Aus der Erfindung wurde eine Geschäftsidee und das junge Unternehmen übernahm den Namen der Erfinderin „M. Bentz“. Es startete mit einem Kapital von 72 Reichspfennig. Ein Zimmer in der Wohnung der Familie war der Firmensitz. Aber es kamen immer mehr Bestellungen und Melitta und ihr Ehemann Hugo Bentz verbesserten das Urfilter und tüftelten an neuen Haushaltsprodukten. 1914 hatte man schon 15 Mitarbeiter und betrieb mit Stanzmaschinen die „Fabrikation von Filtrierpapier“. Nach der Unterbrechung der Arbeit durch den Ersten Weltkrieg baute die Familie den Betrieb wieder auf und exportierte aber 1922 in die Schweiz und in die Tschechoslowakei. Willy Bentz entwickelte den Vertrieb ab 1923 und ab 1925 verwendete für die Firma die Farben Grün und Rot, die sie bis heute unverwechselbar machen. Das Unternehmen wuchs unaufhaltsam in den „Goldenen Zwanziger“. Man suchte einen neuen Standort für die grösser gewordene Firma und man bekam ihn in Minden in Westfalen, wohin die Firma 1929 umzog. Dort wurden schon 80 Mitarbeiter eingestellt. Der jüngere Bruder Horst Bentz machte leider im Nationalsozialismus politisch mit. Man kaufte eine Papierfabrik und die Firma entwickelte sich auf 1000 Mitarbeiter aber der Zweite Weltkrieg beeinträchtigte wie der Erste doch letzten Endes die Geschäfte. Schon 1932 hatte Melitta die konische Filtertüte gemacht und  ab 1936 die gefalzte Tüte, die sich im Filter besser eindrücken ließ und nicht mehr riss. Die Form der Filtertüten hat sich seitdem kaum geändert. Die benutzen wir heute täglich. Und vor allem hieß die Firma M. Bentz schon „Melitta“ (kurioserweise nannte ein anderer Erfinder namens Benz, ein Namensvetter, seine Firma auch nach dem Vornamen einer Frau „Mercedes Benz“).

Ab 1955 trennten sich die Brüder Horst und Willy Bentz: Willy Bentz führte die Geschäfte der Papierfabrik in Düren und Horst übernahm die Melitta-Werke in Minden. Die Produktpalette hat sich seitdem stets erweitert und neue Werke sind gekauft worden, darunter der Bremer Kaffeeröster Ronning und die Vox-Werke in Münster. Ab 1989 warben ungewöhnlich Fernsehspots für Melittas Filtertüten und Kaffee. Die Bekanntheit und der Umsatz des Melitta  Kaffees stiegen rasant. Nicht ungeschoren kam die Firma durch die linke Revolte der 68er. Der Berufsprotestler mit Ostberliner Kontakten Günter Wallraff agitierte gegen einen angeblichen „NS-Geist“  bei Melitta. Dann traf die weltweite Krise und eine Missernte in Brasilien 1976-77 die Kaffeebranche sehr schwer. Aber Mitte de 70er Jahre zeigte Melitta Mut und gründete dem kalten Krieg zum Trotz eine neue Papierfabrik in Berlin. Horst Bentz, der das Unternehmen mehr als 50 Jahre geführt hatte, übergab 1980 die Geschäftsleitung an seine Söhne Jörg und Thomas Bentz. Der Bruder Stephan folgte einige Jahre später. Seit 1993 leiteten die drei Brüder das ganz gross geworden Familienunternehmen. Eines dieser sehr großen und wichtigen Familienunternehmen, die Deutschland reich und stark gemacht haben. Der Kaffee hat die Menschen auch nicht „blass und krank“ gemacht.

Was sagte der französische Humorist Alphons Allais? „Tout passe en ce monde, sauf le café dans les mauvais filtres“ (Alles vergeht auf dieser Welt, nur nicht der Kaffee durch schlechte Filter »). Die Melittafilter hat es zu seiner Zeit noch nicht gegeben. Und ein anderer  französischer Humorist, Pierre Dac, machte einen Vorschlag: "Wenn man den Kühen Kaffee zum Saufen geben würde, so würde man Milchkaffe melken". Melitta kann vieles tun, aber das hat die Fima aus Minden noch nicht probiert… (JPP)

 


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