INHALT
Ob sie begründet ist oder nicht, schadet die Flut von Anklagen wegen Pädophilie, und zwar fast weltweit und von unten nach oben, der katholischen Kirche auf jeden Fall mehr, als man denkt. Freilich, andere Kreise als die Kirche, andere Menschen als Priester sündigen auf vergleichbare Art und Weise, ja vielleicht in grösserem Umfang, und ihre Verfehlungen werden in den Medien nicht breitgetreten wie diejenigen der Kirchenleute. Das sagte ein Bischof einer Zeitung. Aber diese Leute beanspruchen auch nicht, mit gutem Beispiel dazustehen, wie die Priester der Amtskirche es tun. Sicher versucht jede Gruppe, jeder Verein, jedes Unternehmen, gar jede Regierung zu verhindern, dass ihre Verfehlungen an die Öffentlichkeit geraten, die Kirche bildet da keine Ausnahme, aber sie beansprucht, die Wahrheit zu sagen. Das ist ihre Funktion und Berufung. Tut sie es nicht, gerät sie automatisch unter Kritik.
Natürlich war es falsch, den Papst Benedikt in diesen Dunstkreis zu ziehen. Er ist derjenige, der die Opfer empfangen und die Verantwortung der katholischen Hierarchie in Irland angeprangert hatte. Er hat einen mexikanischen Priester, den Pater Maciel, der von Johannes Paul II geschützt worden war, aus der Kirche entlassen. Und es gibt keinen Beweis dafür, dass er von den Briefen Kenntnis hatte, die die Verbrechen des amerikanischen Priesters Murphy denunzierten. Aber der Papst reagierte nicht richtig, als er versuchte, diese Sachverhalte herunterzuspielen. Gott "gäbe ihm den Mut, sich nicht von diesem Geschwätz einschüchtern zu lassen", sagte er öffentlich.
Es war auch falsch, wenn ein französischer Bischoff von "Verleumdung" sprach und an die "Pharisäer" den biblischen Spruch richtete: "Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein". Denn es hagelt schon Steine auf die Kirche. Die Justiz der Staaten, nicht diejenige der Kirche, ist für diese Delikte zuständig. Zwar sind die Fakten zum Teil uralt. Manche waren schon bekannt. Sie werden jetzt hämisch zusammengetragen. Aber die Kirche war nicht darauf gefasst und hat kein Verteidigungssystem aufgebaut.
Offensichtlich ist das eine Kampagne, die an die Kampagne gegen Pius XII im Zusammenhang mit seiner angeblichen Nachsicht gegenüber dem Dritten Reich erinnert, die Rolf Hochhuth 1963 auslöste. Dabei war Pius XII der Unterzeichner der warnenden Enzyklika "Mit brennender Sorge..." und er hatte 1941 und 1942 Weihnachtsansprachen im Rundfunk gehalten, die die Frevel des Dritten Reiches anprangerten.
Und Benedikt, dem Ignoranten seine erzwungene Mitgliedschaft in der Hitler-Jugend vorwarfen, aus deren Reihen es ihm doch gelungen war zu flüchten? Es ging so weit, dass die französischen Komiker "Guignols de l'info" den jetzigen Papst "Adolf II" nannten!Damit versuchte man natürlich die katholische Kirche am Kopf zu treffen. Wie dumm!
Die heutige Pädophiliekampagen gegen die katholische Kirche ist im Grunde genommen harmloser. Die Tragik hatte damals vor 1945 ganz andere Dimensionen. Hier die Pädophilie, die die Täter lächerlich und verächtlich macht. Dort die Millionen Opfer des Hitlerstaates. Die beiden Kampagnen sind im Grunde genommen nicht vergleichbar. Aber Hochhut und seine Epigonen haben sich der Medien bedient und heute sind die Medien gegen die Kirche wieder aktiv. Vor Jahren war der Nationalsozialismus ein Thema. Heute sind sexuellabartige Verhaltensweisen ein beliebtes Thema der veröffentlichten Meinung.
Die Kirche ist für viele ein Hassobjekt. Sie wird nicht ungeschoren davon kommen. Sie wird viele ihrer Schäfchen verlieren. Sie wird sich auch nicht retten, ohne einige ihrer heiligen Kühe zu schlachten. Natürlich nicht sofort! Nicht auf dem Höhepunkt des Skandals! Aber die Opfer werden gebracht. Eines davon ist das Priesterzölibat.
Mit Zähnen und Klauen verteidigen die Bischöfe heute noch das Zölibat. Dabei liegt es auf der Hand, dass das Priesterzölibat die Hauptursache des Übels ist. Nicht nur, weil ein erfülltes Liebesleben mit einer Ehefrau und mit eigenen Kindern vor Dämonen schützt, sondern weil die Ehefrauen sich schon darum kümmern, dass ihr Mann, ob Laie oder Priester, sich nicht daneben benimmt. Es steht keineswegs im Evangelium, dass die Priester ledig bleiben müssen. Ebenso wenig, wie es im Koran steht, dass die Frauen einen Schleier tragen müssen.
Seit Luthers Zeiten leben evangelische Pfarrer mit ihren Familien. Das schadet keineswegs ihrem Amt. Im Gegenteil. Und es ist bekannt, dass es in Deutschland ca. 14 000 Kinder von katholischen Priestern gibt. Wenn die Amtskirche das nicht einsehen will, dann wird sie mit dieser unnötigen Last weiter leben müssen. Wäre ein verheirateter katholischer Pfarrer weniger glaubwürdig? Nein, ganz im Gegenteil!
Kann die Kirche aber über den eigenen Schatten springen? Wir geben hier unten einem Protestanten das Wort. Der Professor Menno Aden geht selbstverständlich mit der katholischen Kirche hart ins Gericht. (JPP)
Die Kirche ist Teil der conditio humana
1. Ausgangspunkt
Die jetzt ans Licht gekommenen Fälle schwerster Verfehlungen in der katholischen Kirche sind weder neu noch überraschend. Ganz im Gegenteil. Die Geschichte ist voll der scheußlichsten Fälle von kirchlichem Machtmissbrauch, Heuchelei und Unwahrhaftigkeit, und zwar nicht nur im Mittelalter, sondern bis in unsere Tage hinein. Bis jetzt fiel es der Kirche aber verhältnismäßig leicht, diese Dinge zu vertuschen. Nur die allerschändlichsten Entgleisungen kamen vor die staatlichen Gerichte. Eine zunehmende Distanz der Völker zur Kirche, vor allem aber ein neues Rechtsgefühl im demokratischen Rechtsstaat haben der Kirche den aus religiöser Scheu und autoritärer Einschüchterung gewirkten Mantel entrissen, mit welchem sie ihre Fehlleistungen zu verdecken pflegte.
Die schweren Vorwürfe gegen die Kirche wegen sexueller Fehlhandlungen vieler ihrer Amtsträger betreffen nicht nur den Papst und den römisch – katholischen Teil der Christenheit, sondern die Weltchristenheit insgesamt. Angesichts der Auseinandersetzung des Christentums mit dem Islam und anderen Religionen sind die jetzt an den Tag kommenden Dinge einfach entsetzlich, und zwar für alle Christen.
2. Geistliche Fehlleistungen der römischen Kirche
Es ist hier nicht der Ort für theologische Darlegungen. Aber die Kirche hat sich seit ihren Anfängen aufgrund höchst eigenwilliger Auslegungen von unklaren sogar als unecht erkannten Bibelstellen eine geistliche, früher auch weltliche Macht zugesprochen, von der die Bibel nichts weiß. Die Kirche nahm als eine ihrer schlimmsten geistlichen Entgleisungen in Anspruch, gegen Geldzahlungen über Gottes Gnade verfügen zu können. Das war der Ausgangspunkt für die Reformation Luthers. Die Reformation war höchst nötig!
Die meisten sind wohl auch noch heute bereit, dem Zölibat der Priester als Lebensform Achtung entgegen zu bringen, denn es bedeutet die Bereitschaft des Priesters, sich ganz Gott und seinem Dienst zu widmen. Die Kirche wusste aber immer, und sie weiß heute, dass diese Achtung in vielen, vielleicht in den meisten Fällen unverdient ist. Das Zölibat ist offenbar die größte Quelle kirchlicher Heuchelei. Es ist ein Hindernis für den Glauben, ein Kummer für Katholiken, die mangels Priesternachwuchses ohne geistliche Betreuung blieben, und ein Ärgernis für nicht katholische Christen, welche oft in den Heucheleivorwurf mit einbezogen werden.
3. Finanzielle Unaufrichtigkeit
Anläßlich des ganz plötzlichen Todes von Papst Johannes Paul I wurde damals kurz ein Blick möglich auf die empörende Verstrickung der Kirche mit der italienischen Mafia in Finanzgeschäften geworfen. Die Kirche tat wenig oder nichts, diese Vorwürfe zu entkräften. Die katholische Weltkirche ist in finanzieller Hinsicht auch heute ein geradezu dubioses Unternehmen. Sie ist die einzige weltweit tätige Organisation, die keinerlei Auskunft über Herkunft und Verwendung ihrer Finanzmittel gibt.
Müßte die Kirche einem Parlament (ein solches existiert zwar in Nordkorea, nicht aber am Heiligen Stuhl) oder einer anderen Öffentlichkeit Rechenschaft legen, wäre seit vielen Jahren deutlich geworden,
gezahlt wurden.
Die Bundesrepublik Deutschland und andere Staaten mit ähnlicher Praxis subventionieren diese vermutlich oft kriminellen Schweigegelder indirekt dadurch, dass Kirchensteuern und Zuwendungen an die katholische Kirche als gemeinnützig steuerabzugsfähig sind. Und zwar ohne Verwendungsnachweis, was der Unterzeichner für verfassungswidrig hält.
4. Kirche und Welt
Anklagen gegen die Kirche kommen nicht immer aus reinem Herzen. Diejenigen, die über sexuelle Entgleisungen der katholischen Kirche ihr Geschrei erheben, sind oft dieselben Existenzen, welche seit den `68er Jahren und noch heute die sexuelle Befreiung des Menschen als Fortschritt predigen, welche die Ehe verächtlich machen und der homosexuellen Partnerschaft in Würde und gesellschaftlichem Wert gleichstellen. Es liebt die Welt das Strahlende zu schwärzen und das Erhabene in den Schmutz zu ziehen (Friedrich Schiller). Es ist nicht immer die Sorge um die Sittlichkeit, welche sich in lauter Empörung über sexuelle Entgleisungen von Priestern äußert. Wer selbst in Sünden lebt, hat es gern, wenn ein anderer es auch tut. Es erfreut viele, wenn eine Respektsperson, hier die Kirche, in Schande gerät.
Die Kirche ist aber Teil der conditio humana. Als solche ist sie nicht sündlos. Sie muss, so wie wir je einzeln auch, immer wieder in Sünden fallen. In gewissem Sinne macht das gerade ihre Würde und Heilskraft aus. Nur dann kann sie dem leidenden und sündigen Menschen nahe sein, wenn sie auch selbst menschlich ist und sündigt. Ihre Fehlleistungen und Entgleisungen können Bollwerk und Versprechen gegen die Sinnentleerung der Welt sein – wenn, aber nur wenn, sie zu ihren Sünden steht und deutlich macht, dass und wie sie daran leidet und zu bessern versucht.
5. Niedergang als Chance
Im Jahre 2017 werden die evangelischen Kirchen und Sekten die 500 – Jahrfeier der Reformation begehen. Sie sollten dann eigentlich in einer feierlichen Erledigungserklärung Folgendes feststellen:
Luthers Ziele sind erreicht. Wir Evangelischen haben der Welt heute nichts zu sagen, was die katholische Theologie nicht auch und häufig sogar besser sagen kann. Wir treten daher in die alte Kirche zurück. Wir wollen damit ein Zeichen geben, dass Christen angesichts der Herausforderung von Religionslosigkeit und fremden Religionen den Glauben an Jesus Christus vereint und kräftig bekennen.
Das ist unrealistisch, wie der Unterzeichner, selbst ehemals hoher Funktionär in der evangelischen Kirche, weiß. Wenn aber die katholische Kirche die Zeichen der Zeit und die Chancen aus ihrer jetzigen Erniedrigung erkennt, ist es vielleicht nicht ganz so unrealistisch.
Die tiefste Erniedrigung der katholischen Kirche war, dass die lutherische Reformation berechtigt war, wie sie im Grunde selbst anerkannte. Es war aber dann, unmittelbar darauf, eine der größten Ruhmestaten dieser erniedrigten Kirche, dass sie im Konzil von Trient (Tridentinum) die Kraft zu einer umfassenden und tief greifenden Reform fand. Aufgrund dieses Konzils hat die lutherische Bewegung über die bis dahin eingenommenen hinaus praktisch keine neuen Gebiete mehr für sich gewinnen können. Im Gegenteil: bereits lutherisch gewordene Regionen kehrten zum alten Glauben zurück. Durchaus nicht immer aufgrund von Gewalt, die es freilich oft auch gab ( z. B. Böhmen, Frankreich). In der Gegenreformation traten kräftige Prediger, Heilige von nie bezweifelter Frömmigkeit, Theologen von großer Geisteskraft für den alten Glauben ein. Die Vertreter der Reformation wurden bald und oft in die Defensive getrieben.
Ergebnis: Ruf zum Neuanfang
Die jetzige, nicht plötzliche, sondern seit langen angebahnte Entwicklung in der Kirche, ihre öffentliche Erniedrigung und Schmähung könnte der Anfang zu einem großen Neubeginn sein und zu einem neuen Selbstverständnis der katholischen Kirche führen.
Die katholische Weltkirche bleibt trotz allem das bei weitem großartigste geistliche Gebilde, welches die Welt jemals gesehen hat. Nur sie, keine evangelische Landeskirche oder amerikanische Sekte, hat die geistliche Kraft, der Suche des Menschen nach dem ewigen Gotteswort weltweit Form und Inhalt zu geben.
D a s muss sie aber auch tun! Künftig mehr als je! Christen aller Konfessionen sollten sich daher in dem Ruf an den Papst vereinen: Sehen Sie den Fingerzeig Gottes, der Sie mahnt, dem Glauben an Jesus Christus eine neue Form, vielleicht ohne Zölibat, zu geben, in welcher die ganze Welt IHN hören und erkennen kann.
Menno Aden, Präsident des Oberkirchenrates a.D.
(im April 2010)
Im Zuge des Missbrauchsskandals erleben wir heute eine der größten Medienkampagnen in der Geschichte der Bundesrepublik. Gemessen an Umfang und Penetranz dieser Kampagne war die Klimakonferenz von Kopenhagen, bei der es um die Rettung der Erde ging, ein Ereignis von nachrangiger Bedeutung. Es lassen sich einige Lehren aus der Affäre ziehen:
Erstens: Die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche sind eine ungeheure Schuld. Sie lässt sich nicht relativieren. Wer sich um höhere Weihen bemüht, muss auch höheren Ansprüchen genügen. Das Krisenmanagement kirchlicher Institutionen hat in weiten Teilen nicht funktioniert. Es ist ...einer modernen Öffentlichkeit nicht mehr kommunizierbar..
Zweitens: Weltweit gibt es über 400.000 Priester, über eine Million Ordensleute, und Millio-nen katholischer Laien, die sich für Arme, Kranke, für eine bessere Gesellschaft engagieren und sogar bereit sind, dafür ihr Leben zu geben. Die Kirche unterhält über 70.000 Krankenhäuser, Krankenstationen, Leprastationen, Behindertenheime, Waisenhäuser und Kindergärten. Weltweit besuchen 40 Millionen Schüler katholische Schulen (in Deutschland 370.000 bei steigender Nachfrage). In Deutschland sind nach Angaben des Kriminologen Christian Pfeifer 0,1 Prozent der Missbrauchstäter Mitarbeiter der katholischen Kirche. Wer den Missbrauch dann jedoch nur auf eine bestimmte Gruppe begrenzt und 99,9 Prozent der Täter außen vor lässt, macht ein riesiges gesamtgesellschaftliches Thema nicht nur klein, er unterstreicht damit, dass es ihm nicht um die Opfer geht, sondern um die Instrumen-talisierung ihrer Fälle.
Drittens: Das Argumentationsmuster der „Kritiker“, die in geifernder Vorabverurteilung eine Kausalkette aus Kirche, Zölibat und katholischer Sexualmoral als ursächlich für Missbrauch sahen, in sich zusammengebrochen. Unzählige staatliche, private und protestantische Ein-richtungen mussten ähnliche Fälle einräumen. Das Beispiel Odenwaldschule, ein Vorzeigeobjekt der deutschen Reformpädagogik, dessen Vertreter über Jahrzehnte über „Spiegel“ und „Zeit“ die pädagogische Diskussion bestimmten, machte deutlich, dass die unselige Verbindung aus Scham, Schweigen und Schadensbegrenzung nicht genuin katholisch sind.
Viertens: Die überwiegende Zahl der Missbräuche ereignete sich vor dreißig, vierzig und fünfzig Jahren. Die Fälle als gerade aktuell geschehen darzustellen, verfälscht die geschichtliche Wahrheit. Es sei „geradezu auffällig“, so der der Kriminalpsychiater Hans-Ludwig Kröber, „wie wenig Fälle es im Bereich der Kirche gibt.“ Hätte es auch in anderen Bereichen so früh so strenge Richtlinien gegeben, wir wären in dieser Problematik einen gehörigen Schritt weiter.
Fünftens: Ein Teil der deutschen Redaktionen hat sich im Furor der Debatte aus der Liga der seriösen Medien, wie sie etwa die „Neue Zürcher Zeitung“ symbolisiert, verabschiedet. Stärker als jemals zuvor, wurden dabei die Mechanismen einer subtilen Meinungsdiktatur sichtbar, in der Verfälschung und Unterdrückung von Nachrichten so selbstverständlich hingenommen werden wie die Vorabverurteilung des Gegners, dem noch nicht einmal das Recht auf Verteidigung zugestanden wird...
Der Papst hat zu den Vorfällen nicht geschwiegen. Nicht in Amerika, nicht in Australien, nicht in Europa. Das Schreiben an die Iren belässt es dabei nicht bei Lippenbekenntnissen, sondern gibt konkrete Anweisung, was jetzt zu tun ist. Dass seit Petrus und Paulus apostolische Briefe nicht nur für eine spezielle Gemeinde, sondern für die Weltkirche gelten, mag sich im Gegensatz zu anderen Ländern in Deutschland noch nicht herumgesprochen haben...
Peter Seewald
(Der Artikel wurde von uns um 80 Prozent gekürzt)
● Moscheen in Frankreich sind keine Zelten
Kennen Sie die größte französische Tageszeitung? Sie heißt nicht „Le Figaro“ oder „Le Monde“. Das sind überregionale Zeitungen und ihre Auflagen sind nicht mehr so berauschend, wie sie einmal waren. Nein, die größte Zeitung der Welt in französischer Sprache heißt „Ouest-France“. Es handelt sich um ein Regionalblatt. Ihre Auflage erreicht 800 000. Sie wird hauptsächlich in der Vendée, in der Bretagne und in der Normandie von 2,3 Millionen Menschen gelesen.
Umso schwerwiegender war ein Artikel, der am 9. Januar 2010 in „Ouest-France“ erschien. Dort stand Folgendes: „Die heutige Moschee in Cholet (die an der Loire liegende Partnerstadt von Oldenburg, die Redaktion) war in ihrem Häuschen nicht mehr groß genug. Der neue Imam, Musa Akkaya, hat vorgesehen, dass eine neue Moschee im Monat Mai öffnen wird. Das Gebäude wird jetzt fertiggestellt und hat bereits eine stolze Gestalt. Diese neue türkische Moschee wird auf einem 3 200 m2 großen Grundstück gebaut, das der türkische Staat gekauft hat. Das jetzige Häuschen der Moschee war wirklich zu klein geworden: <Wir empfangen freitags ca. 200 Menschen und in der Ramadan-Zeit 400>, erklärt Sabri Dogan, der Vorsitzende des türkischen Kulturvereins. Insgesamt, meint er, gibt es in Cholet 250 bis 300 türkische Familien, d. h. 2 000 Personen“. Der türkische Staat hat den Imam Musa Akkaya hierher geschickt. Vor drei Monaten kam er nach Frankreich. Er soll vier Jahre in unserem Land bleiben“.
Alles schön und gut. Wo ist aber die Gegenseitigkeit für solches Entgegenkommen? Der türkische Staat verweigert ausländischen Priestern die Visa. Die Priesterseminare der orthodoxen Kirche, die Halki, bleiben geschlossen. Baugenehmigungen für neue Kirchen werden verweigert. Am 27. März 2005 hatte Mehmet Aydin, der türkische Minister für Religionsangelegenheiten, die christlichen Missionare vorm Predigen in der Türkei gewarnt. Er sagte, dass die Christen die Ahnungslosigkeit der Menschen missbrauchen und den sozialen Frieden und die nationale Einheit in seinem Land verletzen. Die Entwicklung ist umso beunruhigender, als Ende Februar 2010 in der Türkei 49 Armeeangehörigen, darunter ranghohe Offiziere, festgenommen worden sind. Sie werden beschuldigt, einen Putsch gegen die islamistische Regierung von Recep Tayyib Erdogan geplant zu haben. Die Armee betrachtet sich in der Tat am Bosporus als die Hüterin der laizistischen Republik von Kemal Atatürk. Soll sie jetzt gesäubert werden? Die Sprecherin des EU-Erweiterungskommissars in Brüssel hat die türkischen Ermittlungsbehörden dazu aufgerufen „streng auf die rechtsstaatlichen Grundsätze zu achten“.
Da kann man sicher Gift darauf nehmen, dass sie das tun werden. Aber noch ein Wort zu Cholet: die Stadt hat gerade eine arabische Moschee eingeweiht. Das sind also im ersten Halbjahr 2010 zwei neue Großmoscheen. Und das in einer Stadt von 57 000 Einwohnern, deren Bürgermeister der ältesten Partei der französischen Rechte, der CNI, einer Art von französischer CSU, angehört. Sollte man sich aber wundern, wenn man die Einstellung des Gemeinderatsmitglieds der Großstadt Bordeaux, Laetitia Jarty, betrachtet? Auf eine Frage der Presseagentur "Novopress" zu der Beteiligung von Ratshäusern am Bau von Moscheen antwortete Frau Jarty, die im Departement Gironde die Jugendreferentin der Sarkozy-Regierungspartei UMP ist: „Das stört mich nicht. Normale Vereine wünschen das. Die Medien bauschen solche Geschichten auf, aber das ist doch ganz einfach“. Es ging darum, dass das Bürgermeisteramt von Bordeaux dem Verein der Moslems der Gironde, an dessen Spitze ein Imam Namens Tareq Ubru steht, ein Grundstück für den Bau einer neuen Moschee schenken will. Der Bürgermeister von Bordeaux ist der ehemalige französische Regierungschef Alain Juppé.
Das Wohlwollen nicht nur der Gewählten, sondern auch der katholischen Kirche Frankreichs ist nicht mehr zu bändigen. Daran, dass die Konferenz der französischen Bischöfe (die CEF) sich kürzlich über die Schändung der neuen Moschee der Stadt Saint-Etienne entrüstete, war nichts zu beanstanden. War es aber nicht zu viel des Guten, wenn das Kommuniqué „die Überzeugung „ der Bischöfe unterstrich, dass es möglich ist, miteinander zu leben und gerade wegen des Reichtums unserer Unterschiede am Aufbau einer neuen Gesellschaft teilzunehmen“. Einer Gesellschaft, die „Glaube und Politik nicht trennt, wie das Christentum es vom Anfang an getan hat“, wo der Koran „ein totalitäres religiöses Gesetz ist“, wo „die Scharia die Gesellschaft grundlegend prägt“? So steht es im Buch vom Kardinal Ratzinger „Das Salz der Erde“. Die CEF richtete sich dann an den moslemischen Klerus: „In diesem Sinne freuen wir uns, dass Sie bald ihre neue Großmoschee einweihen können“. Ein schönes Wortbild rechtfertigte dieses Bekenntnis: „Wir glauben, dass Gott gekommen ist, um sein Zelt unter den Menschen aufzupflanzen“. Leider leben die Franzosen nicht unter Zelten und Moscheen in Frankreich sind leider auch keine Zelten.
● Hut ab vor den Schweizern!
Die Angst der Franzosen vor dem Muezzin
Die Abstimmung gegen den Bau von Minaretten in der Schweiz wird die Franzosen
und andere Staaten Europas zwingen ihre liberale Islam-Politik zumindest in
diesem Punkte zu überdenken. In Frankreich ragen bereits 10 Minarette auf «
Dom-Moscheen » empor, wie die großen Moscheen genannt werden. Am höchsten ist
dasjenige der großen Moschee in Paris, das bei 36 Metern gipfelt. Dasjenige von
Créteil, einem Pariser Vorort, ist 25 Meter hoch. In Straßburg wurde kein
Minarett gebaut, weil das Geld gefehlt hat. Aber der Oberbürgermeister und
sozialistische Abgeordnete der elsässischen Stadt, Roland Riess, hat erklärt,
dass die „moslemische Gemeinde ihr Minarett bekommen wird, falls sie es
wünscht“. Die geplante Großmoschee von Marseille hat ein Minarett in ihrem
Bauplan vorgesehen.
Zur Erinnerung : alles hatte im November 2006 in Wangen bei Olten, einem Dorf
des Kantons von Solothurn, mit einem Urteil des Verwaltungsgerichts angefangen,
das gegen den Willen der Anrainer den Bau eines 6 Meter Hohen Minaretts auf dem
Dach des türkischen Zentrums bewilligte. Sehr schnell wurde der lokale Streit
national und politisch. Parteimitglieder der wichtigen Union démocratique du
centre (UDC) und der Union démocratique fédérale (UDF) prangerten die «
schleichende Islamisierung der Gesellschaft » an und verlangten eine
Volksabstimmung – die Waffe des Schweizer Volkes gegen den Machtmissbraucht der
Regierung und der Behörden. Die Schweiz zählte 60 000 Moslems in den 70er
Jahren. Sie zählt heute ca. 400 000 von ihnen, also fast 6 Prozent der 7,7
Millionen Stammschweizer. Sie kommen meist aus dem Balkan und aus der Türkei
aber ihre Imams kommen aus Nordafrika oder aus dem Nahen Osten, daher findet
eine rasche Radikalisierung statt.
Der Prozentsatz der Moslems in der Schweiz entspricht ungefähr deren Quote in
der Bevölkerung der meisten Staaten Westeuropas. Offiziell gibt es in Frankreich
3, 550 Millionen Moslems, 6 Prozent der Bevölkerung. Aber das statistische
Institut INSEE schätzt ihre Zahl auf über 4 Millionen. Sie könnte in
Wirklichkeit wesentlich höher sein. Der Trend zur Radikalisierung ist aber
überall der gleiche. Während die Moslems Europas sich rascher als die
Stammbevölkerung vermehren, gewinnt der Fundamentalismus unter ihnen immer mehr
Anhänger. In Frankreich hat der Präsident der Mehrheitsfraktion Jean-François
Copé einen Parlamentsausschuss einberufen, um ein Verbot des Ganzschleiers für
Frauen, der Burqa, der sich in den letzten Monaten beunruhigend verbreitet.
In Marseille besonders wurde die Stadt
beschuldigt, von den Moscheen zu billige Mieten für ihre Grundstücke zu
verlangen, was einer Subvention gleichkommt. Neulich wird aber die Gegenbewegung
politisch, weil sogenannte „Identitätsgruppen“ die Streitaxt ausgegraben haben.
Sie wollen die Islamisierung Frankreichs verhindern. Aber der Weg zum Kadi ist
steinig. Einige Bürgermeister, die versuchten, den Bau einer Moschee in ihrer
Gemeinde zu verhindern, wurden von der Justiz zurückgewiesen. Das oberste
Verwaltungsgericht hat z. B. dekretiert, dass „der Bau einer Moschee in einem
Wohnbezirk keine Behinderung der öffentlichen Ruhe und Ordnung“ darstellt. In
Bordeaux begnügt sich der „Identitätsblock“ deswegen mit medienwirksamen
Aktionen, um das Bauprojekt einer Großmoschee abzublocken, das OB Alain Juppé
nach Kräften unterstützt.
So haben sie z.B. im Januar 2009 die Einwohner der Stadt mit dem auf Tonband
aufgenommenen Ruf eines Muezzins im Morgengrauen geweckt, den sie über
Lautsprecher übertrugen. „Hier in einigen Monaten, jeden Morgen, in der Woche,
Sonntags und an Feiertagen, wird Sie das süße Lied eines Muezzins aus dem Schlaf
holen“… verkündeten Flugblätter. Der Imam von Bordeaux, Tareq Oubrou, hat sofort
gekontert: „In Frankreich ertönt dieser Ruf nur innerhalb des Gebäudes. Das
Minarett entspringt nicht einer religiösen Pflicht und die künftige Moschee in
Bordeaux hat keines vorgesehen“.
„Niemand fordert einen Muezzin“, versichert die Regierung. Er wäre sowieso
genauso wie die Kirchenglocken an die Weisungen der Bürgermeister gebunden.
Diese sollen die Lautstärke bestimmen und die Maßnahmen treffen, die die Ruhe in
ihrer Gemeinde sichern, das schreibt das Gesetz vor. Die aufgeregten
Staatsbürger werden mit Zusicherungen der Behörden beruhigt, dass Großmoscheen
die Ausnahme bleiben werden. Es gibt sonst derzeit in Frankreich 200 Bauprojekte
von Kleinmoscheen in villenähnlichen Häusern – ohne Minarett. Dieses Modell gilt
als „pragmatisch“. Politisch und finanziell. Wie beruhigend in der Tat !
Es ist schade, dass die meisten Politiker in Frankreich versucht haben, die
Debatte abzuwürgen. Der Grund: die Verfassungsreform vom 21. Juli 2008 erlaubt
eine Volksabstimmung, wenn eine ausreichende Anzahl von Staatsbürgern sie
verlangt. Zwar kann das Parlament diese Initiative verhindern, aber es ist kaum
vorstellbar, dass die Abgeordneten einer ersten Volksinitiative in dieser
Richtung abblocken könnten. Abgesehen von den Rechtsaußen der in Nationalen
Front, dessen Vize-Präsidentin Marine Le Pen die Schweizer lobte und tadelten
die meisten Politiker die Schweizer und meinten, das was sie verlangt hätten,
sei „Populismus“. Am komischsten war die Erklärung des Außenministers Bernard
Kouchner, der äußerte, dass in einem Land wie die Schweiz, wo es viele Berge
gibt, die Sicht von Minaretten die Einwohner nicht stören kann.
Manche Argumente gegen das Schweizer Beispiel sind einfach peinlich. Der
Sprecher der Sozialistischen Partei PS, Léo Hamon, machte sich nicht einmal die
Mühe und meinte, dass die Franzosen anders als die Schweizer die Minarette nicht
abgelehnt hätten. Was weiss er davon? Der Widerstand gegen den Bau von Moscheen
wächst in Frankreich. Auf der Webseite vom figaro.fr haben 73 Prozent von 49 000
Lesern auf die Frage: "Soll man den Bau von neuen Minaretten in Frankreich
verbieten? " mit Ja geantwortet. In Deutschland hat unter denselben Bedingungen
Der Spiegel 78 Prozent Gegner der Minarette ermittelt. In Frankreich werden die
Migranten einerseits besser als in anderen europäischen Staaten toleriert, aber
andererseits, sagt dieser Forscher, "der Islam beunruhigt: er wird als eine
Religion von Eroberern wahrgenommen". "Seine Ausbreitung und seine
Kollektivrituale stören die katholische Grundlage unserer Gesellschaft". Das
Minarett, selbst ohne Muezzin, erscheint als das allzu sichtbare Sinnbild der
moslemischen Präsenz in Frankreich.
Der Religionssoziologe Jean-Paul Willaime erklärt einer Journalistin des Figaro,
dass die französische Gesellschaft „zwar laizistisch ist", aber "nicht
religionslos", denn das "Kollektivbewusstsein ist vom Christentum durchdrungen".
Das Minarett ist das Zeichen eines Religionspluralismus, der nicht gut verdaut
wird. Hinzu kommt, dass grosse religiöse Denkmäler Symbole politischer Macht
sind; im 19. Jahrhundert durften die Protestanten nur in Nebenstrassen ihre
Kultstätten bauen. In Deutschland hat Angela Merkel gesagt, man dürfe Minarette
nur unter der Bedingung errichten, dass sie nicht höher als die Kirchtürme
emporragen. Der Einbruch des Islams bringt eine alte Ordnung durcheinander.
Unsere Staatsordnung ist eine Katho-Laizität: Wochentage, Feiertage,
Essgewohnheiten, und Monumente bringen eine christliche Kultur zum Ausdruck".
Dieser Wissenschaftler fügt hinzu, dass der Islam "als Religion der Riten viel
sichtbarer als die christliche Religion ist". Daher das Gefühl, dass sie ihre
Praxis in den Europa-Raum durchsetzen will. Es wird notwendig sein, dass sie
sich anpasst, um die Spannungen abzubauen, meint er. Ausserdem muss die
Gegenseitigkeit berücksichtigt werden. Christliche Minderheiten leiden in
mohammedanischen Staaten unter Verfolgung und Intoleranz. Das Schweizer Votum
hat auch diese Frage aufgeworfen.
Bisher wurde Kritik gegen den Bau von Moscheen in Frankreich im Namen der
Laizität, d.h. der Religionsneutralität des Staates, die in Frankreich
gesetzlich verankert ist, laut. Aber des Islam ist nicht allein ein Glaube an
Gott, sondern auch eine politische Religion, die es nicht schafft, Staat und
Kirche voneinander zu trennen und ihren Anhängern Lebensregeln auferlegt, die
zum Teil im Widerspruch zu unseren Verfassungen stehen. Mehr als eine Religion
ist der Islam eine religiöse Ideologie, die den Anspruch erhebt, aus der ganzen
Welt eine "Unna", eine Islamgemeinschaft zu machen. Atheisten und Agnostiker
verdienen nach der Scharia nur den Tod, andere werden nur geduldet. Der Islam
muss sich modernisieren, ja zivilisieren, wie das Christentum es getan hat.
Verstehen, dass man Gott nicht deshalb gefällt, weil man einem Lamm die Kehle
durchschneidet und Hunde und Frauen missachtet. Im Übrigen sind der Bau von
Minaretten und das Tragen des Schleiers keineswegs religiöse Vorschriften,
sondern nur arabische Bräuche. Wir glauben deshalb, dass das Agiornamento des
Islams nicht aus der arabischen Welt (und auch nicht aus der türkishen Welt, die
jetzt einen Rückfall in die "Vor-Atatürk-Ära" erlebt sondern aus dem Iran kommen
wird. Die Iraner rebellieren jetzt gegen die islamistische Diktatur und haben
erlebt, was sie an Leiden und Rückständigkeit mit sich bringt. Das iranische
Volk bezahlt dafür seit Jahren einen hohen, blutigen Zoll. Das sollten die
Gutmenschen nicht vergessen, die die Schweiz jetzt anprangern.
Ist das, was die Schweizer getan haben, „Populismus“ ? Ist es nicht eher ein Ausdruck
der Volkssouveränität? "Populismus" ist eine bequeme Wortneuschöpfung für
"Faschismus" und "Nazismus", für "Rechtsradikalismus". Das Schweizer Votum zeugt
nicht von "Irrationalismus" und von "Urängsten" sondern von sachlicher und
überlegter Beobachtung unserer Umwelt. Unsere Demokratie sollte sich hüten, den Graben zwischen
ihren politischen und intellektuellen Eliten und dem Volkswillen noch mehr zu
vertiefen. In manchen europäischen Staaten, wie z. B. in Dänemark, werden
Volksabstimmungen auf die Tagesordnung gesetzt werden. Auch die neue europäische
Verfassung lässt die Volksabstimmung zu. Das Schweizer Votum kann
weitreichende Folgen haben. Für viele, die keineswegs rechtsaussen stehen, geht
es einfach um die Erhaltung der Seele Europas. (JPP)
Die Schweiz sei ein Staat der Ungläubigen, in dem Moscheen zerstört würden, hat
Muammar al-Gaddafi in Bengasi erklärt. "Jeder Muslim in der Welt, der mit der
Schweiz zusammenarbeitet, ist ein Abtrünniger und gegen (den Propheten)
Mohammed, Gott und den Koran", sagte der Staatschef. "Die Massen der Muslime
müssen zu allen Flughäfen in der Islamischen Welt strömen und jedes Schweizer
Flugzeug an der Landung hindern, sie müssen zu allen Häfen gehen, und jedes
Schweizer Schiff am Anlegen hindern, sie müssen alle Geschäfte und Märkte
durchforsten, um den Verkauf irgendeines Schweizer Produkts zu stoppen", sagte
Gaddafi. "Lasst uns kämpfen gegen die Schweiz, den Zionismus und ausländische
Aggression", so Gaddafi weiter. Der Kampf gegen die Schweiz müsse mit allen
Mitteln geführt werden.
Gaddafi nahm das Bauverbot für Minarette in der Schweiz in Anspruch, um seine
Attacke auf die Helveten zur führen. Dabei handelt es sich um eine persönliche
Rache. Die Schweizer Regierung wollte zu dem Aufruf Gaddafis nicht Stellung
beziehen. Die diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Staaten sind seit 2008
abgebrochen. Hintergrund des Streits ist die sogenannte Hannibal-Affäre. Die
Polizei in Genf hatte 2008 Hannibal al-Gaddafi, einen Sohn von Staatschef
Muammar al-Gaddafi, wegen angeblicher Misshandlung von Hausangestellten
vorübergehend festgenommen. Daraufhin hatte Libyen zwei Schweizer Geschäftsleute
verhaftet. Im Gegenzug setzte die Schweiz prominente Libyer auf die Liste
unerwünschter Personen. Beunruhigend ist, dass Italien sich zum Fürsprecher
Gaddafis in der EU profilierte.
Gaddafi hat mit Vergeltung reagiert und verweigert nun den EU-Bürgern die
Einreise nach Libyen. Vor allem Italien, das sehr gute politische und
wirtschaftliche Kontakte zu Libyen pflegt, ist verärgert über die Schweiz. Der
italienische Innenminister Roberto Maroni kritisierte beim Treffen der EU-Innenminister
in Brüssel Ende Februar, dass die Schweiz mit ihrem verhängten Einreiseverbote
für 188 Libyer die Zukunft des Schengen-Raums aufs Spiel setze. Hintergrund ist,
dass den Personen auf der "schwarzen Liste" nicht nur die Einreise in die
Schweiz, sondern in das ganze grenzkontrollfreie Schengen-Gebiet von 25 Staaten
verweigert wird. Wer auf dieser Liste steht, erhält von keinem anderen
Schengen-Land ein Einreisevisum.
1. Ausgangspunkt
Blaise Pascal ruft angesichts seines Bekehrungserlebnisses Gott an: Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jacobs! In dem Choral Lobe den Herrn, meine Seele… (Herrnschmidt 1714) lautet die 3. Strophe Selig, ja selig ist der zu nennen, des Hilfe der Gott Jacobs ist. Christen bekennen also anscheinend denselben Gott wie die Juden. Der Gott Jacobs war auch der Gott Mohammeds, den er anstelle der Stammesgötzen als den einzigen Gott erkannte. Damit haben wir also auch denselben Gott wie der Islam. Der Gott Jacobs heißt Jahwe.
Jahwe scheint freilich in der christlichen Kirche niemals angerufen worden zu sein. Wir sagen Jehova. Crasselius dichtete in seinem Choral (1695): Dir , dir Jehova, will ich singen, denn wo ist wohl ein solcher Gott wie du? Jehova ist die sprachliche Form von JHWH, welche durch die Vokalisierung der hebräischen Schreibweise entsteht. Aber auch von Jehova spricht man in der Kirche kaum noch. Die erste Zeile des genannten, sonst unveränderten Chorals wurde daher modern angepasst und lautet jetzt: Dir, dir du Höchster…( EG 328). Ist das ein anderer, minder jüdischer, dafür christlicherer Gott als früher? War es damals ein falscher, heute ein richtiger Name für den Herrn der Heerscharen– oder umgekehrt?
Eine deutschsprachige islamische Gemeinde würde zwar das Wort Gott verwenden, nicht aber dem obigen Vers von Herrnschmidt beistimmen. Eine christliche Gemeinde arabischer Sprache setzte sich sogar dem Vorwurf der Lästerung aus, wenn sie von dem Dreieinigen Allah, Vater Sohn und heiligem Geist spräche. Die Frage nach dem richtigen Namen Gottes gerät, insbesondere im Verhältnis zum Islam, aus dem Bereich der Mystik in den der handfesten kulturpolitischen Auseinandersetzung. Folgende Ausführungen sollen helfen, das Terrain des, wie zu erwarten heftigen, Aufeinandertreffens etwas zu erkunden.
2. Überblick
Es wäre sehr lohnend, aus möglichst vielen Sprachen herauszuarbeiten, was wir Menschen von dem höchsten Wesen denken. Dazu kann etymologische Ableitung des Gottesnamens bzw. des Wortes für Gott beitragen. Das könnte dem Muster folgender Übersicht geschehen.
Gott, god, gud auf Deutsch und in den germanische Sprachen: die Etymologische Ableitung ist unklar; vielleicht von ursprachlich ghau = anrufen; daraus Partizip ghau-to = der Angerufene. (Q: Pfeifer, W. dtv, Etymologisches Wörterbuch des Deutschen) ;
Deus auf Latein hat mit divus; dives= reich; divitiae = Reichtümer zu tun ; dio, dios, dieu in den romanischen Sprachen (Frz, It, Span, Port) ist ganz klar eine Ableitung von lat. Deus, aber ursprachlich hängt es möglicherweise mit dem Indischen deva (weibliche Gottheiten) ;
Auf Rumänisch dumnezeu (Gott) kommt offenbar aus: dominus Zeus;
Das Griechische theos kommt nach Plato von theo = schauen; Göttervater Zeus hat mit tithemi= stellen, setzen, gründen zu tun; Zeus ist offenbar mit „theos – deus“ verwandt;
Im Slawischen (Russ. u.a.) heißt Gott „bog“, das Wort ist verwandt mit bogatyj = reich; vgl. auch lateinisch: divus – divitiae = Reichtum ;
Auf Semitisch (Arabisch, Hebräisch) El; ilah bedeutet Herr; erwähnenstwert ist der Einheitsartikel al im Arabischen: al –ilah = der;
Auf Chinesisch ist Gott shang di: shang = hoch; di (Verwandtschaft mit indogermanisch di?) = hoch, gewaltig, zusammen also: svw. wie „Hochgewaltiges Wesen“; daher auch Kaiser. Di guo = (hoch – Staat) = Imperium.
Göttin= shen ; aber es gibt auch die Bedeutung Spuk- und Geisterwesen.
Die katholische abendländische Kirche sprach Latein. Auf diesem sprachlichen Hintergrund fällt die Merkwürdigkeit fast nicht auf, dass die katholische Kirche und die romanischen Sprachen den lateinischen heidnischen Gottesnamen benutzen. deus und seine Umformungen in den romanischen Sprachen; im Rumänischen ganz unverhüllt als ehemals dominus zeus. Der Micul Catehism ( = Kleine Katechismus) der rumänischen orthodoxen Kirche von 2005, beginnt: Credinta este legatura directa dintre Dumnezeu si …. Es wäre es der Mühe wert, aus der Sprachgeschichte dem Gottesverständnis nachzugehen. Gott ist der, der große und gewaltige, der Schöpfer und Beherrscher des Alls: dives oder, wie im Slawischen, bogatyi. Augustinus ( 354 – 430) schwelgt in Worten aus diesem Bedeutungsfeld: Summe, optime, potentissime, omnipotentissime - höchster, bester, mächtigster, allerallmächtigster.. usw. In seinen Selbstgesprächen geht es wie folgt: Deus universitatis conditor, deus veritatis – deus sapientiae- deus vitae – beatitudo – bonum et pulchrum - Gott Schöpfer des Weltganzen, Gott der Wahrheit – Gott des Lebens – der Glückseligkeit - des Guten und Schönen usw. Die Orthodoxe Kirche scheint überhaupt nur die Kraft- und Machtseite Gottes zu kennen. Gott ist hier der Allmächtige und der ihm wesensgleiche Christus der Pantokrator, Allherrscher.
Luther hat die obige etymologische Herleitung des Wortes Gott gewiss nicht gekannt. Es ist daher auffällig, wenn er im Großen Katechismus Gott in genau diesem Sinne beschreibt, nämlich als den, den man anruft: Ein Gott heißet das, wozu man sich versehen soll alles Guten und Zuflucht haben in allen Nöten. Das Augsburger Bekenntnis formuliert umfassender, aber ähnlich: Zuerst wird einträchtig laut Beschluss des Konzils von Nizäa gelehrt und festgehalten, dass ein einziges göttliches Wesen sei, das Gott genannt ist...... ..unendlich von unermesslicher Macht, Weisheit und Güte, ein Schöpfer und Erhalter aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge.
Das semitische Gottesbild begegnet erstmals in den mesopotamischen Großreichen. Gewaltig und von keinen Beschränkungen wissend, ist der Herrscher der vier Erdteile, und sein Gott ist dann noch viel unumschränkter. Gott interessiert sich aber nicht für die weite Welt, seine Funktion als Weltschöpfer scheint zurückzutreten hinter seiner Aufgabe, seinem Volk ein mächtiger helfender König zu sein. Er ist im henotheistischen Sinne, der König der Stadt, des Staates, des Imperiums. Die Gleichsetzung von Gott und Staat scheint eine Besonderheit dieser Gottesvorstellungen zu sein.
In China fällt seit jeher die Gottesferne nicht Gottesleugnung, auf, die höfliche Distanz des Menschen vor dem ganz Hohen. Der irdische Kaiser ist der Himmelssohn. Das schon in grauer Vorzeit Millionenvolk der Chinesen erstirbt in Ehrfurcht vor diesem einzigen Menschen, der sich aus der gesichtslosen Masse der Millionen herausragt. Kaiser und Gott sind fast dasselbe.
3. Die vielen Namen Gottes
Der herkömmliche Gegensatz zwischen Polytheismus und Monotheismus scheint sich immer mehr aufzulösen. Gab es jemals einen wirklichen Polytheismus, jemals einen wirklichen Monotheismus? Das Göttliche erscheint in allen Religionen unter mehreren Namen und Funktionen. Der Hauptunterschied der Religionen scheint darin zu liegen, ob und wie Gottesnamen verschiedene Funktionen des Göttlichen bezeichnen oder ob sie, wie in der indischen und griechischen Religion, in göttlichen Personen ausgebildet werden. Die Überschneidungen und Übergänge beider Formen werden für die älteste uns deutbare, die altägyptische Religion von E. Hornung heraus gearbeitet.
Der wahre unter den mehreren Namen Gottes ist auch den Juden unbekannt. Das AT kennt mehrere, welche verschiedene Funktionen Gottes umschreiben. Jahwe/ JHWH bezeichnete Gott in seiner lebenden Zuwendung zum Menschen; Elohim sollte seine Gerechtigkeit ausdrücken; der Herr Zeba'oth (Gott bzw. Herr „der Heerscharen“) ist der kriegsmächtige Herr; als El schaddaj bestraft Gott das Böse. Es wird aber bestritten, es seien hier unterschiedliche Götter gemeint. Ähnlich im Islam. Hier werden um den abstrakten Namen Gott (= Allah) zusätzlich 99 Ehrennamen gelegt. Man sieht in islamischen Ländern oft aufwendigen Kalligraphien, in denen diese 1 + 99 Namen Gottes aufgeschrieben sind. Sind nicht die Heiligen der Kirche mit ihren bestimmte Zuständigkeiten (vgl. die 14 Nothelfer) etwas so ganz Verschiedenes?
Die heutigen Glaubensformen im Christentum, aber vermutlich auch in anderen Großreligionen, laufen offenbar auf eine schrittweise Kompetenzverkürzung des Göttlichen hinaus. Es gibt offenbar nur wenige Gottesleugner, aber anscheinend immer mehr Menschen, die Gott als eine Art weltentrücktes Fatum verstehen. Es entwickelt sich ein steriler Monotheismus, ein Glaube an Gott, der dem Glauben an die Allgewalt der Naturgesetze immer ähnlicher wird. Bonhoeffer sagt aber: Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.
4. Dreifaltigkeit
Das christliche Trinitätsdogma erweist sich als Kompromiss zwischen der Vielgötterei und einem sterilen Monotheismus. Gott ist nicht drei, wie der Islam polemisch sagt, Gott ist einer, aber hat drei Namen, unter welchen wir sein Wirken in der Welt sehen und suchen sollen. Vielleicht hat Gott wie im Islam auch im Christentum 100, oder so viel, wie es Heilige gibt. Vielleicht aber hat Gott so viele Namen, wie es über die Weltzeit in allen Ausprägungen des Glaubens Gläubige gab, gibt und geben wird. Will Gott doch allen Menschen gerecht werden. So mein es Goethe in seinem oft zitierten Strophe aus dem West-Östlichen Divan:
Er, der einzige Gerechte,
will für jeden nur das Rechte.
Sei von seinen hundert Namen,
dieser hoch gelobet. Amen.
Dr. M. Aden
● Der Papst will Luther rehabilitieren
Der Papst Benedikt XVI. will nach Informationen der Londoner « Times » den Reformator Martin Luther (1483- 1546) rehabilitieren. Im September 2008 wird er erklären, dass Luther, der vom Papst Leo X. (1475-1521) im Jahr 1520 exkommuniziert wurde, kein Irrlehrer gewesen sei. Er habe die Kirche nicht spalten, sondern lediglich von korrupten Praktiken reinigen wollen. Der Bericht der Online-Ausgabe der „Times“ beruft sich aus Vatikan-Quellen. Zu diesem Zweck wird der Papst im Sommer rund 40 Theologen in der Residenz Castel Gondolfo sammeln, um darüber zu diskutieren. Die Initiative hat der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Walter Kasper. Nach dessen Ansicht wird das zur Forderung des Dialogs zwischen Katholiken und Protestanten beitragen. Ferner könnte es ein Gegengewicht zu Vatikan-Dokumenten bilden, die den evangelischen Kirchen einen gleichberechtigten Status verwehren und sie nur las „kirchliche Gemeinschaften“ betrachten. „Wir können wir von Luther lernen, sagt Kasper, beginnend mit der Bedeutung, die er dem Wort Gottes zumaß“. Luthers Reformen hätten vor 500 Jahren den päpstlichen Zorn erregt, könnten heute aber als vorausschauende Aspekte von Reformen betrachtet werden, die die Kirche im Laufe der Zeit angenommen habe. Luther hatte das Papsttum herausgefordert, indem er in seinen 95 Thesen von 1517 die Ablasspraxis scharf kritisierte und die Bibel als einzige Quelle christlicher Autorität erklärte. Er machte sie durch seine Übersetzung ins Deutsche der breiten Bevölkerung zugänglich. Es liegt auf der Hand, dass nur ein deutscher Papst diesen Schritt vollziehen kann. Benedikt XVI. wird dieses wichtige Signal der Nachwelt hinterlassen.
● Keine Scharia in Deutschland
Kritik am Vorschlag des geistlichen Oberhaupts der Anglikaner, Erzbischof Rowan Williams, Teile des islamischen Religionsgesetzes, der Scharia, in Großbritannien gelten zu lassen, hat der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber, geübt. „Es ist ein falscher Ansatz von einem doppelten Recht auszugehen und sich davon Integration zu erhoffen“, sagte er. Zwar müsse man die Frage stellen, inwieweit kulturelle Besonderheiten innerhalb des Rechtssystems einen legitimen Ort haben könnten. „Aber man muss gerade darauf aus sein, dass es in einem Land ein Recht gibt“. Williams hatte sich dafür ausgesprochen, die Scharia als Alternative in Teilen des Zivilrechts anzuerkennen. Als ein Beispiel nannte er das Familienrecht. Extreme strafrechtliche Anwendungen – also etwa Hände abhacken für Diebstahl, Steinigung für Ehebruch oder die Todesstrafe wegen des Religionswechsels von Muslimen – hält Williams jedoch für ausgeschlossen.
Friedenssehnsucht
Die Geburtsgeschichte Jesu nach dem Evangelisten Lukas zeigt deutliche Ähnlichkeiten mit der 4. Ekloge des römischen Dichters Vergil. Lukas war nicht jüdischer Herkunft, Griechisch war seine Muttersprache, und er war offenbar im Besitz des griechisch–römischen Bildungswissens seiner Zeit. Vergil (70 - 19 v. Chr.) galt zur Zeit des Lukas als eine Art römischer Nationaldichter. Man wird es nicht förmlich beweisen können, aber es ist wahrscheinlich, dass Lukas die 4. Ekloge Vergils gekannt hat. Diese war um 40 v. Chr. entstanden. Seine literarische Einordnung ist umstritten. Vielleicht ist es nur ein Gelegenheitsgedicht für einen Freund auf die Geburt von dessen Sohn. Wahrscheinlicher ist, dass Vergil im Osten des Reiches das weit verbreitete Bild der Jungfrauengeburt und des erwarteten Welterlösers kennen gelernt hatte und auf Caesar (gest. 44 v. Chr. ) oder, wohl eher, auf Kaiser Augustus (31 - 14 n. Christus). In diesem Gedicht verbinden sich messianische Erwartungen orientalischen Ursprungs mit einer tiefen Sehnsucht nach Frieden. Seit über hundert Jahren hatten äußere und innere Kriege die Welt bewegt. Nun hatte Augustus die Tore des dem Kriegsgottes Mars geweihten Tempels geschlossen. Die hier entscheidenden Stellen des Gedichtes lauten (ÜvV):
Schon hat die letzte Epoche, wie lange verheißen, begonnen, groß und vom Grunde erneuert tritt der Äon hervor. Siehe, die Jungfrau ist da! 1[1]Es kommt das Alte zurück, und vom Himmel gesandt, wächst ein neues Geschlecht. Uns wird ein Sohn bald geboren, der wird das Alte beenden, und in Herrlichkeit wird Menschheit und Welt neu erstehn. Göttlichen Wesens er selbst, wird er mit Heroen und Göttern wie unter Gleichen verkehren, als einer von ihnen verehrt, denn die befriedete Welt regiert er mit Recht wie vor alters... Anfangs freilich noch wird die Erde nur kleine Geschenke Dir, o göttlicher Sohn, aus Blumen und Efeu verehren, üppig winden sich Ranken und Blüten, dich zu erfreun. Aber schon geht ohne Furcht die Ziege zum Melken nach Hause, und den gewaltigen Leu fürchtet nimmer das Rind. Aus deiner Wiege erwachsen Blumen und schmeichelndes Laub. Tot ist die Schlange, und auch die Gifte der giftigen Kräuter wachsen nicht mehr, und es wird Balsam nur allumher blühn. Komm doch, Kind, komme bald. Mit Lachen grüße die Mutter, die schon lange, zu lang, zehn volle Monde dich trug. Komm erwarteter Sohn, die Eltern warten mit Freuden. Also bist du gewiss den Menschen und Göttern erwünscht.
Christliche Deutung
Die Renaissance sah dieses Gedicht als eine Vorausweisung auf Jesu Geburt. Aus diesem Grunde galt Vergil im Mittelalter als eine Art „Ehrenchrist,“ was ihn zu seiner besonderen Stellung in Dantes Comoedia geeignet machte. Vielleicht sah Lukas das ebenso und erkannte, dass der nun in Jesus erschienene Weltheiland nicht nur von den Juden, sondern auch von den Nichtjuden erwartet worden war. Wenn Lukas seinen Lesern die Bedeutung Jesu sinnfällig machen wollte, lag es nahe, dass er auf deren Bildungswissen aufsetzte. Der jüdische Begriff Messias war und außerhalb Israels unbekannt. In diesem Gedicht aber konnte Jesus diesen Christen als der Weltheiland gezeigt werden, den Vergil schon, aus der Zeit des Lukas gerechnet, 100 Jahre zuvor angekündigt hatte. Die Weihnachtsgeschichte des Lukas wirkt so, als ob sie diesem Gedicht nachgeschrieben worden wäre.
Heute
Auch wir haben wie Rom zur Zeit des Augustus über hundert Jahre Krieg hinter uns. Die Hoffnung auf Frieden, auf einen Erlöser von allem, was uns ängstet und beschwert, von Krieg und wirtschaftlichem Ungemach, flackert immer wieder auf. Die überraschende und beängstigende Wiederauferstehung Stalins in Russland steht daher eigentlich in einer Linie mit der irrationalen Begeisterung der weißen Europäer über die Wahl von Obama in den USA, und der verängstigten Zuversicht von Sozialisten, der Staat werde die derzeitige Finanzkrise meistern. Je undurchschaubarer die Strukturen und Abläufe, desto eher ist man bereit, hinter dem Schleier das Rettende zu glauben. Die Europäische Union mit ihren undurchschaubaren Strukturen scheint für viele eine solche transzendente Instanz geworden, ein Heilsbringer. Ihr Vertrauen wir unser Bedürfnis nach Sicherheit und Wohlstand an, und wollen daher gar nicht so genau wissen, wie sie funktioniert und was im Vertrag von Lissabon steht.
Die Geschichte Roms ging aber trotz eines momentanen Friedens weiter. Die Geburt Jesu war, so die Meinung vieler Historiker, der Beginn des Endes des Friedens. Ab Augustus ging das bis dahin aggressive Römische Reich in den Verteidigungszustand über und erlag schließlich. Ob es uns, als Teil der bis vor kurzem aggressiven weißen Rasse sehr viel anders gehen wird? Die Botschaft Gottes an die Menschen zu Weihnachten ist: Es gibt keinen Ausruhfrieden auf der Welt. Er muss täglich neu durch Wachsamkeit errungen werden.
Aber wir machen es uns lieber noch etwas bequem. Für uns wird es schon noch reichen. Kinder, für die wir sorgen müssten, haben wir ja keine.
Menno Aden
[1] Die Jungfrau meint die keusche Göttin Asträa, welche als letzte Göttin die Erde verließ, wodurch das Goldene Zeitalter endete, vgl. Ovid Metamorphosen, Buch I. 162: Victa iacet pietas, et Virgo caede madentes/ Ultima coelestum terras Astraea. Jetzt kehrt sie zurück und kann vielleicht als Mutter des göttlichen Knaben angesehen werden, mit welchem das neue Zeitalter anhebt.
● Der Vatikan nennt neue Sünden
Der Vatikan hat seine Liste der Todessünden modernisiert bzw. aktualisiert. Das Register stammte noch aus dem Mittelalter. Wo einst Geiz, Neid, Zorn, Wollust, Völlerei und Trägheit die Sünden-Liste anführten, steht nunmehr Drogenhandel, Drogenkonsum, Geldverschwendung und Missbrauch von Kindern.
● Christlicher Glaube ist für die Moslems Häresie
In seinem bemerkenswerten und dokumentierten Beitrag über die Beziehungen zur Türkei ( hier oben unter „Europa“ ) stellt Jürgen Liminski die Frage, ob die (Christ-) Demokraten und einfach die Christen in Europa noch wissen, was sie vom Islam unterscheidet? Der Islam, meint er, weiß nichts von der Freiheit der Kinder Gottes, von der Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott, von der persönlichen Liebe Gottes zu den Menschen, von der Menschwerdung Gottes aus Liebe zu den Menschen, von der Freiheit als „Maß für die Würde und die Größe des Menschen“ (Johannes Paul II vor der UNO), von der Dreifaltigkeit als Einheit in der Vielfalt und als Prinzip der Liebe. All das ist für den frommen Muslim schlicht Häresie.
Religiöse Menschen führen im Allgemeinen ein zufriedeneres und glücklicheres Leben als ihre ungläubigen Zeitgenossen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung im Auftrag der britischen Königlichen Ökonomischen Gesellschaft. Danach leiden Fromme beispielsweise weniger, wenn sie arbeitslos werden. Allerdings legen sie sich bei der Arbeitsplatzsuche weniger ins Zeug. Eine Scheidung können sie ebenfalls besser verkraften. Der Glaube wirke wie eine Versicherung gegen persönliche Katastrophen.