KULTUR

Stoppt die Wendehälse!
Die LENAmania der Deutschen
Medien verunsichern die Elternschaft
Medienkonsum und Bildung: Neuer Prototyp ist der bildungsarme Junge aus der urbanen Migrantenfamilie
Die kulinarischen Abenteuer de Sarah Wiener in den Alpen
Leipzig liest - zur Buchmesse: Der "Prix des Lycéens allemands" und die Käferkunde Jean-Henri Fabres
"Avatar" wird in China zum Politikum
Steffen Noack: Welterbeerziehung an deutschen UNESCO-Projektschulen
Deutsche Identität und europäischer Geist in der Welt drauβen
 
 

BÜCHER

Kerner's Krankheiten grosser Musiker/Andreas Otte, Konrad Wink
Lebensraum zwischen Barrikaden. Alltagsszenen aus einem Pfarrhaus in der DDR/Wilhelm Schlemmer
Das emotionale Unternehmen. Mental starke Organisationen entwickeln. Emotionale Viren Aufspüren und behandeln/Jochen Peter Breuer u. Pierre Frot
Die Gesellschaft der Überlebenden-Deutsche Kriegsheimkehrer und ihre Gewalterfahrungen im Zweiten Weltkrieg/Svenja Goltermann
Jeden Tag den Tod vor Augen - Polizisten erzählen/Herausgegeben von Volker Uhl
Wie aus Ochsen Euros wurden. Die Geschichte des Geldes/Magdalena Schupelius
Die Lüge der Klimakatastrophe. Das gigantischste Betrugswerk der Neuzeit/Hartmut Bachmann
Der sweite Tod meines Vaters II/Michael Buback
Des Königs treuer Diener. Als Soldat unter Friedrich dem Grossen/Martin Guddat
Leutnant der Wehrmacht Peter Stölten in seinen Feldpostbriefen/Astrid Irrgang
Bubi...verstehe einer die Menschen/Danielle Nenntwich
Das Haushaltsbuch der Elsa Chotzen - Schicksal einer jüdischen Familie 1937-1946/Gorch Pieken,Cornelia Kruse
Hertha unter dem Hakenkreuz/Daniel Koerfer
Alice Herz-Sommer - Ein Garten Eden inmiten der Hölle/Melissa Müller, Reinhard Piechocki
Frau, komm! Die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen 1944/45/Ingo von Münch
Eine Handbreit Hoffnung - Die Geschichte meiner wunderbaren Rettung/Clara Kramer
Letzte Bilder von der Mauer. Reportage 1989/Kai von Westermann
Mein Weg zur Freiheit - Von nun an ging's bergauf/Vera Lengsfeld
Die Täter sind unter uns - Über das Schönreden der SED-Diktatur/Hubertus Knabe
Im Visier der Geheimdienste - Deutschland und Russland im Kalten Krieg/Helmut Roewer
Die friedliche Revolution/Jens Schöne
Operation Walkyre/Jean-Paul Picaper
Carl-Heinrich von Stülpnagel. Offizier und Widerstandskämpfer. Eine Verteidigung/Barbara Koehn
Hans-Alexander von Voss. Generalstabsoffizier im Widerstand. 1907-1944/Gerhard Ringhausen
Die Bleibe. Ein Flüchtlingsschicksal/Charlotte Holz
Erzähl allen, allen von mir! Des schöne kurze Leben der Libertas Schulze-Boysen/ Silke Kettelhake
 
 

KULTUR

● Stoppt die Wendehälse!

 

Jan-Hendrik Olbertz, zurzeit Kultusminister in Sachsen-Anhalt, soll im Herbst neuer Präsident der Humboldt-Universität werden. Im Mai wurde bekannt, dass seine Doktor-Schrift von 1981 und seine Habilitation von 1989 sehr viel SED-Propaganda enthalten. Er beschäftige sich darin unter anderem mit der Frage, wie die kommunistische Indoktrination der Studenten in der DDR noch effektiver als bis dahin gelingen könnte. Olbertz sagte, das "sozialistische Kauderwelsch" von damals sei ihm heute peinlich. Das klingt ganz gut. Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk Mitglied in der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zur Aufarbeitung der SED-Diktatur kam aber zu dem Schluss, dass Olbertz mehr als "sozialistisches Kauderwelsch" von sich gab. Kowalczuk will festgestellt haben, dass sowohl die Habilitationsschrift als auch die Dissertation „von der ersten bis zur letzten Seite dem Marxismus-Leninismus verpflichtet sei(en)“ und „der Stützung und Stabilisierung der SED-Herrschaft gedient hätten“. Olbertz sprach von einem „peinlichem“ Text und von „verbale(n) Zugeständnisse(n)“, die er habe machen müssen, um sich bestimmte Freiräume zu sichern.
Der Historiker und Spezialist für DDR-Geschichte Hubertus Knabe, Mitglied im Fachbeirat der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, legte in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau vom 31. Mai 2010 der Humboldt-Universität nahe, die Personalentscheidung zu überdenken: „Wenn man für die Erziehung Tausender junger Menschen Verantwortung übernehmen will, kommt es aber auch auf die charakterlichen Fähigkeiten an.“ Die Leiterin des Stasi-Archivs Marianne Birthler unterstrich in einem Zeitungskommentar die Verantwortung des Präsidenten und der Universität für die Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit der DDR. Richard Schröder warf Olbertz vor, sich in seinen Arbeiten „völlig distanzlos-unkritisch mit dem Leninismus identifiziert“ zu haben.
Kurz vor dem Zusammenbruch des SED-Regimes bewies er offenbar viel mehr marxistisch-leninistische Linientreue, als sie zu diesem Zeitpunkt noch üblich war. Nach der Wende ergatterte Olbertz mit seinen Schriften eine Professur, mutierte zum Konservativen und arbeitet heute für die CDU.
Das alles würde mich nicht wundern, es gab so viele Wendehälse ... Mich wundert aber, dass seit Ende Mai, als der kommunistische Geist in Olbertz' Schriften für alle sichtbar wurde, darüber keine Debatte einsetzte. Dass es diese Debatte an der Humboldt-Universität nicht geben wird, fürchte ich. Dort saßen zu lange zu viele Alt-Leninisten auf den Lehrstühlen, die sich 1990 in "Geisteswissenschaftler" umbenannten. Dort wurde ein Rektor namens Fink gefeiert, auch nachdem er als IM "Heiner" enttarnt worden war. Aber im übrigen Berlin muss doch geklärt werden, ob wir diesen Herrn Olbertz hier wirklich haben wollen. Die DDR war ein Verbrecherstaat, das gerät leicht in Vergessenheit. Die Opfer dieses Staates leiden noch heute. Wenn Herr Olbertz diesem Verbrecher-Staat so nahe stand, wie es seine Schriften nahelegen, dann wäre er als Präsident der Humboldt unerträglich.
Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer verteidigte seinen ehemaligen Kultusminister in einem Interview der Zeitschrift Superillu, in dem er unter anderem sagte, „dass man im Bereich der Erziehungswissenschaften zu DDR-Zeiten zumindest verbale Zugeständnisse ans SED-Regime machen musste, ist unbestritten.“. Das Konzil der Humboldt-Universität stellte sich hinter den künftigen Präsidenten. Im Herbst feiert die Humboldt-Universität ihr 200jähriges Bestehen. Mit einem Präsidenten, der viele Zugeständnisse an das SED-Regime machte.
 

 

                                                                                                                                                                              Gunnar Schupelius

 

 

● Die LENAmania der Deutschen

Wie ist der z.Zt. beliebteste weibliche Vorname bei Neugeborenen? Keine Frage: LENA. Die 1991 in Hannover zur Welt gekommene Lena Meyer-Landrut  hat es nach 28 Jahren wieder einmal geschafft, den Eurovision Song Contest (ESC) für Deutschland zu gewinnen.

Im Herbst 2009 bewarb sich die Enkelin großväterlicherseits des deutschen Diplomaten Andreas Meyer-Landrut für die von ARD und ProSieben ausgerichtete Castingshow  „Unser Star für Oslo“, den deutschen Vorentscheid zum ESC 2010, und erreichte von über 4500 Kandidaten als eine von 20 den Auftritt bei den ersten Fernsehshows. Ihre Motivation dafür war:“ Ich wollte mal sehen, wie ich so ankomme!“ Sie schaffte es bis zur Finalshow und der ausgewählte Song „Satellite“ wurde auch von ihrer Mitbewerberin Jennifer Braun interpretiert. Doch Lena gewann und fuhr nach Oslo, und das war gut so! Mit Ihrer jugendlichen, unkomplizierten Art, ihrem ungewöhnlichen Tanzstil, und dem auffälligen englischen Akzent, begeisterte sie erst alle Deutschen, und dann in Oslo die Jurys der teilnehmenden Länder. Sie galt schon im Vorfeld als heimliche Favoritin und wurde dieser Rolle auch gerecht.

Mit 246 Punkten lag Lena deutlich vor der Türkei (170) und Rumänien (162). Es war der zweite deutsche Sieg nach Nicole 1982.Ralph Siegel, Urgestein deutscher Komponisten und Produzent vom damaligen Siegertitel „Ein bisschen Frieden“, gratulierte Lena zwar „von ganzem Herzen“, musste aber bemerken, dass ER doch der einzig wahre Gewinner eines Song Contest ist! Denn „Satellite“ sei ja kein deutsches Lied, sondern eine dänisch-amerikanische Co-Produktion, die Lena nur interpretierte. Es sei heutzutage sehr einfach, selbst mit einem „markanten, süßen Stimmchen“ schon erfolgreich zu sein.
Was soll das denn, Herr Siegel? Sind Sie da nicht ein wenig aus der „Satelliten“-Umlaufbahn geschossen worden?

Können Sie sich nicht einfach darüber freuen, dass ein hübsches 19jähriges deutsches Mädchen ganz Europa verzaubert hat? Lena wird auch ohne Ihr Wohlwollen ihren Weg machen, ganz sicher! Einen Plattenvertrag bei Universal Music hat sie schon, und sie ist die erste Sängerin, die mit drei Titeln zugleich („Satellite“, „Bee“ und „Love Me“) unter die Top Fünf der deutschen Single-Charts landete!

Und Stefan Raab? Er gilt als Lenas „Ziehvater“. Der 43jährige Entertainer und TV-Unternehmer, der selbst mehrmals als Manager, Komponist und Sänger („Wadde hadde dudde da?“) dabei war, freut sich diebisch über Lenas Sieg.  „Ich will immer gewinnen“, sagte er mal dem „Spiegel“. Und wer weiß, was aus dem geliebten und gehassten Eurovision Song Contest geworden wäre, wenn nicht mit ihm, seiner Firma Brainpool, und der ARD diese etwas seltsame, aber nun doch erfolgreiche, Kooperation zu Stande gekommen wäre? Ohne ihn, dem TV-Clown, der es längst in den TV-Olymp geschafft hat, läuft in der deutschen Unterhaltungsbranche wenig.

Aber egal, wie singt „lovely-lena“ in einer Textzeile von „Satellite“ ?  Wie ein Satellit kreise ich um dich herum. Und ich würde in die Nacht hinaus fallen, wenn ich nur eine Minute ohne deine Liebe sein müsste.“ Keine Angst LENA, wir lieben Dich!!!

                                                                                                                                                                          Mathias Guhl

 

Mehr über Lena und ihre Karriere in meiner Radiosendung "House of cards" - "MAC POP" beim Radiosender ALEX,  am Freitag, den 18. Juni 2010 um 21:00 Uhr. Zu hören auf der Berliner Kabelfrequenz 92,6 MHz oder weltweit auf dem Livestream von ALEX, www.alex-berlin.de - Nachhören kann man meine Sendungen auch auf meiner eigenen Radiowebsite: www.houseofcards-alex.de unter "Hörproben".

 

 

Zitate der Wochen 17-18 / 2010

●Medien verunsichern die Elternschaft

Immer größer wird der Zweifel, den die Eltern darüber hegen, wie sie ihre Kinder erziehen sollen. So suchen sie Rat bei anderen Zeitgenossen und auch bei den Massenkommunikationsmitteln. […] Ihre Unsicherheit bringt sie dazu, sich  in steigendem Maße Büchern, Zeitschriften, Radioprogrammen und von der öffentlichen Elternberatung u. ä. herausgegebenen Abhandlungen zuzuwenden. Hier wird der bereits ängstlichen Mutter gesagt, dass es keine problematischen Kinder, sondern nur problematische Eltern gibt; und sie lernt ferner, zunächst in die eigene Psyche hineinzusehen, wenn sie sich getrieben fühlt, ihren Kindern etwas zu verwehren, und sei es nur, sie nicht immer mit affektiver Zärtlichkeit zu verhätscheln. Sind die Kinder unartig, so muss die Mutter ihnen etwas vorenthalten haben. Und wenn diese Ratgeber der Mutter vorschreiben, sich zu entspannen und sich an ihren Kindern und mit ihnen zu freuen, wird auch dies wiederum ein zusätzliches Gebot, dem ängstlich Folge geleistet wird. […] Die Eltern ziehen sich – besonders im gehobenen Mittelstand, auf „der Persönlichkeit des Kindes angemessene“ Erziehungsmethoden zurück – auf die Beeinflussung mittels Argumenten, genauer gesagt: mittels rationalisierten Überzeugens. Das Kind antwortet auf seine Weise.  

David Riesman: Die einsame Masse, Hamburg 1958, 14. Auflage 1972, S. 62 ff.

Nachricht der Wochen 17-18 / 2010

 

● Medienkonsum und Bildung: Neuer Prototyp ist der bildungsarme Junge aus der urbanen Migrantenfamilie

Ein Leben ohne Fernsehen, Computer und Handy ist für heutige Jugendliche undenkbar: Medien sind für sie längst keine „zweite Realität“ mehr, sondern konstitutiv für ihre Lebenswelt – vom Spielen, über das Lernen bis hin zum Aufbau und zur Pflege von Bekanntschaften via Facebook & Co. Hinter der Selbstverständlichkeit des täglichen Medienkonsums verbergen sich jedoch höchst unterschiedliche Nutzerprofile: So unterscheiden Forscher zwischen „Wenigsehern“, die maximal ein Stunde am Tag fernsehen, und Vielsehern, die mehrere Stunden täglich „vor der Glotze“ verbringen (1). Noch größer sind die Unterschiede im Umgang mit Computerspielen und Spielkonsolen: Während viele Jugendliche sie fast gar nicht nutzen, sind sie für andere der Hauptzeitvertreib – bis hin zur Spielsucht (2).

Wie Jugendliche mit der virtuellen Realität der Medien umgehen, entscheidet über ihren Lebenserfolg: Vielseher“ – vor allem solche, die mehr als drei Stunden täglich fernsehen – bewegen sich weniger, treiben weniger Sport und musizieren auch seltener. Aufgrund ihrer inaktiven Lebensweise sind sie häufiger übergewichtig und haben mehr gesundheitliche und motorische Probleme. Auch haben sie weniger soziale Kontakte und sind häufiger alleine (3). Sie sind trauriger als „Wenigseher“ – das Fernsehen mindert also das Lebensglück von Kindern (4). Zugleich schadet es auch dem Bildungserfolg: Vor allem im Fach Deutsch sind die Leistungen von „Vielsehern“ deutlich schlechter. Maßgeblich hierfür ist die verminderte Lesefähigkeit: Je mehr Zeit Kinder mit dem Fernsehen und anderen Bildschirmmedien verbringen, desto schlechter wird ihre Lesefähigkeit (5). Wichtig sind neben der Dauer auch die Inhalte des Medienkonsums: So wirken sich wegen ihrer Gewalttätigkeit indizierte Medien negativ auf die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit aus, verringern die Empathie und erhöhen die Gewaltbereitschaft (6).

Hoher Medienkonsum schadet prinzipiell allen Kindern und Jugendlichen – weitgehend unabhängig von ihrem Elternhaus und sozialer Schicht (7). Wie Jugendliche Medien nutzen, differiert jedoch nach Geschlecht, Bildungsniveau der Eltern und Migrationshintergrund: So verbringt ein 10-Jähriger Junge aus einer bildungsfernen Familie mit Migrationshintergrund täglich etwa vier Stunden vor dem Bildschirm. Den Gegenpol bildet das deutsche Mädchen aus einem bildungsbürgerlichen Elternhaus, das an einem Schultag durchschnittlich nur 43 Minuten vor dem Fernseher oder dem Computer sitzt (8). Stattdessen beschäftigt es sich mehr mit „klassischen Medien“ wie Büchern und Zeitschriften und mit kreativen Tätigkeiten wie Basteln und Musizieren. Ein solches Freizeitverhalten fördert die kognitive Leistungsfähigkeit. Umgekehrt schadet die visuelle Reizüberflutung der Fernseh- und Computerspielwelt der Konzentration auf komplexe Denkaufgaben, auf anspruchsvollere Texte und (Unterrichts)Gespräche.

Die Mediennutzung ist damit eine wesentliche Ursache der neuen „sozialen Stratifikation“ des Bildungserfolgs: Benachteiligt ist heute nicht mehr das einst sprichwörtliche „katholische Arbeitermädchen vom Lande“, sondern der Junge aus einer bildungsfernen Migrantenfamilie in der Großstadt (9). Er ist prototypisch der Verlierer unseres Bildungssystems, der sich vor allem an Haupt- und Sonderschulen findet, nicht selten sogar ohne Schulabschluss bleibt, wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat und aus Frustration Selbstbestätigung in einer gewaltaffinen Subkultur sucht (10). Einige Faktoren, die diese Abwärtsspirale aus Medienverwahrlosung, Bildungsdeprivation und Delinquenz bewirken, lassen sich klar bestimmen: So sind Jungen generell anfälliger als Mädchen gegenüber Gewalt, Pornographie und medialen Scheinwelten. Bildungsferne Eltern kontrollieren den Medienkonsum ihrer Kinder seltener und schwächer als höher gebildete Eltern (11). Im Falle von Jungen mit Migrationshintergrund verschärft sich diese Tendenz wohl noch durch hergebrachte Erziehungsstile, die ihnen mehr Freiheiten als den Mädchen einräumen. Ohne eine medienpädagogische Aufklärung von Eltern dürfte der immer akuteren Bildungskrise der Jungen kaum abzuhelfen sein. Und das ist auch, mittel-und langfristig, eine offene Flanke für die Innovationskraft und Wirtschaft eines Landes.

(1) Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/132-0-Woche-10-2009.html.

(2) Zum Suchtpotential von Internet und Computerspielen: Christoph Möller: Internetsucht/Computersucht bei Kindern und Jugendlichen, S. 14-37, in: Forum für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, 19. Jahrgang, Heft 3/2009.

(3) Vgl.: Una M. Röhr-Sendlmaier/Irina Götz/Rebecca Stichel: Medienerziehung in der Familie: Regeln und Motive, Umfang und Auswirkungen der Nutzung von Computer, Fernseher und Videokonsole, S. 107-129, Zeitschrift für Familienforschung, 20. Jahrgang, Heft 2/2008, S. 112.

(4) In einer Befragung von über 1.200 zwischen sechs und 13 Jahre alten Kindern zählten diese mehrheitlich das Fernsehen zu den besonders beglückenden Tätigkeiten – 89 Prozent assoziierten es mit glücklichen Gesichtern. Trotzdem erwies sich die Fernsehdauer als negativ mit dem subjektiv empfunden Glück von Kindern korreliert. Vgl.: Anton A. Bucher: Wie glücklich sind Deutschlands Kinder? Eine glückspsychologische Studie im Auftrag des ZDF, in: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung, 4. Jahrgang Heft 2/2009.

(5) Vgl.: Una M. Röhr-Sendlmaier/Irina Götz/Rebecca Stichel: Medienerziehung in der Familie, op. cit. S. 124.

(6) Vgl. Johannes Schwarte: Kinder und Medien, S. 102-111, in: Die Neue Ordnung, 64. Jahrgang – Heft 2, April 2010, S. 102-103.

(7) Vgl. ebenda, S. 104.

(8) Vgl.: Gudrun Quenzel/Klaus Hurrelmann: Geschlecht und Schulerfolg: Ein soziales Stratifikationsmuster kehrt sich um, S. 60-91, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 62. Jahrgang, Heft 1/2010, S. 81.

(9) Vgl. ebenda, S. 62-63.

(10) Zum Zusammenhang von schulischem Misserfolg und Delinquenz vgl. ebenda, S. 78.

(11) Vgl.: Ingrid Paus-Hasebrink: Mediensozialisation von Kindern aus sozial benachteiligten Familien, S. 20-26, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft 17/2009, S. 24.

 

● Die kulinarischen Abenteuer de Sarah Wiener in den Alpen (TV-Serie auf dem Kanal ARTE) - Kultur als Esskultur!

(Les aventures culinaires de Sarah Wiener dans les Alpes)

« Die Liebe geht durch den Magen », besagt ein deutsches Sprichwort. Gewiss auch die Liebe zu Europa. Dafür ist die Sarah Wiener zuständig. Sie bringt uns auf dem TV-Kanal ARTE bei, dass Gaumenfreuden nicht so weit hergeholt werden müssen, wie manche  sich’s vorstellen. Ganz nah vor unserer Tür liegen essentielle, naturnahe Esssachen, mit denen man sich das Leben verschönern kann. In der interkontinentalen Jet-Ära, in der wir leben, halten es viele Europäer für besonders schick,  wie Chinesen, Inder und Araber und sonstige Fremdvölker zu essen und sich irgendwie der eigenen Esskultur zu „entfremden“. Gäbe es noch in Überseegebieten Kannibalen, so würden unsere Zeitgenossen ganz sicher deren Tischbräuche  übernehmen. Bei Sarah Wiener ist das zum Glück ganz anders.

Die Österreicherin mit dem richtigen Familiennamen pflegt europäische Küchenverbundenheit, ja sogar Europaverwurzelung durch den Magen. Weit weg vom „junk-food“, von der „malbouffe“, auf Deutsch vom schnell getilgten Schlechtessen, führt uns die „Wiener(in)“ zu den saftigen Naturprodukten zurück, die in EU-Mitgliedstaaten wachsen und sich vermehren, vorausgesetzt man sorgt dafür, dass sie nicht von Ignoranten und Pfuscher ausgerottet werden. Sie selbst pflückt, sammelt und bereitet Pflanze und Tier auf. Sammeln ist hier auch das richtige Wort, weil man u. a. sieht, wie sie einmal mit der Spitzhacke in einem Salzbergwerk des Salzkammerguts ein Stück Natursalz von des Felswand abtrennt, das sie später in ein Gericht streut, und auch wie sie an geheimer Stelle in einem Alpenwald „Eierschwammerln“ (das österreichische Wort für Pfifferlinge) pflückt. In früheren Serien des Kanals ARTE hatte sie Frankreich und Italien kulinarisch erforscht, jetzt führte sie uns weiterhin auf ARTE in einer neuen zehnteiligen Reihe von je 43 Minuten langen Sendungen durch ihre heimatlichen Berge im Salzkammergut, wo sie sie sich in Gärten, Wäldern und Seen mit dem nötigen Rohmaterial ausstattet, um damit Artisten der dortigen Küchentradition vor unseren Augen deren Geheimnisse  zu entlocken.

Die gut genannte „Ösi“, die die Berliner mit lukullischen Genüssen erfreut, trifft unter anderem Ernst Fuchs, den sympathischen Koch vom Restaurant „Fischkalter“ im Salzkammergut, und genießt mit ihm zusammen seine Erdäpfel mit Petersille. Er tritt in der neue Serie der neuen „kulinarischen Abenteuer der Sarah Wiener“ als erster Virtuose des Kochtopfes vor vielen anderen auf. Man geht auf Fischfang im Morgengrauen auf einem österreichischen See, vormittags auf Pilzsuche in einem Wald, tagsüber auf die Jagd in die Berge. Die Umgebung ist majestätisch und romantisch, im Morgennebel geheimnisvoll, unter strahlendem Sonnenschein blumig und überall verleihen das Lächeln und der Frohsinn der dynamischen Sarah der Szenerie den gewissen südländischen Scharm, der ihre Sendungen so lebendig und unterhaltsam macht.

Es war für die Regisseure Caterina Woj et Sven Ihden nicht einfach  manche Episode auf der Alm und auf dem Kahn, auf einer Leiter an einem Kirschbaum oder auf engen Gebirgswegen hinter dem roten Vierradvehikel der begnadeten Köchin zu drehen. Sie erzählten uns Journalisten an einem Abend im « Wiener Kaffeehaus » des Berliner Kommunikationsmuseums in Anwesenheit der Produzenten und der Macher von ARTE davon. Alle zusammen schaffen es aus Pfanne und Kochtopf ein Naturabenteuer hervorzuzaubern. Das wird sicherlich viele Fernsehzuschauer dazu anregen, ARTE noch öfter einzuschalten. Die auftretenden Probleme bewältigt die Sarah in Handumdrehen und auf die Frage eines Journalisten, war denn schwieriger war, Alphorn zu blasen oder Ziegen zu melken, antwortete sie: „Eindeutig das Alphorn blasen. Es kam zwar ein gequetschter Ton raus, aber das war auch schon alles. Du, es hat wirklich ein bisschen weh getan. Bei der Ziege ist deutlich mehr und Sinnvolleres rausgekommen“.

 Nebenbei  ist es heute wenig bekannt, dass die Café und Kuchenkultur in Berlin von Landsleuten der Sarah Wiener bereits vor mehr als hundert Jahren entwickelt wurde, wovon auch der Kranzler am Kudamm, das Wiener Café in der alten Potsdamer Straße, das Wiener Café im Grunewald oder auch die Wiener Feinbäckerei Heberer in Lichterfelde aktuelle Überbleibsel sind. Ihren Adelsbrief bzw. ihre Nobelmarke hat die Frau Wiener im heutigen wiedervereinigten Berlin erworben. Nicht nur, weil sie aus dem Herzen Europas stammt, müsste sie zur Köchin der Herzen gekürt werden, sondern auch, weil sie für den TV-Sender ARTE ein gutes Dutzend französischer Kinder durch die Schätze der provenzalischen Küche geführt und in manchen von ihnen sicherlich den  Wunsch geweckt hatte, ein Paul Bocusse zu werden.  Darüber hinaus führt die Sarah Wiener in einigen ruhmreichen Edelkantinen von Berliner Museen und Galerien, wie das Café/Restaurant im Hamburger Bahnhof oder auch das „Wiener Kaffeehaus“ im Kommunikationsmuseum, ganz zu schweigen von ihrem Wiener Restaurant in der Invalidenstrasse die Berliner an die traditionsreiche K.-und-K.-Kochkunst heran. (Jean-Paul Picaper)

 

● Leipzig liest – zur Buchmesse:

Der „Prix des Lycéens allemands“ und die Käferkunde Jean-Henri Fabres

Deutsch-französische Spuren auf der Leipziger Buchmesse – Nina Hagen sang verblüfften Besuchern ein neu vertontes Vaterunser vor

Mit 156.000 verkauften Eintrittskarten vermeldete die Leipziger Buchmesse am letzten Öffnungstag (März 2010) einen neuen Besucherrekord. Auch Deutsch-Französische Themen konnten die Messebesucher in diesem Trubel erhaschen.

Trotz einer noch schwachen Binnen-Konjunktur vor allem in Ost-Deutschland gab es mit exakt 2.071 Ausstellern aus 39 Ländern einen weiteren Rekord in den fünf riesigen Messehallen der alljährlich stattfindenden Leipziger Buchmesse (18.-21.3.2010). Comics und Hörbücher/-CDs geben inzwischen den Ton an. Sie füllen einen Gutteil der Ausstellungsflächen neben dem alten Leipziger Messegelände aus DDR-Zeiten. Im 19. Jahrhundert galt Leipzig noch vor Frankfurt/Main als Stadt der Bücher. Manche Straßen tragen heute noch die Namen berühmter Verlage wie Brockhaus oder Insel. In dem durch Goethes Faust berühmt gewordenen „Auerbachs Keller“ duftete es nach einheimischem Sauerkraut und Bratwürsten.

Die größten Besucher-Attraktionen auf der Buchmesse waren das „Blaue Sofa“ des ZDF, auf dem über vier Tage hinweg die unterschiedlichsten Persönlichkeiten aus Kultur und Politik befragt wurden, die Lesungen des iranischen Exilschriftstellers Said am Stand des Verbands Freier Autoren sowie die autobiografischen „Bekenntnisse“ der früheren ostdeutschen Punk-Ikone Nina Hagen. Die Stieftochter von Wolf Biermann, dem aus der „DDR“ ausgebürgerten Kommunisten, tritt meist in tiefschwarzen Kleidern mit silbern-metallischem Schmuck auf und galt früher als das „enfant terrible“ der ostdeutschen Kulturszene. Diesmal ganz anders: Nina Hagen teilte den verblüfften Messebesuchern mit, dass sie 2009 in Schüttorf (Grafschaft Bentheim, Niedersachsen) mit vollendeten 54 Lebensjahren ganz offiziell vom jüdischen zum evangelisch-reformierten Glaubensbekenntnis übertrat. Mit hektischer Mikrophon-Stimme schilderte die zeitweise in USA lebende Sängerin ihre innere Begegnung mit Jesus Christus überzeugend, doch nicht ohne Ironie. Danach sang „die Punkgöre“ ohne falsche Scheu vor vollbesetzten Rängen in Halle 3 zum Messeausklang das rockig klingende Vaterunser auf Deutsch. Es ist Teil des Repertoires ihrer im Oktober beginnenden Europa-Tournee, die sie auch nach Paris führen wird. Ehrfürchtige Schauer sollen beim Anhören des musikalischen Vaterunsers ausbleiben, erwünscht sind Gedanken zur Bewahrung des „Friedens der Welt.“

Über zwei Dutzend Preise und „Leipzig liest“ Paul-Henri Fabres entomologische Souvenirs

Szenenwechsel. Vor ebenfalls vollbesetzten Reihen las im Institut Français Leipzig die anglo-französische Erfolgsautorin Tatjana de Rosnay („Elle s’appelait Sarah“) aus ihrem dritten Bestseller „Boomerang“ vor. Ihr neuer Roman erzählt die Geschichte einer Familie und ihrer Familien-Geheimnisse. Für die nicht-frankophonen Zuhörer gab es eine Übersetzung, die ihre deutsche Übersetzerin vortrug. Kurz zuvor hatte die serbokroatische Schriftstellerin Sonja Zistic für ihren Roman „Orage“ den „Prix des Lycéens Allemands“ auf der Buchmesse entgegengenommen und anschließend am Stand des deutsch-französischen TV-Senders Arte ein längeres Interview gegeben. Rund zwei Dutzend Literaturpreise wurden diesmal in Leipzig vergeben. So erhielt der seit 1965 in der Bundesrepublik lebende iranische Schriftsteller Said den mit 2.000 Euro dotierten Literaturpreis des Autorenverbands Freier Deutscher Schriftsteller (FDA). Den mit 15.000 Euro dotierten Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung überreichte der Buchhändler-Verbandsvorsitzende Gottfried Honnefelder bereits auf der Eröffnungsveranstaltung im Leipziger Gewandhaus dem ungarisch-jüdisch-deutschen Schriftsteller György Dalos. Der Mit-Herausgeber der deutschen Wochenzeitung „Freitag“, der heute in Berlin lebt, studierte in den 1960er Jahren an der Lomonossow-Universität (Partei-Hochschule) in Moskau und gehörte 1977 zu den Mitbegründern der demokratischen Oppositionsbewegung in Ungarn.

 Den wissenschaftlichen Glanzpunkt setzte im Leipziger Naturkunde-Museum die Lesung aus den 100 Jahre alten Werken des südfranzösischen Entomologen Jean-Henri Fabre (1823-1915). Dem Autodidakten Fabre, der Schule und Studium aus finanziellen Gründen öfters unterbrechen musste, um z.B. als Gleis-Arbeiter beim Bau der neuen Eisenbahnlinie Nîmes-Beaucaire seinen Lebensunterhalt zu verdienen, erschloss sich durch die Kindheits-Lektüre der Fabeln von La Fontaine der innere Zugang zur Tierwelt.  Fabre unternahm auch ausgedehnte Studien der klassisch-griechischen Literatur. Auf Korsika erstellte er ein erstes Herbarium der Insel. Der Naturbeobachter und Autodidakt lehrte nach seinem Studium zeitweise als Volks- und Gymnasiallehrer in Avignon, unterrichtete seine Schüler gerne unter freiem Himmel anstatt im dunklen Schulraum. Die Käferkunde wurde sein letztes Spezialgebiet. Begonnen hatte er mit der Untersuchung der Flora und Fauna seiner engeren Umgebung am Mont Ventoux (z.B. mit der großen Wespe, die auch in der Region Landes vorkommt). Sein Hauptwerk besteht aus 10 eng beschriebenen und mit Zeichnungen ausgeschmückte Bücher über Leben und Fortpflanzung der Käfer, die er „Souvenirs entomologiques“ nannte. Sie entstanden z.T. erst an seinem letzten Wohnsitz, einer von einem kleinen Park umgebenen Villa in der Provence. Dort hatte er ein kleines Stück Land als Brache belassen, wobei sich unter den herabgefallenen und vermodernden Ästen zahllose Käfer ansammelten .Meist auf dem Boden liegend, untersuchte er solche „Mistkäfer“ aller Größen und Aussehens. Er beschrieb sie in ihrer Lebens- und Fortpflanzungsweise wie wenn es Menschen wären. Mit den Einnahmen aus dem Verkauf seiner „Souvenirs entomologiques“ ließ er es sich mit seiner Familie in dieser abgelegenen Villa bei Sérignan-du-Comtat gut gehen.

Seine Käfer-Beschreibungen wirken auch heute noch so lebhaft und naturnah, dass die Zuhörer von „Leipzig liest“ am Ende der Lesung im Naturkundemuseum reichen Beifall spendeten. Die beiden Vorleser, zwei deutschsprachige Naturforscher, leben heute zeitweise auf Fabres Landgut in der Provence, werten seine nachgelassenen Schriften aus und entdecken immer noch neue Käferarten in Brachlandschaften. Summa summarum: Mit den „Souvenirs entomologiques“ wird derzeit das Werk eines der bedeutendsten französischen Gelehrten ins Deutsche übersetzt.

                                                                                                                              Richard E. Schneider

 

● „Avatar“ wird in China zum Politikum

In „medienhandbuch.de“  hat Oliver Hein-Behrens darauf aufmerksam gemacht, dass der Film von James Cameron „Avatar“ ein durchaus politischer Film ist, und zwar haben die chinesischen Zensurbehörden den Stein ins Rollen gebracht. „Die Diskussion um Googles möglichen Rückzug aus China ist noch warm, da schaffen die chinesischen Behörden einen zweiten international aufsehenerregenden Zensurfall: „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ wird trotz gewaltigen Besucheransturms in der Normalversion aus den chinesischen Kinos verschwinden“, schreibt unser Kollege. Der Grund dieser Entscheidung hat die chinakritische Hongkonger Zeitung „Apple Daily“ genannt, und zwar, brächten viele Menschen In Chatforen die Geschichte von der gewaltsamen Vertreibung des blauen Volkes im Film mit der chinesischen Gegenwart in Verbindung. Es geht um "imperiale politische Großmächte", die auf Biegen und Brechen und aus Profitgier wertvolle Rohstoffe ohne Rücksicht auf die Eingeborenen ("wilde Ureinwohner, die sich nicht bekehren und umsiedeln lassen") ausbeuten wollen. Früher hätte China den Finger auf die „amerikanischen Imperialisten“ gerichtet. Und die ganzen westlichen Linken hätten unisono dasselbe getan. Aber heute drehen die chinesischen Zuschauer selbst den Spieß um. Das zeigt, wie sich die Verhältnisse geändert haben. Die  übrig gebliebenen kommunistischen Systeme sind in einer heiklen Lage, weil sie sich den Problemen der Zeit nicht stellen wollen. MIt dieser Romanze zwischen zwei Ausserirdischen, wovon der eine von unserem Planeten kommt aber mutieren musste, hat Hollywood die Ökologie entdeckt. Man bezichtigte James Cameron des Plagiats. Lächerlich! Kein Erfinder kann etwas Neues schaffen, ohne sich auf die Entdecker zu stützen, die vor ihm gewirkt haben. Der Film ist mehr als ein Plagiat. Er ist eine geniale Mischung aller Kunsterfindungen, Polit-Moden und Gefühlstransen, die es einmal gab, und die hier doch ganz anders wirken. Nach furchtbaren Tragödien und Kämpfen kommt dann das in Amerika unvermeidliche "happy end". Ende gut, alles gut. Der Film verdient gesehen zu werden.  

 

Vor zehn Jahren überreichte UNESCO-Generaldirektor Koichiro Matsuura in der Rotunde des Alten Museums die Urkunde zur Aufnahme der Museumsinsel Berlin in die UNESCO-Welterbeliste.

Die Sanierung und zukunftsgerechte Gestaltung dieses Welterbes war die herausragende Aufgabe der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im vergangenen Jahrzehnt und bleibt dies auch in den kommenden Jahren.

Am 6. Juni, dem deutschen Welterbetag, begeht die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit den Staatlichen Museen zu Berlin nicht nur das UNESCO-Jubiläum, sondern auch die Wiedereröffnung des sanierten Kolonnadenhofs zwischen Alter Nationalgalerie und Neuem Museum. Hier gewinnt die Museumsinsel Berlin einen öffentlichen Raum von bezaubernder Schönheit zurück.

Welterbeerziehung an deutschen UNESCO-Projektschulen

Wie kann man junge Menschen zur Pflege der Vergangenheit bewegen?

Von Steffen Noack *

Die Welterbeerziehung ist noch eine recht junge Blume im Garten der Programme der UNESCO für den Erziehungsbereich. Sie besteht erst seit 10 Jahren. Verschiedene nationale und internationale Treffen und Konferenzen haben stattgefunden, darunter 11mal das "World Heritage Youth Forum". Gerade diese Treffen, bei denen Lehrer  u n d  Schüler zu unterschiedlichen Themen arbeiteten und ihre Erfahrungen austauschen konnten, waren sehr hilfreich für unsere Arbeit. Eines der Beispiele, die ich Ihnen vorstellen möchte, berichtet daher über ein gemeinsames, trinationales  Projekt von Oberschulen für das "10th World Heritage Youth Forum" in Karlskrona (Schweden).

Man muss sich auf drei zentrale Fragen konzentrieren, und zwar:

1.   Was ist die Bedeutung des Welterbes und der Welterbeerziehung?

2.   Wie können diese Vorstellungen in Projekten an Schulen realisiert werden?

3.   Was muss getan werden, um Welterbeerziehung zum festen Bestandteil von Bildung und Erziehung zu machen?

Zu 1.

Welterbe ist WELTerbe. Die über 700 Welterbestätten gehören allen Menschen, sie sind übernational und überkulturell. Die Kulturwelterbestätten rund um den Globus sagen uns durch ihre vielfältigen Formen hindurch etwas über die Menschen, über unsere gemeinsame Geschichte. Qua Definition taugt das Kulturwelterbe weder für Nationalismen oder irgendeine andere generalisierende Vereinnahmung. Das Gemeinsame aufzuzeigen, das sich hinter der Pluralität der Formen verbirgt, ist daher eine erste wichtige Aufgabe der Welterbeerziehung.

Welterbe ist auch WeltERBE. Die klassischen Griechen nannten wirkliches Wissen Gegen-Vergessen: aletheia . Thukydides betonte im Vorwort des "Peloponnesischen Krieges" die große Bedeutung historischer Erfahrungen.

„Wer aber das Gewesene klar erkennen will und damit auch das Künftige, das wieder einmal, nach der menschlichen Natur, gleich oder ähnlich sein wird, der mag es so für nützlich halten, und das soll mir genug sein: zum dauernden Besitz, nicht als Prunkstück fürs einmalige Hören ist es aufgeschrieben," schrieb der griechische Historiker.

Das Konzept des Erbes begibt sich - wie Proust -  auf die "Suche nach der verlorenen Zeit", um aus ihr Wissen für heute und morgen zu schöpfen. Es wendet sich gegen Konzepte des Vergessens, ob freiwillig oder unter Zwang. Es wendet sich aber auch gegen eine Erinnerungskultur, die wie Thukydides hervorhebt, "Prunkstücke fürs einmalige Hören" erschafft und die Verbindung der vergangenen Erfahrungen zu Gegenwart und Zukunft abschneidet.

Es waren vor allem bitterste Erfahrungen, die Europa haben erkennen helfen, dass es Vorkehrungen gegen die Pesten, die pascalschen Abgründe, treffen muss. Marcel Proust fasst seine Erfahrungen des 1. Weltkrieges im Abschlussband der "Recherche" wie folgt zusammen:

"Ich fand meinen Weg nicht mehr. Ich stellte mir vor, dass der Gott des Bösen mich vernichten würde. Endlich spendeten die Flammen einer Feuersbrunst mir Licht; ich konnte meinen Weg wiederfinden, während unaufhörlich Kanonenschüsse erdröhnten".

Zu 2.

Diese Gedanken, die Sie auch im "World Heritage Kit" wiederfinden, flossen in Welterbeprojekte ein, an denen sich unseren Schulen beteiligten oder die sie selbst organisierten. Zwei möchte ich Ihnen vorstellen.

Wie Sie wissen, ist in Deutschland Bildung und Erziehung Angelegenheit der Bundesländer. In allen Ländern existieren Lehrpläne, die bei uns Rahmenplänen heißen. Diese Pläne legen mehr oder weniger stringent die Inhalte der Unterrichtsfächer sowie die Möglichkeiten für fächerübergreifende oder schulübergreifende Projekte fest. Es gibt also Spielraum, Projekte zu entwickeln und an ihnen teilzunehmen.

2001 fand in Karlskrona in Schweden das 10. "World Heritage Youth Forum" statt. Leitmotiv dieses Treffens waren die positiven und negativen Seiten von Welterbestätten sowie die stärkere Einbeziehung von Erinnerungsstätten wie Auschwitz oder die Sklaveninsel Goree in die Welterbeerziehung.

Sieben Jugendliche meiner Schule im Alter von 16 und 17 nahmen an diesem internationalen Projekt teil, drei davon an der Fahrt nach Karlskrona. Zur Vorbereitung sollten sie zwei Aufgaben erledigen. Als erstes sollte das Berliner Welterbe, "Die Museumsinsel", auf zwei Problembereiche hin untersucht werden: auf die positiven und negativen Seiten des kommenden Massentourismus nach Abschluß der Rekonstruktions- und Modernisierungsarbeiten. Und zweitens sollte herausgefunden werden, ob es in der Geschichte der fünf Museen negative Seite gegeben hatte, die als wichtige Erkenntnis für Gegenwart und Zukunft  genutzt werden sollten.

Die Arbeitsgruppe besuchte mehrmals die Museumsinsel und nahm vielfältige Kontakte auf. Sie fand tatsächlich zwei wichtige Negativa. Da waren zum einen die über 150 Kunstwerke, die während der Nazizeit als "entartete Kunst" aus den Museen entfernt worden waren, um entweder verkauft oder vernichtet zu werden. Zum anderen gab es noch große Flächen an den Außenmauern der Museen, die Einschüsse und Schäden aus dem 2. Weltkrieg aufwiesen.

Die Arbeitsgruppe dokumentierte ihre Arbeitsergebnisse und fertigte Poster an, die auf dem Forum in Karlskrona vorgestellt wurden.

Teilnehmer der Arbeitsgruppe besuchten kulturelle Veranstaltungen, die im Rahmen des "Sommerfestivals der Museumsinsel" stattfanden. Sie gewannen so einen Eindruck über mögliche Belastungen durch den derzeitigen Tourismus. In Gesprächen mit der Museumsleitung und anderen Kultureinrichtungen über zukünftige Besucherzahlen konnten mögliche Gefährdungen, aber auch positive Momente der touristischen Entwicklung erarbeitet werden.

Bezüglich der beiden Negativa schlug die Arbeitsgruppe folgendes vor. Um an die von den Nazis verfolgten Künstler und ihre verschwundenen Kunstwerke zu erinnern, sollte ein leerer Bilderrahmen mit erklärendem Text an zentraler Stelle der Alten Nationalgalerie angebracht werden. Der Text sollte hervorheben, dass die rassistische Barbarei der Nazis weder die Freiheit der Menschen noch die der Kunst achtete.

An den mit Einschüssen übersäten Außenmauern des Pergamonmuseums sollte einen Quadratmeter im Eingangsbereich von der Restauration ausgespart bleiben und durch eine Scheibe geschützt werden. Eine Informationstafel sollte die Besucher informieren, dass der nationalsozialistische Endsiegwahn Menschen wie Kunstwerke der Gefahr der Zerstörung aussetzte.

Das zweite Beispiel unserer Welterbearbeit war ein gemeinsames Projekt von drei Brandenburger und einer Berliner Grundschule.

Im Juni 2002 feierte die deutsche UNESCO-Kommission in Potsdam den 30. Geburtstag der Welterbekonvention.  Teil des Festprogramm war die Aufführung von zwei kleinen Theaterstücken der Grundschüler im Eingangsbereich des Schosses Sanssouci, ebenfalls Weltkulturerbe.

Etwa fünfzehn Schüler der drei Grundschulen hatten in den Wochen vor der Festveranstaltung zum Themenbereich "Welterbe Sanssouci"gearbeitet. Die Ergebnisse dieser Vorarbeiten wurden in einem gemeinsamen Seminar im Jagdschloß Glienicke, das zur Welterbestätte Potsdam-Sanssouci gehört, zu einem Programm zusammengestellt. Die Brandenburger Grundschulen hatten einen kurzweiligen und lehrreichen Sketch entwickelt, der die Segnungen der Einführung der Kartoffel durch Friedrich II. im Lande Brandenburg hervorhob. Die Berliner Schule präsentierte in ihrer Aufführung einen Briefwechsel zwischen Friedrich II. und Voltaire, in dem es um Fragen der Politik aufgeklärter Herrscher, um Toleranz, um Wirtschaftsfragen ging. Nicht nur die Konferenzteilnehmer, auch die zahlreich anwesenden Touristen zollten durch viel Beifall und Zuspruch den Leistungen der Schüler ihre Anerkennung.

Projekte dieser Art sind nicht nur für die Beteiligten lehrreich, sie helfen Kontakte herzustellen und ein Netzwerk zu etablieren, von dem wir  bei folgenden Projekten profitieren konnten.

 Zu 3.

Diese Beispiele aus unserer Arbeit könnten den nicht richtigen Eindruck entstehen lassen, dass die Welterbeerziehung bereits fest etabliert und vor allem auch institutionalisiert wäre. Ich möchte daher in meinem dritten Teil auf all die vielen Aufgaben hinweisen, die noch zu erledigen sind. 2001 wurden auf der Jahrestagung der deutschen UNESCO-Projektschulen in Speyer Vorschlägen für die Welterbeerziehung verabschiedet, aus denen ich einige Passagen zitieren möchte.

Auf der Schulebene

Welterbestätten und Welterbeerziehung sollten konsequenter in Unterrichtsfächer, bei denen es sinnvoll erscheint, integriert werden (Religion, Geschichte, Kunst, Biologie etc.). Exkursionen zu Welterbestätten sollten integraler Bestandteil von Unterricht werden.

Partnerschaften zwischen Schulen in Nähe von Welterbestätten sollten entwickelt werden, um sich gegenseitig zu besuchen und vermittels der Welterbestätten zu lernen.

(...)

Welterbe und Welterbestätten sollten im täglichen Schulleben sichtbar gemacht werden (Poster, Ausstellungen, Symbole etc.), um das Interesse der Schüler zu wecken.

(...)

Auf der Landesebene

Die Regionalkoordinationen der einzelnen Bundesländer sollten in Kooperation mit Schulen an Welterbestätten auf die Verwaltung dieser Stätten einwirken, um den Welterbecharakter diese Objekte deutlicher herauszustreichen und sichtbar werden zu lassen (Reiseführer, Broschüren, Führungen etc.).

Die Regionalkoordinationen sollten auf Landesschulämter, Rahmenplankommissionen etc. einzuwirken versuchen, um Welterberziehung und Welterbestätten in die Curricula zu integrieren.

(...)

Auf der Bundeskoordinations- und DUK-Ebene

Die Bundeskoordination der deutschen UNESCO-Projektschulen und/oder die Deutsche UNESCO-Kommission (DUK) sollten Einfluss auf die Kultusministerkonferenz nehmen, um Welterbeerziehung in die Empfehlungen und Leitlinie der KMK zu implantieren.

Wie aus diesem Aufgabenkatalog ersichtlich wird, gibt es noch vieles zu tun. Es ist zu hoffen, dass die Verantwortlichen in Bildung und Erziehung die große Bedeutung dieses Bereichs der Pädagogik für unsere, die Eine Welt erkennen.  Parallel dazu können wir bereits jetzt auf Schulebene aktiv werden, indem wir z.B. bei Schüleraustauschprogrammen zwischen Städten mit Welterbestätten diese in das Programm mit einbeziehen.

* Steffen Noack ist Studienrat für Geschichte an einer Berliner Schule

 

Deutsche Identität  und europäischer Geist in der Welt draußen

Ich habe gerade  vier Wochen an einer Universität in Islamabad/Pakistan zugebracht. Schon vor zwei Jahren war ich vier Wochen in Karachi in einer ähnlichen Mission. Man lernt das große Asien nicht in einigen Aufenthalten kennen, auch wenn man, wie der Verfasser zusätzlich ein halbes Jahr in China verbrachte, Japan recht gut kennt und in Malaysia und Indonesien war. Es fällt aber doch das Folgende auf, was dann von Diplomaten und Botschaftern bestätigt wird: Was ein Asiate über Europa oder die Außenwelt weiß, hat er aus den USA über das Medium der englischen Sprache gehört.

Ich stellte meinen Gesprächspartnern (Studenten, Professoren, Beamten, auch Taxifahrern) stets dieselbe Frage: An was denken Sie bei dem Wort deutsch? (What comes into your mind, when you hear the Word „German”?). Die Antwort ist stets dieselbe: 1. Hitler 2. BMW bzw. Mercedes 3. Allgemeinheiten wie, nette Leute, Fußball. Der Besessenheit der USA mit dem Thema Hitler und ihrem (ihrem! die Sowjetunion kommt dabei nicht vor) großartigen Sieg über diesen schlimmsten Diktator der Weltgeschichte haben wir Deutschen es zu verdanken, dass jedenfalls wir noch bis einem gewissen Grade als eigenständiges Volk zur Kenntnis genommen werden. Frankreich kommt nur noch als Standort des Eiffelturms vor. Die Existenz anderer Staaten wie  z. B. Portugal musste ich (im Zusammenhang mit der Eurozone) selbst einem Universitätsprofessor erläutern.

Asiatische Studenten lernen hauptsächlich, in Pakistan fast ausschließlich, aus US-amerikanischen Lehrbüchern. Amerikaner haben aber die Angewohnheit, fremde wissenschaftliche und technische Leistungen völlig zu ignorieren. Asiatische Studenten gehen daher mit derselben Vorstellung wie ein Amerikaner durchs Leben, nämlich: Alles was irgendwie gut und nützlich ist, stammt aus Amerika! Die amerikanischen Lehrbücher nennen nicht eine einzige (!) nicht amerikanische Quelle. Allenfalls werden Marx, Siegmund Freud und Hegel aus zweiter und dritter Hand zitiert.

Wir Deutschen irren, wenn wir glauben, es sei doch allgemein bekannt, dass eine große Anzahl von wichtigen wissenschaftlichen und technischen Leistungen in Deutschland entstanden sei. Woher soll man das wissen? Es ist kein böser Wille, man weiß es nur nicht besser, wenn man uns Deutschen und Europäern in Asien schlechterdings nicht abnimmt, irgendetwas Nützliches zur Entwicklung von Wissenschaft und Technik beigetragen zu haben. Für uns Deutsche kommt hinzu, dass wir in unserer fortdauernden hitlerfixierten Selbsthypnose oft selber nicht mehr wissen, was Deutsche geleistet haben. Es bildet sich daher in Asien, und zunehmend auch in anderen Weltteilen, ja bei uns selber, ein ausschließlich amerikanisch geprägtes Weltwissen. Amerika weiß wenig von europäischer Kultur und tut alles, um sie, soweit nicht englischer Sprache, zu unterdrücken. Die USA, welche in ihrem imperialen Geschäft ständig westliche Werte beschwört, meint nicht westliche Werte, sondern amerikanische Vorstellungen.

Wenn wir, Deutsche, Franzosen und Europäer, die westliche Kultur, dieses Licht des menschlichen Geistes, erhalten wollen, wenn wir vermeiden wollen, dass dieses auch von amerikanischen Militärstiefeln und Dronenangriffen ausgepustet wird, müssen wir dringend tätig werden.

                                                                                                                                                              Prof. Dr. Menno Aden

 

BÜCHER

Andreas Otte, Konrad Wink. Kerner’s Krankheiten großer Musiker. 6. neu bearbeitete Auflage, 2007, 451 Seiten, mit 69 Abb., geb., 29,90 €.

Zwei Ärzte, ein Klinikforscher und ein aus Norddeutschland gebürtiger Pharmakologe, beide Musiker, haben „ Kerner’s Krankheiten großer Musiker“ revidiert. Die Neubearbeitung des Standardwerks enthält rund zwei Dutzend Pathografien von berühmten Musikern. Geschrieben wurde das Buch für ein gebildetes Lesepublikum, das sich zur Objektivität bekennt mehr über das „deutsche Musikgenie“ erfahren möchte.

Die beiden Autoren haben selbst in Musik-Archiven recherchiert, wichtige Statistiken, Tagebücher und Briefe berühmter Musiker nochmals gelesen und nach aktuellem medizinischen Kenntnisstand ausgewertet. Stimmt das Gerücht, dass auch Ludwig van Beethoven (1770-1827) an Syphilis verstarb, fragen sie und drucken als Antwort einen mehrseitigen Originalbrief des Komponisten an seinen Neffen ab, in dem er beteuert, stets auf dem rechten Weg geblieben zu sein. Nüchtern wird dann aus dem handschriftlichen Nachlass von Prof. Wawruch, Allgemeines Krankenhaus, Wien, zitiert, unter dessen medizinische Fittiche sich zuletzt der fast menschenscheue Einsiedler begab: Beethoven litt an Aszites (Bauchwassersucht), Leberzirrhose und mangelhafter Ernährung. Ein halbes Dutzend Ärzte kümmerte sich letztlich vergebens um den prominenten Komponisten, der 56 Jahre alt wurde und durch seine medizinischen Konsultationen ein Vermögen verlor.

Minutiös, wie es wohl nur Kriminologen oder Wissenschaftler vermögen, werden die Lebensläufe und Erkrankungen der rund zwei Dutzend berühmtesten Komponisten Europas dargestellt, von Thomaskantor Johann Sebastian Bach (1685-1750), Wolfgang Amadé Mozart (1756-1791), Franz Schubert (1797-1828) über Franz List (1811.1886), Richard Wagner (1813-1882) und Peter Tschaikowsky (1840-1893) bis zu Gustav Mahler (1860-1911) und Maurice Ravel (1875-1937). Nicht zu vergessen die großen Italiener Vincenzo Bellini, der 1829 mit „La Straniera“ (Die Fremde) die romantische Oper aus der Taufe hob, Giuseppe Verdi (1813-1901), der 1831 vom Mailänder Konservatorium abgewiesen wurde, binnen zweier Jahre seine Ehefrau und seine beiden Kinder verlor und im Jahr danach,1842, an der Mailänder Scala den Durchbruch mit seiner Oper „Nabucco“ feierte. Einzigartig ist die Biografie des „Teufelsgeigers“ Niccolò Paganini, 1782 als Sohn eines Lastträgers im Hafen von Genua geboren, „der aus seiner Violine göttliche Harmonien zog, rührte – ein unübertrefflicher Genius – ganz Europa und schmückte Italien...“ Keiner wurde so hoch geehrt wie der Geiger und Gitarrist aus Parma auf seinen Konzertreisen in Paris, London Irland, Schottland und Italien, wo er als Günstling von Gräfinnen viel verehrt und noch mehr beneidet wurde. In drei Tagen soll Paganini einen mittelmäßigen Cellisten aus Neapel zum Virtuosen ausgebildet haben. Kein Wunder, dass man munkelte, er stehe mit dem Teufel im Bunde denn sein Name bedeutet „der kleine Heide.“ Ein Medium soll im Spiel gewesen sein, Paganini nannte es „La Magia“ (Magie). Wegen seiner „schwarzen Magie“ stand Paganini auf Kriegsfuß mit dem Klerus der katholischen Kirche, die ihm 1840 die Bestattung auf dem Friedhof von Nizza und in seiner Heimatstadt Genua verweigerte. Der Sarg des schon zu Lebzeiten notorisch kranken „Teufelsgeigers“ (Marfan-Syndrom?), der zum Multimillionär aufstieg, wurde noch aus dem Sterbe-Krankenhaus in Nizza  entwendet. Wo Sarg und Leichnam heute ruhen, ist nicht mehr eindeutig zu klären.

Die Musik dieser Männer strahlte in die Literatur auf. Biografische Details aus diesen Künstlerleben finden sich politisch zugespitzt in Thomas Manns Roman „Dr. Faustus.“ Er handelt vom fiktiven deutschen Tonsetzer-Genie Adrian Leverkühn, der sich aus Ruhmsucht mit dem Teufel verbindet und im Wahnsinn endet. Wer stand diesem „deutschen Musikgenie“ Modell? Es passen Hugo Wolf, Franz Schubert und Goethes Theaterdichtung „Faust,“ doch auch unzählige Details aus jenem Krankheitsbuch über Europas Musikgenies. Politisch beeinflusst wurde das künstlerische Schaffen der beiden tschechischen Komponisten Friedrich Smetana (1824-1884), der sich später Bedrich nannte und von Antonin Dvorák, der auf Vorschlag u.a. von Johannes Brahms ein Staatsstipendium erhielt. Smetana („Mein Vaterland“) erkrankte an Syphilis, die erst ab 1906 durch Salvarsan geheilt werden konnte.

Erschütternd ist das Lebensbild von Peter I. Tschaikowsky (1840-1893), der tief melancholisch und völlig isoliert von seiner Umwelt lebte. Wenn der Komponist die heimlich geliebte Sängerin Désirée Artot in der Petersburger Oper sah, wurde er nicht müde, sie durchs Opernglas anzusehen, wobei ihm die Tränen über die Wangen rannen, berichtet sein Freund Kaschkin. Ganz anders Gustav Mahler (1860-1911), der aus einer böhmisch-jüdischen Familie stammte und in Wien eine steile Karriere bis zum Hofoperndirektor hinlegte. Mahler war penibel, unduldsam und herrschte diktatorisch über Orchester- wie Familienmitglieder. Er war schwer herzkrank.

Vierhändig spielte im Jahr 1840 der Tbc-kranke Chopin mit dem ungarischen Pianisten Franz Liszt Klavier auf Schloss Nohant. Zur gleichen Zeit veröffentlichte der sächsische Musiker Robert Schumann einen Aufsatz mit der Aufforderung „Hut ab, ihr Herren, ein Genie!“ - und wies dabei auf Chopin! Den 200. Geburtstag beider Komponisten, deren Geburtsorte räumlich nur wenige hundert Kilometer entfernt sind, ehrt die Musikwelt in diesem Jahr 2010, dazu Mahlers 150. Geburtstag.(Richard E. Schneider)

 

Wilhelm Schlemmer. Lebensraum zwischen Barrikaden. Alltagsszenen aus einem Pfarrhaus in der DDR. Frieling Verlag. Berlin. 144 S., 8,90 €

Der Alltag in der DDR wird allmählich vergessen. Daher ist dieses Buch nützlich, zumal der Alltag im Vorkriegs-Dritten Reich ebenfalls vergessen worden ist. Die Abfolge der Generation macht es schwierig, die Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Der Autor, geb. 1938 in Naumburg an der Saale, hatte bereits in der Schule wegen „negativer gesellschaftlicher Haltung „ Probleme.  Er studierte Theologie und wurde Pfarrer im atheistischen Staat. Mit Gott verbündet spielte es dem Regime viele Streiche, die manchmal nicht ungefährlich waren und ihn seine Freiheit hätten kosten können. Er gehört aber zu den Menschen, die den Geist der Freiheit und das Recht auf eine eigene Meinung in der Diktatur aufrecht erhalten haben. Das Buch liest sich wie ein Roman. Unbedingt in die Hand nehmen (JPP)

 

Jochen Peter Breuer/ Pierre Frot. Das emotionale Unternehmen. Mental starke Organisationen entwickeln. Emotionale Viren aufspüren und behandeln. Gabler Verlag. Wiesbaden. 2010. 292 Seiten.

Professor Dr. Peter Kruse, einem der führenden Experten auf dem Gebiet der kollektiven Intelligenz,schreibt zu diesem Buch in seinem Geleitwort: „ Das Buch passt in die Zeit und rückt die Prioritäten gerade… “ . „ … Es bietet für Manager, Unternehmer und Berater eine Fülle praxisnaher Anregungen zum Verständnis und zur Entwicklung einer nachhaltig „gesunden“ Unternehmenskultur....“ . Was können Sie dort Neues entdecken? Welche inspirierende Gedanken können Sie daraus schöpfen? Die Metapher der emotionalen Viren: Hier wird wir zum ersten Mal diese erfolgreiche Methodik einem breiten Publikum detailliert vorgestellt. Die unkomplizierte Methode zur Erfassung und Strukturierung der emotionalen Viren in Organisationen wird Punkt für Punkt beschrieben. In "Das emotionale Unternehmen" wird geschildert, dass eine Organisation als Ganzes genauso zur mentalen Stärke gecoacht werden kann, wie ein Individuum. Mit den vier Bedingungen zur optimalen Nutzung der kollektiven Intelligenz werden konkret die Voraussetzungen aufgezeigt, um ungenutztes Potenzial wirkungsvoll freizusetzen. Das Buch ist so angelegt, dass Sie mit den beschriebenen Ansätzen sowohl Krisensituation meistern, als auch die Entwicklung der mentalen Stärke eines Unternehmens fördern können. Viele weitere Informationen, Termine, den Direktklick zu Amazon, sowie eine Plattform zum Austausch finden Sie auf der Homepage zum Buch: http://emotionales-unternehmen.de/

 

Svenja Goltermann. Die Gesellschaft der Überlebenden-Deutsche Kriegsheimkehrer und ihre Gewalterfahrungen im Zweiten Weltkrieg (DVA, ISBN 978-3-421-04375-7)

Diese wissenschaftliche Studie, die den Preis des Verbandes der Historiker/innen Deutschlands erhalten hat, behandelt ein bis jetzt kaum bekanntes Thema: die Nachwirkungen der erlebten - erlittenen und zugefügten - Gewalt bei den heimkehrenden Soldaten im Nachkriegsdeutschland, und parallel die Entwicklung der Psychiatrie bezüglich Psychotraumatologie.

Anhand von zahlreichen Krankenakten der zurückgekehrten deutschen Soldaten wird ersichtlich, dass Neurosen und allgemein psychische Krankheiten sehr verbreitet waren – und dies trotz des durch die Medien forcierten Bildes des Soldaten, der zwar vieles durchgemacht hat, aber dank Fleiß und Zuversicht in der deutschen Gesellschaft wieder Fuß fasst. Man kann davon ausgehen, dass die schwarzen Zahlen viel höher lagen, da nicht jeder den Weg zum Arzt machte (oder wagte).

Bei diesen Patienten ging die damalige Psychiatrie meistens von Dystrophie (Hungerkrankheit, die zu Hirnschädigungen führt), Erbkrankheiten oder sogar „Rentenneurosen“ aus. Erst zehn Jahre nach dem Krieg wurde langsam von „erlebnisbedingter Personalitätsstörung“ die Rede. Aber sowohl aus finanziellen (eine Flut von Rentenansprüchen war der Alptraum der damaligen deutschen Behörden) wie aus politischen Gründen (die junge BRD konnte es sich nicht leisten, ein sei es noch so geringes Mitgefühl mit den Hitler-Soldaten zu empfinden) wurde immer noch verneint, dass „normal gesunde“ Menschen von (längst) vergangenen Erlebnissen dauerhaft krank (und also rentenberechtigt) bleiben könnten .

Die Auschwitz-Prozesse 1961 brachten den Durchbruch: Angesichts der Zeugenaussagen der NS-Verfolgten, die 15 Jahre nach Kriegsende offensichtlich immer noch an ihren schrecklichen Erlebnissen völlig gebrochen waren, wurde der Begriff des „Posttraumas“ endlich anerkannt. Gleichzeitig setzten diese Prozesse aber ein Ende zu der bis dahin allgemeinen Verdrängung der NS-Verbrechen in der deutschen Gesellschaft, und demnach schien es moralisch unvereinbar, das Leid der deutschen Soldaten mit dem der NS-Verfolgten überhaupt zu vergleichen. Auch als erstmalig von „Posttrauma“ bei den Vietnam-Veteranen die Rede war, galt dieser Begriff für die deutschen Soldaten nicht.

In ihrer Habilitationsschrift vermittelt Svenja Gormann sehr interessante Einblicke in die Psychiatrie, die ihren rein naturwissenschaftlichen Standpunkt verließ zugunsten einer anthroposophischen Sicht des Menschen. Das brisante Thema über leidende Soldaten, die (zwar nicht alle, aber doch viele) selber Leid zugefügt haben, behandelt die Autorin ohne moralische Untertöne und überlässt es dem Leser, seine Meinung darüber zu bilden.

                                                                                                                                 Anne Bühler

 

Jeden Tag den Tod vor AugenJeden Tag den Tod vor Augen – Polizisten erzählen. Herausgegeben von Volker Uhl (Piper 978-3-492-24784-9)

Volker Uhl, Kriminalbeamter und Gründer der Polizei-Poeten, hat in diesem Buch dramatische, leidvolle, alltägliche Geschichten von seinen Arbeitskollegen gesammelt – und einige auch selbst geschrieben. Sie gewähren uns Laien einen Einblick in einen knallharten Beruf, in dem der Tod eben allgegenwärtig ist, sei es das Todesopfer auf dem Obduktionstisch, der erschossene Kollege oder das von der eigenen Mutter totgeschlagene Kleinkind.

Der notwendige Versuch, sich gegen diese alltägliche Konfrontation mit Tod und Gewalt abzuhärten, funktioniert nicht immer, und es wird verständlicher, warum Ehescheidungs- und Selbstmordraten bei diesem Beruf so hoch sind. Zu den psychischen Belastungen, den oft schlechten Arbeitsbedingungen und dem unregelmäßigen Schichtdienst kommt noch die mangelnde Anerkennung der Gesellschaft hinzu.

Nichtsdestotrotz scheinen diese Polizeipoeten alle ihren Beruf zu lieben, auch wenn der Kampf gegen „das Böse“ grundsätzlich einer Sysiphus-Aufgabe gleicht. Es ist ein „wichtiges Buch“ (so Horst Köhler), das uns daran erinnert, dass sich andere opfern und kämpfen, damit wir nachts ruhig schlafen können. (AB)

www.polizei-poeten.de

http://www.arte.tv/de/Die-Welt-verstehen/3238690.html: Reportage über die Polizei in Deutschland und Frankreich vom 8. Juni 2010.

 

Wie aus Ochsen Euros wurdenMagdalena Schupelius. Wie aus Ochsen Euros wurden. Die Geschichte des Geldes. Mit Illustrationen von Beate Bittner. (63 Seiten mit Farbzeichnungen. ISBN 978-3-3000-2296-51.) Bestellungen bei www.schupelius.de

In diesem Buch für Kinder (und Erwachsene ebenso) erzählt Magdalena Schupelius, wie das Geld entstanden ist und wie nützlich Geld heute in einer Zeit ist, wo Utopisten meinen, Geld sei schmutzig und ohne Geld könne man besser auskommen. Sie erzählt von den Grundbedürfnissen der Menschen und wie die Tauschwirtschaft entstand. Gleich stellte sich das Bedürfnis nach einem universalen Tauschmittel. Absolut verständlich für die Kleinen wird es auch, dass man faire Preise und Werte haben muss, damit sich keiner über das Ohr gehauen fühlt. Geld ist also ein Mittel zum sozialen Frieden. Eigentlich eine der genialsten Erfindungen der Menschheit, wie der deutsche Philosoph Georg Simmel es bereits vor einem Jahrhundert in seiner „Philosophie des Geldes“ erkannt hatte. Aber nun die Frage nach den Ochsen… ?? Weil Vieh in den Anfängen der Landwirtschaft das höchste Gut war. Was im Buch nicht stehen kann, ist, dass das germanishe Wort Vieh dieselbe protoeuropäische Wurzel wie das Latein „pecus“ hat, das dasselbe bedeutet. Auf Französisch findet man dieses Wort in „pécule“ (kleiner Schatz), „pécunier“ (was mit Geld zu tun hat) wieder. Gut allerdings, wie Frau Schupelius es darstellt, dass wir den Tausch mit Vieh nicht mehr praktizieren, sondern heute den Euro haben, der die erste Tugend des Geldes auf Europa erweitert hat, uns zwar die Vergleichsmöglichkeit aller Produkte und Leistungen und eine Werteskala für Dinge und Dienstleistungen, die nie endgültig ist, sondern von der Idee abhängt, die sich die Menschen davon machen. Sehr, sehr wichtig ist es heute, dass Kinder lernen, das Geld nicht zu verachten, sondern sachlich einzuschätzen. Die Einstellung der Deutschen (und nicht nur der Marxisten und Rechtsradikalen) zum Geld ist zu negativ-romantisch. Das deutsche Sprichwort: „Bei Geld hört die Freundschaft auf“, ist falsch. Geld bringt die Menschen zusammen, indem sie Sachen zu fairen Preisen tauschen. Unbedingt den 7- bis 12jährigen dieses Buch als Lektüre empfehlen. Die Autorin ist selbst Mutter und weiß Bescheid. (JPP)

 

Die Lüge der KlimakatastropheHartmut Bachmann: Die Lüge der Klimakatastrophe. Das gigantischste Betrugswerk der Neuzeit. Manipulierte Angst als Mittel zur Macht. (Frieling Verlag. Berlin.)

Den Treibhauseffekt gibt es nicht, und die angeblich drohende Klimakatastrophe wurde popularisiert, um Geld einzunehmen. Das ist die These von Hartmut Bachmann. In seiner engagierten Streitschrift beschreibt er zunächst die gesellschaftliche Situation in der Bundesrepublik der 80er-Jahre, in der der Klimaschutz zum neuen politischen Thema wurde, und den enormen Popularitätsschub, den die Bewegung 1986 erfuhr, als der Spiegel eine breite Öffentlichkeit mit dem Begriff der Klimakatastrophe und dem damit verbundenen Szenario eines steigenden Meeresspiegels konfrontierte.

Die dahinterstehende wissenschaftliche Theorie, die bereits vor hundert Jahren entstand, ist Bachmann zufolge jedoch nicht haltbar. Das Bild vom Treibhaus sei irreführend, weil es keine stabile Schicht aus Kohlendioxid in der oberen Atmosphäre geben könne, und weder der Zusammenhang eines steigenden Kohlendioxidgehalts in der Atmosphäre mit der globalen Erwärmung noch die Behauptung, dass der Mensch für beide Entwicklungen verantwortlich sei, seien gesichert. Bachmann führt immer wieder plausible Indizien für seine Kritik an der üblichen Darstellung an, hauptsächlich beschäftigt er sich aber mit der Frage, wer die Lüge der Klimakatastrophe aus welchen Gründen am Leben erhält.

So sei das „Intergovernmental Panel on Climate Change“ (IPCC), der sogenannte Weltklimarat, eindeutig als politisches, nicht als wissenschaftliches Gremium konzipiert worden und sehe seine Aufgabe nicht in der vorurteilsfreien Untersuchung des Klimawandels, sondern in der Verbreitung einer bestimmten Auffassung. Dies untermauert Bachmann mit Zitaten führender Mitarbeiter des IPCC. Profiteure des groß angelegten Schwindels sind ihm zufolge jene Wirtschaftsbranchen, deren Geschäfte von der Aufregung um das Klima angeheizt werden, sowie der Staat als Steuereintreiber, der eine neue Rechtfertigung für die Belastung der Bürgerinnen und Bürger erhält.

Aufgrund des weit gespannten thematischen Rahmens, der neben Klimaforschung und Weltpolitik auch die bundesrepublikanische Geschichte und Überlegungen zu den Mechanismen einer Politik der Angst umfasst, kann Bachmann nur in einigen Bereichen in die Tiefe gehen. Sein Buch ist als aufrüttelndes Plädoyer aber ein guter Ausgangspunkt dafür, sich selbst mit dem Thema auseinanderzusetzen und der weitgehend einheitlichen veröffentlichten Meinung eigene Gedanken entgegenzusetzen.

                                                                                                                                                             Frank Mertens

 

Michael Buback. „Der zweite Tod meines Vaters“ II (Erweiterte Ausgabe mit neuen Fakten   444 Seiten   ISBN 978-3-426-78234-7 Knauer Taschenbuch Verlag München Oktober 2009  -  12,95 Euro)

Michael Buback hat die Grenzen der deutschen Justiz aufgezeigt. Mit privaten Recherchen zum Mord an seinem Vater, Generalbundesanwalt Siegfried Buback. Sein Buch, erschienen im Jahre 2008, stellt den Rechtsstaat auf den Kopf. Zumindest den Rechtsstaat, den der Bürger zu kennen glaubt, bzw. den er kennen möchte. Die Grenzen des Rechtsstaates Deutschland beginnen da, wo sich Justiz und Politik berühren. Deutsche Staatsanwälte hängen an der Leine der Politik. Das nennt man politische Weisungsgebundenheit und ist 99 % der Bürger nicht bekannt. Der Bürger erwartet unabhängige, objektive Fahndungsarbeit. Doch hierzulande regieren allzu oft politische Weisungen, tumbe Willkür und Untertanengeist. Nun hat Buback nachgelegt. Auf 82 Seiten. Eine spannender als die andere. Darin beschreibt er seine Erfahrungen nach der Herausgabe des Buches und neue, schier unglaubliche Fakten. Und dies alles mehr als 30 Jahre nach der Tat. Er entdeckte nicht nur neue/alte Zeugen. Er fand auch - um es milde auszudrücken - Belege für systematische Fehler der Fahnder. Bis hin zu ganz offenkundigen Falschaussagen. Alle Hinweise auf die Tatbeteiligung einer Frau wurden von Anfang an unterdrückt. Belege verschwanden. Bisweilen scheint es, als ginge es unter dem Hempelschen Sofa ordentlicher zu, als bei deutschen Profi-Fahndern. Die versuchen weiterhin, ihre Fehler zu vertuschen. Doch ohne Erfolg.

Buback, der Naturwissenschaftler, geht mit beeindruckender Akribie vor. Er sammelt Fakten und rekonstruiert Abläufe. So stellt man sich die Arbeit eines Profi-Fahnders vor. Gründlich und abgeklärt. Und unbeeindruckt von so manchem Presseecho, das Reaktionen aus Karlsruhe widerspiegelt. Dort, bei den Bundesanwälten, liegen die Nerven blank. Man lädt den Sohn des früheren Chefs nicht einmal mehr zur Pressekonferenz ein. In Zeitungen ist mitunter haarsträubender Unsinn über Bubacks Arbeit zu lesen. In zahlreichen Artikeln ist klar erkennbar, dass der Autor nicht einmal das Buch gelesen hat. Da werden Fakten und Fiktionen, Halbwissen und bisweilen sogar Unwahrheiten munter vermischt. Michael Buback Verschwörungstendenzen zu unterstellen, ist nicht nur purer Unsinn, sondern ganz und gar böswillig. Er tut nur seine Pflicht als Sohn.

Die Ergebnisse der Recherchen von Michael Buback sind überzeugend. So überzeugend, dass die Bundesanwälte sich zur Arbeit geradezu gezwungen sahen. Wer das Buch gelesen hat, ist nicht überrascht, dass gegen Verena Becker ermittelt werden musste. Bei Ihr fand man - u. a. - das Gewehr, mit dem Siegfried Buback ermordet wurde. Ihre Beteiligung an der Tat ist gleichsam mit Händen zu greifen. Wenn man denn greifen will, bzw. darf. Und auch Verena Becker ist von Bubacks Arbeit beeindruckt. Eine Notiz belegt dies. Sie trägt das handschriftlich vermerkte   Datum 07.04.08. Den Jahrestag des Attentats. Auf diesem Zettel hatte sie eigenhändig notiert: „Nein, ich weiß nicht, wie ich für Herrn Buback beten soll, ich habe wirklich kein Gefühl für Schuld und Reue. Natürlich würde ich es heute nicht wieder machen. Aber ist es nicht armselig, so zu denken und zu fühlen? Das scheint noch ein weiter Weg zu sein.“ Der Weg in die Unter-suchungshaft indes war kurz. Man hatte ihre Wohnung durchsucht. Insider vermuten, dass Verena Becker weggesperrt wurde. Die Frau, die schon zu RAF-Zeiten mit der Justiz kollaborierte, drohte auszupacken. Da war es allemal besser, ihr einmal deutlich zu zeigen, was sie erwartet, wenn man sie erneut verurteilen müsste. So machte man das schon im finstersten Mittelalter….

 Michael Buback hat indes noch viel mehr herausgefunden. Nach einer Lesung am 8. Dezember 2008 in Karlsruhe meldete sich eine Frau bei ihm. Eine Augenzeugin des Attentats. Sie hatte die Morde am Fenster ihres Büros verfolgt. Direkt und unmittelbar. Ihre Angaben zum Tatverlauf fügen das Puzzle nunmehr zu einem schlüssigen Bild. Sie berichtete, wie man sie - die einzige Augenzeugin - nach der Tat behandelte. Damit rundet sich auch das Bild von Qualität und Ziel der Fahndungsarbeit. Am Ende bleibt nur eine einzige Frage offen: Wer wird hier geschützt?

Man muss das Buch gelesen haben, um die Dimension der Arbeit von Michael Buback ermessen zu können. Doch auch, um die gezielte Desinformation der Öffentlichkeit zu begreifen. Pflichtlektüre für den Staatskundeunterreicht! Das Buch  kostet 12,95 Euro - weniger als eine Flasche guten Rotweins. Der Kauf lohnt sich - nicht nur für Juristen.

                                                        Prof. Dr.-Ing. Hans-Joachim Selenz www.hans-joachim-selenz.de

 

Deutsche Soldaten

Martin Guddat: Des Königs treuer DienerMartin Guddat. Des Königs treuer Diener. Als Soldat unter Friedrich dem Grossen. Verlag E.S. Mittler & Sohn. Hamburg.Berlin.Bonn. 2006.176 Seiten.

Im Gegensatz zu den Soldaten der beiden letzten Weltkriege, die der Feldpost Ihre Gefühle und Gedanken anvertraut haben, hinterliessen die Soldaten früherer Jahrhunderte kaum Aufzeichungen, weil sie des Lesens und Schreibens nicht mächtig waren. Deswegen hat sich Martin Guddat in die Haut eines Rekruten der Armee Friedrichs des Grossen hineingeschlichen und dessen Schicksal in der Phantasie miterlebt. Die Figur des Soldaten Basedow, die im Mittelpunkt dieses Buches steht, ist frei erfunden und trotzdem durchaus real. Wie mir der Autor erklärte, hat er diesen jungen Preussen aus der Mitte des 18. Jahrhunderts wie eine Vision vor sich stehen sehen. Er hat ihm einen Geburtsort, das Dörfchen Stücken, 25 km südöstlich von Potsdam in der Mark Brandenburg, geschenkt. Mit 15 Jahren einmal gemustert, wegen seiner noch kleinen Statur zurückgestellt, darf der junge Mann drei Jahre später die blaue Uniform der königlichen Armee anziehen.

"Ich bin zu diesem Dorf gefahren und fand es typisch und passend als Kulisse für die Existenz meines Helden", vertraute mir der Autor an. Alles, was Basedow, der es zuletzt zum Unteroffizier bringt, betrifft, beruht auf Tatsachen. Es war schon ein origineller Einfall des Autors, 1943 geboren und promovierter Jurist, zwar die Identität seines Helden zu schöpfen, aber alles drum herum aus der Wirklichkeit jener Zeit zu schöpfen. So kann man Geschichte veranschaulichen, denn Geschichte wird von handelnden Menschen gemacht. Auf der anderen Seite beinhaltet das Buch von Guddat eine Fülle an Detailinformationen über die Ausrüstung und die Lebensumständen der Soldaten vom "alten Fritz". Das historische Gescheheh zieht sich wie ein roter Faden durch die Story, aber er versucht auch herauszuarbeiten, warum die preussische Armee gerade in diesem Jahrhundert zu einer hochgeschätzten Schlagkraft in Europa geworden war. 600 Hugenotten aus Frankreich hatten Ordnung in ihre Reihen gebracht und sie hatte den Schweden, die damals eine Militärmacht waren, das Fürchten gelehrt.

Guddat ist zweifellos einer der sachkundigsten Militärexperten in Deutschland. Seine Erfahrungen mit der Armee hat er schon 1972 gesammelt, als er in die Bundeswehrverwaltung eintrat. Ab 1982 war er unter Helmut Kohl an prominenter Stelle für die Verteidigung verantwortlich, und zwar als Leiter des referats Bundewehrverwaltung und Rüstungswirtschaft im Bundeskanzleramt. Dann war er Chef der Rüstungsabteilung im Bundesministerium der Verteidigung. Als Rentner kann sich er heute seiner Leidenschaft widmen, und zwar die historische Forschung. Er hat bereits mehrere Bücher über die preussische Militärgeschichte geschrieben. Es liegt auf der Hand, dass er ein Buch über die militärischen Anfänge seines geliebten Preussen verfasst hat. Seine Belesenheit ist enorm und sein Sachwissen ist auf dem letzten Stand der Forschung. Einige Meinungen vertritt er auch, die gegen den Strom gehen, z. B., dass Preussen nicht der militaristische Staat war, den sich die Nachbarn vorstellten, die 1945 kurzerhand seine Auflösung dekretierten.

Auch zeigt er an vielen Beispielen, dass der Dienst hart war, die Strafen sehr streng, die Suche nach den Deserteuren unbarmherzig und die Armee bei den Bauern unbeliebt, aber der Krieg war damals noch human, die Gefangenen waren "Handelsware" aber wurden gut behandelt. Ohne die moralische Ausrüstung durch die evangelische Religion hätten die Bauernsöhne von damals die Härte der Armee und des Krieges gar nicht verkraftet. Guddat zeigt auch wie sie ihre dienstfreie Zeit verbrachten, er zeigt sie in der Schlacht und erzählt, was nach dem Ende der aktiven Militärzeit aus ihnen wurde. Das Buch ist sehr informativ, enthält attraktive Zeichungnen und kostbare Kopien von Dokumenten und Zeichnungen, und gibt Aufschluss auf den Geist Preussens, diese Mischung auf Pflichterfüllung und Ehre, die gar dem beruchtigten "Kadavergehorsam" nicht so sehr entsprach, wie vielfach vermutet. Das Problem an dem Buch besteht darin, dass es teils ein Roman, Basedows Schicksalsroman, ist, teils ein Sachbuch. Das nächste Mal muss sich Martin Guddat für das eine oder das andere entscheiden. Warum nicht direkt ein Roman? (JPP)

Leutnant der Wehrmacht Peter Stölten in seinen FeldpostbriefenAstrid Irrgang. Leutnant der Wehrmacht Peter Stölten in seinen Feldpostbriefen. Vom richtigen Legben im falschen. Rombach Historiae. Rombach Verlag. Freiburg in Br./Berlin/Wien. 323 Seiten + Dokumentenanhang. Ladenpreis 56 euro.

Der knappe Untertitel des Buches von Astrid Irrgang ist aufschlussreich: Peter Stölten war ein wahrer Mann zur falschen Zeit. Anhand seiner Feldpostbriefe hat die Autorin zeigen können, wie ein junger, gebildeter Idealist - ein Abiturient, der 1922 geboren wurde - zum willigen Instrument des verbrecherischen Hitlerkrieges wurde. Wie konnte ein froher und unternehmungslustiger Student von 20 Jahren zu einem todesmutigen Panzerkommandanten mutieren? Frau Irrgang hatte Glück: der junge Mann, der heute uralt wäre, hätte er noch gelebt, war ein begnadeter Briefschreiber. Hochintelligent war er und kritisch, obwohl er sich diesem Krieg mit Leib und Seele verschrieben hatte. Er gehörte nicht zu den Verschworenen der 20. Juli 44. Er war auch kein Rebell, der in die Strafkompanie versetzt worden wäre. Nein, er war ein treuer Diener seines Herrn Adolf Hitler, wenn auch dieser Teufel in dem Buch so gut wie unerwähnt bleibt und, obwohl Stölten überhaupt kein Nazi war. Nein, ein Diener war er nicht. Er stand zu seinem Vaterland und war deswegen ein Instrument des verbrecherischen Regimes geworden. Er führte Krieg, als dieser Krieg  schon verloren war, auf verlorenem Posten. Hochinteressant ist festzustellen, wie die Einsicht bei ihm wächst, dass das, was die Wehrmacht auf Befehl tut, nicht in Ordnung ist. Die Erkenntnis gipfelt in der Darstellung der Wohnungen von Warschau, die er besichtigt, um Einrichtungen für Offiziere zu suchen. Da merkt er, dass die Polen anders als in der NS-Propaganda ein Kulturvolk sind. Später ist er Augenzeuge der gnadenlosen Niederwerfung des Warschauer Aufstandes und gibt zu, dass die Kämpfer des polnischen Widerstandes die wahren Helden dieses Krieges waren – und nicht die deutsche Übermacht, wie er es direkt schreibt. Wie solche Briefe durch die Zensur ihr Ziel erreichen konnten, bleibt schleierhaft. Vielleicht hatten manche Offiziere mehr Freiraum. In der Tat spielt die Solidarität und die Menschenwärme unter Kameraden in den Stöltens Briefen eine große Rolle. Peter Stöltens Tod in seinem Panzer in einem aussichtslosen Kampf verleiht dem Buch eine metaphysische Tiefe. Es hat kein „happy end“. Frau Irrgang sagte mir, dass diese Arbeit ihr die Möglichkeit geboten hat, sich mit einer Person der Geschichte zu identifizieren und damit irgendwie ein anderes Leben zu leben. Diese sehr genau dokumentierte Dissertation ist deswegen ein Heldenepos und eine feinfühlige Seelendarstellung geworden. Und denkt man an den jungen Toten Stölten, weiß man was Deutschland, was Europa an Intelligenz und Herz im Hitler-Krieg verloren hat. (JPP)

 

 

Danielle Nenntwich. „Bubi… verstehe einer die Menschen!“ . Eigenverlag, ISBN-Nr. 3-00-002589-8.

Wie leicht es doch ist, sich ein wettertrübes Wochenende mit den Amüsements anderer Leute zu erhellen. Schmunzeleffekte gibt es gratis, wenn man sich die in einem Büchlein protokollierte Kurzweil einiger Monate des heranwachsenden Katers von Danielle Nenntwich zu Gemüte führt. Er ist es nämlich, der unser Gebaren beobachtet und sich ständig wundert. Warum er allerdings gerade auf den Namen Bubi und in noch liebevoller verkleinerter Form hört, erschließt sich einer Berlinerin nicht ganz, doch die Denk- und Sichtweise dieses kleinen Familienlieblings ist insgesamt ein bisschen regional gefärbt. Da lesen sich die übermütigen Erlebnisse des Haustiers immer spaßiger. Und man muss diese kleinen hübsch dosierten Histörchen einfach heiter nehmen, auch wenn so ein Haustiger zuweilen die unmöglichsten Dinge anstellt und seine „Menschenmama“ mächtig auf Trab hält. Dem Köpfchen des kleinen Katers entspringen versteckte Sticheleien, die aber gerecht an IHN und SIE verteilt werden. Die Anspielungen an die Frau sind heiter verpackt, eine Art Selbstkritik also. Wir kennen das deutsch-französische Schicksal der Autorin, und das ist der Grund, warum wir dieses Buch, das hier nicht nicht so gut in das politische Umfeld passt, rezensieren. Die Kritik am naschsüchtigen Mann als „Pascha Nr. 1“ kommt natürlich wie eine nett gemeinte Spöttelei an.  Wer bisher noch ohne Kätzchen gelebt hat, bekommt glatt Lust, seine eigenen Erfahrungen mit so einem Schmusetier zu machen… Die „Ghostwriterin“, von diesem Bubi hat versprochen: Fortsetzung folgt… Und ein Foto könnte sie auch noch nachreichen, findet Johanna Brunne.
 

 

Gorch Pieken, Cornelia Kruse. Das Haushaltsbuch der Elsa Chotzen - Schicksal einer jüdischen Familie 1937-1946. Nicolai-Verlag, ISBN 978-3-89479-298-5

Durch Zufall wurde 2003 das von 1937 bis 1946 geführte Haushaltsbuch der Familie Chotzen, einer deutsch-jüdischen Familie aus Berlin, entdeckt. Gorch Pieken und Cornelia Kruse haben anhand dieses Buches, und mit Augenzeugenberichten, das Leben dieser Familie rekonstruieren können. 

Elsa Chotzen ist eine „arische“ Deutsche, die mit ihrem jüdischen Mann eine sehr glückliche „Mischehe“ führt. Deren ganzer Stolz sind ihre vier intelligenten, hochsportlichen und glücklich verheirateten Söhne. Ab 1937 wird das Haushaltsbuch geführt, da die - nicht nur - wirtschaftliche Lage immer prekärer wird. Nach der Kristallnacht 1938 verschärft sich die Situation für die Familie noch einmal, Zwangsarbeit, Schikane und Demütigungen werden zur Tagesordnung. 1942 ist dann der „Beginn der Katastrophe“: Der Ehemann stirbt durch die Folgen der Zwangsarbeit und der nach Riga deportierte jüngste Sohn kurz darauf. Elsa Chotzen wird an den Demonstrationen der Rosenstraße teilnehmen, wo „arische“ Frauen gegen die Festnahme ihrer Angehörigen tagelang und letztendlich erfolgreich protestieren, als zwei ihrer Söhne in einer Razzia festgenommen werden.

Jedoch werden beide Söhne, zusammen mit ihren Ehefrauen, etwas später wieder festgenommen und nach Theresienstadt deportiert. Sterben werden sie 1945 in den berüchtigten Arbeitslagern bei Landshut. Eine von Auschwitz zurückgekehrte Schwiegertochter und der älteste Sohn, der sich in Berlin verstecken konnte, sind die einzigen Angehörigen, die Elsa Chotzen am Kriegsende noch hat.

Diese mutige Frau hat mit aller Kraft versucht, einen normalen Alltag in dieser wahnsinnigen Zeit und vor allem ein intaktes, liebevolles Familienleben zu schaffen. Geburtstage wurden so festlich wie möglich gefeiert, die Wohnung blank poliert, kleine Aufmerksamkeiten irgendwie noch möglich gemacht. Aber die Einträge im Haushaltsbuch lassen immer mehr die unbarmherzige Wirklichkeit zum Vorschein: Neben Butter- und Broteinkäufe tritt der Kauf der David-Sterne auf, die Pflaster- und Arzneimittelmenge nimmt dramatisch zu, als Söhne und Vater zur Zwangsarbeit in Berlin gezwungen werden. Fahrgeld- und Telefonate werden akribisch dokumentiert, wenn die Mutter um das Leben ihrer Kinder kämpft, Porto für Hunderte von Paketen, die sie ab 1943 nach Theresienstadt schickt, wird fast tagtäglich eingetragen*, Letztlich werden noch die Kosten für die Suchanzeige in den Zeitungen aufgeführt. Erst 1946 erfährt die Mutter mit Gewissheit vom Tod ihrer Kinder. Dieses Buch ist ein ergreifendes Dokument über das Leben einer glücklichen Familie, die innerhalb weniger Jahre fast vollständig ausgerottet wird. Geduldig und mit großem Feingefühl haben beide Autoren die Einzigartigkeit dieses Dokumentes ausgewertet, das durch seine Wirklichkeitsnähe die Tragik des Holocausts noch stärker hervorhebt. (AB)                                                                                                                                           

*Die Korrespondenz zwischen Theresienstadt und Berlin sowie weitere Dokumente über die Familie Chotzen sind außerdem im Haus der Wannseekonferenz in Berlin ausgestellt, Website des Hauses: www.ghwk.de.
 
 

Daniel Koerfer. Hertha unter dem Hakenkreuz. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2009, 19.50 Euro

Die blau-weiße Hertha kommt nicht aus den Schlagzeilen. Neulich ging es beim berühmten Berliner Fußballklub um eine 21 Millionen-Pleite, die der CDU-Bundestagsabgeordnete Frank Steffel sich bemühte abzuwenden. Die „B.Z.“ war im Besitz eines „streng vertraulichen drei Din-A4-Seiten-Briefes“ des Politiker an den Hertha-Präsidenten Werner Gegenbauer, in dem Lösungen angeboten wurden, um den Abstieg zu verhindern. „Alle müssen begreifen: Berlin ohne Erstliga-Fußball, das wäre eine Katastrophe für die ganze Stadt“, schreibe der Zeitungkommentator vom Dienst.

Dass die Politik sich immer für das Schicksal des Fußballs im Allgemeinen und von Hertha im Besonderen als Prestigeobjekt interessiert hat, ist eine unumstößliche Tatsache. Leider waren manche Größen des III. Reiches und auch der DDR, wo Erich Mielke seine Hausmannschaft „Dynamo“ wie seinen Augapfel hütete und pflegte („Dynamo“ musste immer siegen), auch Fußballfans.  Dieses Sonderverhältnis in den zwölf braunen Jahren ist Professor Daniel Koerfer, Experte für neuere Geschichte, anhand einer Vielzahl von Dokumenten, Zeugnissen, Befragungen und seltenen, meist bisher unbekannten Fotos nachgegangen, die schon an sich außerordentlich aufschlussreich sind.  Gerade die Fotos sprechen eine eindeutige Sprache und zum Sport gehört auch das Bild, das weiß der Autor. Er hat kaum fassbare Aufnahmen zusammen getragen. So sieht man etwa, wie im März 1933 fast 100 preußische Polizisten auf dem Boden des Sportpalastes ein riesiges Hakenkreuz formen. Man sieht auch Goebbels als verkrampfter Zuschauer, neben dem englische Botschafter sitzend, während die Engländer die Berliner Mannschaft platt drücken. Koerfer hat sich die Mühe gemacht anschließend im Goebbels Tagebuch nachzuschauen, wo Mr. Propaganda- und Volksaufklärungsminister die Überlegenheit des englischen Teams zugibt. Die Herthaner waren eine Großfamilie und das Fotoalbum gehört selbstverständlich dazu. Heute hat man das auf einem USB-Schlüssel. Leider. Aber praktisch.

 Der Vergleich zwischen dem Verein Hertha BSC von damals und dem heutigen Berliner Fußball Club ist in der Tat kaum möglich. Es hatte damals 400 Mitglieder, die boxten, kegelten, Fußball spielten und nach der Mode der Wandervögel gemeinsam wanderten und sangen. Heute, bei den über 16.000 Mitgliedern ist das  eine seltsame Vorstellung. Damals war der interne Zusammenhalt allerdings eng: man kannte, man vertraute sich, und der Verein stand zu seinen prominenten Sportlern und Coachs. Schlüsselfigur und heimlicher Held der Studie von Koerfer ist Wilhelm Wernicke, Sozialdemokrat aus dem “Roten Wedding“, Herthas damaliger Heimat, wo Koerfers Drama spielt. Der politisch unerwünschte Gewerkschaftsmann Wernicke durfte im Dritten Reich offiziell so gut wie nicht mehr Erscheinung treten, er zog aber weiter im Hintergrund die Fäden. Er verschickte im Krieg an die 300 Herthaner an der Front jede Woche (!) einen Brief aus der Heimat zusammen mit der offenbar heiß begehrten "Fussballwoche". Es waren bald so viele Sendungen, dass für Hertha von der Reichspost am Gesundbrunnen ein eigenes Postamt eröffnet wurde. Koerfer hat viele solch kleine,  aber ungemein anschauliche Details gesammelt und herausgefunden.

Wernicke war wohl unantastbar. Hertha hätte als Ganzes rebelliert, hätte man ihm ein Haar gekrümmt, was zeigt, dass im Dritten Reich passiver Widerstand möglich war, aber nicht allen Gegnern erging es wie ihm.

Da ist vom jüdischen Mannschaftsarzt der Hertha die Rede, wird seine völlige Isolierung, Entrechtung, Ausplünderung, und sein Transport nach Auschwitz nachgezeichnet, wo er sterben, wo er umgebracht werden wird - Schritt für Schritt in all den vielen kleinen und immer perfideren Drangsalierungen der deutschen Machthaber. Des Arztes enteignete, ausgeplünderte (das hieß damals: verwertete) Wohnung in Berlin-Wilmersdorf vermittelt das staatliche Wohnungsplanungsamt  an einen  SS-Gruppenfürer, einen SS-General. Im Nachkriegsdeutschland wiederholte sich diese Methode. Bekanntlich wurden in der DDR Wohnungen von politisch Verfolgten an regimetreue Kader vergeben, aber auch davor zeigt Koerfer, wie die Frau  eines von den Sowjets am 3. Mai 1946 festgenommenen Herthaners, Charlotte Siebeck, auf der Grundlage einer sogenannten „Rechtsverordnung“ ein vollständiges Vermögensverzeichnis abgeben muss. Dabei war Erhard Siebeck, ebenso wenig wie ein anderer Hertha-Häftling des NKWD gar kein glühender Nationalsozialist gewesen. Er hatte sich immer für den Jugendsport eingesetzt  und musste logischer weise in der Hitlerjugend HJ und bei der Propagandaorganisation der Beamten mitmachen. Georg Jung war seinerseits 1933 der NSDAP beigetreten, 1934 als Freimauerer ausgeschlossen worden und 1938 in der Partei nach einer Führeramnestie wieder aufgenommen worden. Junge hatte das „Glück“ zu überleben und gesundheitlich angeschlagen, aus dem Lager Buchenwald 1948 entlassen zu werden, während Siebeck und andere in die Sowjetunion verschleppt wurden und dort starben.

Es ist ein großer Verdienst dieses Buches über 1945 hinaus Informationen zusammengetragen zu haben. Koerfer ist kein Anhänger der spitzfindigen und künstlichen Differenzierungen von Kollegen, die sich bemühen, Unterschiede zwischen der NS- und der Sowjet- bzw. der DDR-Diktaturen herauszudestillieren, um behaupten zu können, dass die DDR nicht „totalitär“ war. Was Alexander Solschenizyn die „Knochenmühle“ des Gulags beschreibt, gab es auch in der Sowjetzone, später DDR in der Form der in NKWD-Speziallager umfunktionierten NS-KZ-Lager, später Sonderhaftanstalten der Stasi. „Gehen nicht beide Systeme, das nationalsozialistische wie das kommunistische, von der absoluten Verfügbarkeit über das Individuum aus?“ schreibt der Autor sehr richtig. Warum fast alle Rezensenten des Buches diesen Vergleich zwischen beiden Enteignungs- und Unterdrückungsmaschinen der Nazis und der Kommunisten gänzlich bei Seite gelassen haben, spricht Bände. Dieser Vergleich ist 20 Jahre nach dem Zusammenbruch der DDR und des Sowjetimperiums schon nicht mehr „politisch korrekt“.

Zum Glück gibt es immer Trost. Nach dem Krieg war Wernicke führend am Wiederaufbau des Vereins beteiligt. Er wurde Ehrenvorsitzender und blieb das bis zu seinem Tod 1967. Deutschland wurde wieder international und, wie man weiß, verhalf „Das Wunder von Bern“ die geplünderte und gedemütigte  Nation zum internationalen Ansehen. Auch im Dritten Reich wurde bis in den Untergang hinein Fußball gespielt, bis wenige Wochen vor der Kapitulation, während er in England als dem Mutterland des Fußballs in allen Jahren des Zweiten Weltkriegs überhaupt nicht mehr stattfand. Wie schwierig das in Berlin angesichts des zunehmenden Bombenkrieges und der an den verschiedenen Fronten kämpfenden Spieler war, kann man im Buch nachlesen. Für die Spieler und die massenhaft in die Stadien strömenden Zuschauer wurde dieser Sport aber auch zunehmend wichtig, weil er einen normalen Alltag vorgaukelte, indem der Tod schon lange der heimliche Meister in Deutschland.

Gerade dieses Doppelspiel zwischen Leben und Tod, zwischen Glanz und Untergang, zwischen Bühne und Kulisse, zu einer Zeit, als der Fußball noch nicht Kommerz und noch nicht Schauspiel war, verleiht dem Buch von Koerfer seine Tiefe. Und dennoch liest er sich wie eine Chronik, mitunter wie ein Magazin oder ein Roman. Alle Hertha- und Fußballfans sollten es auf ihrem Regal haben. (JPP)

 

 

Alice Herz-Sommer "Ein Garten Eden inmitten der Hölle" - Müller, Melissa; Piechocki, ReinhardMelissa Müller, Reinhard Piechocki. "Alice Herz-Sommer - "Ein Garten Eden inmitten der Hölle“. Droemer Verlag, ISBN 978-3-426-27389-0

Melissa Müller (u.a. „Bis zur letzten Stunde. Hitlers Sekretärin erzählt ihr Leben“) und Reinhard Piechocki erzählen in diesem Buch das Leben der hundertsechsjährigen Pianistin Alice Herz-Sommer, Tschechin jüdischer Abstammung.

Nach glücklichen Jahren in der Prager Kulturmetropole des frühen XX. Jahrhunderts wird A. Herz-Sommer mit ihrem Mann, ebenfalls Musiker, und ihrem fünfjährigen Sohn 1939 von der Wirklichkeit eingeholt. Als Hitler nicht nur das Sudetenland sondern auch die ganze Tschechoslowakei in Besitz nimmt, geht es für sie langsam aber sicher bergab. Entwürdigungen im Alltag mehren sich bis zur Deportation und Inhaftierung der Familie in Theresienstadt. Alice Herz-Sommer wird durch ihr Talent, aber auch einfach durch schieres Glück immer wieder vom Abtransport nach Auschwitz gerettet. Sie wird über zwei Jahre lang Kindern, die fast alle später vergast werden, Klavierunterricht geben und vor allem bei der „Freizeitgestaltung“-Organisation in Theresienstadt sehr aktiv mitwirken. Die Fülle von hochkarätigen Musikern und Künstlern, die dort eingepfercht werden, ermöglicht nämlich die Inszenierungen von erstklassigen Opern und Konzerten inmitten dieser Höhle. Das Propagandafilm „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ wird sich dessen bedienen, um den Trugschein eines normalen Alltags vorzutäuschen.

Als ihre Mutter deportiert wird, rettet sich die Musikerin vor der Verzweiflung durch das Studieren der 24 Etüden von Chopin, die den höchsten Gipfel jedes talentierten Pianisten darstellen. Diese 24 Etüden wird sie alle nacheinander in vielen Konzerten vorspielen. Die Beschreibung jeder dieser Etüde, geknüpft an Schicksale der Ghetto-Insassen, bildet der Höhepunkt des Buches. Da erfährt man von absurden, tragischen Geschichten, z.B. wenn die Premiere von Verdis „Requiems“ dreimal neu stattfinden soll, weil alle Musiker am nächsten Tag nach Auschwitz abtransportiert werden. Oder wenn am Lagerabort hochrangige Musiker sich durchs Pfeifen eines Quartett von Beethoven wieder erkennen.

Nach dem Krieg wird die Musikerin zusammen mit ihrem Sohn nach Israel auswandern - ihr Mann starb in Dachau -, in der kommunistischen Tschechoslowakei sind nämlich die KZ-Überlebenden ein Dorn im Auge vieler Tschechen. Bis ins fortgeschrittene Alter wird sie weiterhin Konzerte geben, aber vor allem Kinder am Klavier unterrichten. Sie lebt heute in London und für sie ist es weiterhin „die Musik, die uns ins Paradies bringt“. In dieser surrealen Theresienstadt-Welt, wo das Beste im Menschen vom Bösen fast vollständig vernichtet wurde, hat A. Herz-Sommer ihre Glauben in die Musik und im Menschen nicht verloren. Dieses Buch ist ein Zeugnis dieser begnadeten Optimistin. (AB)                                                                                                                            

 

"Frau, komm!" - Münch, Ingo vonIngo von Münch. „Frau, komm!“ – Die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen 1944/45. Ares Verlag, Graz. 2009. ISBN 978-3-902475-78-7

Vergewaltigungen als Vergeltungsmaßnahmen haben schon immer zu den schrecklichen Begleiterscheinungen des Krieges gezählt. Was sich bei dem Einmarsch der Roten Armee in Deutschland zwischen Ende 44 und Mai 45 (und auch später) zugetragen hat, sprengt aber diesen Rahmen. Für schätzungsweise zwei Millionen Frauen und Mädchen wurde allein in dieser Zeit der Ausruf „Frau, komm!“ zum Albtraum.

Ingo von Münch hat sich diesem sehr schwierigen und leidvollen Thema gewidmet, das bis jetzt nur zusammen mit den anderen Katastrophen des Kriegsendes mit erwähnt wurde. In der Flut der Erscheinungen über den Zweiten Weltkrieg hat erst 2003 die Neuerscheinung des Buches „Anonyma“ - Eine Frau in Berlin“ und deren Verfilmung 2008 an das Thema angeknüpft. Solschenizyn und Kopelew (die in Ostpreußen als Rotarmisten unterwegs waren, Kopelew verschwand wegen „Mitleid mit dem Feind“ für 10 Jahre im Gulag) sind die wenigen Stimmen unter den Russen, die über dieses Thema ebenfalls zu hören waren.

Der Autor versucht in diesem Buch, die Ursachen für diese Schandtaten sowie für deren Tabuisierung zu finden. Die Propaganda vor allem eines Ilya Ehrenburg, die Verrohung der russischen Soldaten nach 3 Jahren Krieg, die Rachegefühle und die „Trunkenheit“ (im wahrsten Sinne des Wortes) über den sicheren Sieg werden als Erklärungen gebracht. „Der siegreiche Mann demütigt auch den besiegten Mann mit der Vergewaltigung von dessen Frau“.

Oft aus Scham haben die Frauen und Mädchen nicht über ihre schrecklichen Erfahrungen sprechen können - die Täter müssten sich aber schämen, nicht die Opfer! -, oder aus Verdrängung. Tabuisiert wurde das Thema aber auch, weil diese Schandtaten in Ostdeutschland bzw. in der zukünftigen DDR stattfanden, wo jede Kritik über den „großen Bruder“ selbstverständlich verboten war. Im Westen wurde derjenige auch schnell des Revisionismus bezichtigt, der die Deutschen nicht nur als „Tätervolk“ sondern auch „Opfervolk“ betrachtete.

Ingo von Münch verleiht vielen dieser Opfer wieder eine Stimme, jedes einzelne Schicksal ist alptraumhaft. Möge dieses Buch dazu beitragen, dass im Kollektivbewusstsein Kriegsvergewaltigungen als Kriegsverbrechen betrachtet wird und entsprechend geahndet werden (siehe Ostkongo, wo seit Jahren Frauen zu Freiwild geworden sind).

Das Buch genügt in seiner Präzision und Objektivität wissenschaftlichen Ansprüchen. Teil der neueren deutschen Geschichte ist auch, dass sich für so eine Arbeit zu so einem sensiblen Thema offenbar kein anderer Verlag als der ARES Verlag findet, dessen Mutterverlag Stocker Verlag teilweise sehr suspekte Publikationen (z.B. „Neue Ordnung“) vertreibt. (AB)

 

handbreithoffnung.jpg Clara Kramer. Eine Handbreit Hoffnung – Die Geschichte meiner wunderbaren Rettung. Droemer Verlag, ISBN 978-3-426-27507-8

In diesem Buch erzählt Clara Kramer, mit 81 Jahren, ihre unglaubliche Geschichte, die Rettung einer jüdischen Polin vor dem sicheren Tod durch einen Volksdeutschen.

Das Drama der Juden in Ostpolen, die unter der russischen Besetzung nach dem Hitler-Stalin-Pakt noch einigermaßen sicher sind, fängt richtig an, als die Deutschen den Russlandsfeldzug starten. Nach dem Durchmarsch der Wehrmacht stürmen SS-Truppen nach, unterstützt von polnischen und ukrainischen Volkspolizisten, um die systematische Liquidierung der Juden durchzuführen. Verzweifelt nach einem Versteck suchend findet Claras Familie sowie zwei andere jüdischen Familien, völlig unerwartet, die Rettung bei Valentin Beck, einem Volksdeutschen.

20 Monate lang werden Clara und weitere 17 Personen im Kellerboden seines Hauses überleben. Es wird ein tagtäglicher Kampf gegen die Unterernährung, das Ungeziefer, die Verzweiflung, die panische Angst, durch Geräusche entdeckt zu werden, vor allem als noch zwei Kleinkinder, Claras Cousins, dazu kommen. Monatelang werden deutsche Soldaten im Haus untergebracht werden, fanatische antisemitische Sprüche werden bei maßlosen Trinkgelagen direkt über ihren Köpfen gebrüllt. Aber Herr Beck, seine Frau und seine Tochter werden die Verzweifelten bis zur Erschöpfung schützen, bis zur Ankunft der Roten Armee. Aus Menschlichkeit und tiefem Glaube.

Weihnachten 1942 befahl ihre Mutter Clara, ein Tagebuch zu führen, damit, falls alle umgebracht werden, wenigstens Zeugnis davon abgelegt wird. Herr Beck wird ihr dafür immer wieder Tagebücher schenken. Beim Kriegsende, als Becks Familie vom NKWD festgenommen wird und als Volksdeutsche nach Sibirien geschickt werden sollen, wird Clara dieses Tagebuch dem russischen Parteisekretär zeigen, und dadurch die Befreiung der Becks erlangen. Diese werden aber, unfrei und verarmt, im kommunistischen Polen einige Jahre später sterben, während Clara und ihre Familie nach Israel und dann in die USA emigrieren werden.

Dieses Buch ist ein weiteres wichtiges Zeugnis von der Unmenschlichkeit, die vor 70 Jahren in Europa getobt hat, aber auch von der Hoffnung un den Glauben in den Menschen, seien sie nur „eine Handbreit“ voll. Von 5.000 Juden aus Claras Geburtsort Zólkiew haben 50 den Holocaust überlebt, die meisten durch die selbstlose Aufopferung von Leuten wie Herrn Beck. In der „Allee der Gerechten“ in Yad Vashem steht ein Baum für Valentin Beck.
(AB)

 

                                                                                                                                                                           

Vera Lengsfeld <br>Von nun an ging`s bergauf... Vera Lengsfeld. "Mein Weg zur Freiheit - Von nun an ging´s bergauf", LangenMüller Verlag, ISBN 978-3-7844-6014-7

In ihrer Autobiographie beschreibt Vera Lengsfeld sachlich und menschlich zu gleich, aber nie mit Verbitterung oder gar Hass, ihren Lebensweg: ihre Kindheit in einer parteitreuen Familie - die Mutter weint zum Tode Stalins, der Vater wird erst nach ihrer Verhaftung das System in Frage stellen -, ihre ersten Zweifeln nach einer Reise mit den Eltern in die Sowjetunion, ihre immer stärkere Abneigung gegen das System, die sie mit einigen ihrer Studiums-Kommilitonen teilt und das sich langsam entfaltendes politisches Engagement, erst in ihrem Wohnzimmer und dann ab den 80er Jahren in den ersten Umweltgruppen. Eine sehr interessante Insiderstudie der Dissidentengruppen wird geboten, die innerhalb kürzester Zeit von IMs infiltriert und so erfolgreich zersetzt werden, dass 1985 jegliche Aktionen gegen diese Gruppen von der Stasi eingestellt werden. Nach der Tschernobyl-Katastrophe und der Ankunft Gorbatschows an der Macht bilden sich aber wieder neue, immer zahlreichere und mutigere Dissidentengruppen, die eine so große „Gefahr“ darstellen, dass sie, als eine der Dissidentenführerin, zusammen mit anderen Dissidenten verhaftet wird und nach England abgeschoben wird. Nach der Wende, die sie zufällig in den ersten Reihen an der Bornholmer Brücke erlebt, kommt ein neuer Schicksalsschlag für sie, als, nach der Öffnung der verbleibenden Stasi-Akten, die Enttarnung des IM „Donalds“, ihres Mannes und Vaters ihrer zwei jüngeren Söhne, öffentlich wird. Die Aufarbeitung dieses Schlages und ihr politisches Leben als Grüne-Abgeordnete und dann CDU-Mitglied bilden das letzte Teil des Buches.

Vera Lengsfeld hat viel erlebt, „es war nie langweilig“ und sie ist trotz allen Verrates, Hetzkampagnen und Unwahrheiten (die Stasi hat immer wieder Gerüchte verbreitet, dass sie selbst IM wäre), ein positiver und hoffnungsvoller Mensch geblieben, dessen heißersehnsten Wunsch, die Abschaffung der DDR-Diktatur, noch zu ihrer Lebenszeit in Erfüllung gegangen ist. Ihre Lebenskraft und vor allem ihr Glaube an die wahren wichtigen Werte wie Freiheit und Solidarität sind absolut bewundernswert, und wie die Geschichte es zeigt, siegen sie auch am Ende. (A.B.)

 

Hubertus Knabe. "Die Täter sind unter uns - Über das Schönreden der SED-Diktatur" Propyläen Verlag, ISBN 978-3-549-07302-5

Wenn Sie wenig Zeit haben und EIN Buch über die DDR und ihre Stasi-Vergangenheit lesen wollen, ist „Die  Täter sind unter uns - Über das Schönreden der SED-Diktatur“ von Hubertus Knabe das richtige.

Es ist ein Buch, das man nur mit vielen Unterbrechungen lesen kann, so unerträglich sind die Tatsachen, die Hubertus Knabe klar und deutlich zum Tage fördert. Man empfindet beim Lesen bestenfalls Unverständnis, aber wohl eher Ekel- und Wutgefühle gegenüber einer Politik, die es nicht geschafft hat, nach der Wende klare politische Verhältnisse zu schaffen.

In vier Kapiteln beschreibt Hubertus Knabe die aktuelle Lage in Deutschland, die ungenügende (bis fehlende) Bestrafung der ehemaligen Stasi-Mitarbeiter, das kaum beachtete und noch weniger in irgendeiner Weise wieder gutgemachte Leid der Opfer und schließlich die „Wiedergeburt“ der alten Kader. Es ist die Rede von PDS-ausgerichteten Anwälten, verhöhnten Opfern und alten Stasi-Kadern, die ihre Renten auf Kosten der deutschen Steuerzähler beziehen, zwar verbittert über ihre Niederlagen, aber eben auf dem Weg, die Geschichte aus ihrer Sichtweise zurecht zu rücken

Knabe, seit 2000 Direktor der Hohenschönhauser-Gedenkstätte (sehr zum Leid der alten Veteranen, die oft immer noch in der direkten Umgebung des ehemaligen schlimmsten DDR-Gefängnisses wohnen), war zuvor 8 Jahre lang in der Forschungsabteilung der Gauck-Behörde tätig und hat selbst eine umfangreiche Akte bei der Stasi gehabt. Er ist einer der besten Kenner der Stasi-Vergangenheit der DDR und beschreibt in präziser, kompromissloser und trotz allem beherrschter Sprache die Zustände, die heutzutage in der Republik herrschen. Er kämpft gegen das beschönigte Bild der DDR, das immer aktueller wird (man denke an die Aussage über den Unrechtstaat von Gesine Schwan). Die strafrechtliche Verfolgung der Stasi-Mitarbeiter ist aus seiner Sicht absolut ungenügend erfolgt, sei es aus Überlastung, wohlwollenden Gerichten, zurückhaltender Haltung bei den Politikern. Die „Ur“-Schuld liegt wohl beim Einigungsvertrag, der es fatalerweise versäumt hat - vermutlich aus falsch verstandenem Versöhnungswillen -, die Stasi, die SED und andere dazugehörende Organisationen als kriminell zu brandmarken. Leider sind die Schlüsse, die man aus der Nazi-Aufarbeitung hat ziehen können, nach dem Ende der zweiten deutschen Diktatur nicht entsprechend übernommen worden. Wohl, wie Knabe immer wieder beteuert, weil diese Diktatur von vielen eben nicht als solche betrachtet wird. Die BRD hatte spätestens 20 Jahre später nach Ende der Nazi-Zeit erkannt, welche Täter noch in ihren Rängen waren, man sollte, 20 Jahre nach der Wende, das endlich erwarten, dass die Täter als solche entlarvt und entsprechend bestraft werden. Das Buch von Hubertus Knabe ist auf jeden Fall ein Schritt in diese Richtung. (A.B.)

 

Im Visier der Geheimdienste: Deutschland und Russland im Kalten Krieg: Helmut Roewer Helmut Roewer. "Im Visier der Geheimdienste - Deutschland und Russland im Kalten Krieg"

Dieses Buch ist der letzte Teil einer Trilogie über 100 Jahre Geheimdienste, der erste Teil „Skrupellos“ (1914-1941) ist bereits erschienen, der zweite „Das Märchen von der Roten Kapelle“ (1941-1945) kommt in Kürze heraus, der dritte, „Im Visier der Geheimdienste“ also, umfasst die Zeitspanne zwischen 1945 und 1995.

Witzig und spannend geschrieben, augenscheinlich äußerst umfassend recherchiert (das Quellenverzeichnis umfasst mehr als 40 Seiten!) springt der Autor gekonnt von einer Geschichte zur anderen, von der Anwerbung ehemaliger Nazi-Spione für das NKWD (oder, je nach dem, ihrer Liquidierung), über die Schaffung des Ost-Nachrichtendienstes treu nach dem sowjetischen Muster, das „Umdrehen“ von Ost- bzw. Westspionen, das Infiltrieren von den Ost- und Westfriedensbewegungen bis hin zur für alle Beteiligte überraschenden Wende und die für die Geheimdienste sehr ergiebige Zeit danach.

Sein Insider-Wissen (er war ja jahrelang Beamter im Innenministerium und dann Präsident des Thüringer Verfassungsschutzes) macht das Buch natürlich umso lesenswerter und beleuchtet die manchmal mehr, manchmal weniger bekannten Ereignisse aus einer „Profi“-Perspektive, fern von irgendwelcher abenteuerlichen oder mysteriösen Aura.

Fazit des Buches: an den Taten der Geheimdienste kommt man nicht vorbei, sie begleiten (oder gar bestimmen) alle wichtigen Ereignisse der Geschichte Nachkriegseuropas. In diesem Wettkampf scheint die Skrupellosigkeit bei den Ost-Diensten und eine gehörige Portion an Selbstgefälligkeit und Naivität beim BND zu siegen. (A.B.)

 

Jens Schöne: "Die friedliche Revolution", BerlinStory Verlag, ISBN 978-3-929829-97-6

„Die friedliche Revolution“ bringt es fertig, in knappem Format (134 Seiten mit zahlreichen Archivfotos) die Ereignisse zu schildern, die von der Gründung der DDR bis zur Wiedervereinigung stattgefunden haben. In klarer, verständlicher Sprache beschreibt der Autor - übrigens Stellvertretender Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen - sehr präzise und mit vielen Details, wie es zu diesem Unikum in der deutschen Geschichte, der friedlichen Revolution, kommen konnte.

Auf jeden Fall empfehlenswert für jeden (Jugendliche inklusive!), der sich einen Einstieg in die jüngere Geschichte Deutschlands verschaffen will. (A.B.)           

 

Jean-Paul Picaper. "Operation Walkyre". Editions de l'Archipel. Paris. 2009.

Das Buch in französischer Sprache von Jean-Paul Picaper „Opération Walkyrie“ (Verlag Editions de l’Archipel, Paris) befasst ssich mit dem ganzen Widerstand der Deutschen gegen das Dritte Reich. Schon  wenige Tage nach ihrem Erscheinen zum Jahresbeginn 2009 erwies sich diese umfangreiche Analyse des deutschen Widerstandes mit allen seinen Facetten als ein Bestseller. Sie beinhaltet ausführliche Interviews der beiden letzten noch lebenden Teilnehmer an der Verschwörung, Ewald-Heinrich von Kleist-Schmenzin und Philipp Baron Boeselager (gest. am 1. Mai 2008) sowie von mehreren Kindern und Enkeln von hingerichteten Teilnehmern an der Verschwörung gegen Hitler, darunter Franz Ludwig Graf Stauffenberg, Felicitas von Aretin, Axel Smend, Alfred von Hofacker, Andreas Hermes, Matthias Graf Kielmansegg, und Lebensberichte von vielen Widerstandskämpfern von Hans – Alexander von Voss bis Theodor von und zu Guttenberg, behandelt aber auch den christlichen Widerstand, die Weisse Rose, den kommunistischen Widerstand, die Rote Kapelle, und alle wichtigen Einzelkämpfer wie Maurice Bavaud und Georg Elser, die in dem Kampf gegen den Leviathan ihr Leben gelassen haben. Die psychopathologische, ja dämonische Persönlichkeit ihrer „Zielscheibe“ Hitler wird auch dargestellt. Es ist in Frankreich das erste Buch, in welchem eine leichte journalistische Feder mit wissenschaftlicher Akribie den deutschen Widerstand den Franzosen näher bringt. Das Buch wird vom Sog des Films „Valkyrie“ von Bryan Singer mit Tom Cruise in der Rolle von Stauffenberg hochgezogen, bringt aber viel mehr als der Film, ist aber ein unentbehrliches, informatives Gegenstück zu diesem Film, der notgedrungen an der Oberfläche stecken bleibt.

(Sie können dieses Buch mit Rabatt unter folgender Adresse bestellen: Editions de l'Archipel, 34, rue des
Bourdonnais, F-75001 Paris - e-mail : jdbecricom@wanadoo.fr)

 

 

Barbara Koehn. Carl-Heinrich von Stülpnagel. Offizier und Widerstandskämpfer. Eine Verteidigung. Duncker & Humblot. Berlin. 2008. ISBN 3-428-12892-1

Das ist ein Buch, das die historisch interessierten Deutschen lesen sollen. Mit wissenschaftlichem Fleiß aber sehr leserlich, weil das Thema einen größeren Kreis von Lesern erreichen soll, hat Barbara Koehn, emeritierte Professorin  der Universität Rennes II und zweisprachig bekannte Autorin, Beweise gesammelt, damit die Legenden widerlegt werden können, womit eine Reihe neomarxistischer Historiker versucht, das Gedächtnis des militärischen und des konservativen Widerstandes gegen Hitler zu diskreditieren. Die Verleumdung vom General von Stülpnagel, der in Paris die deutschen Truppen befehligte und von Hitlers Schergen hingerichtet wurde, hatte in der „Süddeutschen Zeitung  angefangen. Aber kaum eine andere deutsche Zeitung hat dieses schiefe Bild korrigiert und die Dankbarkeit zum Ausdruck gebracht, die dem Kampf von Stülpnagel und von anderen, darunter Cesar von Hofacker, Hans Ottfried von Linstow und sonstigen Helden des Pariser Aufstandes gebührt.  

Bereits in ihrem ersten Buch zu diesem Thema „La résistance allemande contre Hitler 1933-1945“ (Presses universitaires de France, 2003), in deutscher Sprache „Der deutsche Widerstand gegen Hitler (Duncker & Humblot, 2007), hatte die Autorin angefangen, die deutschen Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus gegen die Verleumdungen in Schutz zu nehmen, die gegen sie von Junghistorikern wie Christian Gerlach, Gerd R. Überchär, Johannes Hürter, Manfred Messerschmitt, Christian Streit und anderen geführt werden. Diese Kritiken, die  danach trachten, aus den nichtkommunistischen Gegnern des Dritten Reiches Kriegsverbrecher zu machen, verfolgen das Ziel, den demokratischen-konservativen Widerstand abzustempeln, damit der kommunistische Widerstand wieder das Monopol des Antihitlerismus bekommt, das er mit dem Sturz der DDR verloren hatte. Es gibt neulich sogar versuche, Claus Graf Stauffenberg, der bisher als unantastbar galt, als ein ehemaliger Hitler-Fan erscheinen zu lassen. Diese Lüge wurde neulich von Autoren in Paris verbreitet und gewissenhaft in der Presse (im Magazin "Le Point" z. B.) wieder verbreitet.

Im besten Falle wollen die neuen Autoren geltend machen, dass es gar keinen Widerstand der Deutschen gegen die NS-Diktatur gegeben hat. Dass sie sich in Archiven aus Ostberlin und Moskau mit Dokumenten wappnen, spricht Bände. Die Nähe von einigen von ihnen, insbesondere vom Urheber der Enthüllungsaktion der Verbrechen der Wehrmacht, Hannes Heer, zu den Desinformationsanstalten des DDR-Staates ist inzwischen bekannt. Seine vom Institut für soziologische Forschung der Reemtsma – Stiftung in Hamburg geförderte Ausstellung zu den Verbrechen der Wehrmacht war von dem polnischen Historikers Bogdan Musial und von dessen ungarischen Kollegen Krisztian Ungwarz verrissen worden. Aber das geht weiter und es ist deshalb angebracht und erforderlich, das Buch von Frau Prof. Koehn bekannt zu machen und lesen zu lassen. Wir schrieben bei der Erstrezension dieses Buches : " Hoffentlich schreibt Frau Koehn noch weitere Texte dieser Art. Die Demokratie in Deutschland und Frankreich braucht sie". Leider verstarb die Autorin im Sommer 2009. (JPP)  

 

Gerhard Ringhausen. Hans-Alexander von Voss. Generalstabsoffizier im Widerstand. 1907-1944. Lukas Verlag. Berlin. 2008. ISBN 978-3-86732-031-3

Aus christlicher und freiheitlicher Überzeugung hatte sich dieser preußische Offizier aus einer Militärdynastie, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreichte, zum einem der entschlossensten Gegnern Hitlers entwickelt. Bereits 1940 und 1941, als er im Stab von Erwin von Witzleben war, hatte er sich zu einem geplanten Attentat auf die Person es „Führers“ entschlossen. Er wollte ihn in Paris mit dem Karabiner erschießen und hätte als guter Schütze sein Ziel bestimmt nicht verfehlt. Aber der Führer kam nicht. Danach war er mit seinem Freund Henning von Tresckow eine treibende Kraft in den Attentatsplanungen der Heeresgruppe Mitte. Nach dem 20. Juli wählte er aber den Tod, bevor man ihn verhaftete,  um seine Mitverschwörer unter der Folter nicht zu verraten. Der verhaftete Adjutant von von Tresckow, Fabian von Schlabrendorff, der durch ein Wunder überlebte und später erzählen konnte, war mehrmals in der Haft nach ihm befragt worden , hatte ihn und andere Verschwörer unter der Folter nicht verraten, was Menschenleben rettete. Aber Voss konnte das nicht wissen und er war sehr tief in das Anti-Hitler-Komplott involviert. Mit Dokumenten aus der Familie von Voss und Zeugenaussagen hat der Autor ein bewundernswertes Porträt dieses großen Deutschen hier verfasst. Der Sohn, Rüdiger von Voss, ist als Kurator der Stiftung 20. Juli 1944 an der Darstellung des Widerstandes heute aktiv beteiligt.  (JPP)

 

Charlotte Holz. „Die Bleibe“. „Ein Flüchtlingsschicksal. Frieling Verlag. Berlin. 2008. 144 Seiten. 8,90 Euro. ISBN 978-3-8280-2608-7

Charlotte Holz ist Französin. Nein, sie ist Deutsche. Eigentlich beides. Aber vor allem ist sie Preußin in ganzem Herzen geblieben. Im Januar 1945 musste sie,  kaum sechsjährig, mit ihren Eltern und Geschwistern mit der vorletzten Eisenbahn (ihre Mutter erwischte gerade noch die letzte) aus dem damaligen Bromberg (Westpreußen) vor der herannahenden Sowjetarmee flüchten. Fünf Jahre dauerte die Odyssee, fünf Jahre, in denen die Familie Unterkünfte fand aber, wie die Mutter sagte, keine „Bleibe“. Wie es im Leben ist, kehrt die Autorin heute mit der Feder, 69jährig, zu ihren Wurzeln zurück. Sie ist im Alter, wo man sich Fragen zur eigenen Identität stellt und auf die verschollenen, geliebten Menschen und auf die verlorene, geliebte Heimat, das verlorene Kindheitsparadies, zurückblickt. Vor zwei Jahren zeigte mir Frau Holz, die ich in der Eisenbahn zwischen Paris und Berlin kennen gelernt hatte, ihr Manuskript mit dem Titel „Die Bleibe“. Ich informierte die „PAZ“-Redaktion und vermittelte zwischen ihr und dem Frieling Verlag in Berlin, der heilfroh ist,  diese Kostbarkeit für die künftigen Generationen festgehalten zu haben. Das Buch wurde mit Erfolg auf der letzten Frankfurter Buchmesse vorgestellt. Frau Holz arbeitet jetzt an einer französischen Übersetzung.

Am Besten ließe sich dieser Lebensroman mit den Jugendmemoiren des französischen Schriftstellers Marcel Pagnol „Der Ruhm meines Vaters“, „Das Schloss meiner Mutter“ und „Die Zeit der Geheimnisse“ vergleichen, weil Charlotte Holz, die seit ihrer Heirat 1962 mit einem französischen Ingenieur auch einen französischen Namen trägt, das Andenken an eine frohe, wenn auch nicht von Geld gesegneten, kurze Kindheit in einer intakten Familie mit einem gütigen und prinzipientreuen Vater und einer fürsorgenden und liebevollen Mutter zelebriert, die den Kindern eine heile Welt vormachten, die es nicht mehr gab. Zum Glück war der Vater, der wie Pagnols Vater auch Volksschullehrer war, wegen einer Behinderung kriegsuntauglich. Fast ausser Reichweite des NS-Staates pflegten die Eltern noch alte Tugenden wie Fleiß, Sparsamkeit, Hilfsbereitschaft, Privatheit, die alle gar nicht so schlecht waren. Mit leichter Feder deutet Frau Holz das darauffolgende Leiden an. Sie beschreibt distanziert und mit unterschwelligem Humor, wie die Deutschen damals den skurrilen Launen der sowjetischen Sieger ausgeliefert waren. Sie übergeht auch einige Vorurteile der deutschen Landsleute gegenüber den Flüchtlingen aus dem Osten, die sie mir verriet. Enige hat sie aber beschrieben

Charlotte Holz zeigt, dass es sich immer lohnt zu überleben und dass ein Weg ist, wo der Wille da ist, ihn zu finden. Das Kriegs- und Fluchttagebuch ihrer mutigen und frommen Oma, das sie wieder gefunden hat und wiedergibt, ist ein Beweis dafür. Erstaunlich vor allem ist es, wie die Autorin, die sich allerdings in der Sprachenschule in Wuppertal zur Fremdsprachenkorrespondentin, Französisch und Englisch, qualifiziert hatte, Vokabular und Denkweise ihrer Altvorderen behalten hat. Das Buch wimmelt von Sprüchen, Vokabeln, Weisheiten, die damals landläufig waren. Sie hat diese verlorene Welt aus der Froschperspektive des Kindes gesehen. Sie hat sich umso fester bei ihr eingeprägt. Kinder sind anders als Erwachsene extrem anpassungsfähig. Die Eltern sorgten für Kontinuität und die Kinder für Opportunität in der chaotisch gewordenen Welt vom Kriegsende und in der unmittelbaren Nachkriegszeit, in der so genannten „schlechten Zeit“. (JPP)

 

Coverbild zu Eine Märtyrerin der „Roten Kapelle“: Libertas Schulze-Boysen

Silke Kettelhake. Erzähl allen, allen von mir! Des schöne kurze Leben der Libertas Schulze-Boysen. Droemer Verlag. München 2008. 432 Seiten.

In Brüssel, Paris, Zürich und vor allem in Berlin strahlten geheime Sender in Richtung Sowjetunion kodierte Nachrichten aus. Die NS-Geheimdienste nannten sie „die Rote Kapelle“. Es dauerte Monate, bis sie derer habhaft wurden. Dieses Netz bestand aus Menschen aus allen politischen Richtungen, die in ihrer Gegnerschaft zum Nationalsozialismus geeint waren. Unter ihnen waren viele junge Leute. Sie trafen sich zu politischen Gesprächen und hatten Kontakte mit ausländischen Zwangsarbeitern in Deutschland. Die zentralen Figuren dieses ausgedehnten Netzes waren  Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack.

Schulze-Boysen war der Kleinneffe vom Großadmiral Alfred von Tirpitz. Seine Frau Libertas war die Enkelin des Prinzen Philipp zu Eulenburg-Hertefeld, einem Freund des ehemaligen Kaisers. Schulze-Boysen war Mitglied einer konservativen antinazistischen Jugendbewegung gewesen. Er war 1933 mit 24 Jahre festgenommen worden und misshandelt worden. Die Schergen der Gestapo hatten ihn blutig ausgepeitscht und er trug davon die Narben an seinem Rücken und auf seinen Schultern. Das hatte er den Nazis sehr verübelt. Es machte aus ihm einen Kommunisten. Er lernte in Warnemünde das Fliegen, wurde Leutnant der Luftwaffe und erhielt eine Stelle bereits Anfang April 1934 in Görings Luftwaffenministerium, aber er war zugleich Sowjetagent geworden und organisierte geheime Fallschirmabsprünge von Agenten über Deutschland, übermittelte per Funk den Sowjets kriegswichtige Informationen. Viele seiner Freunde erfuhren das erst auf der Anklagebank.

Das außerordentlich dokumentierte Buch von Frau Kettelhake, die zweifelsohne politische Sympathie für das marxistische Engagement und das libertäre Leben dieses Paares empfindet, vermittelt Einblicke in die Zeit vor und während des Krieges in Berlin. Sie hat es gewusst, sich feinfühlig in die Persönlichkeit ihrer Heldin hinein zu versetzen und  ihr brillant geschriebenes Sachbuch liest sich wie ein Roman. Unbändige Begeisterungsfähigkeit, Freiheitsdrang und eine hohe Intelligenz kennzeichneten Libertas schon als junges Mädchen. Sie neigte anfangs zum Nationalsozialismus, kritisch gegenüber dem Regime wurde sie erst  im Zusammenleben mit ihrem Mann. In Berlin führten die beiden ein offenes Haus, in dem sich Künstler und Regimegegner trafen. Hier wurden die Pläne für Widerstandsaktionen entwickelt und Flugblätter verfasst. Als Filmdramaturgin im Reichspropagandaministerium sammelte Libertas heimlich Bilddokumente über deutsche Kriegsverbrechen und unterstütze ihren Mann bei der Übermittlung kriegswichtiger Informationen an die sowjetische Seite. Zugleich flüchtete sie sich in Affären und folgte dem Drang nach Unabhängigkeit auch von ihrem Mann.

Aufbegehrend gegen den Kriegswahnsinn, durchlitt sie eine Gratwanderung zwischen Mut und Angst. Ihre Zivilcourage unterschied sie in jener Zeit von der Mehrheit der Deutschen.  Als Fünfzehnjährige hatte sie sich das Leben einst „kurz und schön“ vorgestellt. So wurde es auch für sie. Kurz vor ihrem Tod sagte sie ihrem Bruder, den Frau Kettelhake heute noch befragen konnte und von dem sie kostbare Fotos und Dokumente erhielt: „Erzähl allen, allen von mir, unser Tod muss ein Fanal sein“. Wie der Tod von Sophie Scholl. Aberf bei Libertas war die Farbe Rot statt Weiß. Weil sie Gedichte schrieb, die als Zitate im Buch stehen, weil sie das Paradies und die Hölle hintereinander erlebt hat und weil das Buch zugleich ein Liebes- und ein Spionageroman mit wahrem Stoff ist, muss dieses Buch in die große, wichtige Reihe der Berichte über den deutschen Widerstand gegen Hitler. Denn es hat diesen Widerstand gegeben. Öfter als man denkt. Öfter als man weiß. Besonders im Ausland.

Der NS-Ankläger behauptete, dass Schulze-Boysen und sein Freund Harnack für den Tod von 200 000 deutsche Soldaten verantwortlich waren, was sicherlich stark übertrieben war. Am 30. August 1942 hatte die ersten Verhaftungen stattgefunden, zum Schluss insgesamt 200 an der Zahl. Beim ersten Prozess wurden 13 der Angeklagten zu Tode verurteilt – mit Ausnahme der Amerikanerin Mildred Harnack und der Gräfin Erika von Brokdorf, die zu sechs und zehn Jahren Haft verurteilt wurden. Hitler lehnte das Urteil ab und bestand auch für die Frauen auf die Todesstrafe. Die vornehme Gräfin, die Angestellte im Arbeitsministerium war, antwortete dem Richter Roeder, als er sie anschrie und die Todesstrafe mit den Worten; „Sie werden aufhören zu lachen!“, „Nicht so lange ich Sie sehe“. Insgesamt wurden 78 Angeklagte zur Todesstrafe verurteilt, darunter 19 junge Frauen, darunter zwei, die im Gefängnis entbunden wurden. Bis 1943 wurden noch mehrere Personen, die in dieser Gruppe mitgearbeitet hatten, hingerichtet, darunter ein Dichter, ein Bildhauer, ein Soziologe, ein Neurologe, ein Ingenieur und konservative Vertreter des Bürgertums. Zum ersten Mal ließ Hitler die Guillotine durch den Strick ersetzen. 

Am 22. Dezember 1942 endete das kurze Leben der Libertas Schulze-Boysen, geb. Hass-Heyde, auf dem Schafott. Sie hatte Harro 1934 getroffen und beide hatten sich sofort geliebt. „Ist da das Mädchen Libertas, mit Nachnamen Haas-Heye, schrieb er fünf Tage nach ihrer ersten Begegnung an seine Eltern. Sie ist 20 Jahre alt und sieht sehr gut aus, arbeitet selbständig bei der Metro-Goldwyn-Meyer (Film!) in der Pressestelle. Sie ist sehr nett und kann nichts dafür, dass sie die Enkelin vom alten Eulenburg ist. Die ihm zugesagte Eigenschaften hat sie jedenfalls nicht…“

 

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