INHALT

Fluglotsen: nur in Frankreich wird gegen die Neustrukturierung des europäischen Himmels gestreikt  
Frankreich - Europa - Deutschland. Wohin gehen wir?  
Straβburg: Das demokratische Gesischt Europas  
Auf dem Weg zu einer europäischen Haushaltsföderation  
60 Jahre nach Robert Schumans Signal: Demontage des Erreichten  
Die Kanzlerin in Aachen: Europa gröβte Krise bewältigen!  
Frankreich ist Frankreich ist Europa: Französische Europa-Politik zwischen Pragmatismus und Tradition  
Wir wollen unsere Zeit behalten  
Was wird in den Niederlanden passieren?  
Elsässischer Eigensinn  
Europäische Wirtschaftsregierung  
Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung für eine europäische Wirtschaftsregierung  
CEP-Studie: Warum ein Bail-out Griechenlands unzulässig ist  
Gabriela Habsburg, Botschafterin Georgiens  
Paneuropa-Tag gegen Dämonen des Nationalismus  
Ein europäisches Kulturwerk  
Altes, uraltes Europa!  
Paläontologie - Den "Europäer" gibt es schon sein 1,2 Millionen Jahren  
Mythen der Menschheit  

 

 

● Fluglotsen: nur in Frankreich wird gegen die Neustrukturierung des europäischen Himmels gestreikt.

Die Neugestaltung des europäischen Himmels hat unter den französischen Fluglotsengewerkschaften einen Streit ausgelöst. Ab 2012 sollen innerhalb der Europäischen Union  9 "Funktionsblöcke" die 27 bisherigen Nationalgebiete der Flugaufsicht ablösen. Mit Deutschland, der Schweiz, Belgien, den Niederlanden und Luxemburg soll Frankreich Mitglied des FABEC (Fonctional Airspace Block Europe Central), des größten Abschnitts mit 55 Prozent des Flugbetriebs in der EU, werden.

Diese Umgestaltung wird durch die vorgesehene Verstärkung der Luftfahrt notwendig gemacht. Eine Steigerung der Flüge von 50 Prozent ist bis 2025 vorgesehen. Der Fabec wird direktere, kürzere und übersichtlichere Routen ermöglichen. Der französische Staatssekretär für Verkehrswesen Dominique Bussereau hatte vorgeschlagen, dass der Fabec zur Vereinfachung  wie die anderen Blöcke übernational statt intergouvernemental verwaltet wird. Ein ehemaliger Europa-Abgeordneter der sozialistischen Opposition, Gilles Savary, sollte bis Ende Juli eine Analyse dieser Übertragung der Nationalbehörden in eine europäische Gesamtgesellschaft fertigstellen.

Damit würden die Fluglotsen zu Europabeamten. Was Lohn und Arbeitsbedingungen angeht, wäre es für sie vorteilhaft, unterstrich die Mehrheitsgewerkschaft SNCTA (55 Prozent der Stimmen bei den letzten Berufswahlen) der französischen Fluglotsen, die mit dem Projekt einverstanden ist. Aber die anderen, zum Teil marxistisch orientierten Gewerkschaften, CGT-CGC-FO-UNSA haben zum dritten Mal im Juli dagegen gestreikt. Viele Flüge waren mitten in der Ferienzeit ausgefallen. Diese linken Gewerkschaften hatten bereits im Januar und Februar 2010 gestreikt. Neue Streiks wurden für September geplant.

Die Streikführer behaupten, das neue System wird zu Entlassungen führen. Merkwürdig ist nur, dass außer in Frankreich   in keinem anderen der 27 Mitgliedsstaaten der EU Fluglotsen gegen das Projekt gestreikt haben. Bei den französischen Streiks handelt es sich fast ständig um Berufskategorien, die Privilegien verteidigen. Die Monatsgehälter der französischen Fluglotsen schwanken zwischen 5 000 und 7 000 Euro und sie müssen nur 167 Tage im Jahr arbeiten. (JPP)

 

 

● Frankreich – Europa – Deutschland. Wohin gehen wir?

Wie es die Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Regierungserklärung vom 5. Mai ausdrückte, glaube auch ich, dass Europa am Scheideweg steht. Innerhalb von 60 Jahren haben wir ein integriertes Europa geschaffen. Dies hat uns erlaubt, unsere Länder wieder aufzubauen, den Kontinent im Frieden zu festigen sowie Deutschland und auch Europa endlich vereint zu sehen. Das ist ein großer Erfolg, eine Art Wunder.

Dieses Wunder ist auch wirtschaftlich: Die Europäische Union ist in der Welt die Zone mit der größten Erwirtschaftung von Reichtum. Die EU ist der wichtigste Investor und der wichtigste Exporteur der Welt. Keiner dieser Erfolge könnte heutzutage von einem einzigen Mitgliedstaat erreicht werden. Wir verdanken sie Europa und besonders Deutschland und Frankreich, die seit 1950 und insbesondere seit der Schuman-Erklärung die europäische Integration vorangetrieben haben.

Heute wird Europa von der Welt herausgefordert. Dies stellen wir unter anderem bei der Krise des Euro fest. Wir stellen es auch bei dem schwachen Wirtschaftswachstum, den steigenden Schulden und Haushaltsdefiziten fest. Die restliche Welt entwickelt sich hingegen mit einer Wachstumsrate von fast 5% pro Jahr.

Wir waren lange mit anderen Dingen beschäftigt: Mit der Öffnung unserer Innengrenzen, mit der Schaffung eines großen Marktes, und mit der Verteidigung unserer einzigartigen Lebensqualität. Wir haben nicht gemerkt, dass nun die ganze Welt erwacht und uns interpelliert.

Ich wage zu sagen, dass sich in den nächsten Jahren die Rolle Europas und somit die Rolle jedes unserer Länder in einer neuen Welt abspielt. Und meiner Meinung nach erreichen wir am meisten, wenn wir – die Europäer – geschlossen auf der Weltbühne auftreten.

Bisher ist dies jedoch noch nicht der Fall. Was stellen wir fest? Wir hatten drei Monate lang gewartet, bevor wir Griechenland halfen. Es gab nämlich Abstimmungsschwierigkeiten zwischen Deutschland und Frankreich. Deutschland wollte Griechenlands mangelhafte Finanzverwaltung nicht unterstützen. Es konnte sich aber auch nicht erlauben, dass Griechenland Bankrott geht. Diesbezüglich schlug ein deutscher Politiker sogar vor, Griechenland könne ja ein paar Inseln verkaufen… Diese drei Monate haben uns 110 Milliarden Euro gekostet. Gemeinsame europäische Erklärungen hätten im Februar die Spekulanten stoppen können.

Europa muss aufwachen:
- Es muss in der Welt im Verhältnis zu seinem wirtschaftlichen Reichtum Gewicht haben
- Es muss seine eigenen Interessen definieren.
- Europa braucht eine gemeinsame Politik im Bereich der Wirtschaft, im Rechtsbereich, bei der Staatsbürgerschaft und bei den Personenrechten.

Die Europäische Union ist immer komplexer und diplomatischer geworden, sie wurde jedoch auch immer weniger attraktiv und vielleicht weniger wirkungsvoll.
- Zu der Komplexität: Für all diejenigen unter Ihnen, die ein gutes Schlafmittel suchen, empfehle ich das Lesen des Vertrags von Lissabon.
- Denjenigen, die nicht diesen Mut besitzen, sage ich, dass sie die Nachrichten anschauen sollen. Mit diesem Vertrag weiß man nämlich nicht mehr, wer die Angelegenheiten Europas steuert.

Wie kann man Europa aufwachen? Wie gewöhnlich kommt die Verantwortung Deutschland und Frankreich zu. Unsere beiden Länder besitzen 40% des Reichtums der Eurozone und 30% des Reichtums der 27 EU-Mitgliedstaaten. Wenn wir beide uns verständigen und dann mit einer Stimme sprechen, kommen Entscheidungen zustande, die von den anderen Ländern unterstützt werden.

Den deutsch-französischen Beziehungen geht es nicht gut. Über abgestimmte Reden hinaus muss man die Wahrheit sagen.

Nicolas Sarkozy und Angela Merkel haben sich kennen gelernt und sie haben auch gelernt, zusammenzuarbeiten. Aber es ist nicht übertrieben zu sagen, dass die Temperamente des aufbrausenden französischen Präsidenten und der überlegten deutschen Kanzlerin etwas unterschiedlich sind!

In der Finanzkrise haben unsere führenden Politiker öffentlich ihre Meinungsverschiedenheiten ausgedrückt.

Was sollen wir also tun? Dazu möchte ich Ihnen drei Ansätze nennen:

1.) Die Veränderung des Verhaltens: Auf politischer Ebene heißt dies, die deutsch-französische Einheit auf allen Ebenen voll und ganz geltend zu machen, zu akzeptieren, dass man sich systematisch abspricht, bevor man etwas sagt oder entscheidet.

2.) Einen Willen zeigen, gemeinsam Probleme zu lösen.

3.) Gemeinsame konkrete deutsch-französische Projekte ausarbeiten, die die
Integration unserer beiden Länder weiterführen, und die für diejenigen offen
bleiben, die daran teilnehmen möchten.
Ich denke dabei unter anderem an deutsch-französische Projekte der Regierung und anderer Akteure im Bereich der Wirtschaft, und ich denke auch an spektakuläre Investitionen im jeweiligen anderen Land.

Lasst uns einen Schritt in Richtung einer Fusion unserer beiden Staaten machen und lasst uns unter anderem auch unsere nationalen Gesetzgebungen einander annähern. Vielleicht wird durch unsere Annäherung ein Mechanismus in Gang gesetzt, der eines Tages sogar dazu führen könnte, dass unsere Fußballmannschaften vereinigt werden.

Meine genannten Vorschläge sind vielleicht unrealistisch. Aber wenn ich die Vergangenheit unserer beiden Länder betrachte, denke ich, dass ich Recht habe. Deutschland und Frankreich müssen mit gutem Beispiel vorangehen, mit Mut und Opferbereitschaft. Wir müssen das Europa wieder aufrichten, das sich abmüht, sich zu integrieren.

Sie werden mir jetzt sagen, dass ich unsere führenden Politiker dazu auffordere, wahrhaft Helden zu sein, indem sie für die Integration Entscheidungen treffen, durch die sie Wahlen verlieren können. Ich bin aber überzeugt, dass ihnen unsere Völker - nach einem Moment des Erstaunens – zutiefst dankbar wären, wenn sie in diese Richtung handeln würden.

Darauf wette ich. Ich bin optimistisch. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, die Politiker in diese Richtung zu beeinflussen. Daran müssen wir uns beteiligen.

                                                                             Jean-Dominique Giuliani
, Leiter der Robert-Schuman-Stiftung Paris, sprach diese Worte vor einem politischen Frauenverein in Berlin am 17.06.2010

 

● Straβburg: Das demokratische Gesicht Europas

von Bernd Posselt, Mitglied des Europäischen Parlamentes, Außenpolitischer Sprecher der bayerischen CSU im Europäischen Parlament und Präsident der Paneuropa-Union Deutschland

Immer wieder ertönt es, das Lied vom "europäischen Wanderzirkus", der angeblich zwischen Brüssel und Straßburg hin und her irrt und dabei Unsummen verschlingt. Schuld sei, so verbreitet propagandistisch geschickt eine professionell organisierte Brüssel-Lobby, die Tatsache, daß Frankreich aus Prestigegründen auf Straßburg als "Zweitsitz" des Europäischen Parlamentes beharre.
Dabei ist die elsässische Metropole noch vor Luxemburg und Brüssel die älteste der drei Europa-Hauptstädte. Hier wurde 1949 der Europarat gegründet, hier schufen dessen Mitgliedstaaten 1953 die Europäische Menschenrechtskonvention und 1959 den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Das Europa der Sechs, aus dem später die EU entstand, siedelte hier 1952 seine Parlamentarische Versammlung an, die 1958 "Europaparlament" genannt wurde und seit 1979 alle fünf Jahre direkt gewählt wird. In diesen 58 Jahren wurden fast alle Plenarsitzungen in Straßburg abgehalten, hier fielen fast alle wichtigen politischen Entscheidungen, die die europäischen Volksvertreter zu treffen hatten. Hier fanden in den neunziger Jahren auch der Nukleus einer europäischen Streitkraft, das Eurokorps, und der deutsch-französische Fernsehsender ARTE eine Heimat.
Die jahrhundertelang von fast allen Kriegen betroffene und zwischen den angeblichen Erbfeinden Deutschland und Frankreich umstrittene Stadt wurde so nicht nur zum Symbol der Versöhnung, sondern auch zum parlamentarischen, demokratischen, politischen, kulturellen und menschenrechtlichen Gesicht Europas, während Brüssel eher mit Bürokratie und der Dominanz des Wirtschaftlichen assoziiert wird. Straßburg als Parlamentshauptstadt Europas hat also nichts mit dem Prestigedenken eines Mitgliedstaates zu tun, sondern ist das Resultat von mehr als einem halben Jahrhundert harter parlamentarischer Arbeit.
Von einem "Zweitsitz" kann demnach keinesfalls die Rede sein. Im Zusammenhang mit dem Amsterdamer Vertrag wurde von den Mitgliedstaaten die seit Gründung der Gemeinschaft immer wieder verschobene Entscheidung getroffen, daß Straßburg definitiv Sitz des Parlamentes ist, so wie der Europäische Gerichtshof und der Europäische Rechnungshof in Luxemburg, die Europäische Zentralbank in Frankfurt sowie Rat und Kommission in Brüssel sitzen. All das ist ein Paket und wurde durch den Lissabonner Vertrag mittels von Referenden und Parlamentsentscheidungen erneut bekräftigt.
Die Stellung Straßburgs als Sitz des Europaparlamentes wird allerdings dadurch beeinträchtigt, daß in den achtziger Jahren in einem faulen Kompromiß mit dem damaligen belgischen Premierminister Wilfried Martens, hinter dem belgische und internationale Investorengruppen standen, festgelegt wurde, daß in Brüssel nicht nur Ausschußsitzungen, sondern auch bis dahin nicht übliche Zusatz-Plenarsitzungen (sie gibt es heute in Gestalt von sechs zweitägigen Mini-Plenen im Jahr) abgehalten werden sollen. Während die regulären Plenarsitzungen in Straßburg jahrzehntelang sparsamerweise im Plenarsaal des Europarates stattfanden und erst angesichts der bevorstehenden Erweiterungen 1999 ein eigenes Plenargebäude an der Ill entstand, schufen Brüsseler Kreise unter dem Deckmantel "Kongreßzentrum" bereits Ende der achtziger/Anfang der neunziger Jahre einen eigenen Plenarsaal, um anschließend dessen Bau durch Erfindung des bis heute für die Parlamentsarbeit völlig unnötigen Mini-Plenums zu rechtfertigen. Die so geschaffenen Unklarheiten werden nun genutzt, um die Position Straßburgs zu untergraben.
Eine vor allem aus Briten, Euroskeptikern, niederländischen und deutschen Linksliberalen sowie Nordeuropäern bestehende Brüssel-Lobby unter den Abgeordneten und in der Verwaltung versucht seit Jahren systematisch, den Schwerpunkt der Parlamentsarbeit von Straßburg nach Brüssel zu verschieben, (vorläufig) ohne mit dem EU-Vertrag in Kollision zu kommen. Maßnahmen in diese Richtung waren die Abschaffung der Straßburger Freitagssitzungen und die seitdem stattfindende systematische Ausdünnung und Kürzung der Donnerstagnachmittage in Straßburg. Ziel ist, jeden Monat eine nur drei- bis viertägige Woche in Straßburg und drei jeweils drei- bis viertägige Wochen in Brüssel einzuführen, damit die Straßburger Plenarsitzung ihren nach außen hin dominanten Charakter und Straßburg als Parlamentssitz jede vernünftige Legitimation verliert.
Straßburg und Luxemburg werden außerdem - nicht zuletzt angesichts der durch die Erweiterung notwendigen Umbaumaßnahmen – auch baulich gegenüber Brüssel vernachlässigt, und es findet eine systematische Kampagne gegen das schöne, nach der großen französischen Paneuropäerin Louise Weiss benannte Straßburger Plenargebäude statt, das der französische Staat und die Stadt Straßburg zu günstigen Konditionen errichtet haben. Die deutsche Tageszeitung "Die Welt" schrieb 1999, als dieser Bau, ein Meisterwerk moderner Architektur, eingeweiht wurde, dieser sei zu Quadratmeterpreisen geschaffen worden, "die deutsche Behördenbauherren vor Neid erblassen ließen". Genau diejenigen, die die Straßburger Plenarsitzungen verkürzen, kritisieren, daß für nunmehr so wenige Tage ein eigenes Gebäude unterhalten werde. Kosten in Straßburg werden propagandistisch aufgebauscht, die viel größeren Kosten in Brüssel kaum erwähnt. In die Technik und in die Büroräume in Straßburg wird weniger investiert - die gleichen Kreise, die dies mit Sparsamkeitsargumenten durchsetzen, kritisieren später lautstark die technischen und baulichen Defizite des Straßburger Parlaments gegenüber dem Brüsseler.
Deshalb muß Frankreich endlich seine Zurückhaltung aufgeben, Straßburg und seine Infrastruktur mit voller Energie ausbauen und gegenüber anderen Mitgliedstaaten wie gegenüber der Verwaltung des Europaparlamentes deutlich machen, daß die Sitzfestlegung für Straßburg endgültig ist und daß Paris keine weitere Aushöhlung dessen hinnimmt. Dies wäre zum Vorteil aller Europäer: Durch eine Verstärkung der Präsenz des Parlamentes in Straßburg würde das heutige wirre System seiner Organisation durch ein politisch besseres und gleichzeitig wesentlich billigeres ersetzt. Statt die Straßburger Plenarsitzungen zu kürzen, die aufgrund der Verträge ohnehin stattfinden müssen, wäre es besser, die Brüsseler Mini-Plenarsitzungen komplett abzuschaffen, was das Parlament aus eigener Kraft, ohne Vertragsänderung und ohne Zustimmung der Regierungen, jederzeit tun könnte. Die monatliche Plenarwoche in Straßburg sollte fünftägig bis zur letzten Minute ausgenutzt und konzentriert in höchstens jeweils einer Fraktions- und einer Ausschußwoche pro Monat vorbereitet werden. So ließen sich nicht nur gewaltige Mittel sparen, die Abgeordneten gewönnen auch freie Wochen, in denen sie sich ganz um ihre Wahlkreise kümmern könnten.
Dies würde sich auch politisch dadurch bezahlt machen, daß Straßburg das eigenständige Gesicht des Europaparlamentes ist, mit eigenen Journalisten, die dort akkreditiert sind, und eigenständigen thematischen Akzenten, die vom Europaparlament selbst bestimmt werden. In Brüssel verschwindet das Parlament politisch und publizistisch hinter der Bürokratie, aber auch hinter der NATO und den Repräsentanten des belgischen Staates. Deutlich wird dies etwa bei den Besuchen von Staatsoberhäuptern, die in Straßburg ganz im Zeichen des Europaparlamentes stehen, das bei demselben Anlaß in Brüssel bestenfalls am Rande erwähnt wird.
Der Sitzungsdienst des Europaparlamentes sollte, sobald dort alle Plenarsitzungen stattfinden, ganz in Straßburg angesiedelt werden, die der Kontrolle, der Ausschußarbeit und der Zusammenarbeit mit anderen Institutionen gewidmeten Dienste in Brüssel. Luxemburg bliebe der inneren Verwaltung, der Buchführung und dem Übersetzungsdienst vorbehalten, Tätigkeiten, die große Konzerne mit Sitz in Europa unter Nutzung der modernsten Kommunikationstechnologien, die es kaum noch wesentlich erscheinen lassen, wer wann wo sitzt - heute zum Teil auch in asiatischen Außenstellen erledigen lassen.
Für Brüssel wird immer wieder angeführt, dort säßen nicht nur die Beamten von Rat und Kommission, sondern auch die meisten Lobbies. Abgesehen davon, daß eine gewisse Distanz zu diesen der Parlamentsarbeit gut tut, sollten die Volksvertreter mit ihren inzwischen erheblichen und in den letzten Jahren gewachsenen Kompetenzen selbstbewußt genug sein, um in aller Ruhe zu erwarten, daß aus diesen Kreisen zu ihnen kommt, wer etwas von ihnen will. Das Parlament braucht niemandem nachzulaufen außer dem Wähler, der in Straßburg durch einen hervorragend organisierten Besucherbetrieb, an dem sich auch die Stadt Straßburg mit großem Einsatz beteiligt, optimal betreut wird.
Zu den Märchen, die verbreitet werden, gehört übrigens auch, die Straßburger Parlamentsgebäude stünden zwischen den Plenarsitzungen leer. Dort werden jährlich in den sitzungsfreien Wochen mehr als 100 000 interessierte Bürger informiert und betreut - was sich noch wesentlich steigern ließe, wenn die Parlamentsverwaltung dort die Personaldecke aufstocken würde.
Wichtig ist Straßburg auch als eigenständige Corpoate Identity der Volksvertretung, Brüssel ist vielfach zum Synonym für Bürokratie geworden. Überschriften machen dies deutlich. So schrieb unlängst eine Nachrichtenagentur: "Auch das Europaparlament ist gegen Brüssels Pläne". Wenn eine Zeitung titelt: "Straßburg plädiert für Flüchtlingsquoten", dann meint es damit das Parlament, wenn eine andere mit der Schlagzeile erscheint: "Brüssel verlangt Energie-Regulierer", dann ist klar, daß es sich um die Kommission handelt. Straßburg steht für das Europa der Völker und damit für ein Parlament, das sich als Gegenpol zur Bürokratie versteht und diese scharf kontrolliert.
Selbstverständlich müssen die Ausschüsse, vor allem der Haushaltskontrollausschuß, ebenso wie der in Luxemburg ansässige Rechnungshof auch in Brüssel demokratische Kontrolle ausüben, weshalb auf eine gewisse Präsenz dort nicht verzichtet werden kann. Doch genauso wenig sollte das Europaparlament darauf verzichten, aus eigener Kraft eine politisch-parlamentarische Hauptstadt Europas zu errichten, die keine nationale Metropole ist. Dies war der Ehrgeiz der Gründerväter, zu dem die Volksvertreter von heute zurückkehren sollten, statt sich im Schatten von häßlichen Bürokratensilos anzusiedeln. Heute noch ist die Europäische Union so heterogen und vielgestaltig, dass sie als multinationales Gebilde mit fast einer halben Milliarde Einwohnern besser integriert werden kann, wenn die Institutionen nach einem sorgfältig austarierten Schlüssel auf gut miteinander vernetzte Sitze verteilt sind. Sollte mit fortschreitender politischer Einigung eine stärkere Zentralisierung vonnöten sein, so böte sich an, das fernab aller nationalen Hauptstädte gelegene deutsch-französisch geprägte Europaviertel zwischen Straßburg und Kehl - nach dem Vorbild von Washington D.C. - zum eigenständigen Europa-Distrikt als Sitz der europäischen Einrichtungen zu gestalten. Dazu müssen allerdings Gebäudesituation und Verkehrsverbindungen erheblich verbessert werden.
Aufhören sollte endlich auch das Gerede, man könnte Straßburg für den Sitz des Europäischen Parlamentes eine Kompensation geben. Was sollte das sein? Die Alternativen sind doch: Entweder die Rolle Straßburgs wird mit dem Parlament erweitert – dann siedeln sich dort auch andere Institutionen an; oder die Stadt verliert Schritt für Schritt ihre Rolle als Europa-Metropole ganz und sinkt auf die Stufe etwa von Parma als dem Sitz der Europäischen Lebensmittelagentur herab.
Die EU ist eine politische und eine Rechtsgemeinschaft, die ihre Wurzeln in Straßburg hat. Sie ist mehr als nur der Gemeinsame Markt von Brüssel, der sich zunehmend lediglich als Baustein der Globalisierung, als anglo-amerikanischer pied-à-terre in Kontinentaleuropa versteht. Manche meinen, die Stadt habe als Ausdruck der deutsch-französischen Aussöhnung mehr als sechs Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg und in einer erweiterten EU ihre Symbolkraft verloren. Doch abgesehen davon, dass auch das neue Europa der Zukunft ohne deutsch-französischen Gleichklang nicht funktionieren wird - die schreckliche Alternative wäre ein Europa der Koalitionen mit Berlin und Paris als den Mittelpunkten konkurrierender Staatengruppen -, ist Straßburg längst zum Symbol der Aussöhnung und Völkerverständigung an sich geworden. Wenn es möglich ist, die Gräben zwischen Völkern zuzuschütten, die tausend Jahre lang angebliche Erbfeinde waren, dann kann es solche Brückenschläge auch im Osten und im Südosten geben. Besonders schön hat dies die ehemalige österreichische Außenministerin Ursula Plassnik ausgedrückt: Die Herausforderung der Völkerverständigung, die die Gründerväter der Sechsergemeinschaft nach dem Zweiten Weltkrieg bewältigt hätten, sei für ihre Generation ebenfalls vorhanden - in der Friedensfunktion der EU in Südosteuropa. Auch hier spielt Straßburg eine aktuelle und nicht zu unterschätzende Rolle. Der Europarat war und ist das Tor für die Völker Ost-, Mittelost- und Südosteuropas in die europäischen Strukturen. Dabei ist Straßburg keinesfalls nur politische Durchgangsstation. Die Menschenrechtskonvention des Europarates und das demokratisch gewählte Parlament der EU werden auf Dauer die wichtigsten und eindrucksvollsten Herzstücke der europäischen Integration bleiben - und passen deshalb so gut nach Straßburg.
Die elsässische Metropole steht aber auch für den Dialog der Kulturen und Religionen. Der abendländische Katholizismus der Kathedrale verbindet sich mit dem gediegenen Protestantismus der Bürger- und Universitätskultur, dem aufgeklärten Denken des neuzeitlichen Frankreich, der Vitalität einer der bedeutendsten jüdischen Gemeinden Europas und der Vielfalt einer starken islamischen Gemeinschaft. Auch die orthodoxen Ostkirchen haben in Straßburg ihren Platz gefunden, sind sie doch beim Europarat, der auch Russland und den Südkaukasus umfasst, sehr präsent.
Straßburg ist mehr als eine Stadt, es ist ein geistiges Konzept, "une certaine idée de l'Europe". Das Straßburger Gebäude des Europaparlamentes, zwischen Grünanlagen und Wasserläufen gelegen, von denen man per Schiff direkt das Mittelmeer, den Atlantik und die Nordsee erreichen kann, hat deshalb auch die richtige Symbolik. Vom Pariser „Architecture Studio“ wurde es bewußt im Dialog mit der Kathedrale als Symbol der abendländischen paneuropäischen Geschichte und Kultur errichtet . Aus dieser Kathedrale stammt auch die Idee zur Europafahne: die zwölf gelben Sterne auf blauem Grund als Zeichen der Vollkommenheit.
Von dieser Vollkommenheit ist die Europäische Union noch weit entfernt. Doch das politische Europa von Straßburg ist auf dem richtigen Weg. Auch dies sieht man eindrucksvoll auf dem Platz vor dem Louise-Weiss-Gebäude: Die Fahnenstangen, die dort stehen, stammen aus der Danziger Lenin-Werft, von der die Solidarnosc-Bewegung ausging, die die kommunistische Tyrannei in Mittel- und Osteuropa beseitigte. Wenn sich dieser Geist der Freiheit mit dem der Gründerväter der heutigen EU verbindet, braucht Europa vor der Zukunft nicht bange sein.
Straßburg preiszugeben, wäre nicht nur eine grobe Ungerechtigkeit gegenüber dem für den für den Fortgang Europas unverzichtbaren Frankreich, nicht nur eine Erschütterung der europäischen Identität, die sich das einst umstrittene Grenzland Elsaß nach dem Zweiten Weltkrieg gegeben hat. Ein Wegzug des Parlamentes aus dieser ältesten Europametropole wäre vor allem ein Schritt zur geistigen Ausdünnung Europas, das gerade in dieser Zeit - die von der noch nicht verarbeiteten größten Erweiterung in der EU-Geschichte wie von einer schweren Orientierungskrise geprägt ist - dringend mehr und nicht weniger Seele und Identität benötigt.
Sitz- und Hauptstadtfragen sind weder Nebensache, noch dürfen sie nach rein quantitativen oder technischen Maßstäben, womöglich gar aus einer Laune heraus entschieden werden. Sie sind eminent politischer Natur und geben einem Gemeinwesen langfristig Identität und Orientierung. Pierre Pflimlin, der Inbegriff eines echten Europäers, drückte es so aus: "Es gibt keine Gemeinschaft, wenn es keine Stelle gibt, an der sich mehr als anderswo ein gemeinsamer Geist erkennen läßt ... Zerstören wir nicht die sinnbildlichen Plätze Europas, wo sich seine Seele stärker als anderenorts fühlen läßt!"

Ziele zur Stärkung des einzigen Sitzes des Europaparlamentes, Straßburg, als Haupt-Arbeitsort

Kurzfristige Ziele:

1. Verschiebung der Abfahrt des vom Parlament gecharterten TGV von Straßburg nach Brüssel am Donnerstag Nachmittag um einige Stunden, da es ein Skandal ist, daß dieser quasi mitten in der Arbeit der Abgeordneten abfährt.

2. Aufhebung der neuen Anweisung für die Fraktionsbeamten, schon am Donnerstag um 14.00 Uhr mit dem TGV nach Brüssel zu fahren.

3. Einrichtung von Unterschriftsregistern und Anreisemöglichkeiten in Straßburg für alle türkisen Wochen und sitzungsfreien Tage (z.B. alle Freitage, auch die der Brüssel-Wochen). Straßburg muß auf diesem Gebiet mindestens gleichberechtigt sein mit Brüssel.

4. Kurzes Faltblatt des Parlamentes - ansonsten der Fraktion - für alle Besucher in allen Sprachen über die rechtlichen, historischen, politischen und ideellen Grundlagen von Straßburg als einzigem Sitz des Europäischen Parlamentes.

5. Offizielle Stellungnahme des Parlamentspräsidiums - ansonsten der Fraktion - in allen Sprachen gegen die vielen falschen Behauuptungen und Zahlen, die gegen Straßburg in Umlauf sind. Dies wäre keine einseitige Stellungnahme, sondern die Pflicht des Parlamentes, die soeben mit Lissabon neu ratifizierte Vertragsbestimmung endlich offensiv zu verteidigen.

6. Personelle Verstärkung des Besucherdienstes in Straßburg für die Zeit zwischen den Plenarwochen, um die Auslastung der Gebäude zu erhöhen, und Öffnung aller Säle für die Besucher.

7. Einrichtung einer kleinen, aus deutsch-, französisch- und englischsprachigen Beamten bestehenden permanenten Antenne der Fraktion hier in Straßburg, die systematisch die Kontakte zur Straßburger Öffentlichkeit sowie zu den europäischen Institutionen in Straßburg (Europarat, Menschenrechtsgerichtshof, Eurokorps etc.) hält und sich auch um Besucher kümmert. (Müssen politisch kompetent sein, keine freien Mitarbeiter!)

8. Einrichtung von richtig besetzten Arbeitsgruppen in der Fraktion und eventuell auch im Parlament mit dem Ziel, Vorschläge zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in Straßburg zu sammeln (gerade bei den Straßburg-Kritikern).

9. Es sollte in Brüssel neben den Mini-Plenen keine zusätzlichen Plenarsitzungen geben. Solange es das Mini-Plenum gibt, könnte man einfach von der Geschäftsordnungsbestimmung Gebrauch machen, das Mini-Plenum vom ursprünglich geplanten auf den Tag zu verschieben, an dem ein Sonderplenum gewünscht wird. Also: Mini-Plenen nicht vermehren, sondern nötigenfalls verschieben, was die Konferenz der Präsidenten jederzeit tun kann.

10. Sehr deutliche Stellungnahme der Französischen Regierung und vielleicht auch des Rates, daß Straßburg als einziger Parlamentssitz und Haupt-Arbeitsort weder jetzt noch in Zukunft zur Disposition steht und daß es dafür auch keine Kompensation geben kann.

11. Kehl und der ganze Eurodistrikt müssen stärker mit Parlament und Fraktion vernetzt werden (regelmäßige Treffen, Ernennung von Kontaktbeauftragten), und es sollten auch EU-Agenturen oder Parlamentsdienststellen (Ombudsman?) in Kehl sitzen, um die deutsche Seite besser einzubinden (auch die Regierung von Baden-Württemberg).

12. Klarstellung, daß das Bürgerbegehren des Lissabonner Vertrages für Gesetzesvorschläge im Rahmen der Kommissionskompetenzen genutzt werden darf, aber nicht für Vertragsänderungen und Aktivitäten außerhalb der Vertragskompetenz, also auch nicht für die Sitzfrage.

Mittelfristige Ziele:

1. Einrichtung eines Gemischten Parlamentarischen Ausschusses zwischen EP und Parlamentarischer Versammlung des Europarates.

2. Programme für hochrangige Besuchergruppen, die gemeinsam von Eurokorps, Europaparlament, Europarat und Menschenrechtsgerichtshof sowie vielleicht auch der ENA in Straßburg zwischen den Plenarsitzungen durchgeführt werden.

3. Entwicklung eines Konzepts, um eine massive Verbesserung und Ergänzung der Bausubstanz in Straßburg zu erreichen, da ja offiziell Gleichberechtigung mit Brüssel bestehen muß.

4. Konzentrierung der Ausschuß- und Fraktionsarbeit auf ein bis höchstens zwei Vorbereitungswochen in Brüssel und Durchführung einer fünftägigen Sitzungswoche in Straßburg pro Monat, damit mehr Wochen für die dringend notwendige Betreuung des Wahlkreises bleiben. Diese Wochen sollten dann auch frei von Delegationsreisen bleiben!

5. Abschaffung aller Mini-Plenarsitzungen - es sei denn, es gibt kurzfristig einen extremen Ausnahmefall. Dies ist der eigentliche Sinn der entsprechenden Vertragsbestimmung.

6. Beseitigung der Duschen aus den Straßburger Abgeordnetenbüros und Einrichtung von kleinen Besprechungszimmern und zusätzlichen Gang-Toiletten im Tour

7. Einrichtung von Toiletten vor dem Besuchereingang für Leute, die von weit her kommen

Langfristige Ziele:

1. Bebauung des Messegeländes am Wacken mit Büros für die Beamten, Aufstockung der Abgeordnetenbüros auf zwei Räume pro Abgeordneten mit Platz für die Assistenten, Bau eines Not-Plenarsaales, der entweder in zwei große Fraktionssäle geteilt oder auch als Kongressaal genutzt werden kann, Errichtung weiterer Fraktions-, Ausschuß- und Besuchersäle mit Dolmetscherkabinen für alle auch künftigen Sprachen und mit modernster Technik.

2. Vertragsänderung, daß alle Plenarsitzungen, auch zusätzliche, in Straßburg stattfinden, Ausschußsitzungen hingegen an allen drei Arbeitsorten durchgeführt werden dürfen.

3. Verlagerung der für das Plenum und für die Öffentlichkeitsarbeit zuständigen Dienste nach Straßburg.

4. Weiterer Ausbau des Schnellbahnnetzes, auch mit Anbindung an den Flughafen Frankfurt und auf der Strecke Brüssel-Luxemburg-Straßburg-Basel-Mailand, die zur Hauptachse Europas werden sollte. .

 

 

● Auf dem Weg zu einer europäischen Haushaltsföderation
 
J
ean-Claude Trichet hat als Erster das Wort verwendet. Der Internationale Währungsfonds verlangt einen europäischen Haushaltsverband, indem er die Eurostaaten dazu auffordert, den Aufbau der Europäischen Währungsunion zum Abschluss zu bringen.
Nun sind es die Finanzmärkte, die ihn fordern. Am 17. Juni 2010 haben sich die Staats- und Regierungschefs zwangsläufig dafür entschieden. Wir wussten von Anfang an, dass die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion nur auf einem Bein stand und viele haben seit der Schaffung der Einheitswährung ihre Stimme erhoben, um eine echte gemeinsame Wirtschaftsregierung zu fordern.
Dank dem Stabilitäts- und Wachstumspakt - selbst wenn er nicht eingehalten wurde – konnten sich die Staaten hinter dem Schutzschild des Euros verschanzen, um ihre Defizite und Schulden ansteigen lassen. Die Regierungen haben das Spiel der Konvergenz nicht gespielt. Aus ihren Unterschieden, die im Weltmaßstab nur Nuancen sind, haben sie künstliche Meinungsverschiedenheiten geschaffen. Sie haben vergessen, dass im 21. Jahrhundert die relevante Dimension der Kontinent ist und dass Europa in der Globalisierung eine Einheit darstellt.
Die Stunde der Wahrheit hat auf brutale Art und Weise geschlagen. Jetzt müssen wir lernen, unsere nationalen Budgets in Abstimmung mit unseren Partnern im Rahmen des europäischen Binnenmarktes auszuarbeiten. Das ist das Mindeste. Es wird auch wichtig sein, die Union mit einem wirklichen Haushalt auszustatten, der allein dazu in der Lage ist, der Solidarität zwischen den Mitgliedstaaten Gewicht zu verleihen. Dies ist notwendig, und der Stabilisierungsfonds von 750 Milliarden Euro besitzt schon die Umrisse eines Europäischen Währungsfonds (EWF).
In Erwartung der Verwirklichung einer echten gemeinschaftlichen Wirtschaftspolitik müssen koordinierte Anstrengungen unternommen werden, um die Schulden und Haushaltsdefizite zu reduzieren.
Leider schreitet die europäische Integration jetzt nur noch durch strikte Einsparungsmaßnahmen auf dem Weg zu einer wirklichen Haushaltsföderation voran, weil wir diesen Schritt nicht machen wollten, als die Lage günstiger war.
Es gibt keinen triftigen Grund, hier für die Sache der nationalen Souveränität einzutreten. Die Vorschläge der Kommission, die von den Finanzministern bewilligt wurden und bald von den Staats- und Regierungschefs bestätigt werden, respektieren peinlich genau die Rechte der nationalen Parlamente und die Verfassungen der Mitgliedstaaten. Welche Souveränität würde sonst denjenigen übrig bleiben, die ihre Haushaltskompetenzen an den Internationalen Währungsfond (IWF) abtreten? Die Europäische Union macht also notgedrungen einen wesentlichen Integrationsschritt.
Lasst uns hoffen, dass die EU dadurch angeregt wird, in Sachen politische Integration von sich aus weiter zu gehen, bevor ihr dies wieder durch die Verhältnisse auferlegt wird. Denn wir haben nun nicht mehr die Wahl.


                                                                                    Jean-Dominique Giuliani Präsident der Robert-Schuman-Stiftung www.jd-giuliani.eu

 

 

● 60 Jahre nach Robert Schumans Signal:  Demontage des Erreichten

Griechenland beweist: Zu wenig Europa und zu viele Souveränitätsneurosen

Nachts um halb eins wagte "es" am 26.4. in PHOENIX Hans Eichel, SPD-Exminister, im Gespräch mit Hermann Otto Solms (FDP) über das Griechen-Elend: EU-Europa sei mit dem 3-Prozent-Riegel in der Währungsunion nicht weit genug gegangen. Wesentliche Eingriffe in das nationale Finanzgebaren hätten gefehlt, dazu scharfe Kontrollen bis hin zum Einsatz von Brüsseler Exekutoren vor Ort. Solms nickte. Dann gebrauchte Eichel sogar das von der CDU aus dem Programm gestrichene Unwort "Bundesstaat" und dozierte: "Was die USA formte, ließen wir zu früh fallen." Gemeint: Stärke à la USA durch stufenweisen Aufbau einer Art Bundesstaat.  In der Tat, aber "die Dinge" sind jetzt schon irreparabel, und auch Karlsruhe tat Salz in die Suppe. Was tun? 1. dem deutschen Volk sagen, dass die Summe, um die heute geht, haargenau dem Anteil Berlins am Gesamtkredit entspricht, also dem Prozentsatz BSP der Deutschen an der Euro-Zone. Und dass die Medien fälschen, es gehe allein darum "unseren Euro nach Athen zu schicken", während es darum geht, unseren Anteil zur EZB zu überweisen. Freilich ist auch wahr, dass es auf uns ankommt, wenn zu bedenken ist, wie der Demontage-Prozess gestoppt werden könnte, bevor ein Portugal-Italien-X-Domino zu kippen beginnt. 2. Wir brauchen eine Revision des Lissabon-Vertrags (aus wenigen Sätzen) oder eine Chef-Konferenz der Euro-Zone, um Souveränitätsneurosen institutionell statt erst mal à jour stoppen zu können. Wer haltbare Prophylaxen nicht mitmachen will, sollte ausscheiden. "Lissabon" erlaubt es ja inzwischen. Wer wartet, reißt jedenfalls noch mehr ein !   Jürgen Wahl  (Contra-Salon)                                                

 

● Die Kanzlerin in Aachen: Europa größte Krise bewältigen!

In ihrer großen Rede in Aachen, die außer WDR 3 und Phönix niemand brachte, nannte die deutsche Kanzlerin die gegenwärtige Krise um die Zukunft des Euro die größte  Bewährungsprobe, die Europa seit 1990, womöglich noch seit viel längerer Zeit, zu bestehen habe. "Diese Bewährungsprobe ist existenziell", stellte sie fest. Diese Bewährungsprobe müsse bestanden werden. Gelinge das nicht, seien die Folgen unabsehbar. Die Rettung des Euro sei so wichtig, weil alle spürten: "Scheitert der Euro, dann scheitert nicht nur das Geld, dann scheitert mehr, dann scheitert Europa, dann scheitert die Idee der europäischen Einigung." Die Krise müsse auch Anlass sein, Mängel an der europäischen Architektur zu beheben, forderte die Regierungschefin. Die europäischen Staats- und Regierungschefs müssten dabei auch "vertragliche Konsequenzen" ziehen und Probleme ehrlicher ansprechen. Europa werde sich stärker wirtschafts- und finanzpolitisch verzahnen müssen. "Und jenseits des Ökonomischen wagen wir vielleicht nach der gemeinsamen Währung weitere Schritte, zum Beispiel den zu einer gemeinsamen Armee", so Merkel.

Angela Merkel "turned the tables"

Interview mit Elmar Brok, außenpolitischer Koordinator der Fraktion der Europäischen Volkspartei

Jürgen Wahl. Ein Brite staunte über die Preisrede der Kanzlerin in Aachen; "She turned the tables." Dreht sie tatsächlich, lange erwartet, den Tisch Europa herum? Will die Kanzlerin die fehlenden Schritte zur Politischen Union tun, zu denen es bei der Euro-Einführung "nach Maastricht" nicht kam?

Elmar Brok. Sie will, dass zuerst einmal die Regeln strikt eingehalten werden, an der Spitze die 3%-Grenze bei der Neuverschuldung der EU-Mitgliedstaaten. Dazu muss, darin sind die Europapolitiker der CDU mit ihr einig, die Kommission nachdrücklich gestärkt werden. Sie muss das Recht haben, für die Einhaltung der Regeln selbst zu sorgen. Vor allem müssen schnell, europäisch und global,  die G-20-Beschlüsse zur Finanzmarktordnung in die Praxis umgesetzt werden.

JW.  Die Nachrichten kreisen um die angeblich gewollte totale Kontrolle nationaler Haushalte durch die Kommission. Stimmt die Richtung?

EB.  Noch einmal; Die vertragliche Begrenzung der Verschuldung steht zur Debatte, nicht Eingriffe in unseren deutschen Haushalt bei zum Beispiel der Sozialpolitik. Des-halb muss die Kommission auch Instrumente haben, die 3-Prozent-Grenze durchzusetzen. Warum soll sie zum Beispiel dabei nicht auch Haushaltspolitiker mit unmissverständlichen Ratschlägen versehen? Das heißt aber nicht, dass die EU in die Gestaltung und Prioritätensetzung eines nationalen Haushaltes innerhalb der notwendigen Regeln eingreift.

JW.  Heiner Geißler, Hans Eichel und Joschka Fischer sagten, ohne politische Union überlebe der Euro nicht, folglich gehe es um weitere Aufgabe von Souveränität. Übertreibung?

EB.  Man könnte gewiss so argumentieren, aber es führt heute und morgen nicht weiter. Die Kanzlerin hat in Aachen sehr wohl Ergänzungen des Lissabon-Vertrags verlangt. So etwas wird aber sicher zehn Jahre dauern. Was sofort gehen muss, ist die Rückkehr zu den Kriterien der Währungsunion, vor allem zum Stabilitätspakt, den Schröder und Chirac aufgeweicht hatten.

JW. Und England? Der neue Premier David Cameron hat sogar verlangt, nach Brüssel verlagerte Zuständigkeiten zurück nach London zu holen. Kommentar…

EB.  Ganz einfach: So etwas geht nur durch einen einstimmigen Vertragsänderungsbeschluss des Rats einschließlich eines neuen Verfassungskonvents und abschließender Ratifizierung durch alle Mitglieder der EU. So etwas kann David Cameron vergessen.

JW.  Europa hört nichts über die Krise aus seinem Parlament, nur Klein-klein. Warum gibt es gerade dazu nicht große Krisendebatten wie im Bundestag?

EB. Wir haben für die Woche ab 17. Mai eine solche Debatte beschlossen. Schlimm war, dass das ohne heftigen Krach in unserer Fraktion der EVP nicht zustande kam. Mittwoch kommt die Debatte.

 

● Frankreich ist Frankreich ist Europa: Französische Europa-Politik zwischen Pragmatismus und Tradition

 Unter dem Fittich der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) haben Dr. Claire Demesmay (DGAP) und Dr. Andreas Marchetti (ZEI) eine ausführliche und ausserordentlich zutreffende Analyse der französischen Europa-Politik veröffentlicht. Wegen der Probleme mit dem Euro und aufgrund des aktuellen Einstiegs in die neue „Lissabonner“ Ära der Europäischen Union bekommt diese gut lesbare Studie eine besondere Relevanz. Das enge deutsch-französische Verhältnis ist immer sehr wichtig und recht schwierig gewesen.  Es ist deswegen immer angebracht, den Deutschen zu erklären, was Paris will und tut und umgekehrt. Das leistet diese Untersuchung. Hiermit ein Überblick: 

Frankreichs Europa-Politik ist von zwei widerstreitenden Diskursen geprägt: Der eine setzt auf eine Funktionalisierung Europas zur Durchsetzung französischer Interessen, während der andere die von Nicolas Sarkozy angekündigte »Rückkehr Frankreichs nach Europa« betont. Die Konzentration der außenpolitischen Entscheidungsmacht in der Hand des Präsidenten und ein neuer pragmatischer Ansatz prägen die aktuelle französische Europa-Politik, die grundsätzlich dem intergouvernementalen Ansatz verschrieben bleibt und die Führungsrolle Frankreichs in Europa zu festigen sucht. Gerade in zentralen Politikfeldern wie der Klima- und Energie-, der Wirtschafts- und Finanz- sowie der Sicherheits- und Verteidigungspolitik zeigt sich Frankreich in jüngster Zeit immer wieder als Vorreiter für europäische Positionen, ohne dabei das nationale Interesse aus den Augen zu verlieren. Der neue pragmatische Ansatz in der französischen Europa-Politik fordert von Deutschland ebenfalls eine stärkere Handlungsbereitschaft an der Seite Frankreichs, um gemeinsam Vorreiter der europäischen Entwicklung zu bleiben.

Den ganzen Text können Sie unter folgendem Link finden:

<www.dgap.org/publikationen/view/1df2ce7d47c821e2ce711df8f3c013fdb6513c213c2.html>

 

● Wir wollen unsere Zeit behalten

Der Europa-Abgeordnete Herbert Reul die Zeitumstellung abschaffen. In Deutschland wurde sie dreißig Jahre alt. Die Regel wurde früher mit Energieeinsparungen begründet – ein Effekt, der aber nachweislich nicht eingetreten ist. Im Gegenteil, negative Wirkungen der Zeitumstellung überwiegen. Ich setze mich daher schon lange dafür ein, dass die Abschaffung der Zeitumstellung wieder auf die Tagesordnung kommt. Deswegen wurde Bundesinnenminister Thomas de Maizière gebeten, das Thema sowohl im Bundeskabinett als auch im Europäischen Ministerrat anzusprechen. Sensible Menschen, vor allem Kinder, leiden besonders an willkürlichen Eingriffen in ihren Biorhythmus. Sie haben in der Schule dann Probleme, weil sie ihren Tages- und Nachtablauf nicht mehr justieren können. Jeder von uns braucht mehrere Tage, um sich der „neuen Zeit“ anzupassen. Viele Bürger haben Konzentrationsstörungen im Alltag und im Straßenverkehr. Hinzu kommt der bürokratische Aufwand der Zeitumstellungen. Er bringt Verwaltungen wie Unternehmen erhebliche Kosten. Herbert Reul: „Ich bin mir mit vielen Bürgern einig: Was sich nicht bewährt hat, gehört abgeschafft.“ Werden wir bis zum Sankt Nimmerleinstag warten müssen, dass etwas beseitigt wird, das fast alle vernünftige Menschen als absurd empfinden?

                                                                                                                                                                         Jürgen Wahl

 

● Elsässischer Eigensinn

Das Elsass, die Ausnahme… Das kann man wohl sagen, denn das Elsass ist die einzige Region des Mutterlandes, die sich am letzten Sonntag nicht von der rosaroten, grünen und roten Welle mitreißen ließ. Trotz manchem Unheil, das ihm die Geschichte früher auferlegte, haben sich die Elsässer ihren freien Willen bewahrt. Ihre unglückliche Vergangenheit hat sie nicht umgebracht. Wer sie sind, wissen sie, und sie lassen sich nichts vormachen. Im Elsass nisten die Störche noch immer auf den Dächern, und der Rhein fließt noch immer in dieselbe Richtung. Das Elsass ist eine Welt für sich, aber dennoch ist es seit 1789 die republikanischste Region Frankreichs und seit 1952 die europäischste Region in Europa. Geradezu prädestiniert dazu ist es durch seinen Platz im Herzen der deutsch-französischen Partnerschaft.
Die Gewinnerin dieser Wahl, Martine Aubry, sprach von einer Wiedereroberung Frankreichs durch ihre sozialistische Partei. Doch alle Wiedereroberungen gingen von einem Ort, einer Stadt, einer Region aus. Warum sollte die politische Rückeroberung Frankreichs durch die Regierungsmehrheit nicht vom Elsass ausgehen? Sollte die Regierung nicht viel mehr den elsässischen Joker ausspielen? Wenn er wieder die Oberhand gewinnen will, könnte Nicolas Sarkozy zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Straßburg als Hauptstadt der Republik Europa durchsetzen und beweisen, dass diese sogenannte „rechte“ Region nicht empfänglich ist für einen engstirnigen Nationalismus. Eine Herausforderung für den Front National, der im Elsass ziemlich stark vertreten ist, aber schwer irrt, wenn er die Europäische Union so hartnäckig ablehnt. Und auch eine Herausforderung für Dominique Strauss-Kahn, der aus dem Elsass stammt.
Womit sollte begonnen werden? Ganz einfach, indem man die Europäische Union dazu bewegt, dass Straßburg der einzige Sitz des Europäischen Parlaments ist, also die Hauptstadt des Demokratischen Europas, des Europas der Abgeordneten. Ganz Halsstarrige bestehen darauf, dass das Parlament seinen Hauptsitz in Brüssel haben soll, selbst wenn Tagungen in Straßburg anstehen, was für die Abgeordneten bedeutet, mit Sack und Pack und auf Europas „Unkosten“ ständig zwischen Brüssel und Straßburg hin- und herzupendeln. Dieses Herumirren muss endlich ein Ende haben, umso mehr als dieser Doppelsitz des Parlaments jeder rechtlichen Grundlage entbehrt. Seit der Gründung der Europäischen Gemeinschaft hieß es, dass Straßburg als einziger Sitz des Europäischen Parlaments vorgesehen werden sollte, wie auch der Gerichtshof und der Rechnungshof der Europäischen Gemeinschaft ihren Sitz in Luxemburg haben sollten, die Europäische Zentralbank in Frankfurt und der Rat der Kommission in Brüssel.

Worauf wartet man also, mit diesem absurden Nomadentum ein für alle Mal Schluss zu machen und dem Elsass in vollem Umfang die glanzvolle Aura zuzugestehen, die es verdient? (JPP)
 

 

● Europäische Wirtschaftsregierung

Auf der gemeinsamen Pressekonferenz von Angela Merkel und Nicolas Sarkozy am 2. Februar 2010 in Paris äusserte der französische Staatspräsident Folgendes und die Bundeskanzlerin widersprach ihm keineswegs :

„Was hier geschehen ist, ist sehr wichtig. Ich habe von keinem einzigen Land gehört, dass an der Notwendigkeit der europäischen Wirtschaftsregierung gezweifelt wird, die wir gemeinsam mit der Bundeskanzlerin vorgeschlagen haben. Alle waren damit einverstanden. Eine der Lehren aus dieser Krise ist, dass wir eine europäische Wirtschaftsregierung brauchen. Diese Wirtschaftsregierung ist der Europäische Rat der 27 Staats- und Regierungschefs.

Wirtschaftsregierung bedeutet, dass wir im Rahmen dieses Rates die Situation bewerten, die Wirtschaftspolitiken koordinieren und Initiativen organisieren. Das ist etwas extrem Wichtiges, worüber es am ganzen Tisch einen Konsens gegeben hat.“

Der französische Präsident beantwortete eine Frage zu den Entscheidungen der Europäer in Brüssel angesichts des griechischen Defizits.

 

● Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung für eine europäische Wirtschaftsregierung

die schwere Krise des Euro durch die faktische Staatspleite Griechenlands führt zu einer neuen, längst überfälligen Debatte über die mangelhafte Konstruktion der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion. In zwei Papieren der Friedrich-Ebert-Stiftung wird gezeigt, welche Chancen in einer wirtschaftspolitischen Neugestaltung liegen. Zum einen betrifft dies eine verstärkte Koordinierung auf europäischer Ebene, zum anderen die Möglichkeiten eines Umbaus der ökonomischen Strukturen auf mitgliedstaatlicher Ebene.

Klaus Busch benennt die strukturellen Defizite der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion und stellt Lösungen zur Überwindung der ökonomischen Ungleichgewichte innerhalb der EU vor. So benötigt die Eurozone eine eigene Europäische Wirtschaftsregierung, um Fälle wie die in Griechenland eingetretene Überschuldung grundsätzlich zu verhindern. Darüber hinaus ist für den Autor eine europäische Koordinierung der

nationalen Lohnpolitiken vonnöten, um der extremen Wettbewerbsverzerrung mit einseitigen Gewinnern und Verlierern entgegenwirken zu können.

--> Klaus Busch:

Europäische Wirtschaftsregierung und Koordinierung der Lohnpolitik

Krise der Eurozone verlangt Strukturreformen

http://library.fes.de/pdf-files/id/ipa/07108.pdf

In the second paper, George Pagoulatos analyses the influence of the financial crisis on the speed and effectiveness of the transition to a "green economy" in Greece. The socialist PASOK government came to power with an ambitious green development programme, which applied as the principal strategy for enhancing economic growth and employment. At the same time it was the much-needed new growth model for Greece and served the objective of catching up with EU sustainability targets.

--> George Pagoulatos:

The Greek Economy and the Potential for Green Development

http://library.fes.de/pdf-files/id/ipa/07097.pdf

 

● CEP-Studie: Warum ein Bail-out Griechenlands unzulässig ist

Keinen Euro nach Athen tragen

Aus währungsökonomischer Sicht ist ein von Euro-Mitgliedsstaaten getragener Bail-out strikt abzulehnen. Aus juristischer Sicht ist er sogar unzulässig. Ein Plädoyer von Experten der Centrums für Europäische Politik (CEP) in Freiburg gegen Hilfen durch Euro-Anleihen oder einen Europäischen Währungsfonds.

Ein solcher Bail-out, also die Schuldenübernahme und finanzielle Unterstützung, ist mit enormen Kosten für die Glaubwürdigkeit des Euro-Raums verbunden und kann die fundamentalen Probleme Griechenlands ohnehin nicht lösen. Er schwächt die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank und erschwert damit die Glaubwürdigkeit einer auf Geldwertstabilität ausgerichteten Geldpolitik.

Der einzige Vorteil eines Bail-out liegt in der vorübergehenden Verhinderung einer Zahlungsunfähigkeit Griechenlands. Ob dieses Szenario aber eintreten wird, kann derzeit nicht ernsthaft vorhergesagt werden. Droht eine solche Zahlungsunfähigkeit dennoch, ist die Unterstützung durch den IWF einem Bail-out durch Euro-Staaten vorzuziehen.

Grundprobleme der Euro-Zone

Die Euro-Zone leidet unter zwei Grundproblemen: einem Mangel an fiskalischer Disziplin und einem Auseinanderdriften der Wettbewerbsfähigkeit zwischen den Euro-Staaten.

Die Griechenlandkrise belegt das Scheitern des Stabilitäts- und Wachstumspaktes. Erforderlich ist ein neuer Automatismus bei den Sanktionen des Paktes, der politische Rücksichtnahme im Ministerrat erschwert. Die automatische Reduzierung von Stimmrechten im Ministerrat bei der Einleitung eines Vertragsverletzungsverfahrens könnte eine solche Sanktion sein.

Gemeinsame Euro-Anleihen oder die Einrichtung eines Europäischen Währungsfonds sind der falsche Weg. Dort, wo Schulden geteilt werden,  sinkt die Eigenverantwortung. Das Ergebnis sind höhere, nicht niedrigere Schulden.

Anpassung nach unten

Die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten, ist Aufgabe einer jeden Regierung. Der Wettbewerb zwischen Mitgliedsstaaten kann hier mehr leisten als eine „Europäische Wirtschaftsregierung“. Unter einer EU-Wirtschaftsregierung droht sich eine Anpassung nach unten durchzusetzen, indem Länder mit einer schwachen Wettbewerbsfähigkeit auf andere Euro-Staaten Druck ausüben, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu reduzieren.

Viele der momentan diskutieren Vorschläge – Bail-out, Europäischer Währungsfonds, Europäische Wirtschaftsregierung – dienen nur bei einer oberflächlichen Betrachtung der europäischen Integrationsidee. Bei näherer Betrachtung schaden sie der Stabilität des Euros und der Wettbewerbsfähigkeit der Euro-Zone.

Organklage vor Bundesverfassungsgericht

Ein Bail-out für Griechenland durch andere Mitgliedstaaten ist aber auch nicht mit dem Europarecht vereinbar. Ob es sich dabei um direkte finanzielle Zuwendungen, Bürgschaften, Garantien, Euroanleihen oder Hilfe über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) handelt, ist unerheblich.

Beteiligt sich die Bundesregierung dennoch und ohne Zustimmung des Bundestages an einem auf Art. 352 des Vertrages über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV) gestützten finanziellen Beistand für Griechenland, steht jedem Bundestagsabgeordneten die Möglichkeit einer Organklage vor dem Bundesverfassungsgericht offen.

Gefahr von unfinanzierbarer Dynamik

Die finanziellen Konsequenzen eines Bail-out für Griechenland dürfen nicht durch den Hinweis verharmlost werden, dass ein solcher einmaliger Bail-out für die übrigen Mitgliedsstaaten finanziell verkraftbar wäre.

Würde einem Mitgliedstaat in einer selbstverschuldeten Krise ein Bail-out gewährt, so hätte dies unmittelbare Anreizwirkungen auf weitere Staaten, die sich zwar (noch) nicht in einer akuten Krisensituation befinden, die aber aufgrund ihrer Haushaltslage und sonstigen ökonomischen Situation Gefahr laufen, Anwärter auf einen nächsten Bail-out zu sein. Würde einem Mitgliedsstaat ein Bail-out gewährt, wäre er weiteren Staaten kaum zu verweigern.

Zu wenig Reformdruck

Dies senkt den Reform- und Konsolidierungsdruck in den gefährdeten Mitgliedsstaaten. Es ist daher davon auszugehen, dass ein Bail-out kein einmaliges Ereignis bleibt, sondern weitere Rettungsaktionen nach sich ziehen würde. Dies würde die Staaten, die überhaupt einen substanziellen finanziellen Beitrag zu einem Bail-out leisten könnten, bald überfordern, zumal die Haushaltlage in allen großen Volkswirtschaften durch die jüngste Wirtschaftskrise bereits angespannt ist.

Widerspruch gegenüber Olli Rehn

Aus diesen Gründen ist Währungskommissar Olli Rehn zu widersprechen. Dieser hält es für die internationale Glaubwürdigkeit der EU für entscheidend, dass die EU einen Zusammenbruch Griechenlands im Zweifelsfall abwendet. Aufgrund der zu erwartenden Folgeeffekte würde ein Bail-out für Griechenland die internationale Glaubwürdigkeit des Euros jedoch langfristig nicht erhalten, sondern verspielen. Dies sollte der Währungskommissar nicht zulassen.

 Die Autoren: Dr. Thiemo Jeck, Dr. Bert Van Roosebeke  und Jan S. Voßwinkel sind Experten des Centrums für Europäische Politik (CEP) in Freiburg. Die Studie wurde EurActiv.de am Dienstag 6 April 2010 zu Verfügung gestellt.

Am 31. März hat die Rating-Agentur Moody's die Noten von fünf der wichtigsten griechischen Banken auf Grund ihrer "geschwächten" finanziellen Situation abgesenkt. Die Agentur hat in der Tat davor gewarnt, dass die Perspektive für diese Institutionen, die auf Grund der finanziellen Lage des Landes unter großen Druck stehen, "negativ" seien. Die Agentur ist der Meinung, dass, auch wenn die von der griechischen Regierung beschlossenen Sparmaßnahmen positive langfristige Wirkung haben werden, "die momentanen Herausforderungen negativ auf dem kurz- und mittelfristigen Wachstum lasten werden", was noch mehr die Ergebnisse der griechischen Banken schwächen wird.            

                                                                                                                                                (Fondation Robert Schuman, Paris)

 

Gabriela Habsburg, Botschafterin Georgiens

Gabriela Habsburg, 53, Mutter von drei Kindern, Tochter des Österreichischen Kaisersohns und Paneuropa-Ehrenpräsidenten Otto von Habsburg, wird Georgiens Botschafterin in Berlin. Die in Tiflis eingebürgerte Bildhauerin, Kunstprofessorin an der Universität Tiflis und Russland-Kritikerin wie ihr Vater, bewundert ihren Staatspräsidenten Michail Saakaschwili. Außer Deutsch, spricht sie fließend georgisch, französisch, englisch und noch einige Sprachen.  Sie hat mit ihren Studenten das nationale Unabhängigkeitsdenkmal in Tiflis gebaut. Die Eurbag Redaktion hat eine besondere Zuneigung für Gabriela und freut sich, dass sie ihr Wahlland in Berlin vertreten wird. Na, dann viel Glück!

 

● Paneuropa-Tag gegen Dämonen des Nationalismus

Beim 32. Andechser Europatag warnte der Präsident der Paneuropa-Union Deutschland, Bernd Posselt, MdEP, vor einer Renationalisierung der Europäischen Union. Neben dem „offenen Nationalismus“ eines Vaclav Klaus gebe es einen schleichenden, wie der in der der Debatte um das Lissabon-Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Ausdruck gekommen sei. Nur den Nationalstaat zum Träger der Souveränität zu erklären, sei antiquiertes Denken, wie es schon die Adenauer-Ära mit dem föderalistischen Dreiklang Land-Bund-Europa überwunden habe.

Anknüpfend an ein Wort von Ernst Jünger, wonach „Dämonen die verlassenen Altäre bewohnen“, rief Posselt dazu auf, sich aktiv der Entchristlichung zu widersetzen. Wer glaube, Gott entthronen zu können, werde bald sehen, dass an dessen Stelle kein Leerraum bleibe, sondern sich dort historische, ideologisch-geistige und politisch „Dämonen“ ansiedelten. Als Beispiel nannte er die Bestrebungen der russischen Duma, Kritik an Josef Stalin unter Strafe zu  stellen, den zerstörerischen Nationalismus und Souveränismus, der sich entgegen allen Klischees nicht nur im ehemaligen Ostblock, sondern auch im Westen breitmache, sowie die Erfolge der Linkspartei, die er als „Erben der Mauermörder“ titulierte.

Der ehemalige Bundesfinanzminister Theo Waigel hob hervor, dass ohne gemeinsame Währung und europäischen Binnenmarkt die Wirtschafts- und Finanzkrise  ähnlich verheerende Ausmaße angenommen hätte wie die von 1929. Auch die deutsche Einheit „hätte es ohne Europa, ohne europäische Idee und Fortschritte bei der Integration nie gegeben“. Für die Zukunft forderte Waigel eine europäische Armee und eine europäischen Finanzaufsicht. Er lobte das Europäische Parlament und sprach sich für dessen weitere Stärkung aus. Die Warnung der Bundesverfassungsgerichts vor einem Europäischen Bundesstaat sei aufgesetzt und künstlich, das vom Verfassungsrichter Udo di Fabio geprägte  Wort „Staatenbund“ nannte Waigel „schwach“. Die Europäische Union sei „ein Gebilde sui generis, das seine eigene Form finden wird, um stark und handlungsfähig zu sein“. Beim Bühnengespräch im Klostergasthof berichtete Waigel als Zeitzeuge außerdem über die Einführung des Euro, die pionierhafte Europapolitik Helmut Kohls, den er neben Otto von Habsburg größten Europäer nannte, und den Weg zur deutschen Einheit, die tatsächlich die graue „DDR“ in blühende Landschaften verwandelt habe. 

 

Ein europäisches Kulturwerk

Das neue deutsch-französische Geschichtsbuch

Franzosen und Deutsche sind dabei, Bildungslücken über das jeweils andere Volk zu füllen. Abhilfe schafft jetzt ein gemeinsam erstelltes Schulbuch. Dem Zeitabschnitt „Europa und die Welt seit 1945“ war der erste Band gewidmet, der 2006 erschien. Die zweite Folge befasst sich mit der Geschichte Europas und der Welt „Vom Wiener Kongress bis 1945“ (Klett-Verlag und Nathan Verlag, 2008). Immerhin ein Buch, das mit gleichem Text und mit gleichen Bildern der Jugend in beiden Staaten das selbe - durchaus kritische und selbstkritische - Geschichtsbild vermittelt. Die Zeit der "Ewigkriegsführenden" und der Vorurteile ist endgültig vorüber, was natürlich nicht aussschliesst, dass Deutsche und Franzosen Grund haben, über die Leistungen ihrer Vaterländer stolz zu sein. Kein Nationalismus also, aber  Patriotismus schon. Es ist in diesem Zusammenhang wichtig, daran zu erinnern, dass der saarländische Ministerpräsident Peter Müller (CDU) der Initiator dieses Projektes war.

Mit der Totalitarismustheorie, die Parallelen zwischen Nationalsozialismus und Stalinismus suchte, taten sich die deutschen Historiker schwerer als ihre französischen Kollegen. Schlimmer als Stalin musste für die Deutschen Hitler sein. Das entspricht natürlich nicht ganz der historischen Wahrheit, denn Stalin war auf seine andere Art und Weise auch ein schlimmer, blutrünstiger Tyrann.

Die Franzosen maßen hingegen Kolonialismus und Dekolonialisierung eine größere Bedeutung bei als die Deutschen. Der Versuch einiger deutscher 68er ein künstliches antikolonialistisches Bewusstsein in Deutschland zu schaffen, ging nicht weiter als der Che-Guevara-Kult. Deutschland hatte schon 1918 seine Kolonien verloren.

Die Franzosen maßen hingegen Kolonialismus und Dekolonialisierung eine größere Bedeutung bei als die Deutschen. Der Versuch einiger deutscher 68er ein künstliches antikolonialistisches Bewusstsein in Deutschland zu schaffen, ging nicht weiter als der Che-Guevara-Kult. Deutschland hatte schon 1918 seine Kolonien verloren.

Dagegen tritt für die Deutschen der Erste Weltkrieg, für die Franzosen die „Grande Guerre“, in seiner Bedeutung weit zurück hinter den mit NS-Diktatur und Holocaust verwobenen Zweiten Weltkrieg. Die Phase der „épuration“, der Säuberung, in der Frankreich nach der Befreiung „Kollaborateure“ zunächst ungnädig verfolgte, ist deutschen Schülern eher unbekannt, wahrend ihre französischen Altersgenossen lange Zeit den verklärenden Eindruck vermittelt bekamen, nahezu das ganze Volk habe in der Résistance Widerstand geleistet.

Derartige Nuancen im historischen Gedächtnis der beiden Nachbarvölker erschwerten die Arbeit an einem gemeinsamen deutsch-französischen Geschichtsbuch. Dass jetzt dennoch der zweite Band des Projekts vorgelegt wird, zeigt, dass die Übereinstimmung in der Betrachtung der Historiker längst überwiegt.
Zugelassen ist das Gemeinschaftswerk für die Oberstufen beziehungsweise das Lycée in deutschen und französischen Schulen. Es soll ein dritter Band über die Epochen von der Antike bis zum 19. Jahrhundert dieses anspruchsvolle und innovative Bildungswerk komplettieren.

Während es bei den Nachbarn nur des Segens des zentralen Bildungsministeriums bedurfte, brauchte es im föderalen Deutschland die Zulassung aller 16 Kultusbehörden. Dass dies gelang. ist schon ein bemerkenswerter Vorgang.

Das Projekt nahm seinen Anfang 2003, als das Deutsch-Französische Jugendparlament bei einer Veranstaltung in Berlin den Wunsch nach einem binationalen Geschichtsbuch formulierte. Bei der Realisierung war der Umgang mit den kleineren Hindernissen in der Vermittlung der insgesamt konsensual beurteilten Historie weniger schwierig als die unterschiedliche Unterrichtsdidaktik, erzählt das Körner-Wellershaus, Leiter des Klett-Verlags, der das Werk gemeinsam mit der Pariser Edition Nathan entwickelte. Wahrend französische Schulen stärker Fakten vermitteln, wie die Deutschen es glauben, steht im deutschen Unterricht der diskursive Umgang mit Quellentexten im Vordergrund. In Wirklichkeit hat sich der Unterricht in Frankreich wesentlich verändert und Diskussionen über die Fakten, die immer noch gelernt werden müssen, stehen heute im Vordergrund in den Lycées und Collèges, während oft bemängelt wird, dass die deutsche Methode selbstständigen Lernens die Schüler zu wenig mit dem Wissen „füttert“, wofür man in jungen Jahre aufnahmebereit ist. 

Der neue Band sollte ein Anliegen des Berliner Senats werden, das für die Schulen der deutschen Hauptstadt zuständig ist, werden. Unser Kollege Richard Schneider hat in diesem Zusammenhang einen Test gemacht. „Schön, schrieb er uns, dass das in der Geschichte einmalige Projekt gemeinsamer Schulbücher für Deutsche und Franzosen in deutschen Zeitungen rezensiert wurde. Ich als Journalist konnte nur eine merk- und denkwürdige Interesselosigkeit von Seiten des Berliner Senats verspüren: Weder telefonisch noch per E-Mail erhielt ich von Bürgermeister Wowereit oder seinem Mitarbeiter Rainer Seider eine Antwort auf meine journalistische Bitte um eine Stellungnahme zum deutsch-französischen Schulbuch. Kein einziges Wort ließen die „Beauftragten für deutsch-französische Beziehungen“ verlauten. Die Herren waren entweder in Sitzungen, auf Dienstreise oder vorübergehend (Anrufbeantworter) nicht erreichbar. Dass das deutsch-französische Schulbuchprojekt bei solch interesselosen Politikern landete, solch schlechte Fürsprecher erhielt, ist schlichtweg traurig und zeugt von wenig politischem Einsatzwillen. Damit wird klar, das die Interessen dieser Berlin-Politiker in eine ganz andere Richtung gehen, was für unsere Zukunft keineswegs hoffnungsfroh stimmt“.

 

Altes, uraltes Europa!

Ein amerikanischer Staatssekretär hatte mal vom "alten Europa" verächtlich gesprochen. Das ist gar nicht lange her. Damals waren einige durch diese Bezeichnung verletzt worden und sie bemühten sich, nachzuweisen, dass die Europäische Union den Vereinigten Staaten das Wasser reichen kann und dass wir den Amerikanern mindestens ebenbürtig sind. Das war die falsche Reaktion, denn Europa ist wirklich alt, uralt, älter als die Sumer-Kultur, die angeblich die erste Schrift entwickelte und als das Reich der Pharaonen. Wir können stolz sein.

Unser Kontinent, insbesondere in Italien und in Frankreich, ist heutzutage einer Invasion von Menschen aus Schwarzafrika ausgesetzt, die der Hunger und die Not, der Krieg und das Klima, vor allem die Überbevölkerung ihrer Länder nach Norden vertreiben. Auf die gleiche Art und Weise wurde Europa vor zwei Millionen Jahren von Urwanderern aus Afrika bevölkert. Später vor ca. 60 000 Jahre überrannte eine neue Welle afrikanischer Menschen Europa und vernichtete vielleicht, löste jedenfalls die ursprüngliche Population ab, die aus den Nachfahren der ersten afrikanischen Wellen bestand, und zwar die Neandertaler. Wir erleben also die dritte Einwanderungswelle aus Afrika. Ob die Zugewanderten die Ur-Bevölkerung Europas, uns also, diesmal wieder ersetzen, das werden erst unsere Nachfahren wissen. Diesmal wären die Kulturverluste aber grösser. Aber was weiss man der Kultur der Neandertaler. Vielleicht ist mit ihnen viel verloren gegangen.

In unserer weiteren Suche nach den Wurzeln Europas machen wir dann einen Sprung bis in die frühhistorischen Zeiten. Diesmal kam nicht die neue Population aus Afrika sondern aus dem westlichen Zentralasien, wenn man das so bezeichnen kann. In seinem immensen Buch "Die Wiege des Westens" hatte Carl-Heinz Boettcher vor Jahren bewiesen, dass die sogenannten "indo-germanischen Sprachen", die wir lieber "proto-europäisch", oder, auf Deutsch, "früheuropäisch" nennen, zwischen der Seine und dem Dnjepr vor 6000 Jahren entstanden waren. Insbesondere Flussnamen, die sehr stabil sind, gehören nördlich der Loire bis zu der russischen Ebene diesem einheitlichen Sprachkreis. Nach Boettcher, dessen Buch wir in "Eurbag" bereits mehrmals rezensiert haben, waren auf der Nordebene die besonderen Merkmale der heutigen europäischen Kultur und Politik entstanden.

Südlich dieser ausgedehnten Region haben Flussnamen und Dorfnamen einen anderen Ursprung. Südeuropa, mindestens bis zur Garonne und weiter nördlich an der Atlantikküste, gehörte anderen Völkern, die nicht vom Osten nach Westen sondern erst vom Osten nach Süden und später vom Süden nach Norden bis über die Pyrenäenbarriere eingewandert waren, wie Alexis Arette es in seinem Buch "La longue marche des Aquitains" bewiesen hat (Rezension in der französischen Fassung von "Eurbag"). Er nennt diese Kulturen die Zivilisation der Kuh, denn dieses nahrungspendende Tier steht im vielen ihrer Mythen und Wappen und wurde sogar von vielen Völkern, wie in Ägypten, zum heiligen Tier erklärt. In Indien ist die Kuh noch ein kultisches Tier. 

In Ihrem Buch "L'aventure des langues en Occident. Leur origine, leur histoire, leur géographie", hatte Henriette Walter im Jahre 1994 die Landkarte der europäischen Sprachkreise am Anfang der historischen Zeiten gezeichnet: die Slawen im Osten, die Germanen im Norden, die Kelten in Mitteleuropa, die alle zur früheuropäischen Sprachfamilie gehörten und eine gemeinsame Herkunft hatten. In Spanien die Iberen, im Südwesten des künftigen Frankreichs die Aquitanier und dort am Mittelmeer und in den Pyrenäen bis Norditalien die Liguren und in Italien die Etrusker (in der Toskana) und die Sikulen (auf Sizilien), die alle nicht zum früheuropäischen Sprachzweig gehörten. Erst nach dem 3. Jahrtausend vor unserer Zeit wanderten die europäisch sprechenden Völker gen Süden aus und drangen in die Gebiete der nicht-europäischen Völker ein, wo sie ihre Sprachen, darunter Latein und Griechisch einführten und für die Einheit des Kontinents sorgten, obwohl einiges von den Urvölkern im Süden Europas erhalten geblieben ist.
 

 


Paläontologie
 
Den „Europäer „ gibt es schon sein 1,2 Millionen Jahren

Nicht vor 800 000 Jahren, wie bisher angenommen, doch schon vor 1,2 Millionen Jahren bewohnte der Mensch unseren Kontinenten. Jedenfalls stand der „Homo antecessor“, wie ihn die Zeitschrift „Nature“ vom 27. März 2008 getauft hat, schon auf unserem Boden. Das zeigen die von Paläontologen in der Sierra de Atapuerca in Nordspanien entdeckten Überreste  dieses Hominiden. „Es ist das bei Weitem älteste bekannte Mitglied der Familie Mensch in Europa“, sagte José Maria Bermudez de Castro, einer der Ausgrabungsleiter und Direktor des Nationalen Zentrums für die Untersuchung der menschlichen Evolution in Burgos.

Der Fund ist bescheiden. Er besteht aus einem vorderen Backenzahn und einem Kieferknochen, die einem etwa 25-jährigen Individuum gehörten. Schon 1994 hatte dasselbe Team mit de Castro und Eudald Carbonell vom Paläoökologischen Institut in Tarragona 780 000 Jahre alte menschliche Knochen in Atapuerca gefunden. Damals schon entstand die Bezeichnung „Homo antecessor“. Nun, dieser Ur-Ur-Großvater der Europäer wird um ein paar Jahrhunderte älter.  Der neue Fundort ist nur 200 Meter von dem alten entfernt, was auf eine ausgedehnte, beständige Siedlungszeit hinweist. Die Fundschicht wurde einwandfrei mit chemischen und geologischen Methoden auf 1,1 bis 1,2 Millionen Jahre datiert.  Neben den Fossilien fanden die Wissenschaftler auch Steinwerkzeuge aus Feuerstein, die für die Oldowan-Kultur typisch sind. Es sind archaische Steingeräte, die vor allem frühe Menschen wie „Homo erectus“ vor ein bis zwei Millionen Jahren in Afrika benutzten. „Homo antecessor“ hatte die Technik wohl auf Afrika mitgenommen, womit der das Fleisch von Beutetieren mithilfe dieser Werkzeuge abschabte, wie Kerben in fossilen Säugetierknochen am Fundort zeigen.

Dass der Kieferknochen von „Homo antecessor“ demjenigen derselben Art vor knapp 800 000 Jahren und demjenigen der „Homo ergaster“ der in Dmanisi in Georgien als bisher erster Mensch außerhalb von Afrika gefunden wurde ähnlich aussieht,  ist nach de Castro der Beweis, dass eine eigene europäische Art sich entwickelt hatte. Die „Homo georgicus“ von Dmanisi ist allerdings auf 1,7 Millionen Jahre datiert worden, aber er lebte auf der Schwelle zwischen Europa und Afrika, während der spanische Fund bei Burgos liegt, eine langjährige Ansiedlung bereits im Inneren des Kontinenten nachweist. Auch der „Homo heidelbergensis“ (500 000 Jahre) hätte sich in der gleichen Richtung als Abzweig vom afrikanischen „Homo erectus“ und später vom „Homo antecessor“ entwickelt. Für De Castro führt also eine gerade Linie von seinem uralten Landsmann bis zum Neandertal und vielleicht zum heutigen Europäer. Nach anderen Deutungen wäre aber der „Homo heidelbergensis“ ein Vertreter der in Afrika verbliebenen archaischen „Homo sapiens“, der deutlich nach dem „Homo antecessor“ nach Europa übersiedelt wäre, der Vertreter also eines anderen Zweigs.  

Diese These einer direkten Entwicklungslinie vom „Homo georgicus“ über den „Homo antecessor“ bis zum „Homo heidelbergensis“ wurde, wie das in der Wissenschaft üblich ist, von einem anderen Forscher, Günter Bräuer von der Universität Hamburg, in einem Artikel des Fachmagazins „Evolutionary Anthropology“ in Frage gestellt, weil die Fundstücke nach dessen Meinung noch zu bruchstückhaft sind. Auch Jean-Jacques Hublin, Anthroploge beim Max-Planck-Institut in Leipzig hat noch letzte Zweifel an den Datierungsmethoden. Er meint, dass die Vergleichsstücke in zu geringer Zahl sind, um sicherer Schlussfolgerungen zu ziehen. Sicher ist jedenfalls, dass der „Homo heidelbergensis“ sich vor 300 000 Jahren differenzierte und zum „Neandertaler“ wurde, der wirklich ein waschechter Europäer war und nur in Europa lebte. Die in Afrika zurückgebliebenen Vertreter unserer Art wurden vor 150 000 Jahren zum „Homo sapiens“ und begaben sich dann auf den Weg nach Europa über den Nahen Osten. Wie war dann der „Homo antecessor“ nach Spanien gekommen? Auf Flossen und Baumstämmen über Gibraltar? War damals die Meeresenge von Gibraltar kleiner als heute? 

Haben diese Menschen schon Kleider bzw. Felle getragen, um sich vorder Kälte zu schützen? „Der Mensch ist ein tropisches Tier, sagt Hublin, und seine Präsenz in Europa blieb lange südlich der Alpen begrenzt. Die Anpassung an die Kälte ist in der Menschheitsgeschichte neueren Datums“.  Bei Burgos ist das Klima doch schon recht kühl im Winter. Was die Afrikaner damals schon wie übrigens auch heute dazu angetrieben hat, sich auf den Weg „gen Norden“ zu machen, bleibt ein Rätsel.

Für die einen kam der Antrieb, Afrika zu verlassen, einfach von der dem Menschen ureigene Wanderlust, für die anderen von der Furcht vor den von der Tse-Tse-Fliege mit ihrer schrecklichen Krankheit verseuchten Gebieten und für die anderen von der durch starke Sonneneruptionen verursachten  allzu großen afrikanischen Hitze, die die Sehnsucht nach einem milderen Klima förderte. Aber vielleicht floh der Mensch einfach vor dem Menschen, der vielleicht so gerne Menschenfleisch aß bzw. fraß.

Und der „Homo ergaster“ war noch früher da…

Kaum hatte man den „Homo antecessor“ in Spanien auf 1,2 Millionen Jahre als Gast Europas datiert, wurde man unweit des Dorfes Lézignan-la-Cèbe in der Nähe des Flusses Herault in Mittelfrankreich wieder fündig. Dort hatte bereits vor 15 Jahren der Amateurarchäologe Jean Rouvière in einem früheren Steinbruch lauter Knochen von Tigern, Riesenhirschen, Nilpferden, Elefanten, Nashörnern gefunden. Im Nu hatte er zwei Kisten davon vollgestopft.  Dauerregen legte im Herbst 2008 unter einer Basaltschicht einfaches Steinwerkzeug aus Basalt- und Feuersteinkieseln frei, das die Wissenschaftsakademie auf ein Alter 1,570 Millionen Jahren mit Sicherheit geschätzt hat. Mit anderen Worten fast 3000 Jahrhunderte älter als die ältesten Menschenspuren Westeuropas, die in Pirro (Italien) und in Atapuerca (Spanien) entdeckt worden sind (hier oben). Die Hoffnung ist sehr stark, dass man an dieser Stelle unter den Lavaschichten des ehemaligen Vulkans Neffiés Überreste von Hominiden finden könnte.  Unter der Leitung des berühmten Professors Yves Coppens sollen die Ausgrabungen im Sommer 2010 anfangen, falls wie vereinbart die Zuschüsse folgen, und sich über 15 Jahre erstrecken. Man möchte gerne zumindest einen Zeitgenossen des „Homo Georgicus“ finden, der mit seinem 800 Gramm-Hirn ein Steinwerkzeug erfunden hatte, um Markknochen zu zerschlagen.

 

● Mythen der Menschheit

Die Höhlenmalereien sind das einzige schriftliche Zeugnis aus jener fernen Zeit, das wir haben. Die meisten von ihnen befinden sich in Frankreich. Man hat einige Striche femininer Art gefunden und auch kleine Figuren aus Stein oder Elfenbein, die sehr dicke Frauen darstellen. So hat man daraus geschlossen, dass es in der Urgeschichte eine Religion der Urmutter, der Großen Mutter aller Wesen, gegeben hat. Das ist die Grundlage der Romane der Amerikanerin Jean Auel ("Ayla", "Das Tal der Pferde", usw.).

Aber es gibt Paläontologen, die das mit guten Gründen bestreiten. Sie meinen, dass diese Frauenfiguren und weibliche Zeichen nur dazu da waren, um Fruchtbarkeit anzuziehen. Einiges spricht dafür, insbesondere, dass die Sterblichkeitsrate damals auch unter Kindern sehr hoch und das Leben kurz war.  Also brauchte man viele Geburten. Es kann aber auch sein, dass diese Frauen eine besondere Stellung im Clan hatten. Eine Art Matriarchat.

Dann gibt es die Schamanentheorie, und zwar, dass die Medizinmänner, die Zauberer, Drogen eingenommen hätten und dass diese Zeichnungen ihre Halluzinationen darstellen. Das wird wiederum kritisiert von Leuten, die meinen, dass die Tiere einfach die Totemtiere von verschiedenen Stämmen sind. Also der Clan des Bären, des Clan des Elches, usw., die durch ihr Tier an der Felswand dargestellt und damit identifizierbar wurden.

Aber neulich gibt es einen neuen Mythos, und zwar, dass die meisten Urkulturen davon ausgegangen sind, dass das Leben aus den unterirdischen Bereichen (daher die Höhlen) entstanden ist. Die Tiere, die Welt kommt in völliger Unordnung aus der Unterwelt heraus und ordnet sich allmählich an der Oberfläche, auf der Erde. Einiges an der Ordnung der Figuren spricht dafür. Jedenfalls ist der Unterweltmythos ein starker Mythos - bis in die Antike, bis heute. (AM)

 

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