INHALT

36. Andechser Europatage der Paneuropa-Union Deutschland  
Finanzminister Schäuble will den EFSF hebeln  
Hans Werner Sinn: Der Ausweg aus der Krise  
Auf dem Weg zu einem neuen Vertrag für Europa?  
Bundesverfassungsgericht: "Ja, aber" zur Griechenlandhilfe  
Ein Gründer Europas hat uns verlassen: Otto von Habsburg  
Christine Lagarde als Wächterin für Europa im IWF  
Ein Aufruf der Europa-Union Deutschland  
Europa streitet, Deutschland schaut zu  
2011, das Jahr der öffentlichen Finanzen Europa  
Die Wohlstandschere in der EU öffnet sich  
Wolfgang Schaüble: Stärkung des Stabilitätspaktes  
Frankreich - Europa - Deutschland. Wohin gehen wir?  
Straβburg: Das demokratische Gesicht Europas  
Auf dem Weg zu einer europäischen Haushaltsföderation  
Der Euro war nicht der Preis für die Wiedervereinigung  
Die Kanzlerin in Aachen: Europa gröβte Krise bewältigen!  
Europäische Wirtschaftsregierung  
Kinderzahlen von Migranten: Die Wahrheit der Stammtische  
Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung für eine europäische Wirtschaftsregierung  
Paneuropa-Tag gegen Dämonen des Nationalismus  
 Paläontologie - Den "Europäer" gibt es schon sein 1,2 Millionen Jahren  
Zähe alte Lügen, von Professoren-Genossen abgesegnet  
Deutsch-Französischer Tag in Fellbach  

 

 

▪ 36. Andechser Europatage der Paneuropa-Union Deutschland

Posselt fordert "Europäischen Bundesstaat light"

Goppel für Erneuerung des Föderalismus / Wallfahrtsgottesdienst mit dem päpstlichen Nuntius

16.10.2011

Andechs. Die EU soll nach Ansicht des CSU-Europaabgeordneten Bernd Posselt, Präsident der Paneuropa-Union Deutschland, zu einem "Bundesstaat light" weiterentwickelt werden, der zwar keine Allzuständigkeit besitzen dürfe, aber wichtige Beschlüsse durch Mehrheitsentscheidung in Europaparlament und Ministerrat fälle. Nur so könne Europa aus seiner gegenwärtigen Krise herauskommen und sich weltweit durchsetzen, so Posselt beim 36. Europatag der Paneuropa-Union Deutschland in Kloster Andechs.

Die EU-Mitgliedsländer hätten die Kontrollinstrumente des Stabilitätspaktes geschwächt, sich ungeniert verschuldet und schließlich zur Zeit der Regierung Schröder begonnen, die europäischen Verträge zu brechen. Deshalb könne die Rückkehr zum Nationalstaat nicht die Lösung sein, zumal die Europäer die wirtschaftlichen und finanziellen Bedrohungen, die von den USA und von China ausgingen, nur gemeinsam bewältigen könnten. Posselt wandte sich gegen den "Irrglauben", mehr EU bedeute automatisch weniger Bayern: "Das Subsidiaritätsprinzip ist wie ein Lift, der sowohl nach oben als auch nach unten fahren können muß. Die EU braucht eine gemeinschaftliche Außen- und Sicherheitspolitik, gleichzeitig muß aber etwa die Gesellschafts- und Gesundheitspolitik dezentralisiert werden. Den Nationalstaat wird es weiter geben, doch er ist zu schwach, um sich weltweit durchzusetzen, und zu groß, um den Menschen Heimatgefühl zu vermitteln."

Der Kongreß auf Bayerns Heiligem Berg war auch dem Gedenken an Altministerpräsident Alfons Goppel gewidmet, der sich bis zu seinem Tod vor fast genau 20 Jahren für ein föderalistisches Europa eingesetzt und als Präsident der Paneuropa-Union Deutschland fungiert hatte. Sein Sohn Staatsminister a.D. Thomas Goppel MdL warnte davor, so oft nach der Unterschiedlichkeit der Nationen und Regionen in Europa zu fragen, "daß die Einheit flöten geht". Das visionäre Projekt der Einigung Europas habe zwar "eine einzigartige Erfolgsgeschichte ausgelöst und den Grundstein zu einem grandiosen Friedens- und Versöhnungswerk sowie zu einer wirtschaftlichen Weltmacht gelegt", dennoch sei die EU "im Herzen der Bürger noch immer nicht als Ort der Beheimatung angekommen." Nach Proklamierung des preußisch dominierten deutschen Kaiserreiches 1871 hätten viele Bayern den Verlust ihrer Eigenständigkeit sehr schmerzlich empfunden. Auch heute gebe es solche Ängste, doch seien Versailles und Maastricht nicht zu vergleichen: "Der erste kleindeutsche Nationalstaat endete nach 47 Jahren in der Katastrophe des Ersten Weltkrieges, der Weg zur Einheit Europas hingegen hat uns eine Ära des Friedens beschert, die historisch ohne Beispiel ist." Europa als Heimat könne nur von unten nach oben wachsen "und zu einem immer dichteren Geflecht von Verbindungen der Menschen werden – als ein Netz des Dialoges und der Verpflichtung zu gemeinsamer Problembewältigung." Als Beispiel nannte Goppel die von seinem Vater mit der Gründung der Arbeitsgemeinschaft der Alpenländer begonnene Entwicklung hin zu grenzüberschreitenden Europaregionen.

Der Vater des personalistischen Föderalismus, Prof. Ferdinand Graf Kinsky, betonte, daß die Bürger, die kleinen gesellschaftlichen Einheiten, die Regionen und die Nationalstaaten zu ihrem Schutz einer starken EU bedürften. Zwischen den verschiedenen Ebenen müsse es eine "sachgerechte Machtverteilung" geben, wie sie etwa der französische Jurist Guy Herault gefordert habe. Sowohl die EU-Erweiterung als auch die Maßnahmen zur Stabilisierung des Euro seien richtig – von der christlichen Nächstenliebe her gesehen, aber auch aus berechtigtem Eigeninteresse. Der aus Böhmen stammende Graf Kinsky definierte die Europaarbeit sehr stark als Bildungsaufgabe, "denn man weiß viel zu wenig über das Funktionieren der europäischen Strukturen." Erfreulicherweise sei selbst in ehemals zentralistischen Staaten wie Frankreich und Polen eine Stärkung der kommunalen Selbstverwaltung wie auch der Regionen im Gange, die die EU gleichzeitig stabiler und freiheitlicher mache. Europapolitik sei vor allem die Kunst, Einheit und Vielfalt miteinander zu verbinden und den zentralistischen Nationalismus, wie er aus der Französischen Revolution erwachsen sei, durch den Ausbau der europäischen Ebene wie auch durch Regionalisierung im Inneren zu überwinden. Kinsky belegte mit zahlreichen Beispielen aus der Wirtschaft wie aus den Arbeitnehmervertretungen, daß Föderalismus auch im gesellschaftspolitischen Bereich ein erfolgreiches Prinzip ist.

Der Vizepräsident der internationalen Paneuropa-Union und Verfassungsrechtler Dirk H. Voß, kritisierte, daß der nationale Einheitsstaat historische politische Landschaften und ihre Kooperationen eingeschmolzen habe. Die europäische Einigung biete die Chance, sie wiederzubeleben. Damit werde sowohl dem Verlust kultureller Identität entgegengewirkt als auch dem Erfordernis nach supranationaler Handlungsfähigkeit Rechnung getragen. Papst Benedikt XVI. habe in seiner großen Rede vor dem Deutschen Bundestag gesagt, daß es nicht nur eine Ökologie der Umwelt, sondern auch eine des Menschen und der Politik gebe. Dazu gehöre auch die Landschaft als wichtigste historische Konstante. Zum Verhältnis zwischen Föderalismus und Regionalismus meinte Voß, daß ersterer die verschiedenen Teile durch übergeordnete Strukturen zusammenfasse, während letzterer den Staat nach innen hin dezentralisiere. Richtig gestaltet könnten sie die beiden Seiten einer Medaille bilden. Voß bemängelte, daß der Mut zur Unterschiedlichkeit gesellschaftlich oftmals abhanden gekommen sei, worunter die Lebendigkeit von Föderalismus und Regionalismus leide. Dieser sei jedoch für die Schaffung eines geeinten und handlungsfähigen Europa mit gemeinsamen Institutionen, aber kultureller Vielfalt dringend erforderlich.

Der Vorsitzende des Bayernbundes und langjährige Landtagsabgeordnete Adolf Dinglreiter hob hervor, daß weder die Wiedervereinigung Deutschlands noch die Beseitigung der Spaltung Europas ohne Einbindung der Bundesrepublik in die EU möglich gewesen wäre. Der europäische Integrationsprozeß sei somit "die genialste politische Idee der Nachkriegszeit – jetzt auch unter Einschluß Mittel-Osteuropas." Davon profitiere nicht zuletzt Bayern als 1400 Jahre alter Staat, der stets ein eigenständiges Kraftfeld im Zentrum Europas gewesen sei. Die bayerische Kulturlandschaft mit ihrer Brückenbildung zwischen Ost und West habe seit den Zeiten des europäischen Aufbruchs im 11. bis 13. Jahrhundert bis heute nichts an Bedeutung eingebüßt. Wirtschaftlich läge der Freistaat mit einem Bruttoinlandsprodukt von 420 Milliarden Euro an siebter Stelle unter den EU-Mitgliedstaaten – vor Ländern wie Polen oder Österreich. Seit sieben Jahren habe Bayern einen ausgeglichenen Haushalt und dennoch ein Wirtschaftswachstum, das über dem Bundesdurchschnitt und an der Spitze der europäischen Regionen liege. Vor diesem Hintergrund rief Dinglreiter die Euroländer auf, zu einer soliden Finanzpolitik zurückzufinden. Die europäische Einigung sei kein Selbstläufer, aber für alle Staaten und Regionen, nicht zuletzt auch für Bayern, von existentieller Bedeutung.

Pater Coelestin Stöcker hieß die Gäste aus allen Teilen Europas im Kloster Andechs willkommen. Er zeichnete ein Lebensbild des großen Abtes und Bischofs Daniel Bonifaz von Haneberg aus dem 19. Jahrhundert. Einer Bauernfamilie aus dem Allgäu entstammend, habe er schon als Jugendlicher über ein solches Wissen verfügt, daß seine Umgebung dem nicht mehr gewachsen gewesen sei und ihn zum Studium in die Landeshauptstadt München geschickt habe. Dort sei er im Doppelkloster St. Bonifaz/Andechs in den Benediktinerorden eingetreten. Als enzyklopädischer Wissenschaftler habe er von der Philosophie über die Theologie bis hin zu den entlegensten orientalischen Sprachen einmalige Kenntnisse besessen, dabei aber niemals die Verankerung in seiner Kirche verloren, was angesichts der theologischen Auseinandersetzungen der damaligen Zeit von vielen erwartet worden sei. Mit Hingabe habe er sich für die Armen und insbesondere für die verwahrloste Jugend eingesetzt. Beispielhaft seien sowohl sein erzieherisches Wirken als auch die Friedensliebe und der Takt gewesen, mit denen er sich den Streitigkeiten um das Erste Vatikanische Konzil gestellt habe.

Im Gedenken an den ehemaligen Präsidenten der Paneuropa-Union Deutschland und langjährigen bayerischen Ministerpräsidenten sahen die Paneuropäer im Klostergasthof den Film "Meine Aufgabe: Bayern", den das Bayerische Fernsehen 1985 zum 80. Geburtstag von Alfons Goppel ausgestrahlt hatte.

Den Festgottesdienst zu Ehren der in Andechs geborenen Heiligen Hedwig von Schlesien, zugleich Gedenkmesse für Alfons Goppel, hielt der päpstliche Nuntius in der Bundesrepublik Deutschland, Erzbischof Jean-Claude Périsset. Seit dem Apostel Paulus, der das Christentum nach Europa gebracht habe und so "zum ersten Paneuropäer" geworden sei, besitze unser Kontinent eine gemeinsame geistige Grundlage. Von der Aufklärung an wurde daraus immer weniger geschöpft, und dieser Verlust, den die Bevölkerung zu tragen habe, äußere sich auch in Spannungen zwischen Staat und Kirche. Deshalb gebe es eine "dreifache Verantwortung als Christen, Europäer und Paneuropäer vor den Menschen und für die Menschen", pflichtbewußt zu handeln, sich für das Gemeinwohl einzusetzen und die Gesellschaft aus den christlichen Wurzeln zu bereichern und zu erneuern.

Beim anschließenden Diskussionsforum, das vom Landesvorsitzenden der Paneuropa-Union Bayern, Dirk H. Voß, moderiert wurde, ging es um die Frage "Europa – Haus ohne Dach oder Dach ohne Haus?"

Die Prager Literatin Radka Denemarková meinte, das Haus Europa sei da, aber man müsse zuerst sauber machen und die Skelette aus dem Schrank räumen – oder, wie man auf Deutsch sage, die Leichen aus dem Keller. Dies tue sie mit ihren Romanen. "Ich lebe in Europa, in Mitteleuropa, in Tschechien, ich möchte da bleiben und werde wahrscheinlich da sterben. Ich möchte wissen, was los ist, wenn ich immer wieder Kälte in der Luft spüre." Tabus gebe es zwar kaum noch, was Gewalt und Sex angehe, wohl aber bei bestimmten Teilen der Geschichte, in ihrem Land etwa beim Thema Vertreibung. Diese tabuisierten Bereiche solle die Kunst ohne Vorurteile beschreiben. Es genüge nicht, die Grenzen zwischen Staaten und Völkern zu überwinden, sondern dies müsse vor allem zwischen den Menschen geschehen. "Es geht immer um den Raum zwischen den zwei Punkten Geburt und Tod."

Nuntius Périsset sah Grundsteine, Haus und Dach als bereits vorhanden, aber renovierungsbedürftig. Das Christentum habe zwar im europäischen Einigungsprozeß die Schwäche, daß es aufgrund der verschiedenen Konfessionen nicht mit einer Stimme sprechen könne; trotzdem sei es aber "sehr anwesend. Die meisten politischen Werte, die in den Verträgen Europas stehen, kommen aus dem Christentum." Der Heilige Stuhl sei in den europäischen Einrichtungen tätig. Als Schweizer betonte er aber auch, daß die EU nicht die Exklusivität des Europäertums besitze: "Jeder kann mit seinen Eigenschaften dazu beitragen."

Der leitende Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Georg Paul Hefty fand das Bild des Gebäudes als zu statisch: "Es geht hier um Menschen in einem historischen Prozeß, der für uns unabsehbar und daher aus unserer Sicht endlos ist." Die Debatte um Finalität des europäischen Einigungswerkes, die vor allem in Bayern geführt werde, sei daher ein vollkommenes Mißverständnis. Hefty mahnte mit Blick auf Berlin mehr Sensibilität im Umgang mit den Partnern an. Man erreiche in Europa mehr, wenn man versuche, es nicht nach dem eigenen Bild zu formen, wie dies unter der Kanzlerschaft Gerhard Schröders eingerissen sei. Als problematisch bezeichnete er es auch, daß die jetzige Bundeskanzlerin im Dezember von einem möglichen Ausschluß Griechenlands gesprochen und damit erstmalig eine Rückentwicklung in der EU in die Debatte gebracht habe. Richtig sei, Europa als Gemeinschaft voranzubringen, was nicht Uniformierung bedeute, aber Handlungsfähigkeit. Zudem gelte es mit Geschick und Entschlossenheit die christliche Prägung Europas, Frieden und Freiheit auf lange Sicht zu erhalten.

Der Südtiroler Europaabgeordnete Herbert Dorfmann distanzierte sich vom Bild der EU als einer Art Freihandelszone: Sie sei eine "auf Recht aufgebaute Solidargemeinschaft. Wenn man dieses Prinzip stärker in die Köpfe bekäme, müßte manche politische oder mediale Debatte anders geführt werden." Was andere als Verzicht auf staatliche Souveränität beklagten, sei für die Südtiroler als Minderheit elementar, etwa die Grenzöffnung nach Österreich. In Sachen Regionalismus und Schutz der Minderheitenrechte sei im Vertrag von Lissabon erst das Fundament gelegt worden. Das Recht, die eigene Sprache, Kultur und Religion zu leben und als Minderheit politisch zu partizipieren, sei noch lange nicht verwirklicht. So hätten mehrere Millionen Roma in Europa im Europaparlament nur eine einzige Abgeordnete. Europa könne nicht rein nach Effizienzgesichtspunkten mit einer einzigen Hauptstadt und nur einer Sprache konstruiert werden: "Wir wollen keinen Brüsseler Einheitsbrei, sondern die Vielfalt der Kulturen und Sitze."

Paneuropa-Pressestelle, Dachauer Str. 17, 80335 München,  089/554683, Fax 089/594768, paneuropa-union@t-online.de

 

▪ Finanzminister Wolfgang Schäuble will den Euro-Rettungsschirm EFSF auf eine Billion hebeln

Wenige Tage vor den EU-Gipfeln zur Schuldenkrise am 23. und am 26. Oktober sickerten erste Details zur Eurorettung durch: Laut einem Zeitungsbericht hatte Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) zum ersten Mal offen über die Funktionsweise des künftigen Euro-Rettungsschirm gesprochen. Auf maximal 1000 Milliarden Euro (eine Billion Euro) sollte demnach das EFSF-Finanzvolumen gehebelt werden, berichtete die "Financial Times Deutschland" (FTD). Andere Medien sprachen von einer Vervierfachung auf zwei Billionen Euro, also mehr als das Vierfache des derzeitigen Rettungsschirm-Volumens von 440 Milliarden Euro. Der Sprecher der Unionsfraktion dementierte die Nennung von konkreten Zahlen. Der Bundesfinanzminister versicherte der "FTD" zufolge, dass die Haftungsobergrenze von 211 Milliarden Euro, die alleine Deutschland für den Rettungsfonds garantiert, nicht steigen soll.

Der Hebel solle in Form einer Versicherung für Staatsanleihen kriselnder Eurostaaten in die EFSF-Richtlinien eingebaut werden, erläuterte Schäuble laut "FTD" vor Abgeordneten der schwarz-gelben Koalition. Laut der britischen Zeitung "The Guardian" würde nach den genannten Zahlen beispielsweise ein Kreditausfall von italienischen und spanischen Anleihen von bis zu 20 Prozent abgesichert werden. Der EFSF würde damit zu einem Kreditversicherer. Die Idee, dem EFSF eine Banklizenz zu geben, dürfte damit vom Tisch sein. Der EFSF hätte damit die Möglichkeit bekommen, sich bei der Europäischen Zentralbank (EZB) zu refinanzieren. Die EZB hatte sich allerdings gegen diese Möglichkeit gesträubt. Die britische Zeitung "The Guardian" berichtete derweil unter Berufung auf EU-Diplomaten, dass sich die Regierungen von Deutschland und Frankreich sogar auf eine Aufstockung des EFSF auf zwei Billionen Euro geeinigt hätten.

 

▪ Der Ausweg aus der Krise

Die peripheren Länder des Euroraums stecken in einer Zahlungsbilanzkrise von der Art, wie sie gegen Ende des Bretton-Woods-Systems in den USA bestand. Man ist zu teuer und hat riesige Leistungsbilanzdefizite, die nicht mehr finanziert werden können. EZB und Staatengemeinschaft halten dagegen, indem sie unter Verletzung des Maastrichter Vertrages hunderte von Milliarden Euro an billigen Krediten zur Verfügung stellen. Diese Politik ist nicht nur rechtlich unzulässig, sie ist auch ökonomisch falsch, weil sie das Absinken der Kurse, Preise und Löhne und damit die Rückkehr zu einem außenwirtschaftlichen Gleichgewicht verhindert.
Zum einen werden die Märkte verunsichert, weil durch die Stützung der Kurse privater und öffentlicher Papiere ein einseitiges Abwärtsrisiko erzeugt wird. Die Anleger wissen ja, dass die Kurse von ihrem künstlich hochgehaltenen Niveau nur noch fallen können. Deshalb bleiben sie nervös und schauen argwöhnisch darauf, ob genug Geld zur Rettung zur Verfügung steht. Schon der kleinste Zweifel schürt die Krise von Neuem und zwingt die Staaten, noch mehr Geld bereit zu stellen. Das ist nicht nur ein entwürdigendes Spiel für die Parlamente Europas, sondern auch ein sicheres Mittel, das private Kapital aus den Krisenländern fern zu halten. Ließe man die Kurse fallen, ohne zu intervenieren, wären zwar schmerzliche Verluste in den Bankbilanzen zu verbuchen, die abgefangen werden müssten, doch wäre danach dauerhaft Ruh. Zu niedrigeren Kursen wäre das private Kapital wieder bereit, die Außenhandelsdefizite zu finanzieren.
Zum anderen perpetuiert die Rettungspolitik diese Defizite, weil sie die überzogenen Güterpreise und Löhne stützt, die aus der Zeit des billigen Kredits resultieren. Auch wenn es die Politik nicht wahrhaben will: Nur wenn Löhne und Preise im Vergleich zu den anderen Ländern fallen, können die Importe gedämpft und die Exporte angekurbelt werden. Nur so werden die Krisenländer wieder wettbewerbsfähig.
Jenen Staaten, die im Zuge dieser Entwicklung durch Insolvenz gefährdet sind, sollte die Staatengemeinschaft über ihren Luxemburger Fonds helfen, aber nicht, indem man diesen Fonds als Selbstbedienungsladen ausgestaltet, sondern indem man ihm die Rolle eines Kreditversicherers gibt, der zwar exzessive Risiken deckt, doch den Gläubigern zugleich einen Selbstbehalt für kleinere Risiken abverlangt. Diese Grundidee ist von der European Economic Advisory Group (EEAG) formuliert worden.
Danach werden in der Krise drei Phasen unterschieden: die Liquiditätskrise, die drohende Insolvenz und die Insolvenz. Die Betonung liegt auf der drohenden Insolvenz, weil sie dazu dienen soll, die Insolvenz als solche zu vermeiden. Wenn ein Land seine Schulden nicht bezahlen kann, unterstellt man zunächst eine Liquiditätskrise und hilft großzügig wie jetzt bei Griechenland, Portugal oder Irland, aber nur für maximal zwei Jahre. Wenn die Schulden im dritten Jahr immer noch nicht bedient werden können, kann man nicht mehr von einer bloßen Liquiditätskrise ausgehen. Es droht vielmehr die Insolvenz. Dann muss das Land mit den Gläubigern der jeweils fällig werdenden Staatschuld einen Haircut vereinbaren. Der Haircut richtet sich nach dem Marktabschlag während der letzten drei Monate, beträgt aber mindestens 20% und höchstens 50%. Den um den Haircut verringerten Nennwert der Papiere tauscht das Schuldnerland sodann gegen neue Staatspapiere aus, die zu 80% vom Luxemburger Fonds besichert sind, freilich nur bis zu einem bestimmten Anteil des BIP. Nur wenn die Summe der Sicherheiten das zulässige Maß überschreitet oder die Garantien gezogen werden, ist die volle Insolvenz festzustellen, und die gesamte Staatschuld steht zur Disposition.
Der Maximalverlust eines Käufers einer zehnjährigen Staatsanleihe ist bei dieser Konstruktion auf 60% des Nennwertes beschränkt. Bei einem zehnjährigen Papier würde ein Zinsaufschlag von 4,8% ausreichen, diesen Verlust abzusichern, selbst wenn er mit Sicherheit erwartet würde. Das Modell sorgt also dafür, dass sich die Zinsen der Staatspapiere invers zur Bonität ausspreizen können, doch begrenzt es diese Spreizung. Die Investoren kommen sozusagen in den Genuss einer Teilkasko-Versicherung gegen die Zahlungsunfähigkeit eines Staates, die die von der Zinsspreizung ausgehende Disziplinierungswirkung grundsätzlich erhält, doch im Krisenfall panikartige Zuspitzungen vermeidet.
Da die Probleme abgearbeitet werden, wie sie kommen, bleibt für das betroffene Land der Anreiz erhalten, Sparprogramme aufzulegen, um so die Investoren wieder von ihrer Bonität zu überzeugen. Es werden keine Schulden in einem Schritt beiseite gewischt, damit das alte Spiel von Neuem beginnen kann. Vielmehr bleibt das Problem fortwährend am Köcheln und zwingt das betroffene Land, die notwendige reale Abwertung durch eigene Sparmaßnahmen einzuleiten. Nur so kann der Euroraum wieder ins Gleichgewicht kommen.

       Hans-Werner Sinn, Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft, Präsident des ifo Instituts in München, „Ifo-Analyse Nr. 128, 23. September 2011.

 

▪ Auf dem Weg zu einem neuen Vertrag für Europa ?

Für die Europäische Union war es ein vernichtender Sommer. Angesichts des Misstrauens, der Irrationalität und vielleicht auch angesichts der einfallsreichen Angriffe der Finanzmärkte haben die Institutionen der Union mehr als deutlich ihre Grenzen gezeigt. Die Egoismen sind wieder auf dem Vormarsch und einzelne kleinere Staaten versuchen, sich ihrer elementaren Pflicht zu solidarischem Verhalten zu entziehen. Der Populismus hält weiterhin hier und da Einzug und erweckt ethnische Streitigkeiten zum Leben, die vergessen schienen. Die Krise ist überall präsent, die Schuldenkrise und die Haushaltskrise, die Krise der Sozialsysteme, die wir erhalten wollen und die Vorstellungskraft oder der Mut fehlen.

Drei bemerkenswerte Ausnahmen müssen jedoch genannt werden. Die Europäische Zentralbank hat mehr als ihre Pflicht getan und viel dazu beigetragen, die Spekulanten zu beruhigen. Deutschland und Frankreich haben reagiert, zunächst am 21. Juli, indem sie einen Gipfel der Eurozone forderten, auf dem wichtige Entscheidungen getroffen wurden, dann am 16. August, um neue Perspektiven zu eröffnen. Beide Länder sind über den Vorschlag, die berühmte „Wirtschaftsregierung der Eurozone“ einzurichten, auf die seit der Einführung der gemeinsamen Währung gewartet wird, hinausgegangen, indem sie entschieden, ihre Unternehmenssteuern zu vereinheitlichen, wobei dies die erste Steuerinitiative ist, der wahrscheinlich weitere folgen werden. Wenn man zu dieser Bilanz den Sturz des Regimes des libyschen Diktators hinzufügt, so stellt man fest, dass Ergebnisse erzielt werden können, wenn Europa seine Führung wiederfindet und vor allem die Bereitschaft, als verantwortungsbewusste Macht aufzutreten.

Diese drei Beispiele werden nachhaltige Auswirkungen auf die Konstruktion der Union haben. Die EZB hat außerhalb der Vertragsrahmen agiert und das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, welches bald über den ersten Rettungsplan für Griechenland entscheiden muss, wird nicht versäumen, dies zu unterstreichen. Frankreich und Deutschland, die am meisten zum europäischen Budget und zum Kapital der EZB beitragen und die die größten Wirtschaftskräfte Europas sind, haben Verantwortung übernommen, wo niemand sonst sie übernehmen wollte. Was Libyen angeht, zeigt sich hier, dass das Europa der Verteidigung noch nicht bereit ist für das Gemeinschaftsmodell.

Dennoch bleibt der Wille zur Integration bestehen, um das Wesentliche zu retten und zu fördern, während das Beiwerk die Bürger jeden Tag ein Stück weiter von den Lissabonner Institutionen entfernt. Hieraus müssen wahrscheinlich alle Konsequenzen gezogen werden, wobei sich das europäische Modell seiner Errungenschaften nicht schämen muss, sondern seine Handlungsoptionen umfassend in Frage stellen sollte: weder das Vereinigte Königreich, noch andere Nachbarn ohne den Euro können heute eine Vormachtstellung gegenüber dem kontinentaleuropäischen Modell geltend machen, das Frankreich und Deutschland verkörpern. Die wirtschaftlichen Unsicherheiten, die rechtlichen Fragen und die geopolitischen Überraschungen fordern somit neue europäische Initiativen.

Werden Frankreich und Deutschland, die Vorschläge für Ende des Monats angekündigt haben, neue Wege beschreiten in Richtung einer wirklichen Neugründung der Union im Rahmen ihrer Übereinkunft? Werden wir also einen neuen deutsch-französischen Vertrag bekommen, selbstverständlich offen für alle; einen Vertrag, der die Integration neu voranbringt, indem er Europa, das sich nach außen profilieren und nach innen verstärken muss, neue Handlungsspielräume eröffnet?

                                                              Jean-Dominique Giuliani, Präsident der Robert-Schuman-Stiftung http://www.jd-giuliani.eu/index.php?lg=de

 

▪ Bundesverfassungsgericht: “Ja, aber” zur Griechenlandhilfe

Die Euroskeptiker werden in Karlsruhe abgewiesen, aber sie bekommen einige Garantien für Deutschland

Am 7. September hat das Bundesverfassungsgericht die bisherige Euro-Rettung der Regierung Merkel bestätigt. Die 70-Seiten lange Klage gegen die deutsche Griechenlandhilfe vom Juristen Karl Albrecht Schachtschneider, von den Volkswirten Wilhelm Hankel, Joachim Starbatty und Wilhelm Nölling, sowie vom ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Thyssen AG, Diether Spethmann, wurde damit abgewiesen. Die Männer, wozu in einem anderen frühren Fall noch einige wie der ehemalige bayerische Minister Peter Gauweiler und der ehemalige Europa-Abgeordnete Franz Ludwig Graf Stauffenberg sich angeschlossen hatten, waren von Helmut Schmidt als “Berufsidioten ohne historische Bildung” bezeichnet worden. Keine freundliche Bezeichnung.

Schon 1997 hatten sie eine Klage gegen die Gründung des Euros mit einer 352-Seiten langen Beweisführung eingereicht, die ebenfalls abgewiesen worden war. Starbatty hatte damals eine Anti-Euro-Partei gegründet, die bei den Bundestagswahlen 1994 nur 1 Prozent und bei den Wahlen 1998 nur 0,2 Prozent der Stimmen erhielt, so dass sie von selbst in Vergessenheit geriet. Zum Glück steht die deutsche Polit-Elite und auch die Mehrheit der deutschen Richter zum geeinten  Europa und will keinen deutschen Alleingang. Das ist allerdings nur die eine Seite des Urteils.

Die andere: Für weitergehende Rettungsmaßnahmen - Wirtschaftsregierung, Euro-Bonds, Transferunion - hat das oberste deutsche Gericht Grenzen gesetzt, die einer Brandmauer gleichen. Der Kernsatz des Urteils lautet: "Es ist auch dem Bundestag verwehrt, dauerhafte völkervertragsrechtliche Mechanismen zu etablieren, die auf eine Haftungsübernahme für Willensentscheidung anderer Staaten hinauslaufen." Die sogenannte “Transferunion" ist damit unmöglich gemacht worden. Es wird keine automatischen Geldtransfers von Deutschland in die finanziell maroden Staaten des Mittelmeers, plus eventuell Portugal und Irland, geben. Das Parlament entscheidet von Fall zu Fall.

Aber was soll’s? Auch für die Einsätze der Bundeswehr im Ausland entscheidet der Bundestag von Fall zu Fall und hat bisher immer die richtigen Entscheidungen im Sinne der Verbündeten der Bundesrepublik Deutschland getroffen. Nur in einem Falle war die Entscheidung falsch: Als der Bundesaussenminister Westerwelle sich allein, möglicherweise mit Billigung der Kanzlerin, nicht für eine deutsche Beteiligung am militärischem Einsatz in Libyen in der UNO entschied.
Im Juni-Juli 2009 hatte das Bundesverfassungsgericht grundsätzlich entschieden, dass Brüssel keine für Deutschland annehmbaren Richtlinien erlassen darf, die im Widerspruch zum deutschen Grundgesetz oder zur deutschen Gesetzgebung stehen. Wörtlich genommen, könnte Deutschland damit von Fall zu Fall aus der Europäischen Union ausscheren. Aber muss man das wörtlich nehmen? Mehrheiten finden sich immer und der Vertrag von Lissabon war daraufhin vom Bundestag abgesegnet worden.

Nichtsdestotrotz ist die deutsche Öffentlichkeit in Sachen Kosten der EU zerrissen. In der deutschen Wirtschaft gibt es mittlerweile zwei Lager, die sich unversöhnlich gegenüberstehen. Das eine wird von Ex-BDI-Chef Hans-Olaf Henkel angeführt. Der wirbt für die Aufspaltung des Euro in einen Nord-Euro und einen Süd-Euro - und für die Gründung einer neuen Partei. Das andere Lager wird verkörpert zum Beispiel von Andreas Schmitz, dem Präsidenten des Bundesverbands deutscher Banken. Er hält es für ausgeschlossen, dass Deutschland aus dem Euro aussteigt. Die Rückkehr zur D-Mark, äußert er, wäre ein "Selbstmord aus Angst vor dem Tod". (Sept. 2011)

 

▪ Ein Gründer Europas hat uns verlassen: Otto von Habsburg

Mehrere Artikel zu Ehren des hervorragenden Europäers und Altpräsident der PanEuropa-Union :

1. Menno Aden: Er stand für tausend Jahre europäischer Geschichte.

2. Jean-Paul Picaper:  Otto von Habsburg ist in die Ewigkeit gegangen

3. Erzherzog Otto von Habsburg-Lothringen – Interview – Sept. 2008

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Er stand für 1000 Jahre europäischer Geschichte

Am  4. Juli 2011 starb  Otto von Habsburg mit 98 Jahren. In  diesem letzten Kronprinzen des Kaiserreiches Österreich-Ungarn waren 1000 Jahre deutscher und europäischer Geschichte lebendig. Der Tod Ottos von Habsburg ist nicht nur das Ende eines in Politik, Literatur und Kultur herausragenden Mannes. Er ist ein Abschied  wie wenn am Silvesterabend die letzte Minute nun auch vergangen ist. Österreich - Ungarn  gab es politisch seit 1919 nicht mehr.  Nun aber ist auch sein letztes lebendes Zeugnis dahin. Der Verstorbene führt uns zu der Frage: Was wäre geschehen, wenn am 28.  Juni 1914 das Attentat auf den österreichischen Thronfolger a) nicht stattgefunden oder b) nicht zum Kriege geführt hätte?

1. Die Balkankrise, die Marokko Krise lagen hinter den erschöpften Diplomaten. Die Sommerferien begannen und Kaiser Wilhelm II. hatte sich schon auf  seine Yacht Hohenzollern zur Nordlandtour begeben. Das Jahr hätte friedlich geendet. Kaiser Franz Joseph von Österreich  zeigte bereits deutlich Zeichen einer Altersmüdigkeit. Vieles spricht dafür, dass dieser Kaiser, der nun seit fast 70 Jahren auf dem Thron saß,  wie es tatsächlich geschah, demnächst gestorben wäre; freilich im Frieden. Der dann neue Kaiser Franz Ferdinand I war ein  tatkräftiger, freilich arroganter Mensch. Die Schwächen des Kaiserreiches standen ihm vor  Augen. Als Kaiser hätte sich vermutlich zuerst innenpolitischen Fragen zugewendet. Es  stand eine Art von Dreiteilung im Raum, wobei insbesondere Tschechen (seine Frau war Tschechin)  und andere Slawen einen gleichberechtigten Status neben Deutschen und Ungarn erhalten sollten. Da er unbeliebt und bürgerfern, zudem wahrscheinlich von der Syphilis infiziert war, die ihm nur eine kurze Aktivitätsphase versprach, hätte er sein Heil in hektischer Umgestaltung des Reiches gesucht.

Außenpolitisch hätte es einen Schwenk nach Frankreich gegeben. Bürgerliche deutsche Kreise im Habsburgerreich standen dem Deutschen Reich zwar überwiegend wohlwollend gegenüber. Franz Ferdinand aber mochte die Preußen und  Deutschen überhaupt nicht. Darin war er mit  den tonangebenden Kreisen des Hofes, des Adels und der katholischen Kirche sowie  den  nicht-deutschen Bevölkerungsteilen einig. Das ist, beiläufig gesagt, das Leitmotiv in Hitlers Mein Kampf. Kaiser Franz Ferdinand I hätte wahrscheinlich die Annäherung an Frankreich  gesucht. Das Deutsche Reich hätte seinen einzigen Bundesgenossen verloren.

2. Ein Block Frankreich/Österreich-Ungarn hätte allerdings  wohl zur Folge gehabt, dass England im Rahmen seiner altbewährten Gleichgewichtspolitik nun den deutschen  Annäherungsversuchen aufgeschlossener gewesen wäre. Vielleicht wäre der  bereits geschlossene Angola - Vertrag, demzufolge Deutschland die  an Deutsch – Südwest-Afrika grenzende portugiesische Kolonie Angola an sich nehmen sollte, Wirklichkeit geworden. Wir hätten uns dort den neuen Aufgaben gewidmet und  Zugeständnisse bei der Flottenpolitik gemacht Es hätte sich ein Gleichgewicht von drei etwa gleich starken  europäischen Mächten (Deutschland, Frankreich, England) herausgebildet, in welchem anfangs England die Führung übernommen hätte,  die aber im Zuge eines damals noch nicht absehbaren Zerfalls der Britischen Empire langsam auf Deutschland übergegangen wäre.   Ein Krieg zwischen diesen dreien untereinander oder gegenüber anderen Mächten wäre dann fast so unwahrscheinlich geworden, wie er es heute ist.

Auch ohne den Ersten Weltkrieg wäre es wohl in Russland zum Sturz des Zaren gekommen, aber nicht in den gewalttätigen Formen des Bolschewismus, sondern in den parlamentarischen Formen, welche sich in der Märzrevolution von 1917 unter Kerensky andeuteten. Russland wäre etwa so demokratisch geworden wie es nach 1990 wurde.

3. Es ist wird überwiegend als unwahrscheinlich angesehen, dass die Donaumonarchie, welche zuletzt nur noch durch ihren  greisen und ehrwürdigen Herrscher zusammengehalten worden war, dessen  Tod lange überlebt hätte - egal ob die  Kaiser Franz Ferdinand oder Karl I und dann Otto I.  geheißen hätten. Da Franz Ferdinand keine Kinder hatte und wegen seiner unebenbürtigen Ehe für diese auf das Thronfolgerecht verzichtet hatte, wären  Karl und später Otto ohnehin seine Nachfolger geworden.  Auch Karl I neigte, zumal unter dem Einfluss seiner französisch versippten und anscheinend klerikal eingestellten Frau eher zu Frankreich als zu Deutschland. Kaiser Karl  wäre vermutlich denselben Weg gegangen wie ein Kaiser Franz Ferdinand.  Jedenfalls spricht der von ihm 1917 angestrebte Sonderfrieden mit Frankreich dafür. Auch unter ihm wäre Deutschland  ohne Bündnispartner geblieben mit Folgen wie oben skizziert.  Nach dem Wenigen, was man von Kaiser Karl und einen mutmaßlichen Kaiser Otto sagen kann, hätten auch sie das Vielvölkerreich in  eine  freie Donau –Konföderation überführt ,  vielleicht unter dem nominellen Vorsitz des Kaisers, nach der Art des britischen Commonwealth.

4. Früher oder später wären freilich die Kolonialreiche zerbrochen.  Damit hätte sich Deutschland, zumal es in Besitz von Ostdeutschland geblieben wäre, als die beherrschende Wirtschaftsmacht in Europa  entwickelt. Vielleicht hätten wir heute noch einen Kaiser, aber dann schwerlich einen mit denselben Machtbefugnissen wie damals.

Ergebnis

Otto von Habsburg stand für 1000 Jahre europäischer Geschichte, welche trotz  vieler Zwistigkeiten und Kriege immer Einheit war und auch immer wieder zur Einheit fand. Mit Blick auf ihn, der Kaiser Otto I von Österreich hätte werden sollen,  zeigt sich die Tragik des Ersten Weltkrieges und alles dessen, was darauf folgte, erst in ihrer vollen Größe.  Genau genommen, sieht  die Welt heute gerade so aus, wie sie wahrscheinlich auch aussähe, wenn es den Mord  von Sarajevo und zwei Kriege nicht gegeben hätte,  und wenn  Otto von Habsburg als Otto I von Österreich Kaiser  geworden wäre.

Erstens:  Die  Donau Konföderation gibt es; sie heißt nur nicht so. Mit Ausnahme von Bosnien- Herzegowina und Galizien, welche völkerrechtlich ohnehin problematisch waren, gehören sämtliche Territorien der   ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie heute zur EU; Kroatien fehlt noch, wird aber im Jahr 2013 folgen.

Zweitens:  Die alte Machtverteilung ist wieder da. Deutschland, in der Mitte Europas, ist der wichtigste Einzelpartner im europäischen Machtkonzert, welches heute Europäische Union heißt.

Drittens:: Soweit es in einem so  großen Lande mit dieser Struktur möglich erscheint, ist Russland demokratisiert.

War zu diesem Ziel der Umweg  über zwei Kriege mit Millionen von Opfern nötig?

                                                                                     Menno Aden

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Otto von Habsburg ist in die Ewigkeit gegangen

Ein Foto vom 30. November 1916 zeigte ihn, vier Jahre alt als Kronprinz, ganz in weiß gekleidet mit seiner Mutter, der tief verschleierten Kaiserin Zita, und mit seinem Vater Karl I.. Sie gingen an der Spitze des Trauerzuges für Franz Joseph I. in Wien. Nun nahm Otto von Habsburg, der Kaiser Europas ohne Krone, 95 Jahre später denselben Weg zur Kapuzinergruft.

In Reichenau 1912 geboren, starb der letzte Kaisersohn der Habsburg-Dynastie in der „Villa Austria“ in Pöcking. Wir haben ihn gut und über viele Jahre gekannt. Wir schrieben mit ihm zusammen zwei Bücher, in denen er seine Gedanken zu seinem geliebten Europa direkt in französischer Sprache entwickelte. Französisch, die erste Sprache seiner Mutter, sprach er perfekt, wie Deutsch und Ungarisch. Auch ein paar andere Sprachen beherrschte er. Dass er und seine Geschwister das leisteten, darauf hatte die Mutter bestanden.

Einer seiner Denkmeister nach seinem 0nkel Sixte de Bourbon war der Vater der PanEuropa-Idee, der Graf Coudenhove-Kalergi. Dieser hatte ihm sein Zepter als Weltbürger und Zukunftseuropäer überreicht. Der Erzherzog von Habsburg-Lothringen sah in der Einigung des Kontinents eine große Friedensvision. Der Europa-Abgeordnete Dr. von Habsburg hatte nie daran gezweifelt, dass die Länder von Mittel- und Osteuropa sich vom stalinistischen Joch befreien würden und er war stets deren Botschafter im Straßburger EU-Parlament gewesen. Er war davon überzeugt, dass das, was die Geschichte im Laufe von Jahrhunderten geschaffen hatte, nie mehr getilgt werden konnte und neue Ketten und Fußangeln immer wieder sprengen würde.

Das hatte er damals im Dritten Reich gewusst und hatte sich resolut geweigert, sich Hitler anzunähern und dem Despoten nachzugeben, was ihn fast das Leben kostete. Das NS-Blatt „Völkischer Beobachter“ erschien am 20. April 1038 Mit dem Aufmacher : „Steckbrief gegen Otto von Habsburg“, Unterzeile : „Habsburgs entarteter Spross – ein landesflüchtiger Verbrecher“. Das war im Dritten Reich ein Teodesurteil. Er entzog sich den Schergen, die schon ihre Messer wetzten, von einem Getreuen gewarnt, buchstäblich in letzter Minute. Er rettete mit seinem Bruder Felix vielen österreichischen Juden und Nazigegener das Leben, indem er ihnen Pässe und Visa verschaffte. Er wusste auch, dass Österreich, seine Heimat, seine Selbstständigkeit zurückerlangen würde und dafür setzte er sich während und nach dem Krieg bei den Großen dieser Welt, die er alle kannte, ein. Und die Geschichte hat ihm immer recht gegeben.

Fest verwurzelt in der Vergangenheit des Kontinents war er ein Visionär, einer der letzten großen Zukunftserbauer unserer Zeit, die an prominenten Staatsmännern ziemlich arm geworden ist. Er war der vorletzte Vater Europas. Der letzte ist noch am Leben: Helmut Kohl. Und beide verstanden einander gut. Habsburg dachte in Epochen und in Kontinenten. Er sprach mit mir vom künftigen Mittelmeer-Dreieck : Europäische Union, arabischer Maghreb und Türkvölker lange, bevor diese Konstellation sich wie heute herauskristallisierte. Er hielt den gemäßigten Islam für ungefährlich und hielt viel von Chinas Fleiß und Kultur. Er sagte, dass Russland europäisch werden kann, wenn es aufhört jenseits des Urals das letzte Kolonialreich zu sein und seine Großmachtambitionen aufgibt.

Otto von Habsburg stand nur selten auf der Vorderbühne und war trotzdem und vielleicht gerade deswegen einflussreich. Er war zuverlässig wie ein guter Soldat Europas. Bei seiner Mutter hatte er Disziplin gelernt. Er mochte nicht die Jet-Set-Aristokraten, die reichen Egomanen und die Verräter an der Sache des Volkes. ER war extrem tolerant und stand über den Parteien und Völkern, wie es einem Kaiser geziemt. Er war die personifizierte Bescheidenheit und besaß diese natürliche und einfache Höflichkeit, die man Königen zuspricht. Die spanische Krone lehnte er ab, weil er – typisch für die Habsburger – „kein Usurpator“ sein wollte und aus ähnlichen Gründen lehnte er es ab, Staatspräsident Ungarns nach dem Sturz des Kommunismus zu werden. Trotz der 100 000 Unterschriften, die diesen Schritt von ihm verlangten, gab er einem legitim gewählten Parlament den Vorrang.

Dieser ungekrönte Monarch war zutiefst ein Demokrat, was viele, die ihn und seine Familie nicht gut kannten und nach Schablonen urteilten, nicht wahrhaben wollten. Er hat großes  und kleines bewirkt. Ich erinnere mich, wie ich ihn einmal im Jahre 2007 zu einer Podiumsdiskussion in ein Dorf von 200 Seelen, Saint Sauveur de Peyre im französischen Zentralmassivs, lockte. Er bekam dort vor einem vollen Saal tosenden Applaus. Er sagte mir auch, dass ein Kandidat zur Wahl als Abgeordneter bereit sein muss, in Kneipen zu gehen und sich anzuhören, was die Leute zu sagen haben. Er war im Grunde genommen außerordentlich volksnah.

Sein Humor, sein gesunder Menschenverstand, seine immense, über drei Jahrhunderte gesammelte Erfahrung, denn er kannte als Kind die Menschen des 19. Jahrhundert und als Greis diejenigen des 21. Jahrhunderts, aber auch Erbe von tausend Jahren Habsburgdynastie, faszinierten. Die Historiker werden eines Tages seine Leistungen erkennen. Er hat u. a. als erster den eisernen Vorhang aufgemacht – beim ruhmreichen Sopron-Picknick an der ungarisch-österreichischen Grenze, das seine Tochter Walburga mit organisiert hatte. Der gewählte Ort war symbolträchtig. Der Schnitt durch den Stacheldrahtzaun zwischen österreich und Ungarn war das Tor zum neuen Europa, zu ganz Europa.

Bei uns allen wirken seine Worte nach, bei seinen Kindern und Enkeln zunächst natürlich, zurzeit ganz besonders bei seiner Tochter Gabriela, die das noch stets bedrohte Georgien als Botschafterin in Berlin wacker vertritt, und bei seinen Jüngern an der Spitze der PanEuropa Union, Bernd Posselt in Deutschland, Alain Terrenoire in Frankreich, und anderen.

Es heißt, dass „Otto von Europa“ uns in dem Moment verlassen hat, als die Europäische Union seine tiefste Krise erlebte. Er hätte uns gesagt, dass Europa durch seine Krisen gewachsen ist und dass wir nicht verzagen sollen. Die PanEuropa-Union besteht aus Menschen, die vom Glauben an Europas Zukunft beseelt sind. Sie wissen wie er, dass der Glaube Berge versetzen kann – was ist dagegen das Finanzdebakel in Griechenland, was sind die Haushaltsprobleme unserer Staaten, was ist der kleinkarierte Nationalegoismus von einigen Deutschen und Franzosen im Vergleich zum groβartigen historischen Schicksal Europas?

Wer das 20. Jahrhundert wie er hautnah erlebt hat, weiß, worum es geht. Er  weiß und dass das, was heute ist, morgen ganz anders sein kann und im tiefsten Grunde doch nicht ganz anders sein wird, als es immer war.

                                                                                                                                                             Jean-Paul Picaper

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Erzherzog Otto von Habsburg-Lothringen – Interview – Sept. 2008

 

 Europa ist das Vaterland aller Christen. Die christliche Religion eint sie.

 

Ihre Hoheit, Baudelaire hat geschrieben: „J’ai plus de souvenirs que si j’avais mille ans“. Das könnte auch ein Habsburg von sich behaupten, nicht wahr?

Nicht ganz, weil Rudolf von Habsburg, der erste Habsburg, der auf den Thron des Heiligen Römischen Germanischen Reiches stieg, tat es im Jahre 1273,  zwei Hundert Jahre nach dem Gründer Otto I., dessen Vornamen ich allerdings trage. Aber ein ganzes Jahrhundert habe ich selbst erlebt. Ich erinnere mich noch an meinen Urgroßonkel, den Kaiser Franz-Josef, der aus dem 19. Jahrhundert stammte.

Sie sind das Gedächtnis des 20. Jahrhunderts, Zeitzeugen haben Ihnen Erlebnisse aus dem 19. Jahrhundert erzählt und Sie erleben mit uns jetzt die neue Epoche, das 21. Jahrhundert. Mit Ihrem Namen und Ihrem Werdegang verkörpern Sie fast ganz Europa, Ost und West.  Sehen Sie das so?

Ich sage: Gesamteuropa, „Paneuropa“. Ich hatte in Paris 1936 den Grafen Richard Coudenhove-Kalergi kennen gelernt. Seine außergewöhnliche Weltanschauung hatte mich beeindruckt. Er war niederländischer Abstammung  als Coudenhove und griechischer Abstammung als Kalergi. Sein Vaterland war Europa. Er war der Gründer der „Paneuropa“ – Bewegung. „Paneuropa ist ganz Europa,“ sagte er. Aber er war auch ein Weltbürger, weil seine Mutter Japanerin war. Ich habe mich bemüht, als Vorsitzender der „Paneuropa“ und als Europa-Abgeordneter in seine Fußstapfen zu treten, ohne die Welt aus dem Blick zu verlieren.

Wo ist die Grenze Europas?

Was ist europäisch? Europa hat freilich seine endgültige Größe noch nicht erreicht, wenn ich auch nicht zu denjenigen gehöre, die in Brüssel nicht-europäische Staaten wie die Türkei, Israel, Nordafrika und sonst welche noch in die EU aufnehmen möchten. Wir werden eines Tages mit der Erweiterung aufhören müssen und keine neuen Mitglieder in den Club aufzunehmen.

Man kann schon mit kulturellen und geographischen Zugehörigkeitskriterien wie natürlich auch mit wirtschafts-, finanz- und sicherheitspolitischen Aufnahmebedingungen Hürden erreichten. Ich gehe aber davon aus, dass alle christlichen Völker ein Recht haben, zu Europa zu gehören. Israel ist das Vaterland aller Menschen jüdischen Glaubens  auf der Welt. Europa ist das Vaterland aller Christen. Die christliche Religion eint sie.

 Also doch auch Russland?

Ja, das orthodoxe Russland bis zum Ural, wie der General De Gaulle es äußerte, wenn es alle Bedingungen eines Rechtsstaates erfüllen würde und wirtschaftlich und sozial auf dem erforderlichen Niveau wäre. Davon ist es noch weit entfernt. Alle anderen Gebiete in Russland sind Kolonien. Wenn Russland seine Kolonialgebiete im Süden und im Osten aufgibt, dann ist es europäisch. Russland ist das letzte große Kolonialreich der Weltgeschichte.

Ich betone aber auch, dass wir Verpflichtungen gegenüber denjenigen haben, die noch nicht EU-Mitglied sind. Ukrainer, Georgier, Armenier, Weißrussen, alle Balkanstaaten.… Freilich, Putin behauptet, dass er die Werte des Westens, Freiheit, Demokratie, Marktwirtschaft und Wohlstand für alle, verpflichtet ist, aber in der Praxis ist Russland weit davon entfernt. Ganz abgesehen von der Korruption, von der Bürokratie, von der Erpressung und von der Parallelwirtschaft. Aber zu Europa möchte ich noch folgendes betonen: Diejenigen Staaten, die schon Mitglied sind, dürfen nicht aufgrund ihrer Sonderinteressen, über die Zukunft derjenigen bestimmen, die es noch nicht sind. Europa ist kein Privileg der Glückseligen, die davon einen Nutzen ziehen. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Länder Osteuropas den Preis des Zweiten Weltkrieges doppelt bezahlt haben und dass wir nur einem glücklichen Umstand verdanken, EU-Mitglied zu sein. 

Ihr Leben hatte unter einem schlechten Vorzeichen angefangen. Zuerst brach die österreichisch-ungarische Monarchie 1918 zusammen und Ihre Familie  musste ins Exil gehen. Bald darauf 1922  verstarb Ihr Vater der Kaiser Karl, Neffe von Franz-Josef. Dann mussten Sie 1933 aus Deutschland und 1940 aus Belgien über Frankreich vor den Nationalsozialisten nach Amerika fliehen. Sie halfen noch mit Ihren Brüdern Robert, Rudolph, Karl-Ludwig und Felix unter Lebensgefahr  vielen politischen und jüdischen Flüchtlingen aus Österreich Europa zu verlassen. Nach dem Krieg haben Sie über vierzig Jahre lang unablässig das Stalin-Regime politisch bekämpft, um die Befreiung der Mittel- und Osteuropäischen Staaten zu erlangen. Haben Sie denn nie die Hoffnung verloren?

Ja, ich habe zwischen 1940 und 1942, als Hitler überall Sieger war und angesichts des Kniefälle anderer Mächte vor ihm, ein bisschen die Hoffnung verloren, obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, dass die Geschichte Europas so katastrophal enden konnte. Ich bin 1933 knapp dem Tod entgangen, weil treue Freunde mich gewarnt haben, dass Hitler, den ich mich geweigert hatte zu treffen, seine Schergen auf mich losgelassen hatte. Hitler war eindeutig ein gefährlicher Psychopath. Dennoch habe ich den Mut nie verloren. Hitler war in einer von ihm inszenierten Götterdämmerung, die mir ein Freund vor dem Krieg prophezeit hatte, untergegangen. Ich wusste, dass das Sowjetreich genau so enden würde. Aber wann? Ich danke Gott, dass ich das noch erleben durfte. 

Man hat manchmal gesagt, dass Sie die Fähigkeit haben, die Zukunft vorauszusehen…

Machen Sie aus mir keinen Hellseher. Um den historischen Wandel vorauszusehen, soll man nur wissen, dass das, was heute ist, morgen nicht mehr existieren kann, aber dass es historische Konstanten oder Wurzeln gibt, die immer wieder auftauchen werden. Das Vertrauen in Gott hat mir die Kraft verliehen, die Schicksalsschläge zu überstehen und mich nicht durch die Erfolge korrumpieren zu lassen. Vor der Geschichte wie vor Gott sollte man bescheiden bleiben. Mit dem Ersten Weltkrieg angefangen und mit den beiden blutrünstigen Diktaturen der Nazis und der Kommunisten, die wohlgemerkt ihre Wurzeln in Europa und nirgendwo anders hatten, war das 20. Jahrhundert eine Folge von Elektroschocks, die Millionen und Abermillionen von Toten verursacht haben. Das Europa, das wir aufgebaut haben, ist eine Reaktion auf diese Tragödien, um zu verhindern, dass sich das nicht wiederholt. Wir sind heute mit neuen Gefahren aller Art konfrontiert und Europa soll die Reihen schließen, um uns davor zu schützen.

Welche Persönlichkeiten haben Sie in der Geschichte am meisten beeindruckt?

Das Schlimme ist, dass die großen Persönlichkeiten in Kriegen erscheinen. Denken Sie an Winston Churchill und an Charles de Gaulle. Konrad Adenauer wurde auch durch die unmittelbare Nachkriegszeit nach oben getragen. Der Papst Johannes Paul war auch eine große Persönlichkeit, der es geschafft hat, den Kalten Krieg zu überwinden und als Sieger ohne Armee daraus hervorzugehen. Auch Helmut Kohl gehört dazu, weil er wider alle Auguren sein Land und Europa in dem kurzen Moment wiedervereinigt hat, als es möglich wurde.  Heute ist die Lage ziemlich ruhig und es gibt vielleicht deshalb keine großen Männer und keine großen Frauen mehr. Es kommen aber neue Gefahren und neue Spannungen auf uns zu und wir werden sehen, ob Nicolas Sarkozy und Angela Merkel alle unsere Erwartungen erfüllen.

Welches sind die Eigenschaften der großen Persönlichkeiten der Geschichte.

Zuallererst der Mut, der Mut, in schwierigen Situationen kaltblütig und besonnen zu reagieren – aber auch der Mut, gegen den Strom zu schwimmen. Sobald bei uns jemand eine neue, glänzende Idee oder eine Lösung zum Hauptproblem hat, wird er niedergeschrien. Das erfordert Mut und Stehvermögen, sich durchzusetzen. Außerdem verhindern das sehr weit verbreitete Verhältniswahlrecht und die Politik als Showbusiness das Aufkommen starker Persönlichkeiten. Darüber hinaus müssen diese Ausnahmemenschen eine Zukunftsvision und die Fähigkeit haben, über den Tellerrand hinauszuschauen. Mein Bruder hat einmal  von einem Abend in einem politischen Freundeskreis in England während des Krieges erzählt, wo General de Gaulle anwesend war. Man diskutierte über das Europa der Nachkriegszeit. De Gaulle wärmte sich am Kamin und sagte nichts. Dann fragte man ihn: „Und Sie, Herr General, wie sehen Sie das?“. „Es ist noch zu früh, um darüber zu reden. Es ist davor, noch einiges zu tun. Das erste wird aber die Revision des   Verdun–Vertrages, der das Reich von Karl dem Großen dreigeteilt hatte. Dann werden die Westgermanen, das sind die Franzosen, und die Ostgermanen, die Deutschen, wieder vereinigt“, erwiderte er. Und das mitten im Krieg! Aber mir fallen im 20. Jahrhundert etwa zwölf Persönlichkeiten ein, die in die Zukunft geblickt haben und das friedliche Europa, das wir jetzt haben, vorbereitet und aufgebaut haben.

Sie selbst haben solche Einblicke in die Zukunft gehabt. So haben Sie als erster in einem Buch im Jahre 1968 die „Europäischen Union“ genannt, als man noch von der „Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft“, von der EWG, sprach.

Irgendwie hatten Sie doch Glück, dass Ihre Erwartungen an die Einheit Europas zum größten Teil Wirklichkeit geworden sind. Das Glück schien die Habsburg seit dem 19. Jahrhundert verlassen zu haben…
Das ist Aberglaube. Ich glaube nicht an Glück und Unglück. Es gibt Verkettungen historischer Entwicklungen, die zum Erfolg oder zur Katastrophe führen können. Am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten sich viele davon überzeugt, dass der Schiffbruch von Österreich-Ungarn unabwendbar war. Hieß es denn nicht seit der Französischen Revolution, dass die Monarchien die Bühne verlassen sollten? Trotz des Terrors von 1793, trotz der Massaker in der Vendée, geschweige denn trotz der Erschossenen der Pariser Kommune, trotz Stalin und Hitler, musste es so sein, hieß es. Da die Habsburger Monarchie zusammengebrochen war, hat man im Nachhinein eher innere als äußere Gründe gesucht. Aber der Sieg Preußens über Österreich in Sadowa 1866 und der Erste Weltkrieg, der uns auf erzwungen wurde, waren die wichtigsten Auslöser des Niedergangs. Trotz tragischer Ereignisse war es doch Franz-Josef gelungen etwas Gleichgewicht und einen gewissen Wohlstand in seinem Reich wiederherzustellen. Nach 1918 hat der Verlust der Barriere, die Österreich-Ungarn in Mitteleuropa bildete, den Diktatoren, Hitler und Stalin, einen Freiraum eröffnet, den sie erobert und okkupiert haben. Daher, kurz zusammengefasst, der Zweite Weltkrieg und der Kalte Krieg. Nach den selbstmörderischen Kriegen findet Europa erst heute zu sich zurück.

Jetzt ist die sowjetische Drohung vorüber und das vereinigte Europa besetzt diesen Hohlraum.

Das will ich gerne hoffen, aber der Kreml hat nicht auf seinen imperialistischen Drang nach Westen verzichtet. Kurz nach seiner Machtübernahme hatte Wladimir Putin in seiner berüchtigten Minsker Rede angekündigt, dass er die russische Militärrüstung in einer Zeitspanne von fünf Jahren verdoppeln würde. Man sollte aufmerksamer lesen oder hören, was Putin sagt. Im September 2001, während die deutschen Politiker seine Rede im Bundestag beklatschten, unterschrieb sein Verteidigungsminister einen Militärvertrag mit dem Iran. Die russische Haltung in dieser Region bleibt sehr unklar. Dabei hätten die Russen ein noch größeres Interesse als die Amerikaner, dass der terroristische Herd am Hindu-Kusch gelöscht wird, aber die amerikanische Präsenz im Irak und in Afghanistan…

Russland behauptet, dass es von den Amerikanern umzingelt wird! Russland, das Land der Welt, das die meisten Quadratkilometer zählt, einkreisen? Da erzählt der Kreml Märchen. Eine reine Utopie! Die Amerikaner versuchen, den islamischen Raum unter Kontrolle zu halten, den sie als den größten Gefahrenherd unserer Zeit betrachten und dafür wollen sie die Unterstützung der Russen gewinnen. Dieser islamische Raum ist sehr ausgedehnt und das ist schon sehr viel für sie. Freilich, die amerikanische Präsenz in Zentralasien verwirrt die Russen, aber sie nimmt ihnen eine Sorge ab, und zwar: die islamistische Bedrohung auf ihrer Südflanke wird eingedämmt, was ihnen freie Hand gibt, um wieder Westpolitik zu betreiben. Es ist immer das Ziel Russlands gewesen, die Kontrolle der Meeresenge zwischen dem Mittelmeer und dem Schwarzen Meer zu bekommen und aus Serbien ein russisches Protektorat zu machen, von wo aus sie die Mittelmeerregion beherrschen würden. Es ist klar, dass die Erweiterung der EU und der NATO sowie jetzt die Union für das Mittelmeer von Nicolas Sarkozy ihre Pläne dort durchkreuzt. Daher versuchen sie unter anderem, sich Georgien und danach die Ukraine wiedereinzuverleiben. Der Westen hielt die Augen viel zu lange geschlossen. Wenn ich mit Politikern aus Mitteleuropa, insbesondere mit meinen polnischen Freunden rede, merke ich, dass sie wirklich beunruhigt sind. Das ist der Grund, warum die Polen sich gegen die strategische Partnerschaft der EU mit Russland wehren, die Deutschland und Frankreich den Europäern auferlegen wollen. Ich bin auch der Ansicht, dass eine Bindung von Belgrad an Moskau eine öffentliche Gefahr für Europa wäre. Südeuropa soll sich der Adria und dem Mittelmeer zuwenden.

Aber die Invasion der russischen Armee in Georgien hat dem Westen vielleicht die Augen aufgemacht?

Was Deutschland angeht, bin ich nicht so sicher. Die Angst der Deutschen vor den Russen rührt von lange her. 1945, um Hitler in gleicher Münze zu bezahlen, hatten sie sich einen blutigen Weg durch die deutschen Ostprovinzen erkämpft und haben dann was aus Berlin übrig geblieben war, geplündert  und dabei die überlebenden Zivilisten, insbesondere die Frauen, terrorisiert. Dann haben sie ein halbes Jahrhundert lang mit einer ständigen Militärmacht von einer halben Million Soldaten ein Drittel Deutschlands besetzt und dort eine stalinistische Diktatur errichtet. Die Angst vor den Russen macht die Deutschen erpressbar, wenn diese Angst auch ein bisschen nachgelassen hat, nachdem Helmut Kohl den Abzug der Sowjettruppen teuer bezahlte. Daher versuchen die Deutschen immer noch, den russischen Bären zu streicheln, damit er nicht beißt. Jedesmal, wo das Tier die Krallen zeigt, weichen sie zurück. Ich war schon mit Kohl darüber nicht einverstanden und war es noch weniger mit Schröder. Ich hoffe, dass Frau Merkel begriffen hat, dass diese Angst ungerechtfertigt ist. Ob alle ihre Minister das begreifen…?

Setzt das deutsche Auswärtige Amt setzt die prorussische Politik von Schröder fort?

Nicht nur das Auswärtige Amt. Man sollte sich nicht wundern, dass der Schröder-Protegé Sigmar Gabriel mit Zähnen und Klauen den Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Kernkraft verhindert. Die Waffe der Russen, um die Ukraine, Ungarn und Österreich, Finnland auch, aber doch auch Deutschland unter Druck zu setzen, sind doch die Gas- und Öllieferungen. Wer sich mit dem Kreml gut stellt oder wie Weißrussland von ihm abhängig ist, bekommt  die Energie dagegen zum halben Preis. Putin hat es in seiner Rede vom Mai 2006 gesagt: „Russland kann dazu beitragen,  ein europäisches Energieversorgungssystem zu gründen“. Als die Russen am 8. Januar 2007 die „Pipeline der Freundschaft“ sperrten, hatte Angela Merkel vorgeschlagen, die deutsche Energieversorgung zu überprüfen und gefragt, ob es denn vernünftig sei, die deutschen Kernkraftwerke in den Ruhestand zu schicken. Ich hoffe, dass sie das nicht aufgegeben hat und dass sie nach den Bundestagswahlen 2009 darüber frei entscheiden kann.  Wenn es sich herausstellen sollte, dass Schröder seine Vollmachten als Kanzler ausgenutzt hatte, um die Abhängigkeit seines Landes und dabei seine eigenen Einkünfte zu vergrößern, so wäre das ein politisches Skandal größeren Ausmaßes. Aber ich glaube nicht, dass man da weiter nachforschen wird. Hat  Schröder sein Land verraten oder nicht, da kann ich natürlich seine Gewissenserforschung nicht machen. Ich bin nicht sein Beichtvater. Ich muss aber sagen, ich habe ein geringes Verständnis für die Art und Weise, wie er vorgegangen ist, ganz besonders, wie wenig vorsichtig er war, als er gleich nach seinem Rücktritt einen Posten von Seiten der Russen annahm. Ich habe das niemals verstanden und ich werde es niemals verstehen, denn ich bin der Meinung, dass jemand der seinerzeit Kanzler war, einfach nicht das Recht hat, nachher in den Dienst einer Macht zu treten, von der man weiß, dass sie potentiell eine der größten Bedrohungen seiner Heimat ist.

Natürlich hat man immer in Deutschland, wie auch in anderen Ländern, wissen müssen, dass der KGB alles getan hat, um die nukleare Entwicklung im Westen negativ zu beeinflussen. Man darf dabei nicht aus den Augen verlieren, dass es hier wirtschaftliche und politische Interessen gibt. Für Russland ist es jedenfalls von Interesse, dass die Nuklearindustrie bei uns nicht prosperiert.  Daher die vielen Räubergeschichten, die bezüglich der Atomunfälle immer wieder auftauchen.

Frankreich jedenfalls ist dank seiner Kernkraftwerke viel weniger erpressbar als die Bundesrepublik. Ich stelle fest, dass es in Mittel- und Osteuropa, in Ungarn etwa, viel weniger Bedenken gegen die Atomkraft als etwa in Deutschland und in Österreich gibt, weil diese Länder der Propaganda der Atomgegner viel weniger als der Westen ausgesetzt waren.

Nicolas Sarkozy und Angela Merkel… Ist das Verhältnis zwischen ihnen wirklich so schlecht?

Was die Beziehungen Sarkozy – Merkel betrifft, bin ich nicht glücklich. Aber ich glaube, dass der französische Staatspräsident, wenn er gut beraten wird, die Bedeutung des deutsch-französischen Motors erkennen wird und Frau Merkel wird verstehen, dass sie mit dem Franzosen mehr erreicht, als wenn sie allein handelt. Ich halte es  für unser  Sicherheitsinteresse für wichtig, dass die deutsch-französischen Beziehungen weiter ausgebaut werden.

Es muss Ihnen gefallen, dass Nicolas Sarkozy ungarischer Abstammung ist?

Was den Ruf von Sarkozy in Ungarn betrifft, so kann ich nur sagen: die Ungarn waren sehr glücklich, dass einer von ihnen als Franzose eine große Rolle spielt, was übrigens in der Geschichte schon mal der Fall war. Es war ja schließlich die Dynastie Danko, die sehr viel und sehr Gutes in Ungarn geleistet hat. Wir haben natürlich Probleme gehabt, und ich verstehe, dass Sarkozy, der Präsident in Frankreich werden wollte, nicht unbedingt darauf hinweisen wollte, dass sein Vater aus einem anderen Land abstammte. Ich muss allerdings sagen, leider kennen in Frankreich die Menschen ihre Geschichte nicht gut genug, weil die ungarische Vergangenheit nicht so schlecht war, dass man sich genieren müsste.

Was halten Sie von der Umorientierung der Politik von Nicolas Sarkozy in Richtung Amerika?

Diese Normalisierung war dringend notwendig und trägt der wirklichen strategischen Lage Rechnung. Mit Amerika zusammen kann die EU die Welt ein bisschen bewegen. Man kann auch einander ablösen. Sehen Sie, die EU konnte beim Georgien-Konflikt diplomatisch eingreifen, während die USA mit ihren Wahlen beschäftigt waren. Außerdem behält Sarkozy die atomare Abschreckung, womit General de Gaulle Frankreich ausgerüstet hatte. Die selbständige Nuklearmacht Frankreich ist eine wichtige internationale Komponente. In den Angriffsplänen gegen Westeuropa, die der Warschauer Pakt ausgearbeitet hatte und die inzwischen gefunden wurden, war die französische Atomwaffe ein Unsicherheitsfaktor für die potentiellen Invasoren. Frankreich wollte nicht mehr wie 1940 den Einmarsch einer fremden Armee auf seinem Nationalterritorium dulden und hätte nuklear zurückgeschlagen. Um 1986-87 hatte Mitterrand diesen Schutz auf Westdeutschland erweitert. Chirac hat das später bestätigt. Mit Sarkozy kann es kaum anders sein.  

Aber bei aller Versöhnung mit Washington hat Sarkozy seine Denkfreiheit beibehalten. Das ist richtig, weil die Amerikaner sich von den Europäern unterscheiden. Als ich aus Amerika nach Europa nach Kriegsende zurückkam, freute ich mich Städte mit Kathedralen statt Großbanken in ihrer Mitte zu sehen. Wenn der französische Staatspräsident heute für eine „Moralisierung des Kapitalismus“ eintritt, so sind das die Worte eines Europäers. Die Worte von George W. Bush nach dem terroristischen Angriff auf das WTC in New York waren dagegen in Europa nicht verstanden worden, aber seine Landsleute haben sie bejubelt. Der Unterschied rührt daher, dass eine Religionsgemeinschaft, die „Pilgrim Fathers“ Amerika gegründet hatte, die im wesentlichen das Alte Testament mitbrachte. Europa wurde viel stärker vom Neuen Testament geprägt. Dieser Unterschied ist bis heute erhalten geblieben. 

Meinen Sie z. B. das Recht auf Vergeltung im Alten Testament, während Jesus Christus für Versöhnung eintrat?

Darum geht es auch. Sicher sind uns die Russen, zumindest das, was der Kommunismus von ihrer orthodoxen und bodenständigen  Kultur übrig gelassen hat, näher als die Amerikaner. Sie sind Bauern, in unserem Kontinent fest verwurzelt, aber sie haben weder die Renaissance noch die Aufklärung erlebt, während die Amerikaner den Geist der britischen Demokratie und Gerechtigkeit mitbekommen haben. Eine bestimmte westeuropäische Linke, die das Sowjetregime in seinem Bann hielt, wollte das nicht begreifen. Vergessen Sie nicht, dass der Aufruf des polnischen Papstes zur Glaubensfreiheit die Völker Osteuropas angetrieben hat, sich von ihren Ketten zu befreien. Dieser Geist der Religionsfreiheit war in den USA, historisch gesehen, sogar vor der politischen Freiheit fest verankert.

Das Sowjetregime wurde in Russland dagegen nicht durch eine Revolution, nicht durch eine Sehnsucht des Volkes nach Freiheit, sondern es brach am 21. Dezember 1991einfach zusammen, weil es keine Kraft mehr hatte. Aber es hat die stalinistischen Dämonen nicht vertrieben. Putin ist der typische totalitäre Bürokrat und das ist ungefähr das Ärgste, wie es uns auch der Geist Adolf Hitlers gezeigt hat. Dass Sarkozy in seinen Verhandlungen mit Putins Doppelgänger Dmitri Medwedew  im August 2008 in Sachen Georgien große Schwierigkeiten hatte, verstehe ich, aber ich fürchte sehr, dass seine Art, doch irgendwie den Russen allzu viel Verständnis zu zeigen, zu weit geht, weil wir eben mit einem bürokratischen Totalitarismus zu tun hatten. Es besteht auch gar kein Zweifel, dass es in Russland keine wirkliche Information gibt oder das, was tatsächlich Putin und seine Genossen wollen. Die Siloviki sind eine öffentliche Gefahr.

Siloviki? Was ist das?

Das ist der Freundeskreis von Putin. Mehrere von ihnen sind ehemalige Kameraden aus der Zeit, als er „Gauleiter“ von Breschnew in der DDR war. Sie kontrollieren in Russland die Großunternehmen, die Bodenschätze, die Seefahrt- und Transportgesellschaften. Viele Russen mussten von ihnen ins Ausland flüchten. Ein Exodus, der demjenigen der Weißrussen nach der Revolution ähnelt. Wenn Menschen vor ihrem Land flüchten, ist das der beste Beweis, dass dieses Land nicht mehr demokratisch ist. Wobei das Frappante ist, dass das Organisationsschema hier ein anderes ist, als es bei den früheren Formen des Totalitarismus war. Man hat offenbar dort in genialer Weise die Strukturen nach dem System der Mafia in Italien genommen, ohne dass man damit das Hauptgewicht wirtschaftlichen Gesichter ganz dieser Mafia angleicht, die der Wirtschaft den Vorrang gibt, denn es besteht ja kein Zweifel, dass in Russland weiter die Priorität dem militärischen Gedanken gehört, der über allem anderen steht, was für alle Europäer längst die Alarmglocke hätte läuten lassen sollen.

Sind die Chinesen aus Ihrer Sicht für uns eine andere Bedrohung?          

Die chinesische Tradition ist nicht imperialistisch. Für den Westen sind sie sowieso keine Bedrohung, nur ein Mitbewerber. China ist für uns einer der wichtigsten Partner, die wir haben können. Man muss allein geographisch sehen, wie wichtig China für uns ist, ganz abgesehen, dass ich selbst einige Male in China war und das chinesische Volk sehr respektiere. Trotz allem Anschein ist China ist keine kriegerische Macht. Es will nicht bis Moskau vorstoßen. Nach dem Krieg zwischen Indien des Pandit Nehru und Volkschina von Mao-Tse-Tung waren die Chinesen Sieger. Sie hätten ganz Indien besetzen können, taten es jedoch nicht, während die Russen das mit Sicherheit getan hätten. Die Russen haben sich in Sibirien ehemalige chinesische Gebiete einverleibt, die Peking wieder beanspruchen wird. Aufgrund des demographischen Rückgangs in Russland werden sie mit ihrer großen Bevölkerung bestimmt Sibirien allmählich bevölkern.

Glauben Sie nicht, dass Sie zu chinafreundlich und zu russlandkritisch sind?

Ich weiß, dass Tibet ein Argument gegen meine Meinung und dass Taiwan immer gefährdet ist. Aber das sind Sonderprobleme mit besonderen historischen Ursachen. Glauben Sie auch nicht, dass ich den Chinesen uneingeschränkt gewogen bin, während ich der Ruß prinzipiell feindlich gesinnt wäre. Als alter Mensch, der ich den Anstieg des Totalitarismus unter Stalin und unter Hitler kennen gelernt habe und dann beide politisch bekämpft habe, habe ich eine wesentlich pessimistischere Ansicht über das, was sich in Russland abspielt, denn Putin erinnert mich allzu sehr an Hitler. Man darf auch nicht vergessen: Die Strukturen der Diktatur-Parteien gehorchen immer gewissen Regeln, die inzwischen längst bekannt sind. Sie waren beim Hitlerismus und Stalinismus erkennbar. China hat längst keine Demokratie aber in diesem großen Land spielen andere Regeln und Traditionen auch eine Rolle.

Gegen die Russen an sich habe ich nichts. Ich selbst hatte Boris Jelzin im Europäischen Parlament empfangen und eingeführt. Er war ein überzeugter Demokrat. Ich habe ihn geschätzt, weil er für mich der Typ des bodenverbundenen russischen Bauern war. Seine Haltung z.B. auch gegenüber der russischen Tradition, wie Nikolaus II., war bewundernswert. Dass unter ihm sehr viel Unfug getrieben worden ist, muss irgendwie verstanden werden, denn man hat ihn zwar kritisiert und es ist unleugbar, dass damals in Russland alle möglichen Korruptionsfälle geschehen sind, aber man darf einfach nicht vergessen, in welcher Situation Jelzin Russland übernommen hatte. Wichtig war es jedenfalls, dass damals Russland unter Jelzin keineswegs eine Diktatur war, sondern, wenn es auch autoritäre Seiten hatte, Verständnis für demokratische Prinzipien zeigte. Unter Jelzin hat es vielleicht einen ziemlichen Unfug in der Wirtschaft gegeben, in der Politik aber war es ganz etwas anderes als heute und jedenfalls gab es mehr Verständnis für die Menschen und mehr Respekt auch für gewisse Aspekte der Freiheit, als es nachher unter Putin der Fall war. So lange die russische Führung wie jetzt aus Epigonen von Stalin und Breschnew besteht, ist meines Erachtens Misstrauen angebracht. Ihre Politik erinnert mich zu sehr an die Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg. Hitler hatte sich auf einen Weg begeben, der demjenigen des Kremls heute ähnlich war.

Manche sagen heute, dass wir an der Schwelle eines neuen Kalten Krieges sind. Ist diese Bezeichnung zutreffend?

Ich glaube persönlich, dass wir längst schon drinnen sind, aber wir sind drauf und dran, ihn immer wieder in verschiedenen Punkten infolge unserer Illusionspolitik zu vergessen.

Wie können sie das begründen?

Der Sowjetblock ist auseinandergebrochen, aber Russland, der Nachfolgestaat der Sowjetunion, hat die Sowjetarmee und den KGB behalten.  Nach dem Sieg der Bevölkerung gegen den Kommunismus in Satellitenstaaten und nach dessen Zusammenbruch in Russland, hat der KGB  eine gewaltige Summe Geldes in Gebieten untergebracht, von denen wir uns keine Vorstellung machten. Speziell im Stillen Ozean gibt es sehr viele kleine Staaten, die unabhängig sind,  keiner Kontrolle unterworfen sind und in denen man sich sehr gut verstecken kann. Mit „Verstecken“ meine ich in diesem Fall das Geld. Die Russen haben sich schon seit Jahrzehnten mit diesem Problem befasst, während der Westen sich nicht darum kümmerte. Diese Gelder wurden in den letzten Jahren in den Waffenhandel, in den Devisenschmuggel und in allerlei Tätigkeiten dieser Art investiert, wo man gute Geschäfte macht. Sie wurden gut geführt und haben eine Erweiterung der finanziellen Basis des KGB ermöglicht, der das dominierende Element in dem Siloviki-System von Putin darstellt.

Wer die Ereignisse beobachtet, wird finden, dass es tatsächlich eine einzige Struktur gegeben hat, die wirklich alles zusammengehalten hat, nämlich der KGB mit seinem gewaltigen Potential im militärischen Bereich, im Bereich der Justiz und der Polizei, das nicht angetastet wurde, und mit seinem Einfluss in verschiedenen kleineren Anrainerstaaten, die Russland stets durch brutale territoriale Okkupation und Durchdringung ihrer Einrichtungen an sich gebunden hat. Befreite Staaten wurden von Russland fast ausnahmslos unter dem Vorwand unterstützt, die Demokratie dort zu entwickeln. Dabei ist nicht zu vergessen, dass sich die meisten Völker sich selbst befreit hatten, deshalb eine schrumpfende Basis hatten, die der KGB noch weiter geschwächt hat. Hinzu kam, dass die Russen deren Armeen ideologisch trainiert hatten. Die Konzeptlosigkeit der westlichen befreiten Länder, aber auch der Befreier, ganz gleich, ob in Europa oder in Mittel- und Südamerika, war eine Hilfe für die russische Politik. Im amerikanischen Wirkungsbereich wurden Probleme akut, die früher aufgrund der Spannungen  mit Russland unter den Teppich gekehrt wurden. Das galt für Europa aber nicht zuletzt für die Staaten von Süd- und Mittelamerika.

Behaupten Sie, dass lateinamerikanische Befreiungsbewegungen vom KGB unterstützt wurden und noch werden?
Haben denn nicht Kuba und jetzt Venezuela eindeutige Beweise dafür geliefert? Im Namen der Verteidigung der Menschenrechte, hat man sich gegen das Land der Menschenrechte, Amerika, aufgelehnt, währen die russisch orientierten, totalitären Staaten und Parteien weiter als Demokratien bezeichnet wurden, obwohl sie es nicht waren. Das war einer der großen Erfolge Russlands, dass man den Demokratiebegriff seiner eigentlichen Bestimmung entfremdete. Das war nicht zuletzt in Südamerika der Fall, aber auch in einer Reihe von europäischen Staaten, wo man Begriffe wie Menschenrechte und Freiheiten ganz anders ausgelegt hat, als die Väter der Demokratie sie verstanden hatten. Auch der Begriff „totalitär“ wurde selektiv angewandt. Er galt fortan weniger für die Linken und für die Kommunisten als  für die nicht-kommunistischen Staaten. Es war ein genialer Propagandatrick des Kremls und seiner Organe, insbesondere des KGB, dass, je nachdem, ob es sich um Rechte oder Linke handelte, mit verschiedenen Maßstäben gemessen wurde. In Südamerika hat die Abscheu vor Militärregimen eine Rolle gespielt, während gleichzeitig KGB-unterstützte Regime als demokratisch annehmbar behandelt wurden. Ein anderer Erfolg war die Identifizierung von Konservativen und Faschisten, die den Kommunisten gewaltige Waffen ins Haus geliefert hat.

Von Bedeutung für die Entwicklung der russischen Propaganda war auch die Situation in verschiedenen kleineren und oftmals fern liegenden Staaten, die man zu Propagandaaktionen ständig einsetzen konnte. Überhaupt war die Nutzung des Begriffes „Propaganda“ für gewisse Tendenzen und andere Tendenzen unterschiedlich, so dass tatsächlich die Durchsetzung eines Gleichgewichtes in der internationalen Rechtsordnung nicht mehr gelingen konnte. So gelang es auch, dass die Begriffe „rechts“ und „links“ ganz anders ausgelegt wurden. Das hat insbesondere in der Politik in Südamerika eine größere Rolle gespielt. Der Sowjetkommunismus ist offiziell entsorgt worden, aber er hat Metastasen in Lateinamerika und in Asien, aber auch in Europa hinterlassen.

Für Sie hat sich also der Kalte Krieg - zumindest heute noch - vom militärischem auf das finanzielle und propagandistische Gebiet verlagert? 

Propagandistische und militärische Aktionen gehören  zusammen. Durch diese Verschiebung der Worte, durch die Verfälschung zahlreicher politischer Begriffe, die dann zu geistigen Waffen wurden, entstand eine Schwächung der Sicherheit verschiedener Staaten und Staatengemeinschaften. Es gehörte auch zur Genialität der sowjetischen Propaganda, dass man jede Warnung vor russischen Machenschaften als entweder faschistisch oder übertrieben militaristisch diskreditierte, während man das, was sich auf russischer Seite abspielte, nicht mehr kritisieren konnte, weil der Sinn der Worte verändert worden war. Früher wurde der Begriff „Demokratie“ mit „Volksdemokratie“ oftmals gleichgesetzt, aber das hat sich fortgesetzt, indem politische Begriffe ihres Inhalts entleert beziehungsweise mit falschen und verlogenen Propagandainhalten gefüllt wurden. Man braucht diesbezüglich nur die russischen Sendungen und die russischen Propagandatätigkeiten zu sehen, um zu erkennen, dass praktisch alle positiven politischen Begriffe bereits ihres Sinnes entleert worden waren und dass an deren Stelle ganz andere Dinge eingefügt worden sind.

Der georgische Präsident Saakaschwili hat den Einmarsch der Russen in seinem Land im August 2008 mit dem sogenannten Gleiwitzer Zwischenfall verglichen, den Hitler inszeniert hatte, um Polen zu überfallen. Ist dieser Vergleich zulässig?

Natürlich war der Überfall auf Georgien von langer Hand vorbereitet und zuletzt war der Auslöser ein Trick. Diktatorische Systeme tun das immer. Erinnern Sie sich an den Reichstagsbrand unter Hitler.  Vor zwei Jahren schon sagte ich Ihnen, wie die Russen in Abchasien und Südossetien Agitation und Waffen einsetzen, um die sehr erfolgreiche georgische Demokratie und Wirtschaft zu destabilisieren und den westlichen Einfluss dort zurückzudrängen. Ich beurteile die Politik von Saakaschwili als durchaus positiv. Der Mann hat das Land befreit. Er hat ihm ein sauberes Regime gegeben, auch wenn die Russen heute Dinge behaupten, die nicht stimmen, wobei man etwas nicht vergessen darf: Ein kleiner Staat hat niemals die gleichen Möglichkeiten der Publizität wie die Großmächte. Die These des georgischen Präsidenten ist durchaus glaubwürdig. Man hat ganz besonders in Georgien beobachten können, mit welcher detaillierten Systematik die Überfälle vorbereitet wurden, wie die aufständischen Milizen finanzielle Unterstützung auf eine Art und Weise erhielten, wie man sie sich in demokratischen Staaten gar nicht vorstellen kann. Typisch ist es, dass, während Präsident Saakaschwili darauf schon vor vielen Monaten aufmerksam machte, welche militärischen Vorbereitungen von Russland getroffen wurden, dies immer wieder als falsche Propaganda abgelehnt wurde, während es dann, als tatsächlich beweisbar war, dass Saakaschwili Recht hatte, dies auch von den Russen so überspielt wurde, dass sich dann niemand traute, irgend etwas zu sagen. Bezeichnend ist auch immer wieder die Tatsache, dass, während die Russen ruhig ihre wirtschaftlichen und militärischen Instrumente einsetzten, um ihre politischen Ziele weiter zu entwickeln, jeglicher Einsatz von Seiten der Amerikaner, wie Waffenlieferungen und ähnliches, verurteilt wird.

Man hat bei dem Überfall auf Georgien von der Gefahr eines Domino-Effektes gesprochen. Ist die Unabhängigkeit anderer Länder gefährdet?

Als die Russen vor über einem Jahr beschlossen haben, Georgien zu überfallen, weil sie große Angst hatten, dass gerade Saakaschwilis Erfolge Nachahmung finden dürften, war es ihnen wichtig, das Regime Saakaschwili wegzuputzen. Es hätte zweifellos einen Domino-Effekt in umgekehrter Richtung gegeben, weil Saakaschwili Schule gemacht hätte. Auf die oft gestellte Frage „Muss sich die Ukraine fürchten“ antworte ich:  „Selbstverständlich und zwar sehr“. Die Ukraine ist ein reiches Land. Sie hat eine sehr wertvolle Bevölkerung, eine potentiell starke Wirtschaft und ist eigentlich berufen, in den slawisch sprechenden Völkern führend zu sein. Ich würde auch sagen, dass die Sorgen der baltischen Staaten absolut berechtigt sind, denn Putin wird ganz bestimmt auch dort etwas unternehmen. Man hat das ja schon bei den verschiedenen Aktionen gegen Estland gesehen.

Stimmt es, dass die Russen Kaliningrad remilitarisieren wollen?

Was die Frage Kaliningrad, also Königsberg, betrifft, kann man nur sagen: sie ist für die Baltischen Staaten sehr wichtig. Sie sind irgendwie umzingelt und bei ihnen gibt es noch russische Minderheiten, die zwar ständig zurückgehen. Das darf man auch nicht vergessen, denn die jungen russisch-stämmigen Menschen sind viel loyalere Balten als man im Allgemeinen annimmt. Sie haben nicht mehr das gleiche Verhältnis zu Russland, denn sie haben auch die Gelegenheit gehabt, zu sehen was Russland wirklich ist. Kaliningrad ist in diesem Sinn eine absolute militärische Stellung der Russen, die übrigens eine Linie eröffnet hat, die man weit südwärts bis ins Schwarze Meer verfolgen kann und strategisch von größter Bedeutung ist.

Also der Krieg in Georgien war auch ein ideologischer Krieg?

Man kann aber auch einen Krieg der Gedanken und der Begriffe nicht ohne einen Schlachtplan führen. Es hat sich ganz besonders in Georgien gezeigt, das es sich bezahlt macht, systematische, dreiste Lügen als Propagandamittel einzusetzen und dass außerdem aus politischen Gründen die Verfälschungen der Begriffe durch die Russen, durch die Kommunisten, aber auch teilweise durch die Sozialdemokratie, zu einer totalen Schwächung der Abwehrkräfte in den nicht-totalitären und nicht marxistischen Kreisen geführt haben. Man erinnere sich in diesem Zusammenhang an die Lehren des Sun Tsu, der einer der großen Lehrer des politischen Krieges war und von den heutigen Chinesen nicht vergessen worden ist. Er betonte immer wieder, dass man die Verfälschung der Begriffe als eine der wichtigsten Waffen einsetzen sollte.

Man braucht das hier nur im gegenwärtigen bewaffneten Konflikt in Georgien zu verfolgen, wo es wohl Beobachter der EU geben wird, die unbewaffnet herumgehen müssen, während auf der anderen Seite berufliche Propagandisten ihnen verfälschte Realitäten vorführen werden. Ich sagte es gerade, und das hat sich jetzt auch wieder in Georgien gezeigt, die Russen haben es geschafft, mit verfälschten Begriffen voranzukommen und damit die nicht-kommunistischen Kräfte, die für Demokratie eintreten, in die Defensive zu treiben. Man hat bereits so viele Begriffe ihres Sinnes beraubt, dass eine totale Verfälschung der Atmosphäre eingetreten ist.

Aber die Russen sagen, dass Abchasien und Südossetien selbständig werden wollen und dass sie es nicht weniger als der Kosovo verdienen.

Hier sei daran erinnert, dass beim Kosovo eine demokratische Entscheidung per Volksabstimmung beispielhaft funktioniert hat und dass die amerikanische und europäische Politik trotzdem verurteilt werden, während die Gebote diktatorischer Staaten als selbstverständlich und legal betrachtet werden. Letzteres gilt für die von Ihnen eben genannten Territorialeinheiten. Man hat sich da wiederum im Fall Kosovo dem Versuch gegenüber befunden, dass die Initiativen totalitärer Staaten als gleichberechtigt mit den Ergebnissen demokratischer Referenda betrachtet werden.

Haben Sie Sich gefreut, dass Europa, und zwar die 27 Mitgliedsstaaten, in Sachen Georgien mit einer Stimme gesprochen haben?

Es war nicht so schwierig, weil die EU Minimalistisches von den Russen verlangt hat. Einen kleinen Durchbruch, und zwar einen abgestuften Rückzug der russischen Truppen, hat Nicolas Sarkozy erst im Nachhinein nach mehreren Stunden harter Verhandlungen mit Medwedew erzielt. Bezüglich dieses  Abkommens Sarkozy-Medwedew muss ich leider sagen, dass es sich schon jetzt gezeigt hat, dass die Russen sich an überhaupt keine Abkommen halten. Man macht sich da Illusionen, so wie man sie seinerzeit auch mit Hitler gehabt hat. Man darf einfach nicht vergessen, dass totalitäre Bewegungen absolut amoralisch sind und daher jederzeit alle Prinzipien über Bord werfen, wenn es ihnen irgendwie nützt.

Aber war es nicht für Europa eine gute Übung, sich auf einem Minimalkonsense zu verständigen?

Wenn Europa mit einer Stimme sprechen soll, dann wird man immer die Ansprüche herunterschrauben. Die EU hat davon profitiert, dass die Amerikaner mit ihrem Wahlkampf beschäftigt waren, um die erste Geige zu spielen.  Was ich aber in Sachen Europa bedauere ist, dass man sich auf diese Frage der Verfassung fokussiert hat. Eine Volksabstimmung über den Irrsinn, den man uns als Verfassungsvertrag angeboten hatte, den niemand bis zum Ende lesen konnte, grenzte an Wahnsinn. Die Menschen hatten Angst vor diesem Papiermonster, der in einer bürokratischen Sprache verfasst war, den keiner verstand. Trotz aller meiner Bedenken, hatte ich mich aus Liebe zu Europa in Frankreich am Kampf für das Referendum beteiligt nach dem Motto: „Wir können nicht gewinnen, aber wir müssen etwas tun“…

Nach Ihrer Devise: „Nicht geschossen ist auch gefehlt“?

Unser Haus hat keinen Wahlspruch, aber das ist ein Satz, der uns am Herzen liegt.  Die neue Fassung des Verfassung, Lissaboner Minivertrag genannt, war nur ein ganz klein bisschen besser. Aber es war nicht das, was man sich hätte wünschen können. Ich war also damit nicht sonderlich zufrieden, aber ich habe mich in diesem Zusammenhang keineswegs über die Entscheidung von Irland gefreut. Nicht, wie gesagt, dass ich mit der Verfassung einer Meinung bin, denn die Verfassung hat Bedingungen, die wirklich unerfreulich sind. Aber die Weiterentwicklung Europas hätte nie so wie bisher stattfinden können, wenn man nicht bereit gewesen wäre, Einiges zu schlucken, um wenigstens die größere Einheit zu bringen. Wir brauchen diese große Einheit Europas  zu unserer Sicherheit. Die blinde Orientierung auf das Wirtschaftliche hin wird uns immer auf den Prügelweg führen. Europa muss sich als eine politische und auch als eine kulturelle Einheit entwickeln. Denn Europa ist nicht allein ein Markt, es hat eine Seele.  

Sie sprachen von der Angst der Deutschen vor Russland. Eine vergleichbare Angst, die auch alte historische Wurzeln hat, empfindet heute besonders die deutsche Linke vor der Türkei und lässt sich von Erdogan beeindrucken.

Tatsächlich! Warum denn? Die Türkenkriege sind längst vorbei und die Türkei war einstmals Deutschlands Verbündete. Trotzdem schwebt ein Gefühl der Angst vor Ankara. Es hat zwar einen aktuellen Grund: etwa 2,5 Millionen türkischstämmige Menschen leben heute in Deutschland und Erdogan hat neulich eine Rede in Köln gehalten, in welcher er den Deutschlandtürken empfohlen hat, sich nicht assimilieren zu lassen, Türken zu bleiben und ihn zu unterstützen. Viele von ihnen besitzen die doppelte Staatsangehörigkeit, obwohl das nicht gesetzlich ist. Wie in allen anderen westeuropäischen Staaten, wählen die Bürger moslemischer Konfession mehrheitlich links. Deswegen machten ihnen Schröder und Fischer den Türken großzügige Versprechen, die auf lange Sicht nicht einzuhalten sind. Die Türkei gehört nicht zu Europa, Frau Merkel und Herr Sarkozy sagen es. Das ist für die Türken keineswegs beleidigend.  Ihr Land hat eine wichtigere Rolle zu spielen, als in Brüssel mit zu sitzen.

Eine Rolle etwa in der Union für das Mittelmeer?

Schon in der Antike war nicht das Mittelmeer, sondern die Wüste Sahara, diese Region, wo der Sand das Wasser ersetzt, die Südgrenze der Römischen Welt. Afrika fing südlich der Sahara an und es ist falsch, die arabischen Staaten des südlichen Mittelmeers als, afrikanisch‘ zu bezeichnen. Das Mittelmeer war in der Antike die Drehscheibe der Zivilisation. Seit den Phöniziern, den Griechen und den Römern war das, mare nostrum‘ immer ein Bindeglied, ein einigender Mythos. Vorderasien, heute die Türkei, gehörte dazu, zum Mittelmeer. Auf seiner Ostseite hat die Türkei also den Auftrag, die Turkvölker Zentralasiens zu einigen. Das wäre für sie wichtiger als die Europa-Mitgliedschaft. In unserem gemeinsamen Buch hatte ich eine <Mittelmeertriade> skizziert: im Nordosten die Türkei und die Turkvölker, im Norden Europa und im Süden, die Südküste des Mittelmeeres von Marokko bis Nahost. Man wird mir nicht absprechen, dass ich mich für die Staaten Mitteleuropas und die Osterweiterung der EU eingesetzt habe. Das war das Anliegen des zweiten Teils meines Lebens. Aber ich war auch immer ein Verfechter des Mittelmeerprojektes. Wir müssen unsere Vision der Weltteile ändern und zugeben, dass die Anrainerstaaten des Mittelmeeres untrennbar sind. Daher halte ich die jetzt zustande gekommene Union für das Mittelmeer für eines der wichtigsten Ereignisse des 21. Jahrhunderts. Andere Europäer hatten das nicht von vorneherein begriffen. Ich sprach gerade von der Erweiterung der europäischen Zivilisation, worunter ich die Werte der Toleranz und der Justiz. Dazu kommen natürlich die Wirtschaftskooperation und der Wohlstand für alle, aber das politische Ziel des Friedens hat den Vorrang. Natürlich gibt es kurzsichtige Menschen auch in Europa, die nicht verstehen, dass diese Erweiterung nach Süden eines der wesentlichsten Sicherheitsfaktoren ist. Dass das Mittelmeer auch für uns von entscheidender Wichtigkeit ist, muss man ihnen erklären, wobei ich unter dem Mittelmeer das ganze Mittelmeer verstehe und ganz besonders auch die beiden wesentlichsten strategischen Gebiete, nämlich Gibraltar auf der einen Seite, das Schwarze Meer, der Bosporus und die Dardanellen auf der anderen Seite. Auch hier kann man sich wieder erinnern, was seinerzeit Winston Churchill zu den Dardanellen gesagt hat. Das Mittelmeer hat zwei Tore. Wir brauchen dieses Mittelmeer und wir müssen auch alles tun, um das Verständnis mit allen Anrainern zu finden, solange es möglich ist.

Vor einigen Monaten haben Sie vor dem Wiener Parlament behauptet, dass die Anhängerschaft der Nazis in Österreich schwächer gewesen war, als man dachte, und dass die paar Zehntausend Menschen, die Hitler nach dem Anschluss auf dem Heldenplatz in Wien akklamiert haben, nicht zahlreicher als heute in einem Fußballstadion waren. Die Medien haben das als eine Fehleinschätzung von Ihnen betrachtet!

Was diese Frage der angeblichen begeisterten Menschen auf dem Heldenplatz  betrifft, möchte ich zuerst einmal sagen: Es wurden sämtliche Schulkinder gezwungen, dorthin zu gehen, einschließlich z.B. auch die Kinder der Herzöge von Hohenberg, wo die Väter auf beiden Seiten bereits im Konzentrationslager waren. Was die Massen auf dem Heldenplatz betrifft, waren sie für eine große Stadt, wie Wien, verständlich, und es wurde Druck auf die Betriebe und Verwaltungen ausgeübt, die Menschen dorthin kollektiv zu treiben. Sie konnten nichts anderes tun als hingehen. Dabei möchte ich auch darauf hinweisen, dass während der triumphalen Periode des Nationalsozialismus, einschließlich der ersten zwei Jahre des Weltkrieges, es in fast allen alliierten Hauptstädten begeisterte Demonstrationen gab, als die deutsche Armee dort einmarschiert ist.

Was die Frage der so genannten Mitverantwortung von Österreich an den Nazi-Ereignissen betrifft, so möchte ich eindeutig sagen: Ich habe sehr viel damit zu tun gehabt und ich halte weiter daran fest: Österreich ist unschuldig an der Situation. Es ist von vielen im Westen, ganz besonders von England, fallen gelassen worden. Ich habe sehr bedauert, dass die österreichische Regierung nach dem Krieg nicht energischer davon gesprochen hat. Ich wurde diesbezüglich durch die Sozialisten in Österreich schärfstens kritisiert, und das hat mir irgendwie Spaß gemacht, weil es ja eigentlich nichts anderes war als der Versuch, Säulenheilige des Sozialismus zu schützen, wie der Bundeskanzler Renner, der Hitler und dann in einem unterwürfigen Brief Stalin begrüßt hat. Ich war immer ein Anhänger des Widerstandes, und zwar des militärischen Widerstandes, nicht, weil ich etwa die Illusion hatte, wir könnten die Deutschen aufhalten. Wir haben aber, so glaube ich, wie es sich jetzt immer mehr herausstellt, die Deutschen, und zwar speziell das deutsche Militär, richtig beurteilt. Hätte sich Österreich gewehrt, auch nur durch kleine Gruppen, hätte das von Seiten des deutschen Militärs eine scharfe Reaktion gegen die Nationalsozialisten hervorgerufen. Dass das eine riskante Sache ist, ist vollkommen klar, aber man hat mich auch sehr wegen meinem Antrag an Schuschnigg, die Sache zu übernehmen, kritisiert, wobei ich eines sagen möchte: ich war damals der Überzeugung, dass wir in einen Krieg kommen und dass wir diesen Krieg bestimmt nicht überstehen würden. Ich dachte nämlich, wenn ein Volk sich nicht wehrt, es dann nach dem Krieg endgültig verschwindet. Aber ich wollte, dass Österreich wieder aufersteht. Ich war daher für einen Widerstand, der total hoffnungslos schien, weil ja die Ermutigung aus London so stark für Hitler war, wie es die Mission des Herzogs von Windsor bei Göring gezeigt hat. Aber man darf nicht vergessen, dass die Tschechoslowakei eine sehr gut ausgerüstete Armee hatte. Sie hat sich auch überhaupt nicht gewehrt. Im Krieg wurde Österreich dann von Seiten der Alliierten elend behandelt, während der Tschechoslowakei, und zwar dem Land von Beneš, alles verziehen wurde, einschließlich der Tatsache, dass es sich nicht verteidigt hatte. Bei Österreich auf der anderen Seite hatte man gegen Österreich, weil es kleiner und schwächer als die Tschechei, immer war wieder den Vorwurf des Nicht-Widerstandes gemacht.

Ich wusste  aus meinen Kontakten mit der deutschen Armee in jener Zeit, dass sehr viele hohe Offiziere und auch kleine Offiziere gewartet haben, ob nicht ein Zeichen aus Österreich kommt, um einen Volkswiderstand gegen den Nationalsozialismus einzuleiten, immer allerdings in der Illusion, dass dann in dem Fall Hilfe aus dem Westen kommen würde. Die Einzigen, die in der Frage „Hilfe aus dem Westen“ am positivsten waren, waren die Franzosen. Wir dürfen uns daran erinnern, dass, wenn Österreich nicht bereits früher gefallen ist, wir das den Italienern verdanken, die nach dem Dollfuss-Mord ihre Armee an der österreichischen Grenze aufmarschieren ließen. Dass alle diese Dinge immer wieder verfälscht wurden, ist vollkommen verständlich. Es geschah im Interesse derjenigen bedeutenden Persönlichkeiten der österreichischen Linken, die nicht wollten, dass ihre Rolle in den beiden kritischen Zeiten bekannt wird, wobei es nach der Befreiung in Vorarlberg Aufstände der Menschen dagegen gegeben hat, dass man dem Schiff am Bodensee den Namen „Karl Renner“ gibt, weil die Vorarlberger als gute Demokraten genau wussten, was sich hier wirklich abgespielt hatte.

Es heißt, dass Sie mehrere europäische Staatsangehörigkeiten besitzen. Stimmt das?

Ich habe vier Staatsangehörigkeiten, die österreichische, die ungarische, die deutsche und die kroatische. Nach dem Krieg besaß ich nur einen österreichischen Pass, den ich behalten habe, worauf stand „auf dem österreichischen Gebiet ungültig“. Man hatte mir die österreichische Staatsangehörigkeit nicht entzogen, weil es ungesetzlich gewesen wäre. Man hatte mich aufgrund einer Verfassungsbestimmung verbannt, die noch in der Verfassung der Republik Österreich steht, die ich jedoch durch eine Klage vor der unabhängigen Justiz meines Landes außer Kraft habe setzen lassen. Der Kampf um die Rückkehr nach Österreich hat sechs Jahre gedauert.

Die Verwaltungsrichter sagten, dass die Justiz mir den Pass ausstellen sollte, falls die Politik, insbesondere die Sozialistische Partei Österreichs, ihn mir weiter verweigert. Mehrere bedeutende Persönlichkeiten haben sich für mich eingesetzt. Unter ihnen bin ich dem österreichischen Gewerkschaftsführer Franz Olah besonders dankbar. Während des kommunistischen Aufstandes von 1953 hat er die Machtübernahme durch sowjetische Agenten verhindert. Danach hat man ihn aus der sozialistischen Partei ausgeschlossen und ein Jahr lang wegen Veruntreuung von Gewerkschaftsgeldern eingesperrt. Die Anklage war fadenscheinig. Er hatte nur eine Zeitung gekauft. Das war kein Delikt sondern eine politische Handlung. Dieser ehrbare Mann ist sehr schlecht behandelt worden. Jedenfalls habe ich ihn 1992 zum 70jährigen Jubiläum der Paneuropa Union neben drei österreichischen Präsidenten eingeladen, um zu zeigen, dass ich diese Methode missbilligte.

Und die drei anderen Pässe?

Die ungarische Staatsangehörigkeit hatte ich zufällig behalten, aber ich wusste das nicht. Nach der Verurteilung des Kardinals Mindszenty hatte die kommunistische  Rakoszy-Regierung ein Kommuniqué veröffentlicht, wonach bestimmte Verräter, worunter ich die Ehre hatte zu sein, die ungarische Staatsagehörigkeit verlieren. Aber nach den ersten freien Wahlen in Ungarn entdeckte der Innenminister zu seiner Verwunderung, dass die Kommunisten vergessen hatten, diesem Bescheid eine legale Form zu geben. Ich war immer noch ungarischer Staatsbürger.

Zu Kroatien habe ich eine innige Beziehung. In der Geschichte waren die Kroaten immer für Europa ein Schutzwall. Wenn man von der Belagerung Wiens durch die Türken spricht, werden immer die deutschen und polnischen Kräfte erwähnt, die zur Verteidigung Österreichs herbeigeeilt sind. Man vergisst die kleine ungarische Stadt Köszeg, die auf dem Weg der ungeheuren türkischen Armee mit ihren 200 000 Mann lag. Sie wurde von einer kleinen Garnison von 300 kroatischen Soldaten unter Führung eines kroatischen Offiziers verteidigt. Sie haben die Türken zwei Wochen lang aufgehalten, bis sie alle niedergemetzelt wurden. Dann kamen die Türken zu spät vor Wien an. Deutsche und Polen hatten sich zusammen schließen und nach Wien marschieren können.  Ohne die Kroaten wäre Europa islamisch und vielleicht türkisch geworden.

Die deutsche Staatsangehörigkeit habe ich als Mitglied der französischen Akademie für Ethik und Politik erhalten. Da ich kein bekannter Fußballspieler bin, konnte ich sie auf diese Weise ehrenhalber als Wissenschaftler erhalten. Ich habe keinen französischen Pass, aber ich bin auch ein bisschen Franzose, nicht nur als Sohn meiner französischen Mutter, sondern auch  als Lothringer. Dort habe ich eine Funktion, zu der ich nicht nur über das Burgunder Goldene Vlies sondern auch schon über das Beispiel meines Vaters gekommen bin. Lothringen ist eines der wichtigsten Teile Frankreichs, weil es tatsächlich dort gelingt, die Loyalität gegenüber anderen Lothringern, die leider nicht mehr ihrem Land zugehörig sein können, zu erhalten. Das heißt aber gar nicht mangelnde Loyalität gegenüber Frankreich – bei mir übrigens auch nicht.

Und die Sprachen all dieser Länder sprechen Sie?

Ja. Deutsch und ungarisch habe ich als Kind gelernt aber französisch ist auch meine Muttersprache. Dazu habe ich noch drei bis vier Sprachen gut genug gelernt, um mich darin unterhalten oder Vorträge halten zu können. Meine Kinder haben vier europäische Sprachen erlernt. Englisch, die leichteste, immer zum Schluss. Latein im Mittelalter, Französisch später waren die Sprachen in denen sich ganz Europa verständigen konnte.

Nicht nur des Öfteren auf Französisch sondern auch auf Latein haben sie einmal eine Diskussion im Europäischen Parlament mit einem italienischen Abgeordneten geführt…

Ja, das hat mir Spaß gemacht.

Das Sie baskisch können, ist wohl eine Legende?
Ja, ich sang die Hymne des heiligen Ignazio auf Baskisch, weil wir im Baskenland in der Emigration in Leiqueito vor achtzig Jahren gelebt hatten, und dort hatte ich die Leute vor ein paar Jahren damit überrascht. So hat sich dieses Gerücht verbreitet.

Es heißt, man hatte Ihnen den Königsthron in Spanien und das Präsidialamt in Ungarn angeboten. Sie haben sie abgelehnt. Warum?

Auf den spanischen Thron zu verzichten, war kein großes Opfer. Es war für mich logisch. Ich bin Legitimist, d. h. ich hätte mich nie in ein Unternehmen gestürzt, das ich als eine Usurpation gegenüber der spanischen Dynastie betrachtete.  Ich musste auch meinen Kampf für die Rückkehr der Völker Mittel- und Osteuropas in den europäischen Schoss fortführen. Die ungarische Präsidentschaft wäre auch dafür hinderlich gewesen, denn dieser Kampf hatte auch nicht im Mai 1989 aufgehört, als wird das Stacheldraht zwischen Ungarn und Österreich durchschneiden konnten.

                                                                                                                                 Die Fragen stellte Jean-Paul Picaper

 

▪ Christine Lagarde als Wächterin für Europa im IWF

Christine Lagardes Spagat zwischen USA und EU

Christine Lagarde, die ehemalige französische Finanz- und Wirtschaftsministerin, war wohl für das Amt als „Managing Director“ des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington, wozu sie am 28. Juni auserkoren wurde, besser als ihr sozialistischer Vorgänger Dominique Strauss-Kahn (DSK) geeignet. Dass sie es nicht verlassen wird, ist auch sicher, obwohl sie es am 5. Juli angetreten hat, vier Tage also, nachdem die gegen DSK in New York erhobene Anklage sich als eine Seifenblase erwiesen hat, die bald platzen könnte. Sollte DSK weiß gewaschen werden, ist es unvorstellbar, dass er in den IWF zurückkehren würde. Er hatte aus dem Gefängnis heraus seinen IWF-Vertrag gekündigt, weil er, wie er schrieb, seine Kollegen nicht zwingen wollte, „seinen Alptraum mitzuerleben“. Die Neogaullistin Lagarde wird also weiter als Oberwächterin der Weltwirtschaft fungieren. Die Generalsekretärin der französischen Sozialisten, Martine Aubry, hatte ihre Kandidatur bejaht: „Frau Lagarde ist bei allen Differenzen zwischen uns eine beachtenswerte Frau“ sagte sie und fügte hinzu: „Falls Europa dieses Amt bekommen kann und wenn eine Französin diese Stelle bekommt, glaube ich, dass es eine gute Sache für unser Land und für Europa wäre“. Damit zog sich Aubry die Kritik von Genossen zu, die die sozialistische Basis beruhigen mussten, indem sie betonten, dass Lagarde ökonomisch einer anderen, also neoliberalen Konfession als die Sozialisten gehört.

Mag sein, dass die Sozialisten froh waren, dass Christine Lagarde ins glorreiche Exil in die USA verbannt wurde. Nicolas Sarkozy hatte es nicht anders getan, als er seinen gefährlichsten Widersacher Strauss-Kahn zur Leitung des IWF verhalf, damit er ihm in Frankreich nicht ins Gehege kommt. Es hieß in Paris in der Tat, dass Lagarde das Zeug gehabt hätte, zur Staatspräsidentin gewählt zu werden, falls Sarkozy die Flinte ins Korn werfen würde. Aber der „Job“ im IWF war für sie wie maßgeschneidert. Wäre der Skandal von New York nicht passiert, der DSK vorübergehend außer Gefecht setzte, hätte sich die Schatzmeisterin Sarkozys ohnehin nach Washington beworben, denn DSK musste sich als Kandidat der Linken für das Präsidialamt in Paris von seiner sozialistischen Partei aufstellen lassen. Es war angesichts der Umfragen unvermeidlich geworden. Nach dem - damals - unrühmlichen Absturz von DSK  lag es nicht auf der Hand, dass eine Französin das Rennen in Washington machen könnte, aber Christine Lagarde blieb als Frau von dem angeblichen Verbrechen von DSK unberührt. Von vorneherein galt sie als Favoritin. Das begriff Angela Merkel sofort, die diese Stelle für Europa behalten wollte, um die Euro-Krise einigermaßen im Griff zu halten. Mit Berücksichtigung der dünnen Personaldecke auf den Chefetagen der Finanz in Deutschland hatte die Kanzlerin keinen eigenen Kandidaten parat. Jens Weidmann hatte sie gerade zum Bundesbankpräsidenten gemacht und an den Privatbanker Josef Ackermann hat keiner in deutschen Regierungskreisen gedacht.

Lagarde hatte im IWF-Vorstand von vorneherein die Voten der Deutschen (5,83 Prozent der Stimmen) sicher, und auch diejenigen der Franzosen (4,83), der Briten (4,30), der Belgier (4,88), der Niederländer (4,53) und der Italiener (4,26). Die Afrikaner (Südafrika, Togo, Lesotho, u.a.) entschieden sich zuletzt für sie. Wichtig waren noch Japan mit seinen 16,8 Prozent der Stimmen und die USA (16,8), die als Zünglein an der Waage zwischen den Blöcken galten. Abgesehen davon, dass ihr mexikanischer Konkurrent, Agustin G. Carstens, nur die Stimmen des eigenen Landes (4,66 Prozent) auf sich vereinigte, gaben ihr zuletzt die USA ihr grünes Licht. Hillary Clinton hatte ihr Ende Mai die Weihen verliehen, indem sie ihr „persönlich gutes Glück“ wünschte und ihr „Bewunderung“ zollte. Es wurde berichtet, dass Obama auf die Schwellenländer setzte, die nach mehr Beteiligung an den Weltgeschicken strebten. Die sogenannten „Brics“ (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) hatten am 24. Mai eine Erklärung veröffentlicht, in welcher sie die Stelle für einen von ihnen aufgrund ihres Gewichtes in der Weltwirtschaft beanspruchten. Aber Christine Lagarde unternahm eine Weltreise auf allen Kontinenten und überzeugte alle, dass sie ihre Belange respektieren würde. Darüber hinaus versteht jeder heute, dass die Opfer der Krise die zwei wichtigsten Wirtschaftsblöcke sind, die USA und die Europäische Union. Mit ihnen steht oder fällt die Weltwirtschaft. Besser gesagt, sie nimmt großen Schaden, wenn sie scheitern. Dass Lagarde nur so lange im Amt bleiben wird, wie die Eurokrise dauert und wie die Amerikaner Schulden machen, gilt als sicher, aber das könnte sich über ein Jahrzehnt erstrecken, da keine brauchbare Lösung derzeit in Sicht ist. 

Lagardes größter Trumpf war, dass sie ein makelloses Englisch spricht. Strauss-Kahn kann zwar Englisch und Deutsch. Aber Lagarde kann noch besser als er Englisch. Nicht nur daher wird die große, schlanke und sportliche Frau von den Landsleuten von Frau Clinton als Amerikanerin betrachtet. Sie hat den Stoff, um der amerikanischen Elite zu gefallen: Sie ist Vegetarierin und trinkt keinen Alkohol. Ihre Leidenschaften sind Yoga, Tauchen, Schwimmen und Gartenarbeit. Sie hat in den USA in jungen Jahren studiert und dort längere Zeit auf der oberen Etage gearbeitet. George W. Bush mochte sie ganz besonders und zog sie ins Vertrauen. Vielleicht ist das ein Grund, warum sie kein so guter Draht zu Barack Obama hat. Dennoch wird sie auf dem amerikanischen Parkett gut tanzen können. Als sie vor zwei Jahren Deutschland vorwarf, dass es eine andere Wirtschaftspolitik als Frankreich und die anderen EU-Partner betrieb, höhere Löhne zahlen und den Binnenkonsum fördern sollte, was in Deutschland als  „ein bisschen mehr Inflation“ verstanden wurde, benutzte sie den Titel eines alten amerikanischen Liedes aus den 70er Jahren und richtete ziemlich frech an Berlin die Worte: „Zum Tangotanzen muss man zwei sein“. Sie sorgte damit für Wirbel. Aber ihr deutscher Kollege Schäuble glättete die Wogen und lud sie daraufhin als Gast zu einer Kabinettsitzung in Berlin ein. Mit den „Amis“ bei ihr die Chemie auf jeden Fall besser stimmen als mit den Deutschen.

Auf jeden Fall hat Frau Lagarde viel eher als er das Vertrauen der Amerikaner. Diese haben den Europäern das 1944 nach der Konferenz von Bretton Woods gegründete IWF überlassen und waren dem Irrtum unterlegen, die wichtigere Institution sei die Schwestereinrichtung Weltbank gewesen. Es liegt ihnen inzwischen am Herzen, dass der IWF-Chef oder die Chefin mit ihnen eng zusammenarbeitet. Deswegen bitten sie einmal monatlich den IWF-Chef in ihr Finanzministerium zur Berichterstattung. DSK mochte das nicht. Frau Lagarde wird es gerne tun. Als Christine Lallouette  als ältestes von vier Kinder von Robert Lallouette und dessen Frau Nicole 1956 in Paris geboren, wuchs sie zusammen mit ihren drei Brüdern in Le Havre in der Normandie, auf. Ihr Vater arbeitete als Dozent für Literatur und Experte für englische Literatur an der Universität Rouen. Ihre Mutter war Lehrerin. Als der Vater 1973 starb, war die Familie verarmt. Christine musste die Sportwettbewerbe aufgeben, wo sie immerhin als Mitglied der französischen Nationalmannschaft im Synchronschwimmen eine Bronzemedaille bei den französischen Meisterschaften gewonnen hatte. Kurze Zeit nach dem Abitur in Le Havre ging sie 1974 mit einem Stipendium des American Field Service an die Holton-Arms School, einer Mädchenschule in Bethesda (Maryland USA).

Nach der Rückkehr in die Heimat absolvierte sie ein Studium im Fach Sozialrecht am Institut für Politikwissenschaft in Aix-en-Provence und schloss dort mit einem Master ab. Wie Nicolas Sarkozy hat sie trotz eines Aufbaustudiums im Politikinstitut Paris und an der Uni Paris-Nanterre die Aufnahmeprüfung in die Verwaltungsakademie Ecole Nationale d’Administration nicht geschafft. Aber Sarkozy ist Anwalt, während sie nur einen Master of Arts in Englisch und ein Diplom in Arbeitsrecht an der Uni Nanterre erworben hat. Zwischendurch hospitierte sie am US-Kongress im Büro eines Abgeordneten. Sie ist also ebenso wenig Anwältin wie der frühere Premierminister Dominique de Villepin, aber, wie er, arbeitete sie als Rechtsanwältin. Das tat sie ab 1981 im Pariser Büro der Kanzlei Baker & McKenzie. Von 1999 bis 2004 war sie Präsidentin der Geschäftsführung dieser Kanzlei in den USA und ab 2004 Vorsitzende des Global Strategy Committee dieser Anwaltskanzlei in Chicago. Von 1995 bis 2002 war sie außerdem Mitglied des Think Tanks Center for strategic and International Studies (CSIS), wo sie mit Zbigniew Brzeszinski das Aktionskomitee USA-EU-Polen anführte und sich speziell in der Arbeitsgruppe Rüstungsindustrie USA-Polen (1995-2002) betätigte, die Fragen im Zusammenhang mit der Liberalisierung des Handels mit Polen behandelte. Im Jahr 2003 war sie auch Mitglied der Euro-Atlantic Action Commission in Washington.

 

Diese Amerikanerin durch und durch kam 2005 nach Frankreich zurück, wo sie 2005-2007  beigeordnete Ministerin für Außenhandel in der Regierung de Villepin war. Vom 18. Mai bis zum 19. Juni 2007 war sie Ministerin für Landwirtschaft und Fischerei in der Regierung Fillon. Seit der Regierungsumbildung vom 19. Juni 2007 ist sie Ministerin für Wirtschaft und Finanzen. In Paris wird ihr derzeit Amtsmissbrauch vorgeworfen. Sie soll sich in einem Entschädigungsverfahren vorschnell auf einen Vergleich mit dem französischen Geschäftsmann Bernard Tapie eingelassen haben, der den Staat Unsummen gekostet hat. Lagarde bestreitet es.  Privat ist sie geschiedene Mutter von zwei Söhnen, Pierre-Henri Lagarde (* 1986) und Thomas Lagarde (* 1988). Ihr Lebensgefährte ist seit 2006 der Unternehmer Xavier Giocanti aus Marseille. (JPP)

 

 

▪ Ein Aufruf der Europa-Union Deutschland

 Die Europa-Union Parlamentariergruppe im Europäischen Parlament richtet einen Appell an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, das große Ziel und die Idee Europa auch bei Gegenwind nicht aus den Augen zu verlieren. Die Gruppe setzt sich zusammen aus den deutschen Abgeordneten im Europäischen Parlament, die zugleich Mitglied der Europa-Union Deutschland sind. Derzeit sind 71 von insgesamt 99 deutschen Europaparlamentariern Mitglied der Europa-Union. Ihr Vorsitzender ist der SPD-Europaabgeordnete Matthias Groote aus Ostrhauderfehn/Ostfriesland:

„Griechenland-Krise, Debatten um den Euro, hohe Verschuldung einzelner EU-Länder: Europa ist nicht die Verursacherin, sondern die Lösung. Deshalb beobachten wir mit Sorge einen Trend zum Rückfall in nationale Egoismen, die wir längst überwunden glaubten. Spektakuläres Beispiel sind verschärfte Grenzkontrollen in dem einen oder anderen Land der EU. Um  Schuldenstaaten wir Griechenland wieder auf ökonomisch und finanziell stabile Füße zu stellen, brauchen wir eine schlüssige europäische Lösung. Alles andere als gezielte Hilfen wäre politisch, finanziell und wirtschaftlich unverantwortbar, die Folgen wären unkalkulierbar. Deutschland und Frankreich als stärkste Partner müssen dabei die Vorreiter sein. Europa muss sich auch deshalb wieder seiner Ideale der Gründungszeit besinnen, um im globalen Wettstreit endlich wieder die Rolle zu spielen, die seinem politischen und wirtschaftlichen Gewicht entspricht. Wir warnen deshalb vor jeglicher Renationalisierung in Deutschland und anderswo.“

Die Europa-Union ist eine deutschlandweit tätige Nichtregierungsorganisation, die seit 1946 für eine weitreichende europäische Integration eintritt – unabhängig und überparteilich. Die Europa-Union ist lokal, regional und national aktiv und vereint unter ihren 17.000 Mitgliedern Vertreterinnen und Vertreter aller gesellschaftlichen Gruppen. Als Mittlerin zwischen Bürgerinnen und Bürgern und den Institutionen auf allen Ebenen der europäischen Politik engagiert sie sich für ein „Europa der Bürger“, das von einem möglichst breiten gesellschaftlichen Konsens getragen wird. Die Europa-Union ist der deutsche Zweig der Union Europäischer Föderalisten [UEF] und gemeinsam mit ihrem Jugendverband Junge Europäische Föderalisten [JEF] Mitglied des Netzwerks Europäische Bewegung Deutschland [EBD]. Weitere Informationen unter www.europa-union.deEuropa-Union Deutschland, Parlamentariergruppe im Europäischen Parlament, Sophienstr. 28/29, D - 10178 Berlin, Tel. +49 - (0)30 - 3036201-32, Fax +49 - (0)30 - 3036201-30, info@europa-union.de, http://www.europa-union.de .

 

Die bekannte Wirtschaftszeitung „Handelsblatt“ hat in ihrer Ausgabe Nr. 081 vom 27.04. 2011, auf der Seite 1, einen bemerkenswerten und starken Beitrag von Friedrich Merz, heute Partner der internationalen Anwaltskanzlei Mayer Brown und früher Chef der Unionsfraktion im Bundestag, veröffentlicht. Merz meint, dass die Europäische Union bei allen aktuellen Konflikten, Euro-Krise, Griechenland-Rettung und Aufständen in der arabischen Welt, versagt hat und grundlegend umdenken muss, wenn sie überleben will.

▪ Europa streitet, Deutschland schaut zu

von Friedrich Merz

Es ist nicht mehr zu übersehen: Europa - oder besser die Europäische Union - steckt tief in der Krise. Spätestens seit den Parlamentswahlen in Finnland wird klar, dass sich Widerstand gegen die gegenwärtige Europapolitik formiert. Die Adressaten dieser Kritik sind die nationalen Regierungen und die europäischen Institutionen in Brüssel. Könnte es sein, dass der Höhepunkt der europäischen Integration bereits überschritten ist? Gibt es womöglich doch ein Zurück hinter Binnenmarkt, Währungsunion und Politische Union? Und was kommt dann? Ein neuer Nationalismus in Europa - jeder gegen jeden?

So weit darf es im Interesse von Frieden und Freiheit auf dem europäischen Kontinent nicht kommen. Aber schon "Frieden" und "Freiheit" reichen offensichtlich zur Begründung europäischer Politik nicht mehr aus. Der Mehrheit der Bürger, jedenfalls im westlichen und immer noch politisch dominanten Teil Europas, fehlt die Erfahrung mit Krieg und Unfreiheit. Die großen Errungenschaften Europas nach dem Zweiten Weltkrieg werden heute als selbstverständlich angesehen. Nicht einmal die Bürgerkriege vor der eigenen Haustür, auf dem Balkan etwa oder jetzt in Libyen, gelten als ernsthafte Bedrohung. Die Europäer haben sich gut eingerichtet und verdrängen die großen Konflikte, die um sie herum ausgetragen werden und die den europäischen Zusammenhalt doch im Kern betreffen.

Das größte Defizit der Europäischen Union aber ist die dramatische Führungsschwäche ihrer politischen Klasse. Gerade in einer so herausfordernden Zeit bräuchte Europa eine Kommission, die Stärke zeigt - und ein Konzept für Europa im 21. Jahrhundert entwickelt.

Zwei große Aufgabenbereiche sind es, die mehr denn je nur europäisch gelöst werden können: Europa braucht eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik. Der Satz ist trivial, und doch zeigen die gegenwärtige Hilflosigkeit und Zerstrittenheit der europäischen Regierungen und der europäischen Institutionen, dass Europa von einer gemeinsamen Außenpolitik so weit entfernt ist wie nie zuvor.

Das deutsche Abstimmungsverhalten im Uno-Sicherheitsrat bei der Libyen-Resolution hat nicht nur den Zusammenhalt der Europäer untereinander und der Europäer mit den Amerikanern geschwächt. Der gemeinsame Appell von Obama, Sarkozy und Cameron genau zum Zeitpunkt der Nato-Außenministerkonferenz in Berlin hat auch gezeigt, dass die Regierungen zweier großer europäischer Länder im Zweifel ihren eigenen Weg mit Amerika gehen wollen. Europa spielt keine Rolle, und Deutschland darf zuschauen. Dabei zeigt der Aufruhr in vielen arabischen Staaten, wie wichtig eine klare europäische Haltung gerade jetzt wäre. Die Demonstranten in Ägypten, Syrien und Libyen wollen ihre autoritären Regime abschütteln und erwarten Hilfe und Unterstützung aus Europa. Aber Europa streitet.

Eine große politische Kraftanstrengung ist bei der Rettung des Euros notwendig. Das riesige Kredit- und Bürgschaftspaket hilft allenfalls über die Zeit hinweg, die Strukturprobleme in der Währungsunion werden damit nicht gelöst. Im Gegenteil, die Währungsunion ist auf dem Weg in die Transferunion, und sie weiß auf die zu großen Leistungsbilanzunterschiede innerhalb der Währungsunion immer noch keine Antwort.

Deutschland hat in der Tat seine wirtschaftspolitischen Hausaufgaben in den letzten Jahren relativ gut erledigt, aber der Preis dafür ist ein noch größeres Gefälle der Wettbewerbsfähigkeit der einzelnen Volkswirtschaften innerhalb der Währungsunion. Das kann auf Dauer nicht gutgehen. Die hochverschuldeten Länder in der Währungsunion brauchen deshalb nicht allein Kredite, die ihre Verschuldung noch weiter ansteigen lassen. Sie brauchen vor allem Hilfe beim Aufbau einer wettbewerbsfähigen Industrie. Wer sollte diese Hilfe leisten, wenn nicht ein starkes Europa?

Ein starkes Europa braucht eine starke Kommission. Die Kommission in Brüssel wird aber nur stark, wenn sie ihre Prioritäten neu ordnet. Und sie müsste den Bürgern Europas auch einmal klar und verständlich sagen, was sie nicht zu tun beabsichtigt: Zahlreiche politische Aufgaben müssen den Mitgliedstaaten und ihrer innerstaatlichen Aufgabenverteilung überlassen bleiben, sonst wachsen der Frust und die aggressive Ablehnung gegen "Brüssel" noch weiter. Das Verbot der Glühbirnen ist nur eines von vielen Beispielen, wie sich die Kommission verzettelt und Wichtiges von weniger Wichtigem nicht hinreichend unterscheidet.

Die antieuropäische Stimmung in vielen Ländern Europas darf nicht unterschätzt werden. Aber diese Stimmung ist auch eine Chance, Europa in der Krise neu zu definieren und die wirklich großen Aufgaben gemeinsam anzupacken und zu lösen.

                                                                                                            Sie erreichen Friedrich Merz unter: gastautor@handelsblatt.com

 

▪ 2011, das Jahr der öffentlichen Finanzen Europa

Nachdem der Euro die Belastung überstanden hat, mit der er aufgrund einer unzureichenden wirtschaftspolitischen Steuerung konfrontiert wurde, das Wachstum zaghaft zurückzukehren scheint und die europäische Solidarität vorläufig den Finanzsturm beruhigt hat, wäre nichts schlimmer, als auf halbem Weg stehen zu bleiben. 

Unter dem Druck der Umstände schritt die wirtschaftliche Integration im Jahr 2010 entschieden voran. Vier neue Aufsichtsinstanzen wurden geschaffen. Die Europäische Finanzstabilitätsfazilität hat die Entschlossenheit Europas gezeigt, jeglichen Staatsbankrott in der Eurozone zu verhindern; überall werden schmerzliche Programme zur Reduzierung der Ausgaben und der öffentlichen Schulden eingeleitet, aber das Schwierigste muss noch erledigt werden. 

Zu Beginn des Jahres muss in Brüssel die Kontrolle der nationalen Haushalte durch das „Europäische Semester“ eingeführt werden. Sanktionen müssen für diejenigen Staaten vorgesehen werden, die gegen die gemeinsamen Regeln verstoßen. Außerdem muss eine objektive und wahrhaftige Kontrolle der Finanzen der Mitgliedstaaten organisiert werden. Um jeglichen Zweifel an der Entschlossenheit Europas sowie die Rückkehr einer Vertrauenskrise und den oft ungerechtfertigten Druck der Märkte zu verhindern, muss diese Arbeit so schnell wie möglich durchgeführt werden und der Europäische Rat sollte sich baldmöglichst damit befassen. 

Die öffentlichen Finanzen jedes Mitgliedsstaats müssen sorgfältig untersucht bzw. mit allen Ausgaben (inklusive Sozialausgaben) konsolidiert werden.

Es wird nicht reichen, nur die Haushaltsentwürfe für 2012 zu begutachten, sondern es ist notwendig, eine genaue Bestandsaufnahme zu Beginn des Jahres der tatsächlichen Haushalte 2010 und der laufenden Haushalte von 2011 durchzuführen. Die daraus gezogenen Folgerungen müssen zudem akzeptiert werden.

Wenn die 27 EU-Mitgliedstaaten tatsächlich die Krise hinter sich bringen möchten, ist es an der Zeit, mit offenen Karten zu spielen und mehr Transparenz zu wagen, da nur diese das Vertrauen wieder herstellen kann. Die Staats- und Regierungschefs haben also eine besonders schwierige Agenda vor sich. Bleibt zu hoffen, dass sie trotz der anstehenden Wahlen und des Drucks der besorgten öffentlichen Meinung das Jahr 2011 zum Jahr der öffentlichen Finanzen Europas machen können.

                             Jean-Dominique Giuliani, Präsident der Robert-Schuman-Stiftung - http://www.jd-giuliani.eu/de/article/cat-2/230_2011-lannee-des-comptes-publics-europeens.html

 

▪ Die Wohlstandschere in der EU öffnet sich

Im Europa-Vergleich werden die Griechen ärmer. Sie sind Opfer der Schuldenkrise gewesen. Sie verfügten einer neuen EU-Statistik zufolge 2010 über deutlich weniger Geld als der europäische Durchschnittsbürger. Laut Europäischem Statistikamt Eurostat kamen die Griechen nur noch auf 89 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) pro Kopf der 27 EU-Staaten - ein Jahr zuvor waren es noch 94 Prozent gewesen. Dieser Rückgang beim relativen Lebensstandard sei der stärkste in der Staatengemeinschaft, meldeten die Statistiker in Luxemburg. Aber von 32 Ländern auf dem europäischen Kontinent besetzen sie noch die 13 Stelle.

Die Luxemburger stehen an der Spitze auch in der Wirtschaftskrise als reichste EU-Bürger. Die Einwohner des Großherzogtums sind im Schnitt fast dreimal so vermögend wie der europäische Normalbürger - ein Jahr zuvor lag der Abstand erst bei zweieinhalb Mal. Die Niederlande belegten den Platz zwei, gefolgt von Dänemark, Irland und Österreich gleichauf. Am unteren Rand der Skala steht nach wie vor Bulgarien als ärmstes Land der EU. Dort haben die Menschen weniger als halb so viel Geld wie der EU-Durchschnittsbürger Luxemburg erreicht 283 Prozent, EU-Schlusslicht Bulgarien nur 43 Prozent..

Deutschland liegt mit 119 Prozent unverändert über dem EU-Mittelwert: 108 - und auf Platz sieben in der EU-Rangliste. Frankreich knapp darunter mit 107 Punkten. Dazwischen liegen Belgien, Finnland und Grossbritanien. Die Statistik wird zugunsten der Luxemburger ein wenig verfälscht. Das hohe Niveau des BIP pro Kopf in Luxemburg geht laut Eurostat zum Teil auf die vielen Ausländer zurück, die in Luxemburg arbeiten. Sie tragen zwar zur Wirtschaftsleistung bei, zählen aber nicht zur Wohnbevölkerung, auf deren Grundlage das BIP pro Kopf berechnet wird.
Der Kaufkraftstandard ist eine Kunstwährung, welche die Unterschiede zwischen den nationalen Preisniveaus ausgleicht. Mit einem KKS kann man in allen Ländern die selbe Menge Waren und Dienstleistungen kaufen. Eurostat misst den Lebensstandard seit Jahren in allen Staaten der Union und in einigen anderen Staaten des Kontinents.

BIP pro Kopf (preisbereinigt) in der EU im Jahr 2010:

Luxemburg 283 Portugal 81
Niederlande 134 Tschechische Republik 80 
Dänemark 125 Slowakei 74
Irland 125 Estland 65
Österreich 125 Ungarn 64
Schweden 123 Polen 62
Deutschland 119 Litauen 58
Belgien 118 Lettland 52
Finnland 116 Rumänien 45
Großbritannien 113 Bulgarien 43
Euroraum (ER17) 108 Norwegen* 179
Frankreich 107 Schweiz 146
Spanien 101  Island 110
Italien 100 Kroatien 61
Zypern 98  Türkei 48
Griechenland 89 Montenegro 40
Slowenien 87 Mazedonien 35
Malta 83  Serbien 35
Bosnien und Herzegowina 30  

* Nicht EU-Staaten (von Norwegen bis Serbien)

Quelle: Eurostat - 21.06.2011

 

Wolfgang Schäuble verteidigte den deutsch-französischen Kompromiss zur Stärkung des Stabilitätspaktes

Berlin drängt auf kleine, wichtige Änderungen des EU-Vertrages

Entgegen Ankündigungen der deutschen Bundesregierung und den Plänen der europäischen Finanzminister wird gegen EU-Mitgliedsstaaten, die sich hemmungslos verschulden, nicht automatisch ein Strafverfahre eingeleitet. Während viele deutsche Politiker und Wirtschaftsmanager auf den neuen deutsch-französischen Kompromiss vom Oktober 2010 schimpfen, weil er die Unterstützung von Haushaltssündern im Euro-Club nicht vollkommen ausschloss, hat der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble diesen Pakt verteidigt. Zu der Frage, ob die Stabilität des Euros um des lieben Friedens mit Frankreich willen aus Spiel gesetzt wird, antwortete Schäuble, der nach einer Operation seit dem 25. Oktober wieder an seinem Arbeitsplatz ist, Journalisten der „Bild“-Zeitung u. a. folgendes : „Deutschland hat erreicht, dass wir mehr Stabilität haben als bisher und mehr als viele für erreichbar hielten. Ich war an der Vorbereitung der Gespräche der Kanzlerin mit Sarkozy sowie der parallelen Beratungen in der Task Force der EU-Finanzminister stark beteiligt. Die Bundesregierung hat einen großen und über alle Erwartungen erfolgreichen Beitrag zur Stärkung des Stabilitätspakts geleistet. Natürlich haben wir unsere Vorstellungen nicht zu 100 Prozent durchgesetzt. Aber wer glaubt, das ginge bei 27 Mitgliedsländern, dem fehlt das Verständnis für Europa. Es gab niemals eine realistische Chance für automatische Sanktionen gegen Defizitsünde. Deutschland ist nicht umgefallen. (…) Wir sind uns im Ziel alle einig, vor allem hinsichtlich notwendiger Vertragsäderungen. Der Außenminister (gemeint ist Guido Westerwelle, der den Kompromiss kritisiert hatte. Die Redaktion) hält dieses Ergebnis für sehr befriedigend und einen großen Fortschritt. Westerwelle hat doch einen Krisenbewältigungsmechanismus gefordert. Den haben wir jetzt möglich gemacht. Die deutsch-französische Achse hat Europa ein großes Stück vorangebracht.“

Privatinvestoren sollen in die Verantwortung gezogen werden

Der Bundesminister antwortete wie folgt auf die Frage, ob der neue Stabilitätspakt gewährleitstet, dass es keinen Fall Griechenland geb en wird: „Wir haben die richtigen Lehren aus dem Fall Griechenland gezogen. Erstens: Mit dem dauerhaften Krisenbewältigungsmechanismus wollen wir den Markt,  also die Halter von Staatsanleihen künftig in die Verantwortung nehmen. Das muss noch verwirklicht werden. Wir sind aber jetzt einen großen Schritt vorangekommen. Zweitens: Wir verschärfen den Sanktionsmechanismus gegen Haushaltssünder. Sanktionen kommen früher, schneller und schärfer. Erstmals können nicht nur Geldstrafen verhängt, sondern sogar EU-Gelder  für ein Land gestrichen werden. Und: Diese Sanktionen können nur von einer Mehrheit im Rat gestoppt werden – wir haben also einen quasi-automatischen Mechanismus geschaffen.“ Im weiteren Verlauf des Gespräches sprach sich Wolfgang Schäuble gegen eine Verminderung der Steuerlast.  „Die Staatsfinanzen sind derzeit überhaupt nicht gesund! sagte er. Wir werden in diesem Jahr rund 50 Milliarden Euro neue Schulden machen. Das sind zwar deutlich weniger als die im letzten Jahr noch befürchteten 86 Milliarden, aber es ist immer noch der höchste Wert in der Geschichte der Bundesrepublik“.

Man erfuhr tatsächlich kurz vor dem EU-Ratsgipfel vom 30. Oktober 2010, setzte alles auf eine Vertragsänderung zur Reform des Stabilitäts- und Wachstumspaktes. Diese wäre notwendig, um einen "Krisenbewältigungsmechanismus" zu etablieren. Er soll bei künftigen Verschuldungskrisen von EU-Staaten eine Beteiligung der privaten Gläubiger vorsehen. Andernfalls, so die Befürchtung, kann auf den Märkten weiterhin darauf spekuliert werden, dass die anderen EU-Staaten am Ende einspringen. Nur wenn im äußersten Fall eine Art Staatsinsolvenz droht, würden die privaten Marktteilnehmer das Risiko beim Kauf von Staatsanleihen richtig bewerten und gegebenenfalls Forderungen abschreiben müssen. Die meisten deutschen Wirtschaftsexperten betonen die entscheidende Rolle einer Insolvenzordnung für die Stabilität der Wirtschafts- und Währungsunion - auch die beratenden Gremien der Bundesregierung.

Die Staaten müssen die Tendenz eindämmen, mit Steuerzahlergeld für Privatakteure einspringen zu müssen.

Zuletzt fand sich die Forderung im Herbstgutachten der Institute: "Ohne solche Vorkehrungen wird die Ankündigung, dass unsolide wirtschaftende Akteure nicht mit Mitteln der Allgemeinheit gerettet werden, unglaubwürdig bleiben", schrieben die Top-Ökonomen. Berlin hatte für eine entsprechende Änderung des EU-Vertrages alles auf eine Karte gesetzt. Es gehe beim Umfang der Änderung um eine Größenordnung von "zwei Zeilen", hieß es. Um Paris für die deutsche Position zu gewinnen, gab man dem französischen Drängen nach mehr politischem Spielraum bei Defizitverfahren nachgegeben. Wie aus Regierungskreisen verlautet, hatte man keine Wahl. Erst durch die Allianz mit Paris werde die deutsche Forderung nach einer Vertragsänderung wirklich ernst genommen - und überhaupt diskutiert. 

Aus dem Papier hier unten geht hervor, dass Merkel und Sarkozy, zwei Wochen vor dem Gipfel, mit dieser Erklärung vorgeprescht waren, was in anderen Mitgliedsstaaten und im EU-Parlament auf scharfe Kritik gestoßen war. Mit dem deutsch-französischen Vorstoß habe man den anderen Regierungen "Zeit geben" wollen, sich über das Thema mit ihren Parlamenten zu beraten. Wäre man erst auf dem Gipfel mit der Idee gekommen, wäre niemand in der Lage gewesen, spontan zu entscheiden. Von einem "deutsch-französischen Direktorium der EU", wie es der Vorsitzende der Sozialdemokraten im EU-Parlament, Martin Schulz, gegeißelt hatte, wollte Berlin nichts wissen. Diese kleine, wichtige Vertragsänderung musste allerdings von allen 27 Staaten auf den Weg gebracht werden. Wenn nicht, wäre das die wohl schwerste europapolitische Niederlage der Kanzlerin.

Über einen Plan B will man in Berlin nicht einmal vertraulich reden. "Die Frage stellt sich nicht", heißt es aus Regierungskreisen - obwohl man sich der Schwierigkeit des Unterfangens ausdrücklich bewusst ist. Sollte die Vertragsänderung nicht kommen, könnte Berlin auf das EU-Parlament hoffen, damit der Schaden halbwegs begrenzt bleibt. Die Abgeordneten könnten auf dem automatisierten, scharfen Sanktionsmechanismus von Währungskommissar Olli Rehn bestehen, den Merkel nun erst mal für die Einigung mit Paris preisgegeben hat. Abgeordnete von CDU, CSU, und FDP äußern sich bereits in dieser Richtung. Vielleicht hat sich Merkel also über das Parlament rückversichert. Der einzige Trumpf, den Berlin im Kampf um die Vertragsänderung in der Hand hält, ist das Auslaufen des Eurorettungsschirms im Jahr 2013. Einige EU-Nachbarn wünschen sich für die Zeit danach einen unbefristeten Eurorettungsschirm, andere einen Europäischen Währungsfonds (EWF), der krisengeschüttelten Staaten ähnlich wie der Internationale Währungsfonds (IWF) dauerhaft helfen könnte. Berlin droht damit, sich ohne Vertragsänderung an entsprechenden Initiativen auf keinen Fall zu beteiligen. Ohne das größte und wirtschaftlich stärkste EU-Land machen entsprechende Systeme aber keinen Sinn.

Berlin will verhindern, dass ein Drama wie im letzten Mai wieder geschieht, als es gezwungen wurde, für Griechenland einzuspringen. Das würden die deutschen Steuerzahler nicht mehr schlucken. Sollte ein zweiter Fall Griechenland auftreten, wäre Berlin wohl erneut gezwungen, mit finanzieller Unterstützung einzuspringen, allein um den Fortbestand des Euros zu sichern. Das Problem: Die EU hat eine Art Trauma, wenn es um Vertragsänderungen geht. Der Vertrag von Lissabon brauchte viele Jahre, um umgesetzt zu werden. Eine Vielzahl von rechtlichen Schwierigkeiten und ein gescheitertes Referendum in Irland führten die EU in eine schwere politische Krise.

Skeptiker verweisen oftmals auf Großbritannien, wenn sie Vertragsänderungen für aussichtslos erklären. Die britische Regierung von Premier David Cameron hat festgelegt, bei Kompetenzverlagerungen auf die EU-Ebene in jedem Fall ein Referendum abzuhalten. Die traditionell euroskeptischen Briten könnten das Vorhaben also scheitern lassen.  Berlin scheint allerdings einen Weg gefunden zu haben, bei einem möglichen Ratifikations-Prozedere die gefürchteten Referenden zu umgehen. Denkbar wäre eine Formulierung, die keine Kompetenzübertragung von den Mitgliedsstaaten auf die EU-Ebene vorsieht. London könnte der Änderung also ohne Volksabstimmung zustimmen - und dabei sein Wahlversprechen einhalten. 

No bail out

Schließlich wollte Berlin den Artikel 122 des EU-Vertrags erweitern. Dieser regelt Ausnahmefälle für das Verbot für EU-Staaten, für die Schulden anderer EU-Staaten aufzukommen Dort hieß es bislang: "Ist ein Mitgliedstaat aufgrund von Naturkatastrophen oder außergewöhnlichen Ereignissen, die sich seiner Kontrolle entziehen, von Schwierigkeiten betroffen oder von gravierenden Schwierigkeiten ernstlich bedroht, so kann der Rat auf Vorschlag der Kommission beschließen, dem betreffenden Mitgliedstaat unter bestimmten Bedingungen einen finanziellen Beistand der Union zu gewähren". Die bisherigen Euro-Rettungsmaßnahmen waren mit dieser Ausnahmeregelung begründet worden. Rechtsexperten halten dies allerdings für höchst fragwürdig, denn ein singuläres Ereignis im Sinne des Artikels 122 liegt nicht vor, wenn die Lage der betroffenen Staaten selbstverschuldet ist", heißt es von Seiten des Centrums für Europäische Politik (CEP). Die Bundesregierung will den Ausnahme-Artikel 122 nun so erweitern, dass er ausdrücklich auch dann finanzielle Hilfen erlaubt, wenn die "Existenz der Währungsunion als solches" bedroht ist, wie es aus Regierungskreisen heißt. Damit wären künftige Hilfen wie im Fall Griechenland rechtlich abgesichert.

Mit diesen neuen Regelungen würde sich Angela Merkel als Retterin des Euros profilieren. Sie muss es aber ohne allzu große Belastungen und Gefahren für Ihr Ansehen im eigenen Land tun und vor allem die Deutschen nicht immer automatisch zur Kasse bitten. Alle Sünder, auch Spekulanten, müssen wissen, dass das Fegefeuer droht. Der Insolvenzmechanismus würde auch maroden Staaten eine Ausgangstür bieten, damit sie nicht alle anderen in den Bankrott stürzen. So sieht man das in Berlin. (Die Redaktion)

Deutsch-Französische Erklärung zur Koordinierung der Wirtschaftspolitiken in Europa

Deutschland und Frankreich sind der Auffassung, dass die europäische wirtschaftspolitische Zusammenarbeit gestärkt werden muss. Um dieses Ziel zu erreichen, haben sich Deutschland und Frankreich auf die folgenden Punkte geeinigt:

1) Deutschland und Frankreich unterstreichen, dass die Haushaltsüberwachung und die Verfahren zur Koordination der Wirtschaftspolitiken gestärkt und beschleunigt werden müssen. Dies beinhaltet die folgenden Elemente:

Ein größeres Spektrum an Sanktionen sollte stufenweise sowohl im präventiven als auch im korrektiven Teil des Stabilitätspaktes angewandt werden. Diese Sanktionen sollten stärker automatisiert werden, wobei die Aufgaben der verschiedenen EU-Organe und das institutionelle Gleichgewicht  respektiert werden müssen.

Zur Verstärkung des präventiven Arms des Stabilitätspaktes sollte der Rat ermächtigt werden, mit qualifizierter Mehrheit stufenweise Sanktionen in der Form von verzinslichen Einlagen gegen Mitgliedstaaten zu verhängen, deren Konsolidierungspfad in besonders signifikanter Weise vom Anpassungspfad gemäß den Vorgaben des Stabilitäts- und Wachstumspaktes abweicht.

Was den korrektiven Arm angeht, sollte der Rat immer dann, wenn er beschließt, ein Defizitverfahren zu eröffnen, automatische Sanktionen mit qualifizierter Mehrheit gegen jeden Mitgliedstaat verhängen, der die notwendigen Korrektiv-Maßnahmen binnen einer 6-Monats-Frist nicht umgesetzt hat.

In Ergänzung des neuen legislativen Rahmens zur Überwachung ökonomischer Ungleichgewichte werden alle Fälle dauerhafter Ungleichgewichte in den Mitgliedstaaten, die unter Überwachung des Rates stehen, zur Diskussion an den Europäischen Rat übermittelt.

2) Deutschland und Frankreich halten eine Änderung der Verträge für notwendig und sind der Auffassung, dass der Präsident des Europäischen Rates beauftragt werden sollte, in enger Abstimmung mit den Mitgliedern des Europäischen Rates konkrete Optionen bis zum Treffen des Europäischen Rates im März 2011 vorzulegen, die die Einrichtung eines robusten Krisenbewältigungsrahmens erlauben.

Die Änderung der Verträge wird auf die folgenden Themen begrenzt:

Die notwendige Änderung der Verträge sollte von den Mitgliedstaaten angenommen und nach Maßgabe ihrer verfassungsrechtlichen Vorschriften rechtzeitig vor 2013 ratifiziert werden. (Im Oktober 2010)

 

Frankreich – Europa – Deutschland. Wohin gehen wir?

Wie es die Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Regierungserklärung vom 5. Mai ausdrückte, glaube auch ich, dass Europa am Scheideweg steht. Innerhalb von 60 Jahren haben wir ein integriertes Europa geschaffen. Dies hat uns erlaubt, unsere Länder wieder aufzubauen, den Kontinent im Frieden zu festigen sowie Deutschland und auch Europa endlich vereint zu sehen. Das ist ein großer Erfolg, eine Art Wunder.

Dieses Wunder ist auch wirtschaftlich: Die Europäische Union ist in der Welt die Zone mit der größten Erwirtschaftung von Reichtum. Die EU ist der wichtigste Investor und der wichtigste Exporteur der Welt. Keiner dieser Erfolge könnte heutzutage von einem einzigen Mitgliedstaat erreicht werden. Wir verdanken sie Europa und besonders Deutschland und Frankreich, die seit 1950 und insbesondere seit der Schuman-Erklärung die europäische Integration vorangetrieben haben.

Heute wird Europa von der Welt herausgefordert. Dies stellen wir unter anderem bei der Krise des Euro fest. Wir stellen es auch bei dem schwachen Wirtschaftswachstum, den steigenden Schulden und Haushaltsdefiziten fest. Die restliche Welt entwickelt sich hingegen mit einer Wachstumsrate von fast 5% pro Jahr.

Wir waren lange mit anderen Dingen beschäftigt: Mit der Öffnung unserer Innengrenzen, mit der Schaffung eines großen Marktes, und mit der Verteidigung unserer einzigartigen Lebensqualität. Wir haben nicht gemerkt, dass nun die ganze Welt erwacht und uns interpelliert.

Ich wage zu sagen, dass sich in den nächsten Jahren die Rolle Europas und somit die Rolle jedes unserer Länder in einer neuen Welt abspielt. Und meiner Meinung nach erreichen wir am meisten, wenn wir – die Europäer – geschlossen auf der Weltbühne auftreten.

Bisher ist dies jedoch noch nicht der Fall. Was stellen wir fest? Wir hatten drei Monate lang gewartet, bevor wir Griechenland halfen. Es gab nämlich Abstimmungsschwierigkeiten zwischen Deutschland und Frankreich. Deutschland wollte Griechenlands mangelhafte Finanzverwaltung nicht unterstützen. Es konnte sich aber auch nicht erlauben, dass Griechenland Bankrott geht. Diesbezüglich schlug ein deutscher Politiker sogar vor, Griechenland könne ja ein paar Inseln verkaufen… Diese drei Monate haben uns 110 Milliarden Euro gekostet. Gemeinsame europäische Erklärungen hätten im Februar die Spekulanten stoppen können.

Europa muss aufwachen:
- Es muss in der Welt im Verhältnis zu seinem wirtschaftlichen Reichtum Gewicht haben
- Es muss seine eigenen Interessen definieren.
- Europa braucht eine gemeinsame Politik im Bereich der Wirtschaft, im Rechtsbereich, bei der Staatsbürgerschaft und bei den Personenrechten.

Die Europäische Union ist immer komplexer und diplomatischer geworden, sie wurde jedoch auch immer weniger attraktiv und vielleicht weniger wirkungsvoll.
- Zu der Komplexität: Für all diejenigen unter Ihnen, die ein gutes Schlafmittel suchen, empfehle ich das Lesen des Vertrags von Lissabon.
- Denjenigen, die nicht diesen Mut besitzen, sage ich, dass sie die Nachrichten anschauen sollen. Mit diesem Vertrag weiß man nämlich nicht mehr, wer die Angelegenheiten Europas steuert.

Wie kann man Europa aufwachen? Wie gewöhnlich kommt die Verantwortung Deutschland und Frankreich zu. Unsere beiden Länder besitzen 40% des Reichtums der Eurozone und 30% des Reichtums der 27 EU-Mitgliedstaaten. Wenn wir beide uns verständigen und dann mit einer Stimme sprechen, kommen Entscheidungen zustande, die von den anderen Ländern unterstützt werden.

Den deutsch-französischen Beziehungen geht es nicht gut. Über abgestimmte Reden hinaus muss man die Wahrheit sagen.

Nicolas Sarkozy und Angela Merkel haben sich kennen gelernt und sie haben auch gelernt, zusammenzuarbeiten. Aber es ist nicht übertrieben zu sagen, dass die Temperamente des aufbrausenden französischen Präsidenten und der überlegten deutschen Kanzlerin etwas unterschiedlich sind!

In der Finanzkrise haben unsere führenden Politiker öffentlich ihre Meinungsverschiedenheiten ausgedrückt.

Was sollen wir also tun? Dazu möchte ich Ihnen drei Ansätze nennen:

1.) Die Veränderung des Verhaltens: Auf politischer Ebene heißt dies, die deutsch-französische Einheit auf allen Ebenen voll und ganz geltend zu machen, zu akzeptieren, dass man sich systematisch abspricht, bevor man etwas sagt oder entscheidet.

2.) Einen Willen zeigen, gemeinsam Probleme zu lösen.

3.) Gemeinsame konkrete deutsch-französische Projekte ausarbeiten, die die
Integration unserer beiden Länder weiterführen, und die für diejenigen offen
bleiben, die daran teilnehmen möchten.
Ich denke dabei unter anderem an deutsch-französische Projekte der Regierung und anderer Akteure im Bereich der Wirtschaft, und ich denke auch an spektakuläre Investitionen im jeweiligen anderen Land.

Lasst uns einen Schritt in Richtung einer Fusion unserer beiden Staaten machen und lasst uns unter anderem auch unsere nationalen Gesetzgebungen einander annähern. Vielleicht wird durch unsere Annäherung ein Mechanismus in Gang gesetzt, der eines Tages sogar dazu führen könnte, dass unsere Fußballmannschaften vereinigt werden.

Meine genannten Vorschläge sind vielleicht unrealistisch. Aber wenn ich die Vergangenheit unserer beiden Länder betrachte, denke ich, dass ich Recht habe. Deutschland und Frankreich müssen mit gutem Beispiel vorangehen, mit Mut und Opferbereitschaft. Wir müssen das Europa wieder aufrichten, das sich abmüht, sich zu integrieren.

Sie werden mir jetzt sagen, dass ich unsere führenden Politiker dazu auffordere, wahrhaft Helden zu sein, indem sie für die Integration Entscheidungen treffen, durch die sie Wahlen verlieren können. Ich bin aber überzeugt, dass ihnen unsere Völker - nach einem Moment des Erstaunens – zutiefst dankbar wären, wenn sie in diese Richtung handeln würden.

Darauf wette ich. Ich bin optimistisch. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, die Politiker in diese Richtung zu beeinflussen. Daran müssen wir uns beteiligen.

                                            Jean-Dominique Giuliani
, Präsident der Robert-Schuman-Stiftung Paris, sprach diese Worte in Berlin am 17.06.2010

 

▪ Straβburg: Das demokratische Gesicht Europas

von Bernd Posselt, Mitglied des Europäischen Parlamentes, Außenpolitischer Sprecher der bayerischen CSU im Europäischen Parlament und Präsident der Paneuropa-Union Deutschland

Immer wieder ertönt es, das Lied vom "europäischen Wanderzirkus", der angeblich zwischen Brüssel und Straßburg hin und her irrt und dabei Unsummen verschlingt. Schuld sei, so verbreitet propagandistisch geschickt eine professionell organisierte Brüssel-Lobby, die Tatsache, daß Frankreich aus Prestigegründen auf Straßburg als "Zweitsitz" des Europäischen Parlamentes beharre.
Dabei ist die elsässische Metropole noch vor Luxemburg und Brüssel die älteste der drei Europa-Hauptstädte. Hier wurde 1949 der Europarat gegründet, hier schufen dessen Mitgliedstaaten 1953 die Europäische Menschenrechtskonvention und 1959 den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Das Europa der Sechs, aus dem später die EU entstand, siedelte hier 1952 seine Parlamentarische Versammlung an, die 1958 "Europaparlament" genannt wurde und seit 1979 alle fünf Jahre direkt gewählt wird. In diesen 58 Jahren wurden fast alle Plenarsitzungen in Straßburg abgehalten, hier fielen fast alle wichtigen politischen Entscheidungen, die die europäischen Volksvertreter zu treffen hatten. Hier fanden in den neunziger Jahren auch der Nukleus einer europäischen Streitkraft, das Eurokorps, und der deutsch-französische Fernsehsender ARTE eine Heimat.
Die jahrhundertelang von fast allen Kriegen betroffene und zwischen den angeblichen Erbfeinden Deutschland und Frankreich umstrittene Stadt wurde so nicht nur zum Symbol der Versöhnung, sondern auch zum parlamentarischen, demokratischen, politischen, kulturellen und menschenrechtlichen Gesicht Europas, während Brüssel eher mit Bürokratie und der Dominanz des Wirtschaftlichen assoziiert wird. Straßburg als Parlamentshauptstadt Europas hat also nichts mit dem Prestigedenken eines Mitgliedstaates zu tun, sondern ist das Resultat von mehr als einem halben Jahrhundert harter parlamentarischer Arbeit.
Von einem "Zweitsitz" kann demnach keinesfalls die Rede sein. Im Zusammenhang mit dem Amsterdamer Vertrag wurde von den Mitgliedstaaten die seit Gründung der Gemeinschaft immer wieder verschobene Entscheidung getroffen, daß Straßburg definitiv Sitz des Parlamentes ist, so wie der Europäische Gerichtshof und der Europäische Rechnungshof in Luxemburg, die Europäische Zentralbank in Frankfurt sowie Rat und Kommission in Brüssel sitzen. All das ist ein Paket und wurde durch den Lissabonner Vertrag mittels von Referenden und Parlamentsentscheidungen erneut bekräftigt.
Die Stellung Straßburgs als Sitz des Europaparlamentes wird allerdings dadurch beeinträchtigt, daß in den achtziger Jahren in einem faulen Kompromiß mit dem damaligen belgischen Premierminister Wilfried Martens, hinter dem belgische und internationale Investorengruppen standen, festgelegt wurde, daß in Brüssel nicht nur Ausschußsitzungen, sondern auch bis dahin nicht übliche Zusatz-Plenarsitzungen (sie gibt es heute in Gestalt von sechs zweitägigen Mini-Plenen im Jahr) abgehalten werden sollen. Während die regulären Plenarsitzungen in Straßburg jahrzehntelang sparsamerweise im Plenarsaal des Europarates stattfanden und erst angesichts der bevorstehenden Erweiterungen 1999 ein eigenes Plenargebäude an der Ill entstand, schufen Brüsseler Kreise unter dem Deckmantel "Kongreßzentrum" bereits Ende der achtziger/Anfang der neunziger Jahre einen eigenen Plenarsaal, um anschließend dessen Bau durch Erfindung des bis heute für die Parlamentsarbeit völlig unnötigen Mini-Plenums zu rechtfertigen. Die so geschaffenen Unklarheiten werden nun genutzt, um die Position Straßburgs zu untergraben.
Eine vor allem aus Briten, Euroskeptikern, niederländischen und deutschen Linksliberalen sowie Nordeuropäern bestehende Brüssel-Lobby unter den Abgeordneten und in der Verwaltung versucht seit Jahren systematisch, den Schwerpunkt der Parlamentsarbeit von Straßburg nach Brüssel zu verschieben, (vorläufig) ohne mit dem EU-Vertrag in Kollision zu kommen. Maßnahmen in diese Richtung waren die Abschaffung der Straßburger Freitagssitzungen und die seitdem stattfindende systematische Ausdünnung und Kürzung der Donnerstagnachmittage in Straßburg. Ziel ist, jeden Monat eine nur drei- bis viertägige Woche in Straßburg und drei jeweils drei- bis viertägige Wochen in Brüssel einzuführen, damit die Straßburger Plenarsitzung ihren nach außen hin dominanten Charakter und Straßburg als Parlamentssitz jede vernünftige Legitimation verliert.
Straßburg und Luxemburg werden außerdem - nicht zuletzt angesichts der durch die Erweiterung notwendigen Umbaumaßnahmen – auch baulich gegenüber Brüssel vernachlässigt, und es findet eine systematische Kampagne gegen das schöne, nach der großen französischen Paneuropäerin Louise Weiss benannte Straßburger Plenargebäude statt, das der französische Staat und die Stadt Straßburg zu günstigen Konditionen errichtet haben. Die deutsche Tageszeitung "Die Welt" schrieb 1999, als dieser Bau, ein Meisterwerk moderner Architektur, eingeweiht wurde, dieser sei zu Quadratmeterpreisen geschaffen worden, "die deutsche Behördenbauherren vor Neid erblassen ließen". Genau diejenigen, die die Straßburger Plenarsitzungen verkürzen, kritisieren, daß für nunmehr so wenige Tage ein eigenes Gebäude unterhalten werde. Kosten in Straßburg werden propagandistisch aufgebauscht, die viel größeren Kosten in Brüssel kaum erwähnt. In die Technik und in die Büroräume in Straßburg wird weniger investiert - die gleichen Kreise, die dies mit Sparsamkeitsargumenten durchsetzen, kritisieren später lautstark die technischen und baulichen Defizite des Straßburger Parlaments gegenüber dem Brüsseler.
Deshalb muß Frankreich endlich seine Zurückhaltung aufgeben, Straßburg und seine Infrastruktur mit voller Energie ausbauen und gegenüber anderen Mitgliedstaaten wie gegenüber der Verwaltung des Europaparlamentes deutlich machen, daß die Sitzfestlegung für Straßburg endgültig ist und daß Paris keine weitere Aushöhlung dessen hinnimmt. Dies wäre zum Vorteil aller Europäer: Durch eine Verstärkung der Präsenz des Parlamentes in Straßburg würde das heutige wirre System seiner Organisation durch ein politisch besseres und gleichzeitig wesentlich billigeres ersetzt. Statt die Straßburger Plenarsitzungen zu kürzen, die aufgrund der Verträge ohnehin stattfinden müssen, wäre es besser, die Brüsseler Mini-Plenarsitzungen komplett abzuschaffen, was das Parlament aus eigener Kraft, ohne Vertragsänderung und ohne Zustimmung der Regierungen, jederzeit tun könnte. Die monatliche Plenarwoche in Straßburg sollte fünftägig bis zur letzten Minute ausgenutzt und konzentriert in höchstens jeweils einer Fraktions- und einer Ausschußwoche pro Monat vorbereitet werden. So ließen sich nicht nur gewaltige Mittel sparen, die Abgeordneten gewönnen auch freie Wochen, in denen sie sich ganz um ihre Wahlkreise kümmern könnten.
Dies würde sich auch politisch dadurch bezahlt machen, daß Straßburg das eigenständige Gesicht des Europaparlamentes ist, mit eigenen Journalisten, die dort akkreditiert sind, und eigenständigen thematischen Akzenten, die vom Europaparlament selbst bestimmt werden. In Brüssel verschwindet das Parlament politisch und publizistisch hinter der Bürokratie, aber auch hinter der NATO und den Repräsentanten des belgischen Staates. Deutlich wird dies etwa bei den Besuchen von Staatsoberhäuptern, die in Straßburg ganz im Zeichen des Europaparlamentes stehen, das bei demselben Anlaß in Brüssel bestenfalls am Rande erwähnt wird.
Der Sitzungsdienst des Europaparlamentes sollte, sobald dort alle Plenarsitzungen stattfinden, ganz in Straßburg angesiedelt werden, die der Kontrolle, der Ausschußarbeit und der Zusammenarbeit mit anderen Institutionen gewidmeten Dienste in Brüssel. Luxemburg bliebe der inneren Verwaltung, der Buchführung und dem Übersetzungsdienst vorbehalten, Tätigkeiten, die große Konzerne mit Sitz in Europa unter Nutzung der modernsten Kommunikationstechnologien, die es kaum noch wesentlich erscheinen lassen, wer wann wo sitzt - heute zum Teil auch in asiatischen Außenstellen erledigen lassen.
Für Brüssel wird immer wieder angeführt, dort säßen nicht nur die Beamten von Rat und Kommission, sondern auch die meisten Lobbies. Abgesehen davon, daß eine gewisse Distanz zu diesen der Parlamentsarbeit gut tut, sollten die Volksvertreter mit ihren inzwischen erheblichen und in den letzten Jahren gewachsenen Kompetenzen selbstbewußt genug sein, um in aller Ruhe zu erwarten, daß aus diesen Kreisen zu ihnen kommt, wer etwas von ihnen will. Das Parlament braucht niemandem nachzulaufen außer dem Wähler, der in Straßburg durch einen hervorragend organisierten Besucherbetrieb, an dem sich auch die Stadt Straßburg mit großem Einsatz beteiligt, optimal betreut wird.
Zu den Märchen, die verbreitet werden, gehört übrigens auch, die Straßburger Parlamentsgebäude stünden zwischen den Plenarsitzungen leer. Dort werden jährlich in den sitzungsfreien Wochen mehr als 100 000 interessierte Bürger informiert und betreut - was sich noch wesentlich steigern ließe, wenn die Parlamentsverwaltung dort die Personaldecke aufstocken würde.
Wichtig ist Straßburg auch als eigenständige Corpoate Identity der Volksvertretung, Brüssel ist vielfach zum Synonym für Bürokratie geworden. Überschriften machen dies deutlich. So schrieb unlängst eine Nachrichtenagentur: "Auch das Europaparlament ist gegen Brüssels Pläne". Wenn eine Zeitung titelt: "Straßburg plädiert für Flüchtlingsquoten", dann meint es damit das Parlament, wenn eine andere mit der Schlagzeile erscheint: "Brüssel verlangt Energie-Regulierer", dann ist klar, daß es sich um die Kommission handelt. Straßburg steht für das Europa der Völker und damit für ein Parlament, das sich als Gegenpol zur Bürokratie versteht und diese scharf kontrolliert.
Selbstverständlich müssen die Ausschüsse, vor allem der Haushaltskontrollausschuß, ebenso wie der in Luxemburg ansässige Rechnungshof auch in Brüssel demokratische Kontrolle ausüben, weshalb auf eine gewisse Präsenz dort nicht verzichtet werden kann. Doch genauso wenig sollte das Europaparlament darauf verzichten, aus eigener Kraft eine politisch-parlamentarische Hauptstadt Europas zu errichten, die keine nationale Metropole ist. Dies war der Ehrgeiz der Gründerväter, zu dem die Volksvertreter von heute zurückkehren sollten, statt sich im Schatten von häßlichen Bürokratensilos anzusiedeln. Heute noch ist die Europäische Union so heterogen und vielgestaltig, dass sie als multinationales Gebilde mit fast einer halben Milliarde Einwohnern besser integriert werden kann, wenn die Institutionen nach einem sorgfältig austarierten Schlüssel auf gut miteinander vernetzte Sitze verteilt sind. Sollte mit fortschreitender politischer Einigung eine stärkere Zentralisierung vonnöten sein, so böte sich an, das fernab aller nationalen Hauptstädte gelegene deutsch-französisch geprägte Europaviertel zwischen Straßburg und Kehl - nach dem Vorbild von Washington D.C. - zum eigenständigen Europa-Distrikt als Sitz der europäischen Einrichtungen zu gestalten. Dazu müssen allerdings Gebäudesituation und Verkehrsverbindungen erheblich verbessert werden.
Aufhören sollte endlich auch das Gerede, man könnte Straßburg für den Sitz des Europäischen Parlamentes eine Kompensation geben. Was sollte das sein? Die Alternativen sind doch: Entweder die Rolle Straßburgs wird mit dem Parlament erweitert – dann siedeln sich dort auch andere Institutionen an; oder die Stadt verliert Schritt für Schritt ihre Rolle als Europa-Metropole ganz und sinkt auf die Stufe etwa von Parma als dem Sitz der Europäischen Lebensmittelagentur herab.
Die EU ist eine politische und eine Rechtsgemeinschaft, die ihre Wurzeln in Straßburg hat. Sie ist mehr als nur der Gemeinsame Markt von Brüssel, der sich zunehmend lediglich als Baustein der Globalisierung, als anglo-amerikanischer pied-à-terre in Kontinentaleuropa versteht. Manche meinen, die Stadt habe als Ausdruck der deutsch-französischen Aussöhnung mehr als sechs Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg und in einer erweiterten EU ihre Symbolkraft verloren. Doch abgesehen davon, dass auch das neue Europa der Zukunft ohne deutsch-französischen Gleichklang nicht funktionieren wird - die schreckliche Alternative wäre ein Europa der Koalitionen mit Berlin und Paris als den Mittelpunkten konkurrierender Staatengruppen -, ist Straßburg längst zum Symbol der Aussöhnung und Völkerverständigung an sich geworden. Wenn es möglich ist, die Gräben zwischen Völkern zuzuschütten, die tausend Jahre lang angebliche Erbfeinde waren, dann kann es solche Brückenschläge auch im Osten und im Südosten geben. Besonders schön hat dies die ehemalige österreichische Außenministerin Ursula Plassnik ausgedrückt: Die Herausforderung der Völkerverständigung, die die Gründerväter der Sechsergemeinschaft nach dem Zweiten Weltkrieg bewältigt hätten, sei für ihre Generation ebenfalls vorhanden - in der Friedensfunktion der EU in Südosteuropa. Auch hier spielt Straßburg eine aktuelle und nicht zu unterschätzende Rolle. Der Europarat war und ist das Tor für die Völker Ost-, Mittelost- und Südosteuropas in die europäischen Strukturen. Dabei ist Straßburg keinesfalls nur politische Durchgangsstation. Die Menschenrechtskonvention des Europarates und das demokratisch gewählte Parlament der EU werden auf Dauer die wichtigsten und eindrucksvollsten Herzstücke der europäischen Integration bleiben - und passen deshalb so gut nach Straßburg.
Die elsässische Metropole steht aber auch für den Dialog der Kulturen und Religionen. Der abendländische Katholizismus der Kathedrale verbindet sich mit dem gediegenen Protestantismus der Bürger- und Universitätskultur, dem aufgeklärten Denken des neuzeitlichen Frankreich, der Vitalität einer der bedeutendsten jüdischen Gemeinden Europas und der Vielfalt einer starken islamischen Gemeinschaft. Auch die orthodoxen Ostkirchen haben in Straßburg ihren Platz gefunden, sind sie doch beim Europarat, der auch Russland und den Südkaukasus umfasst, sehr präsent.
Straßburg ist mehr als eine Stadt, es ist ein geistiges Konzept, "une certaine idée de l'Europe". Das Straßburger Gebäude des Europaparlamentes, zwischen Grünanlagen und Wasserläufen gelegen, von denen man per Schiff direkt das Mittelmeer, den Atlantik und die Nordsee erreichen kann, hat deshalb auch die richtige Symbolik. Vom Pariser „Architecture Studio“ wurde es bewußt im Dialog mit der Kathedrale als Symbol der abendländischen paneuropäischen Geschichte und Kultur errichtet . Aus dieser Kathedrale stammt auch die Idee zur Europafahne: die zwölf gelben Sterne auf blauem Grund als Zeichen der Vollkommenheit.
Von dieser Vollkommenheit ist die Europäische Union noch weit entfernt. Doch das politische Europa von Straßburg ist auf dem richtigen Weg. Auch dies sieht man eindrucksvoll auf dem Platz vor dem Louise-Weiss-Gebäude: Die Fahnenstangen, die dort stehen, stammen aus der Danziger Lenin-Werft, von der die Solidarnosc-Bewegung ausging, die die kommunistische Tyrannei in Mittel- und Osteuropa beseitigte. Wenn sich dieser Geist der Freiheit mit dem der Gründerväter der heutigen EU verbindet, braucht Europa vor der Zukunft nicht bange sein.
Straßburg preiszugeben, wäre nicht nur eine grobe Ungerechtigkeit gegenüber dem für den für den Fortgang Europas unverzichtbaren Frankreich, nicht nur eine Erschütterung der europäischen Identität, die sich das einst umstrittene Grenzland Elsaß nach dem Zweiten Weltkrieg gegeben hat. Ein Wegzug des Parlamentes aus dieser ältesten Europametropole wäre vor allem ein Schritt zur geistigen Ausdünnung Europas, das gerade in dieser Zeit - die von der noch nicht verarbeiteten größten Erweiterung in der EU-Geschichte wie von einer schweren Orientierungskrise geprägt ist - dringend mehr und nicht weniger Seele und Identität benötigt.
Sitz- und Hauptstadtfragen sind weder Nebensache, noch dürfen sie nach rein quantitativen oder technischen Maßstäben, womöglich gar aus einer Laune heraus entschieden werden. Sie sind eminent politischer Natur und geben einem Gemeinwesen langfristig Identität und Orientierung. Pierre Pflimlin, der Inbegriff eines echten Europäers, drückte es so aus: "Es gibt keine Gemeinschaft, wenn es keine Stelle gibt, an der sich mehr als anderswo ein gemeinsamer Geist erkennen läßt ... Zerstören wir nicht die sinnbildlichen Plätze Europas, wo sich seine Seele stärker als anderenorts fühlen läßt!"

Ziele zur Stärkung des einzigen Sitzes des Europaparlamentes, Straßburg, als Haupt-Arbeitsort

Kurzfristige Ziele:

1. Verschiebung der Abfahrt des vom Parlament gecharterten TGV von Straßburg nach Brüssel am Donnerstag Nachmittag um einige Stunden, da es ein Skandal ist, daß dieser quasi mitten in der Arbeit der Abgeordneten abfährt.

2. Aufhebung der neuen Anweisung für die Fraktionsbeamten, schon am Donnerstag um 14.00 Uhr mit dem TGV nach Brüssel zu fahren.

3. Einrichtung von Unterschriftsregistern und Anreisemöglichkeiten in Straßburg für alle türkisen Wochen und sitzungsfreien Tage (z.B. alle Freitage, auch die der Brüssel-Wochen). Straßburg muß auf diesem Gebiet mindestens gleichberechtigt sein mit Brüssel.

4. Kurzes Faltblatt des Parlamentes - ansonsten der Fraktion - für alle Besucher in allen Sprachen über die rechtlichen, historischen, politischen und ideellen Grundlagen von Straßburg als einzigem Sitz des Europäischen Parlamentes.

5. Offizielle Stellungnahme des Parlamentspräsidiums - ansonsten der Fraktion - in allen Sprachen gegen die vielen falschen Behauuptungen und Zahlen, die gegen Straßburg in Umlauf sind. Dies wäre keine einseitige Stellungnahme, sondern die Pflicht des Parlamentes, die soeben mit Lissabon neu ratifizierte Vertragsbestimmung endlich offensiv zu verteidigen.

6. Personelle Verstärkung des Besucherdienstes in Straßburg für die Zeit zwischen den Plenarwochen, um die Auslastung der Gebäude zu erhöhen, und Öffnung aller Säle für die Besucher.

7. Einrichtung einer kleinen, aus deutsch-, französisch- und englischsprachigen Beamten bestehenden permanenten Antenne der Fraktion hier in Straßburg, die systematisch die Kontakte zur Straßburger Öffentlichkeit sowie zu den europäischen Institutionen in Straßburg (Europarat, Menschenrechtsgerichtshof, Eurokorps etc.) hält und sich auch um Besucher kümmert. (Müssen politisch kompetent sein, keine freien Mitarbeiter!)

8. Einrichtung von richtig besetzten Arbeitsgruppen in der Fraktion und eventuell auch im Parlament mit dem Ziel, Vorschläge zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in Straßburg zu sammeln (gerade bei den Straßburg-Kritikern).

9. Es sollte in Brüssel neben den Mini-Plenen keine zusätzlichen Plenarsitzungen geben. Solange es das Mini-Plenum gibt, könnte man einfach von der Geschäftsordnungsbestimmung Gebrauch machen, das Mini-Plenum vom ursprünglich geplanten auf den Tag zu verschieben, an dem ein Sonderplenum gewünscht wird. Also: Mini-Plenen nicht vermehren, sondern nötigenfalls verschieben, was die Konferenz der Präsidenten jederzeit tun kann.

10. Sehr deutliche Stellungnahme der Französischen Regierung und vielleicht auch des Rates, daß Straßburg als einziger Parlamentssitz und Haupt-Arbeitsort weder jetzt noch in Zukunft zur Disposition steht und daß es dafür auch keine Kompensation geben kann.

11. Kehl und der ganze Eurodistrikt müssen stärker mit Parlament und Fraktion vernetzt werden (regelmäßige Treffen, Ernennung von Kontaktbeauftragten), und es sollten auch EU-Agenturen oder Parlamentsdienststellen (Ombudsman?) in Kehl sitzen, um die deutsche Seite besser einzubinden (auch die Regierung von Baden-Württemberg).

12. Klarstellung, daß das Bürgerbegehren des Lissabonner Vertrages für Gesetzesvorschläge im Rahmen der Kommissionskompetenzen genutzt werden darf, aber nicht für Vertragsänderungen und Aktivitäten außerhalb der Vertragskompetenz, also auch nicht für die Sitzfrage.

Mittelfristige Ziele:

1. Einrichtung eines Gemischten Parlamentarischen Ausschusses zwischen EP und Parlamentarischer Versammlung des Europarates.

2. Programme für hochrangige Besuchergruppen, die gemeinsam von Eurokorps, Europaparlament, Europarat und Menschenrechtsgerichtshof sowie vielleicht auch der ENA in Straßburg zwischen den Plenarsitzungen durchgeführt werden.

3. Entwicklung eines Konzepts, um eine massive Verbesserung und Ergänzung der Bausubstanz in Straßburg zu erreichen, da ja offiziell Gleichberechtigung mit Brüssel bestehen muß.

4. Konzentrierung der Ausschuß- und Fraktionsarbeit auf ein bis höchstens zwei Vorbereitungswochen in Brüssel und Durchführung einer fünftägigen Sitzungswoche in Straßburg pro Monat, damit mehr Wochen für die dringend notwendige Betreuung des Wahlkreises bleiben. Diese Wochen sollten dann auch frei von Delegationsreisen bleiben!

5. Abschaffung aller Mini-Plenarsitzungen - es sei denn, es gibt kurzfristig einen extremen Ausnahmefall. Dies ist der eigentliche Sinn der entsprechenden Vertragsbestimmung.

6. Beseitigung der Duschen aus den Straßburger Abgeordnetenbüros und Einrichtung von kleinen Besprechungszimmern und zusätzlichen Gang-Toiletten im Tour

7. Einrichtung von Toiletten vor dem Besuchereingang für Leute, die von weit her kommen

Langfristige Ziele:

1. Bebauung des Messegeländes am Wacken mit Büros für die Beamten, Aufstockung der Abgeordnetenbüros auf zwei Räume pro Abgeordneten mit Platz für die Assistenten, Bau eines Not-Plenarsaales, der entweder in zwei große Fraktionssäle geteilt oder auch als Kongressaal genutzt werden kann, Errichtung weiterer Fraktions-, Ausschuß- und Besuchersäle mit Dolmetscherkabinen für alle auch künftigen Sprachen und mit modernster Technik.

2. Vertragsänderung, daß alle Plenarsitzungen, auch zusätzliche, in Straßburg stattfinden, Ausschußsitzungen hingegen an allen drei Arbeitsorten durchgeführt werden dürfen.

3. Verlagerung der für das Plenum und für die Öffentlichkeitsarbeit zuständigen Dienste nach Straßburg.

4. Weiterer Ausbau des Schnellbahnnetzes, auch mit Anbindung an den Flughafen Frankfurt und auf der Strecke Brüssel-Luxemburg-Straßburg-Basel-Mailand, die zur Hauptachse Europas werden sollte. .

 

 

▪ Auf dem Weg zu einer europäischen Haushaltsföderation
 

J
ean-Claude Trichet hat als Erster das Wort verwendet. Der Internationale Währungsfonds verlangt einen europäischen Haushaltsverband, indem er die Eurostaaten dazu auffordert, den Aufbau der Europäischen Währungsunion zum Abschluss zu bringen.
Nun sind es die Finanzmärkte, die ihn fordern. Am 17. Juni 2010 haben sich die Staats- und Regierungschefs zwangsläufig dafür entschieden. Wir wussten von Anfang an, dass die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion nur auf einem Bein stand und viele haben seit der Schaffung der Einheitswährung ihre Stimme erhoben, um eine echte gemeinsame Wirtschaftsregierung zu fordern.
Dank dem Stabilitäts- und Wachstumspakt - selbst wenn er nicht eingehalten wurde – konnten sich die Staaten hinter dem Schutzschild des Euros verschanzen, um ihre Defizite und Schulden ansteigen lassen. Die Regierungen haben das Spiel der Konvergenz nicht gespielt. Aus ihren Unterschieden, die im Weltmaßstab nur Nuancen sind, haben sie künstliche Meinungsverschiedenheiten geschaffen. Sie haben vergessen, dass im 21. Jahrhundert die relevante Dimension der Kontinent ist und dass Europa in der Globalisierung eine Einheit darstellt.
Die Stunde der Wahrheit hat auf brutale Art und Weise geschlagen. Jetzt müssen wir lernen, unsere nationalen Budgets in Abstimmung mit unseren Partnern im Rahmen des europäischen Binnenmarktes auszuarbeiten. Das ist das Mindeste. Es wird auch wichtig sein, die Union mit einem wirklichen Haushalt auszustatten, der allein dazu in der Lage ist, der Solidarität zwischen den Mitgliedstaaten Gewicht zu verleihen. Dies ist notwendig, und der Stabilisierungsfonds von 750 Milliarden Euro besitzt schon die Umrisse eines Europäischen Währungsfonds (EWF).
In Erwartung der Verwirklichung einer echten gemeinschaftlichen Wirtschaftspolitik müssen koordinierte Anstrengungen unternommen werden, um die Schulden und Haushaltsdefizite zu reduzieren.
Leider schreitet die europäische Integration jetzt nur noch durch strikte Einsparungsmaßnahmen auf dem Weg zu einer wirklichen Haushaltsföderation voran, weil wir diesen Schritt nicht machen wollten, als die Lage günstiger war.
Es gibt keinen triftigen Grund, hier für die Sache der nationalen Souveränität einzutreten. Die Vorschläge der Kommission, die von den Finanzministern bewilligt wurden und bald von den Staats- und Regierungschefs bestätigt werden, respektieren peinlich genau die Rechte der nationalen Parlamente und die Verfassungen der Mitgliedstaaten. Welche Souveränität würde sonst denjenigen übrig bleiben, die ihre Haushaltskompetenzen an den Internationalen Währungsfond (IWF) abtreten? Die Europäische Union macht also notgedrungen einen wesentlichen Integrationsschritt.
Lasst uns hoffen, dass die EU dadurch angeregt wird, in Sachen politische Integration von sich aus weiter zu gehen, bevor ihr dies wieder durch die Verhältnisse auferlegt wird. Denn wir haben nun nicht mehr die Wahl.

                                                                                                   Jean-Dominique Giuliani, www.jd-giuliani.eu

 

 

▪ Der Euro war nicht der Preis für die Wiedervereinigung

Nicht unerwartet wegen der Euro-Probleme wurde im Dezember 2010 auch die Lüge wiederholt, Bonn habe als "Preis für die Wiedervereinigung" vorher dem Euro zustimmen müssen, Paris habe dies verlangt. Falsch! Wahr ist, dass die Gemeinschaftswährung 1989 schon einige Jahre vorbereitet war (auch im Europäischen Parlament), ja dass sie 1988 beim deutschen EU-Gipfel in Hannover quasi abgehakt wurde mit dem Auftrag an Präsident Jacques Delors, die Arbeiten in der Kommission abzuschließen. Horst Teltschik: "Das einzige, was man sagen dürfte, wäre, dass die Abschlussarbeiten durch die Entwicklung in Deutschland rascher vorankamen." (JW)

 Zu dieser Information unseres Kollegen Jürgen Wahl fügen wir hinzu, dass die Schaffung einer gemeinsamen europäischen Währung bereits bei der Gründung der ältesten europäischen Institution, des Europarates am 5. Mai 1949 erwogen wurden, wie es sich dokumentieren lässt. Im Übrigen wollten in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht in erster Linie die französische und andere europäische Regierungen, sondern die deutsche Regierung und Wirtschaft eine gemeinsame europäische Währung. Die Abwertungspirale der europäischen Währungen behinderte den Export deutscher Waren nach Europa. Mit der Einheitswährung wurde der innereuropäische Handel stabilisiert und die deutsche Wirtschaft hat viel daran verdient. (JPP)

 

Die Kanzlerin in Aachen: Europa größte Krise bewältigen!

In ihrer großen Rede in Aachen, die außer WDR 3 und Phönix niemand brachte, nannte die deutsche Kanzlerin die gegenwärtige Krise um die Zukunft des Euro die größte  Bewährungsprobe, die Europa seit 1990, womöglich noch seit viel längerer Zeit, zu bestehen habe. "Diese Bewährungsprobe ist existenziell", stellte sie fest. Diese Bewährungsprobe müsse bestanden werden. Gelinge das nicht, seien die Folgen unabsehbar. Die Rettung des Euro sei so wichtig, weil alle spürten: "Scheitert der Euro, dann scheitert nicht nur das Geld, dann scheitert mehr, dann scheitert Europa, dann scheitert die Idee der europäischen Einigung." Die Krise müsse auch Anlass sein, Mängel an der europäischen Architektur zu beheben, forderte die Regierungschefin. Die europäischen Staats- und Regierungschefs müssten dabei auch "vertragliche Konsequenzen" ziehen und Probleme ehrlicher ansprechen. Europa werde sich stärker wirtschafts- und finanzpolitisch verzahnen müssen. "Und jenseits des Ökonomischen wagen wir vielleicht nach der gemeinsamen Währung weitere Schritte, zum Beispiel den zu einer gemeinsamen Armee", so Merkel.

Angela Merkel "turned the tables"

Interview mit Elmar Brok, außenpolitischer Koordinator der Fraktion der Europäischen Volkspartei

Jürgen Wahl. Ein Brite staunte über die Preisrede der Kanzlerin in Aachen; "She turned the tables." Dreht sie tatsächlich, lange erwartet, den Tisch Europa herum? Will die Kanzlerin die fehlenden Schritte zur Politischen Union tun, zu denen es bei der Euro-Einführung "nach Maastricht" nicht kam?

Elmar Brok. Sie will, dass zuerst einmal die Regeln strikt eingehalten werden, an der Spitze die 3%-Grenze bei der Neuverschuldung der EU-Mitgliedstaaten. Dazu muss, darin sind die Europapolitiker der CDU mit ihr einig, die Kommission nachdrücklich gestärkt werden. Sie muss das Recht haben, für die Einhaltung der Regeln selbst zu sorgen. Vor allem müssen schnell, europäisch und global,  die G-20-Beschlüsse zur Finanzmarktordnung in die Praxis umgesetzt werden.

JW.  Die Nachrichten kreisen um die angeblich gewollte totale Kontrolle nationaler Haushalte durch die Kommission. Stimmt die Richtung?

EB.  Noch einmal; Die vertragliche Begrenzung der Verschuldung steht zur Debatte, nicht Eingriffe in unseren deutschen Haushalt bei zum Beispiel der Sozialpolitik. Des-halb muss die Kommission auch Instrumente haben, die 3-Prozent-Grenze durchzusetzen. Warum soll sie zum Beispiel dabei nicht auch Haushaltspolitiker mit unmissverständlichen Ratschlägen versehen? Das heißt aber nicht, dass die EU in die Gestaltung und Prioritätensetzung eines nationalen Haushaltes innerhalb der notwendigen Regeln eingreift.

JW.  Heiner Geißler, Hans Eichel und Joschka Fischer sagten, ohne politische Union überlebe der Euro nicht, folglich gehe es um weitere Aufgabe von Souveränität. Übertreibung?

EB.  Man könnte gewiss so argumentieren, aber es führt heute und morgen nicht weiter. Die Kanzlerin hat in Aachen sehr wohl Ergänzungen des Lissabon-Vertrags verlangt. So etwas wird aber sicher zehn Jahre dauern. Was sofort gehen muss, ist die Rückkehr zu den Kriterien der Währungsunion, vor allem zum Stabilitätspakt, den Schröder und Chirac aufgeweicht hatten.

JW. Und England? Der neue Premier David Cameron hat sogar verlangt, nach Brüssel verlagerte Zuständigkeiten zurück nach London zu holen. Kommentar…

EB.  Ganz einfach: So etwas geht nur durch einen einstimmigen Vertragsänderungsbeschluss des Rats einschließlich eines neuen Verfassungskonvents und abschließender Ratifizierung durch alle Mitglieder der EU. So etwas kann David Cameron vergessen.

JW.  Europa hört nichts über die Krise aus seinem Parlament, nur Klein-klein. Warum gibt es gerade dazu nicht große Krisendebatten wie im Bundestag?

EB. Wir haben für die Woche ab 17. Mai eine solche Debatte beschlossen. Schlimm war, dass das ohne heftigen Krach in unserer Fraktion der EVP nicht zustande kam. Mittwoch kommt die Debatte.

 

▪ Europäische Wirtschaftsregierung

Auf der gemeinsamen Pressekonferenz von Angela Merkel und Nicolas Sarkozy am 2. Februar 2010 in Paris hatte sich der französische Staatspräsident folgendermassen geäussert und die Bundeskanzlerin widersprach ihm keineswegs :

„Was hier geschehen ist, ist sehr wichtig. Ich habe von keinem einzigen Land gehört, dass an der Notwendigkeit der europäischen Wirtschaftsregierung gezweifelt wird, die wir gemeinsam mit der Bundeskanzlerin vorgeschlagen haben. Alle waren damit einverstanden. Eine der Lehren aus dieser Krise ist, dass wir eine europäische Wirtschaftsregierung brauchen. Diese Wirtschaftsregierung ist der Europäische Rat der 27 Staats- und Regierungschefs.

Wirtschaftsregierung bedeutet, dass wir im Rahmen dieses Rates die Situation bewerten, die Wirtschaftspolitiken koordinieren und Initiativen organisieren. Das ist etwas extrem Wichtiges, worüber es am ganzen Tisch einen Konsens gegeben hat.“

Der französische Präsident beantwortete eine Frage zu den Entscheidungen der Europäer in Brüssel angesichts des griechischen Defizits.

Am 14. Juni 2010 im Bundeskanzleramt in Berlin bei einem gemeinsamen Auftritt vor der Presse hat die Bundeskanzlerin selbst gesagt, dass man sich einig ist, dass eine "europäische Wirtschaftsregierung" notwendig ist. Sie wird im Dienste der Stabilität arbeiten, wie der deutsche Partner das will, aber immerhin hat Sarkozy damit sein langjähriges Ziel erreicht und Deutschland und Frankreich ziehen an einem Strang.

 

Kinderzahlen von Migranten: Die Wahrheit der Stammtische

„Migrantinnen passen sich deutscher Geburtenrate an, war im Sommer 2010 in der deutschen Qualitätspresse zu lesen. Töchter von Zuwanderern, im amtlichen Sprachgebrauch Frauen der „zweiten Migrantengeneration, hätten sich dem Geburtenverhalten deutscher Frauen „nahezu angepasst“ zitierten sie eine Wissenschaftlerin der Universität Rostock. Die Wissenschaft – so meinte die Frankfurter Rundschau räume mit dem „Klischee der kinderreichen Migranten auf. Die in der Bevölkerung verbreiteten Überfremdungsängste erwiesen sich als übertrieben und regelrecht lächerlich: Den „Stammtischen“ gehe „ja der Gesprächsstoff darüber aus, dass sie in ihrem eigenen Land bald zur Minderheit gehören“

Richtig ist: Tendenziell erfasst der Trend hin zu niedrigen Kinderzahlen auch Migranten. Dieser Befund ist seit langem bekannt. Nichts anderes bestätigten die Ergebnisse der Rostocker Forscherin. Ihre Auswertungen zeigten aber zugleich auch markante Unterschiede im Geburtenverhalten je nach ethnisch-kultureller Herkunft: Kinderreiche Mütter waren unter „Griechinnen" noch seltener zu finden als unter „deutschen" Frauen; „Türkinnen" hatten deutlich häufiger drei oder mehr Kinder. Nun bilden „Türken“ aber die relativ größte Gruppe von Zuwanderern in Deutschland. Im Blick auf die durchschnittliche Geburtenrate von Migrantinnen fällt das Geburtenverhalten  türkischstämmiger Frauen deshalb besonders ins Gewicht diesen entscheidenden Aspekt blendeten die Presseberichte aus. Zu diesen „heiklen“ oder politisch unkorrekten Fragen mangelte es lange an gesicherten Erkenntnissen, weil sich aus der amtlichen Statistik nur schwer zuverlässige Daten zu den Kinderzahlen von Frauen gewinnen ließen. Mittlerweile ermöglicht der Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes aber Aufschlüsse zu den Kinderzahlen von Frauen differenziert nach sozialen Merkmalen wie Bildung, Einkommen, partnerschaftlicher Lebensform und eben auch Migrationshintergrund.

Damit lassen sich nun die an den vermeintlichen Stammtischen diskutierten „Klischees" an der Wirklichkeit messen die amtlichen Zahlen widerlegen allerdings die Volkspädagogik „aufklärerischer“ Publizisten: Der Anteil der Frauen mit drei und mehr Kindern ist demnach unter den Frauen mit Migrationshintergrund (ca. 26%) etwa doppelt so groß wie unter den Frauen ohne Migrationshintergrund (13%). Dagegen sind mehr als ein Viertel der „einheimischen“ Frauen, aber nur knapp 15% der Migrantinnen kinderlos. Als Folge dieser Differenzen in den „Geburtenparitäten“haben Migrantinnen durchschnittlich 1,83, „einheimische" Frauen dagegen nur 1,4 Kinder. Auch die Nachkommen der Zuwanderer verfehlen also den Generationenersatz sie „sterben" aber gewissermaßen deutlich langsamer aus als die „deutsche" Bevölkerung.

Ein Sonderfall sind aber wie gesagt die Türkischstämmigen: Ihr Bevölkerungsanteil wächst auf „natürliche Weise“ durch Geburtenüberschüsse. Mit fast 2,5 Kindern pro Frau übertreffen ihre (1965-1969 geborenen) Frauen deutlich den Generationenersatz. Kinderlosigkeit ist unter diesen Frauen selten; dafür hat etwa die Hälfte von ihnen mindestens drei Kinder. Forscher versuchen dies so zu erklären, dass diese Bevölkerungsgruppe „noch stark dem Muster des Herkunftslandes verhaftet“ sei. In der Türkei ist die Geburtenrate aber vor allem in den urbanen Regionen in den letzten Jahrzehnten drastisch zurückgegangen. In der Metropolenregion Istanbul liegt sie auf einem ähnlichen Niveau wie in Mitteleuropa und ist dort wesentlich niedriger als die ihrer Landfrauen in Deutschland. Zwar ist auch deren Kinderzahl in den letzten beiden Jahrzehnten gesunken; der Rückgang war jedoch schwächer als in der westlichen Türkei. Gleichzeitig sind die Kinderzahlen der türkischstämmigen Frauen in Deutschland auch wesentlich langsamer gesunken als die der „einheimischen" Frauen. Das Geburtenverhalten der Türkischstämmigen hat sich also mitnichten dem deutschen Durchschnitt „angepasst". Im Gegenteil öffnet sich die Fertilitätsschere zwischen Einheimischen und Zuwanderern und zeigt damit symptomatisch die wachsende Kluft zwischen traditionsbestimmten Migrantenmilieus und postmodern-individualistischen Lebenswelten. Diese kulturelle Kluft und ihre sozialen Folgen kennen die „Stammtisch“-Bürger aus dem Kita- und Schulalltag ihrer Kinder und Enkel. Nicht wenigen Möchtegern-Pädagogen in der Bewusstseinsindustrie der Medien sind sie damit einige Erkenntnis-Schritte voraus. Institut für Demografie, Allgemeinwohl und Familie (i-daf.org)

 

Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung für eine europäische Wirtschaftsregierung

Die schwere Krise des Euro durch die faktische Staatspleite Griechenlands führte zu einer neuen, längst überfälligen Debatte über die mangelhafte Konstruktion der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion. In zwei Papieren der Friedrich-Ebert-Stiftung wird gezeigt, welche Chancen in einer wirtschaftspolitischen Neugestaltung liegen. Zum einen betrifft dies eine verstärkte Koordinierung auf europäischer Ebene, zum anderen die Möglichkeiten eines Umbaus der ökonomischen Strukturen auf mitgliedstaatlicher Ebene.

Klaus Busch benennt die strukturellen Defizite der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion und stellt Lösungen zur Überwindung der ökonomischen Ungleichgewichte innerhalb der EU vor. So benötigt die Eurozone eine eigene Europäische Wirtschaftsregierung, um Fälle wie die in Griechenland eingetretene Überschuldung grundsätzlich zu verhindern. Darüber hinaus ist für den Autor eine europäische Koordinierung der nationalen Lohnpolitiken vonnöten, um der extremen Wettbewerbsverzerrung mit einseitigen Gewinnern und Verlierern entgegenwirken zu können.

--> Klaus Busch:

Europäische Wirtschaftsregierung und Koordinierung der Lohnpolitik

Krise der Eurozone verlangt Strukturreformen

http://library.fes.de/pdf-files/id/ipa/07108.pdf

 

Gabriela Habsburg, Botschafterin Georgiens

Gabriela Habsburg, 53, Mutter von drei Kindern, Tochter des Österreichischen Kaisersohns und Paneuropa-Ehrenpräsidenten Otto von Habsburg, ist seit dem Frühjahr 2010 Georgiens Botschafterin in Berlin. Die in Tiflis eingebürgerte Bildhauerin, Kunstprofessorin an der Universität Tiflis und Russland-Kritikerin wie ihr Vater, bewundert ihren Staatspräsidenten Michail Saakaschwili. Außer Deutsch, spricht sie fließend georgisch, französisch, englisch und noch einige Sprachen.  Sie hat mit ihren Studenten das nationale Unabhängigkeitsdenkmal in Tiflis gebaut. Die Eurbag Redaktion hat eine besondere Zuneigung für Gabriela und freut sich, dass sie ihr Wahlland in Berlin vertritt. Na, dann viel Glück!

 

▪ Paneuropa-Tag gegen Dämonen des Nationalismus

Beim 32. Andechser Europatag warnte der Präsident der Paneuropa-Union Deutschland, Bernd Posselt, MdEP, vor einer Renationalisierung der Europäischen Union. Neben dem „offenen Nationalismus“ eines Vaclav Klaus gebe es einen schleichenden, wie der in der der Debatte um das Lissabon-Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Ausdruck gekommen sei. Nur den Nationalstaat zum Träger der Souveränität zu erklären, sei antiquiertes Denken, wie es schon die Adenauer-Ära mit dem föderalistischen Dreiklang Land-Bund-Europa überwunden habe.

Anknüpfend an ein Wort von Ernst Jünger, wonach „Dämonen die verlassenen Altäre bewohnen“, rief Posselt dazu auf, sich aktiv der Entchristlichung zu widersetzen. Wer glaube, Gott entthronen zu können, werde bald sehen, dass an dessen Stelle kein Leerraum bleibe, sondern sich dort historische, ideologisch-geistige und politisch „Dämonen“ ansiedelten. Als Beispiel nannte er die Bestrebungen der russischen Duma, Kritik an Josef Stalin unter Strafe zu  stellen, den zerstörerischen Nationalismus und Souveränismus, der sich entgegen allen Klischees nicht nur im ehemaligen Ostblock, sondern auch im Westen breitmache, sowie die Erfolge der Linkspartei, die er als „Erben der Mauermörder“ titulierte.

Der ehemalige Bundesfinanzminister Theo Waigel hob hervor, dass ohne gemeinsame Währung und europäischen Binnenmarkt die Wirtschafts- und Finanzkrise  ähnlich verheerende Ausmaße angenommen hätte wie die von 1929. Auch die deutsche Einheit „hätte es ohne Europa, ohne europäische Idee und Fortschritte bei der Integration nie gegeben“. Für die Zukunft forderte Waigel eine europäische Armee und eine europäischen Finanzaufsicht. Er lobte das Europäische Parlament und sprach sich für dessen weitere Stärkung aus. Die Warnung der Bundesverfassungsgerichts vor einem Europäischen Bundesstaat sei aufgesetzt und künstlich, das vom Verfassungsrichter Udo di Fabio geprägte  Wort „Staatenbund“ nannte Waigel „schwach“. Die Europäische Union sei „ein Gebilde sui generis, das seine eigene Form finden wird, um stark und handlungsfähig zu sein“. Beim Bühnengespräch im Klostergasthof berichtete Waigel als Zeitzeuge außerdem über die Einführung des Euro, die pionierhafte Europapolitik Helmut Kohls, den er neben Otto von Habsburg größten Europäer nannte, und den Weg zur deutschen Einheit, die tatsächlich die graue „DDR“ in blühende Landschaften verwandelt habe. 

 

 Paläontologie
 
Den „Europäer „ gibt es schon sein 1,2 Millionen Jahren

Nicht vor 800 000 Jahren, wie bisher angenommen, doch schon vor 1,2 Millionen Jahren bewohnte der Mensch unseren Kontinenten. Jedenfalls stand der „Homo antecessor“, wie ihn die Zeitschrift „Nature“ vom 27. März 2008 getauft hat, schon auf unserem Boden. Das zeigen die von Paläontologen in der Sierra de Atapuerca in Nordspanien entdeckten Überreste  dieses Hominiden. „Es ist das bei Weitem älteste bekannte Mitglied der Familie Mensch in Europa“, sagte José Maria Bermudez de Castro, einer der Ausgrabungsleiter und Direktor des Nationalen Zentrums für die Untersuchung der menschlichen Evolution in Burgos.

Der Fund ist bescheiden. Er besteht aus einem vorderen Backenzahn und einem Kieferknochen, die einem etwa 25-jährigen Individuum gehörten. Schon 1994 hatte dasselbe Team mit de Castro und Eudald Carbonell vom Paläoökologischen Institut in Tarragona 780 000 Jahre alte menschliche Knochen in Atapuerca gefunden. Damals schon entstand die Bezeichnung „Homo antecessor“. Nun, dieser Ur-Ur-Großvater der Europäer wird um ein paar Jahrhunderte älter.  Der neue Fundort ist nur 200 Meter von dem alten entfernt, was auf eine ausgedehnte, beständige Siedlungszeit hinweist. Die Fundschicht wurde einwandfrei mit chemischen und geologischen Methoden auf 1,1 bis 1,2 Millionen Jahre datiert.  Neben den Fossilien fanden die Wissenschaftler auch Steinwerkzeuge aus Feuerstein, die für die Oldowan-Kultur typisch sind. Es sind archaische Steingeräte, die vor allem frühe Menschen wie „Homo erectus“ vor ein bis zwei Millionen Jahren in Afrika benutzten. „Homo antecessor“ hatte die Technik wohl auf Afrika mitgenommen, womit der das Fleisch von Beutetieren mithilfe dieser Werkzeuge abschabte, wie Kerben in fossilen Säugetierknochen am Fundort zeigen.

Dass der Kieferknochen von „Homo antecessor“ demjenigen derselben Art vor knapp 800 000 Jahren und demjenigen der „Homo ergaster“ der in Dmanisi in Georgien als bisher erster Mensch außerhalb von Afrika gefunden wurde ähnlich aussieht,  ist nach de Castro der Beweis, dass eine eigene europäische Art sich entwickelt hatte. Die „Homo georgicus“ von Dmanisi ist allerdings auf 1,7 Millionen Jahre datiert worden, aber er lebte auf der Schwelle zwischen Europa und Afrika, während der spanische Fund bei Burgos liegt, eine langjährige Ansiedlung bereits im Inneren des Kontinenten nachweist. Auch der „Homo heidelbergensis“ (500 000 Jahre) hätte sich in der gleichen Richtung als Abzweig vom afrikanischen „Homo erectus“ und später vom „Homo antecessor“ entwickelt. Für De Castro führt also eine gerade Linie von seinem uralten Landsmann bis zum Neandertal und vielleicht zum heutigen Europäer. Nach anderen Deutungen wäre aber der „Homo heidelbergensis“ ein Vertreter der in Afrika verbliebenen archaischen „Homo sapiens“, der deutlich nach dem „Homo antecessor“ nach Europa übersiedelt wäre, der Vertreter also eines anderen Zweigs.  

Diese These einer direkten Entwicklungslinie vom „Homo georgicus“ über den „Homo antecessor“ bis zum „Homo heidelbergensis“ wurde, wie das in der Wissenschaft üblich ist, von einem anderen Forscher, Günter Bräuer von der Universität Hamburg, in einem Artikel des Fachmagazins „Evolutionary Anthropology“ in Frage gestellt, weil die Fundstücke nach dessen Meinung noch zu bruchstückhaft sind. Auch Jean-Jacques Hublin, Anthroploge beim Max-Planck-Institut in Leipzig hat noch letzte Zweifel an den Datierungsmethoden. Er meint, dass die Vergleichsstücke in zu geringer Zahl sind, um sicherer Schlussfolgerungen zu ziehen. Sicher ist jedenfalls, dass der „Homo heidelbergensis“ sich vor 300 000 Jahren differenzierte und zum „Neandertaler“ wurde, der wirklich ein waschechter Europäer war und nur in Europa lebte. Die in Afrika zurückgebliebenen Vertreter unserer Art wurden vor 150 000 Jahren zum „Homo sapiens“ und begaben sich dann auf den Weg nach Europa über den Nahen Osten. Wie war dann der „Homo antecessor“ nach Spanien gekommen? Auf Flossen und Baumstämmen über Gibraltar? War damals die Meeresenge von Gibraltar kleiner als heute? 

Haben diese Menschen schon Kleider bzw. Felle getragen, um sich vorder Kälte zu schützen? „Der Mensch ist ein tropisches Tier, sagt Hublin, und seine Präsenz in Europa blieb lange südlich der Alpen begrenzt. Die Anpassung an die Kälte ist in der Menschheitsgeschichte neueren Datums“.  Bei Burgos ist das Klima doch schon recht kühl im Winter. Was die Afrikaner damals schon wie übrigens auch heute dazu angetrieben hat, sich auf den Weg „gen Norden“ zu machen, bleibt ein Rätsel.

Für die einen kam der Antrieb, Afrika zu verlassen, einfach von der dem Menschen ureigene Wanderlust, für die anderen von der Furcht vor den von der Tse-Tse-Fliege mit ihrer schrecklichen Krankheit verseuchten Gebieten und für die anderen von der durch starke Sonneneruptionen verursachten  allzu großen afrikanischen Hitze, die die Sehnsucht nach einem milderen Klima förderte. Aber vielleicht floh der Mensch einfach vor dem Menschen, der vielleicht so gerne Menschenfleisch aß bzw. fraß.

Und der „Homo ergaster“ war noch früher da…

Kaum hatte man den „Homo antecessor“ in Spanien auf 1,2 Millionen Jahre als Gast Europas datiert, wurde man unweit des Dorfes Lézignan-la-Cèbe in der Nähe des Flusses Herault in Mittelfrankreich wieder fündig. Dort hatte bereits vor 15 Jahren der Amateurarchäologe Jean Rouvière in einem früheren Steinbruch lauter Knochen von Tigern, Riesenhirschen, Nilpferden, Elefanten, Nashörnern gefunden. Im Nu hatte er zwei Kisten davon vollgestopft.  Dauerregen legte im Herbst 2008 unter einer Basaltschicht einfaches Steinwerkzeug aus Basalt- und Feuersteinkieseln frei, das die Wissenschaftsakademie auf ein Alter 1,570 Millionen Jahren mit Sicherheit geschätzt hat. Mit anderen Worten fast 3000 Jahrhunderte älter als die ältesten Menschenspuren Westeuropas, die in Pirro (Italien) und in Atapuerca (Spanien) entdeckt worden sind (hier oben). Die Hoffnung ist sehr stark, dass man an dieser Stelle unter den Lavaschichten des ehemaligen Vulkans Neffiés Überreste von Hominiden finden könnte.  Unter der Leitung des berühmten Professors Yves Coppens sollen die Ausgrabungen im Sommer 2010 anfangen, falls wie vereinbart die Zuschüsse folgen, und sich über 15 Jahre erstrecken. Man möchte gerne zumindest einen Zeitgenossen des „Homo Georgicus“ finden, der mit seinem 800 Gramm-Hirn ein Steinwerkzeug erfunden hatte, um Markknochen zu zerschlagen.

 

 ▪ Zähe alte Lügen, von Professoren-Genossen abgesegnet

Seit dem Brandt-Kniefall-Jubiläum 7.12. suchen Teile der SPD die Deutungshoheit über die deutsche Ostpolitik zurück zu gewinnen und verleumden wieder Helmut Kohl

Zwei Ereignisse haben im Dezember 2010 und über den Jahreswechsel hinaus dazu bei-getragen, alte und uralte Lügen aus der jüngeren deutschen Zeitgeschichte kräftig zu beleben. Im ersten Fall geht es um Willy Brandts Ostpolitik und besonders um seine Hal-tung zu Polen. Im zweiten Fall sorgte die von Joschka Fischer veranlasste Untersuchung der AA-Geschichte seit 1933 für Proteste, begleitet von Beweisen für unwissenschaftliches Arbeiten der Verfasser von "Das Amt" und erfolglosen Beschwerden gegen die Fischer-Crew.

Verfälschte und unwahre Geschichten über Brandts Polen-Politik...

◙ Brandt habe für die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze gesorgt und damit dem Frieden gedient. Der mit Recht renommierte ZDF-Moderator Klaus Clever irrte, Brandt habe die Grenze 1970 "endgültig anerkannt". Falsch. Am Tag nach der Ratifizierung der Ostver-träge im Bundestag (1972) wurde dort einmütig erklärt, eine völkerrechtlich wirksame Anerkennung der Ostgrenze habe nicht stattgefunden. Folglich und logisch wurde nach dem Fall der Mauer 1989 rasch von BK Kohl verlangt, diese Grenze "endlich" anzuerkennen.
◙ Brandt habe anlässlich seines Polen-Besuchs im Dezember 1985 Lech Walesa sehen wollen, dies habe aber nicht geklappt. Mir sagte Walesa, weder er noch die Führung der Solidarność hätten Brandt sehen wollen, wenn er nicht zuvor das Wirken der Volksbe-wegung voll anerkenne.

Die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) hat ein Buch ('Versöhnung und Politik') herausgebracht, in wel-chem der Brandt-Besuch von 1985 in mehrfacher Hinsicht grob falsch und lückenhaft dargestellt wird. Wahr ist, dass sich die Solidarność nach dem Be-such von der SPD ganz distanzierte und Versöh-nungsversuche aus Bonn stecken blieben.
◙ Parallel zu plump geschönten TV-Medienbeiträgen über Brandts Ostpolitik wurden seit Anfang Dezem-ber 2010 die bekannten Lügen über Helmut Kohl wiederholt: 1. er habe die Anerkennung der Ostgren-ze 1989 und auch später nicht gewollt oder "immer wieder gezögert". 2. die Westmächte hätten Kohl drängen müssen. Wahr ist 1., dass Kohl seit 1983 dreimal vom polnischen Auslandsnachrichtendienst als Politiker zitiert wurde, der sowohl CDU-intern wie in Gesprächen mit westlichen Politikern sagte, die Ostgrenze "bleibt da wo sie ist, wenn Deutschland seine Einheit wieder erreicht hat". 2. dass der Kohl-Berater Horst Teltschik Premier Mazowiecki im Namen von Kohl rechtzeitig versicherte, mit der Grenze werde es keinerlei Probleme geben, "wenn erst die polnische und die deutsche Volksvertretung zugestimmt haben". Und das ging nicht so rasch. - Alois Mertes informierte mich damals: "Der Kohl muss sonst fürchten, dass einer der rechten Scharfmacher nach Karlsruhe läuft und eine einstweilige Anordnung gegen die Grenzanerkennung erreicht."

Weil Mazowiecki leider Teltschik misstraute, sprach der Premier 1990 die Grenzfrage diskret im Elysée an. Kohl regierte, sofort aus Paris informiert, sauer. Bis heute fehlt leider eine sehr wünschenswerte Aussöhnung Kohl-Mazowiecki. Dies bedauern in der EVP nicht wenige Parteiführer, z.B. in Wien und Brüssel.

Zurück zur alten linken Ostpolitik?

Wir erleben auch den wegen der realen Medien-Situation leider Erfolg verheißenden Ver-such, die Deutungshoheit über die gescheiterte linke Ostpolitik, für die schwache SPD zurück zu gewinnen und dabei auch noch Helmut Kohl kräftig zu verleumden. // Horst Teltschik schrieb kürzlich Freunden, er sei wieder zu Vorträgen unterwegs, weil sich Helmut Kohl aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr wehren könne. Eine Unzahl von Zeitzeugen, die ich noch kannte - von Krone über Barzel bis Wehner - lebt nicht mehr. Fälscher haben heute zunehmend freies Schussfeld, weil ihnen selten von Zeugen widersprochen wird.
Ein schönes Beispiel: Im Buch der Ebert-Stiftung (FES) heißt es, Brandt hat 1985 in Warschau in der Deutschen Botschaft mit dem 'Vorsitzenden' des Warschauer 'Klubs der Katholischen Intelligenz' KIK) Andrzej Swięcicki, gesprochen, 'also' mit der Opposition. Wahr ist, dass der KIK diesen Mann längst abgelöst hatte, weil er sich dem Diktator General Jaruzelski als Berater zur Verfügung stellte.
Wahr ist ferner, dass 1985 die noch illegale Führung der Solidarność ein Zusammentreffen mit Brandt ablehnte. Auch Mazowiecki wollte deshalb nicht. Er ging nur deshalb zu Brandt in die Botschaft, um den Standpunkt der echten Opposition zu vertreten. Am Abend des glei-chen Tages gaben die polnischen Kommunisten im Schloss Jablonna einen Empfang für Brandt und Genossen. Dabei blieben alle Bischöfe ostentativ weg. Nur zwei Kleriker mussten anwesend sein, weil sie an einer Staatsuniversität lehrten. Die SPD hat sie jedoch als Kirchenvertreter bezeichnet. Einer, Prof. Juros, wehrte sich dagegen mit Leserbriefen.
Die Schilderung im Buch der FES enthält weitere Verfälschungen, auf die ich aus Platzgründen noch nicht eingehen will.
Ich war 1985 zum Brandt-Besuch in Warschau, verbrachte auch viele Stunden bei Mazowiecki, war bei dem erwähnten Jablonna-Empfang und informierte mich nach der Brandt-Abreise bei mehreren bekannten Oppositionspolitikern.

                                                                                                                                                       Jürgen Wahl

 

▪ Deutsch-Französischer Tag in Fellbach

Französisch-Unterricht in Baden-Württemberg wird weiter ausgebaut 

Rede von Ministerpräsident Mappus auf dem deutsch-französischen Tag in Fellbach –   Französisch ist der Weg zum Erfolg“ - Rund 350.000 Schüler in Baden-Württemberg lernen Französisch – Neue Projekte im Schüleraustausch auf Berufsschulebene geplant

Am 24.1. wurde, wie letztes Jahr, der Deutsch-Französische Tag gefeiert. In Fellbach bei Stuttgart trafen sich ca. 100 Französisch-Lehrer an deutschen Gymnasien und Volkshochschulen aus nah und fern. Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus, seit 1.1.2011 Bundesbevollmächtigter für deutsch-französische Kulturbeziehungen, möchte mehr Begeisterung für die deutsch-französische Sache wecken, wie er in seiner Rede im Großen Saal des Fellbacher Rathauses betonte.

Erinnert wird mit dem deutsch-französischen Tag an die Unterzeichnung des sog. Elysée-Vertrages am 22.1.1963 durch Staatspräsident de Gaulle und Bundeskanzler Adenauer. Die beiden Staatsmänner gaben damit den Startschuss für die deutsch-französische Freundschaft, die sich seitdem zu einem wichtigen Pfeiler des europäischen Einigungswerks entwickelte. Ein Bevollmächtigter im Range eines Staatsministers wird in beiden Ländern ernannt, der spezielle Programme der früher deutsch-französische Annäherung genannten Freundschaft zwischen beiden Völkern anregt und begleitet. Seither haben sich eine Reihe zweisprachiger sowie bipartiter Strukturen gebildet, die aus einem anfänglich schüchternen Nebeneinander ein unbeschwerteres Miteinander und später sinnbildlich und sichtbar sogar ein deutsch-französisches Paar (le couple franco-allemand) bescherten. Partnerschaften zwischen deutschen und französischen Gemeinden, vor 50 Jahren als nationale Grenzüberschreitung angeregt, sind heute fast zur Regel geworden.

Weiterführung und Vertiefung der deutsch-französischen Verbindungen

Auf dem 12. deutsch-französischen Ministerrat letztes Jahr wurde eine Reihe neuer Initiativen und Zielsetzungen für beide Länder verabschiedet. Die deutsch-französische Zusammenarbeit soll weiter vertieft werden durch eine Vielzahl konkreter Projekte, die Deutschland und Frankreich als Motor der europäischen Einigung stärken. Gemeinsame deutsch-französische Standpunkte sollen erarbeitet werden für die notwendigen Finanzmarkt-Regulierungen im Rahmen der G8- und G20-Treffen, für die Staatspräsident Nicolas Sarkozy den temporären Vorsitz im ersten Halbjahr 2011 führt. Ein neues Verfahren zur Messung des Wohlstands eines Landes wurde entwickelt und soll demnächst in beiden Ländern eingeführt werden. Ebenso soll die Kooperation deutscher und französischer Unternehmen in der sog. Evian-Gruppe gefördert werden. Im Bereich Energie und Klima wird ein gemeinsamer Klimasatellit gebaut und ins All geschickt werden, ein bilaterales Büro für erneuerbare Energien wird errichtet, Pilotprojekte im Bereich Solar- und Windenergie in beiden Ländern werden gefördert. Ebenso werden gemeinsame technologische Verfahren zur CO2-Abscheidung und –Speicherung angeschoben. Im Bereich Bildung sollen der Schüleraustausch weiter intensiviert und 200 deutsch-französische Kindergärten geschaffen werden, die meisten entlang des Oberrheins. Dort wurde auch eine erste enge Partnerschaft mit der Schweiz in der „Trinationalen Metropolregion Oberrhein“ am 9.12.2010 geschaffen. Schließlich sollen die rechtlichen und verwaltungstechnischen Hindernisse für einen zwanglosen Verkehr der Bürger beider Länder über die Landesgrenzen hinweg beseitigt werden. Auf diplomatischer Ebene ist keineswegs Schluss: Gemeinsame Botschaften und Kulturzentren im Ausland sind bis 2020 geplant, ebenso eine gemeinsame Ausbildung für Nachwuchs-Diplomaten.    

Was Baden-Württemberg leistet

Auf den neuen Kulturbevollmächtigten Stefan Mappus kommt eine Menge Arbeit zu, da bei seinem Vorgänger, dem Berliner Regierenden Bürgermeister Wowereit (SPD), die Dynamik in den deutsch-französischen Beziehungen weitgehend verloren ging. In seiner Fellbacher Rede dankte Mappus neben den deutsch-französischen Lehrkräften allen, die durch ihre Arbeit und Begegnungen die deutsch-französische Freundschaft bestätigen und bewahren. Er möchte noch mehr Menschen und mehr Bundesländer begeistern für die deutsch-französische Partnerschaft. Fast die Hälfte aller Gemeinden haben inzwischen eine französische Partnergemeinde. In puncto Francophonie steht Baden-Württemberg auf dem 2. Platz unmittelbar hinter dem Saarland. Aus ihren bescheidenen politischen Anfängen ist die Deutsch-Französische Freundschaft längst herausgewachsen, bilanzierte Mappus: Gegenwärtig bieten ca. 90 Gymnasien in Deutschland, davon 16 in Baden-Württemberg, den zweisprachigen Unterricht an, der zum Abi-Bac führt. Das anschließende Studium in Deutschland oder Frankreich eröffnet den Zugang zu Ämtern und Stellen in der EU-Verwaltung sowie zu Deutsch-Französischen Institutionen. Gegenwärtig lernen hierzulande ca. 350.000 Schüler (=30 %) Französisch, fast soviel wie im Saarland. In Esslingen bildet eine deutsch-französische Akademie Französisch-Lehrer in Deutschland sowie Deutschlehrer in Frankreich fort. An inzwischen 12 Standorten in Baden-Württemberg ist die Deutsch-Französische Hochschule, die insgesamt 130 Studiengänge anbietet und ihren Verwaltungssitz im Saarland hat, präsent. Ebenso gibt es in den Spitzentechnologien vermehrt deutsch-französische Kooperationen. Kürzlich kam die TU Karlsruhe hinzu, die mit der Uni Grenoble bei den innovativen Energien kooperiert.

Der neue Kultur-Bevollmächtigte Mappus möchte auch ein Austauschprogramm für Berufsschulen auf die Beine stellen. Dazu bereitet man eine geeignete Basis vor. Der Stuttgarter Klett-Verlag wird einen dritten Band Geschichte für deutsch-französische Gymnasien (von der Antike bis zum Wiener Kongress von 1815) in Kooperation mit dem Verlag Nathan, Paris, herausbringen. Auch ein in beiden Ländern im nicht-gymnasialen Unterricht verwendbares Lehrbuch „Europa“ soll auf dem Markt kommen. Die Vorbereitungen hierfür sind bereits angelaufen. Die deutsch-französische Freundschaft sei keineswegs Selbstzweck, resümierte Mappus, die Baden-Württemberger schauen als erste über den Rhein, wenn Probleme auf auftauchen und Lösungen gefragt sind, sagte er und verwies auf die weltmännische, weltgewandte Art der Franzosen, die erfolgreicher sei. Doch ein ähnlich erfolgreiches Tandem wie das deutsch-französische sei in Europa nicht zu finden. Mit dem Motto des deutsch-französischen Tags „Französisch ist der Weg zum Erfolg“ beschloss der Ministerpräsident seine Ausführungen, die vom Publikum mit viel Applaus aufgenommen wurden.    

Stuttgart21 oder die „Tübinger Fehde“

Die politischen Querelen um Stuttgart21 hat Mappus unbeschadet überstanden. Das Ende November 2010 abgeschlossene Schichtungsverfahren ergab, dass eine Stiftung für die freiwerdenden Flächen mit den stillgelegten Bahngleisen geschaffen wird, die ökologisches Bauen für junge Familien sicherstellt. Die Stadt Stuttgart überträgt die ihr gehörenden Grundstücke in die Stiftung. Doch Kritik ist angebracht: Überall in der EU wäre ein Bahnhofs-Neubau begrüßt, in Afrika sogar beklatscht worden, denn wie oft erhält man schon viel Geld für einen neuen Bahnhof? Doch von Anfang an waren den Grünen die Kosten für die Allgemeinheit zu hoch, obwohl sie selbst früher Investitionen in den ÖPNV (Öffentlicher Personen-Nahverkehr) ebenso radikal begünstigten, wie sie danach die Solarenergie förderten. Jetzt inspirierten und förderten sie den faktischen Kampf und die Verweigerungshaltung der Stuttgart21-Gegner, was zeigt, auf welch abgehobenen Positionen sich Baden-Württembergs Grüne inzwischen tummeln. Interessanterweise war der OB von Tübingen Boris Palmer der maßgebliche Vertreter der Stuttgart21-Gegner bei den Schlichtungsverhandlungen. Der „Ober-Grüne“ aus Tübingen, das von Stuttgart21 nicht tangiert wird, schickte noch unbeschriebene Fußtruppen vor – Schüler und Schülerinnen, die sich an alten Schlosspark-Bäumen festhielten, die gefällt werden sollten und dabei tobten und schrien, als werde ihnen der Garaus gemacht. War je in Deutschland die Bevormundung der Massen durch eine solch disparate, kampfesmutige, politische Truppe größer? Erinnerungen an die berühmte mittelalterliche „Tübinger Fehde“, die zuletzt Kaiser Barbarossa schlichten musste? Dieser wochenlange Tag-und-Nacht-Kampf mit der Polizei im Stuttgarter Schlosspark und auf den Strassen um den Hauptbahnhof zeigte, mit wie wenig zimperlichen Mitteln die Grünen ihre vorgeblich nur ökologischen Ziele zum Nachteil einer Mehrheit von Bürgern im In- und Ausland verfolgen. In Frankreich könnte man sich ein solches Gezerre um einen Bahnhofs-Neubau, in dessen Planungen seit Jahren die Öffentlichkeit eingebunden wurde, nicht vorstellen. Für Ministerpräsident Mappus stehen die Chancen bei den Landtagswahlen nicht schlecht, denn die Unionsparteien befinden sich laut Meinungsumfragen dank Kanzlerin Merkel im Aufwind bei 37 % der Wählerstimmen.

                                                                                                                                         Richard E. Schneider

 



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