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Ernst Jünger oder ein anderer Gruß nach vorn!
Bericht vom
Ernst-Jünger-Symposion im Kloster Heiligkreuztal
Einem breiteren Nachkriegs-Publikum bekannt wurde der Schriftsteller und
Offizier Ernst Jünger (*29.3.1895 Heidelberg +17.2.1998 in
Wilflingen/Württ.), als ihn 1985 Bundeskanzler Helmut Kohl und der
französische Staatspräsident Francois Mitterrand gemeinsam zu seinem 90.
Geburtstag im Forsthaus Wilflingen besuchten. Auf dem Symposion vom
15.-17.4.2011 im Kloster Heiligkreuztal, zu dem auch die beiden
französischen Germanisten Julien Hervier und François Poncet anreisten,
konnten die ca. 80 anwesenden Jünger-Freunde mehr über ihren verehrten
Autor erfahren.
Der Übersetzer Julien Hervier hatte Ernst Jünger noch persönlich
gekannt. Im Jahr 1986 gab er seine „Gespräche mit Ernst Jünger“ in
Buchform heraus. Und ließ dem deutschen Schriftsteller die Ehre zuteil
werden, über die berühmte französische Buchreihe „Les Pléiades“ seine
Werke in Übersetzung dem vielköpfigen französischsprachigen Publikum
näher zu bringen. Elitär soll Ernst Jünger angeblich gedacht haben und
gewesen sein, doch wer bedenkt, dass er ein eher mittelmäßiger Schüler
war, 1913 gar zur Fremdenlegion nach Frankreich flüchtete und später ein
ihm von der NS-Partei mehrmals angebotenes Reichstags-Mandat ablehnte,
besitzt genügend Argumente, um diesen angeblichen Elitismus zu
widerlegen. „Ein abenteuerliches Herz“ darf man Jünger umso mehr
bescheinigen! Das Leben als Abenteuer, das darf man wagen. Da ist viel
Nietzscheanismus drin. Und Jünger wollte wagen, nicht nur in Nordafrika
bei der Fremdenlegion, von wo ihn sein Vater nach einigen Wochen wieder
zurückholte. Am I. Weltkrieg nahm der damals 19Jährige als Freiwilliger
teil. Stoßtruppführer Jünger wurde viermal verwundet und rettete
persönlich seinen verwundeten Bruder Georg Friedrich vom Schlachtfeld
bei Langemarck. Dort, wo binnen weniger Tage über 10.000 deutsche
Studenten in Uniform den Heldentod starben. An den leise vorgetragenen
Bericht des belgischen Fremdenführers 90 Jahre später kann ich mich noch
gut erinnern. Auch er konnte eine gewisse Bewunderung für diese
blutjunge Sturm-Truppen nicht verbergen, die den Tod nicht fürchteten
und mit dem Lied „Deutschland, Deutschland über alles“ auf den Lippen
fielen.
War Ernst Jünger ein Romantiker, fragte denn auch der polnische
Germanist Wojciech Kuniki in seinem Referat, das er bereits am
Samstagnachmittag hielt. Kuniki bejahte diese rhetorische Frage,
wenngleich er seine Affirmation einschränkte mit dem Hinweis, es sei
eine Art Selbsthass oder Selbstzerfleischung gewesen, mit der sich
Jünger gegen die Romantik wendete. Wer sich der Schriften Jüngers über
den Krieg in den schmutzigen, wassergefüllten Schützengräben und
Bombentrichtern erinnert (z.B. „In Stahlgewittern“, 1920 ersch.), wird
leicht feststellen, dass er dies keineswegs mit Wohlbehagen und
Wohlbefinden tut. Er schildert die verwegenen Sturmläufe durch
Stacheldrahtverhaue und vor allem das Trommelfeuer der Artillerie durch
Tag und Nacht keineswegs als Spaziergang. Dass sich der junge, 21jährige
Leutnant wünscht, eines Tages als Zivilist nach Belgien wiederzukehren,
um die Weite der Landschaft zu genießen, muss keineswegs auf ein
romantisches Zeitverständnis deuten. Jünger führte ein vielbändiges
Tagebuch, das Einblick gibt in den mörderischen Grabenkrieg. Es waren 10
Kladden, die der Heidelberger Germanist Helmut Kiesel vor versammelter
Jünger-Gemeinde in Heiligkreuztal minutiös beschrieb und auswertete. Das
ging bis zur Wahl der Tinte. Als Diaprojektionen wurden die
Original-Tagebücher auf der Tagung vorgestellt, einzelne Seiten mit dem
Notebook aufgeblättert. Ein tiefer Einblick in das Denken eines
Frontsoldaten, der Schreckliches erleben musste und viele Jahrer
brauchte, um alles zu verarbeiten und zu „verdauen.“ Zu verschiedenen
Umformungen der im Tagebuch niedergeschriebenen Erlebnisse im Buch nahm
Kiesel eingehend Stellung.
Jüngers innere Führung: „Er war ein Held“
Man war bemüht, Ernst Jünger, der auch am II. Weltkrieg als Soldat
teilnahm, nicht als preußischen Militaristen erscheinen zu lassen: Er
erschoss den englischen Offizier nicht, der zu weit vorgestürmt war und
ihm nun in Todesangst die Fotografie seiner Familie vorhielt. Jüngers
Mutter war übrigens katholischer Konfession, während er selbst, wie sein
Vater, dem Protestantismus angehörte. Immerhin quittierte er den Dienst
bei der Reichswehr bereits 1923. Bis dahin hatte er neue
Dienstvorschriften für den Infanteriekampf verfasst, die Prof. Francois
Poncet aus Paris erläuterte. Er sieht in ihm dennoch einen
Intellektuellen, denn von der Reichswehr ging Jünger zur Universität
nach Leipzig. Dort studierte er Zoologie und Philosophie. In Flanderns
Schützengräben hatte er Nietzsche und Schopenhauer, dazu entomologische
Fachzeitschriften gelesen. Gewiss fühlte er in seinem Innern, dass die
Schule, der er entflohen war, ein besseres Mittel als der Krieg ist, um
sich im Leben zu behaupten und etwas zu leisten. Doch Jünger wurde in
der Weimarer Zeit auch zum politischen Schriftsteller, einem
antirepublikanischen obendrein. Dem sog. Nationalbolschewiken Ernst
Niekiesch fühlte er sich mehr verbunden als Hitlers Nationalsozialismus.
Francois Poncet schlug einen weiten Bogen von den Dienstvorschriften
Jüngers mit Anweisungen zur Taktik des Gefechts und einer Anleitung für
Minenwerfer zu dessen geradezu berühmt gewordenen Werk „Der Arbeiter“
von 1930. Der Arbeiter will die Macht durch die Technik zurückgewinnen.
Nach dem französischen Germanisten ersehnte Jünger eine
„Wahrnehmungselite.“ Die gibt und gab es gewiss schon immer, doch die
entscheidende Frage seit der weisen Kassandra ist, ob man auch hört auf
diese Wahrnehmungselite? Anders formuliert: Sind wir modernen
Abendländer nicht doch bei Kassandra stehen geblieben - ohne jene Stufe
des Denkens überwinden zu können? Nach Francois Poncet sollte „Der
Arbeiter“ die Wendung herbeiführen: „Weltanschauungen verschwinden durch
Zerschneiden der Welt. Der rasende technische Fortschritt wird erst
durch synoptische Schau eingehegt!“ schloss der französische Germanist
seinen anspruchsvollen Vortrag mit Jünger-Zitaten und erinnerte nochmals
als „Das Gefecht als Vorschule der Ästhetik.“
Hier sei nochmals der aus Wroclaw (Breslau) angereiste polnische
Germanist Kuniki zitiert, der Ernst Jünger mit den Visualisierungen des
Krieges in der literarischen Romantik vergleicht: Krieg sei kein
natürlicher Vorgang, sondern die Verschmelzung von Natur und Unnatur.
Tote bei Kerzenschein sähen aus wie Wachsgesichter, doch wird Leben erst
nach schlimmen Überlebensmomenten lebenswert, frage Jünger? Helmut
Lethen von der ZEIT nannte Jünger zeitweise Humanist, zeitweise
Draufgänger.
Im sich anschließenden Vortrag des Bibliothekars Martin Tielke, Aurich,
wurde das kurze Leben von „Ernstel“, Jüngers ältestem Sohns erörtert. Er
war als 17jähriger Schüler auf dem Gymnasium im Gefängnis gelandet, weil
er 1943 sagte „Der Hitler gehört aufgehängt und ich würde sogar an
seinem Strick ziehen!“ Diese Meinung war nicht allzu weit von der seines
Vaters entfernt, der sich angesichts der Vorkommnisse in Russland wie
z.B. Massenexekutionen angeekelt abwandte. Sohn Ernstel wurde mit seinem
ein Jahr älteren Gesinnungsgenossen, dem späteren Verleger Wolf Jobst
Siedler, eingesperrt. Es drohte ihnen schlimmstenfalls ein Todesurteil,
wenn sie nicht widerriefen. Kurzerhand hängte sich Vater Jünger seinen
„Pour le merite“-Orden und das EK-I um, reiste nach Berlin, um bei
Admiral Dönitz vorzusprechen. Doch unschlüssig irrte er durch Berlins
Straßen, hielt letztlich einen solchen Bittgang für einen Offizier
unpassend und kehrte, ohne vorstellig geworden zu sein, wieder nach
Hannover zurück. Sohn Ernstel erhielt zunächst neun Monate Gefängnis,
kam anschließend in ein SS-Regiment und fiel 1944 durch Partisanenhand
bei den Steinbrüchen von Carrara in Italien. Vater Jünger glaubte eher
an „vorsätzlichen Mord!“ Dem Tod, dem er selbst so oft und knapp
entgangen war, traf ihn an besonders schmerzlicher Stelle.
Da Referent Sandro Gorgone aus Messina kurzfristig erkrankt war, verlas
Dr. Knapp, Vorstand des Freundeskreises „Ernst und Georg Friedrich
Jünger“ dessen Vortrag. Hier ging es um den Frieden bei Ernst Jünger,
der 1932 das Vorwort zu Edmund Schultz Buch „Die veränderte Welt von
1918-1932“, verfasste. Dort heisst es wörtlich: „Die Fotografie ist eine
Waffe, deren sich der Typus bedient. Das Sein ist ihm ein Angriffsakt.“
Wer denkt hier nicht an die beiden kürzlich in Libyen durch
Granateinschlag tödlich verletzten amerikanischen Fotojournalisten und
den Fotoapparat als Angriffswaffe?- Gorgone zitiert Ernst Jünger in der
besten Tradition des italienischen Futurismo: „Die Elektrizifizierung
ist die Grundlage einer neuen Kraftwirtschaft.“ Und die Typisierung des
Menschen sei eine nihilistische Macht, die die Welt der Arbeit
durchdringe. Gewiss war Jünger die Proletarisierung der Arbeitswelt ein
Gräuel.
Ernst Jünger in Norwegen Myrdun
Der Autor von „Auf den Marmorklippen“ von 1939 ging mit diesem Werk auf
Distanz zum Nationalsozialismus – und zog dennoch als Offizier die
Wehrmachtsuniform an. Jünger zählte sich zweifelsohne – wie sein
Schriftsteller-Kollege Gottfried Benn in Berlin – zur „inneren
Emigration.“ Diese Charakteristik umschließt diejenigen, die sich vom
Nationalsozialismus entfernt und losgelöst hatten. Der NS galt er
bereits der Konspiration verdächtig, doch konnte man einen solch
berühmten nationalen Schriftsteller, WK-I-Teilnehmer und
Ritterkreuzträger kaum einsperren oder in die Emigration zwingen. So
wurde Jünger trotz offizieller Bedenken nach Paris abkommandiert. Jünger
gefiel es in Paris, dort pulsierte das Leben nach wie vor. Wieder füllte
er Tagebücher mit Ereignissen an, berichtete über allerlei und allerhand
Erlebnisse, die nun eher ziviler Art waren. Dann wurde er in den
Kaukasus abkommandiert, inspizierte die Front bei Stalingrad und
überflog als einer der letzten den berühmten „Kessel.“ Was er im Osten
sah, gefiel ihm überhaupt nicht, speziell die Judenvernichtungen
thematisierte er. Dann, nach Stalingrad, erschien Myrdun, Reiseliteratur
von Ernst Jünger, gedruckt in einem Wehrmachtsblatt. Im Jahr 1935 war er
für einige Wochen nach Norwegen gereist. Gemeinsam mit dem Kameraden
Ernst Fischer, der emigrieren wollte und sich später auch tatsächlich
aus Deutschland absetzte. Von seiner Norwegen-Reise brachte Jünger
schöne Erlebnisse und Landschaftseindrücke zurück, die er nun
druckfertig umformulierte.
Trotz eines 1942 erlassenen Veröffentlichungsverbots publizierte die in
Norwegen erscheinende Wehrmachtszeitschrift diese Reisebilder,
berichtete der Doktorand Jan Robert Weber, Berlin, am Sonntagmorgen in
seinem aufschlussreichen Forschungs-Beitrag. Myrdun als Assoziation zu
Verdun? Dies ist möglich, denn in Norwegen hatte Jünger sein
Kriegs-Trauma bewältigt. Es waren harmlose Reisebilder, die Jünger
verbreitete, incl. des Flirts mit einer Norwegerin, die seine
Begleiterin auf Bergtouren wurde. Dass er mit keinem Wort auf die
deutsche Besatzung Norwegens einging, mag erstaunen, sagte Referent
Weber, doch handelte es sich ausschließlich um Reise- bzw.
Unterhaltungsliteratur. So kam darin weder der bei den Norwegern
verhasste „Reichsverweser“ jenes damaligen, vermeintlich
„germanisch-nordischen Reiches“ vor, noch nannte Jünger Terboven beim
Namen. Dessen Untaten als Besatzer ließen sogar einen deutschfreundlich
gesinnten Schriftsteller wie Knut Hamsun auf dem Obersalzberg bei Hitler
vorstellig werden. Und wenn Paris, wohin Jünger 1944 zurückkehrte, trotz
der Résistance-Attacken nicht brannte, so richteten die SS-Divisionen
dennoch eine Unzahl von Vergeltungstaten in der französischen Provinz
an, deren heute noch von den Überlebenden gedacht wird. Ernst Jünger hat
darüber dezidiert geschwiegen, ebenso zu den Bomben, die die deutschen
Städte in Schutt und Asche legten und Abertausenden Zivilisten das Leben
kosteten: Waren im WK-I die Sterbeziffern bei den Militärs noch höher
als bei den Zivilisten, so änderte sich dies im WK-II grundlegend.
Noch vor Kriegsende 1945 zog Jünger die Wehrmachts-Uniform wieder aus.
Doch den Fragebogen der englischen Besatzungssoldaten in Hannover wollte
er nicht ausfüllen und emigrierte deshalb in die französische
Besatzungszone. Rund 50 Jahre lebte er in der Einsamkeit des
Stauffenbergischen Forsthauses in Wilflingen, Württemberg, wo nur der
Stundenschlag einer Kirchenglocke weithin zu vernehmen war. Jünger
schrieb und reiste viel, wurde 102 Jahre alt. Im Alter von 100 Jahren
trat er heimlich zum katholischen Glauben über. Nicht einmal seine
zweite Ehefrau, die promovierte Germanistin Dr. Liselotte Lohrer
(1917-2010) erfuhr davon. Ihr gemeinsames Wohnhaus, das gräfliche
Forsthaus Wilflingen, wurde am 30.3.2011 als „Ernst- und
Georg-Friedrich-Jünger-Gedächtnisstätte“ neu eröffnet.
Richard E. Schneider
Seit 2010 verfügbar: Ernst
Jünger, Sämtliche Werke in 22 Bänden, Leinen-Ausgabe, 778.- Euro. Die
Bände sind auch einzeln verfügbar.
Man lese auch in französischer Sprache : Julien Hervier. Deux individus
contre l'histoire - Pierre Drieu La Rochelle, Ernst Jünger (broché),
Euredit, 2010. Und vom selben Autor : Entretiens avec Ernst Jünger,
Editions Gallimard (Poche), 1986.
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Ein Gespräch mit dem Historiker Daniel Koerfer
Macht „Das Amt“ es sich zu einfach?
Der Historikerbericht „Das Amt“ hat neben viel Zustimmung auch Kritik erfahren. Kann man über das Dritte Reich urteilen, ohne den Lebenshorizont der Handelnden einzubeziehen? Frank Schirrmacher sprach mit dem Historiker Daniel Koerfer, der dem Buch Pauschalisierungen und Ressentiments vorwirft. Wir drucken dieses Gespräch aus der "F.A.Z." auf Empfehlung unseres Redaktionsmitglieds Daniel Koerfer hier ab. Darauf folgt hier unten eine Diskussion über den Stellenwert dieses Buches.
Das Buch „Das Amt“, der Bericht der Historikerkommission über die Rolle des Auswärtigen Amts im Dritten Reich, hat viel Zustimmung erfahren. Die Kritik beschränkt sich großenteils auf die Rolle von Marga Henseler und die Präsentation der Reisekostenabrechnung von Franz Rademacher. Die Erwartungen an das Buch sind unterschiedlich: Während die einen durchgängig Neues erwarten, liegt bei anderen der historische Neuigkeitskern des Bandes in der Tatsache, dass dieses bestürzende Resümee eine geschichtspolitische Linie zieht, hinter die man nicht mehr zurückfallen kann. Gleichzeitig vergeht kein Tag, an dem nicht ehemalige und heutige Diplomaten eine Art Gegenexpertise einfordern. Im Untergrund der öffentlichen Debatte findet ein reger Wechsel von Noten und Gerüchten statt, der sich im Kern an dem Satz des Kommissionsmitglieds Eckart Conze festmacht, das Auswärtige Amt sei eine „verbrecherische Organisation“ gewesen.
Doch hinter dieser Auseinandersetzung steckt eine wesentliche Frage. Kann man über das Dritte Reich urteilen, ohne den Lebenshorizont der Handelnden in den Blick zu nehmen? Der Historiker Daniel Koerfer, hervorgetreten durch Studien zu Ludwig Erhard und zum Sport unter dem Hakenkreuz, ist ein profilierter Kenner Nachkriegsdeutschlands und seiner Eliten. Er formuliert hier die erste substantielle Kritik am „Amt“. Wir halten es für geboten, der Debatte weiterhin großen Raum zu geben, damit dieses Werk wirklich das wird, was es zu werden verspricht: ein Anfang.
Das Buch überschätzt die Rolle der Diplomaten: Historiker Daniel Koerfer
Frank Schirrmacher: Wir sind seit Wochen im Gespräch über das Buch „Das Amt“. Wie vorauszusehen, scheiden sich die Geister: Kann man über das Auswärtige Amt im Dritten Reich institutionell erzählen, oder benötigen wir zum wirklichen Verständnis der Vorgänge die Geschichte Einzelner? Ist „Das Amt“ ein ungerechtes oder ein gerechtes Buch?
Daniel Koerfer: Es ist ein merkwürdiges Buch. Es bietet uns Ausschnitte, Einblicke in die Tätigkeit einer Behörde. Aber es zeigt uns keine Menschen in ihren psychologischen Verstrickungen. Stattdessen lesen wir Auszüge aus Personalakten, biographische Daten, die unverknüpft und ohne Ausdeutung daherkommen. Dem Buch fehlt eine Tiefendimension. Zugleich ist es nicht - wie Tacitus einst verlangte - „sine ira et studio“ geschrieben, also ohne Zorn und Vorliebe, sondern mit einem hämischen, süffisanten Unterton nahezu allen handelnden und auftretenden Akteuren gegenüber, bis in die neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts hinein.
Was bringt es dem Historiker?
Eckart Conze von der Historikerkommission überreicht Außenminister Westerwelle den Bericht
Für die Zeit des Dritten Reichs vertieft es das, was in den Studien von Christopher Browning - der im Grunde aber zeigt, wie man es macht, der sich von dieser Studie doch deutlich und vorteilhaft abhebt -, von Hans-Jürgen Döscher und jüngst auch von Sebastian Weitkamp ausgeleuchtet worden ist: die starke Verstrickung von weiten Teilen des AA in die Durchführung des Völkermordes. Der Lackmustest für das Verhalten im Dritten Reich, für die Geschichte des Dritten Reichs ist im Buch fast ausschließlich diese eine Thematik.
Was fehlt?
Alles andere, die ganze Diplomatiegeschichte, der Umgang mit dem Bolschewismus, die heftigen Spannungen mit dem polnischen Nachbarn, die 3,5 Millionen toten sowjetischen Kriegsgefangenen - zu alledem kein Wort. Aber auch das Thema des Antisemitismus hat auffallende Lücken.
Ein Buch des Ressentiments? Der Historikerbericht zur NS-Vergangenheit des Auswärtigen Amtes
Ich hingegen bestehe darauf, dass wir durch „Das Amt“ die institutionelle Mittäterschaft neu fassen können. Denken Sie nur an die Information, dass der Attachéjahrgang 1938 als Ausbildungsbestandteil das Konzentrationslager Dachau besuchte.
Für die Frage der am Ende europaweiten Verstrickung des Amtes in die NS-Rassenpolitik bietet das Buch eine Fülle von Beispielen und unterlegt sie zugleich mit einer These. Die These lautet, dass das zunehmend an Bedeutung verlierende Amt in Hitlers Reich sich durch besonders „vorauseilende“ Zuarbeit auf diesem „Kernfeld“ des Regimes sozusagen eine neue Existenzberechtigung zu sichern versuchte, während nach dem Krieg die Beteiligten davon nichts mehr wissen wollten, im Gegenteil das AA zum Hort des Widerstands stilisierten und in Seilschaften mehr oder minder erfolgreich wieder/weiter im AA der Bundesrepublik Karriere machen konnten.
Ist das so falsch?
Stiefmütterlich behandelter Widerstand: Fritz Kolbe, ein wichtiger Informant der Allierten, wird in dem Bericht kurz abgehandelt
Diese Darstellung enthält durchaus einige Elemente der historischen Wahrheit. Aber wenn ich mir vorstelle, dass zukünftige Attachés des AA - wie die Außenminister Fischer, Steinmeier und Westerwelle in einmaliger Einmütigkeit gefordert haben - aus und mit diesem Buch die Geschichte ihrer Profession im Dritten Reich kennenlernen sollen, wird mir angst und bang. Denn so seltsam es klingen mag: Das Dritte Reich kommt in dem Buch „nur“ in einer Art Scherenschnitt vor. Die nicht ganz belanglose Frage nach Handlungsspielräumen in einer Diktatur wird an keiner Stelle gestellt. Wie, in welchem Rahmen war Resistenz, vielleicht sogar Widerstand möglich? Ab wann, bei welchem Wissens- und Kenntnisstand war er unumgänglich? Was ist dem Einzelnen - verheiratet, mittleres Alter, Kinder, kein Privatvermögen vorhanden für den Rückzug ins Privatleben - an solchem Widerstand möglich? Bis hin zum Einsatz des eigenen Lebens? Zum Preis der Folter von Frau und Verwandten? Ferner: Inwieweit lässt sich das „Sand-ins-Getriebe-Streuen“ aus den Akten einer Diktatur wirklich „herausfiltern“?
Genau das sagt Richard von Weizsäcker in unserem Interview. Die Frage ist aber doch, ob individuelle Handlungsspielräume für eine gleichsam staatliche Historikerkommission so entscheidend sein können. Hier geht es doch eher um die Metamorphose eines ganzen Amtes. Der Schrecken darüber, wie leicht man schuldig werden konnte, steht buchstäblich auf einem anderen Blatt.
Tragische Figur: Ernst von Weizsäcker steht auch für die Selbstüberschätzungen der deutschen Bildungseliten gegenüber Hitler.
Müssen wir uns als Historiker nicht aber zuerst mit diesen Fragen auseinandersetzen, bevor wir zu Wertungen gelangen? Diese Fragen werden im Buch an keiner Stelle gestellt. Es wird von allen unterschiedlichen Autoren früh und nachhaltig gewertet. Mir will scheinen, als ob es nicht nur die Gnade, sondern auch die Arroganz der späten Geburt gibt, im Kreis der jungen Zuarbeiter und Co-Autoren. Sie machen, will mir scheinen, den „Goldhagen-Fehler“, übertragen unsere Zeit auf die damaligen Verhältnisse - ein, zwei, drei machtvolle Demonstrationen gegen die SS und der braune Spuk ist vorbei, wer das damals nicht gemacht hat, hat moralisch versagt. Weil im AA die selbsternannte Elite des Landes versammelt war, hat sie ganz besonders versagt. Wirklich moralisch gesiegt haben erst die „68er“, die diesen Spuk erstmals angegriffen und beiseitegefegt haben.
Das lese ich anders. Ich habe hier ansatzweise verstanden, wie es geschehen kann, dass eine irrwitzige Ideologie zur Staatsräson werden konnte - also zum nicht mehr befragten Bestandteil behördlichen Handelns auch außerhalb des Reichssicherheitshauptamts und der SS.
Welche Rolle spielte das Auswärtige Amt bei der Judenvernichtung? Das Haus der Wannsee-Konferenz
Aber meine Kritik geht noch weiter. Der biologistisch aufgeladene, von Multiplikatoren wie Pfarrern, Journalisten, Lehrern „subkutan eingeimpfte“ Rassenwahn ist Teil der staatlichen Politik geworden. Er wird auch, siehe Haffner, von der übergroßen Mehrheit der Deutschen geteilt. Alle Behörden des Reiches sind ab 1933 dieser Politik verpflichtet. Das kommt in dem Buch aber gar nicht vor. Da wirkt es so, als ob allein das AA auf diesem Felde Hitler, der SS und dem neu errichteten Reichssicherheitshauptamt (RSHA) besonders servil „zugearbeitet“ hat. Das ist in seiner Undifferenziertheit schon ziemlich ahistorisch.
Es ist ein Buch über das Auswärtige Amt, und ich verstehe es eher als die Beschreibung eines Rädchens im Getriebe des Staates. Wie hätte denn eine differenziertere Darstellung aussehen müssen?
Versäumte Aufarbeitung? Willy Brandt, der das Auswärtige Amt von 1966 bis 1969 leitete, kommt in dem Historikerbericht sehr schlecht weg
Zunächst einmal hätte der prozesshafte Gang der Entwicklung erklärt werden müssen. Ausgrenzung, Austreibung, Auslöschung sind die drei Eskalationsstufen. Parteibasis und -führung, später dann die SS-Kommandos vor Ort und die zentralen Instanzen treiben den Prozess mit jeweils unterschiedlicher Intensität voran. Zunächst Boykott und Berufsverbot, dann Drängen zur - vom Regime gewollten - Emigration bei fast völliger ökonomischer Ausplünderung durch die Reichsfluchtsteuer etc., es folgt die Phase der Apartheid, des Herausdrängens aus dem öffentlichen Raum, kein Auto, kein Telefon, kein Theater-, Kinobesuch, kein Kanarienvogel mehr. Am Ende Deportation, physische Vernichtung. Klemperer hat die Etappen bedrückend klar notiert. Und von Anfang an hat das AA - wie die anderen Behörden und Körperschaften im Reich auch - diesen Prozess begleitet. Das tun etwa auch die Sportverbände, die im Gefolge des Aprilboykotts 1933 wie das AA beschwichtigende Stellungnahmen an ausländische Vereine verschickt haben und unverzüglich den Arierparagraphen einführen, der Juden die Mitgliedschaft verbietet. Aber 1933 beginnt sich das Tor nach Auschwitz allenfalls spaltbreit zu öffnen.
Sagen wir so: Man hatte sich 1933 vielleicht noch einreden können, dass die tatsächliche Vernichtung der Juden lediglich Rhetorik einer rassistischen Partei gewesen sein mag. Aber im „Amt“ steht ja auch, dass Weizsäcker bereits 1938 davon spricht, die Juden müssten auswandern, sonst gingen sie ihrer Vernichtung entgegen. Wann hätte man merken können, was bevorstand?
Nicht viele waren so hellsichtig. Bis Ende 1938 hatte etwa die Hälfte der rund 500.000 deutschen Juden das Land verlassen - vor allem die Jüngeren, Jugendlichen. Durch die Eroberungen im Krieg fielen den Deutschen aber nun plötzlich im Ausland Millionen Menschen in die Hände, die als „Gefahr für einen gesunden Volkskörper“ stigmatisiert und verfolgt wurden. Ohne dieses „Ausland“ wäre das AA mit dem Völker- und Massenmord des Dritten Reiches kaum in Berührung gekommen.
Einer Ihrer Haupteinwände ist die Darstellung der Beteiligung des Auswärtigen Amtes an den Massenmorden. Sie werfen, wenn ich das recht sehe, dem Buch vor, dass es das AA gleichsam zum Verursacher macht.
Im Buch wird eigentlich fast überall eine kurze Handlungskette abgebildet: Eichmann vom RSHA fragt Botschafter Abetz in Paris, ob gegen die Deportation von französischen Juden Einwände bestünden. Das Amt antwortet, aus der Feder von Weizsäckers, „kein Einspruch“ - und die Deportationszüge rollen nach Auschwitz
Ja, und was ist daran nun falsch oder irreführend?
Die „Arbeitsteiligkeit“ fehlt. Im AA saßen immer unwichtiger werdende Bürokraten. Überall in Europa sind die französischen oder sonstigen Behörden beteiligt, die Gemeindeämter, die Listen der Juden zusammenstellen für die deutsche Besatzungsmacht, dann die Gendarmerie, die Juden für die Deutschen verhaftet und abliefert, Gerichtsvollzieher, Anwälte, Gutachter für die Vermögensschätzungen, Meldeämter etc. Beteiligt ist die Reichsbahn, sind die Zugführer, die wissen, welche Fracht sie transportieren, besonders, wenn Züge stundenlang in praller Sonne stehen. Die Schreie und das Stöhnen der Geschundenen konnte niemand überhören. Und dann kommt der Zug in die Vernichtungslager, und an der Rampe stehen Ärzte.
Im „Amt“ wird dem Leser suggeriert: Es kommt ein Brief aus dem RSHA mit der Anfrage, seid ihr damit einverstanden? Keine Einwände der Diplomaten, also folgt die Deportation in den Tod. Das Dritte Reich war aber viel schrecklicher, als es uns hier begegnet - weil viel mehr Menschen an viel mehr Orten beteiligt waren, nicht „nur“ RSHA und AA.
Ich lese das anders, vielleicht zu literarisch. Ich sage: Wer im Dritten Reich seine Unterschrift unter ein Dokument setzt, das „keine Einwände“ gegen die Deportation von Juden formuliert, ist moralisch und historisch nicht mehr zu retten. Und es ist ganz gleich, ob sein Einwand etwas bewirkt hätte oder nicht. Es gibt solche absoluten Momente - und das zu sagen darf man sich auch nicht scheuen, wenn man sich klarmacht, das einen vielleicht nur die Gnade der späten Geburt vor ähnlicher Verstrickung rettet. Wenn Sie die individuellen Fälle so hervorheben, denken Sie an all diejenigen, die dergleichen niemals unterschrieben hätten. Natürlich kann man nicht bestreiten, dass Dokumente wie dieses die Mittäterschaft des AA am Holocaust belegen.
Das wäre töricht. Die ist nicht zu bestreiten. Aber das Amt war für die Durchführung des Massenmordens unwichtiger, als uns die Autoren glauben machen wollen. Ein Gedankenexperiment: Das AA wird 1940 oder 1941 komplett in einem Ufo entführt. Glauben Sie, dass der Völkermord stattgefunden hätte oder nicht? Die Antwort kann leider nur lauten: „Ja, selbstverständlich.“ Jetzt das gleiche Experiment andersherum: Zu unser aller Glück hat das Ufo 1940 Himmler, Heydrich, Kaltenbrunner, Gestapo-Müller, Eichmann und das gesamte RSHA mitgenommen. Da wäre die Durchführung des Mordens schon viel schwerer möglich gewesen. Wenn auch Hitler „mitgeflogen“ wäre, wäre dieses Morden vermutlich ganz ausgeblieben. Denn sein biologistischer Rassenwahn hat die moralische Kernschmelze in Gang gesetzt und hält den ganzen Mordapparat in Betrieb.
Das „Experiment“ ist interessant. Aber Sie sagen mit Recht: Wenn ich Hitler wegstreiche, hätte es keine Vernichtung gegeben. Die Frage ist doch, wer sie ihm ermöglichte, sowohl direkt, wie das RSHA, oder vermittelt, wie das AA. Was sagt uns das Experiment darüber hinaus?
Es zeigt, dass den Autoren die doch kluge, für das Verständnis des Dritten Reiches hilfreiche Unterscheidung von Ernst Fraenkel nicht mehr geläufig ist. Er nannte das Dritte Reich einen „dual state“, einen Doppelstaat. Partiell war es ein Rechtsstaat geblieben, ein „Normenstaat“, in dem das BGB von 1900 galt, Scheidungen, Verträge, alles lief wie gehabt. Aber im Kernbereich des Regimes galt dieser Schutz der „Normen“ nicht mehr. An seine Stelle trat der „Maßnahmenstaat“, der per Einzelfallentscheidung über Leben und Tod entschied. Zentraler Ort des Maßnahmenstaates war das KZ. Kein Anwalt, kein Richter, kein Verteidiger, ja nicht einmal ein Polizist hatte dort etwas verloren ab 1934/35. Hauptvollzugsorgan des Maßnahmenstaates war die SS mit Himmler an der Spitze.
Warum ist das für unser Thema wichtig?
Weil eben, anders als im Buch auf Seite 185 behauptet wird - übrigens ohne jeden Quellenbeleg -, Hitler die Ermordung der europäischen Juden nicht in einer Unterredung mit Ribbentrop „besiegelte“. Weil die Spitze des AA eben nicht „an der Entscheidung über die Endlösung direkt beteiligt“ war, weil es schlichtweg Unsinn ist, dass dem AA zu diesem Zeitpunkt die „Initiative zur Lösung der Judenfrage auf europäischer Ebene“ untergeschoben wird. Der Verantwortliche für die „Endlösung der Judenfrage“ wurde bereits 1939 offiziell von Hitler bestimmt und hat sich diese Kompetenz wenige Wochen zuvor im Sommer 1941 abermals von Hermann Göring schriftlich bestätigen lassen: Reinhard Heydrich und mit ihm die SS. Es ist Heydrich, der sich auf der Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 als der „vom Führer mit der Endlösung der Judenfrage Beauftragte“ den Beamten vorstellt und sie zur Mitarbeit unter seiner Regie auffordert - wobei allen Beteiligten klar war, dass es sich nicht mehr um Deportationen, sondern um millionenfachen Massenmord handelte.
Welche Rolle spielte das AA auf der Wannseekonferenz?
Laut Protokoll jedenfalls keine wesentliche. Vertreten war es durch Unterstaatssekretär Martin Luther, der über das Büro Ribbentrop ins AA gekommen war und die Rassenpolitik in den entscheidenden Referaten des Amtes koordinierte, also ziemlich präzise wusste, worum es ging. Die Wannseekonferenz war allerdings eine „Koordinierungskonferenz“ auf Staatssekretärsebene, keine „Entscheidungskonferenz“. Die Entscheidung zum Massenmorden war bei Hitler und Himmler schon im Herbst 1941 gefallen. Das Morden war längst im Gange. Bei der Umsetzung dieser „Politik“ waren die unterschiedlichsten Behörden und Instanzen beteiligt, und keineswegs in erster Linie aus dem Auswärtigen Amt.
Akzeptieren Sie meine Einschätzung, das es gleichsam absolute Momente gibt? Also sage ich: Wer immer an der Wannseekonferenz beteiligt war, ist wesentlich am Holocaust beteiligt?
Beteiligt sicher. Aber „wesentlich“? Hier ging es um Umsetzung von Entscheidungen, die anderweitig längst getroffen waren.
Ein wichtiger Einwand von Ihnen lautet, der Filter der Historikerkommission sei zu grob eingestellt?
Das kann man so sagen. Das zeigt sich auch bei der Behandlung des schwierigen Themas Resistenz oder Widerstand. Da gibt es das Kapitelchen zu Kolbe, einem der wertvollsten Informanten für die Alliierten, der im AA der Nachkriegszeit ebenso wenig gewürdigt wurde wie mein Großvater Gerhart Feine, der im Zusammenwirken mit dem schweizerischen Geschäftsträger Carl Lutz Tausenden von ungarischen Juden 1944 in Budapest das Leben gerettet hat, als dort das Sonderkommando von Eichmann die letzte große massenmörderische Menschenjagd im Krieg begann. Feine weigerte sich damals auch, seiner 17-jährigen Tochter ein Klavier zu kaufen oder zu mieten, obwohl in der Stadt plötzlich eine Fülle von Klavieren zu haben waren - weil diese fast nur aus dem Besitz von deportierten Juden stammen konnten.
Mein Großvater meinte über seinen Vorgesetzten in Budapest, den Gesandten Eduard Veesenmayer, der nach dem Krieg zu zwanzig Jahren Haft verurteilt, aber von McCloy schon 1951 begnadigt wurde, der sei zwar ein 150-prozentiger Nationalsozialist gewesen, aber darin völlig klar und eindeutig. Das sei für den Umgang erträglicher gewesen als die vielen anderen im diplomatischen Dienst, die sich bedeckt hielten, von denen man nie genau wusste, wo sie standen. Im Buch fehlen solche wichtigen Zwischentöne und Nuancen.
Wir wollen uns hier den Raum für solche versunkenen Akte des Widerstands nehmen.
Da ist die Geschichte des AA-Beamten Klingenfuß. Er wird in die mit der Durchführung der „Endlösung“ am engsten befasste Abteilung Deutschland III versetzt, weil ihn der dort federführende Franz Rademacher aus der gemeinsamen Zeit in Montevideo kennt und anfordert. Deutschland III ist ganz nah an der ethischen Kernschmelze des RSHA. Klingenfuß will - so Browning - wissen, was mit den deportierten Juden wirklich geschieht. Klingenfuß will ein KZ besichtigen - Theresienstadt. Rademacher sagt ihm, dass dies ein privilegiertes Lager sei und er nicht den richtigen Eindruck von der Lage der Juden bekomme. Also verzichtet Klingenfuß - aber ihm war jetzt bewusst, „dass er Teil einer genozidalen Politik geworden war, auch wenn er nicht genau über die Gaskammern Bescheid weiß“.
Im Oktober 1942 ging Klingenfuß zum Personalchef und bat um Entlassung aus dem Judenreferat. Er sagte nicht, warum, nur, dass es ihm nicht zusage. Im Dezember 1942 wurde er nach Bern versetzt. Im Buch ist diese bemerkenswerte Episode nicht enthalten.
Dann gibt es den Fall der sechs jüdischen ungarischen Schüler der deutschen Schule in Budapest, die im Frühjahr 1941 darum bitten, an der deutschen Schule trotz der zunehmenden Rassenpolitik des ungarischen Verbündeten das Abitur ablegen zu dürfen.
In der Tat eine bemerkenswerte „kleine“ Geschichte aus dem Umfeld des Leiters der kulturpolitischen Abteilung im AA, von Twardowski, der uns im Buch als williger Vollstrecker begegnet, der fast zeitgleich zu unserer Geschichte den im Buch auftauchenden Vermerk diktiert: „Umsiedlung Volksdeutscher bearbeitet federführend AA Kult B spez. im Benehmen mit Reichsführer-SS Himmler und Vertreter Volksgruppe.“ Nimmt man nur diese Aktenpassagen aus dem Buch, ist Twardowski durch seinen Kooperationswillen mit der SS schwer belastet.
Am 14. März 1941 hat er aber dem deutschen Gesandten in Budapest antworten lassen: „Wenn dieser Bericht mit der Anfrage der ungarischen jüdischen Schüler in den Geschäftsgang des Auswärtigen Amtes gelangt, so ist damit das Schicksal der 6 jüdischen Schüler der dortigen Deutschen Schule wahrscheinlich besiegelt, d. h. es würde deren sofortige Entlassung verlangt und sie würden die Reifeprüfung nicht mehr ablegen können. Der Bericht ist auch deshalb nicht geeignet, der zuständigen Abteilung Deutschland vorgelegt zu werden, weil in ihm ausdrücklich hervorgehoben wird, dass die 37 anderen jüdischen Schüler dann freiwillig ausscheiden. Der einzige Grund, der vielleicht einigen Eindruck bei der Abteilung Deutschland machen würde, ist der, dass die Maßnahme der Verweisung der sechs jüdischen Abiturienten als ,deutsche Härte' propagandistisch ausgeschlachtet werden würde.“
Von Twardowski empfiehlt, diese Schüler stillschweigend zum Abitur zu führen. „Hoffentlich wird durch die vorgeschlagene Lösung die Angelegenheit sich erledigen lassen!“ Das Ausrufezeichen gehört zur Quelle. Sie relativiert die Kernthese der Historikerkommission, zwischen der Deutschland-Abteilung und dem restlichen Amt habe es bezüglich der Umsetzung des Rassenwahns allenfalls graduelle Unterschiede gegeben.
Diese Geschichte ist berührend. Aber aus einem anderen Grund. Denn vermutlich sind auch diese Schüler später ermordet worden. Es war ein kleiner Widerstandsakt in einem grausamen Geschehen.
Ich bin überzeugt, dass es viel mehr solcher „widerständigen“ Akte gegeben hat. Die Liste der von staatlichen Henkern in den Kriegsjahren Ermordeten aus dem AA ist lang, kein anderes ziviles Ressort hat so viele Tote zu beklagen. Namen wie Albrecht Graf von Bernstorff, Eduard Brücklmeier, Herbert Gollnow, Hans Bernd von Haeften, Ulrich von Hassell, Otto Kiep, Richard Kuenzer, Hans Litter, Rudolf von Scheliha, Friedrich Werner Graf von der Schulenburg, Dr. Herbert Mumm von Schwarzenstein oder Adam von Trott zu Solz - die Liste von Verhafteten ist noch weit länger - belegen die bewundernswerte Bereitschaft dieser Männer, mit dem Einsatz und Opfer des eigenen Lebens gegen die Hitler-Diktatur aufzustehen.
Es ist nicht wirklich nachzuvollziehen, weshalb die Kommission nicht stärker die positive Vorbildfunktion dieser Taten betont, sondern den Widerstand im Grunde eher kurz und stiefmütterlich-skeptisch abhandelt. Gerhart Feine und Fritz Kolbe waren für das AA weit weniger bedeutsam als etwa Hans Bernd von Haeften, dessen im Rückblick in ihrem Mut, ihrer Zivilcourage kaum mehr fassliche Bemerkung vor Freislers Volksgerichtshof, der „Führer sei für ihn die Verkörperung des Bösen in Deutschland“, in der Spitze des Regimes jedenfalls einschlug wie eine Bombe. Im Goebbels-Tagebuch taucht sie mehrfach auf.
Wir kommen zu einer durchaus seltsamen „Leer-Stelle“ im Buch. Es fehlt die Spiegelung des Amtes in den Augen der Spitzenrepräsentanten des Regimes. Das AA wurde verachtet. Und weil es verachtet wurde, suchte es sich nach 1939 womöglich besonders anzubiedern. Das ändert nichts an der Verachtung. Mir ist aufgefallen, dass wir das AA nicht aus der Perspektive der Staatsspitze sehen.
Das ist tatsächlich verblüffend. Als Historiker will ich doch wissen, wie sah Hitler, wie sah das Regime das AA? Von Hitler wissen wir, dass er zwei Berufsgruppen besonders gehasst und verachtet hat: Juristen und Diplomaten. Für ihn sind sie Bedenkenträger, Bremser, sie sind nur für eine vorsichtige Entfaltung deutscher Machtansprüche. Gewiss, es gibt die im Buch dargestellte partielle Interessenidentität mit Hitler, aber den großen Rasse- und Lebensraumkrieg will die Mehrzahl der diplomatischen Elite nicht.
Solange Hitler die Diplomaten als Camouflage benötigt, benutzt er sie, mit Kriegsbeginn wird Diplomatie immer unwichtiger. Trotz der Kooperation bei der „Endlösung“ wird das AA, anders als uns das Buch glauben machen will, nicht zu einem integralen, von der Regimespitze geschätzten Bestandteil des Dritten Reiches, wie schon ein oberflächlicher Blick in die Goebbels-Tagebücher des Jahres 1944 beweist. Selbst wenn man in Rechnung stellt, dass Goebbels ein Rivale des AA war, sind die Notizen aufschlussreich.
Es sei nur eine Stelle von vielen zitiert, am 8. Juli 1944, wo es heißt: „Vor dem Volksgerichtshof hat ein Prozess gegen Mitglieder des Auswärtigen Amtes stattgefunden und zwar wegen Defaitismus und Landesverrat. Es sind dabei zwei Todesurteile ergangen, und zwar gegen sehr hohe Angehörige unserer auswärtigen Politik. Es ist geradezu skandalös, dass so etwas noch vorkommen kann. Das Auswärtige Amt ist nur an der Oberfläche reformiert worden - das Gros seiner Beamtenschaft könnte noch ebenso gut unter Stresemann Außenpolitik machen.“
Gibt es weitere nennenswerte „Innenansichten“ aus dem Dritten Reich zum AA?
Es gibt das Schreiben von Wilhelm Bohle, dem Leiter der mit dem AA konkurrierenden Auslandsorganisation (AO) der NSDAP an Heinrich Himmler vom 23. September 1944. Dort teilt er mit: „Eine Durchsicht des jetzigen Standes der höheren Beamten unseres Auswärtigen Dienstes ergibt folgendes Bild: evangelisch 506 / röm.katholisch 119 / gottgläubig 64 / deutschgläubig 1. Bei den Gottgläubigen handelt es sich zum überwiegenden Teil um die jungen Beamten, die aus Partei oder Hitlerjugend stammen und in den letzten Jahren übernommen wurden.
Die konfessionellen Bindungen unserer diplomatischen und konsularischen Beamten haben nach meinen Erfahrungen seit der Machtergreifung sehr wesentlich zu der inneren Ablehnung des nationalsozialistischen Staates beigetragen. Es ist auch unbestreitbar, dass diese Bindungen gerade bei den Auslandsbeamten in einem besonderen Maße dazu führen, ihre Krisenfestigkeit stark zu schwächen. Dass solche Beamte entweder gar nicht oder nur mit halbem Herzen der feindlichen Propaganda über die angebliche Knebelung der Kirchen in Deutschland entgegen getreten sind, liegt auf der Hand. Heil Hitler!“ Für eine restlose Durchdringung des Amtes im Sinne der NS-Ideologie spricht es nicht.
Ich glaube nicht, dass das Buch das so behauptet. Ich glaube eher, die Ideologie war ein Karrierevehikel.
Das zweite Quellenstück, das vielleicht informativste, hier wohl erstmals publizierte - ein Fundstück aus dem Russischen Staatlichen Militärarchiv in Moskau - ist ein als „Geheime Reichssache“ gestempeltes „Gutachten“ des RSHA über „Negative Tendenzen im auswärtigen Dienst des deutschen Reiches“ aus dem Herbst 1944, das sich auf durchaus differenzierte Weise mit dem AA auseinandersetzt. Seine Kernpassagen lauten:
„Nach Ausbruch des jetzigen Krieges erfolgte durch die Erweiterung des Aufgabenkreises des AA., das den Monopolanspruch auf auswärtige Politik und Propaganda durchsetzte, eine Personalinflation, die die Bürgschaften für die Zuverlässigkeit des deutschen Diplomaten verwässerte. Aus diesen Zwiespältigkeiten entstand eine Atmosphäre, die es in der Stunde der Gefahr schwachen Köpfen und Charakteren erleichterte, ihre ,Hände in Unschuld zu waschen' und ihr Leben in Sicherheit zu bringen, anstatt dem Reich die Treue und dem Führer den Eid zu halten. Der erschreckende Umfang, den die Meldungen über Hoch- und Landesverrat, Wehrdienstverweigerung, Desertion und Heimtücke bei Angehörigen des Auswärtigen Dienstes in den letzten Monaten angenommen haben und die maßgebliche Beteiligung von Vertretern des diplomatischen Dienstes, gerade auch solchen der ,alten Schule', am Putsch des 20. 7., drängen zwangsläufig die Frage auf, ob es sich hier nur um eine zufällige Häufung von Einzelerscheinungen handelt, die man im 5. oder 6. Kriegsjahr ruhig als mit einer kriminalistischen Erfassung als erledigt ansehen könnte, oder ob diese Dinge einen ernsten staatsgefährdenden Charakter tragen als Auffassung einer dem Nationalsozialismus entgegenstehenden Grundhaltung und einer ,eigenwilligen' Auffassung vom Beruf des Diplomaten . . . Dass trotz alledem in der Personalpolitik des AA bisher kein entscheidender Wandel eingetreten ist, zwingt zu der Schlussfolgerung, dass auch in der Zentrale nicht jener kämpferische und verantwortungsbewusste nationalsozialistische Geist vorherrscht, der gerade bei einer der wichtigsten Reichsdienststellen unerlässlich ist . . . Wenn solche schlappen, halt- und energielosen Diplomaten von den die Personalpolitik des AA verantwortenden Männern noch nicht ausgemerzt worden sind, so ist das ein untrügliches Symptom dafür, dass die Nationalsozialisten im AA sich noch nicht im erforderlichen Maße haben durchsetzen können und dass - alles in allem - die Personalpolitik im AA im Jahre 1944 noch nicht diejenigen politischen Konsequenzen gezogen hat, die in anderen Reichsressorts bereits 10 Jahre früher durchgesetzt worden sind . . .“
Dieses Gutachten, das im weiteren bemängelt, dass die „Zahl der Nationalsozialisten im AA zahlenmäßig noch zu gering ist“, steht gänzlich verquer zu den „Forschungsergebnissen“ der Kommission, ebenso wie die Notizen von Goebbels und Bohle. Was für Conze & Co. eine „Verbrecherhöhle“ gewesen ist, war für den SD, für das RSHA eine Versammlung von ziemlich unsicheren Kantonisten. Das Gutachten bietet Indizien für etwas, was die Historikerkommission als apologetische Nachkriegs-Legende des AA abgetan hat - dass nicht nur mit der Übernahme der 60, 70 Leute aus dem Büro Ribbentrop, sondern vor allem mit der Neueinstellung junger, engagierter Nationalsozialisten 1937/38 versucht worden ist, den Charakter des Amtes zu modifizieren.
Mit Ribbentrop, nicht mit Neurath beginnt die starke Vernetzung und partielle Verschmelzung mit Himmler, mit der SS, ab Herbst 1939 dann mit dem RSHA. Das Gutachten belegt, was die Kommission nicht wahrhaben will: Es gab nationalsozialistisch aufgeladene Seiteneinsteiger, die den Charakter des Amtes verändert haben. Auch die Balkanbotschafter aus der SA und Leute wie Stahlecker oder Six vom SD werden von den Autoren einfach dem AA zugeschlagen. Das trifft so nicht zu, ist mir jedenfalls viel zu undifferenziert.
Aber als Historiker ist Ihnen doch bekannt, dass die Zweifel an der nationalsozialistischen Ideologiefestigkeit seit den Rückschlägen im Kriege fast alle Institutionen des Reichs treffen. Am Ende ist dann sogar auch die SS untreu, und der letzte Nationalsozialist ist, nach den Worten Joachim Fests, Adolf Hitler selbst. Ich lese das „Amt“ nicht so, als würden die Autoren das Personal der Wilhelmstraße zu genuinen Nationalsozialisten erklären. Mir scheint: gerade nicht. Und das macht es ja so brisant. Kritik am Auswärtigen Amt durch Hitler sagt doch allenfalls etwas über fehlende letzte Radikalität. Am Ende trifft dieses Urteil alle - und dennoch sind die Verbrechen geschehen.
Ich begegne im Buch fast ausschließlich „willigen Vollstreckern“ im Sinne Goldhagens mit Ernst von Weizsäcker an der Spitze.
Der Prozess gegen ihn ist das Scharnier zum Verständnis der Nachkriegsgeschichte.
Der Chefankläger Robert Kempner war von Beginn an überzeugt: „Das Auswärtige Amt war eine Mörderhöhle.“ Im Grunde knüpft die Kommission an diese Haltung, an diese Einschätzung an, was für mich doch seltsam anmutet, denn wir haben inzwischen ein etwas differenzierteres Bild des Geschehens. Allerdings ist Weizsäcker eine tragische Figur. Er steht für die Selbstüberschätzungen und Fehlurteile des deutschen Bürgertums gegenüber Hitler. Hitler ließ sich nicht lenken und „zähmen“.
Spätestens 1940 war Weizsäcker umfassend gescheitert. In diesem Frühjahr 1940 notiert sein nach dem 20. Juli hingerichteter Freund Ulrich von Hassell, der ihn ja durchaus kritisch beurteilt, Weizsäckers Lage sei „in jeder Hinsicht abscheulich; im Grunde hat er nichts zu sagen, wird aber mit verantwortlich gemacht“. Ein wichtiges Zitat zur Bewertung der AA-Spitze hinter Ribbentrop. Leider sucht man es im Buch vergebens. Die Verteidigung durch Hellmut Becker und Richard von Weizsäcker hat im „Wilhelmstraßenprozess“ an das Zitat angeknüpft und den römischen Rechtsgrundsatz „culpa caret qui scit prohibere non potest“ („Schuldlos ist, wer weiß, was er nicht verhindern kann“) in den Mittelpunkt ihrer Strategie gerückt.
Hellmut Becker, Ihr Patenonkel, „historischer Zufall“ . . .
Also, noch ein Wort zu Hellmut Becker. Der war damals ein ganz junger, unerfahrener Anwalt, aber ein enger Freund der Familie Weizsäcker aus Berliner Tagen. Sein Vater war der preußische Kultusminister C. H. Becker. Er hat in der Tat das ganze umfassende Netzwerk der beiden Familien in Deutschland mobilisiert, um Weizsäcker zu verteidigen. Hätte er das als Verteidiger nicht tun sollen? Auf die Verbindungen seines Mandanten ins Amt verzichten? Die große Verschwörungstheorie, den Willen zur langfristigen Legendenbildung, die die Autoren des Buches daran knüpfen, sehe ich nicht.
Es ging um Leben und Tod, nicht um die weitere Nachkriegszeit. Wenn damals bekannt geworden wäre, dass Weizsäcker 1941/42 die Einsatzgruppenberichte kannte, dass er also wusste, dass hinter der Front Massenmord in großem Stile betrieben wurde, wäre er vermutlich hingerichtet worden. Aber gerade der Fall Weizsäcker ist ein Lehrbeispiel für den Umgang mit Verstrickten im Dritten Reich - die Kommission hat wenig Gefühl für Nuancierungen.
Reden wir über den „Fall Nüßlein“.
Der Fall schien und scheint ziemlich klar - ein furchtbarer Jurist, tief verstrickt im Stabe Heydrichs. Doch der Fall ist bei näherer Betrachtung überhaupt nicht klar. Nüßlein ist 1909 geboren worden, 1937 in die NSDAP eingetreten, er ist katholisch und besucht, was negativ vermerkt wird, Gottesdienste, auch in Prag. Aber er ist ehrgeizig und wird nach dem deutschen Einmarsch als Jurist der Protektoratsverwaltung zugeordnet. Im Krieg ist seine Abteilung auch für Gnadengesuche zuständig. Einen förmlichen Rechtsweg für Gnadengesuche gibt es nicht. Häufig werden Todesurteile des Volksgerichtshofs innerhalb von Stunden vollstreckt. In Prag wurde bisweilen die Entscheidung über Gnadengesuche gar nicht abgewartet. Es gab ja keinen Rechtsanspruch, keinen „Rechtsweg“.
In jedem Fall hat Nüßlein einige der abgewiesenen Gnadengesuche weitergeleitet. Er hat aber - was bislang völlig unbekannt ist - zugleich auch Begnadigungen befürwortet. Dies geht aus dem Urteil des tschechischen Volksgerichtshofs aus dem Jahr 1948 hervor. Das Urteil ist ganz erstaunlich - und das stärkste Argument, das Nüßlein zu seinen Gunsten anführen kann, denn es hat mit allen deutschen Persilscheinen und Weißwaschungen der Nachkriegszeit nichts zu tun. Das Gericht spricht ihn frei von jeglicher SS- und SD-Mitgliedschaft, aber es verurteilt ihn zu zwanzig Jahren Arbeitslager - das ist in der Stalin-Ära fast ein Freispruch -, weil „zwar der Angeklagte erfolgreich wegen einer Begnadigung von Verwandten dieser Zeugen (S., K. und P., D. K.) eingetreten ist, aber im Hinblick darauf, dass die Urteile des deutschen Sondergerichtes in Prag mehrere hundert Personen tschechischer Nationalität zum Tode verurteilten . . ., ist das Gericht der Ansicht, dass das Unrecht, welches der Angeklagte durch seine Mitbeteiligung an der Tätigkeit dieses deutschen Sondergerichts verursachte, bei weitem die Guttaten überwiegt, die er in den oben angeführten und von den Zeugen bestätigten Fällen erwies“.
Von „Guttaten“ Nüßleins hat die Welt bis heute noch nie gehört. Offenbar hat man im AA und in der Kommission das Urteil aus der Personalakte nie ganz gelesen. Es stammt aus einer Zeit, da das antideutsche Ressentiment in der Tschechoslowakei dominiert. Das Urteil lässt eine Bemerkung des schweizerischen Botschafters Huber, der von 1939 bis 1945 in Prag stationiert war und mit Nüßlein zu tun gehabt hatte, durchaus plausibel erscheinen - er bezeichnete 1958 Nüßleins Tätigkeit als „Oase des Rechtsempfindens in der sonst so rechtlosen Atmosphäre des Protektorats“.
Und hier treffen wieder unsere beiden Welten aufeinander. Ich finde Ihre Darstellung erhellend. Aber wenn über einen Beamten der Bundesrepublik Deutschland eine Expertise von Reinhard Heydrich vorliegt, wonach er ein überzeugter Nationalsozialist sei und unbedingt zu befördern, dann sage ich: So jemand braucht keinen ehrenden Nachruf von Seiten des Staates, jedenfalls keinen, worin das unterschlagen wird. Es ging nicht darum, ihn zu verdammen, es ging nicht darum, ihn zu bestrafen. Es ging nur darum, ihn nicht unter Auslassung zu würdigen.
Da muss ich widersprechen. Jemand, der sich in einem diktatorischen Regime erfolgreich für Begnadigungen einsetzt, ist jemand, der nicht alles „abnickt“. Als mörderischen NS-Juristen können wir Nüßlein nach alledem nicht betrachten. Joschka Fischer und Marga Henseler irren, wenn sie ihn als einen Todesjuristen bezeichnen, „verantwortlich für Hunderte von Todesurteilen“, wie Fischer anlässlich der Übergabe des Buches noch einmal öffentlich ausgerufen hat. Wäre er das gewesen, wäre Nüßlein in Prag 1948 gehängt worden.
Kommen wir zur Nachkriegszeit, gut der Hälfte des Buches.
Für noch problematischer als den ersten über das Dritte Reich halte ich diesen zweiten Teil. Kein Zweifel: Auch deutsche Diplomaten haben sich nach dem Untergang des NS-Regimes untereinander abgesprochen, sogar einem Teil belasteter „Weggefährten“ ins neue Amt geholfen. Das ist aber nicht so verblüffend und erstaunlich, wie es uns im Buch verkauft wird. Das ist in allen Behörden nach 1945 so gewesen, übrigens nach 1990 auch im Bereich der ehemaligen DDR bei SED, MfS, Staatsapparat.
Welche Kriterien sind zur Bewertung anzulegen?
Man darf es sich nicht so leicht machen wie bisweilen im Buch - dort heißt es etwa über Franz Krapf, von 1940 bis 1945 als Legationssekretär in der Wirtschaftsabteilung in Tokio tätig, nach dem Krieg ein „Karrierediplomat der Bundesrepublik“, Botschafter wiederum in Tokio und beim Nato-Rat in Brüssel: „Über Krapfs Tätigkeit in Japan war wenig bekannt, aber soviel ist klar, selbst im fernen Asien waren deutsche Diplomaten mit der Endlösung der Judenfrage befasst.“ Solche Unterstellungen gehen zu weit. Auch die Behauptung „Krapf war ein SD-Spitzel“ bleibt im Buch unbelegt. Ohne handfeste Beweise sind solche schwerwiegenden Anschuldigungen mehr als problematisch. Da mit seinem Tod die durch Joschka Fischer geänderte Nachrufpraxis überhaupt erst auffiel, ist es bemerkenswert, dass im Buch keinerlei neues Material vorlegt wird, sondern lediglich die bereits bei Döscher erwähnten, vagen Verdächtigung transportiert werden.
Ich finde dass das Buch sehr deutlich zeigt, dass es nach 1945 keine ideologische Kontinuität gab. Ich halte das geradezu für seine Essenz. Es geht nur darum, sich gegenseitig zu schützen oder zu retten, aber nicht darum, den Nationalsozialismus wiederauferstehen zu lassen. Sie lesen das aber anders. Im Gegenteil: Ich finde, man kann die Nachkriegsleistung jetzt sogar noch mehr würdigen.
Das Buch zeichnet ein anderes Bild. Es unterstellt im Kern den an der AA-Nachkriegsentwicklung Beteiligten, sie seien nicht wirklich in der Bundesrepublik angekommen. Das ist nachgerade infam. Es unterschlägt und beschmutzt die Lebensleistung von Männern, die dem Land über Jahrzehnte hinweg loyal gedient haben. So wie Erwin Wickert, dem Helmut Schmidt zum Abschied in einem seiner seltenen Handschreiben dafür sehr freundschaftlich dankt. Das neue AA in Bonn war nicht mehr das AA Hitlers und Ribbentrops. Das AA in der Bundesrepublik war das AA d e r Bundesrepublik.
. . . und damit wären wir bei der auch hier historischen Rolle von Willy Brandt. Versöhnung in einem existentiellen Sinn war wohl nur ihm möglich.
Brandt, der von 1966 bis 1969 das AA leitete, kommt in dem Buch schlecht weg, ebenso Egon Bahr. Der unterschwellige Vorwurf der Autoren lautet: Beide hätten nicht Remedur geschaffen, hätten das belastete, kontaminierte Personal nicht ersetzt. Auch diese Beurteilung ist ahistorisch.
. . . ich glaube, Sie machen die Autoren hier naiver, als sie sind. Genau das steht ja auch in dem Buch.
Brandt war kein Narr und nicht so „blind“, wie er uns hier präsentiert wird. Anknüpfend an Kurt Schumacher sagte Brandt 1976: „Die große innenpolitische Leistung Adenauers lag darin, Abstand zu schaffen zu dem, was vorher war, Zeit zu gewinnen für den neuen Staat: durch bewussten Opportunismus, durch das bewusste Nicht-so-harte-Maßstäbe-Anlegen an diejenigen, die im Dritten Reich engagiert gewesen waren; er war dabei in diesem Fall gar nicht so weit von Kurt Schumacher entfernt. Man konnte ein Volk nicht mitten durchspalten und es so über die Runden der Ereignisse jener zwölf Jahre bringen wollen . . . Damit hat er ein großes Stück Stabilität in den ,Laden' gebracht. Das war dann doch sehr positiv.“ Von einer solchen Sicht der Dinge sind die Autoren des Buches allesamt Lichtjahre entfernt.
Wie ging Ihr Großvater als Stresemann-Vertrauter mit dem Neubeginn um?
Wie die Geschichte meines Großvaters Feine im Buch behandelt wird, ist symptomatisch für diese Art von - ich möchte fast schon sagen - „Tendenzliteratur“. Er kommt nur kurz im Dritten Reich als einer der wenigen positiven „Helden“ vor. Was fehlt, ist sein Weg in der Nachkriegszeit. Er wird Landgerichtspräsident in seiner Heimatstadt Bremen, wird Mitglied des Verfassungskonvents von Herrenchiemsee, ist also einer der kleinen Gründerväter dieser Republik. Als das „neue“ AA 1950/51 aufgebaut wird, bekommt er sofort eine Anfrage, ob er zurückkommen möchte ins Amt. In das ja offenbar noch tief braune Amt, die - so Conze - „Verbrecherhöhle“? Er zögert keine Sekunde, sagt zu, kehrt zurück. 1959 starb er auf Posten in Kopenhagen. Dieser Teil der Geschichte fehlt im Buch. Er hätte nicht „gepasst“ ins düstere Bild des Nachkriegsamtes.
Sehr erhellend ist die Rolle von Rolf Friedemann Pauls, dem ersten deutschen Botschafter in Israel.
Er war Ritterkreuzträger und Regimekritiker zugleich - für politisch korrekt Denkende nur schwer nachvollziehbar. Aber auch dieser Widerspruch prägte das Leben im Dritten Reich. Er hatte an der Ostfront gekämpft, war dort schwer verwundet worden. Seine Ernennung und Entsendung löste in einem Teil der Medien in Israel einen Sturm der Empörung aus. Am Ende dieser Passage steht dann ein kleiner Satz: Wie man hört, soll seine Mission dennoch ein Erfolg gewesen sein. Pauls' Verdiensten um die deutsch-israelische Aussöhnung wird eine solche Darstellung nicht gerecht. Dass der Held des Sechstagekrieges, Mosche Dajan, Pauls als einzigen westlichen Gast zur Hochzeit seiner Tochter einladen sollte, verschweigen die Autoren.
Ist es Verschweigen oder ist es nicht eher eine bewusste Entscheidung: die Geschichte einer Institution, nicht die Geschichte von Individuen. Immerhin haben vier sehr renommierte Autoren diese Studie verfasst, keiner von ihnen ist als 68er bekannt.
Die Geschichte von Institutionen ist doch immer die Geschichte der Menschen, die in ihnen handeln und deren Wirken „wir“ verstehen und erklärt bekommen wollen. Das „Amt“ ist aber kein Buch der Erklärung und kein Buch der Versöhnung. Es ist kein Buch der anteilnehmenden, sorgfältigen Ermittlung, sondern der pauschalisierenden Wertung, die fast durchweg dominiert. Es ist - ich muss es so offen aussprechen - ein Buch der Rache.
Und die Kommission hat sich dafür instrumentalisieren lassen. Joschka Fischer hat bei der Vorstellung des Bandes in der Berliner Kongresshalle fast triumphierend gesagt: „Jetzt haben die Herren den Nachruf bekommen, den sie verdienten.“ Ja, muss man hinzufügen, wenn nur dieses Buch übrig bliebe für alle Zeiten als einziges Buch über das deutsche Auswärtige Amt im zwanzigsten Jahrhundert, sie wären tatsächlich vernichtet für alle Zeiten.
Dann kehrt das antike Rom zurück. Es kannte als Höchststrafe, als Strafe über den Tod hinaus, eine besondere Waffe - die Damnatio memoriae, die Löschung des Namens und Wirkens einer Person über den Tod hinweg. Gelöscht soll werden das Bild all jener, die in der braunen Zeit an den Schreibtischen saßen und als Rädchen mitwirkten und mittaten an der Maschinerie des Rassenwahns und Rassenmordes. Aber auch das Bild jener, die versuchten, gegenzusteuern. Das ist das große Subthema des Buches - die Auslöschung von Biographien über den Tod hinaus. Keine Nachrufe mehr, es könnten Verbrecher darunter sein.
Aus der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vom 29. November 2010
▪ Stimmen zu dem Buch „Das Amt“
Dieses Buch ist nach der Meinung unseres Kollegen Jürgen Wahl nichts
anderes als „Joschka Fischers Rache an den Diplomaten“. Dass
„Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) und andere Blätter wochenlang
durch Zuschriften die Schlampereien der Autoren von "Das Amt" deutlich
machten, ist allein ein 'positiver Skandal'. Schlimm ist vor allem, dass
sich jeden Tag neue Zeitzeugen melden, die erklären, dass die vier
Autoren Zuschriften nie beantworteten, nicht einmal bestätigten.
Inzwischen hat die FAZ derart viele Beweise für die Haltlosigkeit der
Ausführungen der "Amt"-Autoren, dass sich ein Contra-Buch lohnen würde.
Die FAZ blieb einmalig, schreibt J. Wahl, kein anderes Blatt bewies mehr
Fehler in dem Buch "Das Amt". Zeitlich fast parallel zeigte der Sender
Phönix am 9.1.2011 einen alten und total irreführenden Film über das AA,
der teilweise gefälschte DDR-Propaganda verwendete und sich auf einen
Informanten (Reinhard Strecker, jetzt 80) stützte, den die Berliner SPD
1968 mit dem Vorwurf ausschloss, er arbeite für DDR-Propagandisten.
Jetzt wird es immer klarer, dass dieses Buch, „Das Amt“, ein Produkt aus
der Fischer-Ära ist und dem entsprechend zu bewerten.
Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ war aber nicht von vorneherein so
kritisch gewesen. Wie tief war das Auswärtige Amt in den
Nationalsozialismus verstrickt? Beim Erschienen des Berichts der
Historikerkommission, schrieb die FAZ unter dem Titel: „Liquidation von
Juden, die Zielmarke ,Endlösung‘ sei früh erkennbar gewesen“.
„Das Auswärtige Amt war viel tiefer in den Holocaust verstrickt als
bisher angenommen und hat nach 1945 erheblichen Aufwand betrieben, dies
zu vertuschen, fuhr die Frankfurter Zeitung fort. Das geht aus
dem Abschlussbericht der Historikerkommission hervor, der dieser Tage
als Buch in den Handel kommt: „Das Amt und die Vergangenheit - Deutsche
Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik“ bringt auf knapp
neunhundert Seiten teilweise monströse Einzelheiten ans Licht: So fanden
die Historiker Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe
Zimmermann bei ihrer Akteneinsicht im Politischen Archiv in Berlin eine
Reiseabrechnung des Leiters des sogenannten Judenreferats im Auswärtigen
Amt, Franz Rademacher, in der als Grund einer Dienstreise von Berlin
nach Belgrad und Budapest vermerkt ist: „Liquidation von Juden in
Belgrad und Besprechung mit ungarischen Emissären in Budapest“. Wie die
Autoren ebenfalls herausfanden, gehörte von Mitte der dreißiger Jahre
bis Kriegsausbruch 1939 zur Ausbildung der Attachés nicht nur ein Besuch
bei Adolf Hitler auf dem Obersalzberg, sondern auch des
Konzentrationslagers Dachau.
Entgegen der vom Auswärtigen Amt selbst nach 1945 verbreiteten Deutung,
wonach die Diplomaten des Auswärtigen Amtes nach Hitlers Machtantritt
auf ihrem Posten ausharrten, um das Schlimmste zu verhindern, und sich
gegenüber dem NS-Regime abschirmten, kam nun heraus, dass das Auswärtige
Amt dem Vernichtungsapparat nicht nur zuarbeitete, sondern aktiv
unterstützte: „Das Auswärtige Amt war an allen Maßnahmen der Verfolgung,
Entrechtung, Vertreibung und Vernichtung der Juden von Anfang an aktiv
beteiligt“, sagt der Marburger Historiker Eckart Conze im Interview mit
dieser Zeitung. „Die Zielmarke ,Endlösung‘ war schon sehr früh
erkennbar.“Das fügt sich viel stimmiger als das Bild vom armen, sich
selbst quälenden Menschenfreund, der in Europa und auf der Welt durch
sein Mitmachen in der zweiten Nazi-Reihe das Schlimmste verhindern
wollte. Das ist gute historische Recherche. Sie haben gezeigt, auch im
Falle des Staatssekretärs von Weizsäcker, der Vaters des späteren OB von
Berlin und BRD-Staatspräsidenten, dass die Sache nicht so harmlos
gewesen war, wie sie später dargestellt wurde.
Gemeint sind in dem Buch jedoch das AA und seine Mitglieder im Dritten Reich. Es mag sein, es ist eher sogar wahrscheinlich, dass das Auswärtige Amt in der Nachkriegszeit aus missverstandener Körperschaftssolidarität oder um eine anrüchige Praxis zu vertuschen, versucht hat, die Sünden der historischen Überläufer als kleiner erscheinen zu lassen, als sie wirklich waren. Mag auch sein, dass es innere Kreise im AA um Leute wie Wilhelm Melchers, Theo und Erich Kordt, Hans Schröder, Ernst Achenbach und andere gab, die die Legende vom selbstlosen, guten Staatsdiener schmiedeten, der Verbrechen verhinderte. Das Problem, das das Buch "Das Amt" hervorbringt, besteht aber darin, dass die Autoren und "subliminal" die Leser jetzt dazu neigen, Verhalten und Gesinnung der Diplomaten unter den Zwängen der NS-Diktatur auf ihr Verhalten danach zu übertragen. Als hätten sich die Menschen nicht gewandelt. Eine solche Wandlung hatten schon im Dritten Reich Offiziere und Beamte, darunter auch Diplomaten vollzogen, die anfangs Anhänger der nationalen und sozialen Doktrin Hitlers gewesen waren und sie dann in ihren erworbenen Positionen bekämpften, als sie wahrnahmen, wie verlogen und verbrecherisch sie war. Dazu zählte der Mann der die Seele des Widerstandes war, der Offizier Henning von Tresckow. Das Buch "Das Amt" berücksichtigt nicht genug die Psychologie und die innere Einstellung der Menschen.
In die Köpfe kann man nicht hineinschauen, aber die Handlungen wenigstens müssen das Kriterium sein. Hat das Auswärtige Amt in den 50er Jahren totalitäres Gedankengut verbreitet? Das ist wohl nicht der Fall gewesen. Anpasser passen sich ohnehin an. Sie mussten im Nachkriegsdeutschland ganz andere Regeln befolgen. Viel eher traf das auf die stalinistische DDR zu. Es ist ganz klar, dass die ehemaligen Opportunisten, die aus welchen Gründen auch immer, in den 30er Jahren das NS-Parteibuch genommen hatten, jeden Grund hatten, nach 1950 schön folgsam und gehorsam zu sein und nicht aufzufallen. "Elf Millionen Deutsche waren Mitglied der NSDAP. Hätte man sie aus dem Staatsleben der Bundesrepublik Deutschland alle ausgeschlossen, wäre es kaum möglich gewesen, eine Demokratie aufzubauen", sagt Eurbag-Redaktionsmitglied Hans-Georg Wieck. Der ehemalige Diplomat und heutige Aussenpolitiker betont: "Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches, im neuen deutschen Staat, waren sie ganz klein und blieben mucksmäuschenstill". Man kann hinzufügen: Hätte man die Kleinazis, von denen viele ihren Fehler erkannt und die deutsche Katastrophe erlebt hatten, nicht integriert, so wäre die Gefahr sehr gross gewesen, dass eine neo-nazistische Partei wieder entsteht. Genau das ist in der ehemaligen DDR mit den Altkommunisten der SED passiert. Die SPD hat sich geweigert, sie 1989-1990 in eine Ost-SPD aufzunehmen. Man hat dafür eine Nachfolgepartei der SED zugelassen. Jetzt hat die SPD das Problem, dass Die Linke ihr das Wasser abgräbt. Das ist einer der Gründe, und kein unwichtiger, warum die SPD heute bei Umfragen und Wahlen im Keller dahindümpelt.
In der Friedensbewegung
und unter den 68ern - viel eher als im AA - war ein totalitärer
Nachgeschmack zu spüren. Sogenannte "Anarchisten" der Roten Armee
Franktion waren in Wirklichkeit geheime stalinistische Parteimitglieder.
Da fand der eigentliche Rückfall in antidemokratische Ideologien statt.
Eine Überbleibsel der NS-Ideologie unter umgekehrten Vorzeichen? Manche
haben darauf aufmerksam gemacht, dass die Väter von mehreren prominenten
Anführern der damaligen Studentenbewegung glühende Nazis gewesen waren.
Sicher: Stalin, Mao, Marcuse, Castro waren die Vorbilder. Sie
behaupteten, Gegner der Nazis zu sein und die Extremlinke ist es bis
heute geblieben. Aber schaut man sich die Struktur der Ideologie und vor
allem die Verhaltensweisen an, so ist die Nähe zu den hitlerischen SA
sehr gross. Die 68er Rebellion und die Friedens- und Anti-AKW-Bewegung
waren, wie man heute weiss, sehr stark von der DDR-Stasi gefördert und
beeinflusst gewesen. Der DDR-Staat und die SED beschäftigten viele
angeblich "reuige" ehemalige Nazis, wie es der Historiker Olaf Kappelt
nachgewiesen hat. So schliesst sich der Kreis.
▪ Zur Büste der
Nofretete
Kürzlich hat sich Dr. Zahi Hawass, Generalsekretär des Obersten Rates
für Altertümer der Republik Ägypten, mit einem Brief an Prof. Dr.
Hermann
Parzinger, den Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz,
gewandt, in dem er um die Rückgabe der Büste der Nofretete ersucht. Das
Schreiben ist nicht vom Ministerpräsidenten unterzeichnet. Ein
offizielles Rückgabeersuchen von Seiten des ägyptischen Staates liegt
nicht vor.
Parzinger sagt dazu: "Die Haltung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz
hinsichtlich einer Rückgabe der Büste der Nofretete ist unverändert. Sie
ist und bleibt die beste Botschafterin Ägyptens in Berlin. Die Stiftung
Preußischer Kulturbesitz hat darüber hinaus großes Interesse an einer
guten Kooperation ihrer Museen mit den ägyptischen Fachleuten und
formuliert derzeit erste Ideen für eine Zusammenarbeit. Diese
Kooperationsvorschläge werde ich auch in meinem Antwortschreiben an Zahi
Hawass erläutern."
Die Büste der Nofretete, die
heute als Teil der ägyptischen Sammlung im Neuen Museum auf der
Museumsinsel
Berlin von Besuchern aus Nah und Fern bewundert wird, wurde im
Rahmen einer von Ägypten genehmigten wissenschaftlichen Ausgrabung in
Tell-el-Amarna 1912 gefunden. Die Grabung war durch die Finanzierung des
Berliner Kaufmanns und Mäzens James Simon ermöglicht und von Professor
Dr. Borchardt vom Kaiserlichen Deutschen Institut für Ägyptische
Altertumskunde geleitet worden. Die Vereinbarung mit der ägyptischen
Seite sah von Anfang an eine damals übliche Fundteilung, als
Gegenleistung für die Finanzierung, vor. Um sicherzustellen, dass beide
Parteien gleichwertige Anteile der Grabungsfunde erhalten, war
vereinbart, dass das Archäologenteam den Fund in zwei Teile teilt und
der ägyptische Antikendienst als Vertreter der ägyptischen Regierung
dann einen davon auswählt. Das ist so auch geschehen. Die Objekte waren
in Listen genau erfasst. Von den herausragenden Fundstücken - so auch
von der Büste der Nofretete - lagen Fotografien vor, die die Schönheit
und Qualität der Objekte eindeutig wiedergeben. Zudem standen die
geöffneten Kisten zur Begutachtung der Objekte bereit. Von einer
Täuschung bei der Teilung kann keine Rede sein. Die Dokumente belegen
klar und deutlich, dass der preußische Staat die Büste rechtmäßig erwarb
und keine Rechtsansprüche von Seiten Ägyptens bestehen.
Stiftung Preußischer Kulturbesitz
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Dr. Stefanie Heinlein
24. Januar 2011
Tel.:
030 - 266 41 1440
Fax: 030
- 266 41 2821
E-mail:heinlein@hv.spk-berlin.de
▪ Die 30. Poetentage im mittelfränkischen Erlangen
Literatur und Politik sind nicht immer versöhnte Gegner
„Das offenste Publikum, das ich kenne!“ – Erlanger Poetenfest mutierte zum Treffpunkt der Literaturelite des deutschsprachigen Raums – Begegnungen mit über 70 Schriftstellern in Lesungen und Podiums-Diskussionen
Ein Besuch auf dem Erlanger Poetenfest, das traditionell am letzten August-Wochenende stattfindet und dieses Jahr zum 30. Male gefeiert wurde.
Es lasen Autoren gegensätzlicher Herkunft wie ETH-Literaturprofessor Adolf Muschg aus Zürich und Hans-Joachim Schädlich, früher Ost-Berliner Präsident der Akademie der Wissenschaften der DDR. Schädlich durfte 1976 wegen seiner offenen Kritik an der Ausbürgerung von Wolf Biermann in die Bundesrepublik ausreisen. Dazu gesellte sich aus Österreich der Autor Norbert Gstrein, der das Genre des Schlüsselromans wiederbelebte, um sich mit dem verstorbenen Verleger Siegfried Unseld sowie den Kapriolen von dessen junger Ehefrau Ulla Unseld-Berkéwicz auseinander zu setzen. Um es vorweg zu sagen: Gstreins Roman „Die ganze Wahrheit“ blieb auf dem „Erlanger Poetenfest 2010“ zwar nicht folgenlos, jedoch ohne Skandal. Dazu war das Publikum zu aufgeklärt und ist inzwischen selbst in vielen Sätteln zu Hause. Dennoch sind die Geburtswehen des von dem norddeutschen Verleger gegründeten Suhrkamp-Verlags Frankfurt einen Moment des Innehaltens würdig. Seine Anfänge reichen bekanntlich auf das Kriegsjahr 1944 und eine geheime Begegnung Peter Suhrkamps mit dem Pazifisten Hermann Hesse in der Schweiz zurück, wie Suhrkamp-Geschäftsführer Siegfried Unseld vor seinem Tod in Basel berichtete. Peter Suhrkamp, der für seine Tapferkeit im I. WK. mit dem Ritterkreuz der Hohenzollern ausgezeichnet wurde, landete nach dieser Hesse-Begegnung im KZ Sachsenhausen und erkrankte dort schwer. In Unseld, der nach dem WK II in Deutschland die Werke Hermann Hesses editierte, lebte dagegen die Romanfigur des „Steppenwolf“ auf, der sich von selbstbewussten Frauen erobern lässt.
Die Erfolgsgeschichte von Asterix und Obelix – als deutsche Übersetzung
Die beiden gallischen Helden haben seit ihrem ersten Erscheinen im Jahr 1959 einen Siegeslauf rund um den Globus angetreten. Nicht unschuldig daran sind die Übersetzer, für die die gallischen Befindlichkeiten der Helden nicht immer einfach zu übersetzen waren. „Die spinnen, die Römer“ ist eine der Redensarten, die heute weltweit in täglichen Gesprächen zu hören ist. Spannender konnte die Begegnung mit der langjährigen Asterix-Übersetzerin Gudrun Pendorf, München, in der 7. Erlanger Übersetzerwerkstatt nicht eingeleitet werden. Es war ein weiter Weg, resümiert Frau Pendorf rückblickend nicht ohne Stolz vor einem interessierten Fachpublikum. Als 1959 in Paris die erste Asterix-Bildergeschichte veröffentlicht wurde, fehlte es ihr noch an Selbstvertrauen. In Deutschland hatte der erste deutsche Asterix-Verleger Rolf Kauka („Fix und Foxi“) die Lizenz erworben und die typischen Szenen aus dem gallischen Dorf kurzerhand ins alte Germanien verlegt: Aus Asterix wurde Siggi und aus Obelix Barrabus. Es hagelte Proteste aus Paris, denn Kauka näherte sich in seinem neuen Comic inhaltlich sogar NS-Gedankengut. Doch die Comic-Serie aus Paris von Uderzo und Goscinny behielt letztlich ihren gallischen Charme. Sie lebt immer noch von den feinsinnigen französischen Dialogen, die die Übersetzerin Pendorf anfangs zurückhaltend, aber zunehmend freier und doch eng ans Original angelehnt in die deutsche Sprache transponierte. In der Tat mussten oft weite Umwege bei der Übersetzung genommen werden, detaillierte Pendorf, auf die rein gar nichts im Urtext hindeutete. Sie musste viel grübeln und nachdenken, auch andere Wissensquellen anzapfen. Am besten sei es, sagte sie, das Comic im Ganzen als sequenzielle Kunst zu begreifen, die von der Wechselwirkung von Bild und kurzer Erzählung sowie von Dialogen als Sprechblasen lebt. Doch was tun, wenn die Sprechblasen in der deutschen Übersetzung ein Vielfaches an Text im Original ausmachen? Sie habe anfangs oft Blut und Wasser geschwitzt, gibt sie gerne zu, zumal die französischen Urheber von Asterix und Obelix unter keinen Umständen bereit waren, Veränderungen an der bereits erschienenen französischen Originalausgabe zuzulassen. Nach 1968 und ihrem ersten Zusammentreffen mit René Goscinny in Paris wurde die Zusammenarbeit besser. Auch der anhaltende Erfolg der deutschen Asterix-Ausgabe, speziell bei den deutschen Eliten und gebildeten Schichten, trug zur Welle des Erfolgs bei, auf der die Asterix-Übersetzerin Gudrun Pendorf bis auf den heutigen Tag schwimmt.
Die größte Kunst der Übersetzung, teilte sie ihren Fachkollegen und –innen überschwänglich mit, sei die Wiedergabe der Polysemie, der Vieldeutigkeit der Redensarten. Doch klafft uneingestandenermaßen zwischen der deutschen Sprache, die zum germanischen Sprachenkreis zählt, und dem Französischen, das zu den romanischen Sprachen gehört, oft ein weiter Abgrund. Diese „Leere“ existiert z.B. nicht zwischen der französischen und italienischen Sprache. Sie macht die Aufgabe deutscher Französisch-Übersetzer noch herausfordernder und anspruchsvoller.
Im Erlanger Schlosspark unter Laub
Im Verlauf seiner nun 30jährigen Existenz mutierte das Erlanger Poetenfest zum wichtigsten Treffpunkt der deutschsprachigen Literaturelite vor Beginn der Frankfurter Buchmesse. Wer Rang und Namen hat zwischen Klagenfurt, Zürich, Darmstadt und Berlin oder wer ein neues Buch fertiggestellt hat, liest im weitläufigen Schlosspark unter vielen Laubbäumen und vor Hunderten von Zuschauern auf Holzsitzbänken aus seinem Werk vor. Natürlich muss jedes Jahr „die Natur mitspielen“ mit viel Sonne und Wärme. Doch diesmal, als der emeritierte, weißhaarige ETH-Professor Adolf Muschg nach einer ironischen Vorrede mit unheimlichen Nachtgeschichten Angst und Schrecken im Publikum verbreiten wollte und begann, aus seinem „Sax“ vorzulesen, verdunkelte sich der bewölkte Himmel weiter und es begann in Strömen zu regnen. Prof. Muschg wollte die Lesung abbrechen, doch eilte eine charmante junge Dame mit einem Regenschirm auf die Bühne, bat ihn, weiterzulesen und spannte über seinem schneeweißen Haupthaar einen großdimensionierten Regenschutz auf. Allein, es nützte nichts, der heftige Regen ließ nicht nach, Muschg trat ab und die Zuschauer harrten allein auf ihren Holzbänken, beschirmt oder geschützt vom dichten Dach der Laubbäume aus. Mehrere bekannte Autoren waren noch angesagt.
Kurz vor Muschg hatte der aus Stuttgart gebürtige Übersetzer und Schriftsteller Michael Kleeberg vorgelesen, der lange Zeit in Paris und zuletzt ein Jahr in Beirut/Libanon lebte. Kleeberg leistete Erinnerungsarbeit, als er am 15.5.2010 in der „Literarischen WELT“ dem hoch geehrten und früh verstorbenen Kollegen Johannes Gross und dessen geistreichen Apercus einen anerkennenden Essay widmete. Nun saß der Autor in der Nachmittagssonne entspannt auf dem hölzernen Podium. Er gab sich Mühe beim Vorlesen ebenso wie er sich zuvor bei der Schriftstellerei und noch früher bei der Übersetzerkunst Mühe gegeben hatte, das spürte man. Kleeberg las lauter und vernehmlicher als andere, er war ein angenehmer Vorleser. Die Passagen aus seinem neuen Roman „Das amerikanische Hospital“ klangen nüchtern herüber, die Dialoge sachbezogen, kurz und realistisch. Ein Stlilist Hemingwayscher Orientierung, auch wenn Hemingways in Paris spielendes „Fest fürs Leben“ hier in weiter Ferne liegt: Eine 30jährige Französin lernt 1991 einen verwundeten US-Soldaten im „American Hospital“ in Paris kennen und freundet sich mit ihm an. Ein Leben zu zweit wird anvisiert. Man spürt, Autor wie Romanfiguren kennen sich aus im Leben, in der Welt, politisch und privat. Kleebergs Romanfiguren sind weitgereist, wenn nicht gar kosmopolitisch - und doch ist der verwundete amerikanische Soldat ein Sinnbild des Mitleids, das er in der Französin erregt.... – Indessen bot sich nach dem verpassten Angsterlebnis von Prof. Muschg und seinem „Sax“ wegen des Regengusses ein Ortswechsel ins Innere des nur 100 m entfernten Barock-Schlosses an.
Im Senatssaal
Das weiträumige, architektonisch beachtliche Erlanger Barockschloss ist mit einem großen, jedoch nur ca. 100 auserwählte Zuschauer fassenden Senatssaal ausgestattet. Es wurde im Jahr 1700 von Antonio della Porta im Auftrag des Markgrafen Georg Wilhelm von Brandenburg-Bayreuth erbaut. Erlangen war damals ein Hort des Protestantismus, wurde von den Markgrafen von Bayreuth aus regiert und nennt sich heute noch Hugenottenstadt. Doch bald zog in die Räume des Residenz-Schlosses die Friedrich-Alexander-Universität ein. Sie ist wohl die einzige Uni weltweit, die einen Namen führt, hinter der zwei geschichtliche Personen stehen: Den Vornamen Friedrich übernahm sie von ihrem Gründer, den Vornamen Alexander von ihrem Förderer, beide Markgrafen von Bayreuth.
Im Senatssaal war es schwierig, einen Platz bei der Lesung von Rafael Seligmann zu finden. Wie ein Magnet zog der 1947 in Tel Aviv geborene israelisch-deutsche Schriftsteller mit seiner kürzlich erschienenen Autobiografie „Deutschland wird Dir gefallen“ die Zuhörer an. Saal und Zugänge waren restlos überfüllt. Seligmanns Vater stammte aus Ichenhausen bei Günzburg, die Eltern flohen in den 1930er Jahren vor Hitler nach Palästina, von wo sie Ende der 1950er Jahre wieder nach Deutschland zurückkehrten. Seligmann war redselig, er berichtete ohne Umschweife aus seinem Leben, wie sein jüdischer Vater wegen der NS-Herrschaft 1934 nach Paris emigrieren wollte und weder zurückgeschickt wurde. Im nächsten Jahr 1935 wurde ihm, dem Günzburger Juden, „im Namen des Führers“ ganz offiziell eine Tapferkeitsmedaille des WK-I verliehen. Dennoch, so Seligmann jun., seien seine Eltern nach Palästina emigriert. Dort aber fand der Vater, der, wie der spätere Ministerpräsident Scharon befand, „wie alle deutschen Juden zu weichlich und kein Israeli“ war, keinen beruflichen Halt. Bankrott und altersmüde kehrte er um 1958 sehr zum Widerwillen seiner Ehefrau nach Deutschland zurück. Ihr Sohn, der damals 10jährige „Rafi“, sprach kein Deutsch, sondern nur Hebräisch. Er musste ebenfalls nochmals von vorne anfangen. Seligmann jun. erhielt viel wohlmeinenden Zuspruch und Unterstützung, auch wenn er das Abiturziel aufgab und in München eine Radio- und Fernsehtechniker-Lehre begann, die er ebenfalls unvollendet ließ. Über eine Tätigkeit als Feuilletonredakteur der „WELT“ kam er zum Journalismus und zum Schreiben, das ihn längst ernährt. Seine erste Ehefrau, berichtete Rafael Seligmann ohne falsche Sentimentalitäten, musste und konnte nur eine Israelin sein. Sie wurde ihm bei einem Besuch in Israel vorgestellt. Doch er verstand sich nicht gut mit ihr, ließ sich wieder scheiden und heiratete, wie er lachend ins Mikrofon rief, eine Protestantin, mit der er sich bis heute gut versteht.
Im Markgrafentheater: Wo Deutschland verorten?
Daneben gab es im Markgrafentheater am Rande des Schlossgartens eine Reihe von Diskussionsrunden mit aktuellen politischen Themen wie „Irrwege des Wachstums?“ oder „Der Autor im digitalen Zeitalter“ sowie „Franken und die Welt.“ Es ging darin um ureigenste Sorgen und Belange der Autoren: Erörtert wurden Heimat, fränkische Autoren der Weltliteratur (z.B. Wolfram von Eschenbach) oder gar blinde Flecken auf Europas Karte der Regionen. Herausragend die Sonntags-Matinee „Grenzen des Wachstums“ wegen der Besetzung mit dem deutschen PEN-Präsidenten Johano Strasser und der Moderation durch den Buchexperten Wilfried F. Schoeller, bis 2009 Generalsekretär des deutschen PEN-Zentrums. Doch bald trifteten die Gesprächsbeiträge ab ins rein Politische, man landete angesichts der Ausschaffungen von Romas schließlich im südfranzösischen Sanary, wo 1933 Klaus Mann seinen berühmten Brief an den in Berlin zurückgebliebenen Gottfried Benn verfasste. Allzu einfach waren jedoch die Parallelen und Vergleiche gestrickt. Die aktuelle französische Politik trieb bestenfalls um. Zu mehr als nur einem starren Beharren auf längst Geschichte gewordenen Ereignissen brachte es keiner der Diskussionsteilnehmer. In Bezug auf Frankreich und Sarkozy wollte man sich nicht vorwagen. Auch wirtschaftliches Wachstum, das eigentliche Hauptthema, wurde von den Diskutanten überwiegend kritisch bis ablehnend gesehen, so dass sich mancher Zuhörer an Grassens „Blechtrommler“ Mazerath zu erinnern vermochte, der ebenfalls nicht mehr wachsen wollte.
Für Moderator Schoeller, der über Heinrich Mann, 1932 ebenfalls Akademie-Präsident zu Berlin, promovierte, ist jedenfalls das Erlanger Poetenfest mit dem „offensten und herzlichsten Publikum“ ausgestattet, das er kennt. Der aus dem bayerisch-schwäbischen Illertissen gebürtige Literaturexperte musste allerdings in den letzten Jahren harsche Kritik wegen seines Deutschland-Buchs „Deutschland vor Ort – Geschichten, Mythen, Erinnerungen““ einstecken. Er kam einem anderen Buch mit ähnlichem Titel sehr nahe und wurde der plumpen Abschreiberei bezichtigt. Was einigen Literaten im Lande durchaus nicht missfiel, denn sie konstatierten schadenfreudig, dass hier für einmal ein weithin bekannter Buch-Kritiker zur Zielscheibe der Kritik wurde.
Schoeller blieb seiner bayrischen Heimat verbunden, auch als er längst in Frankfurt/Main und Berlin wohnte: Neben einer Werkausgabe der Tagebücher des in München geborenen und 1933 nach Sanary/Frankreich emigrierten Schriftstellers Klaus Mann (1906-1949) brachte Schoeller eine Gesamtausgabe des aus Berg am Starnberger See stammenden, 1933 nach USA emigrierten Oskar Maria Graf (1894-1968) heraus. Der literarische Emigrant Graf flanierte in Lederhosen durch die Straßen New Yorks, ein Sinnbild menschlicher Verirrungen, wie sie die Politik nicht eklatanter hervorbringt.
Vergessen schien in Erlangen der Philosoph und Theologe Wilhelm Kamlah (1905-1976), nach 1945 Begründer der Erlanger Schule und des methodischen Konstruktivismus. Kamlah war der einzige namhafte deutsche Philosoph, der 1958 General de Gaulles Machtantritt in Frankreich öffentlich begrüßte. Keine kleine politische Leistung für einen Ordinarius der Philosophie in Deutschland. Nach Kamlah bedingt die Bedürftigkeit des Menschen dessen Sein, und im Christentum erkennt er den Mittelweg zwischen Judentum und altgriechischer Philosophie. Verlass sei einzig auf die Vernunft, schrieb Kamlah. Einer seiner Schüler war Jürgen Mittelstraß, heute Rektor der Uni Konstanz und früher wissenschaftlicher Berater mehrerer Bundesregierungen. Wilhelm Kamlah positive Stellungnahme zu General de Gaulle 1958 war gewiss eine wesentliche politische Verortung Erlangens nach dem II. Weltkrieg.
Richard E. Schneider
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Es war
einmal der OKB, der Offene Kanal Berlin.
Radio und Fernsehen vom Bürger für Bürger.
1985 ins Leben gerufen von der MABB, der Medien
Anstalt Berlin Brandenburg,
als 2. Offener Kanal in Deutschland und finanziert durch GEZ-Gebühren.
Wenig bekannt entschlief er sanft und wurde kaum in der Berliner
Bevölkerung wahrgenommen, bis, tja bis der Prinz die Dornenhecke
durchdrang und den OKB aus seinem Dornröschenschlaf wach küsste!
Welcher Prinz?
O.k., Märchen mal beiseite.
Der Medienrat des Abgeordnetenhauses von Berlin beschloss im Februar 2008 den OKB am Leben zu erhalten, weil er einen wichtigen Auftrag in der Gesellschaft zu erfüllen hat, zu der keine andere Rundfunkanstalt in der Lage ist. Doch wurden Bedingungen gestellt!
Volker
Bach (der „Prinz“) wurde zum neuen Boss ernannt, und sollte die Reformen
umsetzen.
Das begann mit neuer Farbe an den Wänden, neuem Mobiliar in den Gängen
und Räumen und hört bei veränderten Mitarbeiterstrukturen noch lange
nicht auf.
Es wurde kräftig in neue, moderne Technik investiert, die die
Produzenten in die Lage versetzen, mit den anderen, kommerziell
geführten Sendern, einigermaßen mitzuhalten.
Das Geld der Gebührenzahler sitzt natürlich noch nicht ganz so locker im
Gebertopf der MABB, denn ALEX muss erst noch beweisen, dass das
Geld gut angelegt ist, aber der Anfang ist gemacht.
Direkte Demokratie? Hier wird sie lebendig und auch ausgeübt!
Produzenten dürfen ihre eigenen Konzepte „ausleben“, neue Formate
erproben, ihre Meinung kundtun, eben nicht nur alle 4 oder 5 Jahre in
der Wahlkabine, sondern live und in Farbe im ALEX-Fernsehen, oder
„lifehaftig“ über die Schallwellen in alle Berliner Radios schicken.
Kreatives Radio , u.a. auf der neuen Frequenz 88,4 MHz (88vier)
und Fernsehen von Bürgern. Medienbegeisterte, die ALEX als Sprungbrett,
Aus,- und Fortbildung sehen oder andere Verrückte, wie mich (!), die,
ohne einen Cent dafür zu bekommen, mit großer Leidenschaft Sendungen
produzieren, für die sie die alleinige Verantwortung tragen!
Wer jetzt glaubt, dass da nichts Gescheites bei rauskommen kann, irrt
gewaltig!
Qualität
sollte bei der Reform Einzug halten, und ist in Form von Workshops,
fortbildenden Seminaren und einführende Technik/Sprach-Kurse, die von
gestandenen Profis aus der gesamten Medienbranche geleitet werden,
Plicht bei den Produzenten geworden.
Ein einheitliches Sounddesign sorgt bei den Hörern für Wiedererkennung
und zeugt von Professionalität.
Trimediale Plattform will ALEX sein, d.h. über Fernsehen, Radio und
Internet der Welt da draußen zeigen, dass auch ohne viel Geld Sehens,-
und Hörenswertes zu Stande kommen kann!!!
„Der Gedanke, Medien selber zu machen, ist heute moderner denn je. Mit
ALEX ist diese Idee in der Gegenwart angekommen. Allerdings mit einem
wichtigen Unterschied: Wir lassen die Medienmacher nicht allein“, sagt
Volker Bach, Leiter von ALEX.
ALEX schließt eine Lücke im Berliner Radiohimmel, und steht abseits von wirtschaftlichem Druck für ein spannendes Alternativprogramm. Der Medienrat legte bei der letzten Sitzung Wert darauf zu betonen, dass ALEX sein besonderes Bild, seinen speziellen Auftrag, unbedingt beibehalten soll.
Es gibt
noch viel zu tun…, freuen wir uns
drauf!
Mathias
Guhl ( Radioproduzent bei ALEX )
Zitate der Wochen 17-18 / 2010
▪ Medien verunsichern die ElternschaftImmer größer wird der Zweifel, den die Eltern darüber hegen, wie sie ihre Kinder erziehen sollen. So suchen sie Rat bei anderen Zeitgenossen und auch bei den Massenkommunikationsmitteln. […] Ihre Unsicherheit bringt sie dazu, sich in steigendem Maße Büchern, Zeitschriften, Radioprogrammen und von der öffentlichen Elternberatung u. ä. herausgegebenen Abhandlungen zuzuwenden. Hier wird der bereits ängstlichen Mutter gesagt, dass es keine problematischen Kinder, sondern nur problematische Eltern gibt; und sie lernt ferner, zunächst in die eigene Psyche hineinzusehen, wenn sie sich getrieben fühlt, ihren Kindern etwas zu verwehren, und sei es nur, sie nicht immer mit affektiver Zärtlichkeit zu verhätscheln. Sind die Kinder unartig, so muss die Mutter ihnen etwas vorenthalten haben. Und wenn diese Ratgeber der Mutter vorschreiben, sich zu entspannen und sich an ihren Kindern und mit ihnen zu freuen, wird auch dies wiederum ein zusätzliches Gebot, dem ängstlich Folge geleistet wird. […] Die Eltern ziehen sich – besonders im gehobenen Mittelstand, auf „der Persönlichkeit des Kindes angemessene“ Erziehungsmethoden zurück – auf die Beeinflussung mittels Argumenten, genauer gesagt: mittels rationalisierten Überzeugens. Das Kind antwortet auf seine Weise.
David Riesman: Die einsame Masse, Hamburg 1958, 14. Auflage 1972, S. 62 ff.
Nachricht der Wochen 17-18 / 2010
Ein Leben ohne Fernsehen, Computer und Handy ist für heutige Jugendliche undenkbar: Medien sind für sie längst keine „zweite Realität“ mehr, sondern konstitutiv für ihre Lebenswelt – vom Spielen, über das Lernen bis hin zum Aufbau und zur Pflege von Bekanntschaften via Facebook & Co. Hinter der Selbstverständlichkeit des täglichen Medienkonsums verbergen sich jedoch höchst unterschiedliche Nutzerprofile: So unterscheiden Forscher zwischen „Wenigsehern“, die maximal ein Stunde am Tag fernsehen, und Vielsehern, die mehrere Stunden täglich „vor der Glotze“ verbringen (1). Noch größer sind die Unterschiede im Umgang mit Computerspielen und Spielkonsolen: Während viele Jugendliche sie fast gar nicht nutzen, sind sie für andere der Hauptzeitvertreib – bis hin zur Spielsucht (2).
Wie Jugendliche mit der virtuellen Realität der Medien umgehen, entscheidet über ihren Lebenserfolg: Vielseher“ – vor allem solche, die mehr als drei Stunden täglich fernsehen – bewegen sich weniger, treiben weniger Sport und musizieren auch seltener. Aufgrund ihrer inaktiven Lebensweise sind sie häufiger übergewichtig und haben mehr gesundheitliche und motorische Probleme. Auch haben sie weniger soziale Kontakte und sind häufiger alleine (3). Sie sind trauriger als „Wenigseher“ – das Fernsehen mindert also das Lebensglück von Kindern (4). Zugleich schadet es auch dem Bildungserfolg: Vor allem im Fach Deutsch sind die Leistungen von „Vielsehern“ deutlich schlechter. Maßgeblich hierfür ist die verminderte Lesefähigkeit: Je mehr Zeit Kinder mit dem Fernsehen und anderen Bildschirmmedien verbringen, desto schlechter wird ihre Lesefähigkeit (5). Wichtig sind neben der Dauer auch die Inhalte des Medienkonsums: So wirken sich wegen ihrer Gewalttätigkeit indizierte Medien negativ auf die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit aus, verringern die Empathie und erhöhen die Gewaltbereitschaft (6).
Hoher Medienkonsum schadet prinzipiell allen Kindern und Jugendlichen – weitgehend unabhängig von ihrem Elternhaus und sozialer Schicht (7). Wie Jugendliche Medien nutzen, differiert jedoch nach Geschlecht, Bildungsniveau der Eltern und Migrationshintergrund: So verbringt ein 10-Jähriger Junge aus einer bildungsfernen Familie mit Migrationshintergrund täglich etwa vier Stunden vor dem Bildschirm. Den Gegenpol bildet das deutsche Mädchen aus einem bildungsbürgerlichen Elternhaus, das an einem Schultag durchschnittlich nur 43 Minuten vor dem Fernseher oder dem Computer sitzt (8). Stattdessen beschäftigt es sich mehr mit „klassischen Medien“ wie Büchern und Zeitschriften und mit kreativen Tätigkeiten wie Basteln und Musizieren. Ein solches Freizeitverhalten fördert die kognitive Leistungsfähigkeit. Umgekehrt schadet die visuelle Reizüberflutung der Fernseh- und Computerspielwelt der Konzentration auf komplexe Denkaufgaben, auf anspruchsvollere Texte und (Unterrichts)Gespräche.
Die Mediennutzung ist damit eine wesentliche Ursache der neuen „sozialen Stratifikation“ des Bildungserfolgs: Benachteiligt ist heute nicht mehr das einst sprichwörtliche „katholische Arbeitermädchen vom Lande“, sondern der Junge aus einer bildungsfernen Migrantenfamilie in der Großstadt (9). Er ist prototypisch der Verlierer unseres Bildungssystems, der sich vor allem an Haupt- und Sonderschulen findet, nicht selten sogar ohne Schulabschluss bleibt, wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat und aus Frustration Selbstbestätigung in einer gewaltaffinen Subkultur sucht (10). Einige Faktoren, die diese Abwärtsspirale aus Medienverwahrlosung, Bildungsdeprivation und Delinquenz bewirken, lassen sich klar bestimmen: So sind Jungen generell anfälliger als Mädchen gegenüber Gewalt, Pornographie und medialen Scheinwelten. Bildungsferne Eltern kontrollieren den Medienkonsum ihrer Kinder seltener und schwächer als höher gebildete Eltern (11). Im Falle von Jungen mit Migrationshintergrund verschärft sich diese Tendenz wohl noch durch hergebrachte Erziehungsstile, die ihnen mehr Freiheiten als den Mädchen einräumen. Ohne eine medienpädagogische Aufklärung von Eltern dürfte der immer akuteren Bildungskrise der Jungen kaum abzuhelfen sein. Und das ist auch, mittel-und langfristig, eine offene Flanke für die Innovationskraft und Wirtschaft eines Landes.
(1) Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/132-0-Woche-10-2009.html.
(2) Zum Suchtpotential von Internet und Computerspielen: Christoph Möller: Internetsucht/Computersucht bei Kindern und Jugendlichen, S. 14-37, in: Forum für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, 19. Jahrgang, Heft 3/2009.
(3) Vgl.: Una M. Röhr-Sendlmaier/Irina Götz/Rebecca Stichel: Medienerziehung in der Familie: Regeln und Motive, Umfang und Auswirkungen der Nutzung von Computer, Fernseher und Videokonsole, S. 107-129, Zeitschrift für Familienforschung, 20. Jahrgang, Heft 2/2008, S. 112.
(4) In einer Befragung von über 1.200 zwischen sechs und 13 Jahre alten Kindern zählten diese mehrheitlich das Fernsehen zu den besonders beglückenden Tätigkeiten – 89 Prozent assoziierten es mit glücklichen Gesichtern. Trotzdem erwies sich die Fernsehdauer als negativ mit dem subjektiv empfunden Glück von Kindern korreliert. Vgl.: Anton A. Bucher: Wie glücklich sind Deutschlands Kinder? Eine glückspsychologische Studie im Auftrag des ZDF, in: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung, 4. Jahrgang Heft 2/2009.
(5) Vgl.: Una M. Röhr-Sendlmaier/Irina Götz/Rebecca Stichel: Medienerziehung in der Familie, op. cit. S. 124.
(6) Vgl. Johannes Schwarte: Kinder und Medien, S. 102-111, in: Die Neue Ordnung, 64. Jahrgang – Heft 2, April 2010, S. 102-103.
(7) Vgl. ebenda, S. 104.
(8) Vgl.: Gudrun Quenzel/Klaus Hurrelmann: Geschlecht und Schulerfolg: Ein soziales Stratifikationsmuster kehrt sich um, S. 60-91, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 62. Jahrgang, Heft 1/2010, S. 81.
(9) Vgl. ebenda, S. 62-63.
(10) Zum Zusammenhang von schulischem Misserfolg und Delinquenz vgl. ebenda, S. 78.
(11) Vgl.: Ingrid Paus-Hasebrink: Mediensozialisation von Kindern aus sozial benachteiligten Familien, S. 20-26, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft 17/2009, S. 24.
▪ Nachfrage nach Förderung von Begegnungsprojekten mit Zeitzeugen weiterhin hoch
Stiftung EVZ stellt jährlich über 250.000 Euro für Zeitzeugengespräche zur Verfügung
Berlin, 1. September 2010.
65 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs kommen weiterhin Zeitzeugen nach Deutschland, um über das Erlebte zu berichten. Die heute hochbetagten Menschen erlebten Verfolgung und Unrecht überwiegend als Kinder und Jugendliche. Auch wenn die Zeitzeugen heute hochbetagt sind, ist die Nachfrage nach einer Förderung von Begegnungsprojekten ungebrochen. Begegnungen mit Zeitzeugen sind die eindrucksvollste Weise für die jüngeren Generationen, über die NS-Verbrechen und die schweren Lebenswege der Opfer zu lernen.
Die Stiftung EVZ fördert auch in diesem Jahr mit 260.000 Euro solche Begegnungen, insbesondere mit Überlebenden aus den Ländern Ost- und Mitteleuropas und aus Israel. In der ersten Jahreshälfte konnten für insgesamt 57 Begegnungen mit NS-Opfern Reise- und Projektkosten zur Verfügung gestellt werden.
„Diese Begegnungen, die Anteilnahme und Anerkennung der Verfolgung sind vor allem Gesten der Versöhnung, die wir den NS-Opfern, den Überlebenden, möglich machen, solange sie die oft beschwerlichen Reisen auf sich nehmen können“,
so der Vorstand der Stiftung EVZ, Günter Saathoff. In Vorbereitung der Begegnungen wird pädagogische Begleitung erwartet, die die jungen Menschen motiviert, sich mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen und von den Berichten der Opfer zu lernen.
Seit 2002 fördert die Stiftung EVZ Begegnungen mit Zeitzeugen, vor allem an Schulen, Gedenkstätten, Gemeinden und anderen Bildungseinrichtungen. Seit Bestehen der Stiftung EVZ wurden dafür insgesamt 4,1 Millionen Euro für insgesamt 646 Projekte zur Verfügung gestellt. Mit dieser Unterstützung konnten vor allem Reise- und Unterbringungskosten von etwa 5.000 Zeitzeugen unterstützt werden. Unterstützt werden auch die Kosten der Projektarbeit selbst, etwa die künstlerische oder mediale Verarbeitung der Berichte. Ermöglicht wurden so Begegnungen mit jüdischen Überlebenden, mit ehemaligen Zwangsarbeitern, mit ehemaligen Kriegsgefangen, Ghetto-Überlebenden und Widerstandskämpfern gegen das NS-Regime.
Kontakt: Stiftung EVZ, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Franka Kühn, Tel.: 030 / 259297-76
kuehn@stiftung-evz.de
;
www.stiftung-evz.de
▪ AUSMASS DER NS-ZWANGSARBEIT WIRD UNTERSCHÄTZT
+ Drei Viertel der Jugendlichen haben das Thema NS-Zwangsarbeit in der Schule behandelt – Wissen über NS-Zwangsarbeit ist dennoch lückenhaft
+ 80 % der Jugendlichen äußern Interesse für das Thema
+ Zwei Drittel (69 %) aller Deutschen finden das Thema auch heute noch wichtig
+ 70 % aller Befragten finden, dass die geleisteten Entschädigungszahlungen für das Ansehen Deutschlands im Ausland wichtig sind
Berlin, 17. September 2010 – Das Ausmaß der Zwangsarbeit während des Nationalsozialismus wird von den meisten Deutschen unterschätzt. Nur ein Fünftel (19 %) ist sich bewusst, dass im Deutschen Reich zwischen 1939 und 1945 über 13 Millionen Menschen Zwangsarbeit leisten mussten. Das ergab eine repräsentative Umfrage von infratest dimap im Auftrag der Stiftung EVZ (s. die vollständige Studie unter
www.stiftung-evz.de/ns-zwangsarbeit/umfrage).
Anlass der Befragung von insgesamt 1.200 Menschen ist die bislang größte Ausstellung zum Thema NS-Zwangsarbeit, die am 27. September im Jüdischen Museum Berlin von Bundespräsident Christian Wulff eröffnet wird. Die Ausstellung wurde von der Stiftung EVZ initiiert und gefördert und von der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald erarbeitet. Sie macht deutlich, dass insgesamt etwa 20 Millionen Menschen, insbesondere aus Mittel- und Osteuropa, aber auch aus westeuropäischen Ländern, zur Arbeit gezwungen wurden. Bislang war kaum bekannt, dass allein in den von Deutschland besetzten Gebieten mindestens sieben Millionen Zwangsarbeiter eingesetzt wurden (www.ausstellung-zwangsarbeit.org).
Vor allem ältere Menschen (über 65 Jahre) erinnern nicht den Umfang der Zwangsarbeit – nur 13 % schätzen das Ausmaß der Zwangsarbeit realistisch ein. Bei den Jüngeren (19- 49 Jahre) ist es immerhin ein Viertel (23 %) der Befragten. Unerwartet hoch ist allerdings das Interesse für das Thema bei den Jugendlichen: Zwar ist für etwa zwei Drittel (59 %) der 14-18-Jährigen die NS-Zwangsarbeit kein Thema im persönlichen Umfeld. Dennoch gaben 80 % der Jugendlichen an, dass sie die Problematik interessant oder sehr interessant finden. Nur ein Viertel (28 %) aber hat das Thema ausführlich im Unterricht behandelt. Befragt wurden 200 Jugendliche in dieser Altersgruppe, um das Wissen und Interesse zu beleuchten.
„Dass gerade junge Menschen mehr über die NS-Zwangsarbeit erfahren wollen, bestärkt uns in unserem Auftrag, über das Thema zu informieren und so lange es geht, Begegnungen zwischen Jugendlichen und den Opfern zu ermöglichen. Dieses Ergebnis ist für uns eine Ermutigung. Es wird aber auch deutlich, dass es erhebliche Wissenslücken gibt, die wir unter anderem mit der Ausstellung zum Thema NS-Zwangsarbeit schließen wollen.“
, so der Vorstand der Stiftung EVZ, Günter Saathoff.
Insbesondere junge Menschen finden, dass über das Thema zu wenig informiert wird (69 % der 14-18-Jährigen). Nur 1 % in dieser Altersgruppe meint, dass über das Thema zu viel informiert wird. Bei den Älteren (65-74 Jahre) geben das immerhin 13 % an. Von den über 75-Jährigen erinnern sich 77 % an Zwangsarbeit in ihrem persönlichen Umfeld, 22 % gaben an, keine Erinnerung an Zwangsarbeiter zu haben.
Sehr hoch ist die Zustimmung zu den geleisteten Entschädigungszahlungen durch die Stiftung EVZ. Neun von zehn Befragten (88 %) empfinden die Zahlungen der Stiftung EVZ, die im Jahr 2007 abgeschlossen wurden, als richtig, wobei 52 % der Befragten die bisherigen Entschädigungen nicht ausreichend finden. 15 % derer, die meinen, die Entschädigungszahlungen seien nicht oder weniger wichtig (insgesamt waren das 10 % aller Befragten), gaben an, man solle unter das Thema „einen Schlussstrich“ ziehen, vor allem Befragte mit geringer Schulbildung (Hauptschule) waren in dieser Gruppe mit 18 % überdurchschnittlich vertreten.
Die Hälfte (50 %) der Befragten meint, dass die Entschädigungszahlungen an ehemalige Zwangsarbeiter zur Versöhnung (hier beispielhaft für das Nachbarland Polen gefragt) beigetragen haben. 39 % hingegen stimmen dem nicht zu. Vor allem in Ostdeutschland ist hier die Skepsis höher als im Westen (51 % West / 43 % Ost).
Unter
www.stiftung-evz.de/ns-zwangsarbeit/umfrage können Sie die Ergebnisse der Umfrage in hochaufgelöster grafischer Aufbereitung herunter laden.
Zur Ausstellung am Jüdischen Museum Berlin (28. Sept. 2010 – 30. Jan. 2011):
ZWANGSARBEIT – Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg
Eine Ausstellung der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora
im Jüdischen Museum Berlin, initiiert und gefördert von der Stiftung „Erinnerung Verantwortung und Zukunft“
Die Ausstellung „Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg“ erzählt erstmals die gesamte Geschichte des Verbrechens und sie zeigt, wie die Zwangsarbeit von Beginn an Teil der rassistischen Gesellschaftsordnung des NS-Staates war: Die propagierte „Volksgemeinschaft“ und die Zwangsarbeit der Ausgeschlossenen – beides gehörte zusammen.
Durch umfangreiche internationale Recherchen kann die Ausstellung historische Exponate und Fotografien präsentieren, die den Einzelnen und seinen Handlungsspielraum in den Blick nehmen aber auch die europäische Dimension.
Weitere Informationen unter
www.ausstellung-zwangsarbeit.org
Kontakt:
Stiftung EVZ, Presse-
und Öffentlichkeitsarbeit, Franka Kühn,
Tel.:030/259297-76,
kuehn@stiftung-evz.de ;www.stiftung-evz.de
Im Verhältnis zu seiner geringen Einwohnerzahl hat Ostpreußen unglaublich viele Männer nationalen und internationalen Ansehens hervorgebracht. Simon Dach (1605 – 59), Johann Georg Hamann (1730- 88) war ein Wegbereiter Herders. Ernst Theodor (Amadeus), E.T.A Hoffmann aus Königsberg hat mit dem phantastischen, psychologischen Romans eine neue Literaturgattung entwickelt. Zacharias Werner, Ferdinand Gregorovius u.a.m. Diese stehen natürlich in deutschen Lexika verzeichnet. Der allfällige Verdacht, dass hier unsere eigenen Landsleute ungebührlich herausgestrichen werden, wird aber dadurch entkräftet, dass diese Größen mit z. T. mit sehr ausführlichen Würdigungen Eingang in die Encyclopaedia Britannica gefunden haben.
Mehr noch. Mit seinen größten Söhnen, Kopernikus - Kant – Herder – Schopenhauer hat Preußen (Ost – und Westpreußen) die wohl wichtige Umwälzungen der Geistesgeschichte nach der Reformation durch Luther herbeigeführt.
1.
Kopernikus
Nikolaus Kopernikus (1473 – 1543), einer der folgenreichsten Wissenschaftler aller Zeiten, stammte aus Thorn. Dieses gehörte zum Ordensstaat, musste aber 1466 im 2. Thorner Frieden an Polen abgetreten werden. Zwischen Deutschen und Polen ist daher streitig, ob er Pole oder Deutscher war. Unstreitig, inzwischen auch der polnischsprachige Wikipediaeintrag, aber war er ein „ethnischer“ Deutscher.
Kopernikus widerlegte die auch aus der Bibel begründete Behauptung, die Erde stehe in der Mitte des Kosmos. Damit wurde eine geistige Wende im Selbstbild des Menschen vollzogen, die wir in gewissem Sinne noch bis heute nicht ganz verarbeitet haben. Wir Menschen wollen letztlich doch nicht glauben, dass wir nur ein Staubkorn, eigentlich nicht einmal das, im All sind. Seit Kopernikus und den auf ihm fußenden Wissenschaftlern kommen wir aber um diese Erkenntnis nicht herum. Die Ausdrängung unserer Erde aus dem Zentrum des Alls, damit auch des Menschen aus der Mitte der Schöpfung ist vielleicht die wichtigste und folgenreichste naturwissenschaftliche Entdeckung, welche ein Mensch jemals gemacht hat.

2. Kant
Immanuel Kant (1724 – 1804) hat für die Philosophie im Grunde dasselbe getan wie Kopernikus auf seinem Gebiet. Die Kritik der reinen Vernunft (Riga, 1786) beschreibt die Grundlagen menschlicher Erkenntnis und damit die Grenzen dessen, was ein Mensch überhaupt erkennen kann. Kant kommt zu dem Ergebnis, dass wir nur das erkennen können, was mit den Mitteln des menschlichen Verstandes eben erkannt werden kann. Wir wissen nicht, ob d a s die Wahrheit ist, oder ob es dahinter „wahrere“ Wahrheiten, die Wahrheit an sich, gibt. Kant verweist den Menschen daher ganz auf sich selbst und seine Vernunft. Er leugnet Gott nicht, sagt aber, dass Gottes Existenz nicht mit Vernunftgründen bewiesen werden könne. Berühmt ist sein Satz: Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! 2
Kants Philosophie hatte ungeheure Auswirkungen. Im Grunde ist jeder Gedanke, der seit Kant gefasst wurde, von den seinen Einsichten geprägt.

3. Herder
Johann Gottfried Herder (1744 – 1803) ist der dritte Revolutionär. Er steht in der deutschen Wahrnehmung hinter unseren großen Dichtern. Mit seinem internationalen Ansehen aber steht er aber diesen eher voran. Ein Gradmesser für internationale Berühmtheit mag sein die Zahl der Druckspalten, welche die Encyclopaedia Britannica (Aufl. 1962 ff) einer Person widmet. Der Engländer Charles Darwin erhält insgesamt 5 Spalten – so viel wie dieselbe Enzyklopädie dem Deutschen Herder widmet. Im Vergleich: Immanuel Kant = 11 Spalten, der damit ebenso „berühmt“ ist wie Goethe.
Herders Werk kann hier nicht gewürdigt werden würdigen. Es mag aber ein Absatz aus der Encyclopaedia Britannica über ihn herausgenommen werden: Allen Werken Herders gemeinsam ist der Entwicklungsgedanke. Herder führt diesen Gedanken in vielen geistesgeschichtlichen Strömungen Deutschlands und anderer Nationen aus. Diesen Gedanken wandte er mit neuen und weit reichenden Ergebnissen an, und zwar auf allen Bereichen des Geistes. Er begann mit der Entwicklung ( evolution ) der Dichtkunst und ging von dort dazu über, sich mit dem Gang der Menschheitsgeschichte befassen und der Art, wie der Mensch sich selbst darstellte.
Herder legte seine Auffassungen über Sprachen, Sitten, Religion und Poesie, über Wesen und Entwicklung der Künste und Wissenschaften, über die Entstehung von Völkern und historischer Vorgänge dar. Vernunft und Freiheit hielt er für Produkte der „natürlichen“ ursprünglichen Sprache, Religion für den höchsten Ausdruck menschlicher Humanität. Die unterschiedlichen natürlichen, historischen, sozialen und psychologische Umstände führen zur vielschichtigen Differenzierung der Völker, die verschieden aber dennoch gleichwertig sind. Herder betrachtet, ähnlich wie Goethe, die Welt und wird damit zu einem Prediger dessen, was wir heute Globalisierung nennen.
4.
Schopenhauer
Arthur Schopenhauer (1788 – 1860) vollendete die Philosophie Kants. Kants Glaube an die Vernunft bleibt letztlich einem Gottesglauben verhaftet. Schopenhauer verwirft auch den Glauben an die Vernunft als einer Art transzendenter Wesenheit. Sein Skeptizismus legt die Axt an alle Gewissheiten und religiös-philosophische Selbstberuhigungssysteme. Welt und Weltall sind Phänomene einer vernunftlosen Ewigkeit, von denen der Mensch ein Teil ist, nicht ihr Zweck. Dieser Gedanke findet Schopenhauer im Buddhismus, den er als ein den europäischen Weltanschauungen gleichwertiges System anerkennt. Damit durchbricht er den Eurozentrismus der Philosophie und setzt damit eigentlich auch das Werk Herders fort. Schopenhauers Weltanschauung ist im Grunde zur „Religion“ der Moderne geworden.
Es ist schade, dass wir Deutschen unser ostdeutsches Erbe nicht mehr kennen und fast verleugnen. Den immer noch erstaunlich guten Ruf, den Deutschland als Wissenschafts- und Kulturnation in der Welt genießt, verdanken wir nicht nur dem Mercedesstern, sondern vielleicht sogar zum größten Teil den genannten preußischen Revolutionären. Die großen Preußen hier oben sind weltweit bekannt und manche Partner in Europa und anderswo beneiden uns um sie.
Prof. Dr. Menno Aden, Präsident des Oberkirchenrates a.D. (2011)
BÜCHER
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Hans-Gerd Servatius, Uwe Schneidewind, Dirk Rohling (Herausgeber).
Smart Energy. Wandel zu einem nachhaltigen
Energiesystem.
Als die Bundeskanzlerin im März 2011 nach der Katastrophe von Fukushima auf eigene Faust beschloss, dass die Bundesrepublik Deutschland bis 2022 aus der Atomenergie aussteigen würde, war das eine politische Entscheidung. Darüber hinaus hat sie damit eine neue Phase im Wandel zu einem nachhaltigen Energiesystem eingeleitet. Deutschland war bereits führend in Sachen Alternativenergie. Es wird es jetzt um so mehr werden und dieser Industriebereich könnte sich zu einem Exportschlager entwickeln, wenn auch für das Mutterland Zweifel erlaubt sind, ob die Energieproduktion in 10 bis 15 Jahren ausreicht, um Bevölkerung und Industrie in Deutschland zu versorgen.
Auf jeden Fall bringt das Buch Smart Energie Antworten auf die Frage, welche konkreten Strategien und Projekte die Politik, Energieversorger, Technikanbiete und junge Unternehmen bei der Weiterentwicklung des Energiesektors verfolgen. Den sogenannten Smart-Technologien kommt bei der intelligenten Gestaltung einer zunehmend dezentralen Energieversorgung eine besondere Bedeutung zu. Das Buch ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit von 47 Autoren, die in 28 Beiträgen die verschiedenen Aspekte des Themas beleuchten. Die renommierten Wissenschaftler und Berater erläutern einen konzeptionellen Rahmen für innovative Geschäftsmodelle, die Gestaltung von koordinierten Übergängen und Erfolg versprechende Zukunftsentwürfe, wie beispielsweise die Entwicklung zu Smart Cities und der Rolle der Elektromobilität. Neben Beispielen aus Deutschland behandeln die Autoren auch Perspektiven anderer Länder wie z. B. Indien.
Parallel zur Publikation dieses Buches startet die Smart-Energy-Plattform
als Interaktionsmedium für Autoren aus Politik, Wirtschaf, Wissenschaft
und Gesellschaft. Buch und Plattform verfolgen das Ziel, zwischen
verschiedenen Akteuren und Positionen Brücken zu schlagen und so einen
Wandel durch Vernetzung zu fördern. www.smart-energy-platform.com
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Manfred Nebelin.
"Ludendorff Diktator im Ersten Weltkrieg".
Siedler-Verlag, Berlin, 2011, geb. 752 Seiten, 39,99 Euro.
Kein General prägte so entscheidend wie Erich Ludendorff (*9.4.1865 Schwersenz, Westpreußen, + 20.12.1937 München) die Material-Schlachten des I. Weltkriegs im Osten wie im Westen Europas. Von Wilhelm II. nach dem Sieg gegen die in Ostpreußen eingedrungenen Russen am 30.8.1914 zum „Helden von Tannenberg“ emporgehoben, zeigte sich Generalquartiermeister Ludendorff ebenso an der Westfront als Soldat mit totalitärem Anspruch. Mit allen militärischen und politischen Druck-Mitteln wollte er, der faktische Chef der 3. OHL, siegen und den Frieden erzwingen.
Wer Weiterführendes über das militärische und politische Denken Erich Ludendorffs erfahren möchte, dem sei das Buch des Dresdner Historikers Manfred Nebelin empfohlen. Er bietet ein faktenreiches, umfassendes Charakterbild des Ersten Generalquartiermeisters, dazu tiefergehende politisch-ideologische Analysen sowie Originalzitate aus den Gesprächsabschriften des OHL und den Tagebüchern der Generalstabsoffiziere. Dem Leser wird ein realitätsnahes Bild jenes Erich Ludendorff vermittelt, der als einziger Generalstabsoffizier keinen Adelstitel besaß und dennoch auf eine Erhebung in den Adelsstand verzichtete. Sein Ideenfreund von Tirpitz von den Alldeutschen, der 1916 im OHL den uneingeschränkten U-Boot-Krieg gegen England durchsetzte, dachte ähnlich negativ von Kaiser Wilhelm II. In Ludendorff, der ausschließlich das Heil vom Militär kommen sah – seinen selbstgewählten Titel Generalquartiermeister entlehnte er den Befreiungskriegen von 1813 - wird bereits die Tragödie des II. Weltkriegs, den er nicht mehr erlebte, tangibel. Er war mehr als ein sozialer Emporkömmling, hatte doch sein Vorfahr auf den pommerschen Adelstitel verzichtet, da er sein Geschlecht von Schwedens Königen herleitete. In Schweden besaß Ludendorff einflussreiche Fürsprecher wie den Asienforscher Sven Hedin.
Geboren wurde er auf einem westpreußischen Rittergut. Traditionsgemäß wurde er Soldat, absolvierte strebsam Offiziersschule und zahlreiche Fortbildungskurse für aktive Soldaten. Privatleben kam kaum vor. Ludendorff heiratete schließlich eine adlige Witwe mit vier Kindern, zwei seiner Stiefsöhne starben im I. Weltkrieg. Sein Tagebuch hat Biograph Nebelin sorgsam ausgewertet. Er zeichnet das Bild eines willensstarken Menschen, der auch vor „höherstehenden Chargen“ seine Meinung nicht nur vertritt, sondern auch durchsetzt. Der Monarchie steht er nicht besonders nahe, wenn auch Wilhelms Ehrentitel „Held von Tannenberg“ seinem Ego schmeichelte. Mit jedem Schlachtensieg im Osten manifestierte sich sein Selbstbewusstsein stärker. Zuletzt schrie er im OHL in Spa sogar Wilhelm II. an, der ihn daran erinnern musste, dass er „vor seinem Kaiser“ stehe.
Mehr als Clausewitz!
Auf der Offiziersschule wollte der junge Offizier bereits den berühmten Karl von Clausewitz übertrumpfen: „Das Militär folgt auf die Politik, in Kriegszeiten ist es ihr Schrittmacher“, lautete Ludendorffs Antithese. Demnach ist Krieg nicht mehr - wie banal klingt dies heute noch! - die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Vielmehr sieht Ludendorff im Krieg, im Gewaltakt, die Durchsetzung einer nicht hin- und ausreichenden Politik. Dass das Militär auf die Politik folgt, zeigt sein Bestreben – ebenso das seines Vorgesetzten Generalfeldmarschall von Hindenburg -, sich in die Politik des Reichskanzlers von Bethmann-Hollweg einzumischen: Das sog. Hindenburg-Programm forderte 1917 öffentlich von den Zivilisten an der „Heimatfront“ – auch dies ein Ausdruck, den Ludendorff prägte - mehr Arbeitseinsatz in den Rüstungsbetrieben bei gleichzeitig geringeren Essensrationen. Frauen, ansonsten vorwiegend im Haushalt beschäftigt, verrichteten in Fabriken die Arbeit von Männern, die – millionenfach - als Soldaten auf den Schlachtfeldern kämpften und starben. Keine Spur mehr vom harmlosen Clausewitzschen Dogma „Vom Kriege als der bloßen Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.“ Ludendorff, den Nebelin offen einen Diktator nennt, zeigte als Generalstabsoffizier im Osten schon früh, dass er den Krieg, d.h. den nackten Zwang, über die Politik stellt. Das Militär selbst könne, ja müsse konkrete Politik betreiben, sagt Ludendorff, der dafür keine andere Legitimation als die Notwendigkeit kannte, denn von Wahlen hielt er nicht viel. Heraklits Diktum „Der Krieg ist der Vater aller Dinge, die einen macht er zu Herren, die anderen zu Sklaven“ besitzt beim Generalquartiermeister einen speziellen Touch: „Ober-Ost“, so hieß das Gespann Hindenburg-Ludendorff anfangs, zwang nach der Eroberung Polens und Litauens ab 1916 einen Teil der Bevölkerung zur Arbeit in requirierten Fabriken und Gutshöfen für die deutsche Besatzung sowie die Bedürfnisse der Menschen in Deutschland. Den militärischen Sieg wollten nach Tannenberg der 66jährige Generalfeldmarschall und sein 1. Generalquartiermeister um jeden Preis davontragen. Dementsprechend hart, eigentlich überfordernd, lauteten ihre Befehle für Freund und Feind, d.h. für die deutsche Zivilbevölkerung im Reich ebenso wie für die ausländischen Zwangsarbeiter in den besetzten Gebieten. Andererseits gab es um 1917 auch an der Westfront Bestrebungen, Abertausende von belgischen Zivilisten als Zwangsarbeiter zu rekrutieren und aus ihrer belgischen Heimat in kriegswichtige Betriebe in Deutschland zu deportieren. Zurück zu Ludendorff: Trotz Tannenberg und weiterer militärischer Erfolge im Baltikum wurde der ehrgeizige Generalquartiermeister zu den wichtigen Besprechungen der OHL (Oberste Heeres-Leitung) in Bad Kreuznach bis 1916 nicht eingeladen. Er protestierte heftig.
Politik und Militär – in vorüber gehender Harmonie
Man kann bis auf die Ursprünge von Militär und Politik zurückgehen: Was wäre Gaius Julius Cäsar, der große Feldherr, der seine politische Laufbahn als Pontifex maximus in Rom begann, ohne seine Legionen, die ihn in Gallien und Spanien von Sieg zu Sieg führten? Ebenso behauptete der römische Senat die politische Oberherrschaft über den siegreichen Cäsar, dem er ein Prokonsulat übertragen hatte. Dass seine immens großen militärischen Erfolge der oft so unscheinbaren politischen Macht des Senats dennoch nicht überlegen waren, musste Cäsar durch die 23 Dolchstöße an den Iden des März des Jahres 44 v.Chr. erfahren, mit denen ihn die Anhänger der Republik töteten. Kommt auch aus dieser Perspektive Aufklärung für die „Dolchstoß-Legende“, die Ludendorff und Hindenburg noch vor Kriegsende 1918 gemeinsam in Umlauf brachten, als sie – zu spät - erkannten, dass der militärische Sieg im Westen nicht mehr möglich war? Dafür spricht einiges. Offensichtlich abhanden gekommen war den beiden Militärs jedoch die Lehre aus Cäsars Tod: Seit „Princeps“ (=Fürst) Augustus, der sich gerne Cäsar=Kaiser nennen ließ, lagen Krieg und Frieden, die Verantwortung für Politik und Militär, in einer Hand. Nicht mehr und nicht weniger hatte übrigens auch Cäsar gewünscht. Und diese politische Konstellation entsprach auch Ludendorffs Wünschen, als er sich im Jahr 1925 zur Wahl ins Reichspräsidenten-Amt stellte – und mit Pauken und Trompeten durchfiel.
Der Widerspruch von Ludendorff zur Clausewitzschen Auffassung ist ebenso fundamental wie aussagekräftig: Für ihn war Krieg die Vorstufe, das eigentliche Mittel zum Sieg. Als Generalstabschef der 8. Armee im Osten hatte er aller Welt gezeigt, dass er seine auf Kriegsschulen erworbenen Kenntnisse auch praktisch umsetzen konnte. Zangenangriffe, noch lieber die großräumige Umfassung ganzer Armeen, mit anschließender Vernichtung der feindlichen Truppen hießen seine Trümpfe. Doch es dauerte lange, bis ihm das OHL im Osten die dafür nötigen Truppen zur Verfügung stellte. „Ober-Ost“, so hieß das militärische Oberkommando an der Ostfront, wollte die riesigen Armeekorps von Brussilow und Alexejew nicht einfach zurückzudrängen in die Weite des russischen Raums, sondern diese sollten umfasst, eingekesselt und vernichtet werden - falls sich die Soldaten nicht vorher ergeben. Einige solcher Einkesselungsschlachten lieferte Ludendorff im Osten tatsächlich. Nach den verheerenden Niederlagen der russischen Armeen 1916-17 und der zweiten, der Oktober-Revolution in St.-Petersburg, kam es zum Friedensschluss von Brest-Litowsk (Weiß-Russland) am 3.3.1918. Bei den Verhandlungen war auf deutscher Seite das Militär, nicht die Reichsregierung tonangebend. Dies war ein erstes Indiz auf den totalen zivilen und militärischen Machtanspruch des 3. OHL, in dem Hindenburg und Ludendorff als Sieger im Osten das letzte Wort hatten. Andererseits wurden damals die seit 1700 und Zar Peter d.Gr. russischen Baltenstaaten wieder eigenständige Territorien, die Ukraine, Weißrussland und die Kaukasus-Länder, vor allem das Russland-feindliche Georgien, erhielten eigene Regierungen. Gewiss sollten diese Länder wie auch der mit deutscher Hilfe 1915 gegründete unabhängige Staat Polen im Deutschen Reich ihren Protektor sehen, aber der Anfang vom Ende der von Peter dem Großen initiierten Russifizierung war gemacht. Unbändig stolz war Generalquartiermeister Ludendorff auf die Niederwerfung Russlands, das sein Zarentum verlor. Er ließ auch 1917 den russischen Revolutionsführer Wladimir I. Lenin aus dem Schweizer Exil im verplombten Zug durch Deutschland zum Finnischen Bahnhof nach Petrograd (St.-Petersburg) fahren. Zuletzt mischte sich Ludendorff in alle Belange, ob militärischer oder politischer Art, ein und fühlte sich für alles zuständig. Er, der mit Hindenburg seinen Kaiser vom OHL im belgischen Spa ins holländische Exil nach Doorn geschickt hatte, wurde nach dem Waffenstillstand am 9.11.1918 und nach seiner Rückkehr nach Berlin eines Besseren belehrt. Nicht nur das Leben seines Kaisers, auch sein eigenes Dasein war bedroht. Er herrschte der blanke Aufruhr, Anarchie in Berlin, vor der er stets gewarnt und die er doch mit verursacht hatte. Ludendorff traute sich aus seiner Wohnung in Berlin-Charlottenburg nicht mehr auf die Straße. Kurzerhand emigrierte er nur wenige Tage nach der ebenfalls von ihm verschuldeten totalen Niederlage im November 1918 mit seiner Ehefrau und einem finnischen Diplomatenpass nach Schweden.
Ausgezeichnet informieren die zahlreichen Fußnoten und detailreichen Anmerkungen in Nebelins Buch, ebenso ist ein Personenregister enthalten. Vermisst wird eine kurze Zeittafel mit den wichtigsten Lebensdaten zu Erich Ludendorff.
Richard E. Schneider
▪
Liz Mohn.
"Schlüsselmomente - Erfahrungen eines engagierten Lebens".
Die Zeit hat mit Liz Mohn, der Chefin der Bertelsmann-Verwaltungsgesellschaft, gesprochen. Themen: Frauen und Karriere, Macht und Verantwortung. Mohn, die Witwe des 2009 verstorbenen Bertelsmann-Unternehmers Reinhard Mohn, hat gerade ein Buch veröffentlicht: " Warum sie ihre Erinnerungen aufgeschrieben hat: "Mein Leben ist schließlich ein außergewöhnliches Frauenleben."
In der Tat: Die Geschichte von Liz Mohn,
die als Telefonistin bei Bertelsmann anfing, mit Konzernchef Reinhard
Mohn zusammenkam, ihn heiratete, eine Familie gründete und schließlich
auch eine tragende Rolle im Unternehmen übernahm, ist spannend und aus
vielen Gründen bemerkenswert. Wie Ehemann Reinhard propagiert Liz Mohn,
die auch im Aufsichtsrat der Bertelsmann AG und im Vorstand der
Bertelsmann Stiftung sitzt und damit eine Schlüsselrolle im Gütersloher
Konzern einnimmt, die Verantwortung gegenüber Werten und Mitarbeitern.
Bereits 2001 hatte Mohn ein Buch mit dem Titel "Liebe öffnet Herzen"
veröffentlicht.
In einem Unternehmen dürfe Menschlichkeit nicht auf der Strecke bleiben,
sagt Liz Mohn. Zur Führung einer Firma gehöre auch eine
Unternehmenskultur: "Sie können in der globalen Welt unglaublich kluge
Köpfe finden, aber einen guten Charakter haben diese Menschen deswegen
noch lange nicht." Zu den von Reinhard Mohn 1960 festgelegten
Bestandteilen der "Bertelsmann Unternehmenskultur" zählen u.a. die
Delegation von Verantwortung, partnerschaftliche Führung und
Verantwortung des Unternehmens gegenüber der Gesellschaft. Mohn hatte
diese Grundsätze mehrfach selber in Buchform erläutert.
Liz Mohn schreibt es sich nun auf die Fahne, die Förderung von Frauen im
Unternehmen vorangebracht zu haben. Als sie selber im Unternehmen
angefangen habe, fehlten Frauen in Führungspositionen. Das habe sich
geändert, wie auch die Rolle der Frau insgesamt. Mohn: "Deshalb rate ich
auch jeder jungen Frau, nicht aus dem Beruf auszusteigen, wenn sie
Kinder bekommt. Wenigstens einmal die Woche, für drei oder vier Stunden,
sollte sie arbeiten gehen. Irgendwie lässt sich das immer organisieren.
Rausgehen und sich weiterentwickeln, darum geht es doch." Sie selber
treibe ihre Neugierde an, sagt Liz Mohn: "Dass ich mit drei Jahren
einfach in der Ems schwimmen gewesen bin. Oder dass ich
Eisschollen-Springen gemacht habe. Entweder man stürzt hinein, oder man
schafft es." Sie lasse sich bis heute selbst durch Warnungen von
Experten nicht abschrecken: "Ich bin früh in Palästina gewesen, als es
gefährlich war."
Die westlichen Geheimdienste haben in der Nachkriegszeit Leute verwendet, die eine belastende Vergangenheit hattten. Hauptsache, sie waren Antikommunisten. Umgekehrt haben es auch die Kommunisten in der DDR und in der Sowjetunion getan, indem sie - anders als im Westen - NS-belastete Leute erpressten, um sie als Agenten einzusetzen. Und von ihnen gab es viele. Der Autor dieses Buches, der sich bereits als DDR- und Spionageexperten einen Namen gemacht hat, geht in diesem Buch der Gefahr auf den Grund, dass solche unsichere Kantonisten entweder "umgedreht" werden oder für beide Seiten zugleich als Doppelagenten arbeiten. Hierzu ein Beispiel: Der ehemalige SS-Oberführer und Oberstg der NS-Polizeit Wilhelm Krichbaum, der sich unter Hitelr bis zum stellvetretenden Gestapochef hochgedient hatte, bekleidete dann im Westen in der Organisation Gehlen den Posten des Leiters einer Bezirksverwaltung, war zugleich Agent des KGB, der ihn wegen seiner Beteiligung an Massenmorden in der Sowjetunion zu erpressen vermochte. In dieser Eigenschaft rekrutierte Krichbaum einen weiteren UdSSR-Spion, den berühmt-berüchtigkten Heinz Felfe. Dieser war früher als SS-Obersturmbahnführer in Himmlers Auslandssicherheitsdienst tätig gewesen und mache dann Karriere im KGB, bis er ausgerechnet Leiter des BND-Referates "Sowjetunion" in München-Pullach wurde.
Peter Ferdinand Koch stellt viele interessante Fälle dar und sein Buch liest sich wie ein Kriminal- bzw. Spionageroman. Er hat eine flotte Feder und kann erzählen. Nach ihm wimmelte es während des Kalten Krieges an Doppelagenten. Aber die Russen vor allem hatten Maulwürfe mit ins Boot genommen - quasi im Fliessbandverfahren. Moskau hatte die Biographien und konnte erpressen. Zu den ehemaligen Nazis in DDR-Diensten, nicht alle in Geheimdiensten, hat Dr. Olaf Kappelt eine unfangreiche Dissertation, später als Buch veröffentlicht, die es verdient, nach dem Buch von Koch gelesen zu werden. Diese Veröffentlichung bescherte ihm 1981 und 1987 die pesönliche Verfolgung durch den Staatsischerheitsminister Erich Mielke, der ihn zum Staatsfeind erklärte und durch eine Sondereinheit der Stasi versuchte ausschalten zu lassen. Es zeigt, wie sensibel das Thema "Alt-Nazis im Dienst des Kommunismus" war. Auch deswegen ist das Buch von Koch wichtig, weil zu wenig über den Kalten Krieg an der unsichtbaren Front geschrieben worden ist, während sich das Dritte Reich umfangreicher Forschungsvorhaben erfreute. Kochs Buch liegt gerade an der Nahtstelle zwischen NS- und KGB/Stasi-Zeit.
Der Autor hat Quellen der CIA und BND-Akten durchforstet. Dazu konnte er das TAgebuch des ehemaligen BND-Vizepräsidenten Dieter Blötz werwenden. Er war als Journalist und Redaktionsmitglied an der "Spiegel"-Serie "Rote Kapelle" und an der weiteren Serie des Hamburger Magazins "Pullach intern" beteiligt. Man bekommt in dem Buch Auskünfte über die Ausfertigung des berüchtigten Kommissarbefehls und über die Verhaftung der Anne Frank durch SS-Oberscharführer Karl Josef Silberbauer, der nach dem Krieg bei der Wiener Polizie arbeitete und eine bedeutende "Sonderverbindung" der Organisation Gehlen war, die allerdings von seiner ominösen Rolle bei dieser Aktion nicht wusste.
Angesichts der grossen Zahl von KGB- und Stasi-Spionen und der Effizienz der Ost-Geheimdiensten fasst man sich nach der Lektüre an den Kopf und fragt man sich, warum der Osten den Kalten Krieg nicht gewonnen hat. Das ist jedenfalls der tröstliche Beweis, dass Spione und Agenten den Lauf der Geschichte kaum ändern können. Ihr Job ist hoffnungslos. (JPP)
▪ Detlef
Gürtler.
"Entschuldigung! Ich bin deutsch".
Zerstört Deutschland Europa?
"
Deutschland hat sich auf einen Weg begeben, an dessen Ende ein Europa nach deutschem Vorbild stehen soll, aber viel wahrscheinlicher die Zerstörung der Europäischen Union stehen wird", warnt Autor Detlef Gürtler in seiner Streitschrift . Er entschuldigt sich für Angela Merkel & Co. und entlarvt auf selbstironische Weise das deutsche Wesen, mit dem die Deutschen gerade ganz Europa bevormunden. Gürtler deckt auf, warum die Deutschen so sind, wie sie sind, wie sie damit Europa zerstören, und wie die Europäer das vielleicht noch verhindern können. Denn, so ist Gürtler überzeugt: Am deutschen Wesen kann Europa nicht genesen.»Entschuldigung! Ich bin deutsch« erscheint zeitgleich am 4. Juli in sieben Sprachen als eBook: deutsch, englisch, französisch, italienisch, spanisch, türkisch und niederländisch. In Anlehnung an die politischen Flugschriften aus der Aufklärung, die im Zeitalter von Internet, App und E-Mail wieder bedeutsam werden, stellt der Hamburger Murmann Verlag diese wiederzuentdeckende literarische Gattung erstmals auch in europäischer und zugleich elektronischer Form vor.
Anfragen an: presse@murmann-verlag.de, Tel.: +49 (0)40/398 083-14, Fax: +49 (0)40/398 083-10
Weitere Informationen außerdem unter:
http://www.sorry-germany.com/presse/presseinformationen
Über den Autor: Er lebt in Deutschland, Spanien und der Schweiz. Er ist Chefredakteur des Schweizer Wissensmagazins GDI Impuls, Autor erfolgreicher Wirtschaftssachbücher (»Die Dagoberts«, »Die Tagesschau erklärt die Wirtschaft«) und Journalist für diverse Tages- und Wochenzeitungen (u.a. Welt, taz, La Vanguardia). Darüber hinaus war er Gründer des Wirtschaftsmagazins brand eins und ist Berater für internationale Unternehmen.
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Eckart Lohse und Markus Wehner.
„Guttenberg“. Ein Biographie.
Er hatte alles, was ein Held braucht: Charisma, Stammbaum, Reichtum, eine schöne Frau und ein großes Amt. Der ehemalige Verteidigungsminister war beliebter als Angela Merkel, viele sahen in ihm schon ihren Nachfolger. Aber ist/war Karl-Theodor zu Guttenberg überhaupt ein guter Politiker? Als Wirtschaftsminister ließ er markigen Worten, etwa in der Opel-Krise, keine Taten folgen. Kaum war er Verteidigungsminister, vollzog er in der Kundus-Affäre einen atemberaubenden Meinungswechsel. Hat er auch nur den leisesten Verdacht, dass ein anderer hinter seinem Rücken Fäden spinnt, reagiert er hochempfindlich. Muss ein Politiker mit höchsten Ambitionen, einer, der als Hoffnungsträger gilt, nicht mehr leisten, mehr aushalten? Eckart Lohse und Markus Wehner zeichnen das Bild eines talentierten Blitzaufsteigers, der mit der Aussetzung der Wehrpflicht ein erstes Meisterstück geliefert, aber seine Bewährungsproben noch vor sich hat. Sie schildern, woher Guttenberg stammt, wie er in die Politik kam, wo seine Stärken, aber auch wo seine Schwächen liegen. Sie zeigen das wahre Gesicht hinter der Maske des Helden.
Eckart Lohse,
geboren 1963, ist seit 1994 politischer Redakteur der Frankfurter
Allgemeinen Zeitung (FAZ), seit 2003 leitet er das Berliner Büro der
Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS). Er beobachtet und
beschreibt vor allem die Entwicklungen in CDU und CSU und die
Verteidigungspolitik.
Markus Wehner, geboren 1963, ist seit 1996 Redakteur der FAZ. Er
berichtete fünf Jahre lang als Korrespondent aus Moskau. Seit 2004 ist
er Redakteur im Hauptstadtbüro der FAS, sein Augenmerk liegt auf den
Geheimdiensten und auf der politischen Linken.
"Die Vermessung des Glaubens". Pantheon-Verlag, 2. Auflage 2010, Tb, Paperback, Klappenbroschur, 576 Seiten, 13,5 x 21,5 cm mit Abb. € 14,95.
Besuch auf dem Mt. Sinai und an anderen religionshistorisch bedeutsamen Orten – Ein sachlich gehaltenes Buch - Informativ und doch leicht lesbar.
Die Vermessung des Glaubens oder Glaube versetzt Berge? Der ZEIT-Journalist und Physiker Dr. Ulrich Schnabel erhielt im Oktober 2010 den mit 10.000 Euro dotierten „Werner und Inge Grüter-Preis für Wissenschaftsvermittlung.“ Ein Grund, sein nun mit zwei Auszeichnungen bedachtes, journalistisches Recherche-Buch über „Gott in der Welt“ zu lesen. Es sei Religions-Pessimisten wegen der Nüchternheit der Argumentation seines Autors empfohlen, die Optimisten werden allerdings eher reserviert darüber urteilen. Doch enttäuscht wird der Leser keinesfalls - wenn er sich denn für Religion interessiert. Gewiss muss man vorsichtig sein bei Urteilen über den Glauben, doch so viel ist sicher: Es ist kein wahnsinniges Buch, das ein Mensch gegen die Religionen oder Konfessionen schrieb, weil er von diesen verfolgt und verlassen wurde. Vielmehr erlaubt es unsere moderne Zeit einem Autor, ein solches sachlich nachfragendes Buch zu schreiben und uns dabei ins Nichts, in die Leere blicken zu lassen. Der Autor wird voraussichtlich nichts widerrufen müssen von dem, was er schrieb. Alle seine Aussagen sind nachprüfbar oder nachgeprüft, entweder durch Besuche vor Ort, an den heiligen Stätten der Religionen oder durch wissenschaftliche Protokolle und Berichte. Zur Frage „Heilt der Glaube einen Patienten schneller als der Unglaube?“ hat sich der Autor ebenfalls geäußert. Da diese Frage sicher viele Leser umtreibt, soll das Resultat vorweg mitgeteilt werden: Nach dem objektiven Vergleich einer langen Reihe von medizinischen Studien in USA, in denen sowohl gottesfürchtige wie auch moderne, nicht gläubige Patienten Gegenstand von Therapien verschiedener Krankheiten waren, kam er zu dem Schluss: Der Glaube allein machte niemand schneller gesund, auch wenn, wie Schnabel einräumt, religiös eingestellte Ärzte dies anders sehen und anderslautende medizinische Studien veröffentlichten.
Geometrie stand am Beginn der Philosophie
Der ionische Philosoph Thales von Milet (um ca. 620-540 v.Chr.), Entdecker des Thaleskreis über einer Grundlinie, erforschte im Altertum die Ursachen der Sonnenfinsternis, sagte sie voraus und beugte so religiösen Missverständnissen vor. Dies war das Ende eines Aberglaubens. Schnabels Begriff „Vermessung“ für den Buchtitel ist demnach ausgezeichnet gewählt, denn er enthält die Problematik, um die es in unserem Leben geht: Religion und Philosophie. Leisten wir viel, so machen wir große Sprünge vorwärts und es gibt viel zu vermessen. Etwa eine Lebensleistung, die uns keiner so schnell nachmacht. Ist daran die Religion bzw. der Glaube schuld? Man kann auch konträr fragen: Haben wir denn ein Maßband in uns, mit dem sich der Glaube messen lässt? Hier geraten wir leicht auf Glatteis, denn Glaube ist ein abstrakter Begriff, der hier als konkretes Objekt verstanden wird. Viele Religiöse mögen sich wehren, wenn sie seine Form, seine Umrisse und sein Gewicht beschreiben sollen, damit „wir Außenstehende“ ihn anschließend messen können!
Im Begriff Vermessung liegt auch eine Übertreibung, eine falsche Größe. Wenn der Glaube sich etwas anmaßt, was niemandem zusteht. Es wäre Vermessenheit, vom Glauben allein Heilung zu erwarten. Die Bibelstellen mit dem Wunder tuenden Jesus, der nicht nur Schwerkranke heilt, sondern sogar Tote zum Leben auferweckt, waren bereits früheren Jahrhunderten suspekt und in den Bereich des „reinen Glaubens“ verwiesen worden. Doch die Heilung von einer Krankheit ist nach dem vom evangelischen zum katholischen Glauben konvertierten Schriftsteller Reinhold Schneider (1900-1957) ein Wunder Gottes, das er an uns tut. Damit sind wir bereits mitten im Glauben, in der Geschichte der Menschheit und ihrer Wunder angelangt.
Seine Recherchen, um den Glauben zu messen, wenigstens nachzumessen, beginnt der Autor bei der ältesten Religion des Mittelmeerraums, dem Judentum. Was ist diesem heilig, fragt er, was bedeutet es für einen gläubigen Christen oder Juden, z.B. auf den heiligen Berg Sinai zu steigen wie Moses, der von dort seine Tafel mit den 10 Geboten Gottes holte? Spürt man dort oben etwas Besonderes, ein spezielles Gefühl, einen heiliger Schauer? – Man erinnere sich, dass der Führer der Juden aus Ägypten zweimal auf diesen Berg Sinai stieg und zweimal eine steinerne Tafel mit den 10 Geboten herabbrachte und seinem Volk präsentierte. Die erste Gesetzes-Tafel, man erinnert sich dunkel, hat er zornig an einem Felsen zerschlagen, weil die von ihm geführten Volksmengen im Tal um ein goldenes Kalb tanzten, das sie in seiner Abwesenheit als Statue errichtet hatten. Die Menge, wollte keinen abstrakten, unsichtbaren Gott, sondern lieber ein gut sichtbares Götzenbild anbeten. Es bedurfte einiger pathetischer Ansprachen des Führer Moses, um sein Volk wieder auf den Pfad der Abstraktion, des abstrakten Denkens, zurückzubringen.
Blitzlichtgewitter auf dem Berg Sinai
Schnabels Diskurs ist ein anderer: Er berichtet von einem sehr realen und mühevollen Aufstieg in einer steil ansteigenden Steinwüste sowie einem niederschmetternden Erlebnis oben auf dem Berg. Dort, wo früher unter „Donnern und Blitzen“ und dem „Ton einer sehr starken Posaune“ eine Gottheit „auf den Berg herabfuhr im Feuer“ und das Volk der Juden nachhaltig beeindruckte, kam er bei Abenddämmerung an. Anders als der sowjetische Raumfahrer Juri Gagarin, der 1962 nach seinem ersten Flug ins tiefe, dunkle, Weltall sagte, er habe “Gott dort oben nicht gefunden,“ hoffte Autor Schnabel auf dem 2285 m hohen Berg Sinai auf Inspiration. Sie blieb aus. Doch er hätte wissen müssen, dass er keiner der Propheten auf Erden war, dem göttliche Inspiration hätte zuteil werden können. So berichtet der Buchautor enttäuscht vom biblischen Schicksalsberg: Eine felsige Mondlandschaft, in der keine Farbe, kein Laut die Sinne ablenkt. Als er bei Einbruch der Dunkelheit auf der Bergspitze ankommt, erlebt er – ein Blitzlichtgewitter. Dutzende von Touristen stiegen bereits vor ihm hinauf. Sie verewigten sich gerade mit Fotoapparaten bei Sonnenuntergang vor biblischer Kulisse und wollten die ganze Nacht auf dem kargen Sinai verbringen. So wurde dies keine Nacht der Einkehr, sondern der Palaver und Witze. Ernst wird es Schnabel erst wieder nach dem Abstieg am Fuß des Bergs, wo sich das ca. 1.500 Jahre alte Katharinenkloster der griechisch-orthodoxen Mönche erhebt. Doch nicht das Kloster, sondern ein Dornbusch in dessen Nähe ist der Grund für die ernste Betrachtung: In der Flamme dieses brennenden Dornbuschs habe sich Gott dem Moses geoffenbart, behauptet beharrlich der Kloster-Mönch gegenüber dem recherchierenden Journalisten, der wiederum keinerlei Spuren davon entdeckt.
Von Maßen und Stoffen in den Konfessionen
Schnabel hat eine umfassende Vermessung der Religionen unternommen. Dafür gebührt ihm Anerkennung und Lob. Der Leser lernt viel dazu. In der Summe seiner Recherchen plädiert der Autor für die Liebe als eine Art Inbegriff der Religion, des Glaubens. Diese alle umfassenden Liebe kann jedoch nur schwer erreicht werden, denn die jeweiligen Religionsanhänger und -anbeter sind nur von ihrer eigenen Religion und deren ewiger Wahrheit überzeugt. Alle Andersgläubigen werden wegen ihres Unglaubens entweder belächeln oder schlussendlich getötet. Ist wirklich Platz für die Liebe im Glauben, d.h. unter den Religionen, die sich in der Geschichte der Menschheit bereits allzu häufig bekriegten - und immer noch bekriegen? Andersgläubige Christen zog es aus Europa nach Amerika, weil weder der aufkommende protestantische Glaube noch der der Wiedertäufer bzw. Mennoniten ungeschoren blieb. Obgleich in Europa seit über 1000 Jahren christliche Reiche politischer Art dominierten. Obgleich die Protestanten – oder bei den Moslems die Schiiten - doch auch guten Glaubens waren: Vermessungen des Glaubens auch hier! Hexenglauben und –verbrennungen gab es zuhauf in der Menschheitsgeschichte – noch zu Zeiten Calvins wurden in Genf Hexen verbrannt. Dabei schickte sich der Protestantismus in Europa an, alle vermeintlichen Fehler, Schwächen und Unglauben des Katholizismus zu bekämpfen.
Beim Lesen von Geschichtsbüchern spürt der moderne Mensch immer wieder, dass man das spezifische Gewicht des Glaubens in einer Epoche auch messen bzw. wiegen kann. Mancher Glaube masst sich überdies nicht nur an, über Leben und Tod anderer Menschen zu urteilen, sondern auch zu richten.
Drei Philosophen seien noch erwähnt, die sich um den rechten, besser: den richtigen Glauben verdient machten: Der „göttliche Platon“ (428-346 v.Chr.) stipulierte, dass Könige Philosophen sein müssten und Philosophen Könige. Er sprach bereits vier Jahrhunderte vor Christi Geburt dem Menschen nur Gutes zu, indem er erläuterte, dass der Mensch, sogar ein Verbrecher, nur das Gute vermöchte, es manchmal allerdings nicht vermag. Oder das Schlechte tut, um das Gute, die Rückkehr ins richtige Maß, wiederherzustellen: Tragik des Glaubens.
Der Kritiker des Christentums Friedrich Nietzsche (1844-1900) erkannte, dass das, was Glaube will, nämlich die Unterscheidung in Gut und Böse, willkürlich und sehr subjektiv ist, keinesfalls ein ewig gleiches Ding, das allen Menschen gleichermaßen zuteil wird. Schließlich beginnt spätestens mit dem Genfer Philosophen Jean-Jacques Rousseau (1712-1776), der die Botanik liebte und den einzelnen Menschen mit einem Grashalm verglich, eine neue Ära des Glaubens: Der moderne Staat tritt auf. Er bewertet und vermisst weder den Glauben, noch die dazugehörigen Religionen. Er nennt sie, indem er sie faktisch vor sich selbst gleichmacht – Konfessionen. (Richard E. Schneider)
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Susanne Schädlich.
„Westwärts, so weit es nur geht“.
Nach zweimal Deutschland, zwölf Jahren DDR und zehn Jahren Bundesrepublik, trat sie 1987 die Flucht nach Los Angeles an. Hier war es einfacher, Ostdeutsche und Westdeutsche zu sein, oder keines von beidem. Amerika war ein Neuanfang, war Abenteuer, Herausforderung. Und hier war sie, als die Mauer fiel. Dass sie Deutschland nicht entkommen konnte erfuhr sie erst Jahre später. Der Satz „Was willstn von der? Die ist aus dem Osten“ katapultierte sie zurück und zwang sie, sich nicht nur ihrer Biografie zu stellen, sondern die zweifache Prägung auch als Bereicherung zu erkennen. Susanne Schädlich lernte in Amerika ihren eigenen Weg zu gehen. Sie blieb elf Jahre.Jetzt kehrt sie noch einmal zurück nach Los Angeles, in die Stadt, die sie gerettet hat - und findet Antwort auf die Frage, die sie sich schuldig blieb. Was ist Zuhause?
Susanne Schädlich
wurde 1965 in Jena geboren. Sie arbeitet als Autorin, Journalistin und Übersetzerin aus dem Amerikanischen und Spanischen. Nach elf Jahren in den USA kehrte sie 1999 nach Berlin zurück, wo sie heute mit ihrer Familie lebt. Ihr literarisches Debüt „Nirgendwoher irgendwohin“ erschien im Jahre 2007. Das zweite Buch folgte 2009: „Immer wieder Dezember. Der Westen, die Stasi, der Onkel und ich“.
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Andrea Röpke/Andreas Speit.
Mädelsache! Frauen in der
Neonazi-Szene.
Ch. Links Verlag. Berlin. Paperback. 237 Seiten
Es verträgt sich nicht mit der „political correctness“, wenn man behauptet, dass Hitler vielleicht nicht an die Macht gekommen wäre, wenn die deutschen Frauen bereits am 30. November 1918 das Wahlrecht nicht erhalten hätten. In Frankreich z. B. erhielten die Frauen erst am 21. April 1944 das Wahlrecht. Aber es kann schon stimmen, dass die Frauen in der Weimarer Zeit kein unbeträchtliches Gewicht hatten und dass sie wahletnscheidend waren. Ein Teil der Argumente des NS-Agitators war auf sie zugeschnitten. Er sprach diejenigen an, deren Männer infolge der großen Depression von 1939-32 arbeitslos wurden und deren Kochtöpfe leer waren. Außerdem machte der Mann mit dem Schnurbart und mit der Locke einen schneidig-männlichen Eindruck.
Es wäre natürlich unfair, würde man argumentieren, dass die Frauen in ihrem politischen Engagement radikaler als die Männer sind, denn das Gegenteil stimmt auch, dass Frauen eher zur Mäßigung neigen. Es kann aber passieren, dass ihr Beispiel, wenn sie für eine Sache eintreten, die Männer mitreißt und zu Stellungnahmen und Initiativen antreibt, die sie sonst nie gewagt hätten. Die vielen armhebenden und fahnenschwingenden Frauen und Mädchen mit blonden Zöpfen, die man auf Filmen aus der NS-Zeit sieht, müssen schon ein hinreißendes Schauspiel gewesen sein. Es wäre auch töricht zu glauben, dass die Parolen der Nazis alle dumm und unwürdig waren. Es war schon Stoff da für die Männer aber auch für die Frauen. „Die nationalsozialistische Herrschaft konnte funktionieren, auch weil– Schätzungen von Historikern zufolge – sechs bis neun Millionen deutsche Frauen Hitlers Politik aktiv unterstützten“, schreiben die Autoren dieses Buches.
Deswegen muss man aufhorchen, wenn man deren Buch liest, das sich mit dem zunehmenden Engagement von jungen und älteren Frauen in den Reihen der ultranationalistischen Partei NPD befasst, die soweit wie strafrechtlich möglich, das Erbe des Dritten Reiches pflegt. Mit vielen persönlichen Bildern von namentlich bekannten NPD-Frauen in signifikanten Situationen belegt das Buch, dass sich etwas in dieser Hinsicht tut, was bisher noch nicht aufgefallen war. Seit einigen Jahren treten Frauen in der männerdominierten Neonazi-Bewegung zunehmend selbstbewusster auf. Gerade, weil man auf den Demos der NPD meist Männer, meist die bekannten Glatzköpfe auftreten, war man nicht darauf vorbereitet, dieses neue Phänomen wahrzunehmen. Frauen kandidieren für die NPD, organisieren Demonstrationen und kümmern sich um die Erziehung des rechtsradikalen Nachwuchses. Vor allem sind sie bestrebt, rechtsradikale Politik unter dem Deckmantel von sozialen Themen, angeblich typischen Frauenthemen wie Naturheilkunde, Ökologie, Kindergeld und Hartz IV auf kommunaler Ebene durchzusetzen.
Gestützt auf Insiderinformation geben die beiden ausgewiesenen Kenner des rechtsextremen Milieus und Autoren einen Einblick in das Innenleben dieser Szene. Sie schildern , wo völkische „Sippen“ bereits Vereine, Elternräte oder Nachbarschaften prägen, fragen, warum Politik und Verfassungsschutz diesem gefährlichen Treiben nahezu tatenlos zuschauen, und zeigen Strategien gegen die rechtsradikale Unterwanderung der Gesellschaft auf. In Zeiten der Weltwirtschaftskrise und der Krise des Euros muss man besonders wachsam sein. Es liegt auf der Hand, dass die Radikalen auf diesen Problemen ihr Süppchen kochen. Sie finden immer mehr „nützliche Idioten“ unter Menschen, die in Deutschland die Milchkuh Europas sehen, die auf Blutsäuger im Ausland schimpfen, die in diesem Falle nicht alle Türken oder Bantus sind, sondern durchaus auch Polen, Franzosen, Engländer und Dänen, noch schlimmer Griechen, Iren und Portugiesen sein können, Feindbilder wie anno dazumal. Diese Nostalgiker des „zweitausendjährigen deutschen Reiches“, d. h. seit der Hermannsschlacht in Kalkriese, sind ideologisch gesehen nicht weniger gefährlich als die linken Autonomen, ihre Gegner aber im Grunde genommen ihre Brüder im Geiste.
Mit seinem journalistischen Rückblick auf 15 Jahre Korrespondenten-Tätigkeit in USA gelang dem heutigen freiberuflichen Moderator des ZDF-Heute Journal Claus Kleber ein beeindruckendes Werk. Sein bemerkenswertes Buch strotzt von Faktenreichtum und Darstellungsbreite. Trotz der Beschränktheit der sehr präzise beschriebenen politischen Szenarien, Personen und Persönlichkeiten aus den Jahren 2000-2008 wird „Amerikas Kreuzzüge“ längerfristig unumgänglich für jene Leser bleiben, die sich umfassend über die USA, ihre Politik sowie die Quellen amerikanischen Denkens informieren möchten. Nach Afghanistan und Irak sind nun Ägypten, Tunesien und Libyen Teil des Spektrums amerikanischer Außenpolitik
Von Hardlinern, Think Tanks und anderen Quellen amerikanischen Denkens
In dem nun als preiswertes Taschenbuch vorliegenden Buch beschreibt Kleber aus nächster Nähe die USA, ihre Landschaften, ihre Menschen. Wie die Midlands in Texas und George W. Bush, incl. der politischen und wirtschaftlichen Schaltzentralen der Weltmacht USA in Washington D.C. Man erfährt: Die Midlands, das sind Städte, in denen die breiten Überland-Autobahnen schnurstracks und ohne Abbiegen bis ins Stadtzentrum führen. Deutsche „grüne Politik“ hätte hier keine Chance. In diesen mittelgroßen Kleinstädten kennt man sich, man spielt Golf wie George W. Bush, der in Midland eine Ölfirma besaß und nebenbei Gelder für die Republikanische Partei bei den lokalen Ölquellen-Besitzern sammelte.
Oder ein Blick in die Regierungsarbeit gefällig? Kleber berichtet Wesentliches und Entscheidendes über Bushs Kabinettsitzungen, Minister und Mitarbeiter wie Condoleeza Rice, NATO-General George Powell oder die Präsidenten-Berater Paul Wolfowitz und Richard Cheney. Letzterer wird später selbst Minister und Vize-Präsident, obwohl er bei einem Jagdunfall einen Nachbarn versehentlich erschießt und seine Tochter sich öffentlich als Lesbe outet. Wäre dies in Deutschland bzw. in Europa möglich?
Wäre überhaupt so viel persönliche, man könnte auch sagen: Ellenbogen-Freiheit wie in Amerika für deutsche Politiker möglich? Ist es überhaupt vorstellbar, dass hierzulande der Sohn eines deutschen Bundeskanzlers selbst Bundeskanzler in Deutschland wird? In USA, dem Land der nach wie vor unbegrenzten Möglichkeiten, fand dies erstmals im 21. Jahrhundert statt: Der Sohn eines US-Präsidenten wurde selbst zum Präsidenten gewählt. Niemand fand sich an eine monarchische Tradition erinnert. Kaum acht volle Kalenderjahre vergingen, bis der Sohn von G.H.W. Bush, 41. Präsident der USA, durch den Sohn George W. Bush ersetzt und zum 43. Präsidenten der USA vereidigt wurde. Was sagen Soziologen zu solchen politischen Konstellationen? Sicher ist, dass damit die politische Stabilität und Kontinuität gefördert werden soll.
Mit beeindruckender Sachkenntnis zählt der frühere ZDF-Korrespondent Kleber die einzelnen Stationen jenes früheren texanischen Gouverneurs G. W. Bush auf. Auch als amtierender US-Präsident vergaß er keineswegs seine volksnahen Ansichten, z.B. über die Todesstrafe, und verweigerte zahlreichen, zum Tod verurteilten Häftlingen öffentlich seine Unterschrift unter das Begnadigungsgesuch. Inzwischen haben weitere US-Bundessstaaten, zuletzt Illinois, die Todesstrafe abgeschafft.
Doch ganz im luftleeren Raum findet dies nicht statt. Zum Vergleich seien hier die Verhältnisse in Europa erwähnt: Mitglied des Europarats in Strassburg kann nur ein Land werden, das die Todesstrafe abgeschafft hat. Russland wurde deshalb nur unter der Bedingung aufgenommen, dass es die Todesstrafe aufgibt. Dieser Logik gemäß wäre US-Präsident George W. Bushs Ersuchen um eine Mitgliedschaft im Europarat abgelehnt worden. Ist dies eine westliche Wertegemeinschaft?
9/11, die Kriege in Afghanistan und Irak
Wer sich umfassend über die politischen Erwägungen und Gespräche amerikanischer Politiker nach 9/11 informieren möchte, dem sei das Buch von Claus Kleber wärmstens empfohlen. Der Leser erfährt Vieles, auch zu den Vorbereitungen der Kriege in Afghanistan und Irak. Den weltweit erhobenen Vorwurf des US-Imperialismus lässt ZDF-Korrespondent Kleber jedoch nicht gelten. Er teilt mit der damaligen Außenministerin „Condi“ Rice, die auf dem Klavier gerne Mozart spielt, die Auffassung, dass den USA im Gegensatz zum alten Rom „der Imperiumsgedanke fehlt.“ Kleber hinterfragt allerdings nicht die seit 9/11 weltweit neue Lage der Bürger aller Länder unserer Erde: Jeder, der heutzutage in seinem Heimatland die Hand gegen die USA erhebt, kann vom US-Militär oder -Geheimdienst verfolgt, verhaftet und eingesperrt werden. Eine Prärogative, die nationale Dimension des individuellen Daseins existiert nicht mehr, kein Recht auf Widerstand, der jedem Volk fast naturgemäß gegeben zu sein scheint. Alles Nationale scheint sich aufzulösen, zum Nachteil des eigenen Landes. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen: Khalid al-Masri, der in Deutschland eingebürgerte Araber, der 2003 vom US-Geheimdienst CIA nach Afghanistan entführt wurde, mehrere Monate später wieder auftaucht und nach seiner Rückkehr inzwischen in einem psychiatrischen Gefängnis einsitzt, weil er mehrfach gegen Personen aus seinem direkten Umfeld, zuletzt gegen den Bürgermeister seiner Heimatgemeinde Neu-Ulm, handgreiflich wurde. Seine Aggressivität gegen seine Umwelt ist notorisch geworden. Andere, in Deutschland lebende Moslems wurden nach 9/11 in die USA verschleppt und nach mehreren Jahren Haft auf Guantanamo sowie nach angeblicher Folter durch US-Militär ohne Gerichtsverhandlung wieder freigelassen. Dies geschah dem Bremer Türken Murat Kurnaz unter großem internationalem publizistischem Interesse, denn auch die „Washington Post“ entschuldigte sich öffentlich bei ihm.
Deutschland, das sich mit der KSK-Truppe sowie regulären Einheiten der Bundeswehr und des Bundesmarine seit Oktober 2001 an dem von G.W. Bush nach 9/11ausgerufenen „Kampf gegen den Terror“ beteiligt, hat inzwischen die Fronten fast gewechselt. So ermöglicht der Bundestag inzwischen die Einreise und den Dauer-Aufenthalt sog. Guantanamo-Häftlinge, u.a. Uiguren aus der VR China, um auf diese Weise solche seit Jahren ohne Prozess im US-Spezial-Gefängnis Guantanamo festgehaltenen und immer wieder verhörten, angeblichen Al-Kaida-Mitgliedern freizubekommen. Deutschlands Beteiligung, auch zehn Jahre nach 9/11, mit inzwischen 5.300 Mann und Milliarden-Kosten an dem Krieg in Afghanistan, dem früher von den Taliban beherrschten Land, steht zwar noch außer Frage, jedoch zeigt sich am Beispiel Libyen, dass man in Berlin nicht unbegrenzt Krieg gegen den Terror“ führen will. Logischerweise zieht dieser „Krieg“ wieder neue Gewalttaten in den Heimatländern der beteiligten Soldaten nach sich. Auch wenn die Bundeswehr-Soldaten bisher nur als Schutztruppen eingesetzt werden: Militärische Säuberungsaktionen gegen Zivilisten haben immer einen negativen Beigeschmack – spätestens seit den Befreiungskriegen der Drittweltländer von kolonialer Vormundschaft. Es ergibt sich daraus eine immens wichtige Frage, die wir uns stellen sollten: Schaden wir, der Westen, uns selbst nicht doch mehr als wir in Afghanistan und an anderen Brennpunkten der Geschichte nützen können? Der Preis, den wir für diesen militärischen Einsatz im Ansehen der Weltgemeinschaft bezahlen, ist sehr hoch. Das zeigt das Beispiel Irak, das die US-Army sowie englische Truppen inzwischen wieder verließen. Auch Afghanistans Präsident Karzai forderte bereits die NATO zum Rückzug aus Afghanistan auf.
Deshalb sollte man Klebers Frage im Buchtitel „Wohin treibt die Weltmacht?“ besser an die Adresse der deutschen Bundesregierung in Berlin richten. Müssen denn wirklich so viele und immer weiter deutsche Soldaten in Afghanistan sterben, während am „grünen Tisch“ glühende Islam-Verehrer hierzulande willkommen geheißen werden? Hierzu liefert Kleber keine Antworten, weil er diese Fragen auch an keinen US-Politiker richtet.
Im fundamentalistischen Islam erblickt Kleber den Hauptfeind der USA, der amerikanischen Idee von Freiheit und Wohlstand für alle. Gleichzeitig sieht der ehemalige ZDF-Korrespondent in Washington in der einzigen Weltmacht „eine puritanisch verklemmte Nation.“ Es ist interessant und lehrreich, auch hier Klebers Argumenten lesend zu folgen. Doch andererseits: Wenn man sich vergegenwärtigt, dass der „Playboy“ inzwischen rund um den Globus in unzähligen Landessprachen aufgelegt wird, ist definitiv nicht mehr daran zu zweifeln, dass der „American way of Life“ seinen Siegeszug angetreten hat. Das Leben im eigenen Land wird fast Privatsache und damit nebensächlich. Der eigene Staat soll sich national immer weniger einmischen, dafür umso mehr international um einheitliche Bewertungsmasstäbe für Freiheit und Gleichheit kämpfen: Ein neues Ideal der Freiheit. Doch daraus abzuleiten, Deutschland sei eben auch eine Weltmacht und Teil einer „Weltregierung,“ geht zu weit.
Wenig stringent, und dies ist die letzte Kritik an diesem exzellenten Buch, scheint Klebers Hinweis, ein Präsidenten-Wechsel in USA sei „grausam für die vielen Mitarbeiter“ der jeweiligen „Administration“, die am Ende „gefeuert“ würden. Er vergisst, dass diese Mitarbeiter freiwillig solche meist wohl bezahlten Posten annahmen, weil sie ihnen in ihrem späteren Leben von Vorteil sein würden. Doch man erinnere sich auch daran, dass der ehemalige deutsche Bundespräsident Köhler von seinem Amt zurücktrat, weil er z.T. auch von seinen eigenen Mitarbeitern „gemobbt“ wurde! Summa summarum: Der Kurs Amerikas scheint immer noch klarer, diffuser dagegen wird die deutsche Politik.
Für sein überaus informatives Buch, mit dessen einzelnen Thesen man nicht immer 100%ig übereinstimmen muss, um es dennoch als lesenswert und informativ zu finden, ist dem ehemaligen ZDF-Korrespondenten zu danken. Übrigens erhielt Claus Kleber für „Amerikas Kreuzzüge“ 2008 den Corine-Preis des Landesverbands Bayern des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Nicht viele Journalisten in Europa können mit Worten so gut amerikanische Verhältnisse umschreiben wie er. Übrigens ist Kleber selbst Mitglied eines amerikanischen Think Tank, dem Aspen-Institut. (Richard E. Schneider)
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Cora Stephan. "Angela Merkel. Ein Irrtum"
Hiermit eine Rezension des Buches durch die Autorin selbst – sie benutzt
leider die bekannten Argumente, und zwar, dass die Deutschen vor den
anderen kuschen und die Zahlmeister von Europa und vom Rest der Welt
sind. Diese abgedroschenen nationalistischen Argumente kann man nicht
mehr hören, nicht mehr lesen. Was täte Deutschland ganz allein auf sich
gestellt? Und ohne Europa? Und an Europa und am Euro hat die deutsche
Wirtschaft kräftig verdient! Es geht jetzt darum, ein bisschen vom
gehorteten Geld an schwache Partner zurückzugeben, damit das Euro-System
sich wieder erholt und Deutschland weiter Vorteile davon hat. Sowieso
steht Deutschland in Europa schon in Führung. Das weiß Angela Merkel.
Cora Stephan scheint es nicht mitbekommen zu haben. Aber wir geben ihr
das Wort. (JPP)
„Ja also, ich bin die Cora Stephan und wollte da mal eine Frage in die
Runde werfen: "Haben wir uns in Angela Merkel geirrt?" 2005, da habe ich
sie ja auch gewählt, aber inzwischen scheint mir, "statt Angie habe ich
mir Tina eingehandelt." Tina, das steht für "there is no alternative."
Der Satz geht auf Margaret Thatcher zurück, die damit einst ihre sehr
wirtschaftsliberalen Reformen als alternativlos darstellen wollte. Ich,
die Cora, nenne Angela Merkel jetzt immer Tina, wenn sie irgendetwas
macht, womit ich nicht einverstanden bin. Tina ist einfach nicht der
Devise "weniger Staat, mehr Selbstverantwortung, spürbare Reduzierung
der Lohnnebenkosten" gefolgt, nein, Tina "hat sich der wirkmächtigen
Floskel von der "sozialen Wärme" unterworfen", die Hartz-IV-Sätze und
das Kindergeld erhöht, ein Konjunkturprogramm auf Pump "spendiert" und
sich auch noch für Mindestlöhne ausspricht. Ist zwar das Gegenteil von
allem, was Thatcher mit ihrem Satz von der Alternativlosigkeit meinte,
aber sei‘s drum. Manchmal nenne ich Angela Merkel auch einfach Angie.
Oder Mutti.
"Worauf will ich hinaus?" Ach ja, das war ja schon eine besondere Sache,
dass da eine Frau, ostdeutsch und protestantisch in dieser
außerordentlichen historischen Situation auf die Bühne trat und in der
CDU Karriere machte. Aber ach, heute sieht es so aus, als ob Angie nicht
nur die CDU, sondern auch den Marktliberalismus überhaupt erledigt hätte:
"Manch einer fühlt sich unter Muttis Fittichen wieder bei einer
kapitalistisch aufgemotzten DDR angelangt." Ach, jetzt ist der Aufbruch
vorbei und "Deutschland liegt wieder unter der warmen Decke des
beschützenden Staates. Heim zu Mutti."
Ich soll mal ein bisschen konkreter werden? Nun gut, das mit der EU und
dem ganzen Geld, da sollen wir, die Produktiven, für jene zahlen, die
jahrelang auf Pump gelebt haben. Wo soll das nur hinführen? "Griechenland
und Irland sind bloß der Anfang. Und der Zahlmeister ist wie immer
Deutschland." Natürlich könnte man auch fragen, "ob das durch die
Vorteile ausgeglichen wird, die Deutschland als Exportland durch die EU
genießt?" Und? Das könnte man jetzt erörtern, ein Argument entwickeln,
Daten anführen, einen Experten zitieren. Also auch Vorteile? Meine
Antwort passt in eine Zeile: "Vielleicht. Aber niemand glaubt mehr zu
recht daran." Dann tue ich es auch mal nicht.
Später komme ich noch einmal auf die Sache mit der EU und den
Rettungsschirmen zurück. Ich finde ja, Angie sollte die D-Mark wieder
einführen. Ich frage mich natürlich auch, ob wir dann unseren Wohlstand
behalten können. Nur: "Ich weiß es nicht, ich bin nicht vom Fach."
Von welchem Fach ich überhaupt bin? Nun, eines erscheint mir auf jeden
Fall plausibel zu sein: "Ein deutscher Alleingang müsste mit jenem
nationalen Selbstbewusstsein geschehen, für das wir die Briten beneiden
und die Franzosen manchmal belächeln." Überhaupt, das mit dem
Selbstbewusstsein und Respekt ist auch so eine Sache. Das ist auch das
Problem in der Sarrazin- und der Islam-Debatte. "Warum zum Teufel,
sollten andere Respekt vor einem Land haben, in dem die Menschen
fürchten, als ausländerfeindlich und rassistisch zu gelten, wenn sie
primär an die eigenen Wertvorstellungen und erst danach an den Ramadan
denken? In dem niemand Grenzen zieht und überall der Kuschelfaktor
dominiert? In dem "Leistungsträger" verachtet und "Leistungsempfänger"
heilig gesprochen werden?" Da habe ich jetzt ein paar Sachen vermischt.
Aber eines wollte ich noch sagen, und zwar "wie lächerlich das ist, wenn
Deutschland noch 65 Jahre nach Weltkriegsende, als Rückgrat Europas, als
Zahlmeister von Uno und Unesco, gebeugten Rückens und mit dem
Selbstbewusstsein eine rückfallgefährdeten Straftäters durch die
Weltgeschichte stolpert, stets darauf gefasst, auf immer weggesperrt zu
werden." So.
Und so ein bisschen Unsinn bei einem 223-seitigen Blogeintrag kann ja
schon mal vorkommen. Ich könnte ja auch einfach alles wieder löschen.“
(Cora Stephan)
Manches hätte sie besser gelöscht, meinen wir.
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Jean-Paul Picaper. "Angela Merkel.
La femme la plus puissante du monde".
Ed. Jean-Claude Gawsewitch. Paris. Okt. 2010.
Dieses Buch von Jean-Paul Picaper mit dem
herausfordernden Untertitel „Angela Merkel, die mächtigste Frau der Welt“
erzeugt weiter Interesse im Buchhandel und ist auch in Deutschland zu
erwerben. Zuerkannt wurde der deutschen Kanzlerin dieser Titel „Einflussreichste
Frau der Welt“ in der Tat vier Jahre lang vom amerikanischen Magazin
Forbes. Nun kam auch in Frankreich ein weiteres Buch mit dem Untertitel
„Fragen an die mächtigste Frau Frankreichs“ heraus, das der damaligen
französischen Finanzministerin und heutigen IWF-Direktorin, Christine
Lagarde, gewidmet war. Das Buch von Picaper will wohl unterstreichen,
dass die deutsche Kanzlerin eine Nummer über der französischen
Finanzministerin rangiert, und dass sie durchaus ihren Titel verdient
hat. Allerdings hat das amerikanische Magazin Frau Merkel entthront und
Michelle Obama den Titel verliehen. Die Gattin des amerikanischen
Präsidenten ist in der Tat eine Frau von Gewicht. Sie ist zumindest zehn
Zentimeter größer als Frau Merkel (1,70 m), und sie hat zwei Kinder.
Zuvor hatte Frau Merkel eine andere Frau entthront, die wie sie ihr
Leben der Politik widmete, Condoleeza Rice. Man fragt sich wirklich,
warum Forbes den Titel an Frau Obama weitergegeben hat. Die Studien und
Qualifikationen von Frau Merkel (Abiturnote 1,0 und Note sehr gut beim
Physikdoktorabschluss) sind beeindruckender als diejenigen von Frau
Obama: Quanten-Physik gegen einen Rechtsanwaltstitel… Außerdem spricht
Frau Merkel zwei Fremdsprachen, Englisch und Russisch, und sie machte
den Sprung aus der Diktatur zur Demokratie mit aller erforderlichen
Anpassung. Der Untertitel des Buches entspricht also der Realität. Frau
Merkel ist die politisch stärkste Frau der Welt, und das bleibt sie noch
recht lange. Zumindest bis zur 2013.
Die französischen Leser werden in die Jahre des politischen Mandats von
Angela Merkel bis zur Spitze Deutschlands, in ihre schwierige Wahl gegen
die „Wahlmaschine“ Schröder im Jahre 2005 und in den finanziellen
Aufschwung der deutschen Wirtschaft, in den Abbau der Arbeitslosenzahlen
und den Schwung, den sie ihrem Land zu geben verstand, nachdem
Deutschland unter Gerhard Schröder und Joschka Fischer zum Schlusslicht
Europas geworden war zurückversetzt. Gewiss, Schröder hatte mit den
Reformen begonnen. Sie hatte sie dann fortgesetzt im Einvernehmen mit
der SPD in der Großen Koalition. Man wird daran erinnert, dass sie das
Zugeständnis der SPD zur Verlegung des Rentenalters auf 67 bis 2029
erwirkt hat, was eine außerordentliche Leistung ist, betrachtet man mal
das, was sich in Frankreich im Herbst 2010 abspielte. Die deutsche
Wirtschaft war vor der Krise grundlegend modernisiert worden, aber auch
die parlamentarische Arbeit wurde erleichtert, so dass der Verlust der
Mehrheit bei der zweiten deutschen Kammer, dem Bundesrat, keine große
Hürde mehr darstellt für die Erhaltung der Macht einer Regierung, wie
das zu Zeiten von Helmut Kohl der Fall war. Es ist wohl wahr, dass die
Aufspaltung des politischen Spektrums in vier im Parlament vertretenen
Parteien und der Tempoverlust der großen Volksparteien nicht die
politischen Entscheidungen erleichtert. Aber Frau Merkel wurde 2009
mitten in der Krise mit der christlich-demokratischen und liberalen
Mehrheit, die sie 2005 nicht erreicht hatte, wieder gewählt. Das ist
auch eine Leistung.
Picaper, der sie seit vielen Jahr kennt, genau genommen seit 1990, wie
er berichtet, erklärt, dass sie bei Gegenwind das Steuer in der Hand zu
halten weiß, eher reagierend als agierend, ihre Barke selbst dann im
Griff hat, wenn nur eine Minderheit hinter ihr steht, dabei Arrangements
im Ungleichgewicht findet, besonders zu Kompromissen fähig ist,
schließlich aber Probleme löst, wenn es notwendig ist. Sie kann
Lebenswichtiges von weniger Wichtigem trennen und gegebenenfalls mit
neuen Partnern die Seite wechseln. In Frankreich hieß es Anfang 2010,
dass sie der Bremser Europas sei, während Nicolas Sarkozy der
Beschleuniger wäre, und dass sie sich nicht entscheiden könne. In
Wirklichkeit hatte sie die Stirn, für die Rettung des Euros und der
Europäischen Union zu kämpfen, dabei Opfer gegen viel Feindseligkeit in
ihrem eigenen Land zu bringen. Das erklärt Picaper in mehreren
außenpolitischen Kapiteln am Ende des Buches. Dank Frau Merkel nimmt
Deutschland den hervorragenden Platz eines Retters in Europa ein, doch
ohne Brimborium und in aller Zurückhaltung wie diese Kanzlerin. Der
Autor zeigt, wie das Kanzleramt unter Frau Merkel funktioniert, die
Atmosphäre dieses hohen Machtapparates und kommt immer wieder zurück auf
den Charakter und das Temperament einer Kanzlerin, die die Vorgänge sehr
schnell erfasst, in fünfzehn Sekunden am Telefon das regelt, was bei
anderen eine Viertelstunde gedauert hätte, die mit klarer Stimme vor
einem großen Auditorium redet, die privat zu Humor und Ironie aufgelegt
ist.
Kurz, Merkel gehört jetzt zum Markenimage eines modernen Deutschlands.
Neulich haben die Medien, besonders in Frankreich, den Eindruck zu
erwecken versucht, als würde sie ernste Schwierigkeiten haben, ja, als
würde sie nicht ihre Legislaturperiode bis 2013 durchhalten. Warum
sollte man denn in Frankreich eine Kanzlerin unterstützen, die bald
abdanken würde? Diese Unkerei war perfide! Der Ansturm gegen die
Regierungsfestung hat in Deutschland wie in Frankreich konkretere und
virulentere Formen angenommen, wobei die Demos der Umweltschützer und
Sympathisanten im Sommer 2010 gegen das Projekt „Stuttgart 21“
ihrerseits von den Medien in Deutschland groß vermarktet wurden. Nun
haben die Umweltschützer in Baden-Württemberg das Sagen, aber sie lassen
wohl „Stuttgart 21“, wogegen die demonstriert haben, doch bauen.
Wir denken jedoch, dass alle beide ihr Mandat bis zum Schluss erfüllen
werden, Herr Sarkozy 2012 und Frau Merkel 2013. Sie erfreuen sich einer
soliden Mehrheit der Sitze in ihren jeweiligen Parlamenten. Das
versichert Picaper in seinem Buch. Der Autor nimmt also die
Gegenposition zum „Mainstream“ der veröffentlichten Meinung in
Deutschland ein. In den in Frankreich geschriebenen Artikeln setzt
Picaper auch einen Kontrapunkt gegen den Gedanken, dass der Präsident
Sarkozy seinen Koffer packen wird. In Paris ist es undenkbar, dass sich
der Parlamentarismus dem Diktat der Straße beugt, denn das würde einen
Wechsel des politischen Regimes bedeuten und nicht die offene Tür für
eine einfache Änderung der Regierungsmehrheit. Nach der Atomunfall in
Fukushima ist die Kanzlerin „umgefallen“. Die Physikerin Merkel hat sich
ziemlich populistisch von der Kernkraft abgewandt.
Magsein, dass es die Vorbereitung auf eine neue Koalition mit den Grünen
ab 2013 ist, zumal Deutschland jetzt nicht mehr an Kriegen beteiligt
sein wird, falls die Amerikaner eine Verhandlungslösung in Afghanistan
erreichen. An der Intervention gegen Gaddafi in Libyen haben sie sich
nicht beteiligt, was die deutschen Grünen euphorisch gemacht haben muss.
Schon mehrmals in ihrer Karriere war Frau Merkel vom Glück begnadet.
Dieses Mal könnte ihr die Göttin Fortuna wieder zuwinken.
Michael Bermann
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Prof. Gerhard Taddey u. Rainer Brüning.
Lebensbilder aus Baden-Württemberg,
Bd. 23, Hrsg. 2010, Ln., 490 Seiten, 28,50 Euro (Spurensuche: Wo der
alemannische Hausfreund den Stoff für seine Erzählungen fand, R.S.).
Nach dem Dichter Martin Beheim (1420-1472/79), Meistersinger aus Sülzbach bei Weinsberg und Franz Dent (1723-1791), „Maler zwischen Rokoko und Aufklärung“, findet sich an 3. Stelle der „Lebensbilder aus Baden-Württemberg“ die Biografie der Jaunerin Schleifer-Bärbel – noch vor Hof- und Staatsrat Brauer (1754-1813), dem Hebel-Freund. Sie hieß mit Taufnamen Maria Barbara Reinhardt, wurde am 10.12.1744 in Dudenhofen in der Pfalz als Tochter eines früh verstorbenen Bergmanns geboren. Noch Kind wurde sie von der verwitweten, kranken Mutter als Schankwirtsmädchen in die Gaststätte „Krone“ in Molzheim bei Straßburg verschachert. Später bestritt die Schleifer-Bärbel ihren Lebensunterhalt und den ihrer drei Buben, die sie vom Schleifer-Toni hatte, mit Betteln und Diebstählen. Ihr Ehemann Toni wäre wohl gerne sesshaft geworden als Scherenschleifer in Schutterwald oder zu Lahr. Ausdrücklich bedauerte er, dass die an die Obrigkeit zu zahlende Abgabe für die Erlaubnis, in dieser Region Schleifarbeiten auf der Straße durchzuführen, zu hoch war. Ebenso, teilte er laut Gerichts-Unterlagen mit, sei bei ihm „das Geld zu rar, um sich in einer Gemeinde einzukaufen.“ So musste er als Vagant auf der Straße leben. Der Toni war ein kleiner, untersetzter Mann mit rotem Gesicht und wollte eigentlich ein anständiges Leben führen. Nicht einmal heiraten durfte er als mittel- und wohnsitzloser Vagant, doch heimlich tat ein Priester die beiden jungen Leute als Mann und Frau zusammen.
Seine Ehefrau, die Jaunerin Schleifer-Bärbel, verließ ihn trotz der drei Buben, die sie mit ihm hatte, weil er zu trinken begann und angeblich ihre Diebstouren ausplauderte. Sie fühlte sich wohl als Diebin und Landstreicherin, unterwegs mit Gleichgesinnten wie dem „Starken Hans“ oder dem „Konstanzer Hans.“ Mal mit dem einen Hans, mal mit dem anderen Hans ein Gaunerpaar bildend, streifte sie durch die bewohnten Lande von Walldürn bis Konstanz. Sie stahlen und raubten auch in der Schweiz, in Schaffhausen, St.-Gallen und Zürich, vor allem aber in der Baar und in den kleinen Orten des Schwarzwalds, wo sie noch niemand kannte. Nachts brachen sie ein oder stahlen die Wäsche von der Leine oder nahmen Hühner und Gänse mit. Tagsüber, wenn die Bauersleute mit dem Gesinde auf dem Feld waren, stiegen sie durchs Fenster und ließen mitgehen, was wertvoll schien: Uhren, Kleider, Bettwäsche, Kleider. Sie betrogen kaltblütig ehrbare Kaufleute in ihren Läden. Die Männer in den oft größeren Diebsgruppen, die von Jahrmarkt zu Jahrmarkt und von Dorffest zu Stadtfest zogen, planten und übernahmen die größeren Wohnungs-Einbrüche, die Frauen, die die örtlichen Verhältnisse vorab auskundschafteten, stahlen und verkauften anschließend die Diebswaren ad-hoc als Hausiererinnen. In Alpirsbach, Sulz a.N. und in der badischen Ortenau wurden sie aktenkundig. Bald kannten sämtliche Polizeistationen zwischen Zürich und Karlsruhe Namen und Aussehen der Schleifer-Bärbel und ihrer Komplizen.
Erstmals war sie mit ca. 20 Jahren auf dem Offenburger Jahrmarkt mit einem Scherenschleifer-Ehepaar wegen fortgesetzten Diebstahls verhaftet und eingesperrt worden. Es waren die Eltern ihres späteren Ehemanns Toni. Als „gefährlicher Vagantin“ wurde ihr mit einem glühenden Eisen das Offenburger Stadtzeichen OF auf dem linken Schulterblatt eingebrannt. Rückfällig gewordene Diebinnen wurden damals auch hingerichtet.
Die Schleifer-Bärbel benutzte auch Küchenmesser als Waffe und machte im Streit einige Jauner zu lebenslangen Invaliden. Sie, so steht es im Bericht des damaligen Sulzer Amtmanns, beherrschte nicht nur das Pfälzische und Elsässische, sondern auch die „Jenische Sprach“ der Zigeuner. Ihr Gedächtnis sei phänomenal. Bei ihren wiederholten Verhaftungen, denen sie sich fast ebenso oft wieder durch Flucht im günstigen Augenblick entzog, erinnerte sie sich en Detail noch an lange Jahre zurückliegende Diebstähle oder Betrügereien.
Ein umfassendes Geständnis
Der Konstanzer Hans, ihr späterer „Beiläufer“, war 15 Jahre jünger als sie und lebte ebenfalls von Einbrüchen. Sein Vater war längere Zeit im Spital zu Konstanz, daher der Übername. Hans stammte eigentlich aus Oppenau bei Offenburg. Er bevorzugte für seine Diebstouren Kaufleute, Beamte und Pfarrer, weil er der Ansicht war, dass diese bürgerlichen Mittelschichten am wenigsten Herz hätten und bei denen mehr zu holen sei als andernorts. Begonnen hatte er in seiner Jugend mit dem Handel von Devotionalien.
Auch mit dem „Starken Hans“, der als gefährlicher Dieb galt und vor schwerem Raub nicht zurückschreckte, war die Schleifer-Bärbel unterwegs und beging mit ihm aktenkundige Schandtaten. In Arbon am Bodensee wurden sie im Herbst 1787 schließlich von Schweizer Polizisten verhaftet. Mit viel Mühe erhielt der Amtmann von Sulz ihre Überstellung nach Deutschland. Die Schleifer-Bärbel kam mit dem starken Hans ins Zuchthaus nach Pforzheim und hat sich dort wahrscheinlich am 23.2.1793 erhängt.
Nach den Worten des Konstanzer Hans hatte sie „im Stehlen längst ausgelernt und war eine der geschicktesten Meisterinnen.“ Von ihm, der bei seiner Verhaftung 1783 komplett „auspackte“, erfuhr der Sulzer Amtmann noch mehr. Hans lieferte detailgenaue Beschreibungen von über 500 Jaunern und Jaunerinnen und von knapp 100 Diebsherbergen. Begnadigt zu lebenslanger Haft wurde er 1788 in das Ludwigsburger Armenhaus entlassen. Dank seiner Informationen wurde Oberamtmann Schäffer zum erfolgreichsten „Verbrecherjäger“ seiner Zeit. Profitiert von den von ihm niedergeschriebenen Gaunerbiographien hat gewiss der Karlsruher Dichter Johann Peter Hebel (1760-1826), ein Zeitgenosse der Schleifer-Bärbel. Seine Gaunergeschichten reflektieren dieses Milieu mit den Biografien des roten Dieter und des Zundel-Frieder. In der Kalendergeschichte „Vereitelte Rachsucht“ taucht sogar die Schleifer-Bärbel als jenische Jaunerin auf, die durch Ränke einen braven Wirt fast an den Galgen bringt. Für ihren sozialen Tiefgang bei der Schilderung dieser Jauner-Biografie gebührt der Autorin Eva Wiebel ein besonderes Lob. (Richard E. Schneider)
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Barbara Beck.
Vom Königsbett zum Schafott, Frauen als Opfer von Intrigen.
Marix Verlag, Wiesbaden, 2010, geb., 224 Seiten, 19.90 Euro.
Frauen im Mittelpunkt von tödlichen Intrigen - Geschichten um Frauen, die historisch bedeutsam sein wollten – Kurze Erzählungen als Lehrbuch für die richtige Emanzipation der Frau - Ähnlich wie der 3. Stand litten die Frauen in der wechselvollen Geschichte des Abendlands bis 1789 unter ihrer Degradierung als zweites bzw. zweitrangiges Geschlecht (Simone de Beauvoir). Die Münchener Historikerin Barbara Beck hat in kurzweiligen Erzählungen 20 Lebensläufe berühmter wie berüchtigter Frauen dargestellt, beginnend mit Agnes Bernauer (1410-1435),Tochter eines Baders, in deren Schönheit sich der bayerische Herzogssohn Albrecht verguckte und die dem großen Dramatiker des 19. Jahrhunderts Friedrich Hebbel eine Bühnenstück wert war. „Mord aus Staatsräson“ nennt die Autorin das mehr oder weniger geheime Todesurteil über die nicht-ebenbürtige Bernauerin, das vollstreckt wurde, als ihr Gatte Herzog Albrecht abwesend war. Die bildhübsche 25jährige Agnes wurde in Straubing von einer Donaubrücke ins Wasser gestürzt. Als sie sich schwimmend ans Ufer retten wollte, wickelte der Henker eine Stange um ihr langes Haar und drückte sie unter Wasser. Herzog Ernst, ihr ungehaltener Schwiegervater, hatte es so befohlen.
Ganz anders und wohl noch schlimmer, weil über eine deutlich längere Lebensspanne hinweg, wurde Johanna von Kastilien (1479-1555), Mutter Kaiser Karls V. und Ehefrau des Habsburgers Philipp mitgespielt. Sie war streng katholisch erzogen worden und wurde mit 16 Jahren ihrem ein Jahr älteren Bräutigam aus den spanischen Niederlanden in Valladolid zunächst per Stellvertreter angetraut, bevor sie ihn im Folgejahr in Lier an der Lethe ehelichte. Ihr Pech: Ihr Ehemann war ein Frauenheld und sie wurde rasend eifersüchtig. Bei jedem Fehltritt, von dem sie erfuhr, machte sie ihrem Gatten eine Szene, flüchtete sich bald in die tollsten Vorstellungen und Welt und Wirklichkeit. Johanna selbst gab zu, dass sie sich, wenn sie in ihre leidenschaftliche Eifersucht verfiel, „in einen Zustand gelangte, der meiner Würde nicht mehr entsprach...“
Dabei war sie die schönste und jüngste Tochter von Ferdinand II. und seiner „sehr katholischen“ Ehefrau Isabella von Kastilien. Mit dem legeren Ton am niederländisch-belgischen Hof konnte sich Johanna nicht anfreunden, sie blieb steif und zeremoniell. Als Ihr Ehegatte begann, sie wegen oft vorgetäuschter Pflichten zunächst auf Monate und später auf Jahre hin zu verlassen, wurde Johanna zunehmend depressiv. Nichts in ihrem Leben konnte mehr ihr Gefallen und ihre Freude erwecken. Nur hin und wieder brach es wie Urgewalt und Unwetter aus ihrem Innersten hervor und sie erging sich dann in wüsten Szenerien vor ihrem Dienstpersonal. Als Regentin war sie zwar von den spanischen Granden anerkannt worden, doch regierte sie nicht. Auch nicht nach dem Tod ihres Gatten, der ihn in Form einer Infektion plötzlich im Alter von 28 Jahren in Burgos ereilte –Gerüchte sprechen von einer Vergiftung im Auftrag seines Schwiegervaters Ferdinand II. Sie überließ die Herrschaft wieder ihrem Vater. Kein wirkliches Wunder, denn bald erzählten sich die Spanier Schauermärchen über ihre verrückt gewordene Königin Johanna, die angeblich des Nachts mit dem Sarg und ihrem Gatten darin durch das Land reiste. Doch die Autorin Barbara Beck weiß sehr genau zu unterscheiden zwischen dem, was das unwissende Volk erzählt und der Wahrheit. Sie attestiert Schizophrenie. Kurzum, Johanna ließ auch ihrem Sohn Karl V. den Vortritt, der 1519 als Kaiser Karl V. in die Geschichte einging. Auch er war ein Liebhaber schöner Frauen, hatte ein außereheliches Kind mit einem schönen bürgerlichen Fräulein in Regensburg, Als Don Juan d’Austria ging dieser Sohn in die Geschichte ein. Doch zog sich auch Kaiser Karl V., ebenso wie seine Mutter Johanna von Kastilien, die „die Wahnsinnige“ genannt wurde, in seinen letzten Lebensjahren zurück in ein Kloster und wurde weltmüde. Am Karfreitag des Jahres 1555 wurde Königin Johanna von ihrem Leid in Tordesillas erlöst. Ihr Sohn Karl verstarb nur drei Jahre nach ihr.
Frauen zwischen den Religionen
Der auf- und erregenden Frauenschicksale sind noch viele in diesem Büchlein: Wie die Schottin Maria Stuart, die gegen ihre protestantische Verwandte Elisabeth I. von England intrigierte und zuletzt im blutroten Samtmieder vor ihrem Henker niederkniete, der zwei Schläge mit der Axt benötigte, um sie zu enthaupten. Oder Margarethe von Valois, die Königin Margot, eine schillernde Persönlichkeit in einer unruhigen Zeit. Marguerite hinterließ als eine der ersten historischen Frauen überhaupt ihre Memoiren. Sie tanzte gerne, verliebte sich in den Duc de Guise, Führer der katholischen Liga. Doch sie durfte ihn aus Staatsräson nicht heiraten, sondern musste nach dem Willen ihres königlichen Bruders um den brüchigen Religionsfrieden zwischen den aufbegehrenden Protestanten und den sie niederhaltenden Katholiken aufrecht zu erhalten, ihren Verwandten Henri von Navarra heiraten. Er war der Führer der Protestanten und der „Politischen“, wie sich die Anhänger einer Aussöhnung mit dem katholischen Lager nannten. Der das vornehme Hofleben im Palais Royal liebenden „Reine Margot“ gefiel ihr Ehemann überhaupt nicht, er war ihr zu ungeschliffen. Immerhin stand in ihrem Ehevertrag, dass keiner der beiden Gatten konvertieren musste. So schlossen die beiden eine erste überkonfessionelle Ehe. Sie heirateten mit großem Pomp in der Kathedrale Notre-Dame zu Paris am 24.8.1572. Es war eine Ehe über die Religionsgrenzen hinweg, die auch weiterhin existierten. Trotz des sich anschließenden nächtlichen Gemetzels, das als „Bartholomäusnacht“ in die Geschichte einging, und trotz der Lebensgefahr, in der auch die „Reine Margot“ schwebte, hielt sie zu ihrem angetrauten protestantischen Ehemann. Nicht wegen ihr schwor Henri IV. später seinem Glauben ab, sondern um die Königskrone zu erlangen und um seinem Vaterland Frankreich mit dem Edikt von Nantes im Jahr 1598 den Religionsfrieden zu bringen. Die „Reine Margot“, seine Ehefrau, galt als verschwenderisch und genusssüchtig. Sie wechselte bald das politische Lager und ging zur katholischen Liga über, weshalb sie ihr bis 1589 regierender Bruder Henri III. kurzerhand in das kleine Schloss Usson einsperrte. Als ihr Noch-Ehemann Henri IV. König geworden war, ließ er sie wieder frei und bat den Papst in Rom um die Einwilligung zur Scheidung. Margot regierte Frankreich trotzdem noch als Königin, und zwar mehrere Jahre lang nach dem gewaltsamen Tod Henri IV. im Jahr 1610. Sie hinterließ als eine der ersten Königinnen Frankreichs eine Schrift zur Verteidigung der Ehre des weiblichen Geschlechts: „Discours docte et subtil.“ Marguerite de Valois starb eines natürlichen Todes am 27.3.1615 im Alter von 62 Jahren in Paris.
Mit dem Schreibblock aufs Schafott
Ein besonders tragisches Schicksal ereilte Marie-Jeanne Roland de La Platière, 1754 in Paris als Tochter eines Graveurs geboren, dessen sechs andere Kinder sehr früh verstarben. Marie-Jeanne, bald liebevoll Manon gerufen, las viel, erhielt Privatunterricht, interessierte sich für Philosophie, Religion, Geschichte und begeisterte sich für den griechischen Schriftsteller Plutarch, den sie im Original las. Rückblickend vertrat die hellsichtig argumentierende Manon die Auffassung, Plutarch habe sie zu einer begeisterten Republikanerin gemacht. Daran war wohl eher der Genfer Philosoph Jean-Jacques Rousseau (1712-1776) schuld, dessen Werke sie ebenfalls sehr schätzte. Völlig in Übereinstimmung mit ihrem geistigen Lehrmeister Plutarch (siehe die Besprechung von dessen Buch „Über Liebe, Freundschaft und Feindschaft“ auf diesen EURBAG-Seiten) vertrat Marie-Jeanne die ebenso weise Einsicht, dass ihr Ehemann ihrer Achtung würdig sein und er sein Glück in seinem Bemühen um ihr eigenes Glück finden sollte. So heiratete sie 1780 Mr. Jean-Marie Roland de La Platière, einen um 24 Jahre älteren Handelsinspektor aus Amiens. Sie wurde zu einer unverzichtbaren Stütze für Ihren Ehemann, dessen Amtsbriefe sie niederschrieb und dessen Korrespondenz sie führte. Kurz vor der Revolution von 1789 wurde ihr Mann zum Generalinspektor befördert und die Familie – eine Tochter Eudora (!) wurde 1781 in Amiens geboren – zog nach Lyon, wo die neue Stelle anzutreten war. Der Ausbruch der Revolution 1789 begeisterte sie beide. Madame Roland schrieb vielbeachtete Zeitungsberichte im „Courrier de Lyon“ und im „Le Patriote français“. Als ihr Mann von der Stadtverwaltung Lyons im Winter 1791 nach Paris geschickt wurde, um wegen der Schulden mit der Regierung zu verhandeln, begleitete ihn Mme Roland. In Paris eröffnete sie einen Salon, in dem bald Anführer der Revolution wie Brissot, Robespierre und ihr heimlich, nur platonisch geliebter Francois Buzot verkehrten. Madame Roland berichtet: „Ich wusste, welche Rolle mir als Frau zukam und vergaß das niemals. Die Gespräche wurden in meiner Gegenwart geführt, jedoch ohne dass ich daran teilnahm. Ich saß abseits an einem Tisch, machte, während diskutiert wurde, Handarbeiten oder schrieb Briefe. Und hatte ich auch zehn Botschaften wegzuschicken, was manchmal passierte, so verlor ich doch nicht ein Wort von dem Gespräch, und manchmal biss ich mir auf die Lippen, um nicht mit meiner Meinung herauszuplatzen.“
Im Jahr 1792 wurde Mr. Roland vom König Louis XVI. zum Innenminister berufen. Mme Roland unterstützte ihn in allen seinen Amtsgeschäften, gab ihm Ratschläge für die oft schwankende Politik, führte erneut seine Korrespondenz und war auch bei politischen Besprechungen anwesend. Dies missfiel den Revolutionären. Als nach Ausschaltung der Girondisten die Jakobiner ans Ruder kamen, fielen die Rolands in Ungnade, weil sie „gegen die schrecklichen Ausschreitungen“ ihre Stimme erhoben. Mme Roland schrieb: „Sie kennen meine Begeisterung für die Revolution, nun denn, ich schäme mich ihrer! Sie ist befleckt durch Schufte, sie ist hässlich geworden!“ Es dauerte nicht lange, bis sie ins Fadenkreuz des „Ami du Peuple“ von Jean-Paul Marat geriet. Sie wurde als „herrschsüchtige Intrigantin“ angegriffen. Da sie auch Danton öffentlich und heftig attackiert hatte („Luxus zur Schau tragen, gleichzeitig Sansculottentum predigen und auf Haufen von Leichen schlafen!“), blieb sie nicht verschont. Zwei Tage nach der Hinrichtung von Louis XVI. am 21.1.1793 trat ihr Ehemann Roland de la Platière von seinem Amt als Kommissar des Inneren zurück. Als die Jakobiner die Girondisten hinrichteten, entging auch Mme Roland nicht ihren Häschern. Ihr Ehemann floh freilich noch nach Amiens, doch sie blieb in Paris, wurde verhaftet und angeklagt. Fast sechs Monate verbrachte sie im Gefängnis, zuletzt in der Conciergerie. An einem einzigen Tag fand ihr Prozess, ihr Urteilsspruch und ihre Hinrichtung statt. Fliehen wollte sie nicht, weil sie sich der Selbstaufopferung verschrieben hatte. Ihre Todesgarderobe bestand aus einem weißen Musselinkleid mit schwarzem Samtgürtel. Viel vom Geist der Madame Roland - die ihre letzten Gedanken auf dem Weg zur Guillotine aufschreiben wollte, was man ihr versagte – verrät ihr überlieferter Ausruf beim Anblick der neu errichteten Freiheitsstatue am Place de la Concorde: „Oh Freiheit, welche Verbrechen begeht man in Deinem Namen!“ (Richard E. Schneider)
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Plutarch.
Von Liebe,
Freundschaft und Feindschaft (ca. 200 S., geb., 5 €,
Marixverlag, Wiesbaden, 2010.)
Plutarch (45-125 n. Chr.) gehört zu den Denkern des Abendlands, die uns auch heute noch etwas zu sagen haben. Er, von Natur aus Grieche, stand auch dem Römertum nicht fern, war des Latein mächtig und weilte mehrere Jahre in Rom, wo er mehrere Kaiser, darunter Nero, persönlich kennen lernte. Nero, Feind der Christen, ließ angeblich die Stadt Rom in Brand stecken, um nächstens sein weithin leuchtendes Kunstwerk ansehen und bewundern zu können. Die sog. Kaiser-Biographien von Plutarch verraten andere höchste Ziele der Mächtigen, die er detailgenau beschreibt. Der Ruhm des ebenfalls aus vornehmem Geschlecht stammenden Plutarchos beruht jedoch auf inneren Werten, wie sie seine „Vitae parallelae“ zeigen. Mutig und belesen verglich und bewertete er das politische Leben einflussreicher Politiker Griechenlands mit denen aus Rom bzw. dem römischen Reich. Dies geschah zu einer Zeit, als seine griechische Heimat längst zu einer römischen Provinz geworden war - was jedoch den dortigen Städten mit ihren weithin bekannten demokratischen Strukturen durchaus zugute kam.
Philosophie und klassische Bildung anerkannten auch die Römer, die Sieger, die Griechenland nicht latinisierten wie etwa Germanien. Jedoch sind noch heute die Griechen, die damals sehr stolz auf ihre klassischen Errungenschaften und ihre Sprache waren, ausgrenzt von der römisch-europäischen Kultur, in der sich die lateinischen Buchstaben und die geistige Welt Roms durchsetzten. Die später entstandenen europäischen Sprachen lassen sich heute leicht in die romanische und die germanische Sprachgruppe einordnen – die griechische passt in keine von beiden.
Dennoch blieb griechisches Denken und griechische Philosophie präsent in Europa. Kaum hatte die Entstehung des Italienischen um 1300 die lateinische Sprache zurückgedrängt, folgte die Renaissance und die Wiedergeburt der griechisch-römischen Klassik, die ganz Europa ergriff. Frankreich erlebte das 17. Jahrhundert als seine klassische Ära, in der Herzog La Rochefoucault mit seinen durchaus griechisch inspirierten Maximen und Sentenzen den Unterschied zwischen L’amour-propre und l’amour de soi, Selbsterhaltungstrieb und Eigensucht, Egoismus, sehr klar und deutlich herausarbeitete. In der damals anbrechenden Aufklärungszeit wendete man sich auch wieder stärker den demokratischen Institutionen und Gesellschaftsformen zu – was dem Aristokratismus des Denkens keineswegs schadete. Schließlich war Graf Mirabeau, geistiger Urheber der Revolution von 1789, ebenfalls Adliger. Sieht man genauer hin, so beruhte auch das klassische Zeitalter Griechenlands auf den Folgen von Revolution und Umsturz. Hatten die Athener nicht den Tyrannen Peisistratos gestürzt, der doch so viel Gutes für die Stadt und seine Bewohner getan hatte?
Doch Plutarch, der ein halbes Jahrtausend später auf die Welt kam? Er hatte in seiner Heimatstadt Chaironeia eine Akademie gegründet, eine Art Privatschule, in die bald auch Eltern aus anderen Städten ihre Kinder schickten. Nun präsentiert der kleine, aber feine Marixverlag, Wiesbaden, die Reflexionen zu Liebe, Freundschaft und Feindschaft dieses Lehrmeisters. Gewiss kennt jeder Leser die Bedeutung von Liebe, Freundschaft und Hass. Brauchen wir die Freundschaft nicht umso mehr in der Gegenwart, die sich scheinbar wieder anfüllt mit Hass und Neid breiter Bevölkerungsschichten? Doch wie äußern sie sich in Handlungen gegenüber uns selbst? Plutarch gibt Ratschläge, zeigt an Beispielen, wie man einen wohlgesinnten von einem böswilligen Menschen unterscheiden kann. Schmeichler, die sich dorthin begeben, „wo Ruhm und Macht sind, wollen sich nähren, eilen aber bei jeder Veränderung schnell davon...“ Wer denkt hier nicht an bestimmte Politiker, die angesichts drohender Gefahren aus dem Parteiverband „ausscheren“ möchten?
Und auch über Freunde und Freundesart weiß der Autor Bescheid: „Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da..“ lautete seine Maxime. Dennoch warnt der Autor, nicht jede Zufassbekanntschaft als Freund annehmen, auch nicht den zu lieben, der uns nachläuft, sondern denjenigen nachzugehen, die der Freundschaft würdig sein. Eine Vielzahl von Zitaten und Namen aus der griechisch-römischen Geschichte tauchen auf, Weisheiten werden zitiert, die auch heute noch bedenkenswert erscheinen. Insbesondere die Parteiführer in der gegenwärtigen EU könnten von diesem kleinen Lehrbuch profitieren, denn der kluge Plutarch warnt vor den „Schmeichlern, die die Wohlhabenden umgurren, um von deren Geschenke zu leben...“Bald sind sie aber verschwunden, wenn größere politische Probleme auftauchen und die so Umworbenen stehen plötzlich hilflos ohne Freunde dar.
Plutarch ist ein umsichtiger, lebensnaher Mensch. Er hat auch ein Kapitel „Trostschreiben an die Gattin“ für alle möglichen Lebenslagen verfasst. Das letzte Kapitel seines attisch nicht nur angehauchten Büchleins widmet Plutarch der Liebe, die bei ihm Eros heißt. Er schreibt „auf wen sich aber Eros wirft und seine Wohnung in ihm nimmt, wird erstens, wie der platonische Staat, kein Mein und Dein haben.“ Zweitens werde es ihm an Selbstbeherrschung in der Ehe fehlen, und drittens berichtet er von der schönen, vielgeliebten Lais, die ganz Hellas in Liebesflammen setzte, um zuletzt zu einem Thessalier zu eilen, zu dem sie in wahrer Liebe ergriffen war. Dort wurde sie jedoch von den auf ihre Schönheit und Verführungskünste eifersüchtigen Frauen in den Tempel der Aphrodite gelockt, verstümmelt und gesteinigt...Kurzum, was Plutarch hochhält, ist die Freundschaft und Liebe unter Menschen, zu deren Erkenntnis der Leser erst nach mannigfachen Abenteuern und Erlebnissen im alten Griechenland gelangt.
Richard E. Schneider
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Tobias Daniel Wabbel.
Der Templerschatz. Eine
Spurensuche.
(Gütersloher
Verlagshaus. 2010. Gütersloh. 256 Seiten)
Die Lektüre des Buches von Tobias Wabbel "Der Templerschatz – Eine Spurensuche",, hat uns fasziniert. Der Autor ist Journalist und Schriftsteller und in Essen ansässig. Sein letztes Werk war eine Essay-Sammlung zum Thema Theologie nach dem Holocaust, "Das Heilige Nichts" (Patmos, 2007), mit Beiträgen von Papst Benedikt XVI., Hans Küng oder Ralph Giordano (Siehe "Der Spiegel", 42/2007).
Sein neues Buch "Der Templerschatz" beschäftigt sich mit der Frage, ob der sagenumwobene Orden der Tempelritter einen Schatz gehütet hat, woraus er bestanden haben könnte und wo er sich heute noch befindet. Es ist sozusagen mittelalterliche Geschichte auf dem Prüfstand und die Vermittlung von spannenden Fakten, anstatt Fiktion à la Dan Brown.
Tobias Wabbel hat für dieses populärwissenschaftlich verfasste Werk über zehn Jahre an Originalschauplätzen in ganz Europa recherchiert - vor allem aber in Frankreich - und kommt zu dem zweifelsfreien Schluss, dass die Templer unter dem Tempelberg von Jerusalem zwischen den Jahren 1105 und 1128 eines der heiligsten Relikte der Menschheitsgeschichte fanden und nach Frankreich überführten - und dass dieser außergewöhnliche "Schatz" noch heute seiner Bergung harrt.
Diese spektakuläre Erkenntnis belegt der Autor wissenschaftlich anhand von über 390 historischen Quellen und Dokumenten sowie ikonographischen Spuren an gotischen Kathedralen und Templerkapellen in Frankreich. Er erschüttert Dogmen der Kunstgeschichte und korrigiert historische Irrtümer, die sich über die Jahrzehnte fälschlicherweise in Bezug auf die Templer zu Allgemeinplätzen entwickelt haben. Das Buch enthält daher sehr viele neue Fakten und Erkenntnisse, die von großem Interesse für die französische Öffentlichkeit wären.
Die renommierte österreichische Kunsthistorikerin und UNESCO-Beauftragte Dr. Wiltraud Resch von der Universität Graz verfasste ein Nachwort. Das Buch geht in Deutschland bereits in die zweite Auflage, wäre aber auch etwas für die französischen Leser. Man findet auch Informationen auf der Webseite von Tobias Wabbel : www.tobiasdanielwabbel.com
Mathias Guhl
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Andreas Otte, Konrad Wink.
Kerner’s Krankheiten großer Musiker.
6. neu bearbeitete Auflage, 2007, 451 Seiten, mit 69 Abb., geb., 29,90
€.
Zwei Ärzte, ein Klinikforscher und ein aus Norddeutschland gebürtiger Pharmakologe, beide Musiker, haben „ Kerner’s Krankheiten großer Musiker“ revidiert. Die Neubearbeitung des Standardwerks enthält rund zwei Dutzend Pathografien von berühmten Musikern. Geschrieben wurde das Buch für ein gebildetes Lesepublikum, das sich zur Objektivität bekennt mehr über das „deutsche Musikgenie“ erfahren möchte.
Die beiden Autoren haben selbst in Musik-Archiven recherchiert, wichtige Statistiken, Tagebücher und Briefe berühmter Musiker nochmals gelesen und nach aktuellem medizinischen Kenntnisstand ausgewertet. Stimmt das Gerücht, dass auch Ludwig van Beethoven (1770-1827) an Syphilis verstarb, fragen sie und drucken als Antwort einen mehrseitigen Originalbrief des Komponisten an seinen Neffen ab, in dem er beteuert, stets auf dem rechten Weg geblieben zu sein. Nüchtern wird dann aus dem handschriftlichen Nachlass von Prof. Wawruch, Allgemeines Krankenhaus, Wien, zitiert, unter dessen medizinische Fittiche sich zuletzt der fast menschenscheue Einsiedler begab: Beethoven litt an Aszites (Bauchwassersucht), Leberzirrhose und mangelhafter Ernährung. Ein halbes Dutzend Ärzte kümmerte sich letztlich vergebens um den prominenten Komponisten, der 56 Jahre alt wurde und durch seine medizinischen Konsultationen ein Vermögen verlor.
Minutiös, wie es wohl nur Kriminologen oder Wissenschaftler vermögen, werden die Lebensläufe und Erkrankungen der rund zwei Dutzend berühmtesten Komponisten Europas dargestellt, von Thomaskantor Johann Sebastian Bach (1685-1750), Wolfgang Amadé Mozart (1756-1791), Franz Schubert (1797-1828) über Franz List (1811.1886), Richard Wagner (1813-1882) und Peter Tschaikowsky (1840-1893) bis zu Gustav Mahler (1860-1911) und Maurice Ravel (1875-1937). Nicht zu vergessen die großen Italiener Vincenzo Bellini, der 1829 mit „La Straniera“ (Die Fremde) die romantische Oper aus der Taufe hob, Giuseppe Verdi (1813-1901), der 1831 vom Mailänder Konservatorium abgewiesen wurde, binnen zweier Jahre seine Ehefrau und seine beiden Kinder verlor und im Jahr danach,1842, an der Mailänder Scala den Durchbruch mit seiner Oper „Nabucco“ feierte. Einzigartig ist die Biografie des „Teufelsgeigers“ Niccolò Paganini, 1782 als Sohn eines Lastträgers im Hafen von Genua geboren, „der aus seiner Violine göttliche Harmonien zog, rührte – ein unübertrefflicher Genius – ganz Europa und schmückte Italien...“ Keiner wurde so hoch geehrt wie der Geiger und Gitarrist aus Parma auf seinen Konzertreisen in Paris, London Irland, Schottland und Italien, wo er als Günstling von Gräfinnen viel verehrt und noch mehr beneidet wurde. In drei Tagen soll Paganini einen mittelmäßigen Cellisten aus Neapel zum Virtuosen ausgebildet haben. Kein Wunder, dass man munkelte, er stehe mit dem Teufel im Bunde denn sein Name bedeutet „der kleine Heide.“ Ein Medium soll im Spiel gewesen sein, Paganini nannte es „La Magia“ (Magie). Wegen seiner „schwarzen Magie“ stand Paganini auf Kriegsfuß mit dem Klerus der katholischen Kirche, die ihm 1840 die Bestattung auf dem Friedhof von Nizza und in seiner Heimatstadt Genua verweigerte. Der Sarg des schon zu Lebzeiten notorisch kranken „Teufelsgeigers“ (Marfan-Syndrom?), der zum Multimillionär aufstieg, wurde noch aus dem Sterbe-Krankenhaus in Nizza entwendet. Wo Sarg und Leichnam heute ruhen, ist nicht mehr eindeutig zu klären.
Die Musik dieser Männer strahlte in die Literatur auf. Biografische Details aus diesen Künstlerleben finden sich politisch zugespitzt in Thomas Manns Roman „Dr. Faustus.“ Er handelt vom fiktiven deutschen Tonsetzer-Genie Adrian Leverkühn, der sich aus Ruhmsucht mit dem Teufel verbindet und im Wahnsinn endet. Wer stand diesem „deutschen Musikgenie“ Modell? Es passen Hugo Wolf, Franz Schubert und Goethes Theaterdichtung „Faust,“ doch auch unzählige Details aus jenem Krankheitsbuch über Europas Musikgenies. Politisch beeinflusst wurde das künstlerische Schaffen der beiden tschechischen Komponisten Friedrich Smetana (1824-1884), der sich später Bedrich nannte und von Antonin Dvorák, der auf Vorschlag u.a. von Johannes Brahms ein Staatsstipendium erhielt. Smetana („Mein Vaterland“) erkrankte an Syphilis, die erst ab 1906 durch Salvarsan geheilt werden konnte.
Erschütternd ist das Lebensbild von Peter I. Tschaikowsky (1840-1893), der tief melancholisch und völlig isoliert von seiner Umwelt lebte. Wenn der Komponist die heimlich geliebte Sängerin Désirée Artot in der Petersburger Oper sah, wurde er nicht müde, sie durchs Opernglas anzusehen, wobei ihm die Tränen über die Wangen rannen, berichtet sein Freund Kaschkin. Ganz anders Gustav Mahler (1860-1911), der aus einer böhmisch-jüdischen Familie stammte und in Wien eine steile Karriere bis zum Hofoperndirektor hinlegte. Mahler war penibel, unduldsam und herrschte diktatorisch über Orchester- wie Familienmitglieder. Er war schwer herzkrank.
Vierhändig spielte im Jahr 1840 der Tbc-kranke Chopin mit dem ungarischen Pianisten Franz Liszt Klavier auf Schloss Nohant. Zur gleichen Zeit veröffentlichte der sächsische Musiker Robert Schumann einen Aufsatz mit der Aufforderung „Hut ab, ihr Herren, ein Genie!“ - und wies dabei auf Chopin! Den 200. Geburtstag beider Komponisten, deren Geburtsorte räumlich nur wenige hundert Kilometer entfernt sind, ehrt die Musikwelt in diesem Jahr 2010, dazu Mahlers 150. Geburtstag.(Richard E. Schneider)
Der Alltag in der DDR wird allmählich vergessen. Daher ist dieses Buch nützlich, zumal der Alltag im Vorkriegs-Dritten Reich ebenfalls vergessen worden ist. Die Abfolge der Generation macht es schwierig, die Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Der Autor, geb. 1938 in Naumburg an der Saale, hatte bereits in der Schule wegen „negativer gesellschaftlicher Haltung „ Probleme. Er studierte Theologie und wurde Pfarrer im atheistischen Staat. Mit Gott verbündet spielte es dem Regime viele Streiche, die manchmal nicht ungefährlich waren und ihn seine Freiheit hätten kosten können. Er gehört aber zu den Menschen, die den Geist der Freiheit und das Recht auf eine eigene Meinung in der Diktatur aufrecht erhalten haben. Das Buch liest sich wie ein Roman. Unbedingt in die Hand nehmen (JPP)
Professor Dr. Peter Kruse, einem der führenden Experten auf dem Gebiet der kollektiven Intelligenz,schreibt zu diesem Buch in seinem Geleitwort: „ Das Buch passt in die Zeit und rückt die Prioritäten gerade… “ . „ … Es bietet für Manager, Unternehmer und Berater eine Fülle praxisnaher Anregungen zum Verständnis und zur Entwicklung einer nachhaltig „gesunden“ Unternehmenskultur....“ . Was können Sie dort Neues entdecken? Welche inspirierende Gedanken können Sie daraus schöpfen? Die Metapher der emotionalen Viren: Hier wird wir zum ersten Mal diese erfolgreiche Methodik einem breiten Publikum detailliert vorgestellt. Die unkomplizierte Methode zur Erfassung und Strukturierung der emotionalen Viren in Organisationen wird Punkt für Punkt beschrieben. In "Das emotionale Unternehmen" wird geschildert, dass eine Organisation als Ganzes genauso zur mentalen Stärke gecoacht werden kann, wie ein Individuum. Mit den vier Bedingungen zur optimalen Nutzung der kollektiven Intelligenz werden konkret die Voraussetzungen aufgezeigt, um ungenutztes Potenzial wirkungsvoll freizusetzen. Das Buch ist so angelegt, dass Sie mit den beschriebenen Ansätzen sowohl Krisensituation meistern, als auch die Entwicklung der mentalen Stärke eines Unternehmens fördern können. Viele weitere Informationen, Termine, den Direktklick zu Amazon, sowie eine Plattform zum Austausch finden Sie auf der Homepage zum Buch: http://emotionales-unternehmen.de/
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Svenja Goltermann.
Die Gesellschaft der Überlebenden-Deutsche Kriegsheimkehrer und ihre
Gewalterfahrungen im Zweiten Weltkrieg (DVA, ISBN 978-3-421-04375-7)
Diese wissenschaftliche Studie, die den Preis des Verbandes der Historiker/innen Deutschlands erhalten hat, behandelt ein bis jetzt kaum bekanntes Thema: die Nachwirkungen der erlebten - erlittenen und zugefügten - Gewalt bei den heimkehrenden Soldaten im Nachkriegsdeutschland, und parallel die Entwicklung der Psychiatrie bezüglich Psychotraumatologie.
Anhand von zahlreichen Krankenakten der zurückgekehrten deutschen Soldaten wird ersichtlich, dass Neurosen und allgemein psychische Krankheiten sehr verbreitet waren – und dies trotz des durch die Medien forcierten Bildes des Soldaten, der zwar vieles durchgemacht hat, aber dank Fleiß und Zuversicht in der deutschen Gesellschaft wieder Fuß fasst. Man kann davon ausgehen, dass die schwarzen Zahlen viel höher lagen, da nicht jeder den Weg zum Arzt machte (oder wagte).
Bei diesen Patienten ging die damalige Psychiatrie meistens von Dystrophie (Hungerkrankheit, die zu Hirnschädigungen führt), Erbkrankheiten oder sogar „Rentenneurosen“ aus. Erst zehn Jahre nach dem Krieg wurde langsam von „erlebnisbedingter Personalitätsstörung“ die Rede. Aber sowohl aus finanziellen (eine Flut von Rentenansprüchen war der Alptraum der damaligen deutschen Behörden) wie aus politischen Gründen (die junge BRD konnte es sich nicht leisten, ein sei es noch so geringes Mitgefühl mit den Hitler-Soldaten zu empfinden) wurde immer noch verneint, dass „normal gesunde“ Menschen von (längst) vergangenen Erlebnissen dauerhaft krank (und also rentenberechtigt) bleiben könnten .
Die Auschwitz-Prozesse 1961 brachten den Durchbruch: Angesichts der Zeugenaussagen der NS-Verfolgten, die 15 Jahre nach Kriegsende offensichtlich immer noch an ihren schrecklichen Erlebnissen völlig gebrochen waren, wurde der Begriff des „Posttraumas“ endlich anerkannt. Gleichzeitig setzten diese Prozesse aber ein Ende zu der bis dahin allgemeinen Verdrängung der NS-Verbrechen in der deutschen Gesellschaft, und demnach schien es moralisch unvereinbar, das Leid der deutschen Soldaten mit dem der NS-Verfolgten überhaupt zu vergleichen. Auch als erstmalig von „Posttrauma“ bei den Vietnam-Veteranen die Rede war, galt dieser Begriff für die deutschen Soldaten nicht.
In ihrer Habilitationsschrift vermittelt Svenja Gormann sehr interessante Einblicke in die Psychiatrie, die ihren rein naturwissenschaftlichen Standpunkt verließ zugunsten einer anthroposophischen Sicht des Menschen. Das brisante Thema über leidende Soldaten, die (zwar nicht alle, aber doch viele) selber Leid zugefügt haben, behandelt die Autorin ohne moralische Untertöne und überlässt es dem Leser, seine Meinung darüber zu bilden.
Anne Bühler
●Jeden
Tag den Tod vor Augen – Polizisten erzählen.
Herausgegeben von Volker Uhl (Piper
978-3-492-24784-9)
Volker Uhl, Kriminalbeamter und Gründer der Polizei-Poeten, hat in diesem Buch dramatische, leidvolle, alltägliche Geschichten von seinen Arbeitskollegen gesammelt – und einige auch selbst geschrieben. Sie gewähren uns Laien einen Einblick in einen knallharten Beruf, in dem der Tod eben allgegenwärtig ist, sei es das Todesopfer auf dem Obduktionstisch, der erschossene Kollege oder das von der eigenen Mutter totgeschlagene Kleinkind.
Der notwendige Versuch, sich gegen diese alltägliche Konfrontation mit Tod und Gewalt abzuhärten, funktioniert nicht immer, und es wird verständlicher, warum Ehescheidungs- und Selbstmordraten bei diesem Beruf so hoch sind. Zu den psychischen Belastungen, den oft schlechten Arbeitsbedingungen und dem unregelmäßigen Schichtdienst kommt noch die mangelnde Anerkennung der Gesellschaft hinzu.
Nichtsdestotrotz scheinen diese Polizeipoeten alle ihren Beruf zu lieben, auch wenn der Kampf gegen „das Böse“ grundsätzlich einer Sysiphus-Aufgabe gleicht. Es ist ein „wichtiges Buch“ (so Horst Köhler), das uns daran erinnert, dass sich andere opfern und kämpfen, damit wir nachts ruhig schlafen können. (AB)
http://www.arte.tv/de/Die-Welt-verstehen/3238690.html: Reportage über die Polizei in Deutschland und Frankreich vom 8. Juni 2010.
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Magdalena Schupelius.
Wie aus Ochsen Euros wurden.
Die Geschichte des Geldes.
Mit Illustrationen von Beate Bittner. (63 Seiten
mit Farbzeichnungen. ISBN 978-3-3000-2296-51.) Bestellungen bei
www.schupelius.de
In diesem Buch für Kinder (und Erwachsene ebenso) erzählt Magdalena Schupelius, wie das Geld entstanden ist und wie nützlich Geld heute in einer Zeit ist, wo Utopisten meinen, Geld sei schmutzig und ohne Geld könne man besser auskommen. Sie erzählt von den Grundbedürfnissen der Menschen und wie die Tauschwirtschaft entstand. Gleich stellte sich das Bedürfnis nach einem universalen Tauschmittel. Absolut verständlich für die Kleinen wird es auch, dass man faire Preise und Werte haben muss, damit sich keiner über das Ohr gehauen fühlt. Geld ist also ein Mittel zum sozialen Frieden. Eigentlich eine der genialsten Erfindungen der Menschheit, wie der deutsche Philosoph Georg Simmel es bereits vor einem Jahrhundert in seiner „Philosophie des Geldes“ erkannt hatte. Aber nun die Frage nach den Ochsen… ?? Weil Vieh in den Anfängen der Landwirtschaft das höchste Gut war. Was im Buch nicht stehen kann, ist, dass das germanishe Wort Vieh dieselbe protoeuropäische Wurzel wie das Latein „pecus“ hat, das dasselbe bedeutet. Auf Französisch findet man dieses Wort in „pécule“ (kleiner Schatz), „pécunier“ (was mit Geld zu tun hat) wieder. Gut allerdings, wie Frau Schupelius es darstellt, dass wir den Tausch mit Vieh nicht mehr praktizieren, sondern heute den Euro haben, der die erste Tugend des Geldes auf Europa erweitert hat, uns zwar die Vergleichsmöglichkeit aller Produkte und Leistungen und eine Werteskala für Dinge und Dienstleistungen, die nie endgültig ist, sondern von der Idee abhängt, die sich die Menschen davon machen. Sehr, sehr wichtig ist es heute, dass Kinder lernen, das Geld nicht zu verachten, sondern sachlich einzuschätzen. Die Einstellung der Deutschen (und nicht nur der Marxisten und Rechtsradikalen) zum Geld ist zu negativ-romantisch. Das deutsche Sprichwort: „Bei Geld hört die Freundschaft auf“, ist falsch. Geld bringt die Menschen zusammen, indem sie Sachen zu fairen Preisen tauschen. Unbedingt den 7- bis 12jährigen dieses Buch als Lektüre empfehlen. Die Autorin ist selbst Mutter und weiß Bescheid. (JPP)
●Hartmut
Bachmann:
Die Lüge der Klimakatastrophe. Das gigantischste Betrugswerk der Neuzeit.
Manipulierte Angst als Mittel zur Macht.
(Frieling Verlag.
Berlin.)
Den Treibhauseffekt gibt es nicht, und die angeblich drohende Klimakatastrophe wurde popularisiert, um Geld einzunehmen. Das ist die These von Hartmut Bachmann. In seiner engagierten Streitschrift beschreibt er zunächst die gesellschaftliche Situation in der Bundesrepublik der 80er-Jahre, in der der Klimaschutz zum neuen politischen Thema wurde, und den enormen Popularitätsschub, den die Bewegung 1986 erfuhr, als der Spiegel eine breite Öffentlichkeit mit dem Begriff der Klimakatastrophe und dem damit verbundenen Szenario eines steigenden Meeresspiegels konfrontierte.
Die dahinterstehende wissenschaftliche Theorie, die bereits vor hundert Jahren entstand, ist Bachmann zufolge jedoch nicht haltbar. Das Bild vom Treibhaus sei irreführend, weil es keine stabile Schicht aus Kohlendioxid in der oberen Atmosphäre geben könne, und weder der Zusammenhang eines steigenden Kohlendioxidgehalts in der Atmosphäre mit der globalen Erwärmung noch die Behauptung, dass der Mensch für beide Entwicklungen verantwortlich sei, seien gesichert. Bachmann führt immer wieder plausible Indizien für seine Kritik an der üblichen Darstellung an, hauptsächlich beschäftigt er sich aber mit der Frage, wer die Lüge der Klimakatastrophe aus welchen Gründen am Leben erhält.
So sei das „Intergovernmental Panel on Climate Change“ (IPCC), der sogenannte Weltklimarat, eindeutig als politisches, nicht als wissenschaftliches Gremium konzipiert worden und sehe seine Aufgabe nicht in der vorurteilsfreien Untersuchung des Klimawandels, sondern in der Verbreitung einer bestimmten Auffassung. Dies untermauert Bachmann mit Zitaten führender Mitarbeiter des IPCC. Profiteure des groß angelegten Schwindels sind ihm zufolge jene Wirtschaftsbranchen, deren Geschäfte von der Aufregung um das Klima angeheizt werden, sowie der Staat als Steuereintreiber, der eine neue Rechtfertigung für die Belastung der Bürgerinnen und Bürger erhält.
Aufgrund des weit gespannten thematischen Rahmens, der neben Klimaforschung und Weltpolitik auch die bundesrepublikanische Geschichte und Überlegungen zu den Mechanismen einer Politik der Angst umfasst, kann Bachmann nur in einigen Bereichen in die Tiefe gehen. Sein Buch ist als aufrüttelndes Plädoyer aber ein guter Ausgangspunkt dafür, sich selbst mit dem Thema auseinanderzusetzen und der weitgehend einheitlichen veröffentlichten Meinung eigene Gedanken entgegenzusetzen.
Frank Mertens
▪ Michael Buback. „Der zweite Tod meines Vaters“ II (Erweiterte Ausgabe mit neuen Fakten 444 Seiten ISBN 978-3-426-78234-7 Knauer Taschenbuch Verlag München Oktober 2009 - 12,95 Euro)
Michael Buback hat die Grenzen der deutschen Justiz aufgezeigt. Mit privaten
Recherchen zum Mord an seinem Vater, Generalbundesanwalt Siegfried Buback. Sein
Buch, erschienen im Jahre 2008, stellt den Rechtsstaat auf den Kopf. Zumindest
den Rechtsstaat, den der Bürger zu kennen glaubt, bzw. den er kennen möchte. Die
Grenzen des Rechtsstaates Deutschland beginnen da, wo sich Justiz und Politik
berühren. Deutsche Staatsanwälte hängen an der Leine der Politik. Das nennt man
politische Weisungsgebundenheit und ist 99 % der Bürger nicht bekannt. Der
Bürger erwartet unabhängige, objektive Fahndungsarbeit. Doch hierzulande
regieren allzu oft politische Weisungen, tumbe Willkür und Untertanengeist. Nun
hat Buback nachgelegt. Auf 82 Seiten. Eine spannender als die andere. Darin
beschreibt er seine Erfahrungen nach der Herausgabe des Buches und neue, schier
unglaubliche Fakten. Und dies alles mehr als 30 Jahre nach der Tat. Er entdeckte
nicht nur neue/alte Zeugen. Er fand auch - um es milde auszudrücken - Belege für
systematische Fehler der Fahnder. Bis hin zu ganz offenkundigen Falschaussagen.
Alle Hinweise auf die Tatbeteiligung einer Frau wurden von Anfang an
unterdrückt. Belege verschwanden. Bisweilen scheint es, als ginge es unter dem
Hempelschen Sofa ordentlicher zu, als bei deutschen Profi-Fahndern. Die
versuchen weiterhin, ihre Fehler zu vertuschen. Doch ohne Erfolg.
Buback, der Naturwissenschaftler, geht mit beeindruckender Akribie vor. Er sammelt Fakten und rekonstruiert Abläufe. So stellt man sich die Arbeit eines Profi-Fahnders vor. Gründlich und abgeklärt. Und unbeeindruckt von so manchem Presseecho, das Reaktionen aus Karlsruhe widerspiegelt. Dort, bei den Bundesanwälten, liegen die Nerven blank. Man lädt den Sohn des früheren Chefs nicht einmal mehr zur Pressekonferenz ein. In Zeitungen ist mitunter haarsträubender Unsinn über Bubacks Arbeit zu lesen. In zahlreichen Artikeln ist klar erkennbar, dass der Autor nicht einmal das Buch gelesen hat. Da werden Fakten und Fiktionen, Halbwissen und bisweilen sogar Unwahrheiten munter vermischt. Michael Buback Verschwörungstendenzen zu unterstellen, ist nicht nur purer Unsinn, sondern ganz und gar böswillig. Er tut nur seine Pflicht als Sohn.
Die Ergebnisse der Recherchen von Michael Buback sind überzeugend. So überzeugend, dass die Bundesanwälte sich zur Arbeit geradezu gezwungen sahen. Wer das Buch gelesen hat, ist nicht überrascht, dass gegen Verena Becker ermittelt werden musste. Bei Ihr fand man - u. a. - das Gewehr, mit dem Siegfried Buback ermordet wurde. Ihre Beteiligung an der Tat ist gleichsam mit Händen zu greifen. Wenn man denn greifen will, bzw. darf. Und auch Verena Becker ist von Bubacks Arbeit beeindruckt. Eine Notiz belegt dies. Sie trägt das handschriftlich vermerkte Datum 07.04.08. Den Jahrestag des Attentats. Auf diesem Zettel hatte sie eigenhändig notiert: „Nein, ich weiß nicht, wie ich für Herrn Buback beten soll, ich habe wirklich kein Gefühl für Schuld und Reue. Natürlich würde ich es heute nicht wieder machen. Aber ist es nicht armselig, so zu denken und zu fühlen? Das scheint noch ein weiter Weg zu sein.“ Der Weg in die Unter-suchungshaft indes war kurz. Man hatte ihre Wohnung durchsucht. Insider vermuten, dass Verena Becker weggesperrt wurde. Die Frau, die schon zu RAF-Zeiten mit der Justiz kollaborierte, drohte auszupacken. Da war es allemal besser, ihr einmal deutlich zu zeigen, was sie erwartet, wenn man sie erneut verurteilen müsste. So machte man das schon im finstersten Mittelalter….
Michael Buback hat indes noch viel mehr herausgefunden. Nach einer Lesung am 8. Dezember 2008 in Karlsruhe meldete sich eine Frau bei ihm. Eine Augenzeugin des Attentats. Sie hatte die Morde am Fenster ihres Büros verfolgt. Direkt und unmittelbar. Ihre Angaben zum Tatverlauf fügen das Puzzle nunmehr zu einem schlüssigen Bild. Sie berichtete, wie man sie - die einzige Augenzeugin - nach der Tat behandelte. Damit rundet sich auch das Bild von Qualität und Ziel der Fahndungsarbeit. Am Ende bleibt nur eine einzige Frage offen: Wer wird hier geschützt?
Man muss das Buch gelesen haben, um die Dimension der Arbeit von Michael Buback ermessen zu können. Doch auch, um die gezielte Desinformation der Öffentlichkeit zu begreifen. Pflichtlektüre für den Staatskundeunterreicht! Das Buch kostet 12,95 Euro - weniger als eine Flasche guten Rotweins. Der Kauf lohnt sich - nicht nur für Juristen.
Prof. Dr.-Ing. Hans-Joachim Selenz www.hans-joachim-selenz.de
Deutsche Soldaten
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Martin Guddat.
Des Königs treuer Diener. Als Soldat unter
Friedrich dem Grossen.
Verlag E.S.
Mittler & Sohn. Hamburg.Berlin.Bonn. 2006.176 Seiten.
Im Gegensatz zu den Soldaten der beiden letzten Weltkriege, die der Feldpost Ihre Gefühle und Gedanken anvertraut haben, hinterliessen die Soldaten früherer Jahrhunderte kaum Aufzeichungen, weil sie des Lesens und Schreibens nicht mächtig waren. Deswegen hat sich Martin Guddat in die Haut eines Rekruten der Armee Friedrichs des Grossen hineingeschlichen und dessen Schicksal in der Phantasie miterlebt. Die Figur des Soldaten Basedow, die im Mittelpunkt dieses Buches steht, ist frei erfunden und trotzdem durchaus real. Wie mir der Autor erklärte, hat er diesen jungen Preussen aus der Mitte des 18. Jahrhunderts wie eine Vision vor sich stehen sehen. Er hat ihm einen Geburtsort, das Dörfchen Stücken, 25 km südöstlich von Potsdam in der Mark Brandenburg, geschenkt. Mit 15 Jahren einmal gemustert, wegen seiner noch kleinen Statur zurückgestellt, darf der junge Mann drei Jahre später die blaue Uniform der königlichen Armee anziehen.
"Ich bin zu diesem Dorf gefahren und fand es typisch und passend als Kulisse für die Existenz meines Helden", vertraute mir der Autor an. Alles, was Basedow, der es zuletzt zum Unteroffizier bringt, betrifft, beruht auf Tatsachen. Es war schon ein origineller Einfall des Autors, 1943 geboren und promovierter Jurist, zwar die Identität seines Helden zu schöpfen, aber alles drum herum aus der Wirklichkeit jener Zeit zu schöpfen. So kann man Geschichte veranschaulichen, denn Geschichte wird von handelnden Menschen gemacht. Auf der anderen Seite beinhaltet das Buch von Guddat eine Fülle an Detailinformationen über die Ausrüstung und die Lebensumständen der Soldaten vom "alten Fritz". Das historische Gescheheh zieht sich wie ein roter Faden durch die Story, aber er versucht auch herauszuarbeiten, warum die preussische Armee gerade in diesem Jahrhundert zu einer hochgeschätzten Schlagkraft in Europa geworden war. 600 Hugenotten aus Frankreich hatten Ordnung in ihre Reihen gebracht und sie hatte den Schweden, die damals eine Militärmacht waren, das Fürchten gelehrt.
Guddat ist zweifellos einer der sachkundigsten Militärexperten in Deutschland. Seine Erfahrungen mit der Armee hat er schon 1972 gesammelt, als er in die Bundeswehrverwaltung eintrat. Ab 1982 war er unter Helmut Kohl an prominenter Stelle für die Verteidigung verantwortlich, und zwar als Leiter des referats Bundewehrverwaltung und Rüstungswirtschaft im Bundeskanzleramt. Dann war er Chef der Rüstungsabteilung im Bundesministerium der Verteidigung. Als Rentner kann sich er heute seiner Leidenschaft widmen, und zwar die historische Forschung. Er hat bereits mehrere Bücher über die preussische Militärgeschichte geschrieben. Es liegt auf der Hand, dass er ein Buch über die militärischen Anfänge seines geliebten Preussen verfasst hat. Seine Belesenheit ist enorm und sein Sachwissen ist auf dem letzten Stand der Forschung. Einige Meinungen vertritt er auch, die gegen den Strom gehen, z. B., dass Preussen nicht der militaristische Staat war, den sich die Nachbarn vorstellten, die 1945 kurzerhand seine Auflösung dekretierten.
Auch zeigt er an vielen Beispielen, dass der Dienst hart war, die Strafen sehr streng, die Suche nach den Deserteuren unbarmherzig und die Armee bei den Bauern unbeliebt, aber der Krieg war damals noch human, die Gefangenen waren "Handelsware" aber wurden gut behandelt. Ohne die moralische Ausrüstung durch die evangelische Religion hätten die Bauernsöhne von damals die Härte der Armee und des Krieges gar nicht verkraftet. Guddat zeigt auch wie sie ihre dienstfreie Zeit verbrachten, er zeigt sie in der Schlacht und erzählt, was nach dem Ende der aktiven Militärzeit aus ihnen wurde. Das Buch ist sehr informativ, enthält attraktive Zeichungnen und kostbare Kopien von Dokumenten und Zeichnungen, und gibt Aufschluss auf den Geist Preussens, diese Mischung auf Pflichterfüllung und Ehre, die gar dem beruchtigten "Kadavergehorsam" nicht so sehr entsprach, wie vielfach vermutet. Das Problem an dem Buch besteht darin, dass es teils ein Roman, Basedows Schicksalsroman, ist, teils ein Sachbuch. Das nächste Mal muss sich Martin Guddat für das eine oder das andere entscheiden. Warum nicht direkt ein Roman? (JPP)
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Astrid Irrgang.
Leutnant der Wehrmacht Peter Stölten in
seinen Feldpostbriefen. Vom richtigen Legben im falschen.
Rombach Historiae. Rombach Verlag. Freiburg in Br./Berlin/Wien. 323 Seiten +
Dokumentenanhang. Ladenpreis 56 euro.
Der knappe Untertitel des Buches von Astrid Irrgang ist aufschlussreich: Peter Stölten war ein wahrer Mann zur falschen Zeit. Anhand seiner Feldpostbriefe hat die Autorin zeigen können, wie ein junger, gebildeter Idealist - ein Abiturient, der 1922 geboren wurde - zum willigen Instrument des verbrecherischen Hitlerkrieges wurde. Wie konnte ein froher und unternehmungslustiger Student von 20 Jahren zu einem todesmutigen Panzerkommandanten mutieren? Frau Irrgang hatte Glück: der junge Mann, der heute uralt wäre, hätte er noch gelebt, war ein begnadeter Briefschreiber. Hochintelligent war er und kritisch, obwohl er sich diesem Krieg mit Leib und Seele verschrieben hatte. Er gehörte nicht zu den Verschworenen der 20. Juli 44. Er war auch kein Rebell, der in die Strafkompanie versetzt worden wäre. Nein, er war ein treuer Diener seines Herrn Adolf Hitler, wenn auch dieser Teufel in dem Buch so gut wie unerwähnt bleibt und, obwohl Stölten überhaupt kein Nazi war. Nein, ein Diener war er nicht. Er stand zu seinem Vaterland und war deswegen ein Instrument des verbrecherischen Regimes geworden. Er führte Krieg, als dieser Krieg schon verloren war, auf verlorenem Posten. Hochinteressant ist festzustellen, wie die Einsicht bei ihm wächst, dass das, was die Wehrmacht auf Befehl tut, nicht in Ordnung ist. Die Erkenntnis gipfelt in der Darstellung der Wohnungen von Warschau, die er besichtigt, um Einrichtungen für Offiziere zu suchen. Da merkt er, dass die Polen anders als in der NS-Propaganda ein Kulturvolk sind. Später ist er Augenzeuge der gnadenlosen Niederwerfung des Warschauer Aufstandes und gibt zu, dass die Kämpfer des polnischen Widerstandes die wahren Helden dieses Krieges waren – und nicht die deutsche Übermacht, wie er es direkt schreibt. Wie solche Briefe durch die Zensur ihr Ziel erreichen konnten, bleibt schleierhaft. Vielleicht hatten manche Offiziere mehr Freiraum. In der Tat spielt die Solidarität und die Menschenwärme unter Kameraden in den Stöltens Briefen eine große Rolle. Peter Stöltens Tod in seinem Panzer in einem aussichtslosen Kampf verleiht dem Buch eine metaphysische Tiefe. Es hat kein „happy end“. Frau Irrgang sagte mir, dass diese Arbeit ihr die Möglichkeit geboten hat, sich mit einer Person der Geschichte zu identifizieren und damit irgendwie ein anderes Leben zu leben. Diese sehr genau dokumentierte Dissertation ist deswegen ein Heldenepos und eine feinfühlige Seelendarstellung geworden. Und denkt man an den jungen Toten Stölten, weiß man was Deutschland, was Europa an Intelligenz und Herz im Hitler-Krieg verloren hat. (JPP)
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Gorch Pieken, Cornelia Kruse.
Das Haushaltsbuch der Elsa Chotzen - Schicksal einer
jüdischen Familie 1937-1946. Nicolai-Verlag, ISBN
978-3-89479-298-5
Durch Zufall wurde 2003 das von 1937 bis 1946 geführte Haushaltsbuch der Familie Chotzen, einer deutsch-jüdischen Familie aus Berlin, entdeckt. Gorch Pieken und Cornelia Kruse haben anhand dieses Buches, und mit Augenzeugenberichten, das Leben dieser Familie rekonstruieren können.
Elsa Chotzen ist eine „arische“ Deutsche, die mit ihrem jüdischen Mann eine sehr glückliche „Mischehe“ führt. Deren ganzer Stolz sind ihre vier intelligenten, hochsportlichen und glücklich verheirateten Söhne. Ab 1937 wird das Haushaltsbuch geführt, da die - nicht nur - wirtschaftliche Lage immer prekärer wird. Nach der Kristallnacht 1938 verschärft sich die Situation für die Familie noch einmal, Zwangsarbeit, Schikane und Demütigungen werden zur Tagesordnung. 1942 ist dann der „Beginn der Katastrophe“: Der Ehemann stirbt durch die Folgen der Zwangsarbeit und der nach Riga deportierte jüngste Sohn kurz darauf. Elsa Chotzen wird an den Demonstrationen der Rosenstraße teilnehmen, wo „arische“ Frauen gegen die Festnahme ihrer Angehörigen tagelang und letztendlich erfolgreich protestieren, als zwei ihrer Söhne in einer Razzia festgenommen werden.
Jedoch werden beide Söhne, zusammen mit ihren Ehefrauen, etwas später wieder festgenommen und nach Theresienstadt deportiert. Sterben werden sie 1945 in den berüchtigten Arbeitslagern bei Landshut. Eine von Auschwitz zurückgekehrte Schwiegertochter und der älteste Sohn, der sich in Berlin verstecken konnte, sind die einzigen Angehörigen, die Elsa Chotzen am Kriegsende noch hat.
Diese mutige Frau hat mit aller Kraft versucht, einen normalen Alltag in dieser wahnsinnigen Zeit und vor allem ein intaktes, liebevolles Familienleben zu schaffen. Geburtstage wurden so festlich wie möglich gefeiert, die Wohnung blank poliert, kleine Aufmerksamkeiten irgendwie noch möglich gemacht. Aber die Einträge im Haushaltsbuch lassen immer mehr die unbarmherzige Wirklichkeit zum Vorschein: Neben Butter- und Broteinkäufe tritt der Kauf der David-Sterne auf, die Pflaster- und Arzneimittelmenge nimmt dramatisch zu, als Söhne und Vater zur Zwangsarbeit in Berlin gezwungen werden. Fahrgeld- und Telefonate werden akribisch dokumentiert, wenn die Mutter um das Leben ihrer Kinder kämpft, Porto für Hunderte von Paketen, die sie ab 1943 nach Theresienstadt schickt, wird fast tagtäglich eingetragen*, Letztlich werden noch die Kosten für die Suchanzeige in den Zeitungen aufgeführt. Erst 1946 erfährt die Mutter mit Gewissheit vom Tod ihrer Kinder. Dieses Buch ist ein ergreifendes Dokument über das Leben einer glücklichen Familie, die innerhalb weniger Jahre fast vollständig ausgerottet wird. Geduldig und mit großem Feingefühl haben beide Autoren die Einzigartigkeit dieses Dokumentes ausgewertet, das durch seine Wirklichkeitsnähe die Tragik des Holocausts noch stärker hervorhebt. (AB)
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Daniel Koerfer.
Hertha unter dem Hakenkreuz.
Verlag Die Werkstatt, Göttingen
2009, 19.50 Euro
Die blau-weiße Hertha kommt nicht aus den Schlagzeilen. Neulich ging es beim berühmten Berliner Fußballklub um eine 21 Millionen-Pleite, die der CDU-Bundestagsabgeordnete Frank Steffel sich bemühte abzuwenden. Die „B.Z.“ war im Besitz eines „streng vertraulichen drei Din-A4-Seiten-Briefes“ des Politiker an den Hertha-Präsidenten Werner Gegenbauer, in dem Lösungen angeboten wurden, um den Abstieg zu verhindern. „Alle müssen begreifen: Berlin ohne Erstliga-Fußball, das wäre eine Katastrophe für die ganze Stadt“, schreibe der Zeitungkommentator vom Dienst.
Dass die Politik sich immer für das Schicksal des Fußballs im Allgemeinen und von Hertha im Besonderen als Prestigeobjekt interessiert hat, ist eine unumstößliche Tatsache. Leider waren manche Größen des III. Reiches und auch der DDR, wo Erich Mielke seine Hausmannschaft „Dynamo“ wie seinen Augapfel hütete und pflegte („Dynamo“ musste immer siegen), auch Fußballfans. Dieses Sonderverhältnis in den zwölf braunen Jahren ist Professor Daniel Koerfer, Experte für neuere Geschichte, anhand einer Vielzahl von Dokumenten, Zeugnissen, Befragungen und seltenen, meist bisher unbekannten Fotos nachgegangen, die schon an sich außerordentlich aufschlussreich sind. Gerade die Fotos sprechen eine eindeutige Sprache und zum Sport gehört auch das Bild, das weiß der Autor. Er hat kaum fassbare Aufnahmen zusammen getragen. So sieht man etwa, wie im März 1933 fast 100 preußische Polizisten auf dem Boden des Sportpalastes ein riesiges Hakenkreuz formen. Man sieht auch Goebbels als verkrampfter Zuschauer, neben dem englische Botschafter sitzend, während die Engländer die Berliner Mannschaft platt drücken. Koerfer hat sich die Mühe gemacht anschließend im Goebbels Tagebuch nachzuschauen, wo Mr. Propaganda- und Volksaufklärungsminister die Überlegenheit des englischen Teams zugibt. Die Herthaner waren eine Großfamilie und das Fotoalbum gehört selbstverständlich dazu. Heute hat man das auf einem USB-Schlüssel. Leider. Aber praktisch.
Der Vergleich zwischen dem Verein Hertha BSC von damals und dem heutigen Berliner Fußball Club ist in der Tat kaum möglich. Es hatte damals 400 Mitglieder, die boxten, kegelten, Fußball spielten und nach der Mode der Wandervögel gemeinsam wanderten und sangen. Heute, bei den über 16.000 Mitgliedern ist das eine seltsame Vorstellung. Damals war der interne Zusammenhalt allerdings eng: man kannte, man vertraute sich, und der Verein stand zu seinen prominenten Sportlern und Coachs. Schlüsselfigur und heimlicher Held der Studie von Koerfer ist Wilhelm Wernicke, Sozialdemokrat aus dem “Roten Wedding“, Herthas damaliger Heimat, wo Koerfers Drama spielt. Der politisch unerwünschte Gewerkschaftsmann Wernicke durfte im Dritten Reich offiziell so gut wie nicht mehr Erscheinung treten, er zog aber weiter im Hintergrund die Fäden. Er verschickte im Krieg an die 300 Herthaner an der Front jede Woche (!) einen Brief aus der Heimat zusammen mit der offenbar heiß begehrten "Fussballwoche". Es waren bald so viele Sendungen, dass für Hertha von der Reichspost am Gesundbrunnen ein eigenes Postamt eröffnet wurde. Koerfer hat viele solch kleine, aber ungemein anschauliche Details gesammelt und herausgefunden.
Wernicke war wohl unantastbar. Hertha hätte als Ganzes rebelliert, hätte man ihm ein Haar gekrümmt, was zeigt, dass im Dritten Reich passiver Widerstand möglich war, aber nicht allen Gegnern erging es wie ihm.
Da ist vom jüdischen Mannschaftsarzt der Hertha die Rede, wird seine völlige Isolierung, Entrechtung, Ausplünderung, und sein Transport nach Auschwitz nachgezeichnet, wo er sterben, wo er umgebracht werden wird - Schritt für Schritt in all den vielen kleinen und immer perfideren Drangsalierungen der deutschen Machthaber. Des Arztes enteignete, ausgeplünderte (das hieß damals: verwertete) Wohnung in Berlin-Wilmersdorf vermittelt das staatliche Wohnungsplanungsamt an einen SS-Gruppenfürer, einen SS-General. Im Nachkriegsdeutschland wiederholte sich diese Methode. Bekanntlich wurden in der DDR Wohnungen von politisch Verfolgten an regimetreue Kader vergeben, aber auch davor zeigt Koerfer, wie die Frau eines von den Sowjets am 3. Mai 1946 festgenommenen Herthaners, Charlotte Siebeck, auf der Grundlage einer sogenannten „Rechtsverordnung“ ein vollständiges Vermögensverzeichnis abgeben muss. Dabei war Erhard Siebeck, ebenso wenig wie ein anderer Hertha-Häftling des NKWD gar kein glühender Nationalsozialist gewesen. Er hatte sich immer für den Jugendsport eingesetzt und musste logischer weise in der Hitlerjugend HJ und bei der Propagandaorganisation der Beamten mitmachen. Georg Jung war seinerseits 1933 der NSDAP beigetreten, 1934 als Freimauerer ausgeschlossen worden und 1938 in der Partei nach einer Führeramnestie wieder aufgenommen worden. Junge hatte das „Glück“ zu überleben und gesundheitlich angeschlagen, aus dem Lager Buchenwald 1948 entlassen zu werden, während Siebeck und andere in die Sowjetunion verschleppt wurden und dort starben.
Es ist ein großer Verdienst dieses Buches über 1945 hinaus Informationen zusammengetragen zu haben. Koerfer ist kein Anhänger der spitzfindigen und künstlichen Differenzierungen von Kollegen, die sich bemühen, Unterschiede zwischen der NS- und der Sowjet- bzw. der DDR-Diktaturen herauszudestillieren, um behaupten zu können, dass die DDR nicht „totalitär“ war. Was Alexander Solschenizyn die „Knochenmühle“ des Gulags beschreibt, gab es auch in der Sowjetzone, später DDR in der Form der in NKWD-Speziallager umfunktionierten NS-KZ-Lager, später Sonderhaftanstalten der Stasi. „Gehen nicht beide Systeme, das nationalsozialistische wie das kommunistische, von der absoluten Verfügbarkeit über das Individuum aus?“ schreibt der Autor sehr richtig. Warum fast alle Rezensenten des Buches diesen Vergleich zwischen beiden Enteignungs- und Unterdrückungsmaschinen der Nazis und der Kommunisten gänzlich bei Seite gelassen haben, spricht Bände. Dieser Vergleich ist 20 Jahre nach dem Zusammenbruch der DDR und des Sowjetimperiums schon nicht mehr „politisch korrekt“.
Zum Glück gibt es immer Trost. Nach dem Krieg war Wernicke führend am Wiederaufbau des Vereins beteiligt. Er wurde Ehrenvorsitzender und blieb das bis zu seinem Tod 1967. Deutschland wurde wieder international und, wie man weiß, verhalf „Das Wunder von Bern“ die geplünderte und gedemütigte Nation zum internationalen Ansehen. Auch im Dritten Reich wurde bis in den Untergang hinein Fußball gespielt, bis wenige Wochen vor der Kapitulation, während er in England als dem Mutterland des Fußballs in allen Jahren des Zweiten Weltkriegs überhaupt nicht mehr stattfand. Wie schwierig das in Berlin angesichts des zunehmenden Bombenkrieges und der an den verschiedenen Fronten kämpfenden Spieler war, kann man im Buch nachlesen. Für die Spieler und die massenhaft in die Stadien strömenden Zuschauer wurde dieser Sport aber auch zunehmend wichtig, weil er einen normalen Alltag vorgaukelte, indem der Tod schon lange der heimliche Meister in Deutschland.
Gerade dieses Doppelspiel zwischen Leben und Tod, zwischen Glanz und Untergang, zwischen Bühne und Kulisse, zu einer Zeit, als der Fußball noch nicht Kommerz und noch nicht Schauspiel war, verleiht dem Buch von Koerfer seine Tiefe. Und dennoch liest er sich wie eine Chronik, mitunter wie ein Magazin oder ein Roman. Alle Hertha- und Fußballfans sollten es auf ihrem Regal haben. (JPP)
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Melissa Müller, Reinhard Piechocki.
"Alice Herz-Sommer - "Ein Garten Eden inmitten der Hölle“.
Droemer Verlag, ISBN
978-3-426-27389-0
Melissa Müller (u.a. „Bis zur letzten Stunde. Hitlers Sekretärin erzählt ihr Leben“) und Reinhard Piechocki erzählen in diesem Buch das Leben der hundertsechsjährigen Pianistin Alice Herz-Sommer, Tschechin jüdischer Abstammung.
Nach glücklichen Jahren in der Prager Kulturmetropole des frühen XX. Jahrhunderts wird A. Herz-Sommer mit ihrem Mann, ebenfalls Musiker, und ihrem fünfjährigen Sohn 1939 von der Wirklichkeit eingeholt. Als Hitler nicht nur das Sudetenland sondern auch die ganze Tschechoslowakei in Besitz nimmt, geht es für sie langsam aber sicher bergab. Entwürdigungen im Alltag mehren sich bis zur Deportation und Inhaftierung der Familie in Theresienstadt. Alice Herz-Sommer wird durch ihr Talent, aber auch einfach durch schieres Glück immer wieder vom Abtransport nach Auschwitz gerettet. Sie wird über zwei Jahre lang Kindern, die fast alle später vergast werden, Klavierunterricht geben und vor allem bei der „Freizeitgestaltung“-Organisation in Theresienstadt sehr aktiv mitwirken. Die Fülle von hochkarätigen Musikern und Künstlern, die dort eingepfercht werden, ermöglicht nämlich die Inszenierungen von erstklassigen Opern und Konzerten inmitten dieser Höhle. Das Propagandafilm „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ wird sich dessen bedienen, um den Trugschein eines normalen Alltags vorzutäuschen.
Als ihre Mutter deportiert wird, rettet sich die Musikerin vor der Verzweiflung durch das Studieren der 24 Etüden von Chopin, die den höchsten Gipfel jedes talentierten Pianisten darstellen. Diese 24 Etüden wird sie alle nacheinander in vielen Konzerten vorspielen. Die Beschreibung jeder dieser Etüde, geknüpft an Schicksale der Ghetto-Insassen, bildet der Höhepunkt des Buches. Da erfährt man von absurden, tragischen Geschichten, z.B. wenn die Premiere von Verdis „Requiems“ dreimal neu stattfinden soll, weil alle Musiker am nächsten Tag nach Auschwitz abtransportiert werden. Oder wenn am Lagerabort hochrangige Musiker sich durchs Pfeifen eines Quartett von Beethoven wieder erkennen.
Nach dem Krieg wird die Musikerin zusammen mit ihrem Sohn nach Israel auswandern - ihr Mann starb in Dachau -, in der kommunistischen Tschechoslowakei sind nämlich die KZ-Überlebenden ein Dorn im Auge vieler Tschechen. Bis ins fortgeschrittene Alter wird sie weiterhin Konzerte geben, aber vor allem Kinder am Klavier unterrichten. Sie lebt heute in London und für sie ist es weiterhin „die Musik, die uns ins Paradies bringt“. In dieser surrealen Theresienstadt-Welt, wo das Beste im Menschen vom Bösen fast vollständig vernichtet wurde, hat A. Herz-Sommer ihre Glauben in die Musik und im Menschen nicht verloren. Dieses Buch ist ein Zeugnis dieser begnadeten Optimistin. (AB)
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Ingo von
Münch.
„Frau, komm!“ – Die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen
1944/45.
Ares Verlag, Graz. 2009. ISBN 978-3-902475-78-7
Vergewaltigungen als Vergeltungsmaßnahmen haben schon immer zu den schrecklichen Begleiterscheinungen des Krieges gezählt. Was sich bei dem Einmarsch der Roten Armee in Deutschland zwischen Ende 44 und Mai 45 (und auch später) zugetragen hat, sprengt aber diesen Rahmen. Für schätzungsweise zwei Millionen Frauen und Mädchen wurde allein in dieser Zeit der Ausruf „Frau, komm!“ zum Albtraum.
Ingo von Münch hat sich diesem sehr schwierigen und leidvollen Thema gewidmet, das bis jetzt nur zusammen mit den anderen Katastrophen des Kriegsendes mit erwähnt wurde. In der Flut der Erscheinungen über den Zweiten Weltkrieg hat erst 2003 die Neuerscheinung des Buches „Anonyma“ - Eine Frau in Berlin“ und deren Verfilmung 2008 an das Thema angeknüpft. Solschenizyn und Kopelew (die in Ostpreußen als Rotarmisten unterwegs waren, Kopelew verschwand wegen „Mitleid mit dem Feind“ für 10 Jahre im Gulag) sind die wenigen Stimmen unter den Russen, die über dieses Thema ebenfalls zu hören waren.
Der Autor versucht in diesem Buch, die Ursachen für diese Schandtaten sowie für deren Tabuisierung zu finden. Die Propaganda vor allem eines Ilya Ehrenburg, die Verrohung der russischen Soldaten nach 3 Jahren Krieg, die Rachegefühle und die „Trunkenheit“ (im wahrsten Sinne des Wortes) über den sicheren Sieg werden als Erklärungen gebracht. „Der siegreiche Mann demütigt auch den besiegten Mann mit der Vergewaltigung von dessen Frau“.
Oft aus Scham haben die Frauen und Mädchen nicht über ihre schrecklichen Erfahrungen sprechen können - die Täter müssten sich aber schämen, nicht die Opfer! -, oder aus Verdrängung. Tabuisiert wurde das Thema aber auch, weil diese Schandtaten in Ostdeutschland bzw. in der zukünftigen DDR stattfanden, wo jede Kritik über den „großen Bruder“ selbstverständlich verboten war. Im Westen wurde derjenige auch schnell des Revisionismus bezichtigt, der die Deutschen nicht nur als „Tätervolk“ sondern auch „Opfervolk“ betrachtete.
Ingo von Münch verleiht vielen dieser Opfer wieder eine Stimme, jedes einzelne Schicksal ist alptraumhaft. Möge dieses Buch dazu beitragen, dass im Kollektivbewusstsein Kriegsvergewaltigungen als Kriegsverbrechen betrachtet wird und entsprechend geahndet werden (siehe Ostkongo, wo seit Jahren Frauen zu Freiwild geworden sind).
Das Buch genügt in seiner Präzision und Objektivität wissenschaftlichen Ansprüchen. Teil der neueren deutschen Geschichte ist auch, dass sich für so eine Arbeit zu so einem sensiblen Thema offenbar kein anderer Verlag als der ARES Verlag findet, dessen Mutterverlag Stocker Verlag teilweise sehr suspekte Publikationen (z.B. „Neue Ordnung“) vertreibt. (AB)
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Hubertus Knabe.
"Die Täter sind unter
uns - Über das Schönreden der SED-Diktatur"
Propyläen Verlag, ISBN 978-3-549-07302-5
Wenn Sie wenig Zeit haben und EIN Buch über die DDR und ihre Stasi-Vergangenheit lesen wollen, ist „Die Täter sind unter uns - Über das Schönreden der SED-Diktatur“ von Hubertus Knabe das richtige.
Es ist ein Buch, das man nur mit vielen Unterbrechungen lesen kann, so unerträglich sind die Tatsachen, die Hubertus Knabe klar und deutlich zum Tage fördert. Man empfindet beim Lesen bestenfalls Unverständnis, aber wohl eher Ekel- und Wutgefühle gegenüber einer Politik, die es nicht geschafft hat, nach der Wende klare politische Verhältnisse zu schaffen.
In vier Kapiteln beschreibt Hubertus Knabe die aktuelle Lage in Deutschland, die ungenügende (bis fehlende) Bestrafung der ehemaligen Stasi-Mitarbeiter, das kaum beachtete und noch weniger in irgendeiner Weise wieder gutgemachte Leid der Opfer und schließlich die „Wiedergeburt“ der alten Kader. Es ist die Rede von PDS-ausgerichteten Anwälten, verhöhnten Opfern und alten Stasi-Kadern, die ihre Renten auf Kosten der deutschen Steuerzähler beziehen, zwar verbittert über ihre Niederlagen, aber eben auf dem Weg, die Geschichte aus ihrer Sichtweise zurecht zu rücken
Knabe, seit 2000 Direktor der Hohenschönhauser-Gedenkstätte (sehr zum Leid der alten Veteranen, die oft immer noch in der direkten Umgebung des ehemaligen schlimmsten DDR-Gefängnisses wohnen), war zuvor 8 Jahre lang in der Forschungsabteilung der Gauck-Behörde tätig und hat selbst eine umfangreiche Akte bei der Stasi gehabt. Er ist einer der besten Kenner der Stasi-Vergangenheit der DDR und beschreibt in präziser, kompromissloser und trotz allem beherrschter Sprache die Zustände, die heutzutage in der Republik herrschen. Er kämpft gegen das beschönigte Bild der DDR, das immer aktueller wird (man denke an die Aussage über den Unrechtstaat von Gesine Schwan). Die strafrechtliche Verfolgung der Stasi-Mitarbeiter ist aus seiner Sicht absolut ungenügend erfolgt, sei es aus Überlastung, wohlwollenden Gerichten, zurückhaltender Haltung bei den Politikern. Die „Ur“-Schuld liegt wohl beim Einigungsvertrag, der es fatalerweise versäumt hat - vermutlich aus falsch verstandenem Versöhnungswillen -, die Stasi, die SED und andere dazugehörende Organisationen als kriminell zu brandmarken. Leider sind die Schlüsse, die man aus der Nazi-Aufarbeitung hat ziehen können, nach dem Ende der zweiten deutschen Diktatur nicht entsprechend übernommen worden. Wohl, wie Knabe immer wieder beteuert, weil diese Diktatur von vielen eben nicht als solche betrachtet wird. Die BRD hatte spätestens 20 Jahre später nach Ende der Nazi-Zeit erkannt, welche Täter noch in ihren Rängen waren, man sollte, 20 Jahre nach der Wende, das endlich erwarten, dass die Täter als solche entlarvt und entsprechend bestraft werden. Das Buch von Hubertus Knabe ist auf jeden Fall ein Schritt in diese Richtung. (A.B.)
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Helmut Roewer.
"Im Visier der Geheimdienste - Deutschland und Russland im Kalten
Krieg"
Dieses Buch ist der letzte Teil einer Trilogie über 100 Jahre Geheimdienste, der erste Teil „Skrupellos“ (1914-1941) ist bereits erschienen, der zweite „Das Märchen von der Roten Kapelle“ (1941-1945) kommt in Kürze heraus, der dritte, „Im Visier der Geheimdienste“ also, umfasst die Zeitspanne zwischen 1945 und 1995.
Witzig und spannend geschrieben, augenscheinlich äußerst umfassend recherchiert (das Quellenverzeichnis umfasst mehr als 40 Seiten!) springt der Autor gekonnt von einer Geschichte zur anderen, von der Anwerbung ehemaliger Nazi-Spione für das NKWD (oder, je nach dem, ihrer Liquidierung), über die Schaffung des Ost-Nachrichtendienstes treu nach dem sowjetischen Muster, das „Umdrehen“ von Ost- bzw. Westspionen, das Infiltrieren von den Ost- und Westfriedensbewegungen bis hin zur für alle Beteiligte überraschenden Wende und die für die Geheimdienste sehr ergiebige Zeit danach.
Sein Insider-Wissen (er war ja jahrelang Beamter im Innenministerium und dann Präsident des Thüringer Verfassungsschutzes) macht das Buch natürlich umso lesenswerter und beleuchtet die manchmal mehr, manchmal weniger bekannten Ereignisse aus einer „Profi“-Perspektive, fern von irgendwelcher abenteuerlichen oder mysteriösen Aura.
Fazit des Buches: an den Taten der Geheimdienste kommt man nicht vorbei, sie begleiten (oder gar bestimmen) alle wichtigen Ereignisse der Geschichte Nachkriegseuropas. In diesem Wettkampf scheint die Skrupellosigkeit bei den Ost-Diensten und eine gehörige Portion an Selbstgefälligkeit und Naivität beim BND zu siegen. (A.B.)
„Die friedliche Revolution“ bringt es fertig, in knappem Format (134 Seiten mit zahlreichen Archivfotos) die Ereignisse zu schildern, die von der Gründung der DDR bis zur Wiedervereinigung stattgefunden haben. In klarer, verständlicher Sprache beschreibt der Autor - übrigens Stellvertretender Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen - sehr präzise und mit vielen Details, wie es zu diesem Unikum in der deutschen Geschichte, der friedlichen Revolution, kommen konnte.
Auf jeden Fall empfehlenswert für jeden (Jugendliche inklusive!), der sich einen Einstieg in die jüngere Geschichte Deutschlands verschaffen will.
(A.B.)
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Jean-Paul Picaper.
"Operation Walkyre".
Editions de l'Archipel. Paris. 2009.
Das Buch in französischer Sprache von Jean-Paul Picaper „Opération Walkyrie“ (Verlag Editions de l’Archipel, Paris) befasst ssich mit dem ganzen Widerstand der Deutschen gegen das Dritte Reich. Schon wenige Tage nach ihrem Erscheinen zum Jahresbeginn 2009 erwies sich diese umfangreiche Analyse des deutschen Widerstandes mit allen seinen Facetten als ein Bestseller. Sie beinhaltet ausführliche Interviews der beiden letzten noch lebenden Teilnehmer an der Verschwörung, Ewald-Heinrich von Kleist-Schmenzin und Philipp Baron Boeselager (gest. am 1. Mai 2008) sowie von mehreren Kindern und Enkeln von hingerichteten Teilnehmern an der Verschwörung gegen Hitler, darunter Franz Ludwig Graf Stauffenberg, Felicitas von Aretin, Axel Smend, Alfred von Hofacker, Andreas Hermes, Matthias Graf Kielmansegg, und Lebensberichte von vielen Widerstandskämpfern von Hans – Alexander von Voss bis Theodor von und zu Guttenberg, behandelt aber auch den christlichen Widerstand, die Weisse Rose, den kommunistischen Widerstand, die Rote Kapelle, und alle wichtigen Einzelkämpfer wie Maurice Bavaud und Georg Elser, die in dem Kampf gegen den Leviathan ihr Leben gelassen haben. Die psychopathologische, ja dämonische Persönlichkeit ihrer „Zielscheibe“ Hitler wird auch dargestellt. Es ist in Frankreich das erste Buch, in welchem eine leichte journalistische Feder mit wissenschaftlicher Akribie den deutschen Widerstand den Franzosen näher bringt. Das Buch wird vom Sog des Films „Valkyrie“ von Bryan Singer mit Tom Cruise in der Rolle von Stauffenberg hochgezogen, bringt aber viel mehr als der Film, ist aber ein unentbehrliches, informatives Gegenstück zu diesem Film, der notgedrungen an der Oberfläche stecken bleibt.
(Sie können dieses Buch mit Rabatt unter folgender Adresse bestellen: Editions
de l'Archipel, 34, rue des
Bourdonnais, F-75001 Paris - e-mail :
jdbecricom@wanadoo.fr)
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Barbara
Koehn (+). Carl-Heinrich von Stülpnagel.
Offizier und Widerstandskämpfer. Eine Verteidigung.
Duncker
& Humblot. Berlin. 2008. ISBN 3-428-12892-1
Das ist ein Buch, das die historisch interessierten Deutschen lesen sollen. Mit wissenschaftlichem Fleiß aber sehr leserlich, weil das Thema einen größeren Kreis von Lesern erreichen soll, hat Barbara Koehn, emeritierte Professorin der Universität Rennes II und zweisprachig bekannte Autorin, Beweise gesammelt, damit die Legenden widerlegt werden können, womit eine Reihe neomarxistischer Historiker versucht, das Gedächtnis des militärischen und des konservativen Widerstandes gegen Hitler zu diskreditieren. Die Verleumdung vom General von Stülpnagel, der in Paris die deutschen Truppen befehligte und von Hitlers Schergen hingerichtet wurde, hatte in der „Süddeutschen Zeitung angefangen. Aber kaum eine andere deutsche Zeitung hat dieses schiefe Bild korrigiert und die Dankbarkeit zum Ausdruck gebracht, die dem Kampf von Stülpnagel und von anderen, darunter Cesar von Hofacker, Hans Ottfried von Linstow und sonstigen Helden des Pariser Aufstandes gebührt.
Bereits in ihrem ersten Buch zu diesem Thema „La résistance allemande contre Hitler 1933-1945“ (Presses universitaires de France, 2003), in deutscher Sprache „Der deutsche Widerstand gegen Hitler (Duncker & Humblot, 2007), hatte die Autorin angefangen, die deutschen Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus gegen die Verleumdungen in Schutz zu nehmen, die gegen sie von Junghistorikern wie Christian Gerlach, Gerd R. Überchär, Johannes Hürter, Manfred Messerschmitt, Christian Streit und anderen geführt werden. Diese Kritiken, die danach trachten, aus den nichtkommunistischen Gegnern des Dritten Reiches Kriegsverbrecher zu machen, verfolgen das Ziel, den demokratischen-konservativen Widerstand abzustempeln, damit der kommunistische Widerstand wieder das Monopol des Antihitlerismus bekommt, das er mit dem Sturz der DDR verloren hatte. Es gibt neulich sogar versuche, Claus Graf Stauffenberg, der bisher als unantastbar galt, als ein ehemaliger Hitler-Fan erscheinen zu lassen. Diese Lüge wurde neulich von Autoren in Paris verbreitet und gewissenhaft in der Presse (im Magazin "Le Point" z. B.) wieder verbreitet.
Im besten Falle wollen die neuen Autoren geltend machen, dass es gar keinen Widerstand der Deutschen gegen die NS-Diktatur gegeben hat. Dass sie sich in Archiven aus Ostberlin und Moskau mit Dokumenten wappnen, spricht Bände. Die Nähe von einigen von ihnen, insbesondere vom Urheber der Enthüllungsaktion der Verbrechen der Wehrmacht, Hannes Heer, zu den Desinformationsanstalten des DDR-Staates ist inzwischen bekannt. Seine vom Institut für soziologische Forschung der Reemtsma – Stiftung in Hamburg geförderte Ausstellung zu den Verbrechen der Wehrmacht war von dem polnischen Historikers Bogdan Musial und von dessen ungarischen Kollegen Krisztian Ungwarz verrissen worden. Aber das geht weiter und es ist deshalb angebracht und erforderlich, das Buch von Frau Prof. Koehn bekannt zu machen und lesen zu lassen. Wir schrieben bei der Erstrezension dieses Buches : " Hoffentlich schreibt Frau Koehn noch weitere Texte dieser Art. Die Demokratie in Deutschland und Frankreich braucht sie". Leider verstarb die Autorin im Sommer 2009. (JPP)
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Gerhard
Ringhausen. Hans-Alexander von Voss.
Generalstabsoffizier im Widerstand. 1907-1944.
Lukas Verlag. Berlin. 2008. ISBN 978-3-86732-031-3
Aus christlicher und freiheitlicher Überzeugung hatte sich dieser preußische Offizier aus einer Militärdynastie, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreichte, zum einem der entschlossensten Gegnern Hitlers entwickelt. Bereits 1940 und 1941, als er im Stab von Erwin von Witzleben war, hatte er sich zu einem geplanten Attentat auf die Person es „Führers“ entschlossen. Er wollte ihn in Paris mit dem Karabiner erschießen und hätte als guter Schütze sein Ziel bestimmt nicht verfehlt. Aber der Führer kam nicht. Danach war er mit seinem Freund Henning von Tresckow eine treibende Kraft in den Attentatsplanungen der Heeresgruppe Mitte. Nach dem 20. Juli wählte er aber den Tod, bevor man ihn verhaftete, um seine Mitverschwörer unter der Folter nicht zu verraten. Der verhaftete Adjutant von von Tresckow, Fabian von Schlabrendorff, der durch ein Wunder überlebte und später erzählen konnte, war mehrmals in der Haft nach ihm befragt worden, hatte ihn und andere Verschwörer unter der Folter nicht verraten, was Menschenleben rettete. Aber Voss konnte das nicht wissen und er war sehr tief in das Anti-Hitler-Komplott involviert. Mit Dokumenten aus der Familie von Voss und Zeugenaussagen hat der Autor ein bewundernswertes Porträt dieses großen Deutschen hier verfasst. Der Sohn, Rüdiger von Voss, ist als Kurator der Stiftung 20. Juli 1944 an der Darstellung des Widerstandes heute aktiv beteiligt. (JPP)
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Charlotte
Holz. „Die Bleibe“. „Ein
Flüchtlingsschicksal“. Frieling Verlag. Berlin.
2008. 144 Seiten. 8,90 Euro. ISBN 978-3-8280-2608-7
Charlotte Holz ist Französin. Nein, sie ist Deutsche. Eigentlich beides. Aber vor allem ist sie Preußin in ganzem Herzen geblieben. Im Januar 1945 musste sie, kaum sechsjährig, mit ihren Eltern und Geschwistern mit der vorletzten Eisenbahn (ihre Mutter erwischte gerade noch die letzte) aus dem damaligen Bromberg (Westpreußen) vor der herannahenden Sowjetarmee flüchten. Fünf Jahre dauerte die Odyssee, fünf Jahre, in denen die Familie Unterkünfte fand aber, wie die Mutter sagte, keine „Bleibe“. Wie es im Leben ist, kehrt die Autorin heute mit der Feder, 69jährig, zu ihren Wurzeln zurück. Sie ist im Alter, wo man sich Fragen zur eigenen Identität stellt und auf die verschollenen, geliebten Menschen und auf die verlorene, geliebte Heimat, das verlorene Kindheitsparadies, zurückblickt. Vor zwei Jahren zeigte mir Frau Holz, die ich in der Eisenbahn zwischen Paris und Berlin kennen gelernt hatte, ihr Manuskript mit dem Titel „Die Bleibe“. Ich informierte die „PAZ“-Redaktion und vermittelte zwischen ihr und dem Frieling Verlag in Berlin, der heilfroh ist, diese Kostbarkeit für die künftigen Generationen festgehalten zu haben. Das Buch wurde mit Erfolg auf der letzten Frankfurter Buchmesse vorgestellt. Frau Holz arbeitet jetzt an einer französischen Übersetzung.
Am Besten ließe sich dieser Lebensroman mit den Jugendmemoiren des französischen Schriftstellers Marcel Pagnol „Der Ruhm meines Vaters“, „Das Schloss meiner Mutter“ und „Die Zeit der Geheimnisse“ vergleichen, weil Charlotte Holz, die seit ihrer Heirat 1962 mit einem französischen Ingenieur auch einen französischen Namen trägt, das Andenken an eine frohe, wenn auch nicht von Geld gesegneten, kurze Kindheit in einer intakten Familie mit einem gütigen und prinzipientreuen Vater und einer fürsorgenden und liebevollen Mutter zelebriert, die den Kindern eine heile Welt vormachten, die es nicht mehr gab. Zum Glück war der Vater, der wie Pagnols Vater auch Volksschullehrer war, wegen einer Behinderung kriegsuntauglich. Fast ausser Reichweite des NS-Staates pflegten die Eltern noch alte Tugenden wie Fleiß, Sparsamkeit, Hilfsbereitschaft, Privatheit, die alle gar nicht so schlecht waren. Mit leichter Feder deutet Frau Holz das darauffolgende Leiden an. Sie beschreibt distanziert und mit unterschwelligem Humor, wie die Deutschen damals den skurrilen Launen der sowjetischen Sieger ausgeliefert waren. Sie übergeht auch einige Vorurteile der deutschen Landsleute gegenüber den Flüchtlingen aus dem Osten, die sie mir verriet. Enige hat sie aber beschrieben
Charlotte Holz zeigt, dass es sich immer lohnt zu überleben und dass ein Weg ist, wo der Wille da ist, ihn zu finden. Das Kriegs- und Fluchttagebuch ihrer mutigen und frommen Oma, das sie wieder gefunden hat und wiedergibt, ist ein Beweis dafür. Erstaunlich vor allem ist es, wie die Autorin, die sich allerdings in der Sprachenschule in Wuppertal zur Fremdsprachenkorrespondentin, Französisch und Englisch, qualifiziert hatte, Vokabular und Denkweise ihrer Altvorderen behalten hat. Das Buch wimmelt von Sprüchen, Vokabeln, Weisheiten, die damals landläufig waren. Sie hat diese verlorene Welt aus der Froschperspektive des Kindes gesehen. Sie hat sich umso fester bei ihr eingeprägt. Kinder sind anders als Erwachsene extrem anpassungsfähig. Die Eltern sorgten für Kontinuität und die Kinder für Opportunität in der chaotisch gewordenen Welt vom Kriegsende und in der unmittelbaren Nachkriegszeit, in der so genannten „schlechten Zeit“. (JPP)
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Eine
Märtyrerin der „Roten Kapelle“: Libertas Schulze-Boysen
Silke Kettelhake. Erzähl allen, allen von mir! Des schöne kurze Leben der Libertas Schulze-Boysen. Droemer Verlag. München 2008. 432 Seiten.
In Brüssel, Paris, Zürich und vor allem in Berlin strahlten geheime Sender in Richtung Sowjetunion kodierte Nachrichten aus. Die NS-Geheimdienste nannten sie „die Rote Kapelle“. Es dauerte Monate, bis sie derer habhaft wurden. Dieses Netz bestand aus Menschen aus allen politischen Richtungen, die in ihrer Gegnerschaft zum Nationalsozialismus geeint waren. Unter ihnen waren viele junge Leute. Sie trafen sich zu politischen Gesprächen und hatten Kontakte mit ausländischen Zwangsarbeitern in Deutschland. Die zentralen Figuren dieses ausgedehnten Netzes waren Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack.
Schulze-Boysen war der Kleinneffe vom Großadmiral Alfred von Tirpitz. Seine Frau Libertas war die Enkelin des Prinzen Philipp zu Eulenburg-Hertefeld, einem Freund des ehemaligen Kaisers. Schulze-Boysen war Mitglied einer konservativen antinazistischen Jugendbewegung gewesen. Er war 1933 mit 24 Jahre festgenommen worden und misshandelt worden. Die Schergen der Gestapo hatten ihn blutig ausgepeitscht und er trug davon die Narben an seinem Rücken und auf seinen Schultern. Das hatte er den Nazis sehr verübelt. Es machte aus ihm einen Kommunisten. Er lernte in Warnemünde das Fliegen, wurde Leutnant der Luftwaffe und erhielt eine Stelle bereits Anfang April 1934 in Görings Luftwaffenministerium, aber er war zugleich Sowjetagent geworden und organisierte geheime Fallschirmabsprünge von Agenten über Deutschland, übermittelte per Funk den Sowjets kriegswichtige Informationen. Viele seiner Freunde erfuhren das erst auf der Anklagebank.
Das außerordentlich dokumentierte Buch von Frau Kettelhake, die zweifelsohne politische Sympathie für das marxistische Engagement und das libertäre Leben dieses Paares empfindet, vermittelt Einblicke in die Zeit vor und während des Krieges in Berlin. Sie hat es gewusst, sich feinfühlig in die Persönlichkeit ihrer Heldin hinein zu versetzen und ihr brillant geschriebenes Sachbuch liest sich wie ein Roman. Unbändige Begeisterungsfähigkeit, Freiheitsdrang und eine hohe Intelligenz kennzeichneten Libertas schon als junges Mädchen. Sie neigte anfangs zum Nationalsozialismus, kritisch gegenüber dem Regime wurde sie erst im Zusammenleben mit ihrem Mann. In Berlin führten die beiden ein offenes Haus, in dem sich Künstler und Regimegegner trafen. Hier wurden die Pläne für Widerstandsaktionen entwickelt und Flugblätter verfasst. Als Filmdramaturgin im Reichspropagandaministerium sammelte Libertas heimlich Bilddokumente über deutsche Kriegsverbrechen und unterstütze ihren Mann bei der Übermittlung kriegswichtiger Informationen an die sowjetische Seite. Zugleich flüchtete sie sich in Affären und folgte dem Drang nach Unabhängigkeit auch von ihrem Mann.
Aufbegehrend gegen den Kriegswahnsinn, durchlitt sie eine Gratwanderung zwischen Mut und Angst. Ihre Zivilcourage unterschied sie in jener Zeit von der Mehrheit der Deutschen. Als Fünfzehnjährige hatte sie sich das Leben einst „kurz und schön“ vorgestellt. So wurde es auch für sie. Kurz vor ihrem Tod sagte sie ihrem Bruder, den Frau Kettelhake heute noch befragen konnte und von dem sie kostbare Fotos und Dokumente erhielt: „Erzähl allen, allen von mir, unser Tod muss ein Fanal sein“. Wie der Tod von Sophie Scholl. Aberf bei Libertas war die Farbe Rot statt Weiß. Weil sie Gedichte schrieb, die als Zitate im Buch stehen, weil sie das Paradies und die Hölle hintereinander erlebt hat und weil das Buch zugleich ein Liebes- und ein Spionageroman mit wahrem Stoff ist, muss dieses Buch in die große, wichtige Reihe der Berichte über den deutschen Widerstand gegen Hitler. Denn es hat diesen Widerstand gegeben. Öfter als man denkt. Öfter als man weiß. Besonders im Ausland.
Der NS-Ankläger behauptete, dass Schulze-Boysen und sein Freund Harnack für den Tod von 200 000 deutsche Soldaten verantwortlich waren, was sicherlich stark übertrieben war. Am 30. August 1942 hatte die ersten Verhaftungen stattgefunden, zum Schluss insgesamt 200 an der Zahl. Beim ersten Prozess wurden 13 der Angeklagten zu Tode verurteilt – mit Ausnahme der Amerikanerin Mildred Harnack und der Gräfin Erika von Brokdorf, die zu sechs und zehn Jahren Haft verurteilt wurden. Hitler lehnte das Urteil ab und bestand auch für die Frauen auf die Todesstrafe. Die vornehme Gräfin, die Angestellte im Arbeitsministerium war, antwortete dem Richter Roeder, als er sie anschrie und die Todesstrafe mit den Worten; „Sie werden aufhören zu lachen!“, „Nicht so lange ich Sie sehe“. Insgesamt wurden 78 Angeklagte zur Todesstrafe verurteilt, darunter 19 junge Frauen, darunter zwei, die im Gefängnis entbunden wurden. Bis 1943 wurden noch mehrere Personen, die in dieser Gruppe mitgearbeitet hatten, hingerichtet, darunter ein Dichter, ein Bildhauer, ein Soziologe, ein Neurologe, ein Ingenieur und konservative Vertreter des Bürgertums. Zum ersten Mal ließ Hitler die Guillotine durch den Strick ersetzen.
Am 22. Dezember 1942 endete das kurze Leben der Libertas Schulze-Boysen, geb. Hass-Heyde, auf dem Schafott. Sie hatte Harro 1934 getroffen und beide hatten sich sofort geliebt. „Ist da das Mädchen Libertas, mit Nachnamen Haas-Heye, schrieb er fünf Tage nach ihrer ersten Begegnung an seine Eltern. Sie ist 20 Jahre alt und sieht sehr gut aus, arbeitet selbständig bei der Metro-Goldwyn-Meyer (Film!) in der Pressestelle. Sie ist sehr nett und kann nichts dafür, dass sie die Enkelin vom alten Eulenburg ist. Die ihm zugesagte Eigenschaften hat sie jedenfalls nicht…“